1982 | Apotheose oder Theophanie? – Prokofieff und die »Grundlegung der neuen Mysterien« – (2)

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Das zweite Kapitel des okkulten Schlüsselromans, in den sich das Leben Rudolf Steiners im Bewusstsein des russischen Autors Sergej O. Prokofieff verwandelt, ist der »großen Sonnenperiode« vom 21. bis 42 Lebensjahr gewidmet, das der Ausreifung der drei Seelenglieder dient (PR, 39-65). Auch in dieser großen Periode folgen die Prüfungen, Kämpfe und Siege des Sonnenheros in dichter Folge aufeinander. Alle bedeutsamen Umschwünge und Einschnitte in Steiners Biografie werden wie schon zuvor zu Zeichen, deren okkulte Bedeutung durch jenen Code entschlüsselt werden kann, der sich in zahlreichen autobiografischen Andeutungen in seinen Büchern und Vorträgen findet. Diese Andeutungen müssen lediglich in konsequentem spirituellem Realismus wörtlich genommen und das Kompositionsprinzip des dramatischen Plots, das sich aus dem Schema der Jahrsiebte ergibt, bis zur letzten Konsequenz ausbuchstabiert werden. Dass dabei Ergebnisse zustande kommen, die nicht unbedingt mit den Befunden übereinstimmen, die die geistige Biografie Steiners in seinem schriftlichen Lebenswerk hinterlassen hat, muss dabei in Kauf genommen werden.[1] Denn die Mission, zu deren Verwirklichung der Held des Romans angetreten ist, erfüllt sich aufgrund einer metahistorischen Konstruktionslogik, in der Irr- oder Umwege nicht vorgesehen sind, Prüfungen, Kämpfe und Siege hingegen schon.

Während der Mensch die Empfindungsseele (21-28), die Verstandes- oder Gemütsseele (28-35) und die Bewusstseinsseele (35-42) »entwickelt«, nähern sich ihm auch die verschiedenen Widersacher: Luzifer vor allem im ersten dieser Jahrsiebte, Ahriman im zweiten, die Asuras im dritten (PR, 40). Dass Steiner sich bereits zu Beginn seiner individuellen Empfindungsseelen-Epoche, kurz nach seinem Umzug nach Wien, als er die Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes herauszugeben begann, »dem kosmischen Sonnenmysterium, dem Logosmysterium« annäherte, bezeugen Prokofieff einige Sätze aus dessen Autobiografie: »In dem ›Logos‹ lebt die Menschenseele; wie lebt die Außenwelt in diesem Logos: das ist schon die Grundfrage meiner ›Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung. Es bleibt so für meine Schriften ›Wahrheit und Wissenschaft‹ und ›Philosophie der Freiheit‹.« (GA 28, 336; PR, 39)

Ob dieser »Logos« der philosophischen Schriften, von dem es in Mein Lebensgang einführend heißt: »All diese Einsichten schlossen sich mir gerade in der hier geschilderten Lebensepoche [jener der Philosophie der Freiheit] mit der erklommenen umfassenden Wahrheit zusammen, dass die Wesen und Vorgänge der Welt nicht in Wahrheit erklärt werden, wenn man das Denken zum ›Erklären‹ gebraucht; sondern wenn man durch das Denken die Vorgänge in dem Zusammenhange zu schauen vermag, in dem das eine das andere erklärt, in dem eines Rätsel, das andere Lösung wird, und der Mensch selbst das Wort wird für die von ihm wahrgenommene Außenwelt. Damit aber war die Wahrheit der Vorstellung erlebt, dass in der Welt und ihrem Wirken der Logos, die Weisheit, das Wort waltet«[2] – ob, wie gesagt, dieser Logos mit dem Logos der späteren Christologie, dem Logos des kosmischen Sonnenmysteriums, ohne weiteres identifiziert werden kann, ist fraglich.

Luzifer trat Steiner in Gestalt Karl J. Schröers entgegen, der zwar, wie bereits erwähnt, in Ideen schwelgen konnte, aber die geistige Realität hinter den Ideen nicht zu erleben vermochte. Während Goethe in seiner dichterischen Phantasie die freie Imagination und in seinen naturwissenschaftlichen Studien eine Phänomenologie entwickelt und damit »im Keim« die Aufgabenstellung der Bewusstseinsseele im Kampf mit Luzifer und Ahriman gelöst hatte, schreckte Schröer vor der Aufgabe zurück, diesen Keim zur Entfaltung zu bringen.

In seiner Wiener Zeit lernte Steiner viele Menschen kennen, die Pessimistin Marie Eugenie delle Grazie und die sie umschwärmenden katholischen Theologen, die dem Geist des Mittelalters zugewandt waren und dem Heiden Goethe feindselig gegenüberstanden, bei den Theosophen Marie Lang und Rosa Mayreder, hier auch den Esoterischen Buddhismus Sinnetts, schließlich den Kenner der westlichen Esoterik, des Neuplatonismus und der Kabbala Friedrich Eckstein. All diese Personen sind nicht nur das, was sie scheinen; sie sind auch, ja vor allem, Zeichen. Für Steiner verwandelten sie sich in okkulte Erlebnisse. Entsprechend schlüsselt unser Autor eine Passage aus Mein Lebensgang auf, indem er sie mit erklärenden Klammerzusätzen versieht. Steiner spricht hier darüber, wie er ein Erkenntnisverhältnis zur Mystik gewinnen musste: »So wie diese [die Mystik] in den verschiedenen Epochen der geistigen Entwickelung der Menschheit, in der orientalischen Weisheit [M. Lang], im Neuplatonismus [F. Eckstein], im christlichen Mittelalter [der Kreis um delle Grazie] mir vor das Seelenauge trat, konnte ich, durch meine besondere Veranlagung, nur schwer ein Verhältnis zu ihr gewinnen« (GA 28, 169; PR, 41).

Da man sich in der Mystik laut Steiner »ganz dem ›subjektiven Fühlen‹ überlassen muss«, wird sie zum Einfallstor Luzifers, dem er die »Kräfte seiner Seele« entgegenstellte. Dessen Versuchungen zu widerstehen, bereitete dem jugendlichen Steiner laut Prokofieff »keine große Schwierigkeit«. Damit hatte er »seinen inneren Sieg über die versucherischen Kräfte Luzifers« errungen (PR, 41-42).

Im »Jahr 1888« – »in dem Rudolf Steiner das erste Jahrsiebt seiner Sonnenepoche beendete«[3] – errang er auch seinen ersten Sieg über Ahriman. Wie kam es dazu? Er erlangte ihn durch die Denkarbeit am zweiten Band der Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, der im August oder September 1887[4] erschien. Steiner soll aber die darin enthaltenen Sätze: »Indem sich das Denken der Idee bemächtigt, verschmilzt es mit dem Urgrunde des Weltendaseins; das, was außen wirkt, tritt in den Geist des Menschen ein: er wird mit der objektiven Wirklichkeit auf ihrer höchsten Potenz eins. Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen« – im Jahr 1888 »niedergeschrieben« haben, also ein Jahr, nachdem der Band im Druck erschienen war. Nun, auch wenn der Autor mit den Gesetzen der Arithmetik und der Chronologie auf Kriegsfuß steht, vermag er doch zu erkennen, worin die spirituelle Leistung bestand, die in diesen Sätzen zum Ausdruck kam: »Diese Worte, die Rudolf Steiner im Jahre 1888 niederschrieb, kann man als die Summe des grandiosen Ringens um das Wesen des Denkens ansehen, das er mit vierzehn Jahren begann [als er angeblich anfing, Kant zu lesen][5]. Sie zeugen davon, dass der Kampf um das neue Denken, das sich nicht mehr im Widerspruch zu der geistigen Erneuerung befindet […] gewonnen ist! Gewonnen für die ganze Menschheit. Diese historische Tat war der erste Schlag gegen den zweiten Feind der Menschheit – Ahriman. Es war der erste Schritt im Kampf um die Befreiung der menschlichen Intelligenz auf ihrem Wege in die Sphäre Michaels« (PR 43). Dieser für die ganze Menschheit gewonnene Sieg war aber lediglich ein Etappensieg und auch nur ein teilweiser, nämlich, wie es später heißt, »im Gebiete des Denkens«.

»Endgültig befestigt« wird dieser Sieg laut Prokofieff erst in der Philosophie der Freiheit, die bereits dem zweiten Jahrsiebt der Sonnenepoche, der Zeit vom 28. bis 35. Lebensjahr angehört (PR, 43). Worin der Unterschied zwischen einem Sieg, der »für die ganze Menschheit gewonnen« wird und der »endgültigen Befestigung« dieses Sieges besteht, wird nicht näher erläutert. Voraussetzung dafür sind aber eine ganze Reihe okkulter Errungenschaften.

Zunächst findet sich Steiner jetzt im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. Hier »vollendet er die Arbeit an seiner eigenen Kunstanschauung« (PR, 44). Er lernt eine Vielzahl unterschiedlichster Menschen und gegensätzlicher Weltanschauungen kennen, die für Prokofieff wiederum zu Zeichen der in ihnen »wirkenden, sich gegenseitig bekämpfenden Kräfte« werden (PR, ebd.). Doch trotz der äußeren Betriebsamkeit und Geselligkeit war Steiners inneres Leben von großer Einsamkeit bestimmt. Eine solche Einsamkeit ist aber, wie Prokofieff der Vortragsreihe Die okkulten Grundlagen der Bhagavad-Gita entnimmt, Voraussetzung für die Ausbildung der zweiten Erkenntnisstufe, der Inspiration.

Während nun der gewöhnliche Mensch zwischen 28 und 35 unbewusst die Kräfte der Verstandes- oder Gemütsseele ausbildet, treten sie »dem Eingeweihten« (also Steiner) bewusst vor Augen, auch der Höhepunkt der geschichtlichen Epoche, in der dieses Seelenglied von der Menschheit als Ganzer ausgebildet wurde. In jener, der vierten nachatlantischen Kulturepoche, fand das Mysterium von Golgatha, »das Mysterium des Sonnenwesens« statt. Gleichzeitig »erstehen« aber auch »die Widersachermächte«, denn Ahriman, der laut Vortrag vom 11.11.1918 als »Sonnendämon« bezeichnet werden könne, treibe in der Verstandes- und Gemütsseele seit jeher sein Unwesen. Geht man dem Hinweis auf den Sonnendämon nach, findet man in GA 184 keinen Vortrag vom 11. November 1918.[6] Stattdessen ist in GA 184 in drei aufeinanderfolgenden Vorträgen vom 11., 12. und 13. Oktober 1918 von 666, der Akademie von Gondishapur, dem Islam und der Katholischen Kirche, sowie weltgeschichtlichen Gleichgewichtswirkungen die Rede, zu welchen unter anderem gehörte, dass der Impuls des Sorat, die Intelligenz der Bewusstseinsseele im Jahr 666 über die damals unreife Verstands- oder Gemütsseele auszugießen, vom kurz darauf entstehenden Islam abgeschwächt wurde. Aus der durch den Islam abgedämpften »gnostischen Weisheit von Gondishapur« entstand auf mannigfaltigen Umwegen das »Gespenster«wissen der Naturwissenschaft der Neuzeit. In diesen, auch heute lesenswerten Vorträgen, kommt der Ausdruck »Sonnendämon« jedoch nicht vor.

Prokofieff holt weit aus, um zu begründen, warum in der Philosophie der Freiheit etwas zum Ausdruck kommt, wovon in ihr mit keinem Wort die Rede ist: Michaels Kampf mit dem Drachen. Er greift auf die Karmavorträge zurück, die Steiner nach der Weihnachtstagung hielt, auf Vorträge von 1924 in Torquay (12.08.1924) – aus welchen er ein allerdings bemerkenswertes Fundstück beisteuert, in dem Steiner über die Zeit spricht, in der er seine Gemüts- oder Verstandesseele ausbildete (PR, 45-46) –, um die Philosophie der Freiheit schließlich als »mächtige Waffe« bezeichnen zu können, »mit deren Hilfe Michael in den Seelen und Geistern der Menschen gegen Ahriman kämpfen kann«. Wie genau das geschehen ist oder geschehen soll, müsste in der Auseinandersetzung mit den Gedankengängen der Philosophie der Freiheit im Einzelnen aufgezeigt werden. Auf deren Inhalt geht aber Prokofieff überhaupt nicht ein; das Buch ist für ihn nicht mehr als ein apotropäischer Zauber, eine Abbreviatur, ein Zeichen, das für etwas ganz anderes steht. Wenn schon der gesamte Inhalt der späteren Anthroposophie erforderlich war, den Steiner bis ins Jahr 1925 entwickelte, um dieses Buch zu verfassen, wie soll dann ein unvorbereiteter Leser, der es als philosophisches Werk liest und entsprechend mit ihm umgeht, es überhaupt verstehen können?

Über den Inhalt des Buches erfahren wir nur, dass sein erster Teil »den Weg der Seele« beschreibt, »auf dem sie die Michael entfallene, ursprünglich kosmische Intelligenz aus den Klauen Ahrimans befreien und den Menschen durch das ›reine Denken‹ zu der Sphäre Michaels führen kann«, während sein zweiter Teil »den Weg zur wahren moralischen Freiheit« aufzeigt, »in deren Sphäre allein der Mensch ein echter Nachfolger und Diener Michaels werden kann« (PR, 47). Davon ist aber in diesem Buch überhaupt nicht die Rede. Prokofieff wandelt das philosophische Werk Steiners vollkommen in Mythologie um, und raubt ihm dadurch seine philosophische Substanz, er verunmöglicht dadurch genau das, worum es in ihr geht: einen mühsamen, aber auch begeisternden Weg des Denkens zu beschreiten, der dieses Denken durch Selbsttätigkeit und Beobachtung dieser Tätigkeit zum Bewusstsein seiner Eigenwesenheit führt und damit die Grundlage für die moralische Selbstbestimmung, die Freiheit schafft. Dass Steiner selbst, der Autor der Philosophie der Freiheit, dieses Buch später in den größeren Zusammenhang seiner spirituellen Entwicklung und jener der Menschheit gestellt hat, soll hier gar nicht bestritten werden. Das Problem ist jedoch, dass ein Rezipient sich die Vollmacht aneignet, die aus den Ergebnissen dieser Entwicklung hervorgegangen ist, ohne die Voraussetzungen, auf denen sie beruht, auch nur im Ansatz reproduziert zu haben.

Als ob das alles noch nicht genügte, ist das Buch auch noch »der Sonnenstrahl einer neuen Epoche«, in der sich der Mensch von seinem niederen zu seinem höheren Ich erhebt, »das sich als Geistselbst aus seinem gereinigten Astralleib entwickelt und verwandelt werden kann in die göttliche Sophia« (PR, ebd.). »Recht gelesen«, ist die Philosophie der Freiheit »ein echtes okkultes Übungsbuch«, denn »obwohl sie aus der fünften nachatlantischen Kultur hervorgeht«, bereitet sie die sechste, jene des Geistselbstes, vor, in der wir »nicht mehr mit dem physischen«, sondern dem »ätherischen Gehirn« denken (PR, ebd.). Die Philosophie der Freiheit ist »in gewissem Sinne das erste Herabsteigen Michaels in die irdische Intelligenz des Menschen«. Zweifellos stellt sie also aus Sicht des Autors einen weiteren Sieg Steiners über Ahriman im Bereich des Denkens dar, wenn auch nicht den letzten. Denn es folgten weitere.

Steiner musste in seiner Weimarer Zeit »noch ein anderes Problem« aus Prokofieffs Aufgabenkatalog »lösen« (PR, 48): jenes seines Verhältnisses zur Sinneswelt, die nach seiner eigenen Aussage für ihn etwas »Schattenhaftes«, Unwirkliches hatte. Um die physische Welt in ihrer Realität ergreifen zu können, musste er einen weiteren, »inneren Sieg über Ahriman« erringen, indem er in jene Sphäre vordrang, aus der heraus dieser »die ganze Menschheit in die Irre führt« (PR, 48).

Obwohl Steiner 1888 bereits einen »ersten Sieg« errungen hatte, wurde der Kampf jetzt »noch härter«, denn Ahriman hatte dem Materialismus zur Herrschaft verholfen. Um seinen Widersacher in dieser Sphäre bezwingen zu können, musste er »in die Haut des Drachen kriechen« (PR, 48). Diese Operation »vollzog« Steiner in der zweiten Hälfte der Weimarer Zeit, indem er sich in die Ideenwelt Haeckels und Nietzsches vertiefte. In Haeckels Evolutionslehre stand Steiner laut Prokofieff eine Naturanschauung gegenüber, die zwar »die bedeutendste Errungenschaft des freien Menschengeistes« war, zugleich aber auf der »vollständigen Verneinung des Geistes« beruhte. Diese Naturanschauung stellte »den ernstesten Versuch« Ahrimans dar, »die gesamte Erdenentwicklung in seine Gewalt zu bekommen« (PR, 49). Nietzsche wiederum wird bei Prokofieff zum Zeichen für die Tragik des Menschengeistes, der die naturwissenschaftliche Denkungsart bis zur letzten Neige auskostet und daran zerbricht, dass er sie nicht zu überwinden vermag. Um die materialistische Evolutionslehre Haeckels in die spirituelle der Geheimwissenschaft im Umriss umwandeln zu können, musste Steiner die Denkweise dieser beiden Männer »innerlich vollkommen nacherleben«, so intensiv, dass man ihn für einen materialistischen Haeckelianer oder antichristlichen Nietzscheaner hielt (vgl. Anm. 1). Nur dadurch vermochte er Ahriman »mit seiner eigenen Waffe zu besiegen«. Dies geschah am Ende der Weimarer Epoche, in Steiners 36. Lebensjahr. Zu dieser Zeit vollzog sich, wie Steiner in seiner Autobiografie erzählt, ein Umschwung in seinem Seelenleben, durch den sein »Beobachtungsvermögen für Dinge, Wesen und Vorgänge der physischen Welt« einen Grad der Exaktheit und Intensität erlangte, der ihm zuvor fremd war. »Von nun an konnte Ahriman ihn nicht mehr über das Wesen der physischen Welt täuschen«, kommentiert Prokofieff (PR, 50). Auch dieses vertiefte Beobachtungsvermögen ist wieder ein Zeichen, dafür nämlich, dass Steiner begann, »in die Welt der Intuition einzutreten«.

Nachdem Steiner »im Innern« den Sieg über Luzifer und Ahriman errungen hatte, stand er nun erneut vor dem »Grundproblem der rosenkreuzerischen Einweihung«: dem Gegensatz zwischen geistiger und sinnlicher Welt und dessen Überwindung. Das dritte Jahrsiebt der Sonnenepoche (35-42) ist der Lösung dieses Problems gewidmet. Steiner musste die »letzte und schwerste Etappe« seiner Einweihung durchlaufen, die Einweihung der Bewusstseinsseele. Historisch zeichnet sich diese Epoche dadurch aus, dass sich die Hierarchienwelt vom Menschen völlig zurückzieht, damit er aus eigenem Willen den Weg zu ihr zurückfindet. Ebendies erlebte auch der Sonnenheros, der damit in die dunkelste Stunde seines Lebens eintrat. In völliger Einsamkeit musste er allein durch sein eigenes Licht inmitten der Finsternis den Weg zur Verbindung mit der geistigen Welt finden. Auch diese Epoche führt erneut zu Auseinandersetzungen mit den Widersachern, diesmal aber nicht im Innern, sondern im sozialen Bereich (PR, 51).

Schauplatz dieser erneuten Auseinandersetzung ist nunmehr Berlin. Als Redakteur des Magazins für Literatur taucht Steiner in das soziale Leben der Avantgarde der preußischen Metropole ein, er nimmt Verbindungen mit der Arbeiterklasse und ihren marxistischen Präzeptoren auf. Als Zeuge der geistigen Geschehnisse erlebt er mit, wie sich im ausgehenden Kali Yuga »der Kampf der Mächte des Lichtes und der Finsternis zu unerhörter Gewalt steigert« (PR, 53).[7] In seiner Autobiografie sprach Steiner von der Zeit zwischen 1897 und 1900 als einer Zeit »intensivster geistiger Prüfung«, in der er die »kulturauflösenden und -zerstörenden Kräfte« gründlich kennengelernt habe.[8] Auch in dieser Lebensphase findet Prokofieff lauter Zeichen und Symbole: Luzifers Antlitz taucht inmitten der Berliner Bohéme auf, die ihr Leben in Tagträumen und nächtlichen Zechereien hinbringt, aber auch in J. H. Mackay und Max Stirner, dessen »Wille darauf brannte, sich aus der Höhe seines ›sozialen Egoismus‹ in den Abgrund zu stürzen« (PR, 53). Das Untertauchen in deren Gedankenwelten wurde für Steiner zur »geistigen Prüfung«, wie es in seiner Autobiografie heißt. Noch gewaltiger jedoch war die Prüfung, die Steiner durchleben musste, indem ihm »Ahriman, der Fürst der Finsternis selbst entgegentrat«, der als »Weltenkraft« die »gegenwärtige Zivilisation« in den »Abgrund« des »geistigen Todes« zu reißen drohte. Als Summe aller zerstörerischen sozialen Impulse erschien ihm dieser Fürst der Finsternis; in »inneren Stürmen«, im Kampf mit »dämonischen Mächten« musste Steiner seine »Geistanschauung« retten (GA 28, PR, 53-54).

»Steiners Ringen mit den Widersachermächten« erreichte laut Prokofieff eine »ganz besondere Intensität«, er musste seine individuelle Einweihung »durch eine letzte große Anstrengung« vollenden (PR, 54). Diese Aufgabe vermochte er nur zu erfüllen, indem er sich dem »Mittelpunkt der Weltenwicklung«, der »Urquelle des Lichtes« zuwandte (PR, 55). »Am Ende der großen Sonnenperiode seines Lebens«, so Prokofieff – nach unserer Zählung im Jahr 1896 –, stand Steiner »als Eingeweihter, der den geistigen Sieg errungen und den langen Weg seiner eigenen Einweihung vollendet hatte, vor dem tiefsten Geheimnis des Sonnenmysteriums, des kosmischen Ich-Mysteriums« (PR, 55). Nun begegnete er »unmittelbar der Wesenheit, die die Sonnensphäre umfasst«, entsprechend dem berühmten Satz aus der Autobiografie: »Auf das geistige Gestanden-Haben vor dem Mysterium von Golgatha in innerster ernstester Erkenntnisfeier kam es bei meiner Seelen-Entwicklung an« (GA 28, 366, PR, 55). Was sich hier vollzog, das wird laut Prokofieff im Schulungskapitel der Geheimwissenschaft im Umriss beschrieben: »die Begegnung mit dem Christus« »in der Sphäre der Intuition«.[9] Diese Begegnung hatte »Rudolf Steiner etwa im Jahre 1899« (PR, 56) – das heißt in seinem 38. Lebensjahr, in der Mitte jener Epoche, die von 1896-1903 dauerte.

Damit vollendete er seine christlich-rosenkreuzerische Einweihung und stieg auf deren dritte Stufe, jene der Meisterschaft auf. Nun schließt sich im Text ein sechsseitiger Exkurs an, dem hier nicht im Einzelnen nachgegangen werden kann, darüber, was mit dieser höchsten Stufe der Einweihung mysteriengeschichtlich verbunden ist.[10]

Am Ende dieses Exkurses fasst der Autor den erreichten Stand zusammen und lässt ihn in einer Einsicht gipfeln, die so schockierend wie überraschend ist (PR 62-65). Durch seine persönliche Begegnung mit Christus erneuerte Rudolf Steiner das Ereignis von Damaskus, aufgrund dessen Paulus sagen konnte: »Nicht Ich, sondern der Christus in mir«. Diese Worte gehen aber in der neuen Michael-Epoche (seit 1879) aus dem »voll entwickelten Ich« des Menschen hervor, »das den Christus-Impuls in freiem Opferwillen in sich aufnimmt«. Die »okkulte Bedeutung« dieses Satzes lautet demnach: »Wer diese Paulus-Worte in sich verwirklicht, opfert sein irdisches Ich dem Christus, damit Er aus seiner physischen Hülle spreche« (PR, 63; kursiv L.R.) Steiner brachte am Ende seiner großen Sonnenepoche ein wahres geistiges Opfer: »er opferte als Eingeweihter sein irdisches Ich der Wesenheit des Christus. In dieser Tat haben wir die erste Stufe des großen Opferganges von Rudolf Steiner« (PR, ebd.; kursiv im Original).

Mit anderen Worten, die Prokofieff sogar niederschreibt: »Von nun an wirkt der Christus selbst durch das ›Ich‹ Rudolf Steiners« (PR, 63). Christus spricht also nicht nur aus Rudolf Steiner, er wirkt auch durch ihn – ja, wenn er sein Ich Christus opfert, dann müsste er zuletzt sogar zu ihm werden. Jedenfalls verbringt er sein ganzes weiteres Leben im Dienste des Christus und kann daher von sich sagen: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben«. Diesen Zustand erreicht der moderne christlich-rosenkreuzerische Eingeweihte durch das grenzenlose Opfer, das er nach dem Vorbild des Gottes aus freiem Willen vollbringt. Ebenso wie Christus sein kosmisches Sein dem Menschen geopfert hat, muss der Eingeweihte, der ihm nachfolgt, sein »irdisches Eigensein, die Hüllen seiner physischen Leiblichkeit« der Christuswesenheit opfern (PR, 65). Damit ist der weitere Lebensweg Rudolf Steiners in Prokofieffs Mysterienroman vorgezeichnet.

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Anmerkungen:


  1. Dies gilt insbesondere für die Frage, zu welchem Zeitpunkt oder in welchem Zeitraum er zu jener intuitiven Erkenntnis des Christuswesens gelangte, das von Prokofieff als Höhepunkt seiner Einweihung bezeichnet wird. Eine divergente Auffassung trug beispielsweise Christoph Lindenberg in seiner Studie Individualismus und offenbare Religion. Rudolf Steiners Zugang zum Christentum, Stuttgart 1970, vor. »Nun war aber Rudolf Steiner«, schreibt Lindenberg auf S. 8, »vor 1900 keineswegs als Christ, sondern vielmehr als Verteidiger Haeckels und Nietzsches bekannt. Man findet zum Beispiel Äußerungen wie diejenige, die den Zustand der Menschen bei besserer Verbreitung der Naturerkenntnis beschreibt: Der Mensch werde dann ›nicht mehr glauben, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, ihn von sündiger Schmach zu befreien, er wird aber einsehen, dass unzählige Himmel da sind, um ihn zuletzt hervorzubringen und sein Dasein genießen zu lassen« [16. April 1898 im Magazin für Literatur, GA 30, Dornach 1989, S. 559]. Dass mit diesen Himmeln nicht ein irgendwie geartetes religiöses Jenseits gemeint ist, macht eine andere, fast bekenntnishafte Stelle deutlich: ›Wir wollen Kämpfer sein für unser Evangelium, auf dass im kommenden Jahrhundert ein neues Geschlecht erstehe, das zu leben weiß, befriedigt, heiter und stolz, ohne Christentum, ohne Ausblick auf das Jenseits‹ [Mitte 1898 im Magazin für Literatur, GA 33, Dornach , S. 129]. Solche Äußerungen ließen sich um weitere vermehren, vor allem passen sie nahtlos in die übrigen Ansichten hinein, die Steiner vor 1900 vertreten hat.« Damit weist Lindenberg auf ein Problem, dessen näherer Untersuchung seine Studie dient, ein Problem, das für Prokofieff aufgrund seiner essentiell ahistorischen, um nicht zu sagen perennialistischen Betrachtungsweise schlicht nicht existiert.
  2. GA 28, Dornach 2000, S. 334.
  3. Hier erhebt sich die Frage, wie unser Autor die Jahrsiebte zählt. Klar ist, dass in dem Moment, in dem ein Jahrsiebt zu Ende geht, das folgende beginnt. Rechnet man vom Geburtsjahr 1861 an, ergibt sich folgende Gliederung: 1861-1868 (0-7; das erste Jahrsiebt beginnt mit der Geburt 1861 und endet 1868, mit der Vollendung des siebten Erdenjahres, am siebten Geburtstag, an dem zugleich das zweite Jahrsiebt beginnt; der erste Geburtstag wird ein Jahr nach der Geburt gefeiert), 1868-1875 (7-14), 1875-1882 (14-21), 1882-1889 (21-28), 1889-1896 (28-35), 1896-1903 (35-42), 1903-1910 (42-49) usw. Demnach hätte Steiner das erste Jahrsiebt seiner Sonnenepoche 1889 beendet, nicht 1888.
  4. Lindenberg, Rudolf Steiner. Eine Chronik, Stuttgart1988, S. 82.
  5. Wie bereits erwähnt, erschien die betreffende Kantausgabe bei Reclam im Jahr 1877, Steiner kann also frühestens mit 16 darin gelesen haben.
  6. Nach dem Handbuch Das Vortragswerk Rudolf Steiners von Hans Schmidt, Dornach 1978, hielt Steiner am 11.11.1918 keinen Vortrag.
  7. Laut Steiner begann das Kali Yuga »etwa 3101« vor Christus und endete im Jahr 1899. Vgl. GA 118, Dornach 1984, S. 21 ff.
  8. GA 28, Dornach 2000, S. 400-401.
  9. Über die Begegnung des Geistesschülers mit dem großen Hüter der Schwelle heißt es in der Geheimwissenschaft im Umriss: »Dieser ›große Hüter der Schwelle‹ wird nun sein Vorbild, dem er nachstreben will. Wenn diese Empfindung in dem Geistesschüler auftritt, dann hat er die Möglichkeit erlangt zu erkennen, wer da eigentlich als der ›große Hüter der Schwelle‹ vor ihm steht. Es verwandelt sich nämlich nunmehr dieser Hüter in der Wahrnehmung des Geistesschülers in die Christusgestalt, deren Wesenheit und Eingreifen in die Erdenentwickelung aus den vorhergehenden Kapiteln dieses Buches ersichtlich ist. Der Geistesschüler wird dadurch in das erhabene Geheimnis selbst eingeweiht, das mit dem Christus-Namen verknüpft ist. Der Christus zeigt sich ihm als das ›große menschliche Erdenvorbild‹.Ist auf solche Art durch Intuition der Christus in der geistigen Welt erkannt, dann wird auch verständlich, was sich auf der Erde geschichtlich abgespielt hat in der vierten nachatlantischen Entwickelungsperiode der Erde (in der griechisch-lateinischen Zeit). Wie zu dieser Zeit das hohe Sonnenwesen, das Christus-Wesen, in die Erdenentwickelung eingegriffen hat, und wie es nun weiter wirkt innerhalb dieser Erdenentwickelung, das wird für den Geistesschüler eine selbsterlebte Erkenntnis. Es ist also ein Aufschluss über den Sinn und die Bedeutung der Erdenentwickelung, welchen der Geistesschüler erhält durch die Intuition.« GA 13, Dornach 1989, S. 394-395.
  10. PR, 56-62. Es geht um die Synthese der Magier- und der Hirtenströmung, der nördlichen, kosmologischen und südlichen, mystischen Einweihungsformen, der Sonnen- und Mondenmysterien, die auch als Herbstes- und Frühlingsmysterien bezeichnet werden. Beide führten zur Vereinigung mit dem kosmischen Christus in der Sonnensphäre. Seit dem Abstieg Christi auf die Erde verfielen jene beiden Mysterienströmungen zunehmend Ahriman und Luzifer, versanken in Magie und okkultem Materialismus bzw. in falscher Mystik und Erdflucht, während sich die Rosenkreuzer darum bemühten, diese Strömungen in einer höheren Synthese zu vereinigen, die zur Begegnung mit Christus auf der Erde führte. Ihr Ziel erreichte jedoch erst Steiner um die Jahrhundertwende. Ferner erfährt der Leser, dass Steiner in seinem 42. Lebensjahr auf alle vorangegangenen Kulturepochen einschließlich der atlantischen Zeit geistig zurückzublicken und deren Geheimnisse zu erkennen vermochte, und dass er das Erlebnis des Paulus vor Damaskus erneuerte und zugleich weit übertraf, da ersterer lediglich eine imaginative Christuserfahrung gnadenhaft empfing, während letzterer aus eigener Kraft zu einer intuitiven Wesensbegegnung mit Christus gelangte. Nebenbei wird das Geheimnis von Steiners Meister gelüftet, der niemand anders als Christian Rosenkreutz war, eine Annahme, für die »einige indirekte Beweise« (PR, 61) angeführt werden.

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Literatur:

Ein Kommentar

  1. Tja man konnte beinahe jalous werden bei soviel klare Einsicht .

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