1985 | Monologische Tendenzen einer dialogischen Gesellschaft

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Manfred Schmidt-Brabant

Manfred Schmidt-Brabant, Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft 1985

Dass monologische Tendenzen in der dialogischen Gesellschaft, die sich die Anthroposophische nannte, vorhanden waren, ist nichts Neues. Davon zeugte auch die Generalversammlung 1985, die am Palmsonntag, dem 31. März stattfand. Über sie wurde in einigen Folgen des Nachrichtenblattes berichtet[1], in stark geraffter und zensierter Form. Von einer offenbar regen Debatte vor der Abendpause wird zwar erwähnt, dass sie stattfand und wer sich daran beteiligte[2], aber nicht, worum es überhaupt ging und was gesagt wurde. Für ein Nachrichtenblatt, aus dem die Mitglieder in aller Welt erfahren sollten, »was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht« – erst recht, was in der Generalversammlung ihrer Gesellschaft vorging, ein fragwürdiger Vorgang.

Symptomatisch zeigt sich in diesen Berichten, die nicht über das Gespräch der Mitglieder informierten, das in der Gesellschaft vorging, sondern ausschließlich die Ansprachen des Vorstandes und der Generalsekretäre wiedergaben, wie die Selbstrepräsentation der Gesellschaft in ihrem Mitteilungsorgan immer mehr Verlautbarungscharakter annahm. Symptomatisch auch der Satz im Beschlussprotokoll: »Den Rechenschaftsbericht für den Vorstand erteilt Manfred Schmidt-Brabant, der alle Tätigkeitsbereiche von Gesellschaft, Hochschule und des Goetheanumbetriebes umfasst[3] Das klingt so, als hätte Manfred Schmidt-Brabant, der Vorsitzende, alle Tätigkeitsbereiche der Gesellschaft durch seine Aktivitäten abgedeckt. Gemeint war natürlich, dass sein Bericht alle Tätigkeitsbereiche umfasste. Der sprachliche Lapsus weist aber auf ein tieferliegendes Problem: auf das Problem einer Gesellschaft, die offenbar entschlossen war, sich vom Dialog, der das Wesen einer jeden Gesellschaft ausmacht – warum sonst sollte man sich überhaupt vergesellschaften? – zu verabschieden. Andererseits: Über welchen Dialog hätte denn berichtet werden sollen, wenn eine Generalversammlung nahezu vollständig nur aus Vorträgen ihrer Funktionäre bestand?

Dabei trat die Mitgliedschaft sogar als Beschlussorgan in Erscheinung, das einem Vorschlag des Vorstandes zustimmte, unter dem Namen »Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, Unterabteilung Philosophisch-Anthroposophischer Verlag« eine Zweigniederlassung dieser Gesellschaft am Hügelweg 59 in Dornach zu gründen, um, wie es in der Begründung hieß, »dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag« unter der Leitung Joseph Morels »innerhalb der Gesellschaft eine gewisse wirtschaftliche und geschäftliche Selbständigkeit« zu gewähren. Der »Vorsitzende«, also Schmidt-Brabant, wurde mit der Anmeldung der »Zweigniederlassung« im Handelsregister beauftragt. Von den 920 anwesenden Mitgliedern stimmten nur 4 gegen diesen Antrag. Warum auch hätte man ihn ablehnen sollen? Schließlich war der Verlag, der sich in den vergangenen Jahren »erfreulich« entwickelt hatte, eine der Haupteinnahmequellen der Gesellschaft; eine »gewisse wirtschaftliche Selbstständigkeit« konnte ihm und ihr nur gut tun.

In seinem »alles umfassenden Rechenschaftsbericht« erinnerte der Vorsitzende daran, dass das vergangene Arbeitsjahr 1984 unter einer »Doppelsignatur« gestanden hatte: dem sorgenden Blick Orwells, der beobachtet habe, wie die Kräfte der Zeit »das mechanische Dasein in eine vermondete, lieblose Welt hineinzuführen drohten« (so kann man die erschütternde Kritik des englischen Autors an den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts auch umschreiben) und der Vergegenwärtigung des Werkes Albert Steffens, dessen hundertster Geburtstag Anlass geboten habe, sich jener Kräfte zu erinnern, die »dem Bösen« Widerstand leisteten.

Mittlerweile platzte das Goetheanum als Bau und Veranstaltungsort aufgrund des »stetigen Wachstums der Gesellschaft« nahezu aus den Nähten: nicht nur die großen Jahrestagungen und zahlreichen künstlerischen Veranstaltungen, auch die vielen Fachtagungen der Sektionen, zu welchen regelmäßig Hunderte von Teilnehmern aus aller Welt anreisten, verlangten den Mitarbeitern einen aufreibenden Organisations- und Koordinationsaufwand ab. »Die anthroposophische Gesellschaft«, bemerkte Schmidt-Brabant dazu, »wächst in eigentümlicher Weise ungerührt von Förderung und Hemmungen der Welt, sie wächst stetig, langsam, aber wie unerschütterlich grösser werdend.«[4]

Aber gerade in diesem Wachstum lag ein Problem, das der Vorsitzende ebenfalls ansprach: das der Überdehnung, der Überforderung: »Wir sind immer noch zu wenige in dieser Gesellschaft, die das Tätig-sein-Wollen […] auf die Schultern nehmen wollen. Zu wenige, gemessen an den Aufgaben und Forderungen, die aus der Zeit an uns herankommen.«[5] Ein Aspekt des Wachstums –das Schmidt-Brabant nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ, als Zunahme der geistigen Intensität der Arbeit verstanden wissen wollte –, war die geographische Erweiterung: die jüngst erfolgte Gründung neuer Landesgesellschaften in Portugal und Spanien, sowie eine bevorstehende in Japan, unter Federführung des Professors Iwao Takahashi, der 1984 eine (japanische) Einführung in die Waldorfpädagogik veröffentlicht hatte.

Die stetig wachsende Nachfrage nach anthroposophischem Orientierungswissen zog auf der Führungsebene der Gesellschaft und der Hochschule (ihrer Sektionen) einen steigenden Leistungsdruck nach sich, der durch die kommunikativen Anforderungen einer »Weltgesellschaft« verstärkt wurde.

Welche thematischen Schwerpunkte der Beratungen auf der Leitungsebene hielt Schmidt-Brabant für berichtenswert? Seit mehreren Jahren schon beschäftigten sich die Generalsekretäre und Vorstände der Landesgesellschaften bei ihren Zusammenkünften mit der Gesellschaftsleitung mit dem »Wesen der Volksseelen«, der spirituellen Gliederung der Menschheit in Ost, Mitte und West. Ebenso wie in der Menschheit, führte Schmidt-Brabant aus, finde sich diese von Steiner beschriebene Gliederung in der Anthroposophischen Gesellschaft, die durch ihre geografische Ausbreitung als »organischer (Geist-)leib« Gestalt annehme. Erst dadurch könne sich die Menschlichkeit des »dreigliedrigen Weltenmenschen« voll entfalten, wenn dessen einzelne Glieder harmonisch zusammenwirkten. Je größer die Anthroposophische Gesellschaft werde, desto notwendiger sei es, sich des »Menschheitsleibes« dieser Gesellschaft bewusst zu werden. Vor allem gelte es, sicherzustellen, dass »kein Glied auf Kosten der anderen dominiere«, sondern dass im gegenseitigen Geben und Nehmen ihrer Landesgesellschaften der »Menschheitsmensch« zur Entfaltung komme.

Daneben setzten sich die Führungsgremien mit dem »Karma der Gesellschaft« auseinander. Dabei ging es unter anderem um die Frage, wie die von Steiner überlieferte Aussage zu verstehen war: »Nur dadurch, dass eine solche Spiritualität wie sie durch die Anthroposophische Gesellschaft fließen will, sich verbindet mit anderen Geistesströmungen, nur dadurch kann Michael die Intelligenz wiederfinden, die ihm ursprünglich gehörte.« (Im Originalzitat spricht Steiner von der anthroposophischen Bewegung, nicht von der anthroposophischen Gesellschaft; siehe Anmerkung 6)

Die damit angesprochene Aufgabenstellung der Gesellschaft erhielt durch die Tatsache, dass sie sich in Asien und spanischsprachigen Ländern ausbreitete, eine ganz neue Dimension. Auf einmal stellte sich die Frage, wie sie mit dem Taoismus oder Shintoismus, mit schamanistischen spirituellen Traditionen, dem Buddhismus oder gar dem Islam umgehen sollte, der sich allerdings 1985 als politisches oder Erkenntnisproblem noch nicht auf dem Radar befand.

Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, GA 237

Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge (Band 3), GA 237

Nach Schmidt-Brabants Auffassung war klar, dass es bei der »Verbindung mit anderen Geistesströmungen« zunächst um die »Verbindung« zwischen Aristotelikern und Platonikern, »alten und jungen Seelen« ging, Geistesströmungen also, die der europäischen Geistesgeschichte angehörten. Darin liege die Kernbedeutung der zitierten Aussage.[6] Nun kann man Aristoteliker und Platoniker nicht gerade als »andere« Geistesströmungen bezeichnen, sind doch beide laut Steiners großer Erzählung auf das spirituelle Zentrum der anthroposophischen Bewegung, das Christentum, ausgerichtet. Die spannendere Frage wäre, in welcher konkreten Form sich die Spiritualität der Anthroposophie mit tatsächlich anderen, andersartigen Geistesströmungen vereinigen könnte, um dazu beizutragen, dass Michael in die Lage versetzt wird, die Intelligenz wiederzufinden, »die ihm ursprünglich gehörte« und die ihm Ahriman zu entreißen sucht – falls Steiner tatsächlich an solche ganz anderen Geistesströmungen gedacht haben sollte; was jedoch, wie sich gleich zeigen wird, nicht der Fall war.

Von solchen »anderen Geistesströmungen« sprach Schmidt-Brabant unter Berufung auf Steiners Exkurse in das Gebiet des Markus-Evangeliums (GA 124), in welchen von der »arabistischen«, der »buddhistischen«, der »Renaissance-« und der »Rosenkreuzerströmung« die Rede sei – nicht ohne hinzuzufügen, dass es sich nicht um das »alte orthodoxe Buddhistentum« handle, sondern um einen »erneuerten Buddhismus«. All diese Strömungen träten in Beziehung zur anthroposophischen, jener des »erneuerten Christentums«.

Und auch hier zitierte der Vorsitzende einen Satz, der sich so im Text nicht findet. In bezug auf die angedeutete Beziehung, so Schmidt-Brabant, gebe es einen von Steiner »streng ausgesprochenen Satz«, den Satz: »Ich kann Ihnen die Versicherung geben, unter allen Umständen wird sich die Strömung des Christentums verbinden mit der Strömung des Buddhismus.«[7]

Entscheidend ist für Steiner der Gesichtspunkt, dass alle geistigen Strömungen, die irgendwann zu einem historischen Zeitpunkt bestimmte soziale Lebensformen hervorgebracht haben, im Lauf der Jahrhunderte aufgrund des Bewusstseinswandels, der sich in der Menschheit vollzieht, grundlegenden Veränderungen unterliegen und mit dem, was jene sozialen Gemeinschaften, die die einmal entstandenen historischen Formen festzuhalten versuchen, kaum mehr etwas zu tun haben. Steiner illustrierte dies an allen großen Religionen, selbst am Christentum, was ja auch seine Erneuerung aus der anthroposophischen Erkenntnis erforderlich machte. Man könnte dies als Gesetz der Interferenz von Retardation und Progression bezeichnen oder als Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Ja, genauer betrachtet, entfernen sich geistig-soziale Gemeinschaften zwangsläufig von ihrem spirituellen Ausgangspunkt, wenn sie an ihren Gründungsoffenbarungen festzuhalten versuchen, ohne sie an den epochalen Bewusstseinswandel anzupassen, da sich die Quellen ihrer Inspiration aufgrund ihrer eigenen Weiterentwicklung von ihnen entfernen. Der heutige Buddha spricht nicht mehr so, wie im ersten Jahrtausend vor Christus, er hat sich inzwischen selbst Christus zugewandt. Und auch der heutige Christus spricht nicht mehr so, wie vor zweitausend Jahren: er spricht heute die Sprache der Anthroposophie.[8]

Daraus ergibt sich für die Anthroposophie die im realen Lebenszusammenhang traditioneller religiöser Strömungen und Lebensgemeinschaften kaum zu bewältigende Aufgabe, sie, wie Schmidt-Brabant formulierte, »in der rechten Weise zu verstehen«, »zu sehen, wie Rudolf Steiner durchaus auch am Arabismus positiv weiterführende Elemente sieht, neben den verderblichen, die aus der Verbindung mit Gondishapur kamen; wie die rechte Verbindung gefunden werden muss zu dem wahren, weitergehenden Rosenkreuzertum, und nicht einem historisierenden; und wie in rechtem Sinne gefunden werden muss das, was aus der Renaissance-Strömung sich in Goethe zusammenfasst, der weitergehende, der zukünftige Goetheanismus, nicht der alte, historisierende.«

Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen

Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen, GA 177

Wie der Versuch, Unvereinbares zu vereinbaren, ausging, wenn er innerhalb der anthroposophischen Diskursgemeinschaft unternommen wurde, hatten die weiter oben besprochenen Diskussionen um Georg Ungers Beiträge zu neueren Forschungen der Astrophysik gezeigt.

Auf diese kam Schmidt-Brabant, wie bereits angedeutet, ebenfalls zu sprechen. Die hin und her wogende Diskussion wurde auch zwischen Vorstand und Sektionsleitern ausgetragen: »Sind Angaben Rudolf Steiners durch den Zeitengang überholt, gar widerlegt? Irrte Rudolf Steiner da und dort? Die Frage hat mit Recht zu den heftigsten Kontroversen, auch in brieflicher Form Anlass gegeben. Es zeigte sich dann bei besonnener, behutsamer Untersuchung des Themas, dass natürlich in vielen Ebenen sorgfältig differenziert werden muss. Wir haben genügend Hinweise Rudolf Steiners, dass in Bezug auf äußere politische Entwicklungen, in Bezug auf Zeitereignisse das, was er vor einiger Zeit sagte, längst überholt ist. So jene berühmte nicht oft genug anzumahnende Stelle, der Ausspruch, den Rudolf Steiner in der Weihnachtstagung mit einer gewissen Empörung tut, dass Menschen glauben, er könnte nun noch einmal das Erste Goetheanum bauen. Die Zeit vergeht so schnell in diesem Jahrhundert, fährt er fort, dass zum Beispiel jemand, der die Dreigliederung in der gleichen Weise vertreten wollte, wie ich sie 1919 vertreten habe, heute (1923) nicht um Jahre, sondern um Jahrhunderte zurück wäre. Ein solches Wort ruft doch zur Geistesgegenwart auf, ruft auf zur Bildung eines eigenen, an Rudolf Steiner geschulten Urteils.«[9]

Die Absicht dieser Ausführungen ist deutlich: das Problem war aus Sicht des Vorsitzenden nicht Rudolf Steiner, der seine Urteile fortlaufend revidierte, das Problem waren »die Anthroposophen«, die seine Urteile verabsolutierten, die glaubten, was in einem bestimmten historischen und sozialen Kontext gesprochen worden war, gelte für alle Zeiten und alle sozialen Kontexte.

Methodische Grundlagen der Anthroposophie

Methodische Grundlagen der Anthroposophie, GA 30

Außer Betracht bleibt dabei allerdings, dass nicht alle Urteile oder Aussagen Steiners sich auf Zeitereignisse oder soziale Konstellationen der unmittelbaren Gegenwart bezogen, sondern z.B. auf vergangene Zeiträume, die sich nicht mehr veränderten, die daher durch eine fortlaufend sich verändernde Gegenwart auch nicht relativiert werden konnten, oder auf der Zeit enthobene Tatbestände, auf Naturgesetzen vergleichbare geistige Gesetze etwa, deren postuliertem Gesetzescharakter die Annahme widersprechen würde, sie könnten nach kurzer Zeit »überholt« sein. Und hier kam der problematische »Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis« ins Spiel, um den es auch in der Unger-Kontroverse ging. Für solche Fälle hielt Schmidt-Brabant ein anderes Aperçu Steiners aus dem Jahr 1892 bereit (nicht »1882«, wie es im veröffentlichten Bericht heißt), aus einem Aufsatz über Die Philosophie in der Gegenwart und ihre Aussichten für die Zukunft, der ursprünglich im Literarischen Merkur erschienen war: »Wir müssen den Mut haben, kühn in das Reich der Ideen einzudringen, auch auf die Gefahr des Irrtums hin. Wer zu feig ist, um zu irren, der kann kein Kämpfer für die Wahrheit sein. Ein Irrtum, der dem Geist entspringt, ist mehr wert als eine Wahrheit, die der Plattheit entstammt. Wer nie etwas behauptet hat, was in gewissem Sinne unwahr ist, der taugt nicht zum wissenschaftlichen Denker. Aus feiger Furcht vor dem Irrtum ist unsere Wissenschaft der baren Plattheit zum Opfer gefallen.«[10] »Ich bin überzeugt«, fügte Schmidt-Brabant hinzu, »hätte man Rudolf Steiner später auf diese Worte angesprochen, er hätte gesagt: ›Sie werden auch in der Anthroposophie nur umso wahrer.‹« Aber was bedeutete dies konkret für den Gegenstand der Kontroverse und alle damit verwandten Fragestellungen?

Mit diesen verwandten Fragestellungen hing das Problem zusammen, um das laut Schmidt-Brabant die Gespräche zwischen den Hochschullektoren und dem Vorstand kreisten: »Wie kann das von Rudolf Steiner für die Hochschule gegebene Geistesgut lebendig weitergepflegt werden? So dass auch jedes Fäserchen einer Tradition oder gar Routine gewordener Handhabung verschwindet.« Darauf, wie diese »lebendige Pflege« erfolgen könnte, ging der Vorsitzende jedoch nicht näher ein.

Aus der Zusammenkunft des Vorstandes mit den Leitern der Zweige und Arbeitsgruppen im zurückliegenden Jahr wiederum – bei der ersterer mit der »Basis« der Gesellschaft in Berührung komme – destillierte der Vorsitzende als zentrale Fragestellung heraus: »Was vereinigt die Mitglieder in der Anthroposophischen Gesellschaft?« Und als Antwort: »Dass sie ihr Karma in Ordnung bringen sollen.« Zentral für die Gemeinschaftsbildung in Zweigen und Arbeitsgruppen war demnach die Einsicht, dass es sich bei den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft um »Schicksalsgenossen künftiger Inkarnationen« handele. Wie aber ließ sich diese Schicksalsgemeinschaft bereits in der Gegenwart realisieren? Durch das »Studium der Geisteswissenschaft«, d.h. durch die gemeinsame Lektüre der Bücher Rudolf Steiners. Ob dies wirklich der geeignete Weg war, »jedes Fäserchen einer Tradition oder gar Routine gewordener Handhabung« zum Verschwinden zu bringen, sei dahingestellt.

Ernüchternd erwies sich der Blick auf die innergesellschaftlichen Frontlinien: jene zwischen Gesellschaft und Nachlassverwaltung bzw. Christengemeinschaft. Die Gespräche mit der ersteren beschränkten sich darauf, »nüchtern, unverhohlen und behutsam« herauszuarbeiten, was die beiden Gruppierungen trennte, vor allem die Frage »der lebendigen Gegenwart der Hochschule«, über die nach wie vor keine Einigung erzielt worden war. Immerhin war man sich einig darin, das Erlöschen der Autorenrechte im Jahr 1995 in Deutschland und Österreich als Gefahr für die Deutungshoheit der anthroposophischen Bewegung über das Werk Rudolf Steiners zu sehen, wofür Schmidt-Brabant als Beleg anführte, dass in Holland, wo die Schutzfrist bereits erloschen war, erstmals Vorträge Steiners von einem »Nicht-Anthroposophen« herausgegeben und »kritisch kommentiert« worden waren. »Wir sind uns da in der gemeinsamen Verteidigung der Werksubstanz einig«, so Schmidt-Brabant. [11] Als Antwort auf die zu erwartenden Irritationen der Steiner-Rezeption fassten Nachlassverwaltung und Gesellschaftsleitung die Idee ins Auge, auf dem Goetheanumgelände ein »weltoffenes Rudolf-Steiner-Archiv« zu gründen, in dem das »lebendige« Wesen der Anthroposophie im Vordergrund stehen sollte.

In diesem Zusammenhang bemängelte Schmidt-Brabant das Fehlen einer zusammenhängenden Darstellung der Gesellschaftsgeschichte, einer »möglichst gerechten, nicht nur die Gesellschaftskonflikte, sondern den ganzen Werdegang dieser Gesellschaft« umfassenden, »zugleich aber doch auch nicht voluminös in Tausenden von Seiten sich auswalzenden Darstellung des Schicksalsganges dieser Gesellschaft«.[12]

Auch die Ergebnisse der Gespräche mit der Christengemeinschaft waren eher dürftig: sie beschränkten sich auf den gemeinsamen Beschluss, in den Programmen der Gesellschaft und anderer anthroposophischer Einrichtungen die Veranstaltungen der jeweiligen Gruppierung deutlicher voneinander zu trennen, um dem Eindruck vorzubeugen, zwischen beiden bestehe kein Unterschied.

Dieses Versagen beim Versuch, Unterschiede innerhalb des Kreises prinzipiell Gleichgesinnter zu überbrücken, oder auch das notorische Bedürfnis, unüberbrückbare Unterschiede zu betonen, wo lediglich irrelevante vorhanden waren, darf nicht nur als Narzissmus der kleinen Differenz abgetan werden. Beide werfen auch ein Licht auf den vom Vorsitzenden formulierten Anspruch, als Weltgesellschaft den »Menschheitsmenschen« harmonisch zur Entfaltung zu bringen. Wie sollte auf globaler Ebene gelingen, was nicht einmal auf der regionalen der anthroposophischen Institutionen gelang? Wie sollte eine geistige »Strömung«, die nicht einmal ihre eigenen, kein Jahrhundert alten differenten Traditionen miteinander zu versöhnen vermochte, imstande sein, jahrtausendealte Differenzierungen im Menschheitsorganismus, in welchen Abermillionen von Menschen lebten, miteinander zu versöhnen? Grenzte ein solcher Anspruch nicht an Vermessenheit? War die Rhetorik der »spirituellen Weltbewegung« mehr als ein hohler Anspruch, wenn sogar Teile dieser Bewegung, die sich ihr zugehörig wähnten, die Existenz einer Hochschule für Geisteswissenschaft in Abrede stellten? Wo sollte denn jene den Menschheitsorganismus harmonisch zur Entfaltung bringende spirituelle Erkenntnis herkommen, die aus dem heutigen Buddha, Mohammed oder Moses schöpfte, wenn nicht aus einer solchen Institution, die imstande hätte sein müssen, diese Inspiratoren der Menschheit in der gegenwärtigen geistigen Welt aufzufinden?

Womöglich hing ja mit dieser Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität zusammen, dass Schmidt-Brabant sich am Ende seiner Rede veranlasst sah, ein mahnendes Wort an die 920 versammelten Mitglieder zu richten, ein Wort über die Gegner. »Die Gegner schweigen nicht mehr. Wir sind genötigt, in allen Gremien darauf hinzublicken, dass eine neue Art von Gegnerschaft auftaucht, und zwar ganz offensichtlich dadurch, dass die Menschen immer häufiger nach Anthroposophie fragen. Wir sollten deshalb nicht verwundert sein, wenn wir gerade wegen des Wachsens der Arbeitsintensität der Anthroposophie in der Zukunft neue Schärfen in der Gegnerschaft auf uns zukommen spüren.«[13] Interessant ist hier der Grund, den Schmidt-Brabant für diese neuartige Gegnerschaft anführt: die qualitative Vertiefung der anthroposophischen Arbeit. Lag diese Gegnerschaft nicht eher in der quantitativen Ausdehnung begründet, die mit einer Verwässerung der anthroposophischen Substanz einherging?

Vorheriger Beitrag: 1985 | Esoterische und astronautische Wahrheiten oder kann der Geistesforscher irren? (2)


Anmerkungen:


  1. Nachrichtenblatt 1985, 62. Jg., Nr. 18, 19, 20, 21, 23, 24, 25, 29, 30-31.
  2. Im »Beschussprotokoll«, wo der Hinweis gar nicht hingehört, weil zu diesem Tagesordnungspunkt keinerlei Beschlüsse gefasst wurden.
  3. Nachrichtenblatt, 62. Jg., 28. April 1985, Nr. 18, S. 65.
  4. Nachrichtenblatt, 62. Jg., 5. Mai 1985, Nr. 19, S. 70.
  5. Ebd., S. 70.
  6. Wie stets, geht es auch bei diesem Steinerzitat um den Kontext. Aus Schmidt-Brabants Ausführungen geht dieser Kontext nicht hervor, dürfte aber für die meisten Anwesenden klar gewesen sein: es handelt sich um die »Kulmination« der anthroposophischen Bewegung – nicht Gesellschaft – am Ende des 20. Jahrhunderts. An dieser Kulmination sollten laut Steiner eine Reihe europäischer Geistesströmungen beteiligt sein: an vorderster Stelle Platoniker und Aristoteliker, die sich in der anthroposophischen Bewegung bzw. Gesellschaft zusammenfinden würden. Im Vortrag vom 28. Juli 1924 (GA 237, Dornach 1991), der den von Schmidt-Brabant zitierten Satz enthält – in dem übrigens nicht von einer »Verbindung«, sondern – viel stärker noch– von einer »Vereinigung« die Rede ist, geht es um den Kampf Ahrimans gegen Michael, um den Versuch des ersteren, die dem Erzengel entfallene kosmische Intelligenz an die »Blutsgemeinschaft« der Menschen, die »Generationenfolge«, die »Fortpflanzungskräfte« zu binden und sie dadurch »ganz irdisch zu machen«. Aus dieser Tendenz erklärt Steiner in anderem Zusammenhang die Konjunktur von Nationalismus und Rassismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (GA 177, besonders der 12. Vortrag vom 26. Oktober 1917), während er vom bevorstehenden neuen Michaelzeitalter das vollständige Verschwinden dieser gabrielischen Blutsgemeinschaften erwartete: Über das 1879 angebrochene Michaelzeitalter führte er im Vortrag vom 28. Juli 1924 aus: »Namentlich wird es so sein, dass in einem solchen Zeitalter ein kosmopolitischer, ein internationaler Zug durch die Welt geht. Die nationalen Unterscheidungen hören auf. Gerade im Zeitalter des Gabriel begründeten sich innerhalb der europäischen Zivilisation und ihres amerikanischen Anhanges die nationalen Impulse. In unserem Michael-Zeitalter werden sie im Laufe von drei Jahrhunderten vollständig überwunden werden. In jedem Michael-Zeitalter ist es so, dass ein allgemeiner Zug durch die Menschheit geht, ein allgemein-menschlicher Zug gegenüber den speziellen Interessen von einzelnen Nationen oder Menschengruppen.« (S. 107) In bezug auf die bevorstehende Kulmination heißt es wörtlich: »[…] diejenigen, die heute mit wahrer innerer Herzenshingabe Anthroposophie aufnehmen können, die sich mit Anthroposophie verbinden können, sie haben den Impuls in sich, aus dem, was sie erlebt haben im Übersinnlichen im Beginne des 15. und im Beginne des 19. Jahrhunderts, zusammen mit allen den anderen, die seither nicht wieder heruntergekommen waren, mit dem Ende des 20. Jahrhunderts auf der Erde zu erscheinen. Bis dahin wird vorbereitet sein durch anthroposophische Spiritualität dasjenige, was dann aus der Gemeinsamkeit heraus verwirklicht werden soll als die völlige Offenbarung dessen, was übersinnlich durch die genannten Strömungen vorbereitet worden ist. Meine lieben Freunde, der Anthroposoph sollte das in sein Bewusstsein aufnehmen, sollte sich klar sein darüber, wie er berufen ist, schon jetzt vorzubereiten, was immer mehr und mehr als Spiritualität sich ausbreiten soll, bis die Kulmination kommen wird, wo die wahren Anthroposophen wieder dabei sein werden, aber vereinigt mit den anderen, am Ende des 20. Jahrhunderts. Bewusstsein soll der wahre Anthroposoph haben, dass es sich heute darum handelt, teilnehmend hineinzuschauen und mitzuarbeiten an dem Kampf zwischen Ahriman und Michael. Nur dadurch, dass eine solche Spiritualität, wie sie durch die anthroposophische Bewegung fließen will, sich vereinigt mit anderen Geistesströmungen, wird Michael diejenigen Impulse finden, die ihn mit der irdisch gewordenen Intelligenz, die eigentlich ihm gehört, wieder vereinigen werden.« In der Vortragsreihe ist übrigens öfter vom »Kampf der Scholastiker gegen die mohammedanischen Nach-Aristoteliker« bzw. gegen den »Arabismus« die Rede.
  7. Wörtlich heißt es in GA 124, Dornach 1995, S. 181-182: »Und ich kann Ihnen die Versicherung geben, wenn sie alles nehmen an geschichtlichen Erkenntnissen, was sie nur auffinden können, und die geisteswissenschaftliche Entwicklung Europas wirklich verfolgen, so können sie sehen, dass wir jetzt an dem Punkt eines Zusammenfließens des Christentums mit dem Buddhismus stehen.« Was in Schmidt-Brabants Zitat wie eine Willenserklärung klingt, liest sich bei Steiner wie die Beschreibung einer geistesgeschichtlichen Entwicklung, die sich unabhängig von persönlichen Intentionen vollziehen wird.
  8. Was damit gemeint ist, geht aus folgenden Sätzen hervor: »In den verborgenen Welten ist mittlerweile der Buddhismus mit dem Christentum zusammengeflossen. Und Barlaam, diese merkwürdige Gestalt, hat den Bodhisattva mit dem Christentum bekanntgemacht, so dass wir also den Buddhismus, wenn wir ihn jetzt auch im Sinne dieser Legende als eine fortlebende Weltenströmung verfolgen, nur in der Gestalt wiederaufleben lassen können, in der er jetzt verändert vorhanden ist. Wir müssen von Buddha so reden, wie er heute für uns vorhanden ist, wenn wir hellseherisch seine Eingebungen verstehen. Ebenso wie das Arabertum nicht ein Judentum war, wie der Jehova-Mond nicht im Arabertum in alter Form und Gestalt wieder aufgetaucht ist, so wird auch der Buddhismus, insofern er in der abendländischen Kultur fruchtbar werden kann, nicht in der alten Gestalt auftauchen, sondern er wird auftauchen in veränderter Gestalt, weil das Spätere nicht bloß als Abklatsch des Früheren wieder auftritt.« GA 124, S. 181. Es geht also aus Steiners Perspektive gerade nicht darum, sich mit spirituellen Erinnerungsgemeinschaften zu vereinigen, die an antiquierten Formen früherer Offenbarungen festhalten, sondern vielmehr darum, die Inspiratoren aufzusuchen, die jene spirituellen Gemeinschaften (Buddhismus, Judentum, Arabertum) einst ins Leben riefen und ihre inzwischen veränderten geistigen Perspektiven der fortschreitenden Bewusstseinsentwicklung einzuverleiben. Wir müssen von Buddha so reden, wie er für den Hellseher heute vorhanden ist: das gilt ebenso für Mohammed oder Moses. – Für die Behauptung, Steiner vertrete die Auffassung, Christus spreche heute die Sprache der Anthroposophie, hier zwei Belege: »Oft, meine lieben Freunde, werde ich gefragt von unseren Mitgliedern: Wie setze ich mich in Verbindung mit dem Christus? – Es ist eine naive Frage! Denn alles, was wir anstreben können, jede Zeile, die wir lesen aus unserer anthroposophischen Wissenschaft, ist ein Sich-in-Beziehung-Setzen zu dem Christus. Wir tun gewissermaßen gar nichts anderes. Und derjenige, der nebenbei noch ein besonderes Sich-in-Beziehung-Setzen sucht, der drückt nur naiv aus, dass er eigentlich vermeiden möchte den etwas unbequemen Weg, etwas zu studieren oder etwas zu lesen.« 13.06.1916, GA 169, Dornach 1998, S. 44. Und aus den anthroposophischen Leitsätzen: »Anthroposophie […] möchte die Christus-Michael-Sprache sprechen«, 25. Oktober 1924, GA 26, Dornach 1998, S. 98. 
  9. Nachrichtenblatt, 62. Jg., 5. Mai 1985, Nr. 19, S. 71.
  10. GA 30, Dornach 1989, S. 318.
  11. Dieser Vorgang und seine Kommentierung seitens des Vorsitzenden finden ihre Parallele in der kritischen Steinerausgabe Christian Clements und den sie begleitenden kritischen Kommentaren. Im Unterschied zu damals hat jedoch die Gesellschaft inzwischen das Ideal der »gemeinsamen Verteidigung der Werksubstanz« aufgegeben. Zumindest erhebt sie keine Einwände gegen die Zusammenarbeit des Rudolf Steiner Verlags mit Clement.
  12. Einen Abriss dieser Geschichte veröffentlichte Bodo von Plato 1986 unter dem Titel Zur Entwicklung der anthroposophischen Gesellschaft. Ein historischer Überblick.
  13. Nachrichtenblatt, 62. Jg., 5. Mai 1985, Nr. 19, S. 72.

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