1982 | Mitte, Ost und West. Die Deutschen und ihr Volksgeist. Die Anthroposophische Gesellschaft als Urbild einer »offenen Gesellschaft«

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Kentaurenmotive in der Kuppel des ersten Goetheanum

Kentaurenmotive in der Kuppel des ersten Goetheanum

Die Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft fand 1982 am 4. April, einem Palmsonntag, statt.[1] Seit der letzten Mitgliederzusammenkunft waren 600 verstorben, 2550 neue aufgenommen worden. Zu den prominenteren unter den Verstorbenen gehörten – neben Ernst Weißert – der Priester der Christengemeinschaft Otto Palmer (1896-1981), Verfasser einer Monographie zur Philosophie der Freiheit, der Pionier der Arzneimittelforschung der WELEDA, Wilhelm Pelikan (1893-1981), Martha Thut, die langjährige Leiterin des Johannes-Zweiges in Bern sowie die Dichterin und ehemalige Leiterin des Goetheanum-Archivs, Emma Krell-Werth (1906-1981). Erst im Juni dieses Jahres sollte Simonne Rihouët-Coroze versterben, die 45 Jahre lang (1931-1976) Vorsitzende der französischen Landesgesellschaft gewesen war. Sie hatte nicht nur eine Steiner-Biografie veröffentlicht, sondern auch den Verlag Triades gegründet und die gleichnamige Zeitschrift herausgegeben, außerdem eine 75 Jahre umfassende Chronik der Anthroposophie in Frankreich verfasst.[2]

Auch eines anderen Toten wurde in diesem Jahr durch die Anthroposophische Gesellschaft gedacht: des Namengebers des Goetheanum, dessen Ableben sich zum 150mal jährte. Nicht nur Grosse erinnerte bei seiner Eröffnungsansprache an ihn, er wurde auch im Lauf des Jahres durch eine Reihe von Veranstaltungen, sowie durch Beiträge in anthroposophischen Zeitschriften und Tagungen gewürdigt.

Der Vorsitzende konnte auf die Entwicklung seit der letzten Generalversammlung zufrieden zurückblicken. Das öffentliche Interesse an Steiner und der Anthroposophie war erneut gewachsen, was sich nicht zuletzt daran zeigte, dass nicht-anthroposophische Verlage Titel Steiners und seiner Schüler publizierten, die sich teilweise, wie Christoph Lindenbergs Buch über die Waldorfpädagogik[3], zu Bestsellern entwickelt hatten. Der Fischer Taschenbuch-Verlag gab eine ganze Reihe anthroposophischer Titel heraus.

Gleichzeitig hatten auch die Aktivitäten am Goetheanum selbst zugenommen. Manfred Schmidt-Brabant erschloss für die Sozialwissenschaftliche Sektion neue Berufsgruppen: Juristen, Banker und Buchhändler, Jörgen Smit tat ähnliches in der Jugendsektion. Auch die redenden und musizierenden Künste florierten am Goetheanum. Diese Aktivitäten spiegelten sich auch in steigenden Einnahmen, wie der Bericht der Schatzmeisterin zeigte.

Die Auseinandersetzung mit der Kernenergie setzte sich in diesem Jahr ebenfalls fort, wovon z.B. eine große, gut besuchte Tagung zeugte, die im März in Stuttgart stattfand.[4] Schmidt-Brabant bezog in seinem Eröffnungsvortrag zu dieser Tagung deutlich Stellung, wenn er Atomreaktoren als »Mysterienstätten des Bösen« bezeichnete. Ein anderer Teilnehmer bewegte sich auf derselben Linie, wenn er in der abschließenden Plenumsveranstaltung einen Dreischritt der Entfaltung des Bösen skizzierte, der von der »Abschaffung des Geistes« im 9. Jahrhundert über die Abschaffung der Seele im 19. bis zur Zerstörung des Leibes (durch die Radioaktivität) am Ende des 20. reichte. Die atomare Aufrüstung und die friedliche Nutzung der Kernenergie sah der engagierte Debattenredner als zwei Ausprägungen jener »Wahnsinns-Epidemien«, die Steiner als Folge einer Nichtüberwindung des Materialismus für das Ende des Jahrhunderts in Aussicht gestellt habe. Der Berichterstatter wiederum (Dieter Hornemann) wertete die Tagung als wichtigen Beitrag dazu, dass sich die anthroposophische Bewegung mit diesem »Strudel des Wahnsinns« beschäftige – möglicherweise war sie aber von diesem Strudel auch selbst erfasst worden.

Gisela Reuther berichtete erneut anschaulich über die finanziellen Verhältnisse der »modernen Mysterienstätte«[5] und der sie tragenden Gesellschaft. Die Einnahmen des Goetheanum setzten sich aus rund 4,5 Millionen Franken Erlösen durch Aktivitäten, die 49% der gesamten Einnahmen betrugen und Spenden, Mitgliedsbeiträgen usw. von 4,7 Millionen (51%) zusammen. In den durch Tagungen, künstlerische Darbietungen, Dienstleistungen und Schulbeiträge erwirtschafteten Erträgen waren gegenüber dem Vorjahr rund 400.000 Franken Mehreinnahmen enthalten. Durch die Erträge aus Erlösen allein hätte die Tätigkeit des Goetheanum allerdings nicht bestritten werden können, das Defizit wurde durch Spenden und Mitgliedsbeiträge gedeckt, die Reuther in diesem Jahr erstmals als »Defizitdeckungsmittel« deklarierte. Gegenüber dem Vorjahr hatte sich das Verhältnis von gestifteten und erwirtschafteten Mitteln um rund 11% zugunsten der letzteren verändert. Da in der Schweiz in der zweiten Jahreshälfte 1982 das Rentensystem durch die Einführung einer paritätisch finanzierten betrieblichen Altersversorgung ergänzt wurde, stand außerdem eine Erhöhung der Gehälter der Goetheanum-Mitarbeiter um 10% bevor und damit Mehrausgaben zwischen zweihundert und dreihundert Tausend Franken.

»Nach der Mittagspause sprachen«, wie es im Nachrichtenblatt heißt[6], »drei Freunde zur geistigen Situation in West, Mitte und Ost.« Es handelte sich um Carlo Pietzner (USA), Reijo Wilenius (Finnland) und Heten Wilkens (Deutschland). Wie erschien diesen drei Angehörigen der anthroposophischen Funktionärselite die geistige Situation der Welt im Jahr 1982?

Pietzner, der zwar ursprünglich aus Mitteleuropa stammte, aber seit 40 Jahren in den USA lebte, bediente sich des Kunstgriffs der Symptomatologie, einer scheinbar unvoreingenommenen Beschreibung von Kulturphänomenen, deren blicklenkende Kategorien jedoch jedem aufmerksamen Leser der Gesamtausgabe – also den meisten Anwesenden – bekannt gewesen sein dürften.

Er übte radikale Kritik an seiner Wahlheimat. In ihr schienen ihm drei bestimmende Strömungen vorzuherrschen: ein »religiös aufgezogener Anti-Materialismus« (Luzifer), in den sich unterschiedliche Okkultismen mischten, ein »überspitzter Rationalismus«, der sich als »extreme Technokratie« manifestiere (Ahriman), schließlich der Behaviorismus, die »offiziell anerkannte und wissenschaftliche beglaubigte Psychologie«, die danach strebe, den Begriff des Menschen nach der Analogie konditionierbarer Primaten grundlegend neu zu definieren (Asuras). Letzterem sei es gelungen, den Staat für sich einzunehmen. Der Behaviorismus als Staatsdoktrin strebe nach einer Konditionierung der Bevölkerung, er ziele darauf ab, sozial akzeptables Verhalten zu fördern und inakzeptables zu unterdrücken. Zur Verwirklichung dieses Zieles bediene er sich der Manipulation im großen Stil und der Computertechnik.

Außerdem sprach Pietzner – reichlich paradox – von einer in den USA grassierenden »Planwirtschaft«, deren Vorbild das aufstrebende Japan sei (in Wahrheit waren die USA Vorbild für Japan). In Japan werde die Arbeit durch Computer und Roboter zunehmend automatisiert. Die USA entwickelten sich allmählich zu einer Art Termitenstaat, der auf ein zentrales, den gesamten Metabolismus der Insektengesellschaft steuerndes Individuum ausgerichtet sei (die Königin), die auch deren Reproduktionsprozess lenke. Der Redner sah darin ein treffendes Bild für ein menschliches Gemeinwesen, das sich freiwillig der Scheinrationalität des Behaviorismus unterwarf.

Aber nicht nur der fernöstliche Konkurrent werde als Bedrohung erlebt, sondern noch mehr ein bevorstehender Atomkrieg, der die Planwirtschaft zu Irrsinnsszenarien wie der Evakuierung von zwei Dritteln der Bevölkerung inspiriere. Schließlich infantilisiere sich die Gesellschaft durch exzessiven Medienkonsum immer mehr: die Kindheit verschwinde und die Erwachsenen glichen sich den Kindern an. Grundsätzlich, so Pietzner, ermangele es den Amerikanern, diesen »heimatlosen Seelen«, der »Volksseelensicherheit«. Sie erschienen ihm wie Kentauren, deren »wilde Stierkräfte« vom Haupt (der Vernunft) nicht ausreichend gezähmt würden.[7]

Wilenius, der Philosophieprofessor aus Finnland, richtete seinen Blick in den Osten lieber gleich an Ansprachen aus, die Steiner in den Jahren 1912 und 1913 in Helsinki vor russischen Zuhörern gehalten hatte[8]; auf die gegenwärtigen Verhältnisse wollte er gar nicht eingehen, da diese viel zu stark durch den polarisierten Blick auf die politische Weltlage gefärbt seien, während Steiners inzwischen 70 Jahre alte Ausführungen »heute aktueller« seien als damals.

In der ersten dieser Ansprachen, am 11. April 1912, im Rahmen der Vortragsreihe Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und den Naturreichen, habe Steiner auf das Versiegen alter Spiritualität und auf die Notwendigkeit hingewiesen, diese durch die Anthroposophie zu erneuern.[9] Genau diese Notwendigkeit sei für ihn (Wilenius) wahrnehmbar, wenn er sich in Finnland mit Politikern unterhalte. Steiner referierend sprach er von der »karmischen Schuld« der Westeuropäer (am Osten), die es dem indischen Nationalismus ermöglicht habe, die von H.P. Blavatsky gegründete Theosophie zu kapern.[10] Daher habe diese immer mehr ihre allgemein-menschliche Bedeutung verloren. »Das Russentum« dagegen trage die Anlage in sich, die »wahre Christusoffenbarung« (der Anthroposophie) zu verstehen, wenn es sich vom Nationalismus befreie. Steiner habe auf seine Geburt innerhalb eines »slawischen Volksstamms« hingewiesen (tatsächlich sprach er von seiner Geburt in einer »slawischen Gegend«), mithin seine Aufgabe angedeutet, die Theosophie von nationalistischen Interessen zu befreien, damit sie in Mitteleuropa als von allem Menschlichen losgelöste »Göttin« dastehen könne. Die russische Volksseele sehne sich nach der Weisheit dieser Göttin. Die Anthroposophie könne nur im Osten Europas – im Gegensatz zu Mitteleuropa –, in den Tiefen der russischen Volksseele Wurzeln schlagen und werde sich dabei verwandeln. Eine merkwürdig paradoxe Behauptung von Wilenius, die sich in dieser Form auch nicht in der Ansprache findet, angesichts der Tatsache, dass die Anthroposophie in Wahrheit im Herzen Mitteleuropas Wurzeln schlug. Manches von dem, was Steiner 1912 zu den Russen gesagt habe, gelte auch für die Finnen. Was genau, führte Wilenius nicht aus.

Auch 1913 in Helsinki[11] habe sich Steiner direkt an die russischen Zuhörer gewandt und noch eindringlicher als im Jahr zuvor auf die spirituelle Sklerotisierung des »griechisch-orthodoxen Kirchentums« hingewiesen.[12] Statt vom gestorbenen Christus, so führte Steiner aus, sollte die »russische Kirche« – ebenso wie die westlichen übrigens – vom »immerfort lebenden Christus« künden. Da sie dies nicht tue, müsse diese Kunde aus einer anderen Quelle hervorgehen, der Quelle, die in der Anthroposophie sprudle.

Am Ende ließ sich Wilenius doch noch zu einem Kommentar über die gegenwärtige politische Lage verleiten, nämlich über die polnische Arbeitergewerkschaft Solidarność und ihre Bestrebungen zur Reform des Kommunismus. Dieser sprach er Aussichten auf einen Erfolg rundweg ab, da »im Katholizismus kein tragfähiger Grund mehr vorhanden« sei, »um eine neue, zukunftsgemäße Gemeinschaft aufzubauen«. »Der Traum aller slawischen Völker« so Wilenius, sei »ausgerichtet auf den Geistesbau der wahren neuen Menschengemeinschaft. Aber jedes Mal, wenn sich dieser Traum realisieren will, findet eine Missgeburt statt.« Träfe diese Prophezeiung zu, müsste man die heutigen, vom Joch des sozialistischen Parteitotalitarismus befreiten osteuropäischen Staaten als »Missgeburten« bezeichnen.

Schließlich lieferte Heten Wilkens in seiner barocken Rhetorik eine Analyse der »geistigen Situation der Mitte«, die auf dem Grundgedanken beruhte, dass diese Mitte ein Nichtort sei, eine Utopie also, die nicht als geographische Lage, sondern als Bewusstseinsverfassung aufgefasst werden müsse. Schon Goethe habe sich 1819 Gedanken über die geistige Verfassung der Studentengeneration in Mitteleuropa gemacht. Er habe diese unter einer universalen Perspektive betrachtet, ausgehend von der Frage, wie das Christentum zur Welt gelangt sei. Als Geburtshelfer hätten zwei Faktoren gewirkt: seine »sittliche Wirkung auf die Menge« und die einheitliche Planung eines »entschiedenen Bundes«. Zwischen beiden Faktoren, der »Disposition« (durch den Zeitgeist) und der »Determination« durch vorsätzlich handelnde Individuen, habe ein pulsierendes Wechselverhältnis bestanden und der neuen Religion zum Durchbruch verholfen. Auch in der Gegenwart sah Wilkens diese beiden Faktoren – die »epochale Disposition des Zeitgeistes« und die »Determination Einzelner« – walten. Die Anthroposophie müsse sich zu diesen beiden Faktoren jeweils neu ins Verhältnis setzen. Die Vermittlung zwischen beiden sei nicht gegeben, sondern aufgegeben. Ebenso wie das menschliche Herz zwischen dem wärmeren Stoffwechsel und dem kühleren Nervensystem vermittle, bilde sich die geistige Mitte aus dem Ausgleich zweier Polaritäten.

Ein imaginatives Bild für die geistige Situation der Mitte sei der Jüngling in Goethes Märchen. Dieser bewege sich suchend zwischen sinnlicher und geistiger Welt, zwischen Begabung und Lähmung. Er habe seine Herkunft vergessen und kenne sein Ziel nicht. Wie ein verlorener Sohn wandere er in der Fremde umher und ergreife erst durch die Begegnung mit der Welt seine Aufgabe, die Sondergaben der drei Könige (des goldenen, silbernen und ehernen) untereinander in einer höheren Einheit zu vermitteln. Nicht durch Vererbung, sondern durch Selbstbefähigung erlange er die Königswürde und trete allmählich an die Stelle des gemischten Königs. Er schaffe er ein Eigenreich, jenes der Liebe, die nicht herrsche, sondern bilde, ein Reich, das nicht gegeben sei, sondern stets von neuem entstehen müsse.

Ebenso müsse auch die Mitte als »geisttopographischer Ort« zwischen Ost und West aus der »Nullität« heraus stets von neuem gesucht und gefunden werden. Dabei spiele wiederum die Disposition durch den Zeitgeist (»die äußere Lebenslage«), die Seelenlage (die Beziehung zum »deutschen Volksgeist« – damit war die Mitte doch auch geographisch bestimmt) sowie die individuelle »Determination« (die spirituelle Erkenntnislage) eine Rolle, die der Mitte die Aufgabe zuweise, den hygienischen Okkultismus als Ausgleich zwischen dem mechanischen des Westens und dem eugenetischen des Ostens zu verwirklichen.

Die äußere Lebenslage zwinge Mitteleuropa dazu, in der »Nullität« zwischen zwei Machtblöcken seine Identität zu suchen. Zu dieser Identität gehöre die »Teilung«. Deutschland sei »ohne Friedensschluss« von einer Gruppe »planender Individuen« entzweit worden. An die Stelle eines Friedens sei das »Gleichgewicht des Schreckens« getreten, die Fähigkeit der Atommächte zum gegenseitigen Overkill. Der Friede als Gleichgewicht der Zerstörungsmacht stelle eine »Bewusstseins-Nullität der Urteilsbildung« dar. Die Kernkraft in beiderlei Anwendungen rufe in vielen Menschen einen »numinosen Eindruck« hervor. Das »Gleichgewicht des Schreckens« bringe eine »Doppelbedrohung furchtbarsten Ausmaßes zum Bewusstsein«. Statt der Versöhnung, der wahren Aufgabe der Mitte, tauche aus der Unterwelt das Gespenst der Selbstvernichtung der Menschheit auf. Die Ansammlung atomarer Vernichtungspotentiale im geteilten Land verlange von den Menschen, um des Friedens und der Sicherheit willen, einem möglichen Selbstmord der gesamten Bevölkerung zuzustimmen. Aus der zivilen Anwendung der Atomkraft ergebe sich eine »soziale Nullität«: die Gefahr der Zerstörung des menschlichen Lebens auf der Erde nicht durch den Overkill, sondern durch radioaktiven Fallout infolge atomarer Katastrophen. Die Frage stelle sich, ob die Erde auch in Zukunft der Planet sein werde, zu dem die Verstorbenen zurückkehren könnten.

Diese doppelte Bedrohung erzeuge Furcht. In dieser Furcht jedoch wirke auch der Zeitgeist, der mit seinen geschichtsbildenden Kräften die Menschen ergreife. Diese Kräfte zeigten sich in der Friedensbewegung, die zwar keinen Friedensschluss ersetze, aber immerhin die Menschen im geteilten Land in einer gemeinsamen geistigen Bewegung vereine. Gleichzeitig lasse sich die Neigung an der jungen Generation beobachten, aus der absurd gewordenen Phrasen-Zivilisation auszusteigen. Die Aussteiger verabschiedeten sich aus der westlich geprägten Welt der »Bewusstseins-Kollektive«, die von politisch-wirtschaftlicher Macht gesteuert würden. Gesteuert würden sie von Zirkeln, die zwar im Verborgenen wirkten, aber offenbare Wirkungen erzielten, wie die Aufrüstung im Dienste des Schreckens. Sie stiegen jedoch ebenso aus »der sozial-chiliastischen Theokratie des Sozialismus im Osten« aus, die bestimmt werde durch eine »ich-leere System-Sprache«, deren Phrasen keinerlei realen Inhalt besäßen. In dieser sozialistischen Phrasenwelt würden militärische Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung als Brüderlichkeit bezeichnet. Angesichts der doppelten Absurdität einer Freiheit durch Unterdrückung und einer Sicherheit durch garantierten kollektiven Selbstmord, bleibe der Mitte keine andere Wahl, als die Suche nach lebbaren Alternativen.

Diese Suche komme z.B. in der Frage Robert Havemanns an Breschnew zum Ausdruck, ob es nicht möglich sei, »36 Jahre nach Kriegsende Friedensverträge (zu) schließen und alle Besatzungstruppen aus beiden Teilen (Deutschlands) abzuziehen« sowie die Gestaltung Mitteleuropas den dort lebenden Menschen zu überlassen.

Eine Antwort auf die Frage gebe der eherne König in Goethes Märchen: »Das Schwert in die Linke, die Rechte frei!«. Die Aufforderung spreche von der Begabung des Willens mit Friedenskraft, die alles einsetze, um Feindbilder zu überwinden. Diese hänge von der »Bündnisfähigkeit freier Individualitäten für die Menschheits-Bruderschaft« ab.

Nun kam Wilken auf die seelische Beziehung der Deutschen zu ihrem Volksgeist zu sprechen. Im Unterschied zu anderen (von Steiner erwähnten) Völkern sei diese Beziehung bei den Deutschen fließend, sie bewege sich zwischen Annäherung und Distanzierung hin und her. Diese Fluktuation zeige sich an einer gewissen Uneindeutigkeit der Ausprägung ihrer kollektiven seelischen Eigenschaften, die wiederum in Angehörigen anderer Nationen den Eindruck erwecke, die Deutschen seien schwer verständlich. Der Deutsche schwanke zwischen Nationalität und Universalität, mit der Tendenz, beides phasenweise zu übertreiben, sich selbst zu wichtig zu nehmen oder zu verleugnen. Auch hier sei die Mitte nicht gegeben, sondern aufgegeben, eine »Nullität«. Folge sei ein seelisches Erlebnis der Ohnmacht. Aber diese Ohnmacht, die aus der problematischen Beziehung zum Volksgeist resultiere, gewähre dem Einzelnen eine um so größere Freiheit, dessen Inspirationen zu individualisieren: »Es gibt so viele Volksgeist-Offenbarungen, wie es Einzelne gibt; und diese sind alle verschieden geartet.«

Die schwache Verbindung zum Volksgeist zeige sich in der »problematischen Eigenschaft«, sich bis zur Selbstverleugnung dem anderen Volkswesen hinzugeben, der Neigung, die eigene Gedankenart oder Sprache aufzugeben – bis zum »Selbstverlust«. Dieselbe Eigentümlichkeit zeige sich auch in der Beziehung des Deutschen zu seiner Sprache, die ihn ständig nach neuen Wortbildungen suchen lasse. Der flüssigen, im unbestimmten verlaufenden Seelenverfassung entspreche die Suche nach einer Verflüssigung der Sprache, die sich beweglich der jeweiligen Situation anpasse. Daher das Bestreben, »Klischees im Sprachlichen zu liquidieren«, sofern überhaupt noch Sprachkultur vorhanden sei. »Dieser Sinn für die Liquidierung von Klischees«, so Wilkens, »speist sich aus der beeindruckenden Sorge, dass darin keine Engelkräfte walten.« Wo aber das Klischee walte, herrsche die »System-Sprache«, die festgefügte Gedankenformen ständig zwanghaft wiederhole und die individuelle Originalität auslösche. »System-Sprache« ist für Wilkens »ein gespenstisches Idiom, das uns Zeitgenossen überall und besonders im Fernsehen außergedanklich und doch zwingend-suggestiv umdröhnt. Sie entspringt ohne individualisierenden Ausdruckswillen und verweigert diesen. Wo aber individualisierender Ausdruckswille fehlt, wird die deutsche Sprache überhaupt verfehlt.«

Gelinge es aber, sich von der Herrschaft des Klischees – heute würden wir sagen, der »politischen Korrektheit« – zu befreien, dann könne »das Selbstbewusstsein des Denkens in der Sprache erwachen«. Ohne dieses Selbstbewusstsein – die Individualisierung der Sprache – gebe es keinen Brückenschlag in die imaginative Welt, die in Ausdrucks-Klischees keinen Eingang finde, sondern voraussetze, dass sich die Wort- und Satzbildungen den in sich bewegten Bildern lebendig anschmiegten. Ihre eigentümliche Plastizität prädestiniere die deutsche Sprache dazu, durchlässig für das Geistige zu werden. Allerdings setze dies deren Individualisierung voraus: »Weil die Prägung aus dem Volksgeist immer wieder erlischt, muss die individuelle sprachliche Leistung aus dem Gegebenen zu originaler Prägung ›erhoben‹ werden, damit überhaupt das Geistige sich in den Ausdruck ›verkörpert‹, vergegenwärtigt.«

Die seelische Hingabefähigkeit zeige sich schließlich im »Sinn für Menschenrechte«. Nicht in der Liebe zu jenem von Woodrow Wilson geschaffenen »Ungetüm des Selbstbestimmungsrechts der Völker«, sondern in der Liebe zur einzelnen menschlichen Individualität, die das Recht begründe, diese Individualität zu offenbaren. Dieses Menschenrecht fuße auf der »Wesensgleichheit« der einzelnen Ichwesen »kraft göttlichen Ursprungs«.

Der Auftrag, der sich aus all dem ableite, sei jener der Vermittlung, der Brückenbildung – zwischen Völkern, zwischen Regionen, zwischen Individuen, zwischen Nationen. Um so schockierender die Tatsache, dass an Stelle der Brücke eine Mauer stehe, die sich quer durch Mitteleuropa hindurchziehe und jeden Brückenbau verhindere. »Ahriman«, so Wilkens, »zeichnet deren Kontur quer durch Deutschland, quer durch die Hauptstadt.«

Für den deutschen Auftrag stehe das Christus-Wort des silbernen Königs: »Weide die Schafe!«. Darin komme nicht nur die Schönheit ästhetischer Offenbarung zum Ausdruck, sondern auch die Fähigkeit zur Sozialkunst, die Begabung, das Recht des Einzelnen mit jenem aller Menschen zum harmonischem Ausgleich zu bringen.

Schließlich kam der Vertreter der deutschen Landesgesellschaft auf die spirituelle Erkenntnislage zu sprechen, die der Mitte die spezifische Aufgabe des hygienischen Okkultismus zuweise. Unter Berufung auf Ausführungen Steiners vom 1. Dezember 1918[13], wies er den Angehörigen der drei Weltgegenden angesichts der Schwelle drei Fragen zu: den westlich orientierten die Frage »Was sollen wir tun?«, den am Osten ausgerichteten: »Wie können wir unserem Ideal entsprechen« und jenen der Mitte: »Bin ich wirklich auf eigenem Weg?«

Die westliche Frage sei Ausdruck einer »erdpragmatischen Potenz«, deren Gefahr darin bestehe, dass sie von Todeskräften (an die Erde) gefesselt werde. Möglicherweise sei das überzogene Sicherheitsdenken der USA, das sie nach dem Status der absoluten Raketenübermacht streben lasse, eine Folge jener Fesselung. Der östlichen Frage liege dagegen eine »programmatisch-ideologische Potenz« zugrunde, deren Gefahr in der Blendung des Menschen durch Ideologien, bestehe. Deutlich zeige sich dies in der Welt des realen Sozialismus, in dem eine Vision des künftigen Paradieses auf Erden (der klassenlosen Gesellschaft), zur Niederwerfung der Massen und Anbetung der Partei, der Instanz der Wahrheitsoffenbarung führe. Vereinseitigung auf beiden Seiten, »Schattenwürfe hoher Möglichkeiten«, deren Zerrbilder vom Hüter der Schwelle zurückgeworfen würden: »Vorausgedachte Glückszustände der Menschheit, die Verheißung gleichsam entfesselter Paradiese im unkonkreten Sozialismus, entarten in das Konzept, absolute, ideologische Welt-Kirche zu sein, welche mit nicht geringeren geistigen Machtansprüchen auftritt wie jene pragmatische Welt-Macht [der USA] für das Erdgebiet.«

In der Mitte wiederum erkannte Wilkens eine »individuell-karmische Potenz«, deren Gefahr im lähmenden Zweifel an der eigenen Bestimmung bestehe. Aber der Zweifel sei auch bewegende Kraft, die zur Suche aufmuntere, vor Grenzen nicht haltmache, nach Alternativen suche. »Es ist ein problematischer Prozess, bis man zu wesentlichen Motiven kommt, für innere Schicksalsentscheidungen, beruflich oder für den Fortgang der anthroposophischen Bewegung.« Die Entzweiung angesichts von Polaritäten – von Geburt und Tod, zwischen welchen sich der Lebenslauf ausspannt, zwischen Erkrankung, die zum Tode und Gesundung, die aus ihm herausführt – und das Finden einer ausgleichenden Mitte kennzeichnet laut Wilkens die spirituelle Aufgabe des hygienischen Okkultismus. Durch den Zweifel sei die Chance zur individuellen Urteilsbildung gegeben, zur Versöhnung von Wahrnehmung und Denken, zur Erkenntnis. Darin wirke wiederum der »Herzpuls des Erkenntniserlebens«, der in ständiger Bewegung zwischen Extremen vermittle und als Mitte nie feststehe.

Diesen Auftrag bringe der goldene König zum Ausdruck, der vom Jüngling verlange: »Erkenne das Höchste!« Der Quell des Freiheitswesens liege im Erkennen, denn Erkennen sei Hervorbringen. Und Freiheit wiederum führe zur Liebefähigkeit unter »karmisch verbundenen Individualitäten«, zur Bildung und Heilung der Gemeinschaft.

Aus dieser vermittelnden und verbindenden Funktion erschließt sich laut Wilkens auch die besondere Beziehung der geistig-kulturellen Mitte zum Universellen, das Entzweiungen und Polarisierungen überwindet, indem es sie aus ihrer Vereinseitigung befreit. Jenes Universelle stelle gegenüber den Volksgeistern der Zeitgeist dar: »Anthroposophie bietet den Boden, auf dem wir uns über alle Besonderheiten hinweg identifizieren können. Auf diesem geistigen Boden trägt der universale Zeitgeist: Michael.« Der Zeitgeist wirke aus einer Sphäre jenseits der räumlichen Gliederung in West, Mitte, Ost, aus jenem universalen Ort – eigentlich müsste man sagen »Nichtort« –, der laut Wilkens auch »Keimpunkt der Weihnachtstagung« war. Diese könne nicht zum Klischee verkommen, es sei denn, sie wäre bereits »verduftet«. Als Realität sei sie in ständiger Wandlung begriffen, sie führe das Ich und die Völker über sich hinaus und leite den Sinn in eine »offene Gesellschaft« – die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft. Tatsächlich identifiziert Wilkens letztere mit der offenen Gesellschaft, denn in ihr stehe »jede Individualität frei und unmittelbar zur Menschheit, zum universalen Weltgeist«. Diese Freiheit sei in Russland, Mitteleuropa oder den USA gleichermaßen erreichbar.

Wenn man diese Gesellschaft (die anthroposophische) mit Steiner als eine »Versuchsmethode des Allgemein-Menschlichen« verstehe, könne sich jeder Freie mit ihr identifizieren, durch alle Konflikte hindurch, über Generationen und ihre unterschiedlichen Strebensrichtungen hinweg. All diese Möglichkeiten des Menschseins, der individuellen und generationellen Selbstbestimmung würden von der Idee einer Versuchsmethode des Allgemein-Menschlichen mitumfasst.

Und der Zeitgeist wirke in der Zeit, nicht nur in der Anthroposophischen Gesellschaft, insofern biete jene mit ihren Symptomen dieser auch stets Anlässe zur Selbsterkenntnis. Drei Symptome werden von Wilkens erwähnt, in denen die Sehnsucht nach Überwindung der »furchtbaren Identifikation« der »Welt« mit einer leviathanschen »Staatenwelt« zum Ausdruck komme, Symptome, die unschwer als leitende Ideen der dreigliedrigen Gesellschaft zu erkennen sind: die Friedensbewegung [Geistesleben], der Ruf nach der Herrschaft des Rechts [Rechtsleben] und das Bewusstsein der wirtschaftlichen Interdependenz [Wirtschaftsleben].

Die Friedensbewegung versuche, sich freizumachen von der »Zwangslogik furchtbestimmter Atombewaffnung«. Der Ruf nach der Herrschaft des Rechts beziehe sich auf die Menschenrechte, die jenseits staatlicher Verfasstheit allgemeine Geltung beanspruchten. Das Bewusstsein globaler Interdependenz in der Ökonomie erkenne die Unausweichlichkeit der Überwindung des persönlichen oder kollektiven Egoismus und deute auf die Notwendigkeit einer das ganze Menschengeschlecht umfassenden Brüderlichkeit. Mit den realen Triebkräften der Geschichte, die in diesen Bewegungen zum Ausdruck kämen, müsse im Einklang handeln, wer Wirklichkeit und nicht Unwirkliches schaffen wolle.

Dies führe wieder zu Goethe zurück, der diesen Einklang als Zusammenspiel von individueller »Determination« und universeller »Disposition« beschrieben habe. Die Frage sei, ob die individuelle Determination (die moralische Intuition) sich im Einklang mit der geistigen Welt und dem irdischen Weltgeschehen befinde. Steiner habe diesen Einklang auch »Stimmung« genannt, die Wilkens als Einstimmung des Individuellen ins Universelle interpretiert. Die Frage sei aber auch, ob in den allgemeinen Dispositionen der Epoche wirkliche Ideale zum Ausdruck kämen. Solche Dispositionen habe Steiner als »öffentliche Meinung« bezeichnet.

Als Beleg für diese verwegenen Identifikationen führt Wilkens Notizen Steiners zu einem Aufruf zur Gründung eines Weltschulvereins an, in welchen beides, Stimmung und öffentliche Meinung, zusammengeführt würden: »Aus Stimmung und öffentlicher Meinung [wird] sich etwas bilden, das einer zivilisatorischen Forderung der Gegenwart entspricht. Und aus Stimmung und öffentlicher Meinung werden erst die Einrichtungen entstehen, die ein totes und ertötendes Geistesleben in ein lebendiges überführen.«[14]

Verlebendigung des Toten und Ertötenden im »Geistesleben« heißt demnach, wenn ich Wilkens richtig interpretiere, die Realisation eines zweifachen Zwiegesprächs: der individuellen Intuitionen mit dem allgemeinen Weltzusammenhang und der öffentlichen Meinung (des Mainstreams) mit dem Ideengehalt des wahren Zeitgeistes. Die Verwirklichung dieses doppelten Zwiegesprächs in der Anthroposophischen Gesellschaft setzt laut Wilkens voraus, dass sie sich als »Versuchsmethode« des Austauschs freier Individualitäten versteht; gelinge dieser Austausch, stelle er die Lebendigkeit der Gesellschaft sicher.

Wer an die Existenz einer Zukunft glauben wolle, müsse an die Wirksamkeit »ideeller Magie« glauben. Novalis habe dieser Magie die Fähigkeit der Versöhnung des Entzweiten zugeschrieben. Sie fuße auf der Überzeugung, dass ideelle Bildekräfte die Wirklichkeit zu gestalten vermöchten, und Kultur nicht bloß ein Abbild von Eigentums- oder Machtverhältnissen sei.

Wer von der »unvollendeten Aufgabe des deutschen Geistes« spreche, so Wilkens, müsse auch von der »unvollendeten Aufgabe des Weltgeistes der Anthroposophie« sprechen.

Damit wurde die Mitgliedschaft in die Abendpause entlassen. Sie kam im restlichen Verlauf der Generalversammlung nicht mehr auf Wilkens Ansprache zurück und verhandelte auch sonst keine Fragen von allgemeinem Interesse.

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wird fortgesetzt


Anmerkungen:


  1. Nachrichtenblatt, 59. Jahrgang, Nr. 17, 25. April 1982.
  2. Simonne Rihouët-Coroze, L’ anthroposophie en France. Chronique de trois quarts de siècle, Paris 1978.
  3. Christoph Lindenberg, Waldorfschulen: Angstfrei lernen, selbstbewusst handeln. Das erstmals 1975 im Rowohlt Verlag erschienene Buch erreichte 1995 eine Auflage von 231.000 Exemplaren.
  4. Atomkraft und Menschheitsverantwortung, 5. bis 7. März im Rudolf Steiner-Haus Stuttgart.
  5. Nachrichtenblatt, 59. Jahrgang, Nr. 20, 16.05.1982 und Nr. 21., 23.05.1982.
  6. Nachrichtenblatt, 59. Jahrgang, Nr. 22, 30.05.1982.
  7. Rudolf Steiner sprach am 25. November 1917 in Dornach über Verschwörungen okkulter Bruderschaften, die darauf abzielten das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts, die Erscheinung Christi in ätherischer Gestalt, zu verschleiern. Während er eine Tendenz zur »Zusammenschmiedung des Menschenwesens mit dem maschinellen Wesen«, mit Nordamerika in Zusammenhang brachte, ordnete er die Ausnutzung der kentaurischen Natur des Menschen dem Osten zu. Der Vortrag, der die heutige Entwicklung der Reproduktions- und Computertechnologie um ein gutes Jahrhundert vorausnimmt, schließt sich an zwei vorangehende an, und muss unbedingt im Zusammenhang mit diesen gelesen werden (18. und 19.11.1917). Über die Kentaurennatur des Menschen, die von östlichen Bruderschaften missbraucht werde, führte Steiner aus: »Bei andern Brüderschaften wiederum, die vor allen Dingen an dem Mysterium von Golgatha vorbeigehen wollen, wird es sich darum handeln, die zwiefache Menschennatur auszunutzen; diese zwiefache Menschennatur, die, so wie der Mensch in die fünfte nachatlantische Zeit hereingezogen ist, enthält auf der einen Seite den Menschen, aber in dem Menschen die niedere Tiernatur. Der Mensch ist ja gewissermaßen wirklich ein Kentaur: er enthält die niedere Tiernatur astraliter, er enthält die Menschheit gewissermaßen nur auf diese Tiernatur aufgesetzt. Durch dieses Zusammenwirken der Zwienatur im Menschen gibt es auch einen Dualismus von Kräften. Das ist jener Dualismus von Kräften, der mehr nach der östlichen, indischen Seite hin von gewissen egoistischen Brüderschaften benutzt werden wird, um auch den europäischen Osten zu verführen, welcher die Aufgabe hat, den sechsten nachatlantischen Zeitraum vorzubereiten.« GA 178, Dornach 1992, S. 170 ff.
  8. Die Ansprachen »an die russischen Zuhörer« sind abgedruckt in GA 158, Dornach 1993, S. 193-209.
  9. In dieser Ansprache heißt es u.a.: »Das, was kommen müsste, wenn nur die alten Impulse fortwirken würden, wäre ein vielleicht heute noch ungeahntes, die Menschen nicht nur […] in äußerer Beziehung Überwältigendes, sondern betäubendes Dominieren, Überhandnehmen der bloß äußerlichen Technik und ein Zugrundegehen […] alles religiösen, wissenschaftlichen, philosophischen, künstlerischen und auch im höheren Sinne ethischen Interesses. Zu einer Art lebendiger Automaten würden die Menschen, wenn nicht neue geistige Impulse kommen würden.« GA 158, S. 194.
  10. Steiners Rede von der »karmischen Schuld der Westeuropäer« an Indien und der spirituellen Rache des niedergedrückten Ostens am Westen durch die Blavatsky-Besant-Theosophie darf man als das lesen, als was sie gemeint war: als Kritik am Kolonialismus: »Dieser europäische Westen hat eine starke karmische Schuld; er kann nicht in die Geheimnisse des Daseins eindringen, ohne dass diese karmische Schuld in einer gewissen Weise sich geltend macht. Wenn Okkultismus irgendwo in Frage kommt, dann vertieft sich sogleich das Karma, dann werden gleich Kräfte an die Oberfläche gespielt, die sonst im Verborgenen bleiben. […] Der europäische Westen hat, indem er etwas ausführte, was in geschichtlicher Weise notwendig ist, unzählige Ungerechtigkeiten vollzogen an dem Träger alter spiritueller Kultur, an dem Träger alter okkulter Geheimnisse, in dessen Leben zwar für die Gegenwart die spirituellen Dinge erstarrt, nicht mehr vorhanden sind, aber auf dem Grunde der Seele leben. Denn so ist es in Wahrheit in Indien, in Südasien.« GA 158, S. 196. Außerdem decouvriert Steiner das verbreitete hohle Gerede vom »christlichen Abendland«: »Das Christentum […] hat noch nirgends auf der Erde gesiegt. Und derjenige, der heute glauben würde, dass er in wahrem, echtem Sinn das Christus-Prinzip und den Christus-Impuls schon in der Gegenwart vertreten könnte, würde einem unbeschreiblichen Hochmut zum Opfer gefallen sein. Was ist denn bisher überhaupt geschehen? Nichts anderes, als dass die westlichen Völker gewisse alleräußerste Äußerlichkeiten von dem Christentum aufgenommen haben, den Christus-Namen okkupiert haben und mit dem christlichen Namen ihre alten, vor dem Christentum in Europa sesshaft gewesenen Kulturen umkleidet haben, ihre nur in den modernen Industrialismus umgewandelten kriegerischen Kulturen. Herrscht der Christus innerhalb des christlichen Europa? Jeder Angehörige von okkulten Bewegungen wird niemals zugeben, dass der Christus innerhalb des christlichen Europas herrsche, sondern er wird sagen: Ihr sprecht ›Christus‹, ihr meint aber immer noch dasselbe, was die alten mitteleuropäischen Völkerschaften gemeint haben, als sie von ihrem Gott Saxnot sprachen. – Das Symbolum des Crucifixus steht über den europäischen Völkern. In gewisser Beziehung herrschen aber die Traditionen des Gottes Saxnot, dessen Symbolum das ehemalige kurze sächsische Schwert ist, das da war zur Ausbreitung nur der materiellen Interessen zunächst, denn das war der Beruf der europäischen Völkerschaften.« Ebd., S. 198. Diese Sätze sind heute zweifellos noch aktueller als zu dem Zeitpunkt, an dem sie gesprochen wurden.
  11. Im Rahmen von Die okkulten Grundlagen der Bhagavad Gita, Helsingfors, 28.05.-5.06.1923, GA 146.
  12. Die (zweite) Ansprache »an die russischen Zuhörer« geht nicht auf die »griechisch-orthodoxe«, sondern auf die »russische« Kirche ein, über deren Ostergottesdienst die Bemerkung fällt, jene, die »seine berufensten Interpreten« sein sollten, verstünden ihn am wenigsten. – Der Zyklus sollte ursprünglich in St. Petersburg stattfinden, das Vorhaben wurde jedoch durch den Heiligen Synod der russisch-orthodoxen Kirche verhindert. Finnland gehörte zwar auch zum Zarenreich, aber die Macht des Synod reichte nicht bis nach Helsingfors. Laut Kurt von Wistinghausen berichtete ihm Marie Steiner im März 1927: »Zu den Zyklen Rudolf Steiners in Helsinki (Helsingfors) über Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen im April 1912 und namentlich dem über Die okkulten Grundlagen der Bhagavad Gita im Juni 1913 (an letzterem hat N.A. Berdjajew teilgenommen) erschienen […] nicht nur Anthroposophen aus dem ganzen damaligen Russland, sondern […] auch manche sonst geistig interessierte Persönlichkeiten aus dem verhältnismäßig nah gelegenen St. Petersburg (Leningrad). Die dortigen Anthroposophen standen mit Denkern, Dichtern, bildenden Künstlern der Hauptstadt des Zarenreiches in lebhaftem Austausch und hatten sie auf die bevorstehenden Vorträge Rudolf Steiners aufmerksam gemacht. Bei manchen führte die Teilnahme zu vertieftem Interesse, bei andern zu einer mehr oder weniger heftigen Abwehr.« Zitiert in GA 146, Dornach 1962, S. 161.
  13. Die soziale Grundforderung unserer Zeit. In geänderter Zeitlage, GA 186, Dornach 1990.
  14. Die Fundstelle dieser Notizen konnte ich nicht auffinden. Aus anderen Ausführungen Steiners zum Projekt eines Weltschulvereins, den er als »Propaganda«instrument betrachtete, um Stimmung für die Idee eines vom Staat unabhängigen freien Geisteslebens zu machen, geht jedoch hervor, dass »Stimmung« von ihm keinesfalls als Herstellung eines Einklangs mit dem Universellen verstanden wurde. Auch die Verwischung des Unterschieds zwischen der »öffentlichen Meinung«, deren Phrasenherrschaft er höchst negativ bewertete, und den vom Zeitgeist inspirierten, allgemeinen Dispositionen einer Epoche, ist fragwürdig. Ausgehend von Berichten über die Behinderung von Waldorfschulgründungen in Holland durch den Staat führte Steiner beispielsweise am 3. Januar 1922 in einer Diskussion aus: »Nicht wahr, wenn diese Dinge nicht wären, dann würde ich ja niemals etwas, was doch nach einer gewissen Theorie hinneigt, wie der Weltschulverein, würde ich mich niemals für den Weltschulverein eigentlich entschieden haben dazumal. Aber gerade weil diese Dinge bestehen, meinte ich, dass der Weltschulverein zunächst etwas Praktisches wäre […] Und weil eben überall eigentlich, wo man die Schulen praktisch zunächst verwirklichen will, das auf Widerstände stößt, meinte ich, dass der Weltschulverein doch zunächst ein Praktisches ist, denn ich dachte ihn ganz im großen, weil er in der Welt Stimmung machen würde gerade eben für die Möglichkeit, freie Schulen zu schaffen. Das heißt, es müsste gegen die Strömung – ihren Höhepunkt erreicht sie ja gerade im Bolschewismus in Russland –, gegen diese Strömung, die ihren Höhepunkt also in der absoluten Staatszwangsschule findet, die aber sonst überall ist – man sieht ja eben nicht, dass Lunatscharski nur die letzte Konsequenz desjenigen ist, was ja überall in Europa in der Anlage vorhanden ist; solange es einem passt, sieht man nicht, dass es vorhanden ist –, also ich meine, es müsste [gegen diese Strömung] eine Strömung eingeleitet werden, die sich in entgegengesetzter Richtung bewegt: Lunatscharski — absolut den Staat zu einer großen Maschine machend, den Menschen zu einem Glied darinnen. Die andere Strömung müsste dahin gehen, Menschen zu erziehen. […]Das ist es, was ich gemeint habe, dass der Weltschulverein machen sollte: Stimmung in der Welt hervorrufen für solche Gesetze, die frei gestatten, Schulen aus der pädagogischen Notwendigkeit heraus zu begründen. Schulen können niemals aus Majoritätsbeschlüssen heraus begründet werden. Daher können sie auch nicht Staatsschulen sein.Also das ist dasjenige, was ich meine, für den ja sonst mir gar nicht sympathischen Weltschulverein sagen zu müssen. Er ist mir nicht sympathisch, weil er ein Verein, eine Propaganda ist; ich habe am liebsten das Wirken ganz aus dem Sachlichen heraus, nicht das Agitieren, nicht das Propagieren. Das sind mir alles entsetzliche Sachen. Aber wenn die Hände gebunden sind, wenn es eben nirgends möglich ist, freie Schulen zu begründen, so muss man eben erst die Stimmung schaffen, die diese freien Schulen möglich macht. Kompromisse können ja natürlich auch auf diesem oder jenem Gebiete berechtigt sein, aber wir leben heute in einer Zeit, wo uns jeder Kompromiss noch mehr ins Unheil hineinführt.« GA 303, Dornach 1987, S. 329-331. Anatol Wassiljewitsch Lunatscharski war zwischen 1917 und 1929 Kommissar für Volksbildung in der Sowjetunion.

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