1983 | Das Problem des Bösen und der Hang zum Gesamtkunstwerk

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Plakat der Ausstellung »Der Hang zum Gesamtkunstwerk«. Kunsthaus Zürich 1983

Plakat der Ausstellung »Der Hang zum Gesamtkunstwerk«. Kunsthaus Zürich 1983

Seit Juli 1982 gehörte Martin Barkhoff, der Sohn des Gründers der GLS-Bank, zu den Mitarbeitern der Goetheanum-Redaktion. Er hatte, wie Friedrich Hiebel bei der Generalversammlung am 27. März 1983 berichtete, seine Rechtsanwaltslaufbahn in Berlin aufgegeben, um seinen Wohnsitz in Dornach aufzuschlagen. Er war verantwortlich für das Nachrichtenblatt, die Beilage für die Mitglieder der Gesellschaft.[1] Diese neue Redaktionsverantwortung schlug sich auch in den Berichten von der Generalversammlung nieder, die zu epischer Breite heranwuchsen, und sich, im Gegensatz zu den Berichten aus den vorangegangenen Jahren, die von Kurt Franz David verfasst worden waren, teilweise wie literarische Essays lesen. So dankenswert dieser neue Stil der Berichterstattung ist – der sich offenbar eng an Tonbandaufzeichnungen anlehnt –, weil er das gesprochene Wort ausführlicher wiedergibt, lässt er aber auch deutlich werden, mit welch weitschweifigen, mitunter nichtssagenden Informationen die Mitgliedschaft von einzelnen Vorstandsmitgliedern behelligt wurde. Besonders Manfred Schmidt-Brabant zeichnete sich durch die Kunst aus, mit vielen Worten wenig bis nichts zu sagen und ephemere Themen, wie das Parkproblem am Goetheanum, die Frage des Einsatzes elektronischer Hilfsmittel im großen Saal oder die Häufigkeit von gemeinsamen Sitzungen des Vorstandes mit Generalsekretären oder Zweigleitern in bedeutungsschweren Worten üppig auszumalen.

Wie bereits in den vergangenen Jahren gedachte Rudolf Grosse einiger Verstorbener.[2] Dieses Jahr gehörten die »engste« Mitarbeiterin Ita Wegmans, Madeleine Deventer, Sophie Schmidt, die Ehefrau Hans Schmidts, des Verfassers der Chronik zu Rudolf Steiners Vortragswerk, der Hamburger Arzt Julius Solti sowie Hans-Rudolf Niederhäuser, ein Gründungsmitglied der Nachlassverwaltung zu den Dahingegangenen. Sie alle waren in den ersten drei Monaten des Jahres verstorben. Wie schon in früheren Jahren umschiffte Grosse bei seinem Totengedenken alle Anlässe, auf die Wunden einzugehen, die die Geschichte der Gesellschaft auch in den Biografien dieser Verstorbenen – insbesondere im Fall von Deventer und Niederhäuser – hinterlassen hatte, und erzählte stattdessen Anekdoten aus ihrem Leben, die mit ihren biografischen Kernanliegen und der Rolle, die sie in der Geschichte gespielt hatten, nicht einmal am Rande zu tun hatten. Bei Niederhäuser erwähnte er immerhin, dass dieser die Zeitschrift Menschenschule und zusammen mit Erich Gabert (1890-1968)– dem letzten noch von Steiner an die Stuttgarter Mutterschule berufenen Lehrer – im Rahmen der Gesamtausgabe die Lehrerkonferenzen herausgegeben hatte – die Nachlassverwaltung oder auch Marie Steiner kamen in seiner »Würdigung« aber überhaupt nicht vor. Auf diese Weise holte Grosse auch noch die größten historischen Kontrahenten heim in den Schoß der Gesellschaft und versäumte nicht, darauf hinzuweisen, dass sie auch – oder gerade – nach ihrem Tode für diese zweifellos segensreich wirken würden.

Die einzige einigermaßen bedeutsame Frage, auf die Schmidt-Brabant in seinem Rechenschaftsbericht einging[3], war die der »Weiterentwicklung« der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum. Zu dieser Frage erzählte er, habe zu Michaeli 1982 sogar eine Tagung nur für Hochschulmitglieder stattgefunden. Ja, seit Jahren beschäftige sie »die Generalsekretäre und den Vorstand«. Zu der in der Tat bedeutsamen Frage brachte er jedoch nur zweierlei vor: die Notwendigkeit einer Abgrenzung von »falscher Esoterik«, die sich »atavistischer Formen des Hellsehens« bediene, und die Notwendigkeit einer Abgrenzung von Universitäten in freier Trägerschaft auf anthroposophischer Grundlage (Herdecke), die er durch die Tatsache gewährleistet sah, dass in die Freie Hochschule am Goetheanum nur »Mitglieder der Klasse« aufgenommen würden. Was anthroposophische Geistesforschung von universitärer Forschung auf anthroposophischer Grundlage methodisch oder epistemologisch unterscheiden und was Wissenschaft in diesem Kontext bedeuten könnte oder ob eine solche Differenz überhaupt sinnvoll denkbar ist, war – abgesehen vom genannten rein formalen Kriterium – für Schmidt-Brabant offenbar überhaupt keine Frage. Ganz zu schweigen von der noch bedeutsameren Frage, ob und wenn ja, wie am Goetheanum Geistesforschung betrieben wurde.

Friedrich Hiebel wiederum berichtete über die bedeutsame wissenschaftliche Arbeit, die in der von ihm geleiteten Sektion betrieben wurde. Dazu gehörten Seminare, die Karl-Martin Dietz (*1945) »über die Bewusstseinsgeschichte der griechischen Philosophie« durchführte sowie Kurse von Heinz-Herbert Schöffler (1921-2003) über die Akademie von Gondischapur. Nicht unerwähnt ließ der Sektionsleiter einige Publikationen von Mitarbeitern seiner Sektion (Manfred Krüger [1938-2019], der auch die Schriftenreihe Logoi im Verlag Freies Geistesleben herausgab, die versuchte eine Brücke zur akademischen Wissenschaft zu schlagen, über Literatur und Geschichte; Wolfgang Greiner über Grals-Geheimnisse und die Mysterienwelt des Dramas; seine Frau, Hedwig Greiner, über Goethes Faust; Johanna Knottenbelt [1908-1995] über Dichtkunst und die Mysterien des Jahreslaufs; schließlich seine eigene Wenigkeit über Goethe und die Schweiz sowie Shakespeare). Außerdem kündigte er an, die Sektionsleitung aus Altersgründen (er wurde in diesem Jahr immerhin 80) an Hagen Biesantz abzugeben, der »strengen Wissenschaftsgeist mit freier Künstlernatur« verbinde – und für den einige Jahre zuvor die Sektion für Kunstwissenschaft geschaffen worden war. Diese wurde nun mit der Sektion für Schöne Wissenschaften unter seiner Leitung zusammengelegt.

Während sich Schmidt-Brabant in Verwaltungsangelegenheiten erging, zu welchen auch die Gründung einer neuen Landesgesellschaft in Spanien gehörte und Hiebel über Buchpublikationen berichtete, konnte Jörgen Smit als Leiter der Pädagogischen Sektion die Erfolgsgeschichte der internationalen pädagogischen Bewegung der vergangenen Jahre weitererzählen, die dazu geführt hatte, dass mittlerweile 308 Waldorfschulen weltweit existierten, die der steigenden Nachfrage keineswegs gerecht zu werden vermochten.[4] Zehntausende von Kinder strebten der Waldorfpädagogik entgegen, die nicht in ihren Genuss gelangen konnten. Um so größere Anstrengungen seien erforderlich, diesem Bedürfnis entgegenzukommen. Daraus sei im Haager Kreis die Idee zu einer Tagung der internationalen Waldorfbewegung am Goetheanum entstanden, die sich der Meditativ erarbeiteten Menschenkunde widmen wolle. Die Tagung stand zu Ostern bevor. Bereits im Jahr zuvor hatten sich über 2000 Teilnehmer angemeldet, zu bewältigen waren aber maximal 1500. Dazu musste die Bühne bestuhlt, Eurythmieaufführungen doppelt durchgeführt und zusätzliche Räume in benachbarten Schulen und Seminaren angemietet werden, um alle angebotenen Kurse durchführen zu können. Auch die Unterbringung so vieler Tagungsgäste war keine einfache Aufgabe. Smit sah den Sinn einer solchen Mammutveranstaltung weniger in der inhaltlichen Vertiefung, als darin, dass sie durch ihre schiere Quantität in den Teilnehmern ein Bewusstsein zu erzeugen vermochte, einer größeren, eben globalen Bewegung anzugehören und dadurch ihre Motivation zu fördern. Wir kommen weiter unten auf diese interne Lehrertagung zurück. Offen sprach Smit die mit dem Waldorfboom verbundenen Probleme der Lehrerrekrutierung an. Schon damals, zu Beginn der 80er Jahre herrschte ein Mangel an gutausgebildeten Waldorflehrern, besonders in der Oberstufe. Die neuen Kurse an den Seminaren in Kassel, Stuttgart und Dornach sollten diesem Mangel abhelfen. Das Problem, dass man, wie Smit sagte, »manchmal … tüchtige Lehrer, die aber noch gar nicht Anthroposophie gearbeitet hatten, hereinnehmen« musste, »um Lücken in der Oberstufe zu füllen«, ist bis heute geblieben, ja es hat sich sogar intensiviert. Ein weiteres Problemfeld zeigte sich in der Zusammenarbeit der zusammengewürfelten Kollegien. Die mangelnde Sozialkompetenz führte zwar zu »vorübergehenden Niederlagen« – wohl Schulkrisen – , aber solche Niederlagen sollten laut Smit nur ein Ansporn sein, eine umso stärkere Kraft zu entwickeln, die »weltumfassend« werden müsse. Ohne Bedenken sprach Smit von einer »Weltschulbewegung«. Man konnte das Projekt der pädagogischen Erneuerung der Menschheit nicht groß genug denken.

An Smit schloss sich Hagen Biesantz an, der über das Ergehen der Künste und der Kunstwissenschaft am Goetheanum berichtete.[5] Im Sommer des vergangenen Jahres hatte ein Faust-Festival stattgefunden, das eine bereits 1915 – zunächst mit eurythmischen Darstellungen zu Szenen aus Goethes Meisterwerk – begonnene Tradition fortführte. Die Welturaufführung des gesamten Faust fand 1938 zur Eröffnung des zweiten Goetheanum kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs statt. Im vergangenen Jahr hatte Walther Roggenkamp konsequent Anregungen Steiners zur Arbeit mit mehrfarbiger Beleuchtung umgesetzt. Eine Publikation, die Wolfgang Greiner, Walther Roggenkamp und Michael Blume gemeinsam verfasst hatten, dokumentierte die Arbeit des Goetheanum-Ensembles am Faust. Das Buch fand auch Käufer außerhalb anthroposophischer Kreise. Neben Faust widmete sich die Bühne auch anderen Autoren: Gozzi und Shakespeare (Liebe macht klug und das Wintermärchen) kamen zur Aufführung, letzterer auch im Rahmen einer Tournee. Die Eurythmiebühne hatte an einem Theaterfestival in Mulhouse (Elsass) mitgewirkt und für Furore gesorgt. Schauspieler und Eurythmisten, aber auch Musiker waren höchst aktiv und produktiv. Insgesamt hatten 1982 16 Rezitationsabende stattgefunden, 33 Eurythmieaufführungen, 86 dramatische Darbietungen (Faust eingeschlossen), drei Konzerte und zehn Gastspiele auswärtiger Künstler. Die statistische Bilanz ergab 3,5 Aufführungen pro Woche während der Spielzeit. Carlos Chiappini, der diese Statistik erstellt hatte, konnte, wie Biesantz bemerkte, aber nicht herausfinden, »was die Zuschauer der halben Aufführungen« erlebt hätten. Die Erkrankung eines Hauptdarstellers hatte im Herbst des vergangenen Jahres zur Absage einer Aufführung geführt und zum Vorhaben, die Inszenierungen jeweils mit Zweitbesetzungen für den Notfall auszustatten. Diese erwiesen sich als Chancen für Nachwuchsschauspieler, die in Voraufführungen nunmehr ihr Können präsentieren konnten. Die großen Sommeraufführungen blieben allerdings den etablierten Besetzungen vorbehalten. Auch im Bereich der Musik zeichneten sich neue Entwicklungen ab: Gotthard Köhler führte seit einigen Jahren regelmäßig Musikertagungen durch, während Josef Gunzinger die Kontakte in die nichtanthroposophische Musikwelt ausbaute. Ihre eigenen Tagungen führten die Sprachgestalter durch, die nicht nur als Rezitationskünstler unterwegs waren, sondern auch an Waldorfschulen. Außerdem fanden Eurythmietagungen und Konferenzen von Eurythmieschulleitern am Goetheanum statt.

Biesantz berichtete auch von Planungen für das Jahr 1984, in dem der 100. Geburtstag Albert Steffens bevorstand. Er gewährte einen Einblick in veranstalterische Überlegungen, die versuchten, Steffens Werk mit Signaturen der Gegenwart in Zusammenhang zu bringen. Sowohl Steffens Werk als auch die Zeitgeschichte legten die Auseinandersetzung mit dem Problem des Bösen nahe. »Alle Welt erwartet etwas in dieser Richtung für 1984 durch das Buch von Orwell. Zugleich ist es aber auch ein Hauptlebensmotiv Albert Steffens, das mit seinem inneren Manichäertum zusammenhängt.«

Die Suche nach geeigneten Stücken in Steffens Oeuvre führte zu den Märtyrern. Während sein Drama Hieram die Auseinandersetzung mit dem Bösen in vorchristlicher Zeit behandle und Barrabas dasselbe Motiv zur Zeitenwende, transponierten die Märtyrer das Problem an das Ende des Jahrhunderts. Um das letztere Drama, das sich mit dem Widerstand von Vertretern des Roten Kreuzes gegen die Zumutungen eines totalitären Regimes befasst, die wegen ihres Widerstandes erschossen und dadurch zu Märtyrern der Menschlichkeit werden, hatte sich dereinst (1945) eine erregte Kontroverse zwischen Steffen und Roman Boos abgespielt. Biesantz und seiner Planungsgruppe schwebte vor, einen Übergang von Barrabas zu den Märtyrern durch Caligula von Strindberg zu schaffen, das den Cäsarenwahnsinn darstelle, durch Dostojewskis Großinquisitor, der das Mittelalter betreffe und schließlich durch Rolf Hochhuth, der in seinem Stellvertreter in einem Dialog »zwischen dem Abgrundbösen und einem Menschen«, der bereit sei, sich aus seiner eingeborenen Menschlichkeit heraus zu opfern, »die ganze Verworfenheit des 20. Jahrhunderts« zutage treten lasse. Als Abschluss dieser Komposition biete sich, so Biesantz, das vierte Mysteriendrama Steiners an, in dem »um das Heilmittel für das aus der technischen Zivilisation aufsteigende Böse« gerungen werde. Die Auseinandersetzung mit dem Bösen solle zugleich Jahresthema der anthroposophischen Arbeit 1984 werden.

Anerkennung wurde 1982 Arne Klingborg zuteil, der die Ausstellung über Rudolf Steiners Bauimpuls für eine Tour durch Nordamerika aufbereitet hatte. Die Eröffnung der Tour fand im Mai 1982 in der National Academy of Design, New York, statt. Biesantz hielt im Zusammenhang mit der Eröffnung einen Vortrag im Guggenheim Museum. Die New Yorker Ausstellung zog rund 30.000 Besucher an und wurde anschließend an der Harvard University in Boston gezeigt. Weitere bedeutende Museen und Institute folgten.

Eine weitere Ausstellung mit Exponaten aus dem Goetheanum fand zur Zeit der Generalversammlung in Zürich über den Hang zum Gesamtkunstwerk statt. Kurator war der international angesehene Ausstellungsmacher Harald Szeemann, mit dem das Goetheanum, wie Biesantz erzählte, im Zusammenhang mit seiner Ausstellung über den Monte Veritá[6] »Schwierigkeiten« gehabt habe. Die Schwierigkeiten wurden durch eine »verzerrte Darstellung« Steiners ausgelöst. Eine Intervention Edwin Froböses und der Nachlassverwaltung hatte dazu geführt, dass Szeemann diese Darstellungen korrigierte. Aus der Begegnung entwickelte sich eine bleibende Fernbeziehung zwischen Szeemann und der Anthroposophie, die sich nicht zuletzt auch in seiner späteren Beschäftigung mit Joseph Beuys manifestierte. Die Zürcher Ausstellung über das Gesamtkunstwerk wurde später auch in Wien, Düsseldorf und Berlin gezeigt. Im Mittelpunkt stand die Idee des Gesamtkunstwerks, die Szeemann auf Richard Wagner zurückführte, zu dessen 100. Todestag sie eröffnet wurde. Neben Bayreuth war auch Ludwig II. mit seinen Märchenschlössern vertreten, das Goetheanum, der Merzbau Kurt Schwitters, die Kathedrale Sagrada Família von Antonio Gaudí, aber auch der Monte Verità und Anselm Kiefers mythologische Allegorien. Bei der Vorbereitung seiner Ausstellung hatte er auch das Gespräch mit dem Goetheanum gesucht, was nahelag, wenn er dessen Exponate in sie integrieren wollte. Während er alle Projekte zur Verwirklichung der Idee als gescheitert betrachtete, sah er doch eines als gelungen an: das Goetheanum. Biesantz ließ die Kritik nicht unerwähnt, die von anthroposophischer Seite daran geübt worden war, dass Szeemann erlaubt worden sei, das Goetheanum in einer teilweise anrüchigen Umgebung zu präsentieren, zu der auch die Projekte »totalitärer Künstler« gehörten (z.B. Alfred Speer, Hitler oder Mussolini). Er stellte der Kritik entgegen: »Die Freunde der Nachlassverwaltung, die daran beteiligt sind, und wir im Vorstand haben uns die Auffassung gebildet, dass es wichtig ist, in der Öffentlichkeit darzustellen, dass Rudolf Steiner der einzige war, der ein Gesamtkunstwerk voll realisiert hat. Ebenso war es uns wichtig, dass auf diese Weise die Baumodelle und auch einige Originalskizzen Rudolf Steiners auf sehr viele Menschen wirken können und ihnen unter Umständen einen Weg zu Rudolf Steiner selbst zeigen können.« Außerdem seien solche öffentlichen Anlässe stets Gelegenheiten, mit »wichtigen Persönlichkeiten« ins Gespräch zu kommen, also wie wir heute sagen würden, Promi-Hopping zu betreiben. So habe er sich bei der Eröffnung mit dem Alt-Bundespräsidenten Walter Scheel unterhalten können, ebenso mit Helmut Schmidt und Klaus von Bismarck, dem Präsidenten des Goethe-Instituts, der immer wieder betont habe, sie seien als Repräsentanten ihrer Institutionen bzw. ihrer Interessen durch Goethe miteinander verbunden. Helmut Schmidt hingegen habe die Meinung vertreten, ein Gesamtkunstwerk könne es nicht geben, deswegen sei die Ausstellung sinnlos, wohingegen Scheel den Wunsch geäußert habe, das Goetheanum zu besuchen. Für bemerkenswert hielt Biesantz, dass der Präsident des Goethe-Instituts das Modell des zweiten Goetheanum für einen Theaterbau hielt, was ihm die Gelegenheit gab, ihn darüber aufzuklären, dass genau dies der Fall sei. Etwas verwunderlich schien ihm hingegen, dass dem Präsidenten des Goethe-Instituts dies nicht bekannt war, trotz aller Faust-Aufführungen seit 1938. Immerhin habe er ebenfalls die Absicht geäußert, das Goetheanum zu besuchen.

Seit Gisela Reuther die Finanzberichte an den Generalversammlungen vortrug[7], gehörten diese zu den interessantesten Beiträgen der Veranstaltung. Kein Bericht war wie der andere, jedes Mal beleuchtete sie die Geldflüsse und Vermögensverhältnisse unter anderen Gesichtspunkten und vermittelte neue Einsichten in das dröge Zahlenmaterial, das doch in Wahrheit die lebenerhaltende Blutzirkulation des geistig-sozialen Organismus repräsentierte, der aus Gesellschaft, Bewegung und Institutionen bestand. In diesem Jahr lenkte sie den Blick auf die monatlichen Geldbewegungen, die sich durchschnittlich auf eine Million Franken beliefen, die in das Goetheanum hinein- und wieder hinausströmten. Sie schlüsselte diese Bewegungen nach ihren unterschiedlichen Herkünften auf: 40% oder 5,1 Millionen der Ausgaben im Berichtszeitraum waren durch Beiträge, Spenden, Legate und Förderbeiträge befreundeter Institutionen und Stiftungen getragen worden, 60% oder 7,5 Millionen durch eigene Einnahmen des Goetheanum. Unter den letzteren entfielen 21%, etwa 2,6 Millionen, auf künstlerische Darbietungen, Ausstellungen und Führungen. Gegenüber dem Vorjahr waren dem Goetheanum aus der Gesamtgesellschaft rund 400.000 Franken mehr zugeflossen, eine Mehreinnahme, die Reuther auf das wachsende Vertrauen in dessen Arbeit, aber auch auf die zunehmende Zahl der Mitglieder zurückführte, die im vergangenen Jahr um 5% gewachsen war. Detaillierter schlüsselten sich die Zuwendungen wie folgt auf: 60% entfielen auf Mitgliederbeiträge, 25% auf Spenden, 10% auf Legate und 5% auf Förderbeiträge anderer Institutionen. Auch eine Gliederung nach Kontinenten bot sie: aus 14 europäischen Ländern stammten 83,4% der Finanzierung (2,55 Mio), aus zwei nordamerikanischen Ländern (USA und Kanada) 6,96% (213 Tsd), von direkt an Dornach angeschlossenen Einzelmitgliedern 6,69% (205 Tsd), aus Australien und Neuseeland 1,71% (52 Tsd), aus 5 südamerikanischen Ländern 0,86% (25 Tsd), aus Afrika 0,35% (10 Tsd) und aus 3 asiatischen Ländern 0,03% (945 Franken). Soviel zur »Weltbewegung« bzw. »Weltgesellschaft«, von der auf Generalversammlungen so gerne gesprochen wurde. Aber was nicht war, das konnte noch werden. Die höchsten Durchschnittsbeiträge pro Mitglied (bezogen auf einen Sollbeitrag von 100 Franken) stammten aus den USA (87,35%), gefolgt von Europa (83,65), Australien und Neuseeland und den übrigen Kontinenten. Allerdings stand die amerikanische Landesgesellschaft nur deshalb an der Spitze, weil der Verkauf einer Immobilie in New York sie in die Lage versetzt hatte, Rückstände der vergangenen Jahre auszugleichen und die gegenwärtigen Beiträge aufzustocken. Von den 1,3 Millionen Franken Spenden gingen rund 50% als Weihnachtsspende ein. 51% der Spenden entfielen auf Mitglieder in Deutschland, die 41% aller Mitglieder repräsentierten, 24% auf Schweizer Mitglieder (12%), die restlichen 25% auf den Rest der Welt.

Reuther gewährte auch einige Einblicke in die Struktur der institutionellen Spender, die einerseits aus Wirtschaftsbetrieben und anthroposophischen Einrichtungen, andererseits aus Stiftungen und Fördervereinen bestanden. Unter den Stiftungen ragten durch ihre Zuwendungen die Mahle-Stiftung (Stuttgart), die Rudolf und Clara Kreutzer-Stiftung (Nürnberg), die Humanus-Stiftung (Basel) und die Robert Schulmeister-Stiftung (Ulm) sowie die Stiftung La Bruyère Blanche (Vaduz) hervor. Zu den anthroposophischen Fördervereinen zählten die Gemeinnützige Treuhandstelle in Bochum und verschiedene Schweizer Dotationsvereine, die ihre Mittel hauptsächlich aus Sachwerten (Immobilien) schöpften. Unter den Wirtschaftsbetrieben stand die Weleda mit ihren Spenden und Lizenzleistungen, die auf eine seit Anbeginn von Steiner und Ita Wegman geschaffene Verbindung zwischen Gesellschaft und Unternehmen zurückgingen, an erster Stelle.

In diesem Bereich sah Reuther aber noch erhebliches Potential: »Aus der Kraft des Individuums wird immer stärker entdeckt, dass aus dem Gesamtzusammenhang heraus erst ein heilsames Ganzes entstehen kann. Die eigene örtliche Aufgabe erfüllen und etwas in den Gesamtzusammenhang abgeben ohne sichtbaren Rückfluss, das gibt den Atem, den Lebenszusammenhänge benötigen … ›Entdecken‹ müssen es aber die einzelnen Menschen selbst, die in den Institutionen und Betrieben aus der Anthroposophie ihre geistige Nahrung schöpfen. Auch dies erfordert Freiheit und Einsicht«, kommentierte sie. Aus ihren Ausführungen über das Umlaufvermögen der Gesellschaft geht außerdem hervor, dass diese – einschließlich des Goetheanumbaus – Immobilien im ungefähren Wert von 7,2 Millionen Franken besaß, darunter 57 Häuser in Dornach (in denen meist Mitarbeiter untergebracht waren), aber auch Anteile an den Räumen der italienischen Landesgesellschaft in Mailand oder an einem Berliner Miethaus – ein Besitz, der sich auf insgesamt 62 Liegenschaften addierte. Das in Immobilien gebundene Vermögen war allerdings (von Mieteinnahmen abgesehen) unproduktiv, da es nicht für den laufenden Betrieb oder zukünftige Unternehmungen verwendet werden konnte, es sei denn, die Immobilien wären verkauft worden.

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Anmerkungen:


  1. 1984 sollte er zusammen mit Manfred Krüger die Redaktion des Goetheanum von Friedrich Hiebel übernehmen. 1996 legte Krüger seine Mitarbeit nieder.
  2. Nachrichtenblatt, 60. Jg., Nr. 17, 24.04.1983.
  3. Nachrichtenblatt, 60. Jg., Nr. 18, l.05.1983.
  4. Nachrichtenblatt, 60. Jg., Nr. 21, 22.05.1983.
  5. Nachrichtenblatt, 60. Jg., Nr. 22, 29.05.1983
  6. Monte Verità. Le mamelle della verità / Die Brüste der Wahrheit. Die Wanderausstellung wurde im Sommer 1978 in Ascona eröffnet und später in Zürich, Berlin, Wien und München gezeigt.
  7. Nachrichtenblatt, 60. Jg., Nr. 23, 5.6.1983.

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