1984 | Krisen, Katastrophen und der Auftritt der Spinnentiere

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Erster Mac 1984

Erster Mac 1984

Im Herbst 1984 wurde ein kraftstrotzender 73-jähriger Präsident vom amerikanischen Volk mit großer Mehrheit wiedergewählt (Ronald Reagan). Ihm war im Februar, nach dem Tod Andropows, ein todkranker Generalsekretär gegenübergetreten (Konstantin Tschernenko), der bereits nach dreizehn Monaten, im März 1985, sterben sollte. Tschernenko erscheint im Rückblick wie das Realsymbol eines vor sich hinsiechenden Systems, das den Konkurrenzkampf mit seinem weltgeschichtlichen Gegner nicht mehr zu stemmen vermochte und kurz vor seinem Zusammenbruch stand. Bereits 1984 erschien der künftige Nachfolger Tschernenkos, Michail Gorbatschow, auf dem Radar der westlichen Eliten, der Margaret Thatcher Ende des Jahres einen Besuch abstattete, die ihn anschließend Ronald Reagan als Hoffnungsträger empfahl. Doch noch war es nicht so weit, das »sozialistische Experiment« im Ostblock abzuwickeln. Die Sowjetunion ließ weiterhin ihre atrophen Muskeln spielen. Als am 17. Januar die KSZE-Folgekonferenz in Stockholm begann, verkündete die sowjetische Nachrichtenagentur tags darauf, auf dem Territorium der DDR habe die Aufstellung von Nuklearraketen begonnen.

In Polen spitzte sich die Lage nach der brutalen Ermordung des katholischen Priesters Jerzy Popiełuszko durch den Staatssicherheitsdienst im Oktober wieder zu. An seiner Beerdigung Anfang November nahmen rund 800.000 Menschen teil; bis zum heutigen Tag wurde sein Grab von rund 24 Millionen Menschen besucht, darunter George H.W. Bush und Margaret Thatcher. Im Jahr 2010 wurde er durch Papst Benedikt XVI. seliggesprochen.

In den einstigen britischen Kolonien sorgten ethnische und religiöse Konflikte für Tumulte und Tote. Im Norden Indiens, im Punjab, revoltierten die Sikhs. Der dem 15. Jahrhundert entstammende Reformhinduismus, ein entfernter Verwandter des im gleichen Zeitraum entstandenen abendländischen Reformkatholizismus, lehnt die Vielgötterei und das Kastensystem ab und wird seit seiner Entstehung aufgrund seiner Kritik an den herrschenden Glaubens- und Gesellschaftssystemen angefeindet. Im Zuge der Entkolonialisierung Indiens und der damit verbundenen territorialen Neuordnungen, die mit bedeutenden Bevölkerungswanderungen einhergingen, erhofften sich auch die Sikhs eine Stärkung ihrer Autonomie in den von ihnen bewohnten Gebieten Nordindiens. Wie so oft, gingen die Zugeständnisse der Zentralregierung den Autonomisten nicht weit genug, auch die Einrichtung einer eigenen Sprachprovinz durch Indira Gandhi im Jahr 1966 sahen sie nur als kleinen Schritt auf dem Weg zur Schaffung eines eigenen Staates namens Khalistan. Jarnail Singh Bhindranwale, ein separatistischer Eiferer, hatte sich auf dem Gelände des Goldenen Tempels in Amritsar mit Hunderten seiner Anhänger verschanzt, um der Ergreifung durch die indischen Sicherheitsbehörden zu entgehen. Indira Gandhi, die Tochter Jawarlal Nehrus, des ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Indien, war entschlossen, dem Spuk ein Ende zu machen. In einer sechs Tage dauernden militärischen Operation namens »Blue Star« eroberten Regierungstruppen Anfang Juni den Tempel und töteten den Anführer der Separatistenbewegung. Zeitweise wurden die Operationen von Zehntausenden von Pilgern behindert. Die Zahlen über die Opfer der Auseinandersetzungen gehen weit auseinander: während die indische Regierung von rund 500 toten Widerstandskämpfern und Zivilisten sprach, zählten die Sikhs mehr als das Zehnfache. Einige Monate später, am 31. Oktober, nahmen zwei ihrer Sikh-Leibwächter blutige Rache an Indira Gandhi und erschossen sie auf dem Weg zu einem Interview, das sie dem britischen Schauspieler Peter Ustinov geben wollte. In den Tagen nach dem Mord verloren mehrere Tausend Sikhs durch Racheakte von Hindus ihr Leben und rund Hunderttausend flohen aus Furcht vor solchen aus der indischen Hauptstadt in den Punjab oder in Flüchtlingscamps. An die Stelle Indira Gandhis trat ihr Sohn Rajiv.

Aber nicht nur im Norden, sondern auch im Süden Indiens bereitete eine Befreiungsbewegung der jungen Vielvölker-Demokratie Kopfzerbrechen: in Ceylon (Sri Lanka), jenem Land, in dem einst Henry Steel Olcott mit seinem buddhistischen Katechismus und der Schaffung buddhistischer Schulen der unter der Kolonialherrschaft im Niedergang befindlichen Religion zu neuem Ansehen hatte verhelfen wollen,[1] kämpften Tamilen unter anderem mit terroristischen Mitteln um Anerkennung bzw. Unabhängigkeit von der singhalesischen Mehrheit des Landes. Der 1983 ausgebrochene Bürgerkrieg wirkte sich auch auf Südindien aus, wo die Tamilische Befreiungsarmee im August einen Bombenanschlag auf den Flughafen von Madras (heute Chennai) verübte, bei dem 32 Personen ums Leben kamen. 1991 sollte den »Befreiungstigern von Tamil Eelam« auch der Sohn Indira Gandhis zum Opfer fallen. Die Konflikte zwischen den beiden Ethnien im 20. Jahrhundert gingen auf die Politik des »Teile und Herrsche« der britischen Kolonialherren zurück, die die besser ausgebildete tamilische Minderheit gegenüber der singhalesischen Mehrheit bevorzugt hatten, eine Politik, die nach Erlangung der Unabhängigkeit zur Gegenreaktion der Mehrheit führte.

Anfang Dezember wurde die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Madhya Pradesh auch noch von einem Giftgasunglück heimgesucht, bei dem Tonnen giftiger Chemikalien (Methylisocyanat und Zyanid) austraten. Das Unglück rief in der westlichen Welt ein größeres Medienecho hervor, als in Indien selbst. Die Fabrik in Bhopal, die sich zu 51% im Besitz des amerikanischen Chemiekonzerns Union Carbide Corporation befand[2] und Insektizid[3] produzierte, war in den vorangegangenen Jahren mangels Nachfrage einem Sparprogramm unterzogen worden, das sich auch auf die Qualifikation des Personals und die Sicherheitssysteme ausgewirkt hatte. Die Produktionsanlage, in deren unmittelbarer Umgebung rund 100.000 Menschen siedelten, lag mitten in einem Slum. Die Zahl der Toten und Verletzten konnte nur geschätzt werden. Durch unmittelbaren Kontakt mit der ausgetretenen Gaswolke sollen zwischen 3.800 und 25.000 Menschen gestorben sein, die Schätzungen der Verletzten und lebenslang Geschädigten reichen bis zu einer halben Million. Bhopal ist damit der größte Unfall in der Geschichte dieses Industriezweiges, ein Lehrstück nicht nur für die Risiken des Umgangs mit giftigen Chemikalien, sondern auch für die Verantwortungslosigkeit eines allein am Gewinn orientierten Kapitalismus und die Gleichgültigkeit der zuständigen Behörden. Als solches wurde es auch im Westen, besonders von den Vertretern der Umwelt- und Naturschutzbewegung rezipiert. Die juristische und umwelttechnische Aufarbeitung des Unglücks ist bis heute nicht abgeschlossen. Der damalige Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Warren Anderson, entzog sich nach Zahlung einer Kaution von 2.000 Dollar durch Flucht in die USA der möglichen Strafverfolgung, eine Auslieferung an Indien lehnte die amerikanische Regierung ab. Anderson starb 2014 im Alter von 92 Jahren unbehelligt in den USA. Union Carbide willigte 1989 ein, Schadenersatz in Höhe von 470 Millionen Dollar an den indischen Staat zu bezahlen, eine weitere Viertelmilliarde steuerten Versicherungen bei. Das vergiftete Gelände wurde bis heute nur oberflächlich saniert, da der indische Unternehmensteil (Union Carbide India Ltd.) bereits 1991, nach der Abwicklung der Schadenersatzklagen, verkauft worden war und Dow Chemical, das dessen amerikanische Muttergesellschaft 2001 übernahm, sich für nicht zuständig erklärte. Erst 2010 wurden nach Medienberichten acht leitende Angestellte der indischen Tochtergesellschaft wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen und zur lächerlichen Zahlung von 1.800 Euro verurteilt.

In einer anderen ehemaligen britischen Kronkolonie spielte sich hingegen eine spektakuläre Entwicklung ab. Honkong, das sich das Empire während des Ersten Opiumkrieges 1841 als seinen »ewigen Besitz« einverleibt hatte und das während des chinesischen Bürgerkriegs zwischen 1927 und 1949 für viele Chinesen zu einem sicheren Zufluchtsort geworden war, sollte nach einer Vereinbarung zwischen China und dem Vereinigten Königreich, die im Dezember 1984 unterzeichnet wurde, im Juli1997 in eine Sonderwirtschaftszone umgewandelt werden. Dies bedeutete, dass der Kolonialbesitz in chinesische Hände zurückging. Deng Xiaoping, der Nachfolger Mao Zedongs, hatte auf echt chinesische Art eine Doktrin entwickelt, wonach in einem Land zwei Systeme, das demokratisch-marktwirtschaftliche und das autoritär-sozialistische nebeneinander bestehen konnten, was der Drehscheibe des internationalen Handels und der Finanzindustrie ihren bisherigen Status auf mindestens weitere 50 Jahre sicherte, nur unter chinesischer Oberhoheit. Die Stadt mitsamt dem zugehörigen Territorium genießt dem Vertrag zufolge eine bemerkenswerte Autonomie: sie kann ihre eigenen Gesetze erlassen, Zölle erheben und verfügt über eine eigene Währung. Außerdem ist sie weiterhin eigenständiges Mitglied in einer Reihe internationaler Handelsorganisationen. Demokratisch organisiert ist das Territorium jedoch nicht. Das komplexe Wahlsystem, das der letzte britische Gouverneur, Lord Chris Patten, kurz vor der Übergabe der Stadt an China per Dekret in Kraft setzte, sieht vor, dass die Hälfte der 70 Volksvertreter von 28 unterschiedlichen Berufsgruppen gewählt wird, was zur absurden Konsequenz führt, dass 125 Angehörige von Hongkonger Niederlassungen europäischer Versicherungsunternehmen oder Banken die 130 dem Finanzsektor zustehenden Stimmen kontrollieren. Andere Berufsgruppen, die über Stimmkontingente verfügen, sind Gastronomen, Lehrer oder Fluggesellschaften. Die Metropole beherbergt heute auf rund 1.100 Quadratkilometern mehr als 7 Millionen Einwohner, die um den teuersten Wohnraum weltweit konkurrieren, davon Hunderttausende als sogenannte Cage People in aufeinandergestapelten abschließbaren Holzkäfigen, in denen sie ohne jede Privatsphäre hausen müssen. Daneben darf sich die Stadt der größten Ansammlung von Milliardären und Millionären auf der Welt rühmen.

In Deutschland machten sich im Jahr 1984 derweilen die Amplituden des Flickbebens bemerkbar. Im Juni trat der Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (FDP) wegen seiner Verwicklung in den Parteispendenskandal von seinem Amt zurück, im Oktober aus demselben Grund der Bundestagspräsident Rainer Barzel (CDU). Im November wurde der Pharmaunternehmer John-Werner Madaus zu einer Geldstrafe von 420.000 D-Mark wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit Parteispenden verurteilt. Er war nicht der erste und nicht der letzte verurteilte Unternehmer. In weiteren 900 Fällen wurde ermittelt. Die Deutsche Bank entging einer Anklage, indem sie dem Fiskus unter Vorbehalt (eine Steuerpflicht wurde »bestritten«) Steuern in Höhe von sage und schreibe 29 Millionen Mark zurückzahlte. Gegen weitere hochrangige Politiker wurde ermittelt: so gegen die CSU-Bundesminister Oscar Schneider und Friedrich Zimmermann, die früheren FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff und Hans Friderichs, Kassenverwalter der CDU wie den Bundesschatzmeister Walther Leisler Kiep und den rheinischen Landesschatzmeister Franz Heinrich Krey. Sie alle hatten ihre Unternehmen oder Parteien durch Spenden an vorgeblich gemeinnützige Tarnorganisationen wie die »Staatsbürgerliche Vereinigung«, das »Seminar für Sozial- und Staatspolitische Bildungsarbeit der Christlichen Arbeiterschaft« oder die »Studiengesellschaft für Mittelstandfragen« auf Kosten der Steuerzahler bereichert.

Auch ansonsten war das Jahr der deutschen Politik durchwachsen mit Skandalen: zu Beginn schon hatte der Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner den NATO-General Günter Kießling aufgrund von Gerüchten über seine angebliche Homosexualität – und damit Erpressbarkeit – in den Ruhestand versetzt. Die Anschuldigungen erwiesen sich, nicht zuletzt dank der hartnäckigen Nachforschungen des Anwalts des Beschuldigten, des Verwaltungsrechtlers Konrad Redeker, als vollkommen haltlos. Der General wurde vollumfänglich rehabilitiert und mit allen Ehren sogleich wieder in den Ruhestand versetzt.

Im Mai hob der bayrische Landtag die Immunität des CSU-Generalsekretärs Otto Wiesheu auf, der durch eine Trunkenheitsfahrt mit fast 2 Promille auf der Autobahn den Tod eines anderen Fahrers und schwere Verletzungen seines Beifahrers verschuldet hatte. Das Bayrische Amtsgericht verurteilte ihn im Oktober zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung von 13 Monaten, seine Berufung war jedoch erfolgreich und die zweite Instanz milderte das Urteil 1985 in eine Bewährungsstrafe verbunden mit einer Geldbuße ab. Die Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung sollte der Karriere des ehemaligen Generalsekretärs jedoch nicht abträglich sein: schon fünf Jahre später wurde er Staatssekretär im Bayrischen Kultusministerium (ob sich die Staatsregierung vom verurteilten Straftäter einen positiven Einfluss auf das Unterrichtswesen erhoffte?), danach sogar bayrischer Wirtschaftsminister (1993-2005). Pikanterweise war er damit auch für den Verkehr zuständig. Schließlich wurde er sogar Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn.

Im Oktober verzichtete Jürgen Möllemann (FDP) auf eine Spitzenkandidatur im nordrhein-westfälischen Wahlkampf, nachdem der SPIEGEL ihm vorgeworfen hatte, seine Amtsgeschäfte als Staatsminister im Auswärtigen Amt mit privatwirtschaftlichen Unternehmungen vermischt zu haben. Auch in seinem späteren Leben sollte Möllemann von Affären verfolgt werden und schließlich 2003 spektakulär zu Tode kommen.

Der kurze Überblick wäre nicht vollständig, wenn nicht auf einige langfristig bedeutende technische bzw. medienpolitische Innovationen hingewiesen würde: die Einführung des Privatfernsehens in Deutschland und der ersten für den Privatgebrauch geeigneten Desktop-Computer. Im Januar nahmen die Programmsendeanstalt für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS), das spätere Sat.1 sowie RTL aus Luxemburg ihren Betrieb auf, im April ein Pilotprojekt zum Kabelfernsehen in München. Aus Sat.1 sollte sich nach seiner Fusion mit ProSieben einer der größten Medienkonzerne entwickeln, der –gemessen am Umsatz – nach Bertelsmann und dem ARD an dritter Stelle steht. Gemessen an der Reichweite nimmt er nach den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und der RTL-Familie ebenfalls die dritte Stelle ein (Zahlen laut KEK für 2018: ÖR: 48,3%, RTL Mediengruppe: 22,0 %, ProSiebenSat.1 17,9%)[4]. Die mit der Liberalisierung des Rundfunkgesetzes möglicherweise einhergehenden Hoffnungen auf eine wachsende Pluralisierung der Meinungsbildung haben sich jedoch nicht erfüllt. Nach wie vor bestimmen die großen öffentlichen, staatlich alimentierten Rundfunkanstalten die Meinungsmanipulationsindustrie. Gegenüber ihrer geballten Marktmacht stellt jede vorhandene Alternative, auch aufgrund mangelnder Substanz, keine ernstzunehmende Konkurrenz dar. Nach wie vor bestimmen die jeweils herrschenden Parteien über die Rundfunkräte die Politik der Sender. Eine wirkliche Liberalisierung hätte die Abschaffung der Gebührenfinanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und des Einflusses politischer Parteien auf die Fernseh- und Rundfunkanstalten zur Voraussetzung.

Apple, damals ein Start Up-Unternehmen, brachte im Januar den ersten Macintosh auf den Markt, der Riese IBM folgte ihm im August mit dem Personal Computer/AT nach. Aus diesen bescheidenen, im Vergleich zu heute unbeholfenen Anfängen, entwickelte sich im Lauf einer Generation ein weltumspannendes, von einzelnen Anbietern unabhängiges und seinen eigenen Entwicklungsgesetzen gehorchendes, technologisches Imperium, das tiefgehend in alle Lebensverhältnisse eingreift – vom alltäglichen Konsum über die staatliche Verwaltung, das Verkehrs- oder Gesundheitswesen und die wissenschaftliche Forschung bis hin zur globalen Kommunikation. Niemand hätte sich 1984 träumen lassen, dass die Computertechnologie dereinst eine solche Macht akkumulieren könnte, dass das globale Wirtschafts- oder Energiesystem und die an seinem Tropf hängenden Gesellschaften zusammenbrechen würden, wenn es von einem Tag auf den anderen ausfiele. Bereits damals zeigte sich auch die Schrift an der Wand, als Aktivisten des Chaos Computer Clubs in das BTX-System der Post einbrachen und sich selbst 135.000 DM überwiesen, nur um die Sicherheitsmängel des Netzes anzuprangern. Was George Orwell für das Jahr 1984 in Aussicht gestellt hatte, war in diesem Jahr nicht etwa vollendet, sondern nahm von ihm seinen Ausgang. Bereits 1983 war als wesentliche Voraussetzung für den Aufbau eines globalen Netzes miteinander kommunizierender Rechner ein neuer Standard des Internetprotokolls eingeführt und 1984 auf dessen Grundlage das Domain Name System (DNS), das Verzeichnis seines Namensraums geschaffen worden, das es erlaubte, statt der maximal zwölfstelligen Zahlen (IP-Adressen), die einzelne Rechner eindeutig adressieren, Domain-Namen (wie anthroweb.info) zu verwenden. Seinen Durchbruch als Medium des Informationsaustauschs erfuhr das Netz ein Jahrzehnt später (1993), als der erste Browser mit grafischer Benutzeroberfläche (Mosaic) veröffentlicht wurde. Pioniere des frühen Netzes erinnern sich noch an Tools wie Gopher oder Fetch, Vorstufen heutiger Browser, die mit Hilfe des File Transfer Protokolls Kataloge durchsuchen und Dateien übertragen konnten.

Noch ein anderer hatte die Zukunft vor sich gesehen, von der Orwell in seiner Dystopie sprach: Rudolf Steiner. Allerdings weit früher und in einem viel weitere Zeiträume umfassenden Horizont. Er stellte 1921 der Menschheit – sofern sie sich nicht »dem Geistigen im Weltall« zuwenden werde – Lebensbedingungen in Aussicht, die sich in Umrissen heute abzeichnen: »Die Erdenmenschen werden ihren Intellekt ja weiter automatisch entwickeln können; der kann sich auch innerhalb der Barbarei entwickeln; aber das Vollmenschentum wird nicht hineingezogen sein in diesen Intellekt, und die Menschen werden keine Beziehung haben zu denjenigen Wesenheiten, die sich ihnen hinunterneigen wollen ins Erdendasein herein.

Und alle diejenigen Wesen, welche nun vom Menschen unrichtig gedacht werden, […] aus dem Grunde, weil der bloße schattenhafte Intellekt nur das Mineralische, […] das grob Materielle im Mineralreich, im Pflanzen-, im Tierreich und sogar im Menschenreich denkt, diese Gedanken der Menschen, die keine Wirklichkeit haben, die bekommen mit einem Schlage Wirklichkeit, wenn der Mond sich mit der Erde vereinigt [laut Steiners Zeitrechnung im achten Jahrtausend nach Christus].

Und aus der Erde wird aufsprießen ein furchtbares Gezücht von Wesenheiten, die in ihrem Charakter zwischen dem Mineralreich und dem Pflanzenreich drinnenstehen als automatenartige Wesen mit einem überreichlichen Verstande, mit einem intensiven Verstande. Mit dieser Bewegung, die über der Erde Platz greifen wird, wird die Erde überzogen werden wie mit einem Netz, einem Gewebe von furchtbaren Spinnen, Spinnen von einer riesigen Weisheit, die aber in ihrer Organisation nicht einmal bis zum Pflanzendasein heraufreichen, furchtbare Spinnen, die sich ineinander verstricken werden, die in ihren äußeren Bewegungen alles das imitieren werden, was die Menschen ausdachten mit dem schattenhaften Intellekt, der sich nicht anregen ließ von demjenigen, was durch eine neue Imagination, was überhaupt durch Geisteswissenschaft kommen soll.

All dasjenige, was die Menschen an solchen Gedanken denken, die irreal sind, das wird wesenhaft. Die Erde wird überzogen sein, wie sie jetzt mit einer Luftschicht überzogen ist, wie sie sich manchmal mit Heuschreckenschwärmen überzieht, mit furchtbaren mineralisch-pflanzlichen Spinnen, die sehr verständig, aber furchtbar bösartig sich ineinanderspinnen. Und der Mensch wird, insoweit er nicht seine schattenhaften intellektuellen-Begriffe belebt hat, statt sein Wesen mit den Wesen, die heruntersteigen wollen seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, zu vereinigen, er wird sein Wesen mit diesen furchtbaren mineralisch-pflanzlichen Spinnengetieren vereinigen müssen. Er wird selber zusammenleben mit diesen Spinnentieren, und er wird sein weiteres Fortschreiten im Weltendasein suchen müssen in derjenigen Entwickelung, die dann annimmt dieses Spinnengetier.«[5]

»Die deutschen Anthroposophen« hatten indes in diesem Jahr ganz andere Probleme. Sie mussten sich mit einer Form der öffentlichen Aufmerksamkeit auseinandersetzen, die ihnen bislang völlig unbekannt war: einer Mischung aus Bewunderung und Verachtung, getaucht in Spott und Häme, die ihnen aus einer umfangreichen Reportage entgegenkam, die das führende deutsche Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL zwischen April und Juni über sie veröffentlichte.

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Anmerkungen:


  1. Zwischen 1880 und 1910 entstanden in Ceylon insgesamt 445 theosophisch-buddhistische Colleges, von denen viele noch heute existieren, darunter das von Olcott gegründete Ananda College in Colombo, das zu den größten buddhistischen Hochschulen Asiens zählt. Zu den ersten Schülern unter der Leitung Leadbeaters gehörte Curuppumullage Jinarajadasa, der zwischen 1945 und 1953 als vierter Präsident die Theosophische Gesellschaft Adyar führte. 1941 publizierte Jinarajadasa die Briefe Koot Humis an C.W. Leadbeater, K.H. Letters to C.W. Leadbeater, Adyar 1941. Von Steiner wurde er als »Buddhistengigerl« bezeichnet; siehe Geschichtliche Symptomatologie, GA 185, Vortrag vom 27.10.1918.

  2. Die restlichen 49% verteilten sich auf den indischen Staat sowie private indische Anteilseigner.

  3. Carbaryl, das unter dem Handelsnamen »Sevin« vertrieben wurde. Es war zwischen 1971 und 1983 auch in der Bundesrepublik Deutschland zugelassen und wird weiterhin in den USA verwendet, obwohl es nicht nur Schädlinge vernichtet, sondern auch z.B. für Bienen hochtoxisch ist.

  4. https://www.kek-online.de/

  5. Rudolf Steiner, Perspektiven der Menschheitsentwicklung. Der materialistische Erkenntnisimpuls und die Aufgabe der Anthroposophie, 13. Mai 1921, GA 204, Dornach 1979, S. 244-245.


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