1983 | Logik des Todes, pädagogische Belebung

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Seymour Papert, Mindstorms

Seymour Papert, Mindstorms

Der englische Generalsekretär John Davy berichtete bei der Generalversammlung 1983 unter dem Rubrum »Auseinandersetzung mit dem Bösen« über einen neuen Angriff auf die Kindheit in der englischsprachigen Welt.[1] Dieser ging nach seiner Ansicht von der Informationstechnologie aus. Die englische Regierung habe die Ausstattung von Schulen mit Computern verfügt, amerikanische Kinder besuchten inzwischen Sommerlager, die sie in den Gebrauch dieser neuen Technologie einübten. Im Hintergrund stünden wirtschaftliche Interessen (der Computerproduzenten), gezielt geschürt werde jedoch die Angst der Eltern, ihre Kinder würden von der technologischen Entwicklung abgehängt und damit von Statusverlust bedroht, wenn sie sich nicht früh genug mit ihr vertraut machten. Argumente, die uns aus der Gegenwart allzu gut vertraut sind. Davy wies auf den Mathematiker Seymour Papert, einen Schüler Piagets hin, der eine Programmiersprache für Kinder namens »Logo« entwickelt und das Buch Mindstorms. Children, Computer and Powerful Ideas veröffentlicht hatte,[2] in dem er eine mechanistische Theorie des Lernens entwickle. Programmiersprachen als Unterrichtsinhalt verglich Davy mit dem Latein, das laut Bemerkungen Steiners in einem Arbeitervortrag[3] die gebildeten Klassen, die darin unterrichtet worden seien, daran gehindert habe, ein selbstständiges Denken zu entwickeln, da es dem Menschen die ihm immanente Logik aufzwinge.

Das Latein als Sprache der gebildeten Klassen sei heute praktisch ausgestorben, aber nun erhebe sich eine »riesige Kulturwelle« aus dem Westen, die jeden, der gebildet erscheinen wolle, dazu zwinge, sich Computersprachen anzueignen. Die Bemerkung ist in gewisser Weise hellsichtig – wenn auch anders, als von Davy gemeint: nicht Computersprachen bestimmen heute unsere Beteiligung an Bildung, ja sogar an Kultur, sondern die Sprache der Computer – d.h. die Weltdeutung und Handlungsroutinen, die sie uns aufzwingen, wenn wir sie benutzen. Die Computer- oder Programmiersprachen sind längst hinter »userfreundlichen« Oberflächen verschwunden, bestimmen aber im Hintergrund, wie uns die virtuelle Repräsentation der Wirklichkeit dargeboten wird und was uns von ihr dargeboten wird. Kaum jemand in der gebildeten oder entwickelten Welt kommt heute mehr um diese Nutzung herum, sei es auch nur, dass wir uns der Smartwaches oder Smartphones oder eben des Internets bedienen, zu dem wir keinerlei Zugang hätten, wenn wir uns nicht dem Diktat der Terminals und Tastaturen, der Browser und Betriebssysteme unterwürfen. Im Folgenden charakterisierte Davy die binäre Logik der Computersprachen – eigentlich der gesamten Informationstechnologie, als eine »Logik des Toten« – man kann in der Welt der Nullen und Einsen nur lebendig oder tot sein, etwas Drittes gibt es nicht – während man in der realen Welt auch halb lebendig oder halb tot oder – vor allem – beides zugleich sein kann. Und die Frage, die er sich stellte, stellt sich heute noch viel mehr: Was ist nötig, um einen Ausgleich zu dieser virtuellen Welt zu schaffen, in der das Tote oder Scheinlebendige gegenüber dem wahrhaft Lebendigen triumphiert? Davy sah eine Antwort in der Ausbreitung der Waldorfpädagogik, einer Pädagogik, die sich darum bemühe, Kinder in eine »kräftige Kultur des lebendigen Wortes« einzuführen, ehe sie »der toten Sprache der Computerintelligenz« begegnen. Waldorfschulen müssten, so Davy, Pioniere bei der richtigen Einführung von Oberstufenschülern in diese neuen Kulturtechniken sein und die kleineren Kinder vollkommen vor ihnen schützen. Inzwischen hat sich diese Einsicht bekanntlich auch im Silicon Valley verbreitet, dessen Manager und Entwickler ihren Nachwuchs auf Waldorschulen schicken und Technikabstinenz im zarten Kindesalter predigen.[4]

Ermengarde de la Houssaye berichtete über die Entwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden, die in den zurückliegenden Jahren ein deutliches Wachstum in die Breite verzeichnet hatte. Überall im Land sprossten Initiativen aus dem Boden und führten zu Gründungen von Kindergärten, Freien (Waldorf-) Schulen, Ambulatorien, Läden, Begegnungszentren, zu Kursen und öffentlicher Vortragstätigkeit. Zu den seit langem etablierten Zweigen traten viele neue Arbeitsgruppen hinzu, deren Verhältnis zur Gesellschaft nicht immer klar war. Im Mittelpunkt vieler Veranstaltungen stand die Freie Hochschule in Driebergen. Bereits im Herbst 1980 war die Leitungsstruktur der niederländischen Landesgesellschaft umgestaltet, der Vorstand verkleinert und die Arbeit dezentralisiert worden, so dass beweglicher auf die vielfältigen Initiativen im Land reagiert werden konnte. Der Vorstand pflegte regelmäßige Kontakte mit dem Verlag Vrij Geestesleven (Freies Geistesleben), der Triodos Bank, der Vrije Hogeschool (Freien Hochschule) und dem Freien Studienzentrum für Anthroposophie. Dem nunmehr siebenköpfigen Vorstand stand ein Kreis von 24 Beobachtern zur Seite, die mit den einzelnen Arbeitsfeldern verbunden waren und ersterem regelmäßig Bericht erstatteten bzw. ihm die Anliegen ihrer Arbeitsfelder unterbreiteten.

In Belgien kam die Freie Volkshochschule, die 1980 als Institut für Allgemeinbildung in Antwerpen gegründet worden war, aufgrund ihrer Anerkennung durch das Kultusministerium in den Genuss staatlicher Subventionen, obgleich sie sich ausschließlich mit Anthroposophie und ihren Arbeitsgebieten beschäftigte. Zum zweiten Mal führte sie einen berufsbegleitenden Zweijahreskurs für Waldorfpädagogik durch, der von 40 Teilnehmern besucht wurde. 1982 hatten hier 50 Dozenten unterrichtet, viele von ihnen aus Holland; insgesamt liefen 30 unterschiedliche Kurse mit 1.250 Unterrichtsstunden, die von durchschnittlich 20 Teilnehmern besucht wurden. Diese Zahlen summierten sich auf 25.000 Unterrichtsstunden in Anthroposophie. Gegenüber 1980 hatte die Freie Volkshochschule ihre Aktivitäten verdoppelt.

Der italienische Generalsekretär, Aldo Bargero, erinnerte daran, dass es neben der Ost-West- auch eine Nord-Südpolarität gebe,[5] und Italien, wenn nicht zum globalen, so doch zum europäischen Süden gehöre. Auch für sein Land sah er Hoffnung, obwohl dessen öffentliches Leben mit seinem grassierenden Egoismus deutlich von den Irrwegen der Empfindungsseele zeuge. Aber gerade im dadurch geschaffenen Chaos liege eine Chance, da das Fehlen einer alles durchdringenden, funktionierenden Bürokratie auch ungeahnte Möglichkeiten für individuelle Initiativen eröffne. Als eine solche stellte er das im Aufbau begriffene anthroposophische Kulturzentrum in der Venedig auf dem Festland gegenüberliegenden Stadt Mestre dar. Der Eisenbahnknotenpunkt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Dogenstadt eingemeindet worden war, biete mit den rauchenden Schloten seines Industriegebiets nicht gerade einen erhebenden Anblick, und doch bilde sich gerade dort, vor den Toren der allmählich in den Fluten versinkenden Inselstadt, der Keim eines Kulturzentrums. Kern des Zentrums war ein Theater, das bis zu 300 Zuschauern Platz bot, auf dem Gelände sollten auch eine Waldorfschule, Arztpraxen und landwirtschaftliche Initiativen untergebracht werden. Auch die Tatsache, dass die Umgebung nicht von gebildeten Schichten, sondern von Industriearbeiterschaft besiedelt war, stellte laut Bargero eine Chance dar. »Es gibt keine alte Kultur, und das ist eine wirklich besondere Chance für ein neues anthroposophisches Leben.« So wenigstens sahen die Planungen oder Hoffnungen aus, die sich allerdings zerschlugen. Die wenigen Waldorfschulen in Italien, in Mailand und Rom, gingen ihren Weg, beide waren in neue Gebäude umgezogen. Die etwa 50 italienischen Ärzte und Medizinstudenten hatten sich als Arbeitsgruppe auf sachlichem Felde konstituiert, zwölf der Ärzte praktizierten in Mailand, sieben in Rom, der Rest verstreut im Land bis hinunter nach Palermo.

Vom Süden schweifte der Blick in den benachbarten Norden, nach Österreich. Aus der Alpenrepublik berichtete Reimar Thetter von einem Erfolg auf medizinpolitischem Gebiet.[6]

Hier war es gelungen, die anthroposophische Medizin in das neue Arzneimittelgesetz zu integrieren und ihr damit handgreifliche Vorteile zu verschaffen. Thetter sprach jedoch nicht über diese Vorteile, sondern über die Erfahrungen mit der österreichischen Bürokratie, davon, dass es zwar möglich sei, einzelne Beamte von individuellen Vorurteilen zu befreien, um so schwerer aber, diese erweiterte Perspektive in den bürokratischen Apparat zu transferieren. Die Bürokratie stelle sich wie ein inhumanes, anonymes Machtgespinst dar, das über die Gesellschaft ausgebreitet sei, und jeden Fortschritt hemme. Gegen dieses Gespinst hülfen keine Argumente. Selbst Rechtsmittel erwiesen sich häufig genug als wirkungslos. Thetter sah eine Strategie darin, sich nicht in den aussichtslosen Kampf gegen die Übermacht der Bürokratie zu stürzen, sondern an ihrem Widerstand das Bewusstsein des Richtigen zu stärken und es dadurch um so überzeugter vorzuleben. Dies gelinge jedoch nur, wenn man sich von persönlichen Interessen freimache. Die Faszination des Bösen müsse durch die Erkenntnis des Guten ersetzt werden. Das Böse banne von selbst, die Erkenntnis des Richtigen (und damit Guten) sei nur aus Selbstlosigkeit zu gewinnen. Dann stehe die unpersönliche »Weltmacht« des Guten der anderen, unrechtmäßigen gegenüber, die sich vom Menschen abgelöst habe. Und »der Geisteskampf« zwischen beiden »im außermenschlichen Bereich«, »für den der Mensch die Waffen geschmiedet« habe, könne stattfinden. Nicht einzusehen sei, warum das aus Geisterkenntnis geschaffene Wahre nicht ebenso mächtig werden könne, wie das Falsche, das aus »unkontrolliertem, materialistischem Denken« hervorgehe. Worauf Thetter hinsteuerte war klar: eine Rechtfertigung des Scheiterns. Nicht der sichtbare Erfolg sei entscheidend, sondern der Einsatz des Willens, der selbst der Übermacht trotze. Warum er angesichts des von ihm berichteten Erfolgs ausgerechnet das Scheitern rechtfertigen zu müssen glaubte, blieb sein Geheimnis.

Im damals noch sozialdemokratischen Musterland Schweden unter Olof Palme, dessen Ermordung drei Jahre später niemand vorausahnen konnte, balgten sich verschiedene politische Fraktionen um die für manche beängstigend erfolgreiche anthroposophische Bewegung. Wie in Deutschland und Österreich sollte es auch in Schweden – kurz nach der Generalversammlung – gelingen, für die anthroposophische Medizin eine Bresche zu schlagen, nachdem noch im Oktober 1973 die dortige Niederlassung der Weleda in einer Nacht- und Nebel-Aktion geschlossen worden war, bei der die Polizei mit Schäferhunden anrückte, um die von der Gesundheitsbehörde verbotenen Heilmittel zu beschlagnahmen. Am 27. Mai 1983 hingegen sollten die Behörden dem Bau einer anthroposophischen Klinik (Widar-Klinik) in der Nachbarschaft des Rudolf Steiner-Seminars in Järna zustimmen. Damit kam ein jahrzehntelanges Ringen mit dem weitgehend staatlichen Gesundheitswesen zu seinem vorläufigen Abschluss.

Im Gefolge der spektakulär-überzogenen Polizeiaktion hatte eine breite Protestbewegung die Wiederzulassung der verbotenen Medikamente unter dem Label »Naturmittel« erreicht; als »Heilmittel« durften sie nicht bezeichnet werden. Jeder wusste zwar, dass sie als solche verschrieben, verkauft und benutzt wurden, aber der entsprechende Name durfte nicht verwendet werden – eines der vielen Beispiele für politischen Etikettenschwindel. Sogar das Krebsmittel Iscador war wieder erlaubt. Die Widar-Klinik verfügte über 74 Betten und bot zahlreiche ambulante und stationäre Behandlungen an: über eine chirurgische Abteilung verfügte sie nicht.

Als Arne Klingborg der Generalversammlung seinen Bericht aus Schweden vortrug, lag dieses Ereignis noch in der Zukunft. Er konnte aber von anderen erfreulichen Entwicklungen berichten.[7] In Norrköping, in dem Steiner 1914 seine Vorträge über Christus und die menschliche Seele[8] gehalten hatte, erhielt die dortige Waldorfschule von den Kultusbehörden ein Gebäude am Standrand zur Verfügung gestellt, bei dem es sich just um den Hof Stodhöga handelte, in dem er einstmals übernachtet hatte. Das Gelände bot sich als weitläufiges Anwesen nicht nur für eine pädagogische Institution, sondern auch für die biodynamische Landwirtschaft an.

Kulturhaus Ytterjärna. Architekt: Erik Asmussen

Kulturhaus Ytterjärna. Architekt: Erik Asmussen

In Järna wurde indes eine Kunstausstellung zum Thema »Lustgarten und Nutzgarten« vorbereitet, für die von Studenten Bilder beigesteuert wurden. Eröffnet werden sollte sie am 19. Mai in der Liljevalchs Kunsthalle in Stockholm. Miteinbezogen waren außerdem die Gartenanlagen Järnas und solche in Stockholm, die von Gärtnern aus Järna betreut wurden. Die Stadt Stockholm unterstützte die Arbeit an der Ausstellung finanziell.

Während an der Front des Gartenbaus und der Medizin Entwarnung gegeben werden konnte, ließ der pädagogische Schauplatz noch zu wünschen übrig. Zwar hatte der schwedische Reichstag Ende des vergangenen Jahres ein Gesetz verabschiedet, das die Möglichkeit der Finanzierung von Privatschulen durch Steuergelder vorsah, aber die bürgerlichen Parteien, die dieses Gesetz beschlossen hatten, waren bei den Wahlen Ende 1982 von den Sozialdemokraten abgelöst worden, die erst einmal die Bremse zogen. Die von ihrem Sozialstaat verwöhnten Schweden fanden dies empörend, aber wie die Dinge sich weiterentwickelten, stand noch nicht fest. Palme sollte in den folgenden Jahren neoliberale Reformen durchführen, die sich ungünstig auf die Alimentierung des Wohlfahrtsstaats auswirkten.

Aber auch in Järna befanden sich die Sozialdemokraten im Clinch miteinander, wenn es um die Anthroposophen ging. So torpedierte der sozialistische Bürgermeister Ausbaupläne und wurde dafür von anderen Sozialdemokraten in der Stockholmer Zeitung kritisiert. Der Lokalmatador befürchtete, die Anthroposophen könnten im von ihm regierten Ort überhandnehmen. Die Järnaer sahen sich aufgerufen, offensive Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und stellten Fakten über die angebliche Bedrohung durch die Anthroposophen-Sekte zusammen. Auf manchen dürfte die so entstandene Übersicht keineswegs unbedrohlich angemutet haben.[9]

Seit 1935 existierten anthroposophische Institutionen in Järna. Was mit einer heilpädagogischen Einrichtung begonnen hatte, war zu einer Ansammlung von 40 Betrieben, Institutionen Stiftungen und Vereinen angewachsen. Im Jahr 1982 arbeiteten in der gesamten Kolonie 470 Vollbeschäftigte und eine nicht näher benannte Zahl von Teilzeitbeschäftigten. Der Gesamtumsatz betrug 90 Millionen schwedische Kronen, 34 Millionen entfielen auf Gehälter (1983 betrug die Relation der Krone zur DM etwa 100:33,3, d.h. 90 Millionen Kronen entsprachen rund 27 Millionen DM; seit 1953 war der Wert der Krone von ursprünglich 100:80 kontinuierlich gesunken). Aus den Gehältern bezog die Gemeinde 8 bis 10 Millionen Kronen Steuern (2,4 bis 3 Mio DM). Ein Großteil der Waren und Dienstleistungen, die Järna konsumierte, wurde in der Gemeinde eingekauft, was sich auf die Beschäftigung im Ort positiv auswirkte. Bereits 1982 wurden die heilpädagogischen Schulen durch Steuergelder gefördert – lagen also nicht der Gemeinde auf der Tasche –, Entsprechendes stand auch für die Waldorfschulen in Aussicht, wenn das 1982 verabschiedete Gesetz doch noch in Kraft trat. Insgesamt betreuten die pädagogischen Einrichtungen am Ort 630 Schüler, die Erwachsenenbildung nahmen 180 Studenten wahr, weitere 2.000 Teilnehmer besuchten im Lauf des Jahres einzelne Kurse.

Die Verfasser des Dokuments, Frans Carlgren, Anders Kumlander und Björn von Schoultz legten Wert auf die Feststellung, dass all diese Einrichtungen nicht von einer – womöglich gar ausländischen – Dachorganisation gegründet worden waren oder geführt wurden, sondern bodenständige schwedische Gewächse waren, die aus individuellen Initiativen hervorsprossten. Die Bezeichnung »Anthroposophen« im Sinne einer Etikettierung wurde dem anarchistischen – oder besser individualistischen – Haufen, der da in den preisgekrönten blauen Häuschen Asmussens saß, natürlich auch nicht gerecht, waren doch die Einstellungen und Auffassungen all dieser Menschen nicht ohne weiteres unter einen Hut zu bringen. Die meisten verband jedoch ein Interesse an Anthroposophie. Aber »die Anthroposophie«, so schrieben die Autoren wagemutig, sei »keine Religion und auch kein ausgedachtes philosophisches System. Sie beinhaltet keine Dogmen oder andere für die Vernunft unerreichbare Glaubenssätze. Sie ist ein Weg zu erweiterter Erkenntnis, die u. a. dahin zielt, ein vertieftes Bewusstsein davon, was der Mensch ist, zu erlangen.« Als »Urheber« dieses Weges zur erweiterten Erkenntnis wurde Steiner benannt, dessen Lebenswerk dreißig Bücher und 6.000 veröffentlichte Vorträge umfasse, die »Anregungen« zu einer Vielzahl von Lebensgebieten enthielten. Lauter Anregungen zu einer Erweiterung der Erkenntnis natürlich.

Die Verfasser verwiesen außerdem auf das internationale Interesse, das die in Järna praktizierte Erkenntniserweiterung hervorrief, und zwar bei staatlichen Institutionen und Amtsträgern und damit auch bei der Presse. Permanent strömten Besucher von »pädagogischen Hochschulen, Pflegeinstitutionen, Landwirtschafts- und Gartenbauschulen, Haushaltungsgesellschaften, Architekturhochschulen, Kreis- und Gemeindeverwaltungen, Pensionsvereinen usw.« auf das weitläufige Gelände.

1980 hatte die (inzwischen verstorbene) bulgarische Kultusministerin, Ljudmila Shiwkowa, Järna besucht. Ebenso der schwedische Kulturminister Jan Erik Wikström, der dem Lehrerseminar daraufhin einen Zuschuss von 200.000 schwedischen Kronen gewährte. Für die bevorstehende Ausstellung schoss die Stadt Stockholm sogar 300.000 Kronen zu.

Auch diverse Landwirtschaftsattachés statteten ihren Besuch ab: so Gesandte aus der Bundesrepublik, aus den Niederlanden, den USA und der Sowjetunion. 1982 hatte der »Chef der Hauptadministration für Getreideproduktion im sowjetischen Landwirtschaftsministerium«, ein Herr Zholobov, die Schweden mit seinem Besuch beehrt, darauf folgte eine finnische Delegation unter der Leitung des Direktors der Außenhandelsabteilung, Seppo Koivula, die von schwedischen Getreidehandelsfunktionären begleitet wurde. Im November 1982 schließlich hatte Bo D. Petterson die Ergebnisse einer neunjährigen Versuchsreihe der Universität Uppsala veröffentlicht, in der konventioneller und biologisch-dynamischer Landbau miteinander verglichen worden waren, die sogar seinem Gegner von derselben Universität das Eingeständnis abnötigten, »die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise« sei »eine wissenschaftlich untermauerte und vom Qualitätsgesichtspunkt her gesehen nötige Alternative zur konventionellen Landwirtschaft«.

Die Architektur Erik Asmussens finde internationale Anerkennung, werde in bekannten Architekturzeitschriften positiv besprochen und durch schwedische Kulturpreise gewürdigt, der Architekt sei sogar durch seine Aufnahme in die nationale Kunstakademie geehrt worden. Das Lehrerseminar in Järna führe nun schon seit Jahren Weitebildung für Grundschullehrer in Zusammenarbeit mit der obersten Schulbehörde durch.

Diese diversen Aktivitäten und Interessenbekundungen hätten zu einer Zunahme der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft und der diversen Unterstützungsvereine in Järna und anderswo geführt. All diese Organisationen umfassten inzwischen 15.000 Mitglieder. In der schwedischen Presse erschienen täglich durchschnittlich zwei Artikel über anthroposophische Aktivitäten. Aus all dem leiteten die Autoren das Recht ab, vom »Beginn einer Volksbewegung« in Schweden zu sprechen, einer anthroposophischen Volksbewegung.

Der Schluss, den diese Ansammlung von Anbiederung, behördlicher Anerkennung und Avancement nahelegte, war der, dass kein Sozialdemokrat, der bei Sinnen war, etwas gegen die anthroposophischen Aktivitäten in Schweden einzuwenden haben konnte. Die Anthroposophie erschien geradezu als Inbegriff dessen, was sich das Herz eines guten Sozialdemokraten ersehnte.

Friedrich Lorenz schließlich gewährte einen kurzen Einblick in die Tätigkeit der medizinischen Sektion, die vor allem im Gebiet der Ausbildung lag.[10] Diese hatte inzwischen in 26 Universitätsstädten in Europa und Übersee eine studiumbegleitende Hochschularbeit eingerichtet, bei der Ärzte, die Mitglieder der Sektion waren, mit Studenten die Grundlagen der anthroposophischen Medizin erforschten.

Am dreimonatigen medizinischen Seminar, das die Sektion zweimal im Jahr durchführte, wirkten 43 Dozenten mit. Es fand in der Ärztlichen Fortbildungsstätte der Lukas-Klinik statt. Besonderen Wert lege das Seminar darauf, zu verdeutlichen, dass die anthroposophische Medizin keine Alternative zur Schulmedizin sei, sondern deren Erweiterung. Seit seiner Eröffnung im Jahr 1970 hatten inzwischen 676 junge Ärzte dieses Seminar durchlaufen. Die Teilnehmer stammten aus 29 Ländern in fünf Kontinenten, von Australien und Neuseeland, über Indien und Israel, Südafrika und Spanien, Jugoslawien und Iran, bis nach Chile, Mexiko und Kanada.

An dieses Seminar schloss sich der Klinisch-Therapeutische Kurs von Januar bis Ostern an, der nacheinander von der Ita Wegman- und der Lukas- über die Friedrich Husemann-Klinik in Buchenbach, die Klinik Öschelbronn und die Filderklinik zum Krankenhaus in Herdecke führte. Der Kurs diente, wie der Name schon sagte, der Einführung in die Praxis des jeweiligen Krankenhauses.

Für Lorenz stand der Arzt mit seinem Heilerwillen als »Schüler Raphaels« neben dem Kranken. Er musste aber auch »Forscher und Kämpfer« sein, um das Wesen der Krankheit und die Vorgänge in den Naturreichen, aus welchen die Heilmittel stammten, erkennen zu können. Als Forscher, der aus Erkenntnissen handle und als Kämpfer gegen das Krankheitswesen, das aus luziferischen und ahrimanischen Einflüssen entspringe, sei er »Schüler Michaels«. Als Schüler Raphaels stehe er in den Fußstapfen Ita Wegmans, als Schüler Michaels in jenen Rudolf Steiners. Ohne Erkenntnis sei keine Heilung möglich, ebenso wie ohne Mitgliedschaft in der freien Hochschule eine Mitgliedschaft in der medizinischen Sektion.

Vom 4. bis 9. April (in der Osterzeit) fand, wie bereits erwähnt, die erste internationale (interne) Lehrertagung am Goetheanum statt, eine Riesenveranstaltung, an der 1550 Pädagogen von 260 Waldorfschulen aus der ganzen Welt teilnahmen und die von Jörgen Smit »mit seiner Substanz geprägt« wurde, wie einer der Berichterstatter, Heinz Zimmermann, schrieb.[11] In über 40 Arbeitsgruppen tauschten sich die Beteiligten über die Themen der Meditativ erarbeiteten Menschenkunde aus. Rund 120 der Anwesenden kamen von anderen Kontinenten, ihre Anreise wurde durch Spenden der Hausser-Stiftung, des Bundes der Freien Waldorfschulen und der Gemeinnützigen Treuhandstelle Bochum in Höhe von 130.000 DM ermöglicht. Abgesehen vom »innigen Gemeinschaftsgefühl«, der »friedlichen Atmosphäre« und der Überraschung, dass ein unmittelbarer Austausch über pädagogische Fragen auf der Grundlage des gemeinsamen Themas auch zwischen Abgesandten verschiedener Kontinente möglich war, teilte sich in den veröffentlichten Berichten nichts Inhaltliches mit. Johannes Kühl teilte immerhin eine Beobachtung zur Entwicklung der Waldorfschulbewegung mit: »So war es z. B. auffallend, dass in allen Berichten [aus der internationalen Schulbewegung] von einer mehr ruhigen ›Keimphase‹ bis etwa 1968-1972 gesprochen wurde, und dass tatsächlich weltweit mit diesen Jahren das Bedürfnis nach Waldorfschulen und das Bewusstsein in der Öffentlichkeit sprunghaft gewachsen ist.«[12] Virginia Sease (*1935), die 1984 in den Vorstand kooptiert werden sollte, bemerkte als Kollegin aus Los Angeles: »Da wir in Nordamerika keine Zuschüsse vom Staat bekommen, haben die Berichte von anderen Ländern uns tief ergriffen, da wir plötzlich in die oft überwältigenden Schwierigkeiten Einblick nehmen durften, die diese staatliche Hilfe mit sich bringt. Wir haben den Eindruck, dass die Waldorfpädagogik in manchen Ländern unter ernsten Bedrohungen existieren muss.«[13] Jörgen Smit fasste in einem Rückblick aus der Perspektive des Haager Kreises zusammen: »Die Tagung wurde ein großes Ereignis und hat offenbar wie eine Organbildung der Schulbewegung für die Verstärkung des gemeinsamen Bewusstseins von unseren großen Aufgaben in der Kultur der Gegenwart gewirkt.«[14]

Am 2. Juni 1983 starb Gerhard Kienle im von ihm gegründeten Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke im Alter von 60 Jahren.

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Anmerkungen:


  1. Nachrichtenblatt, 60. Jg., Nr. 24, 12.06.1983.
  2. Seymour Papert, Mindstorms. Children, Computer and Powerful Ideas, New York 1980. Zur Zeit der Veröffentlichung des Buches war Papert Mitarbeiter am MIT. Die deutsche Übersetzung erschien 1982 unter dem Titel Mindstorm. Kinder. Computer und Neues Lernen bei Birkhäuser in Basel.
  3. Am 28.06.1923, GA 350, Dornach 1991, S. 147. »Die lateinische Sprache hat […] eine ganz bestimmte Eigentümlichkeit. Sie ist nämlich so ausgebildet worden im alten Rom, dass sie selber denkt. Es ist interessant, wie der lateinische Unterricht in den Gymnasien gegeben wird. Er wird so gegeben, dass man […] Latein lernt, und dann lernt man das Denken, das richtige Denken an dem lateinischen Satze. So dass also das ganze Denken abhängig wird von etwas, was gar nicht der Mensch macht, sondern was die lateinische Sprache macht.« Das das Latein das gesamte Denken der gebildeten Klassen durch Jahrhunderte hindurch beeinflusst hat, wirkt es auch heute noch nach, selbst wenn es nicht mehr unterrichtet wird: »Also die Menschen, die heutzutage irgend etwas gelernt haben, denken nicht selber, sondern bei denen, wenn sie auch niemals die lateinische Sprache gelernt haben, denkt die lateinische Sprache. Deshalb ist es ja so, dass man selbstständiges Denken, so kurios das ist, eigentlich heute nur noch bei manchen Menschen trifft, die nicht viel gelernt haben.Ich will damit ja nicht etwa sagen, wir sollen wiederum in den Analphabetismus zurück. Das können wir nicht. Ich will nirgends einen Rückschritt; aber dasjenige, was ist, muss man verstehen. […]Sehen Sie, solange man nicht selber denken kann, solange kann man überhaupt nicht in die geistige Welt hineinkommen. Jetzt haben Sie den Grund, warum sich die heutige Erkenntnis auflehnt gegen alles geistige Erkennen: weil die Leute durch die lateinische Erziehung dazu gekommen sind, nicht selber zu denken. Das ist das erste, was man lernen muss: selber denken. Die Leute haben heute ganz recht, wenn sie sagen: Das Gehirn denkt. – Warum denkt das Gehirn? Weil die lateinischen Sätze ins Gehirn hereingehen, und das Gehirn denkt ganz automatisch bei dem heutigen Menschen. Das sind Automaten der lateinischen Sprache, die herumlaufen und gar nicht selber denken.« Im weiteren Verlauf des Vortrags empfiehlt Steiner den Arbeitern seine Philosophie der Freiheit als Schulungsmittel zur Ausbildung eines selbstständigen Denkens: »Kein Mensch kann das Buch verstehen, der nur unselbstständig denkt. Er muss sich Seite für Seite ganz von Anfang an, daran gewöhnen, zurückzugehen zu seinem Ätherleib, um solche Gedanken überhaupt haben zu können, wie sie in diesem Buch sind. Deshalb ist dieses Buch ein Erziehungsmittel – es ist ein sehr wichtiges Erziehungsmittel –, und als solches muss man es auffassen.« (Ebd., S. 150).
  4. https://www.erziehungskunst.de/artikel/zeichen-der-zeit/waldorfpaedagogik-im-silicon-valley/
  5. Nachrichtenblatt, 60. Jg., Nr. 25, 19.06.1983.
  6. Nachrichtenblatt, 60. Jg., Nr. 26, 26.06.1983
  7. Nachrichtenblatt, 60. Jg., Nr. 28, 10.07.1983.
  8. Rudolf Steiner, Christus und die menschliche Seele, GA 155.
  9. Veröffentlich unter dem Titel Dokumentation einer beginnenden Volksbewegung, in Nachrichtenblatt, 60. Jg. Nr. 28, 10.06.1983
  10. Nachrichtenblatt, 60. Jg., Nr. 29, 17. Juli 1983.
  11. Nachrichtenblatt, 60. Jg., Nr. 30, 24.06.1983
  12. Ebd.
  13. Ebd.
  14. Ebd.

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