1984 | Ein Coup und seine Verschleierung

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Vollmacht Steiners 1924

Vollmacht Steiners für Ita Wegman zu seiner Vertretung bei der »Gründungsversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft« am 3. August 1924.

Wie bereits berichtet, beschäftigten sich seit den 1970er Jahren einzelne Mitgliedergruppen detektivisch mit der Vereins- bzw. Gesellschaftsgeschichte. Dabei stießen sie auf Unstimmigkeiten zwischen der offiziellen Legende und historischen Dokumenten, die nach ihrer Auffassung darauf hindeuteten, dass kurz vor und nach dem Tod Steiners von verantwortlichen Funktionären des Goetheanumbauvereins und der Anthroposophischen Gesellschaft – irrtümlich oder mit Absicht – die von Steiner vorgesehenen Beziehungen zwischen den beiden Körperschaften fatal uminterpretiert worden waren. Durch einen Coup, der mit der Eintragung in das schweizerische Vereinsregister begann und bei der Mitgliederversammlung von Gesellschaft und Verein am 29.12.1925 vollendet wurde, hatte der ehemalige Bauverein die bei der Weihnachtstagung gegründete Gesellschaft gleichsam verschlungen und damit zum Verschwinden gebracht.

Von diesen Unstimmigkeiten zeugte auch die Existenz zweier Satzungen, deren widersprüchliche Bestimmungen eigentlich jedem auffallen mussten, der sich etwas näher mit vereins- oder gesellschaftsrechtlichen Fragen zu befassen imstande war: die in einem einzigartigen dialogischen Prozess während der Weihnachtstagung von allen Anwesenden diskutierten und verabschiedeten Statuten der durch eben diesen Prozess konstituierten »modernsten Gesellschaft, die es geben kann«[1] – die laut Steiner deswegen die modernste war, weil aus ihr jegliche »Zustimmung zu Prinzipien«, jedes »dogmatische Bekenntnis ausgeschlossen« sein sollte[2] – und die Statuten des ehemaligen Bauvereins, die im Zusammenhang mit der angeblichen Eintragung der Gesellschaft ins Vereinsregister angepasst worden waren.

Die beiden »Verfassungen« enthielten unterschiedliche Bestimmungen über den Zweck der jeweiligen Organisation, über die Aufnahme oder den Ausschluss von Mitgliedern und deren Rechte, über das Prozedere bei der Besetzung der jeweiligen Vorstände usw. Diese Widersprüche waren zwar vereinzelten Mitgliedern, sogar Mitgliedern des Vorstandes, spätestens um 1935 herum aufgefallen (darunter Albert Steffen[3], Elisabeth Vreede, Marie Steiner und Emil Leinhas), aber niemand wendete den zugrunde liegenden Problemen ein Forschungsinteresse zu, wie es von einer Gesellschaft zur Förderung der Geistesforschung zu erwarten gewesen wäre. Stattdessen wurde das widersprüchliche Ergebnis einer unverstandenen Geschichte pragmatisch damit aus der Welt geschafft, dass die Statuten der Gesellschaft der Weihnachtstagung in »Prinzipien« (!) umgetauft und in den Rang einer platonischen Utopie erhoben wurden, während die realen Verhältnisse innerhalb der Gesellschaft durch die modifizierten Vereinsstatuten des ehemaligen Bauvereins geregelt wurden, die man zur Durchführungsverordnung jener platonischen Utopie uminterpretierte. Letztere wurden den jeweiligen historischen Bedürfnissen entsprechend geändert und waren damit Ausdruck der realen Geschichte der Gesellschaft und ihrer (vereins-)politischen Verwerfungen, erstere leuchteten wie das Urbild einer idealen Gemeinschaft in einem Ideenhimmel vor sich hin, in dem es keine Paradigmen des Schlechten oder Unvollkommenen gab.

Das Ergebnis dieser Verwirrung war ein »gemischter König«, dessen Körper aus zwei sich widersprechenden Verfassungen bestand und von Wilfried Heidt als »real-existierende Simulation« bezeichnet wurde – sogar eine doppelte Simulation –: eine esoterische Gesellschaft, die nach dem Statut eines ehemaligen Bauvereins regiert wurde und ein ehemaliger Bauverein, der sich als esoterische Weihnachtstagungsgesellschaft ausgab. Im Jahr 1965 beispielsweise wurden von der Generalversammlung Änderungen der §§ 3, 4 und 5 der Vereinssatzung gutgeheißen, die den Vereinszweck, die Aufnahme von Mitgliedern und deren gegenseitige Beziehungen betrafen. Neu hinzugefügt wurde dem § 4 eine Bestimmung, wonach die Führung des Namens Anthroposophische Gesellschaft von der Zustimmung des Vorstandes abhing, die, wie weiter oben berichtet, das Ergebnis eines Rechtsstreites war, den der Vorstand mit einem renitenten Mitglied, Lothar-Arno Wilke, in Hamburg führte, das behauptete, als Vertreter des Hamburger Zweiges ältere Rechte auf den Namen der Anthroposophischen Gesellschaft zu besitzen, als diese selbst.

Nicht nur Arno Wilke, sondern ganze Mitgliedergruppen, die sich mit dieser sogenannten Konstitutionsfrage beschäftigten, wurden – ohne Angabe von Gründen – aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Zu diesen gehörten Rudolf Saacke[4] und Johann Wolfgang Ernst[5]. Anderen, wie Karl Buchleitner, Gerhard von Beckerath oder Carlo Frigeri von der Nachlassverwaltung, blieb dieses Schicksal erspart. Buchleitner, von 1956 bis 1986 Schularzt an der Pforzheimer Waldorfschule, hatte bei der Auseinandersetzung um das Zweite Arzneimittelgesetz die »Ärztliche Aktionsgemeinschaft für Therapiefreiheit« gegründet und war politisch aktiv geworden. Er gehörte außerdem zu den Gründungsmitgliedern der »Hufelandgesellschaft für Gesamtmedizin«, die in den 1980er Jahren jene rund 15.000 Ärzte vertrat, von denen der SPIEGEL-Reporter Brügge gesprochen hatte. In Pforzheim, wo er als niedergelassener Arzt praktizierte, wurde 1982 auch eine Forschungsgruppe zur »Konstitutionsfrage« gegründet, zu der Saacke und Beckerath gehörten und der sich später Wilfried Heidt anschloss. Nach vier Jahren, 1986, sollte diese Gruppe den Vorstoß unternehmen, ihre Forschungsergebnisse in Gestalt eines Memorandums zur Lage der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zu publizieren[6], stieß jedoch bei allen anthroposophischen Zeitschriften und auch beim Vorstand der Gesellschaft, vertreten durch Manfred Schmidt-Brabant, auf Ablehnung.

Vor diesem Hintergrund ist die Publikation eines Artikels von Kurt Franz David über den 8. Februar in der Geschichte unserer Gesellschaft im Nachrichtenblatt zu verstehen[7], bei dem es sich um eine Rechtfertigung der Wachsmuth-Legende handelte, nach der an diesem Tag »jene wichtige konstituierende Versammlung« stattgefunden hätte, »welche den geistigen Entscheidungen der Weihnachtstagung ihre dauernde, organisch gegliederte Erdenform« gegeben habe, um die »zukünftige Entwicklungslinie der geistigen Bewegung, der Gesellschaft, der Hochschule, der Sektionen und aller aus der Geisteswissenschaft befruchteten Arbeitsgebiete als einer lebendigen Einheit zu gewährleisten«.[8] In Wahrheit gewährleistete der aus einer geistigen Konfusion entstandene Einheitsbrei aus Weihnachtstagungsgesellschaft und ehemaligem Bauverein ein Jahrhundert voller »Streit und Zwietracht, Dogmatismus und Sektiererei, Machtgehabe und Rivalitäten, Manipulation und Unterdrückung Andersdenkender«.[9]

Während der Weihnachtstagung habe Steiner, so David, der »damals begründeten Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft« neue Statuten gegeben und sie durch die Mitgliedschaft bestätigen lassen. Deren Eintragung in das Vereinsregister habe sich verzögert, da sie einige erforderliche Angaben nicht enthalten hätten. Hierzu muss betont werden, dass die Anthroposophische Gesellschaft durch den Vorgang ihrer Konstitution mit den Statuten der Weihnachtstagung als Gesellschaft bürgerlichen Rechts konstituiert war und seither existierte. Sie bedurfte keiner Eintragung ins Vereinsregister, um ihre Existenz zu beglaubigen oder sie handlungsfähig zu machen. Durch die Beschlüsse vom 8. Februar 1925, so David weiter, sei die Eintragung dieser Gesellschaft ins Vereinsregister dann gelungen. Die Beschlüsse seien »dadurch entstanden«, dass der Bauverein in »Verein Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft« umbenannt und seine Statuten »zweckentsprechend« geändert worden seien. Damit ist der Vorgang einigermaßen zutreffend beschrieben, wenngleich bei der Weihnachtstagung nicht die »Allgemeine«, sondern lediglich die »Anthroposophische Gesellschaft« (so ihr offizieller Name) gegründet – genauer neu gegründet (rekonstituiert)– wurde.[10]

Erst Jahrzehnte später, so David weiter, hätten diese Beschlüsse zu bis heute andauernden Auseinandersetzungen geführt. Behauptet werde, die Anthroposophische Gesellschaft der Weihnachtstagung habe am 8. Februar aufgehört zu existieren, da an ihre Stelle ein aus dem (ehemaligen) Bauverein hervorgegangener gleichnamiger Verein getreten sei.

Guenther Wachsmuth, »der Hauptverantwortliche für die Beschlüsse des 8. Februar«, habe sich erstmals am 30. April 1950 im Nachrichtenblatt gegen die »Verdächtigungen und falschen Gedankenwege« zur Wehr gesetzt, die zu diesem 8. Februar vorgebracht worden seien. In diesen »falschen Gedankenwegen« sei schon die »künstliche Gegenüberstellung« zwischen Bauverein und Allgemeiner Anthroposophischer Gesellschaft irreführend. Irreführend ist aber vielmehr, was David im Folgenden anführt, um seine Behauptung zu begründen, jene Gegenüberstellung sei irreführend. Er argumentiert nämlich, der Bauverein sei am 29. Juni 1924 bei seiner 3. außerordentlichen Generalversammlung als selbständiger Verein »aufgehoben« und als Unterabteilung der an der Weihnachtstagung entstandenen Anthroposophischen Gesellschaft eingegliedert worden. In Wahrheit sollte er einem noch zu gründenden Verein der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft eingegliedert werden, der nicht mit der Gesellschaft der Weihnachtstagung identisch war. Die Gründung dieses Vereins erwies sich jedoch im August 1924 aus steuerlichen Gründen als inopportun[11], was zu den Beschlüssen des 8. Februar 1925 führte, die die Umbenennung des (ehemaligen) Bauvereins in Verein der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft bei der Eintragung ins Handelsregister vorbereiteten. Im Folgenden verbreitet David einen vollständigen Nebel über die tatsächlichen Vorgänge: an die Aussage, der ehemalige Bauverein sei der Gesellschaft als Unterabteilung »eingegliedert worden«, schließen sich die Sätze an: »Als solche fungierte nun auch der Gründungsvorstand der Weihnachtstagung als seine Leitung.« [Was bedeutet hier »als solche«? Soll damit gesagt werden, der Gründungsvorstand sei eine Unterabteilung der Gesellschaft gewesen, der er vorstand?] Hanebüchen sind auch die nächsten Aussagen: »Dieses konnte ebenso wie die bei der Weihnachtstagung vorgenommene Begründung der Gesellschaft und ihrer Grundsteinlegung vorerst nur durch interne Beschlüsse geschehen, trotzdem auch am 29. Juni 1924 ein behördlicher Vertreter anwesend war, der jedoch die amtliche Durchführung der getroffenen Beschlüsse nicht vornahm, weil die Eintragung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft noch auf sich warten ließ.«

War die Gründung der Gesellschaft durch die Weihnachtstagung ein »interner Beschluss«? Und wenn ja, von wem? Ging diese Gesellschaft etwa nicht aus dem gemeinsamen Willen aller an der Weihnachtstagung beteiligten Mitglieder hervor, die sich zu den Statuten dieser Gesellschaft bekannten, die sie bildeten? Was war an dem gemeinsamen Beschluss der Vollversammlung der Mitgliedschaft, die Gesellschaft zu gründen, »intern«? Und der am 29. Juni 1924 anwesende »amtliche Vertreter« nahm die »amtliche Durchführung« der getroffenen Beschlüsse nicht deshalb nicht vor, »weil die Eintragung der anthroposophischen Gesellschaft noch auf sich warten ließ«, sondern weil sich die beabsichtigte Gründung des Rechtsnachfolgers des Bauvereins – des Vereins der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft – in der beabsichtigten Form als inopportun erwies.

Dank der Beratungen Guenther Wachsmuths mit den Behörden und dem erkrankten Rudolf Steiner soll sich laut David dann herausgestellt haben, dass der ehemalige Bauverein »die Grundlage für die Anmeldung« der Gesellschaft im Handelsregister habe abgeben können. Damit sei die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft »Rechtsnachfolgerin«[12] des Bauvereins geworden und dessen Vermögenswerte hätten auf sie übertragen werden können. Allerdings habe dadurch die Gesellschaft Statuten erhalten, »die in ihrer Formulierung nichts mehr von dem Geist atmeten, der die zu Weihnachten 1923 angenommenen Statuten durchwehte«. Durch einen Coup zwischen Wachsmuth, den Behörden und dem erkrankten Rudolf Steiner wäre also der Anthroposophischen Gesellschaft die auf dem Hochfest der Weihnachtstagung unter Herbeirufung der gesamten Hierarchienwelt verliehene Verfassung entzogen und durch eine andere ersetzt worden, die außerdem vor der Mitgliedschaft ein ganzen Jahrzehnt lang verheimlicht wurde. Und Steiner hätte diesem Betrug an der Mitgliedschaft auch noch zugestimmt. Um die neuen Statuten der Gesellschaft [die niemand kannte und die nichts mehr von dem Geist der Weihnachtstagung »atmeten«, ganz zu schweigen davon, dass sie von der Esoterik gezeugt hätten, die nach Steiners Übernahme des Vorsitzes der Gesellschaft angeblich alles bestimmen sollte] von den alten unterscheiden zu können, seien letztere in »Prinzipien« umbenannt worden (sic!). Und diese Prinzipien seien – ungeachtet der Tatsache, dass sie am 8. Februar außer Kraft gesetzt worden waren – immer »die Basis des gelebten Verhältnisses der Mitglieder zur Gesellschaft geblieben«. Vor allem bei all den gelebten Ausschlüssen von Mitgliedern und Landesgesellschaften mit oder ohne Angabe von Gründen, von welchen in den Statuten der Weihnachtstagung nirgends die Rede war!

Den Höhepunkt des Widersinns bildet aber der folgende Satz: »Rudolf Steiner auf seinem Krankenlager und die Mitglieder des Gründungsvorstandes bestätigten durch ihre Unterschrift ihr Einverständnis mit dieser Lösung.« Mit dieser Lösung gewiss nicht.

»Niemand«, fährt David fort, »wäre damals auf den Gedanken verfallen, es sei damit die zu Weihnachten 1923 entstandene Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft aufgehoben oder ihres Wesens entkleidet worden«, obwohl er gerade selbst zugestanden hatte, dass die »neuen Statuten« nichts mehr »vom Geist der Weihnachtstagung« enthielten.[13] »Für sie [d.h. die Mitglieder des Gründungsvorstandes] hatten die mit Rudolf Steiner getroffenen Entschlüsse gewichtigere Bedeutung und mehr Wert als das Faktum des verspäteten amtlichen Vollzugs.«

Ja, Guenther Wachsmuth soll vor dem 8. Februar sogar die »allgemeine Mitgliedschaft« von den bevorstehenden Beschlüssen auf einer Vorbesprechung in Kenntnis gesetzt haben. David zitiert als Beleg den »einzigen« existierenden Bericht eines Teilnehmers jener Besprechung.[14] Darin ist zwar nicht von der genannten Besprechung die Rede, dafür schienen David offenbar einige andere Sätze zur Untermauerung der vorgetragenen Thesen zitabel. Hans Locher setzt sich in seinem Artikel mit den Publikationen von E.W. Ernst und Rudolf Saacke auseinander, insbesondere mit Saackes spektakulärem Fazit: »Mit dem Tod von Rudolf Steiner hat die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft der Weihnachtstagung aufgehört zu existieren«.

Diesem Fazit kann Locher – als Parteigänger der Nachlassverwaltung – durchaus etwas abgewinnen: »Von einem gewissen Gesichtspunkt aus kann man dazu ›ja‹ sagen. Die Gründung der AAG und die Statuten der Weihnachtstagung haben ganz auf die Tatsache abgestellt, dass Rudolf Steiner den Vorsitz und die Leitung übernommen hat. Mit seinem Tode hat diese Voraussetzung aufgehört und die Gesellschaft hätte sich neue Statuten geben müssen, um der neuen Situation gerecht zu werden. Niemand außer Marie Steiner hat das aber 1925 gesehen, man glaubte bis heute, man könne einfach so weiterfahren […] Hier liegt der große Irrtum, die Tragik. Aber äußerlich gesehen, rechtlich, existiert selbstverständlich die Weihnachtstagungsgesellschaft bis heute.«[15] David zitiert jedoch nicht diese Sätze, sondern einige andere: »Den Gedanken, dass die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft am 8. Februar 1925 zu einem ›gewöhnlichen Verein‹ degradiert worden sei, finde ich vollständig abwegig. Vom öffentlichen rechtlichen Gesichtspunkt aus ist auch die an Weihnachten 1923 von Rudolf Steiner begründete Gesellschaft ein Verein, wie er im Schweizerischen Zivilgesetzbuch beschrieben ist, wie jeder andere Verein.

Den geistigen Inhalt hat die Gesellschaft von Rudolf Steiner erhalten, der ihn in den Statuten (Prinzipien) zusammengefasst hat. Es ist verständlich, dass man diesen beiden Gesichtspunkten, dem geistigen und dem rechtlichen, nicht in einem Dokument gerecht werden konnte. Dass die Statuten vom 8. Februar schlecht formuliert sind und nicht den Intentionen Rudolf Steiners entsprechen, ist unbestritten.«

Laut David ist es, rein rechtlich betrachtet, unbestreitbar, dass der Bauverein, der seit 1913 als eingetragener Verein existierte, seit dem 8. Februar 1925 »unter dem Namen Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft« fortbestand – »also erst von diesem Tage an als Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft existiert[e]«. Heißt dies im Umkehrschluss, dass die Anthroposophische Gesellschaft erst seit dem 8. Februar existierte? Aber hatte David nicht gerade eben Locher zitiert, der in seinem Aufsatz Max Jost zustimmte, der darauf hinwies, dass ein Verein seine juristische Persönlichkeit nicht durch einen Akt der Anerkennung seitens einer Staatsbehörde oder die Eintragung in das Handelsregister erlange, sondern sobald der Verein in seiner konstituierenden Versammlung die Statuten angenommen und die Gründer ihren Beitritt zum Verein erklärt hätten?

Rudolf Steiner sei »das Unzureichende der Statuten« des 8. Februar »nicht verborgen geblieben«, so David. »Deshalb gab er den Rat, es zunächst so zu lassen, aber für später an eine Änderung zu denken.« Nun starb er am 30. März und konnte sich um diese spätere Änderung nicht mehr kümmern, wie er sich überhaupt um den Schlamassel nicht mehr kümmern konnte, den die Mitgliedschaft in der von ihm ins Leben gerufenen Gesellschaft anrichtete, auch wenn viele behaupteten, er leite die Gesellschaft auch nach seinem Tode und werde an sie gebunden bleiben, solange sie existiere, ja sogar noch darüber hinaus. Aber sollte Steiner geglaubt haben, die Statuten der Weihnachtstagungsgesellschaft müssten durch jene des ehemaligen Bauvereins ersetzt werden?

David sieht die Gesellschaft trotz der haltlosen Kritik einiger Dokumentenkrämer auf einem guten Wege, wenn ihre Mühlen auch langsam mahlen. So habe ein erster Schritt zu einer Verbesserung der Statuten erst 1965 bei der von uns bereits erwähnten Generalversammlung gemacht werden können. Damals sei der Versuch unternommen worden, »mit der Neufassung« vieler Paragraphen »die Statuten so weit als nur möglich an die Weihnachtstagungsstatuten, die heutigen ›Prinzipien‹, anzugleichen.« Er selbst habe »in vielstündigen Gesprächen mit dem Beauftragten im Eidgenössischen Amt für das Handelsregister in Bern« erreicht, dass der Vorstand der Gesellschaft in den Statuten (des eingetragenen Vereins) als »Initiativvorstand« bezeichnet werde – und damit mehr sei, als »bloßer Ausführer von Vereinsbeschlüssen« nach dem Vereinsrecht.

Deutlich zeige sich der Fortschritt am Vergleich der verschiedenen Fassungen des § 3. Dieser habe in den Statuten vom 8. Februar gelautet: »Zweck des Vereins ist die Pflege künstlerischer und wissenschaftlicher Bestrebungen«, eine in der Tat im Vergleich zur Zweckbestimmung der Statuten der Weihnachtstagung spröde Formulierung.

Dieser Satz sei 1965 durch folgende Passage ersetzt worden: »Die Gesellschaft verfolgt ihre Aufgaben und Ziele im Sinne der ihr von Rudolf Steiner gegebenen und an der Gründungstagung zu Weihnachten 1923 von den Mitgliedern angenommenen Prinzipien. Diesen Aufgaben entsprechend, obliegt ihr die Pflege künstlerischer, wissenschaftlicher und erzieherischer Bestrebungen, insbesondere die Erhaltung des Goetheanums als Freie Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach.«

Das Beispiel belege, dass die Gesellschaft sich darum bemühe, die Aufgaben zu lösen, die der 8. Februar 1925 ihr gestellt habe. Dass David nicht die von uns oben erwähnten Änderungen des Vereinsstatuts als Beleg für seine Zuversicht heranziehen konnte, liegt nahe, und dass er sie nicht erwähnt, spricht Bände.

Sein Artikel endet mit einer Zurechtweisung all jener, die aufgrund ihrer Forschungen zur Konstitutionsfrage zu einem anderen Ergebnis kamen, als es die Wachsmuth-Legende suggerierte: »Nicht im Auftürmen von Gedankengebäuden und Spekulationen wird den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft gedient sein, sondern im Erforschen der Absichten, die Rudolf Steiner während den Tagen der Gründungsversammlung zu Weihnachten 1923 und am 29. Juni 1924, als er von den vier Strömungen sprach, angedeutet hat. Sie werden zu Recht die Verwaltung, die Zweige und Gruppen und wohl auch künftige Generalversammlungen zu beschäftigen haben. Denn vieles wartet noch darauf, realisiert zu werden.«

Dass die Konstitutionsforscher nichts anderes im Sinn hatten, als die »Absichten Rudolf Steiners« zu ergründen, kam dem langjährigen Vorstandssekretär nicht in den Sinn. Dass ihre »Entdeckung«, dass die Anthroposophische Gesellschaft der Weihnachtstagung mit dem Tode Steiners »aufgehört« habe, »zu existieren« – wie Saacke es besonders krass formulierte –, und die am Ende des Jahrhunderts infolge dieser »Entdeckung« ins Zentrum rückende »Konstitutionsfrage« ein Ausdruck der Tatsache war, dass der Gesellschaft ebendiese spirituelle Konstitution abhanden gekommen war, kam weder den einen noch den anderen in den Sinn.[16]

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Anmerkungen:


  1. Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24, Dornach 1994, GA 260, S. 125.
  2. Ebd.
  3. Albert Steffen notierte am 9. Februar hellsichtig in sein Tagebuch: »Am 8. Februar war die Eintragung ins Handelsregister. Jedes Mitglied hat jetzt Stimmrecht. Die Gesellschaft kann sagen: Kein Bau! Keine Klinik. Ein anderer Vorstand etc.« Die Eintragung ins Handelsregister erfolgte allerdings erst am 3. März 1925. Zitiert nach Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Dornach 1987, GA 260a, S. 22.
  4. Rudolf Saacke, Aus der Geschichte der anthroposophischen Bewegung. Der 8. Februar 1925, Hamburg 1979.
  5. J. W. Ernst, Über den Ursprung der sogenannten Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, 1977.
  6. Das Memorandum ist abgedruckt in: Karl Buchleitner, Das Schicksal der anthroposophischen Bewegung und die Katastrophe Mitteleuropas, Schaffhausen 1997, S. 192 f., sowie in Wilfried Heidt, Wer ist die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft? Achberg 1998, S. 303 f.
  7. Nachrichtenblatt, 24. Juni 1984, 61. Jahrgang, Nr. 26.
  8. Guenther Wachsmuth, Die Geburt der Geisteswissenschaft. Rudolf Steiners Lebensgang von der Jahrhundertwende bis zum Tode (1900-1925), Dornach 1941, S. 608.
  9. Wilfried Heidt, Wer ist die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft? Achberg 1998, S. 101.
  10. Alle von Steiner entworfenen offiziellen Dokumente der Anthroposophischen Gesellschaft, wie Mitgliedsausweise, Kopf für das Nachrichtenblatt, Aufnahme-Antragsformular, Statuten und Briefköpfe trugen den Namen Anthroposophische Gesellschaft und nicht Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft. Siehe GA 260a, S. 26.
  11. Den Vorbemerkungen der Herausgeberin Hella Wiesberger zu GA 260a und den diesem Band als Beilage angefügten Faksimiles ist zu entnehmen, dass am 3. August 1924 eine »Gründungsversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft« geplant war. Wiesberger schreibt auf S. 20 (die Seitenzahlen in Klammern verweisen auf Seiten das Bandes 260a und der Beilage): »Ein erster Entwurf von Statuten für das Handelsregister trägt das Datum vom 3. August 1924. Er liegt in der Handschrift der Schriftführerin Dr. Ita Wegman vor mit handschriftlichen Korrekturen bzw. Ergänzungen Rudolf Steiners (S. 548f.). Laut zwei Entwürfen Rudolf Steiners vom 2. August für eine Bevollmächtigung von Dr. Ita Wegman war eine ›Gründungsversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft‹ für diesen 3. August vorgesehen (Beilage S. 30).« Um was für eine Anthroposophische Gesellschaft mochte es sich dabei handeln, deren Gründungsversammlung am folgenden Tag abgehalten werden sollte? – Für die Eintragung des nunmehr als Allgemeine anthroposophische Gesellschaft bezeichneten Vereins existiert ein weiteres (undatiertes) Faksimile Rudolf Steiners, das die Namensänderung des »Vereins des Goetheanum der freien Hochschule für Geisteswissenschaft« (des ehemaligen Bauvereins) in »Verein der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft« für die Anmeldung im Vereinsregister festhält. Der letztere wird nicht mehr als »Rechtsnachfolger« des ersteren bezeichnet, sondern dieser ändert lediglich seinen Namen. Aus all dem dürfte klar sein, dass diese Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft eine zweite Gesellschaft bzw. ein Verein sein sollte, der sich von der Anthroposophischen Gesellschaft der Weihnachtstagung unterschied.
  12. Wie bereits in der vorigen Anmerkung erwähnt, ist in der Anmeldung für das Vereinsregister nicht mehr von »Rechtsnachfolge« die Rede, was einen neuen Verein voraussetzen würde, der die Nachfolge eines früher bestehenden voraussetzte, sondern nur noch von der Namensänderung eines bereits bestehenden Vereins. Entsprechend lautet der Eintrag im Schweizerischen Handelsamtsblatt vom 3. März auch: »Der Verein des Goetheanum der freien Hochschule für Geisteswissenschaft, in Dornach […] hat in der außerordentlichen Generalversammlung vom 8. Februar 1925 die Statuten revidiert und folgende Änderungen und Ergänzungen der publizierten Tatsachen geschaffen: Der Name des Vereins wird abgeändert in: Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft. Derselbe umfasst vier Unterabteilungen und zwar: a) die Administration der Anthroposophischen Gesellschaft; b) den philosophisch-anthroposophischen Verlag; c) die Administration des Goetheanum-Baues; d) das klinisch-therapeutische Institut in Arlesheim …« Siehe Beilage zu GA 260a, S. 60.
  13. Bemerkenswerterweise sollte sich der Vorstand der anthroposophischen Gesellschaft 2005 nach Jahren des Widerstands aufgrund zweier Gerichtsurteile genau diese Auffassung zu eigen machen. Nach zahlreichen Gutachten, Memoranden und Gerichtsverfahren erklärte er im März 2005: »Das Obergericht des Kantons Solothurn ist in seinen beiden Urteilen vom 12. Januar 2005 zu dem Schluss gekommen, dass die Anthroposophische Gesellschaft von 1923 am 8. Februar 1925 als eigenständiger Verein zu existieren aufgehört hat, weil sie durch ›konkludente Fusion‹ von dem 1913 gegründeten ehemaligen Bauverein absorbiert wurde, der in ›Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft‹ umbenannt wurde. […] Es hat zugleich die […] Meinung ausdrücklich verworfen, der Verein von 1923 sei durch Untätigkeit spurlos untergegangen. Der Vorstand hat sich nach reiflicher Überlegung und Beratung innerhalb des Hochschulkollegiums und mit der Konferenz der Generalsekretäre entschlossen, gegen die Urteile keine bundesgerichtlichen Rechtsmittel einzulegen. Sie erhalten damit Rechtskraft. Es wird somit in rechtlicher Hinsicht abschließend und auch für die Zukunft bindend von der schweizerischen Gerichtsbarkeit festgestellt: Der Verein, den Rudolf Steiner am 28. Dezember 1923 gegründet hat, der damals aber nicht ins Handelsregister eingetragen werden konnte, wurde am 8. Februar 1925 in den Verein von 1913 hineinfusioniert. Er wurde dadurch als eigenständige Körperschaft nach schweizerischem Vereinsrecht aufgelöst« (kursiv L.R.).Mit anderen Worten: »die zu Weihnachten 1923 entstandene [Allgemeine] Anthroposophische Gesellschaft« wurde am 8. Februar 1925 im besten Hegelschen Sinne »aufgehoben«: vernichtet, in eine andere Zustandsform gebracht und damit – wie auch immer – aufbewahrt.
  14. Hans Locher, Zum 8. Februar 1925. Mitteilungen aus der anthroposophischen Bewegung, Nr. 69, Michaeli 1980, S. 28-30.
  15. Ebd., S. 29.
  16. Vgl. dazu die Ausführungen Steiners über das Aufkommen der Zweifel an der Transsubstantiation zu Zeiten Wiclifs aufgrund eines Bewusstseinswandels, Gegensätze in der Menschheitsentwicklung, GA 197, Dornach 1996, S. 49-50: »Und wir sehen ein Zeitalter heraufkommen, in dem hinschwindet dieses Bewusstsein des Zusammenhanges des Irdischen mit dem Geistigen. Zu Wiclifs, zu Hus’ Zeiten beginnen die Menschen über etwas zu streiten, über das zu streiten früher ein Unding gewesen wäre: über die Bedeutung der Transsubstantiation, das heißt über den Zusammenhang dieser Kultushandlung mit etwas, was in geistigen Welten sich abspielt. In Zeitaltern, in denen man über solche Dinge zu streiten beginnt, hören die alten Bewusstseinsinhalte auf; man weiß nicht mehr, wie man die Sachen aufzufassen hat, die man durch Jahr- hunderte oder Jahrtausende aufzufassen wusste. Immer bleiben gewisse Dinge, die in einem gewissen Zeitalter die normalen sind, in spätere Zeitalter hinein wirksam. Da werden sie das Deplazierte, da werden sie das Anachronistische, das Luziferische. Und so sind geblieben die großen, weittragenden Symbole, die hinweisen in ein gewisses Zeit- alter, auf den Zusammenhang der irdischen Kultushandlungen oder ähnlicher Dinge mit dem göttlich-geistigen Geschehen der Welt. Diese Symbole haben sich verpflanzt in spätere Zeiten, wurden luziferisch konserviert von gewissen Geheimgesellschaften.«

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