1982 | Kampf um Spenden und Subventionen und ein unverhoffter Triumph

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Gedicht »avenidas« von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf. Foto (Ausschnitt): Rudolph Buch. Diese Datei ist lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz »Namensnennung 4.0 international«. https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Avenidas_Alice_Salomon_Hochschule.jpg

Dass die anthroposophische Bewegung nicht nur in Opposition zum – unrechtmäßigen – Zeitgeist stand, sondern auch unter dessen Einfluss, zeigte eine Affäre, die im Februar 1982 durch ihre Publikation – zumindest gesellschaftsintern – bekannt wurde. In ihr ging es um den Umgang mit Spendengeldern, deren zweifelhafte Verwendung oder mögliche Veruntreuung, und damit um ein ähnliches Thema, wie jenes, das im Zusammenhang mit dem »Neue Heimat«-Skandal die bundesrepublikanische Öffentlichkeit erschütterte.

Am 21. Februar 1982 veröffentlichte das Nachrichtenblatt einen offenen Brief[1] des Bundes der Freien Waldorfschulen, der von Ernst-Michael Kranich, Stefan Leber und Manfred Leist unterzeichnet war. Der Brief richtete sich an Tilman Wacker, der dem in Zürich ansässigen »Fonds für freie Erziehung« vorstand, zu dessen Zielen die Förderung der Waldorfpädagogik und die Vermittlung von Stipendien gehörte.

In diesem Brief nahmen die Delegierten der Konferenz der 72 deutschen Waldorfschulen und der Vorstand ihres Bundes Stellung zu den jüngsten publizistischen Aktivitäten Wackers und zu dessen Geschäftsgebaren. Letzterer war mehrmaligen Aufforderungen, die »Nachrichten des Fonds für freie Erziehung« nicht unter dem Titel eines »Weltschulvereins« zu vertreiben, nicht nachgekommen, was die deutschen Waldorfschulen veranlasste, sich von ihm »entschieden öffentlich zu distanzieren«.

Begründet wurde dies mit einer Art historischem Anrecht der internationalen Waldorfschulbewegung auf diesen Titel. Denn Steiner habe die Idee eines solchen »Weltschulvereins« im Zusammenhang mit der eben erst entstandenen internationalen Schulbewegung ins Gespräch gebracht, als eine Möglichkeit, die Finanzierung der Waldorfschulen unabhängig von staatlicher Bevormundung sicherzustellen. Seither hätten sie sich stets dieser Idee verpflichtet gefühlt, jedoch die Proklamation eines solchen Vereins wie in den 1920er Jahren[2], ohne Zusammenhang mit den Lebenswirklichkeiten (der bestehenden Schulen), als Irrweg betrachtet. Vielmehr seien nach dem 2. Weltkrieg internationale Arbeitszusammenhänge wie der »Haager Kreis« und Konferenzen im Rahmen der Pädagogischen Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft entstanden, die von den Verfassern des offenen Briefes offenbar als legitime Erben dieser Idee aufgefasst wurden. Wacker habe, ohne sich mit der bestehenden Waldorfschulbewegung ins Benehmen zu setzen, einen solchen Verein proklamiert und damit eine »isolierte Gruppe außerhalb und neben den Schulen« etabliert, die sich den »irreführenden Anschein« gebe, für die Schulbewegung zu sprechen und in ihrem Sinne zu handeln. Wenn Wacker in den Nachrichten des Weltschulvereins behaupte, diese dienten der Berichterstattung »über die wirtschaftliche und soziale Situation der Waldorfschulbewegung mit dem Ziel der Einrichtung« eines »›Weltschulvereins‹ als internationalem Unterstützungsorgan der Rudolf Steiner-Schulen«, dann »okkupiere« er diesen Begriff »treuwidrig«.

Damit nicht genug. In einem Rundschreiben vom Dezember des vergangenen Jahres habe er zwar den Bund der Freien Waldorfschulen und die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners[3] zur Mitwirkung in seinen Fonds-Nachrichten aufgefordert, gleichzeitig aber ein Mitglied des Vorstandes des Bundes durch Verdrehung von Tatsachen »herabgesetzt« und damit seinem Angebot den Boden entzogen. Um welche Persönlichkeit es sich handelte und worin die Tatsachenverdrehungen bestanden, wurde den Lesern des »offenen« Briefes nicht mitgeteilt. Stattdessen war vom vergeblichen Versuch die Rede, Wacker zum Abdruck einer Richtigstellung und zur Herausgabe der Empfängeradressen seines Rundbriefes zu veranlassen (damals gab es noch keine Datenschutzverordnungen) – Vorstöße, die er nicht einmal beantwortet habe. Ein solches Verhalten »in anthroposophischen Zusammenhängen« [!] charakterisiere sich selbst.

Der eigentliche Kritikpunkt jedoch kam zuletzt: das »Geschäftsgebaren« und »die Art der Spendenvereinnahmung«. Zwar verwalte der Fonds sich selbst und gehorche dem Gesetz der Freiheit, allerdings müssten sich »alle auf der Anthroposophie gründenden und gemeinnützig arbeitenden Einrichtungen« einer »vollständigen Durchsichtigkeit der Finanzgebarung« befleißigen. Diese allein garantiere die »Vertrauenssubstanz« zwischen Spendern, Vermittlern und Empfängern. Im Falle Wackers sei diese Durchsichtigkeit nicht mehr gegeben, wenn inzwischen ein Rechtsanwalt in Anspruch genommen werden müsse, um Einblick in seine Abrechnungen zu erlangen. Worum ging es? Um den Verbleib von Spenden, die dem Fonds zweckgebunden für die Favela Monte Azul (Sao Paulo) unter der Leitung Ute Craemers zur Verfügung gestellt worden waren. Diese hatte den Verdacht geschöpft, ihr zustehende Gelder würden zweckentfremdet (unterschlagen) und deswegen anwaltliche Hilfe in Anspruch genommen. Da dies zu nichts führte, kündigte sie ihre Zusammenarbeit mit dem Fonds auf. Daraufhin verteidigte sich Wacker öffentlich gegen die erhobenen Vorwürfe. Auch dies wurde ihm vorgeworfen, da seine Vorwärtsverteidigung nicht nur die Pionierarbeit Craemers belaste, sondern sich auch negativ auf die Spendenbereitschaft auswirke.

Diese massive Aktion des Bundes der Freien Waldorfschulen, die von der Pädagogischen Sektion am Goetheanum und dem Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft unterstützt wurde, erzielte offenbar die erwünschte Wirkung. Denn einige Monate später, am 9. Mai, erfuhren die Leser des Nachrichtenblattes von der vollständigen Kapitulation und Entmachtung Wackers als Vorsitzender des Fonds für freie Erziehung.[4] Eine von Rudolf Grosse, Jörgen Smit, Ernst-Michael Kranich, Stefan Leber und Manfred Leist unterzeichnete Notiz teilte mit, nach zahlreichen Gesprächen sei eine »tragfähige Grundlage« für die weitere Arbeit des Fonds gefunden worden. An der Lösung des Problems hatten sich der Vorstand der Gesellschaft, der Bund der Freien Waldorfschulen, die Gemeinnützige Treuhandstelle Bochum, und »die Verantwortlichen des Fonds« beteiligt. Offenbar war es gelungen, Wacker kaltzustellen. Die Gemeinnützige Treuhandstelle übernahm ab sofort »die Geschäftsführung (Organisation, Buchhaltung und Verwaltung)« des Fonds, in dessen Vorstand traten Rolf Kerler (Gemeinnützige Treuhandstelle) und Erhard Fucke (Bund der freien Waldorfschulen) ein, während Wacker sich weiterhin für die Zeitschrift des Fonds »im Einvernehmen mit allen Beteiligten einsetzen« durfte. Was dies genau bedeutete, wurde nicht erklärt: ob Wacker nunmehr als freier Mitarbeiter oder angestellter Redakteur bei der Zeitschrift beschäftigt war, oder ob er sie in Zukunft austragen durfte, blieb unausgesprochen. Die Unterzeichner baten alle bisherigen und künftigen Spender, den Strom ihrer Großzügigkeit nach der Wiederherstellung einer »tragfähigen Grundlage« für die Weiterarbeit wieder fließen und womöglich wachsen zu lassen.

Den ehemaligen Leiter des Fonds für freie Erziehung, den manche seiner Anhänger für die Reinkarnation Rudolf Steiners hielten, begleiteten Affären um anvertraute Gelder auch in seinem späteren Leben wie der Schatten das Licht. Sein zweifelhaftes »Finanzgebaren« führte in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu Streitigkeiten um Waldorfschulen in Berlin, die sogar vom Magazin DER SPIEGEL aufgegriffen wurden.[5] 1993 gehörte er zu den Gründern der Waldorfschule Berlin Süd-Ost (Treptow-Köpenick), deren Förderverein ihn 1999 wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten suspendierte[6] und im Jahr 2000 wirkte er maßgeblich an der Gründung der (freien) Novalis-Schule in Berlin-Friedrichshagen (Köpenick) mit, als deren Geschäftsführer er aufgrund verschiedener, auch finanzieller Konflikte, 2006 verabschiedet wurde. Einmal mehr – im Fall der letzteren – musste sich der Bund der Freien Waldorfschulen von Wacker distanzieren.

Auch an einer anderen Front, die allerdings erheblich stärker an die Substanz ging, jedoch mit der eben thematisierten unübersehbar zusammenhing, drohte der Waldorfschulbewegung Ungemach. Hier schien der unbestreitbare Erfolg der pädagogischen Alternative zum Bumerang zu werden.

Das Problem brachte Benediktus Hardorp in seiner Vorstellung des Gesamtjahresabschlusses der deutschen Waldorfschulen Mitte 1982 auf den Punkt[7]: Die demografische Entwicklung in Deutschland führte zu einem Geburtenrückgang, der sich in einem Rückgang der Schülerzahlen an den Grundschulen zeigte. Gleichzeitig verschlechterten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durch die Energiekrise und andere Faktoren. »Abbau und Schließung von Schulen« so Hardorp, »mit der Folge für Karrieren und Existenzen zeichnen sich im Schulwesen ab und versteifen die Haltung der Schulbehörden und auch anderer politischer Gremien gegenüber den Freien Schulen.« Infolge dieser Aussichten setzten »Abwehrmaßnahmen gegen Freie Schulen und insbesondere gegen die Waldorfschulen ein, die durch ihren, im Vergleich zum staatlichen Schulwesen gegenläufigen Wachstumsprozess ›gegen den Strom schwimmen‹ […] Dieser Schulbewegung […] wenden sich Eltern und Schüler in einem viel größeren Ausmaß zu, als dies in den Schülerzahlen zum Ausdruck kommt, da Jahr für Jahr mindestens die gleiche Anzahl von Schülern, die aufgenommen werden können, abgewiesen werden muss. Dieser Vorgang beginnt am Selbstverständnis der staatlichen Schulen zu rütteln.«

Die Waldorfschulen sähen sich durch die Kultusbürokratie verstärkten Schikanen ausgesetzt: bei den Prüfungsbedingungen für Schulabschlüsse, bei der Lehrergenehmigung und nicht zuletzt bei der Bezuschussung ihrer Baukosten, die infolge der wachsenden Nachfrage notgedrungen entstünden. Hardorp nützte die Gelegenheit, die politische Einflussnahme auf das Schulwesen insgesamt zu kritisieren: »Die sich widersprechenden unterschiedlichen Auffassungen von der Aufgabe des Schulwesens in bildungspolitisch verfeindeten Ländern zeigen deutlich, dass der Staat insgesamt nicht in der Lage ist, pädagogische Maßstäbe zu entwickeln oder zu setzen – nicht einmal sie zu wahren. Wenn schon eine staatliche Schulaufsicht sein soll, so müsste sie eindeutig auf eine Rechtsaufsicht (nicht Fachaufsicht) begrenzt sein und von einer eigenen Behörde wahrgenommen werden, die von dem Kultusministerium so unabhängig ist, dass sie die staatliche Schule nur als eine mögliche Ausprägung von Schule in der Gegenwart gegenüber anderen Ausprägungen bei den Freien Schulen zu sehen und zu werten vermag [kursiv L.R.].« Man würde ja auch nicht«, so Hardorp sarkastisch, »einer der großen Mineralölgesellschaften die Ausübung der Gewerbeaufsicht über die freien Tankstellen übertragen – auch wenn bei einer solchen Gesellschaft besondere Fachkenntnisse verfügbar sind«.

»Wenn im Bereich der Kulturpolitiker«, fuhr er fort, »zum Teil ganz ungeniert die Frage erörtert wird, ob man nicht den Freien Schulen wieder Gelder entziehen solle, um damit das staatliche Schulwesen zu verbessern, oder wenn man sich fragt, ob man nicht mit anderen Mitteln die Abwanderung zu den Waldorfschulen stoppen könne, so zeigt dies das angesprochene Problem auf.«

Mit nicht geringem Selbstbewusstsein trat Hardorp »Kulturpolitikern« entgegen, die wie die Verantwortlichen der Regierung in Baden-Württemberg »vergaßen«, Finanzmittel für den Bau freier Schulen in den Haushaltsplan einzustellen. »Den Abgeordneten und Regierungsbeamten, die so denken und sprechen, ist für den Bereich des Schulwesens noch unzureichend bewusst, dass sie in einem Rechtsstaat leben, dessen Verfassung in Art. 7 Abs. 4 des Grundgesetzes den Freien Schulen Errichtungs- und Bestandsgarantien für ihre Pädagogik und auch für eine finanzielle Mindestausstattung zusichert. Sie würden voraussichtlich sehr erschrecken, wenn ihnen deutlich würde, dass die Verfassung die Freien Schulen sogar unbeschränkt in ihrem Lebens- und Entfaltungsraum absichert, so dass es einzig und allein eine Entscheidung der Bürger dieses Landes ist, in welchem Maße Freie Schulen entstehen und sich entfalten. Es wäre verfassungsrechtlich unzulässig, diese Entfaltung der Freien Schulen an einem bestimmten Punkte zu hemmen und etwa eine bestimmte Schülerquote für das staatliche Schulwesen zu reklamieren.«

Die Frage war nicht nur theoretischer Natur. In Baden-Württemberg, dem Bundesland mit den meisten Waldorfschulen, befanden sich 12 von 23 Schulen im Bau, der Haushaltsentwurf für das Jahr 1982 sah die bisher gewährten Bauzuschüsse von 25-30% schlicht nicht vor; eine Situation, die das Aus für viele dieser Schulen bedeutet hätte. Bereits im Dezemberheft 1981 der Erziehungskunst hatte Hardorp in aller Schärfe seine rechtsphilosophischen Thesen gegen die Ungleichbehandlung der Schulen in freier Trägerschaft vorgetragen[8]: »Die schlechte Lage der öffentlichen Haushalte hat den Gedanken aufkommen lassen, dass die bisher schon – am Gleichheitsgebot gemessen – unzureichende Finanzhilfe für Freie Schulen gekürzt werden könnte, um auf diese Weise einen Beitrag zur Aufrechterhaltung staatlicher Ausgaben, denen eine Priorität zugemessen wird, bei zurückgehenden Staatseinnahmen zu leisten.

Damit würde entscheidend in den verfassungsrechtlich geschützten Bereich der Freien Schulen eingegriffen und gerade den Schulen und Schulgemeinschaften eine Einschränkung auferlegt werden, die gezeigt haben, dass sie ökonomisch effiziente Formen von Schule und Bildung entwickelt haben.«

Würden freien Schulen Kürzungen der staatlichen Finanzhilfe zugemutet, so müssten diese »die Lehrereinkommen kürzen oder Lehrer entlassen oder auf andere Weise ihr Unterrichtsangebot zurücknehmen[…], wenn die Minderleistungen des Staates nicht durch Mehrleistungen von Eltern oder aus anderen Quellen ausgeglichen werden« könnten. »Verfassungsrechtlich gesehen werden die Freien Schulen in Konfliktlagen mit Artikel 7, Absatz 4, Satz 3, GG (wirtschaftliche Sicherung der Lehrkräfte) und Artikel 7, Absatz 4, Satz 2 GG (Verbot der Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern) gebracht.«

Wer den freien Schulen Mittelkürzungen zumuten wolle, der beabsichtige entweder, «die womöglich als lästig empfundene Konkurrenz der Freien Schulen bei dieser Gelegenheit einzuschränken« oder er mute »den Eltern oder anderen Trägern Freier Schulen zu, durch verstärkte finanzielle Eigenbeiträge den Staat aus seiner Unterhaltungspflicht gegenüber Freien Schulen im Interesse anderer staatlicher Finanzausgaben partiell zu entlassen.«

Im Januarheft 1982 der Erziehungskunst hatte Manfred Leist an ein – in der Folgezeit bestätigtes und vertieftes – Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts Berlin aus dem Jahr 1966 erinnert[9], das die Verpflichtung des Staates festgelegt habe, »aus dem Gesichtspunkt einer Chancengleichheit im sozialen Rechtsstaat den freien Schulen angemessene Zuschüsse zu gewähren«. Der Anspruch sei aus Art. 7 Abs. 4 des Grundgesetzes abgeleitet worden, der das Grundrecht der Errichtung freier Schulen unter bestimmten Voraussetzungen gewährleiste. Das Bundesverwaltungsgericht habe festgestellt, »dass diese Errichtungsgarantie eine bloße Hohlform sei, wenn nicht […] angesichts der sehr hohen Kosten und Investitionen, die der Staat für seine eigenen Schulen aufwendet«, »auch die laufende Unterhaltung« der freien Schulen gesichert sei. Wenn nun in verschiedenen Bundesländern Deutschlands aufgrund der erschwerten Wirtschaftslage versucht werde, Haushaltseinsparungen auf Kosten der freien Schulen durchzuführen, dann müsse diesen Versuchen »entschieden widersprochen werden«.

Der Staat, so Leist, könne nicht »ohne schwere Schädigung der produktivsten Kräfte innerhalb des sozialen Lebens […] den freien Schulen Mittel entziehen, die das produktive Konkurrenzverhältnis zum staatlichen Schulwesen erheblich verzerren würden« [gemeint ist nicht, dass die Mittel zu Verzerrungen führen, sondern der Entzug dieser Mittel]. Schließlich dürfe nicht vergessen werden, dass die Eltern, die die freien Schulen trügen, zweimal Schulgeld zahlten: zum einen durch ihre Steuern für die Schulen des Staates, die ihre eigenen Kinder gar nicht besuchten, zum anderen an die freien Schulen, die sie für ihre Kinder wünschten. Baue der Staat Subventionen im Bereich des freien Bildungswesens ab, zu welchen er durch das Grundgesetz verpflichtet sei, verstoße er in »gröblicher« Weise gegen das Elternrecht und gegen die Gleichbehandlung der Bürger.

Da es im weiteren Sinne zum Kapitel Bildungswesen gehört, sei hier ein zeitlich späteres Ereignis erwähnt, das von der Öffentlichkeit geradezu frenetisch begrüßt wurde[10]: die Anerkennung der ersten freien Hochschule in Deutschland durch das Wissenschaftsministerium Nordrhein-Westfalen am 13. Juli 1982 – bemerkenswerterweise in einem Bundesland, das von der SPD unter Johannes Rau zu dieser Zeit allein regiert wurde, einer Partei also, die ansonsten nicht unbedingt durch die Förderung von Privatinitiativen bekannt war. Genehmigt wurden die Studiengänge Medizin (am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke), Philosophie (studium fundamentale für alle Fachbereiche), Mathematik, Biologie und Orientalistik, weitere sollten folgen. Gerhard Kienle, Konrad Schily, Dieter Lauenstein und ihre Mitstreiter durften sich diese Gründung, die nach jahrelanger Vorarbeit endlich genehmigt wurde, als ihr persönlich-überpersönliches Verdienst zuschreiben. Schily übernahm das Amt des Gründungspräsidenten. Kienle schrieb in seiner Bekanntmachung im Nachrichtenblatt: »Es ist dies die erste freie Universität in der deutschen Geschichte. Es wird damit die Möglichkeit eröffnet, die Anliegen Rudolf Steiners in der Weiterentwicklung der Wissenschaften zur Geltung zu bringen.«[11] Die Universität Witten-Herdecke war gewiss freier als die bereits bestehende katholische Universität Eichstätt, denn ihre Gründer, zu denen auch der Marburger Ordinarius für Physiologie, Herbert Hensel, gehörte, waren sich darin einig, dass es nie und nimmer die Aufgabe einer Universität sein könne, »Anthroposophie als solche inhaltlich zu ›lehren‹, stattdessen aber ihre Erkenntnismethoden, Fragestellungen und Arbeitsergebnisse für die eigene empirische Arbeit und die Fortentwicklung des gesamten wissenschaftlich-sozialen Prozesses fruchtbar zu machen«.[12] Welch unrühmliche Rolle die Anthroposophische Gesellschaft und ihre Funktionäre – darunter auch die Gemeinnützige Treuhandstelle Bochum, die sich aufgrund der »unklaren anthroposophischen Ausrichtung der Institution« weigerte, eine Bürgschaft für die in Gründung begriffene Universität zu übernehmen – sowie einige Vertreter der ihr angeschlossenen und betroffenen Berufsverbände in der unmittelbaren Vorgeschichte dieser Gründung spielten, hat Peter Selg in seiner Kienle-Biografie rekonstruiert.[13]

Aus welchem Geist die Wittener Hochschulgründung schöpfte, zeigen die 10 Thesen Herbert Hensels zum »Verhältnis von Wissenschaft und Anthroposophie«, die dieser im Januar 1980 auf einer Hochschulkonferenz in Herdecke vortrug. Gemessen am Maßstab dieser Thesen scheinen heutzutage manche deutsche Hochschulen mindestens ebenso weit von der Wissenschaft wie von der ihr zugrundeliegenden Angstresistenz entfernt.

»1. Wissenschaft kann nur im Element völliger geistiger Freiheit leben.

2. Der Wissenschaftler muss das Angstphänomen der geistigen Freiheit aushalten. Er kann sich niemals in einem statisch gesicherten geistigen Bezirk aufhalten.

3. Bindung gibt es nur an den eigenen Entschluss zur Wahrheitssuche, nicht an für wahr gehaltene Inhalte. Zu deren Revision muss der Wissenschaftler stets bereit sein.

4. Wissenschaft kann nur in ichhafter Selbsttätigkeit bestehen, nicht im verstandes- oder gemütsmäßigen Aneignen von Inhalten.

5. Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen echter Wissenschaft und anthroposophischer Geisteswissenschaft.

6. Geisteswissenschaft ist die Anwendung des Erfahrungsprinzips in radikaler und universaler Form.

7. Nach Rudolf Steiner ist Geisteswissenschaft die konsequente Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Methode. Wenn die Wissenschaft ihren Weg folgerichtig geht, gelangt sie zur Geisteswissenschaft. Deshalb kann echte Wissenschaft niemals in Widerspruch zur Anthroposophie geraten.

8. Die Leugnung des Geistigen liegt nicht im Wesen der Wissenschaft, sondern in ihrer außerwissenschaftlichen Verengung.

9. Die Befürchtung, völlige geistige Freiheit könne von der Anthroposophie wegführen, ist unbegründet. Anthroposophie, die auf Gängelung beruht, ist zerstörerisch, weil sie dem innersten Wesen der Geisteswissenschaft zuwiderläuft.[14]

10. Das Studium von Resultaten der Geistesforschung ist keine unerlässliche Vorbedingung für den eigenen Schulungsweg, denn sonst enthielte dieser ein konstitutives Element des inhaltlich Voraussetzungshaften, was ein Widerspruch in sich ist. Tatsächlich gibt Steiner einen alternativen Schulungsweg an, der ›sicherer und vor allem genauer, dafür aber auch für viele Menschen schwieriger‹ ist. Es ist der voraussetzungslose Weg über die ›Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung‹ und die ›Philosophie der Freiheit‹ in Verbindung mit einer besonderen Art der Sinnesschulung.«[15]

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Anmerkungen:


  1. Nachrichtenblatt, 59. Jahrgang, Nr. 8, 21. Februar 1982, S. 29-30.
  2. Siehe https://anthroblog.anthroweb.info/2014/1926-1927-alexanderlegende-und-ein-zirkel-von-spiritisten/
  3. 1971 hatte Ernst Weißert die »Freunde der Erziehungskunst« gegründet, die sich als Fortführer der Idee eines »Weltschulvereins« betrachteten, wie aus einem Aufruf hervorgeht, der in Auszügen im Januar 1982 in der Zeitschrift Erziehungskunst veröffentlicht wurde: »Die Vereinigung wurde 1971 durch die Initiative von Ernst Weißert gegründet, um die Grundidee des ›Vereins für ein freies Schulwesen‹ – des überörtlichen Trägers der ersten Freien Waldorfschule mit der inneren Tendenz zu einem ›Weltschulverein‹ – in einer den heutigen Verhältnissen entsprechenden Form wieder aufzunehmen.Durch die 1976 erfolgte Verbindung einer aktiven Gruppe von Waldorfschülern und ›Ehemaligen‹ mit den ›Freunden‹ konnte die Vereinigung seither mit einem größeren Aktionsradius (durch eine wachsende Mitgliederzahl, durch regelmäßige Rundbriefe, jährliche Spendenaufrufe und den 1976 begründeten ›Internationalen Hilfsfonds‹) wirken und hat in der Tat in zahlreichen Fällen bedrohten Schulen und verwandten Einrichtungen sowie einer großen Zahl von Einzelpersonen (vor allem werdenden Lehrern) helfen können. Sie arbeitet eng mit der deutschen Waldorfschulbewegung, mit dem ›Haager Kreis‹ (Gremium der Zusammenarbeit der Rudolf-Steiner-Schulen in aller Welt) und mit den bankenähnlichen Einrichtungen in Bochum – auch mit anderen Initiativen, die entsprechende Ziele wie die ›Freunde‹ verfolgen – zusammen.« Erziehungskunst, Heft 1, 1982, S. 51. Die »Freunde der Erziehungskunst« verwirklichten mit anderen Worten alles, was Wacker versäumt hatte.
  4. Nachrichtenblatt, 59. Jahrgang, Nr. 19, 9. Mai 1982, S. 71.
  5. Alexander Osang, Das Irrenhaus von Friedrichshagen, DER SPIEGEL, 25.06.2007, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-52032604.html [Abgerufen am 24.03.2019]. »Wacker betrachtete die deutschen Waldorffunktionäre als unbewegliche Vereinsmeier, die Steiner falsch verstanden, der Bund der Waldorfschulen sah in Wacker eine dogmatische Nervensäge«, heißt es in dem Bericht Osangs im Zusammenhang mit der Gründung der Waldorfschule Berlin Süd-Ost.
  6. Die Schule – besser deren Nachfolgerin – existiert noch heute. Sie rief Ende 2018 durch ihre Entscheidung, das Kind eines AfD-Politikers nicht aufzunehmen, kontroverse Reaktionen hervor.
  7. Benediktus Hardorp, Gesamtjahresabschluss 1980 der freien Waldorfschulen, Erziehungskunst, Heft 6, 1982, S. 359-364. Die folgenden Zitate daraus.
  8. Benediktus Hardorp, Kann die staatliche Finanzhilfe für Freie Waldorfschulen gekürzt werden? Schulpolitische Leitsätze zur staatlichen Finanzhilfe, Erziehungskunst, Heft 12, 1981, S. 713-715. Die folgenden Zitate daraus.
  9. Manfred Leist, Zur Finanzierung eines freien Schulwesens, Erziehungskunst, Heft 1, 1982, S. 12-21. Zitate daraus.
  10. Laut Peter Selg plädierten »viele bedeutende Persönlichkeiten und Institutionen« sowie »die gesamten Zeitungen« »bedingungslos« »für eine positive Entscheidung der Düsseldorfer Landesregierung«. Peter Selg, Gerhard Kienle – Leben und Werk, Bd. 1, Dornach 2003, S. 542
  11. Gerhard Kienle, Universität Witten-Herdecke genehmigt, Nachrichtenblatt, 15.8.1982.
  12. Ebd., S. 549.
  13. Ebd., S. 544 ff.
  14. Diesen Satz könnte man auch umformulieren: »Wissenschaft, die auf Gängelung beruht, ist zerstörerisch, weil sie ihrem innersten Wesen zuwiderläuft.«
  15. Abgedruckt in Selg, a.a.O. S. 550.

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