1984 | Anthroposophie im Zerrspiegel. Derwische und Chimären

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SPIEGEL 1984

SPIEGEL 1984

Manfred Schmidt-Brabant entließ die Teilnehmer der Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am 15. April 1984 mit einer Mahnung.[1] In Zukunft werde sie neuen Gefährdungen und Versuchungen ausgesetzt sein. Die Anthroposophie werde nicht nur bekämpft, die Gesellschaft müsse auch lernen, mit »Scheinlob und Scheininteresse« umzugehen. Da ihre Präsenz in der Öffentlichkeit zunehme, wachse auch die Neigung, zum Beispiel in den Medien, sie zu »vermarkten«, so wie heute alles vermarktet werde, was Menschen interessiere. Dieser aus Scheininteresse entspringenden Neigung zur Vermarktung müssten die Mitglieder mit »fester Gesinnung« und »sicherem Urteil« entgegentreten.

Die Mahnung liest sich, als hätte der gerade gekürte Vorsitzende geahnt, welche Lawine eine Woche später vom deutschen Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL unter dem Titel Anthroposophen in Deutschland losgetreten werden sollte. Zweifellos wusste er davon, dass der 1928 auf den Namen Ernst Hess getaufte Autor, der das Pseudonym Peter Brügge benutzte, sich seit zwei Jahren darum bemühte, ein auch nur anfängliches Verständnis des komplexen Phänomens Anthroposophie in Deutschland zu gewinnen. Tatsächlich fand sich in der umfangreichen, fünfteiligen Serie des Theodor-Wolff- und Egon-Erwin-Kisch-Preisträgers beides: Scheininteresse und Scheinlob, letzteres zuhauf.[2]

Den Generaltitel der Artikelfolge bildete ein Peter-von-Siemens-Zitat: »Der Weltenplan vollzieht sich unerbittlich«. Im ersten Beitrag der Serie, Steiner und seine Anthroposophen, kam Brügge auch auf den Konzernlenker zu sprechen.[3] Während dieser erste Beitrag in einem ätzenden Rundumschlag die Anthroposophie abhandelte, beschäftigten sich die folgenden mit dem Versuch eines neuen Wirtschaftssystems, der Expansion der Waldorfbewegung, der kosmisch orientierten Medizin und der Landwirtschaft mit Forschung und Magie.

Mit einem Stakkato von Fragen hub der »Gesellschaftsreporter« am 23. April an: »Wer verleiht Geld ohne Zinsen? Wer verzichtet freien Willens auf den Lohn seiner Arbeit? Wer strebt klaren Verstandes in eine Lebensgemeinschaft mit Geistesgestörten? Welcher Fabrikherr vertauscht seinen Platz mit dem eines Sozialarbeiters? Welcher Arzt beschneidet seine Honorare selber? Wer teilt ungebeten seinen Hausbesitz mit Nichtbesitzenden? In den Ohren einer sogenannten Ellenbogen-Gesellschaft klingen solche Fragen wie ein utopisches Quiz. Doch die richtige Antwort lautet: So etwas und mehr tun Anthroposophen.«

Heimlich und »auf leisen Sohlen«, wie die Mitglieder einer »geheimen Bruderschaft« schickten sich diese Anthroposophen, deren Zahl Brügge in Deutschland mit 20.000 angab, an, die Republik zu erobern. Grob schätzte er die Zahl der Sympathisanten auf das fünfzigfache: insgesamt also rund eine Million.[4] Überall waren sie gegenwärtig, überall stieß man mittlerweile auf ihre Spuren, aber über ihre Motive schwiegen sie schamhaft.

»59 Jahre nach Steiners Tod«, so Brügge, »verfügen seine Anhänger in der Bundesrepublik über eigene Ansiedlungen, Bühnen, Altersheime, Forschungsinstitute, Lehr- und Heilstätten. Sie betreiben eigene Banken und ein eigenes Kreditwesen, dazu ein Geflecht einander zuarbeitender Unternehmen mit besonderer Tarif- und Sozialordnung. Ihre großen Gemeinschaftskrankenhäuser, ihre Dorfgemeinschaften für Behinderte gelten als Vorbilder heilsamer Brüderlichkeit.« Sie kauften Bauernland, um es »für immer von Chemie und Spekulantentum zu befreien«, stellten Heilmittel gegen Krebs her, die von Hunderttausenden nachgefragt und von 15.000 Ärzten angewandt würden, die »keinen Schimmer« von den »mysteriösen Wegen« anthroposophischer Heilmittelfindung hätten.

Die Wartelisten der Waldorfkindergärten und -schulen seien »endlos«, Dutzende von Elterninitiativen bildeten sich jedes Jahr, um neue derartige Schulen zu gründen. Die Terroristinnen Ulrike Meinhoff und Susanne Albrecht hätten ebenso eine Waldorfschule besucht, wie der Grüne Otto und sein Bruder, der Sozialdemokrat Konrad Schily, der Gründer der Universität Witten/Herdecke oder der »Märchenerzähler Michael Ende« von »Anthroposophen erzogen« worden seien. Bundeskanzler Helmut Kohl, Hamburgs Regierender Bürgermeister Klaus von Dohnanyi oder der »Mannesmann-Boss« Egon Overbeck hätten ihre Kinder der »legendären Geborgenheit« einer Waldorfschule anvertraut.

Im Kuratorium der Universität Witten hingegen säßen lauter Repräsentanten des Systems, das Steiner habe abwickeln wollen: Alfred Herrhausen vom Vorstand der Deutschen Bank, Hans Joachim Knieps vom Vorstand der Bank für Gemeinwirtschaft, der Luftfahrt-Unternehmer Ludwig Bölkow, Detlev Rohwedder, Chef des Stahlgiganten Hoesch, und Rudolf Judith aus dem Vorstand der IG Metall. Sie alle hätten sich wohl kaum genügend Kenntnisse über das »okkult phosphoreszierende Werk Rudolf Steiners« verschafft. Sie seien auch kaum über den Karmaglauben oder die Wiedergeburtsideen der Anthroposophen unterrichtet, die sie unterstützten.

Grund dafür sei, dass diese nicht missionierten. Sie behaupteten auch, die Waldorfschulen, die in Wahrheit »Schulen für Wiedergeborene« seien, dienten nicht etwa der Aufzucht kommender Anthroposophen (was angesichts der von Brügge genannten Terroristinnen wohl auch gründlich misslungen wäre). Um so rätselhafter schien es dem Spiegel-Autor, warum so viele die pädagogischen, medizinischen und sozialen Konsequenzen von Steiners Denken akzeptierten, sich aber gleichzeitig um eine Begegnung mit dessen Gedanken »herumdrückten«.

Er vermutete den Grund für diese mit Berührungsscheu verbundene Faszination in der herrschenden »Aufklärungstradition«, über die die Anthroposophie in »aufreizender« Weise hinausstrebe. Entgegen der seit Newton und Descartes für »sakrosankt erklärten Regeln wissenschaftlicher Wahrheitssuche«, suchten Anthroposophen »auf okkulten und spirituellen Wegen« nach dem Geist, der hinter aller Materie wirke. Steiners Erkenntnisweg, der »das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen« wolle, sei schwerer zu begreifen, als regenerierende Körnerkost, wenn dann auch noch von »Luzifer und Ahriman« die Rede sei, winkten die meisten »schlichteren Zeitgenossen« ab.

Aber Brügge konnte sich der Beobachtung nicht verschließen, dass »ausgerechnet naturwissenschaftlich, mathematisch und philosophisch disziplinierte Köpfe« sich »solchen Überlegungen« »zusehends« öffneten. Zum Beispiel »der Anthroposoph Peter von Siemens«, Vorsitzender der Weltenergiekonferenz, der entgegen der Mehrheit seiner Gesinnungsfreunde »den Kernkrafthandel« mit Steinerzitaten rechtfertige. »Der Weltenplan, von dem Rudolf Steiner gesprochen hat,« zitierte Brügge von Siemens, »vollzieht sich unerbittlich. In der Mitte des vierten Jahrtausends … wird die Erde beginnen, sich zu astralisieren, das heißt, sie wird in eine Form der Schwerelosigkeit übergehen.« Die Kernkraftnutzung sei durchaus im Sinne Rudolf Steiners, »damit die Erde stufenweise in neue Daseinsformen« übergehe. Genüsslich verwies der Spiegel-Autor auf den inneranthroposophischen Zwist über die Kernkraft, der um die Deutung der schwer zu deutenden Äußerungen Steiners über die »dritte Kraft« – neben Elektrizität und Magnetismus – geführt wurde.

Brügge hatte offenbar auch einige Kapitel der Autobiografie Steiners gelesen, denn von dessen Studien der projektiven Geometrie wusste er zu berichten, er habe eine vor zweieinhalb Jahrtausenden von Heraklit gedachte Idee wieder aufgegriffen und zugleich »vorausgespürt«, was Heisenberg aus der Physik der Elementarteilchen gefolgert habe. Von seinem Meister, so Brügge, sei Steiner belehrt worden, einer »von Wissenschaftlichkeit berauschten Gesellschaft« müsse man »logisch kommen«.

Zwischen hermetischem Geheimwissen und empirischer Naturforschung, zwischen Hegel und Goethe habe sich der »werdende Weisheitslehrer und Vielschreiber« schließlich eingependelt, um seine »beispiellose Laufbahn des geistigen Grenzgängers zwischen Materialismus und Okkultismus« in Angriff zu nehmen, eine jener Formulierungen, die belegen, wie der Autor zwischen Bewunderung und Häme hin und her schwankte. Folgerichtig schrieb er auch: »Womöglich liegt gerade darin die Faszination Steiners für eine zunehmende Zahl sinnsuchender Verstandesmenschen. Ich habe höchst qualifizierte Anhänger der Anthroposophie im Göttinger Max-Planck-Institut für Strömungsforschung ebenso gefunden wie in Münchens Amt für öffentliche Ordnung.«

Solche Verstandesmenschen sah Brügge offenbar in Heinz Dietrich Stark, der sich um eine Reform des Strafvollzugs in Hamburg-Fuhlsbüttel bemühte oder dem Mathematiker Ernst Schuberth, in Joseph Beuys oder Hans-Peter Schreiner, dem Herausgeber der Fischer-Taschenbuch-Reihe mit einer Auswahl aus der Gesamtausgabe.

Überhaupt: diese Gesamtausgabe mit ihren 354 Bänden und 5.965 Vorträgen, die alles behandelten, »außer Sexualpraktiken«. »Selbst Anthroposophen, denen dieses Werk aus meditationsgelichteten Augen brennt, verblüffen einander stets aufs neue mit ihren solcher Unerschöpflichkeit entrissenen oft widersprüchlichen Zitaten.« Ein Seitenhieb auf Dogmatiker, die die Absätze der Schriften Steiners durchnummerierten, wie andere die Bibel, konnte nicht ausbleiben, vermochte man doch Steiner selbst gegen diese Praxis ins Feld führen, der in seiner Philosophie der Freiheit die »›voraussetzungslose Selbsttätigkeit des Denkens‹ zum obersten Gebot der Ich-Findung erhoben« habe. Aber – widersprüchlich genug – habe er später in seiner Theosophie die »Denk-Demut des Schülers von den Adepten seines Erkenntniswegs« verlangt. Daher müssten sich die Anthroposophen auf dem schmalen Grat zwischen Glauben und Denken bewegen, wie »geistige Höhenwanderer in einer an Trugbildern reichen Stratosphäre.«

Selbst die naturwissenschaftlich Gebildeten unter seinen Anhängern betrieben eine besondere Form der Naturwissenschaft, die sich an Goethe, den »Allvater auf dem Stammbaum der Anthroposophie« anlehne, in der sich das Reich des Lebendigen durch die Evolution hindurchmetamorphosiere, um schließlich im Menschen zu gipfeln. Deswegen sei auch »die architektonische Hochburg« der Bewegung auf dem Dornacher Hügel nach ihm benannt.

Das zweite Goetheanum, dieser avantgardistische Betonbau, erschien Brügge als »Mischung aus Kathedrale und Bunker«, als »monumentale Nachblüte des Jugendstils«, die viele moderne Architekten, von Le Corbusier bis Hans Scharoun (Berliner Philharmonie) inspiriert habe. Dort, in diesem Geistesbunker, residierten unter dem Urnenraum, in dem Steiners Asche neben der von Christian Morgenstern aufbewahrt werde, die Vorstände der Anthroposophischen Gesellschaft mit ihren weltweit rund 50.000 Mitgliedern. Dort werde »gehütet, exerziert und gelehrt, was goetheanistisch Forschen« heiße, in anschauendem Denken intuitiv den Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen zu erfassen.

Aber nicht nur die Natur, sondern auch der Geist werde auf diese Weise von Anthroposophen erschaut. Die von Steiner »für wahrnehmbar erklärten Botschaften einer geistigen Welt« suchten sie auf einem von ihm dargelegten Schulungsweg denkend zu erfassen, der sich von dem »indischer Gurus fundamental« unterscheide. Denn letztere predigten »Ich-Vergessen«, die Anthroposophen verlangten hingegen nach »Ich-Verwirklichung«. Hilfreiche Meditationsworte habe Steiner zu diesem Zweck hinterlassen, darunter »geheime für die Mitglieder der ›Ersten Klasse‹«.

In vier Sätzen handelte Brügge die »Samenkorn-Übung« ab, die in der Regel zu »Selbsttäuschungen« führe. Damit war für ihn klar, was vom Wissenschaftsanspruch der Anthroposophie zu halten sei: »Aus solchem Stoff besteht das Instrumentarium des Erkennens, mit dem Anthroposophie sich anheischig macht, die überprüfbare Methodik der materialistischen Wissenschaft jenseits des sinnlich Wahrnehmbaren zu ergänzen.« Von Beweisen sei nicht die Rede. Was wahr sei und was nicht, darüber befänden allein die in »›stufenweiser‹« Schulung im Goetheanum aufwärts entwickelten Eingeweihten«. In ihren oberen Rängen sei die Gesellschaft daher »geschlossen« und schließe sich dadurch »von mancher erwünschten Wirksamkeit selbst aus«. »Geistiger Hochnebel« durchwabere die »kanonisierte Sprache« der Anthroposophen. Sie bedienten sich der Worte wie einer »Jalousie«, mit der sie sich hermetisch abschirmten. Auch dies widerspreche dem Vorbild des Gründers, der vorgelebt habe, wie sich hoher geistiger Anspruch mit volkstümlicher Sprache verbinden lasse.

Es folgte ein Korybantentanz durch seinen Lebenslauf. Im Kreis der Kommenden in Berlin sei er von Stefan Zweig bewundert worden, der »die hypnotische Kraft» seiner Augen beschrieben habe, in der Arbeiterbildungsschule hätten die Proletarier den »bilderreich erzählenden Geschichtslehrer« geliebt. Daraufhin habe sich Steiner der Theosophischen Gesellschaft »verdingt« und sei Vertrauter einer »nach Guru-Weisheit ausspähenden Bildungs-Bourgeoisie« geworden.

Daraus resultierte die Ausgeburt einer wahren geistigen Walpurgisnacht: »Unter Theosophen lehrend, vollendete Steiner die Geistes- und Geistermischung seines abend- und morgenländischen Pandämoniums. Im Feuerofen seiner Phantasie vermengten sich Elemente der Alchimie und der christlichen Mystik, das Wissen von Freimaurern, Naturheilern und Darwinisten, Hinduistisches und Buddhistisches, alle Urmythen der Menschheit und Schlussfolgerungen der idealistischen Philosophie.« Zu diesem Wahnsinn gesellten sich »Luzifer und Ahriman samt ihren Urgeistern« und »die Engel und Erzengel der Christenheit«.

Aber das esoterische Werk, das »den denkwilligen Wegsucher« »mit Bildern, Schilderungen, Farben, Auren« überflute, meinte Brügge, hierin ein würdiger Vorläufer Christian Clements und seiner heutigen anthroposophischen Freunde, dürfe nicht allzu wörtlich genommen werden. Vielmehr sei all dies eher »in einem höheren Sinne gegenstandslose Wiedergabe einer Erkenntniserfahrung, die sich der Sprache wie der Bebilderung« entziehe. Steiners Schüler sollten sich »meditierend und denkend neue, verfeinerte Begriffe bilden von einer ›geistigen Welt‹«, die »aus Verstehen, aus Licht, aus Logos« bestehe. Aber viele Anthroposophen, auch diese Position ist uns aus gegenwärtigen Diskussionen nicht unvertraut, konsumierten Steiners Schilderungen »dennoch uneingeschränkt passiv und außerdem wörtlich«. Sie beriefen sich darauf, »dass dem Geist Entkeimendes niemals bloß Sinnbild sein könne.«

Sogar den Streit um Krishnamurti und die Christologie streifte Brügge, der zum Austritt Steiners aus der Theosophischen Gesellschaft führte. Steiner sei introspektiv »zu seinem Damaskus« gelangt und einer »Christus-Logos-Lichtgestalt« begegnet.

Während die theosophischen Zirkel nach dem Schisma dahinsiechten, habe mit ihm zugleich die Ära der »organisierten Anthroposophie« begonnen. »Es beschleunigte sich die Verbreitung eines über viele Jahrhunderte hin in verschworenen esoterischen Zirkeln gehegten Geheimwissens. Steiner war ein Eingeweihter, der nicht schwieg.«

Ein weiteres Skandalon durfte nicht fehlen, Steiners Anspruch, in der Akasha-Chronik gelesen zu haben. Man fühlt sich an die »Kabinettsordres« des Weltgeistes erinnert, die der Philosoph laut Hegel gleich im Original schreibe[5], wenn Brügge diese Akasha-Chronik als mit Hilfe übersinnlicher Fähigkeiten »aus dem All zu empfangenden Generalbericht über alle vergangenen wie kommenden Stufen und Taten der gesamten Menschheit« bezeichnet, den Steiner »in Bilder gefasst und herausgebracht« habe.

Wohl froh darüber, bei Steiner doch noch etwas gefunden zu haben, was entfernt mit den von ihm vermissten »Sexualpraktiken«[6] zu tun hatte, zitierte der Spiegeljournalist einige »befremdliche« Sätze aus jenem »Generalbericht«: »Als die noch mit dem Monde vereinigte Erde sich aus der Sonne herausspaltete, gab es noch nicht innerhalb der Menschheit ein männliches und weibliches Geschlecht. Jedes Menschenwesen vereinigte in dem noch ganz feinen Leib die beiden Geschlechter […] Die niederen Triebe wirkten mit einer maßlosen Energie, und von einer geistigen Entwicklung war noch nichts vorhanden.«

Noch besser, dass die Zeitschrift Die Drei, »das Hausblatt der Anthroposophen«, 1983 einen Text Steiners aus dem Jahr 1918 abgedruckt hatte, der sich aus Brügges Sicht nahtlos an das eben Zitierte anschloss: »Innerhalb der Bevölkerung des Ostens wird sich […] ein instinktiv helles Wissen entwickeln […] wie man […] im Einklange mit gewissen Sternkonstellationen die Empfängnis einrichtet, dadurch Veranlassung gibt, gutgearteten oder übel gearteten Seelen den Zugang zur Erdenverkörperung zu verschaffen.« Dieser Hinweis auf eine »künftige Geburtenregelung«, der Brügge als eine »nicht übermäßig sittlich anmutende Seelenauslese« erschien, werde als »eugenetischer Okkultismus« bezeichnet und »von kaum einem lebenden Anthroposophen verstanden«. Gut genug, es zu zitieren, war das »Unverstandene« aber allemal.

Immerhin hatte der so abseitiges Verkündende ein Jahr früher ein »sehr viel diesseitigeres«, »unter heutigen Grünen immer noch nachwirkendes Rezept einer rettend anderen, nämlich naturgerechten Dreigliederung der Industriegesellschaft zu Papier gebracht: Kultur, Staat und Wirtschaft sollten auseinandergeflochten werden, ihrer Eigenart gemäß funktionieren dürfen. Im Bereich des Geistigen habe Freiheit, im Staat Gleichheit, in der Wirtschaft Brüderlichkeit einzukehren«. Angeblich hatte Steiner diese Dreigliederung als Bollwerk gegen die aus dem Osten dräuende marxistische und die aus dem Westen lockende demokratische Umwälzung empfohlen. »Vor letzterer scheute Steiner wegen der ahrimanischen Macht zurück, die er da vorab schmeckte«, behauptete Brügge.

Aber aus der Verwirklichung der dreigliedrigen Umwälzung wurde nichts. Wenigstens rettete der Zigarettenfabrikant Emil Molt die Idee der Selbstverwaltung des Geisteslebens in Gestalt der ersten Freien Waldorfschule, die er finanzierte, für die Nachwelt.

Unter den von Steiners Menschenweisheit »angerührten« fand Brügge solche und solche. Die einen folgten »unbeirrt« der Philosophie der Freiheit und handelten »jenseits aller sittlichen Imperative […] vorbildlich.« Sie bemühten sich ohne Rücksicht auf persönliche Bedürfnisse »um Hinfällige, Behinderte, Kranke, Lernende«. Andere hingegen seien von Missdeutungen des Steinerschen Oeuvres »befremdlich umwölkt«. Als »Brahmanen einer Industriegesellschaft« hätten sie für ihre »von geistiger Blindheit« geschlagene Umwelt nur »ein erhabenes Lächeln« übrig.

Einige Beispiele für anthroposophische Monstrositäten konnte Brügge nicht verhehlen: eine Münchner Anthroposophin, die ihren Sohn mit einem Cello ausstattete, das den Eindruck machte, »aus der Werkstatt eines Hobbyschreiners« zu stammen, eine Jahrestagung deutscher Anthroposophen in Stuttgart, bei der eine der »Erwählten« eine halbe Stunde lang vor der »angeblich geistfeindlichen Erfindung des Elektrorasierers« warnte, eine Zimmervermieterin in Dornach, die eine von ihr beherbergte Studentin tadelte, weil sie versäumt hatte, vor dem Bad eine Lemniskate in die Wanne zu sprühen.

Andere, wie der Turbinenfabrikant Hanns Voith in Heidenheim wiederum litten unter solchen Auswüchsen ihrer Geistesbrüder und -schwestern. Sie machten »ihren Steiner wahr«, indem sie vieles von ihm Gesagte auf sich beruhen ließen. Aber auch bei ihm fanden sich genug Kuriosa, etwa seine Weigerung, mittels Tontechnik seine Vorträge aufzeichnen zu lassen, die er mit einem Hinweis auf »indische Gurus« begründet habe, die ihre Mantren in den Rauch von Opferfeuern zu sprechen pflegten. Immerhin sei es einem am Max-Planck-Institut für Strömungsforschung arbeitenden Anthroposophen kürzlich gelungen, die Sensibilität einer Gasflamme für das gesprochene Wort nachzuweisen – nur ein Verstärker fehle noch.

»Subtilere Steinerleser« befleißigten sich hingegen der Selbstironie. Sie nähmen »ihren Rudi« nicht immer Ernst im Alltag, sähen hin und wieder fern oder tränken einen Schluck Alkohol – habe doch auch »der Meister vorübergehend unheimlich« getrunken. Heten Wilkens, der im Krieg ein Bein verloren hatte, zitierte Brügge mit dem Satz: »Ich genieße das Privileg unangenehmen Leuten in den Hintern treten zu können, ohne dass sie davon was merken.«

Manche, wie Michael Ende, der ehemalige Waldorfschüler, sprächen von einem globalen Bewusstseinswandel, der bereits eingesetzt habe, der jenem zur Zeit Galileis vergleichbar sei – das wachsende Interesse für Anthroposophie sei deutliches Anzeichen dafür. Der jungen Generation sei inzwischen klar, dass das alte, kausale Denken nicht mehr weiterführe.

Alles lüden die Anthroposophen in ihrem »kosmisch geweiteten Bezugssystem« mit Bedeutung auf, ihr vagabundierendes Analogisieren komme dem Sinnbedürfnis der gegenkulturellen Jugend entgegen. »Geisteswissenschaftlich unbelesene« Mütter rüsteten ihre Kinderwägen mit Vorhängen aus purpurner Seide aus und zögen Windeln aus Schafwolle solchen aus Gummi vor. Überall stoße man in anthroposophischen Arbeitszentren, die sich glichen, wie die Zimmer einer Motelkette, auf dieselbe »erhabene Freundlichkeit« und »glühende Farbigkeit«. Die täuschend inszenierte Naturnähe verführe bei Kunst und Spiel in München Mütter manchmal dazu, ihre Babies in aller Öffentlichkeit zu stillen, eine »formlose Freiheit«, die das Personal angehalten sei, zu unterbinden, denn der anthroposophisch Freie sei »von Formen und Formalitäten umfangen, die sich aus Erkenntnissen des Doktors« herleiteten.

Deutlich zeige dies die unverwechselbare Formensprache anthroposophischer Einrichtungen, die alle mehr oder weniger aussähen wie der Dornacher Betonbau. Zwar erschien dem Autor die anthroposophische Gebäudegestaltung immer noch origineller als die »amtliche Fertigteil-Architektur«, genormt wirkte sie auf ihn jedoch nicht weniger. Für Brügge war der »anthroposophische Bauimpuls« ein »feierliches Wahrzeichen für die Gefahr einer kulturellen ›Versteinerung‹ – »gegen den gepriesenen Gestaltwandel, dem Spontaneität, Improvisation, das leicht Bewegliche dienlicher wären«, sperrten sich »die von zu vielen nur nachgebeteten Kulturanweisungen eines Meisters«, »der auf sein Gesamtkunstwerk zustrebte«, das er »im Bunde mit der schaffenden kosmischen Welt« glaubte geformt zu haben.

Ähnlich verstaubt mutete Brügge die »bemühte Sprachkultur« der Anthroposophen an, noch heute verausgabten sich »anthroposophisch geschulte Schauspieler […] in einer an längst vergangene Zeiten des Burgtheaters erinnernden Sprechtechnik«, ihre Gestik und Mimik sei »vorbestimmt durch eine auf Steiner gründende Seelen-Dramaturgie«. Zustimmend zitierte der rasende Reporter Friedrich Dürrenmatt: »Es gibt nichts Komischeres, als uneingeweiht in den Mysterienspielen der Anthroposophen zu sitzen.«

Die »vom Meister erdachte Leibesbewegung«, die Eurythmie, erschien ihm schlichtweg als kultisch. Für jeden Schritt, jede Bewegung gebe es »zwingende Impulse aus Urquellen«, die Choreographien sähen aus, als habe man »den Lebensweg eines Glühwürmchens mitgeschrieben«. Wenigstens scheine die therapeutische Anwendung dieser Bewegungsform Kranken und Behinderten zu helfen. Dennoch ließ sich nicht verschweigen, dass das Stuttgarter Eurythmeum inzwischen Erfolge feiere, »wie ein Weltstadt-Ballett«. Sogar Japaner und Chinesen fingen an, sich nach Steiners Ausdrucksgesetzen zu bewegen. »Im Eurythmeum Stuttgart, unter der beschwingten Autorität der aus Neuguinea stammenden Mulattin Else Klink, schreiten und schweben sie zu einer im Tonfall des 19. Jahrhunderts zelebrierten deutschen Dichtkunst.«

Überhaupt seien viele Steinerjünger von »zeitfremdem Pathos« durchdrungen, auch wenn sie nur einen Geschäftsbericht vortrügen. Sogar das Wort »Risiko« verkläre ein »Bochumer Bankprokurist« eurythmisch: »Im krönenden Schlussbuchstaben deutet das Allumfassende des O in seiner Stille auf etwas Überpersönliches hin.« Auch darin erblickte Brügge »esoterische Abschottung« und »Erstarrung«. Entsprechend beunruhigt seien darüber auch »kritische Anthroposophen«. Aber selbst sie beobachteten an sich einen unwiderstehlichen Drang zu diesem »gravitätisch einherstolzierenden Herrschaftsidiom«, in dem sie sich unter Eingeweihten selbst über Banalitäten verständigten. Davon zeuge der Stuttgarter »Waldorf-Spezialist« Stefan Leber, der sich mit seinen Kindern oder dem Reporter leger zu unterhalten vermöge, sogleich jedoch ins »Hohepriesterliche« verfalle, wenn er vor Kollegen trete. Darauf angesprochen, antworte er, diese Sprache werde »erwartet.« Christoph Lindenberg hingegen lobe Anthroposophen, weil sie schrieben wie »Nichtanthroposophen«.

Allenthalben werde die Beengung empfunden, aber die Kraft fehle, sich von ihr zu befreien. Zu den wenigen Ausnahmen gehöre Joseph Beuys, dessen Honigpumpe auf der Documenta Steiners Ideen umgewälzt habe. Von seinem Wunsch, seine Kinder an die Düsseldorfer Waldorfschule zu schicken, habe er allerdings Abstand genommen. »Einen fortgeschrittenen Anthroposophen verkraftet heutzutage manche Waldorfschule gar nicht mehr«, so Brügge.

In derselben Manier ging es weiter, auf weiteren 80 Seiten, zu den oben genannten Themen Wirtschaft, Waldorfschulen, Medizin und Landwirtschaft. Auf all das einzugehen, ist nicht nötig, die grundlegenden Reflexe wurden deutlich, auch wie sich Scheininteresse und Scheinbewunderung im Geschreibsel des Hamburger Starreporters mischten. Dass Brügge ein Vorläufer Helmut Zanders oder dieser sein akademischer Wiedergänger war, drängt sich auf. Reaktionen von anthroposophischer Seite konnten nicht ausbleiben. Manche der Betroffenen, wie Stefan Leber und Heten Wilkens meldeten sich zu Wort.

Wilkens gab im Nachrichtenblatt für die Mitglieder der Gesellschaft am 22. April, einen Tag vor Erscheinen des ersten Spiegelbeitrags, einige Hintergrundinformationen.[7]

Bei allen von anthroposophischer Seite Beteiligten sei in der langen Vorbereitungszeit für die Reportage die Auffassung maßgebend gewesen, »dass in einem Zeitalter nahezu totaler Öffentlichkeit der anthroposophische Kulturimpuls nicht im Verborgenen leben kann; dass mithin jede Hilfe geboten werden sollte, damit eine beabsichtigte, weitläufigere Darstellung […] möglichst sachgemäß ausfallen könne. Seit vielen Monaten fanden die Gespräche und zahlreiche Besuche zur Vermittlung einer eigenen Anschauung vor Ort statt. Die Begegnungen waren charakterisiert durch ein der Sache nicht feindselig gegenüberstehendes, psychologisch sensibles Einfühlungsvermögen bei gleichzeitig gewahrter Beobachter-Position [auf seiten Brügges].«

Der deutsche Generalsekretär gab auch gleich eine Sprachregelung für die Mitglieder aus. Besonders warnte er davor, empörte Leserbriefe zu schreiben: »Werden sich unbesonnene Stimmen aus einer gleichsam ›geschlossenen‹ Gesellschaft in der […] breiten Öffentlichkeit – etwa durch Leserbriefe – darstellen, womöglich schon vor Abschluss der Serie? Dies würde dem Bild, das mit den großen Möglichkeiten wie auch den notwendigen Begrenzungen eines solchen Magazins erscheint, eine der Sache nicht zuträgliche Perspektive hinzufügen […] Humorlosigkeit und Rechthaberei sollten sich nicht öffentlich als Verfechter unserer Sache darstellen. Jeder ist in dieser Hinsicht mitverantwortlich für Bilder, die durch ihn entstehen.« Offenbar rechnete Wilkens mit Empörung unter der Mitgliedschaft und wälzte die Folgen der eigenen Unfähigkeit, das Geschwätz des Spiegelreporters in halbwegs sinnerfüllte Bahnen zu lenken, vorsorglich auf die Mitglieder ab. Deren Reaktion blieb natürlich nicht aus.

Der Redakteur des Nachrichtenblatts, Martin Barkhoff, schrieb am 22. Juni in der Zeitschrift Das Goetheanum in kaum verhaltenem Zorn[8]: »Da hat Peter Brügge, der zu jener Creme der Spiegel-Schreiber gehört, die ihre Artikel persönlich abzeichnen, zwei Jahre sich mit Anthroposophen und Anthroposophie beschäftigt und das Ergebnis in einer Artikelserie seines Blattes […]veröffentlicht […] In der Werbung für das Buch, in dem die Serie zusammengefasst ist, heißt es, der Autor unternähme den Versuch, ›die Motive der Anhänger Rudolf Steiners zu untersuchen‹. Doch von anthroposophischen Ideen und erst recht vom anthroposophischen Umgang mit Ideen kann man bei Brügge nichts Substantielles finden.« Stattdessen fand Barkhoff nur »Gedanken-Häcksel«. Von »anthroposophischer Geistigkeit« sei in den Artikeln Brügges keine Spur zu bemerken, auf sie könnten die Leser »höchstens durch ein nach der Lektüre entstandenes Mangelerlebnis aufmerksam geworden sein«.

Ein zweites Mal meldete sich Wilkens, vermutlich, nachdem er Reaktionen anthroposophischer Leser hatte verdauen müssen, in der Juli/August-Nummer der Zeitschrift Die Drei, diesmal für die Öffentlichkeit, zu Wort.[9] Nun klang er schon etwas kritischer.

Über Brügges Darstellung schrieb er, wo immer sich in ihr ein Fenster in Wesentliches öffne, werde der Blick sogleich »durch ein ironisches Blitzlicht« verblendet. Eine grinsende, »chimärische Maske« glotze »aus dem Gesträuch« seiner Sprache. Die durch einen Dschungel von Kuriositäten und Monstrositäten hindurch mäandrierende Erzählung des Autors verglich er – unzutreffend – mit einem »Derwischtanz«.

Vor allem ärgerte Wilkens, dass Peter von Siemens dem rasenden Reporter mit seiner Behauptung, »der Weltenplan« vollziehe sich »unerbittlich«, eine Steilvorlage geliefert hatte. Nach Steiners Darlegung in Wort und Schrift verlaufe das Weltgeschehen nicht nach Plan, korrigierte er. »Erde und Mensch bewegen sich durch schwingend fließende Extreme, gleich einem naturbelassenen Strom. Sie sind auf einem schwindelfreien Weg zur Verwirklichung der Freiheit.« Brügge habe die »Hauptsache« durch »Nebensächlichkeiten, bloße Derivate« verfremdet, die Hauptsache, die darin bestehe, dass mit der Anthroposophie »eine entscheidende Kulturalternative zur Erscheinung« komme, ein »Initiationsimpuls moderner Prägung«, der sich anschicke, »Zivilisationsgestaltung zu werden«.

Der Spiegel-Reporter, führte er entschuldigend an, sei eingeklemmt zwischen zwei antipodische Bereiche gewesen: die bloßen Vorstellungen ungreifbare »Kosmologie bewegten Werdens« der Anthroposophen und das Interesse der Magazinredaktion an »greifbaren Fakten«. Ständig habe ihm außerdem »das grinsende Gespenst« des »quasi objektivierten Spiegel-Stils« über die Schulter geschaut, den Hans Magnus Enzensberger als Element moderner Bewusstseinsindustrie charakterisiert habe, ein Gespenst das zu soufflieren beginne, sobald man anfange, zu schreiben. Anthroposophen seien ungeübt im Umgang mit Vertretern der Massenmedien; statt ein gewünschtes Ergebnis sicherzustellen, seien sie viel mehr am Gespräch interessiert und hofften darauf, durch Offenheit für sich einzunehmen. Der Leitsatz Lenins: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, sei keine anthroposophische Maxime.

Wieder scholt er die »chronisch Humorlosen«, die sich über den Spiegel-Stil empörten und dabei übersähen, dass durch Brügges Reportagen ein Viermillionenpublikum auf die anthroposophische Bewegung aufmerksam geworden sei. »Kenner der Verhältnisse« stimmten darin überein, dass die »problembeladene Darstellung im Spiegel nicht rundum nur negativ, nicht nur verletzend« wirke. Ja, aufgrund der Darstellung Brügges sei sogar um Aufnahme in der Anthroposophischen Gesellschaft nachgesucht worden.

Was das Fiasko des Zerrbildes der Anthroposophie anbetraf, das er wiederholt als »Chimäre« bezeichnete, meinte er, »jeder aufmerksame Betrachter« müsse selbst einen »besonnenen Standort für sein Urteil gewinnen und bewahren: auf schmalem Pfad zwischen sektiererisch reagierender Inbrunst und kalter, öffentlichkeitsbezogener Gleichgültigkeit.« Und er versicherte, der Autor habe ihm beteuert, die »Lebensgestalt« der Anthroposophie »erweise sich nicht als eine Sekte; die Beteiligten hätten Mut und Stil, ihre Experimente – intellektuell und sozial – kontrovers auszutragen, ohne dass überschüssige Feindseligkeit aus allen Schnittstellen« quelle. Typischer Wilkens eben.

Etwas deutlicher und handfester wurde Stefan Leber im Michaeliheft der Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland.[10]

Auch er teilte einige Hintergrundinformationen mit: Veranlasst worden war die Spiegel-Serie dadurch, dass der Herausgeber des Magazins, Rudolf Augstein, immer wieder auf anthroposophische Initiativen gestoßen sei und festgestellt habe, »dass selbst das einzigartige Informationssystem des Spiegel-Archivs so gut wie nichts über eben die Anthroposophen enthielt.« Daher sei beschlossen worden, »die erste systematische und breite Darstellung über Anthroposophen […] zu bringen«. Brügge habe sich freiwillig gemeldet, sie zu schreiben.

»Vor Jahren schon«, so Leber, habe jeder, »der sich die Arbeitstechnik des ›Spiegel‹ anhand einer Analyse vergegenwärtigte, die von Hans Magnus Enzensberger meisterlich vorgenommen wurde«, sich auf das einstellen können, was zu erwarten war: »alle Vorgänge, Sachverhalte und Erscheinungsformen des menschlichen Lebens werden im Spiegel zur Story gemacht, d.h. zu kleinen Geschichten, simplifiziert oder aufgebauscht und einem entsprechenden sprachlichen Kleid leicht ironischer bis zynischer Formulierungskunst eingepasst […] Diese Technik, auf die Anthroposophie oder ihre Vertreter angewandt, ließ einen schon vorab erschauern.« Je mehr aber die Anthroposophie in die Öffentlichkeit dringe, um so weniger könne sie sich dem Urteil dieser Öffentlichkeit entziehen. Ihre Arbeitsleistungen würden »bewertet, beurteilt, verurteilt«; dahinter stünden »bestimmte geistige Wesenheiten als Inspiratoren«.

Wer sich auf ein Gespräch mit den »Gestaltern der öffentlichen Meinung« einlasse, könne diese zwar nicht ändern, aber zumindest beeinflussen. Alle Mitarbeiter der anthroposophischen Bewegung, die mit Brügge in Berührung gekommen seien, hätten »viele Stunden lang versucht, dem sehr aufmerksamen, aber auch kritischen Autor« »den anthroposophischen Geist als Bewegendes zu verdeutlichen«, aber sich auf den Quell all ihrer Aktivitäten, die »spirituelle Welt als solche einzulassen«, sei ihm nicht leicht gefallen. Das ist schlicht beschönigend. Er war dabei in Wahrheit erschütternd gescheitert oder hatte einfach kein Interesse daran. Auch bei Leber drängte diese Einsicht durch und so fuhr er fort, Brügge sei »vor dem Erleben der Grenze, die vom Konventionellen« scheide, zurückgezuckt (vor der Schwelle also). Von der Fülle dessen, »was an anthroposophisch Inhaltlichem« in vielen Gesprächen erörtert worden sei, finde sich in seinen Beiträgen enttäuschend wenig. »Gerade die Grundlage für all dieses Tun der Anthroposophen nimmt sich außerordentlich ›dünn‹ aus.« Brügge habe ihm sogar versichert, er wolle »mit den ihm möglichen journalistischen Mitteln eine ›Huldigung‹ an Rudolf Steiner zuwege bringen«. Enttäuscht wie er war, zog Leber trotz allem das Fazit: »Wir sind noch einmal glimpflich davongekommen«.

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Anmerkungen:


  1. Nachrichtenblatt, 8. Juli 1984, 61. Jg., Nr. 28.
  2. Der Egon-Erwin-Kisch-Preis hatte Brügge 1980 für eine Reportage über die wachsende Ablehnung eines oberbayrischen Dorfes gegen vietnamesische Flüchtlinge erhalten.
  3. DER SPIEGEL, Nr. 17, 23.4.1984, S. 60-79
  4. Verglichen mit der Größe des den Neuen Sozialen Bewegungen verbundenen linksalternativen Milieus, dessen harter Kern von Aktivisten Ende der 1970er Jahre auf 300.000 bis 600.000 Mitglieder und 5,6 Millionen Sympathisanten geschätzt wurde, waren dies verhältnismäßig wenig. Siehe Sven Reichardt, Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Frankfurt a.M. 2014, S. 14-15.
  5. »Die Philosophen sind … dem Herrn näher, als die sich nähren von den Brosamen des Geistes; sie lesen oder schreiben diese Kabinettsordres [des Weltgeistes] gleich im Original: sie sind gehalten diese mitzuschreiben. Die Philosophen sind die μυσται, die beim Ruck im innersten Heiligtum mit und dabei gewesen; die Anderen haben ihr besonderes Interesse: diese Herrschaft, diesen Reichtum, dies Mädchen«. Geschichte der Philosophie, SW XIX, S. 96.
  6. Das Interesse an diesem Thema scheint bei Hess alias Brügge notorisch gewesen zu sein. Der ehemalige Herausgeber der Düsseldorfer Untergrund-Zeitung Der Metzger, Helmut Loeven, der sich über Brügges Relotiaden àvant la lettre, seine erfundenen Zitate und Fakten, noch 40 Jahre später ärgerte, teilte aus der Vorgeschichte einer 1971 im SPIEGEL erschienenen Reportage Brügges über die Deutsche Jugendbewegung in seinem Blog 2012 ein pikantes Detail mit: »Der Reporter [Brügge] hatte einen Fotografen dabei. Es ging das Gerücht, dass der Anne [die damalige Freundin Loeves] und ein paar andere Mädchen dazu überredete, sich nackt fotografieren zu lassen. Der brauchte sie gar nicht groß zu überreden, die waren sofort dazu bereit. Das hätte man ja als ›demonstrative Verweigerung der bürgerlichen Moral‹ oder als ›Überwindung falscher Scham‹ titulieren können, oder einfach als ›schön unanständig‹ (Motto: Warum eigentlich nicht?). Ich fand eher, das war Ausbeutung. … Später […] hat Anne mir bestätigt, was ich hatte läuten hören: ›Der Fotograf hat Bilder von mir gemacht. Von meinem nackten Hintern!‹ Diese Fotos wurden aber nicht gedruckt. Der Fotograf hielt es noch nicht einmal für nötig, seinem Modell Abzüge der Bilder, die er von ihr gemacht hatte, zuzusenden. Sie werden jetzt wohl in einem Privatarchiv gehütet – als Beutestücke gewissermaßen.« http://helmut-loeven.de/2012/11/anne-im-spiegel/
  7. Nachrichtenblatt, 22. April 1984, S. 70.
  8. Goetheanum, Nr. 22, Juni 1984, S. 174.
  9. Heten Wilkens, Derwischtanz im Spiegel. Unterwegs zur »schönen Satire«? Die Drei, Juli/August 1984, S. 597-600.
  10. Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, H. 149, Michaeli 1984.

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