1985 | Anthroposophie in Deutschland im Zeichen des Zweifels

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Goethe Schiller Denkmal Weimar

Goethe-Schiller-Denkmal Weimar, mit Fahne.

Anthroposophie in Deutschland im Zeichen des Zweifels. Der Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft Deutschland über das geteilte Land und die geteilte Seele der Deutschen.

Bei der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft am 31. März 1985 kamen auch einige andere Themen zur Sprache, unter anderem die bereits erwähnte Ausgliederung des Philosophisch-Anthroposophischen Verlages, genauer gesagt, dessen Ausgründung als »Zweigniederlassung der Gesellschaft« in Dornach.

Bevor der Vorsitzende auf diese Ausgründung einging, berichtete jedoch der Seniorherausgeber der Wochenschrift Das Goetheanum über deren Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren, seit Martin Barkhoff und Manfred Krüger in die Redaktion eingetreten waren. Einige Bemerkungen aus diesem Bericht sind es Wert, der Nachwelt erhalten zu bleiben.

Rudolf Steiner, so Hiebel, vermochte »das Wagnis einer Wochenzeitschrift« einzugehen, weil ihm in Albert Steffen ein Schriftleiter zur Verfügung gestanden habe, der »als Dichter zugleich der höchst schöpferische Repräsentant der Anthroposophie« gewesen sei«.[1] Von 1921 bis 1925 sei die Zeitschrift Organ einer »unwiederbringlichen wöchentlichen Offenbarung« des Zeitenstroms der Geistigkeit gewesen (Hiebel meinte vermutlich eine Offenbarung des Zeitgeistes Michael). Seine »eigensten Geistesweisungen« habe der Schöpfer der Geisteswissenschaft zur »unmittelbar authentischen« Veröffentlichung gebracht und diese seien durch die Essaykunst des Dichters (Albert Steffen) bereichert worden. Zwischen 1925 und 1950 sei Das Goetheanum ein Ort für die Veröffentlichung von Vortragsnachschriften gewesen, danach seien solche nicht mehr erschienen, dafür sei allmählich die Gesamtausgabe aufgebaut worden. Kein Wort verlor Hiebel über die unsäglichen Konflikte um den Verlag und den Nachlass, die sich seit 1950 über Jahrzehnte hingezogen hatten.

Der »Generationswechsel« in der Redaktion, so Hiebel, habe sich bereits »schöpferisch« ausgewirkt. Der Kreis der Mitarbeiter sei erweitert und verjüngt worden. Die Zahl der Abonnenten sei gewachsen und belaufe sich auf knapp über 8.000. Inzwischen würden auch wieder längere Auszüge aus Steiners Vortragswerk publiziert, wenn sich dies thematisch anbiete. Außerdem werde Kontroversen nun mehr Platz eingeräumt, schließlich seien diese »die wirksamste Methode, um sektiererischem Dogmatismus« vorzubeugen.

Manfred Schmidt-Brabant brachte, wie erwähnt, die Ausgründung des Philosophisch-Anthroposophischen Verlags zur Abstimmung.[2] Er begründete den Schritt rein verwaltungstechnisch. Da bisher allein die Vorstandsmitglieder für die Gesellschaft zeichnungsberechtigt waren, hatte ein Mitglied dieses Vorstands sämtliche rechtsverbindlichen Vereinbarungen des Verlags unterzeichnen müssen (z.B. Autorenverträge). Eine Delegation an den Verlagsleiter sei im Rahmen der Vereinsform nicht möglich gewesen. Diese Regelung sei zunehmend »unhandlich« geworden – was gut nachvollziehbar ist, da die räumliche Trennung der Verlags- und Vorstandsbüros den administrativen Aufwand unnötig vergrößerte. Die Gründung einer Zweigniederlassung der Gesellschaft am selben Ort sei ein Weg, dem Verlag eine »gewisse wirtschaftliche und geschäftliche Selbständigkeit« einzuräumen. ohne an der bestehenden Verfassung etwas zu ändern. Daher beschloss die Generalversammlung auch: »Unter der Bezeichnung Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, Unterabteilung Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, eine Zweigniederlassung am Hügelweg 59 in Dornach zu gründen. Damit soll erreicht werden, dass dem Philosophisch Anthroposophischen Verlag innerhalb der Gesellschaft eine gewisse wirtschaftliche und geschäftliche Selbständigkeit zukommt.«

Ebensowenig wie Hiebel wollte Schmidt-Brabant weiter auf die »Geschichte und Geschicke des Verlags« eingehen. Als von Marie Steiner gegründetem »Urverlag der Gesellschaft« komme ihm eine besondere Verantwortung in einer Zeit zu, in der die anthroposophische Literatur immer mehr »in die Außenwelt« übergehe. Er müsse das Werk Rudolf Steiners, das zunehmend vermarktet werde, weiterhin schützen und in einer »dem Geist der Anthroposophie« gemäßen Art pflegen. Dies sei umso notwendiger, als der Buchdruck, wie Steiner in seinen Karmavorträgen ausgeführt habe, eine ahrimanische Gegeninspiration zur Michaelinspiration darstelle. Die anthroposophische Antwort auf diese Tatsache – dass das Medium selbst eine Emanation Ahrimans darstelle – sei jedoch laut einer Anweisung Steiners nicht, es zu meiden, sondern vielmehr es zu »adeln«. »Wir müssen«, so Schmidt-Brabant, »durch dieses Adeln der Druckkunst, durch die Art, wie wir die Bücher machen, vom Inhalt, von der Gestaltung her, ja sogar von der Art her, wie wir sie verkaufen, – in diese Sphäre, die Ahriman sonst ganz allein beherrscht, Licht bringen.«[3]

Den restlichen Teil der Generalversammlung nahmen ausführliche Berichte aus Deutschland, Frankreich, Nordamerika und Dänemark ein. Der ehemalige Waldorflehrer Friedhelm Dörmann (1933-2003), der 1984 als Nachfolger von Heten Wilkens neben Ingo Hellmers zweiter Generalsekretär geworden war, eröffnete den Reigen.[4] Allerdings brachte er weniger einen Bericht über die anthroposophische Arbeit als eine philosophische Abhandlung über den deutschen Volkscharakter und die geopolitische Lage Deutschlands vor, die in wesentlichen Teilen aus Erläuterungen einiger esoterischer Aperçus Steiners bestand. Dabei legte er in corpore Zeugnis von dem ab, worüber er sprach: dass das ewige Thema der Deutschen das schwankende Verhältnis zu ihrer eigenen Identität war.

Das zeigte sich bereits bei der Eröffnung seiner Ansprache durch drei Zitate.

(1) »Die Vereinigung und Beruhigung des deutschen Reiches im politischen Sinne überlassen wir Privatleute, wie billig, den Großen, Mächtigen und Staatsweisen. Über einen moralischen und literarischen Verein aber […] sei es uns dagegen erlaubt zu denken, zu reden. Eine solche Vereinigung nun, die religiöse sogar mit eingeschlossen, wäre sehr leicht, aber doch nur durch ein Wunder zu bewirken, wenn es nämlich Gott gefiele, in Einer Nacht den sämtlichen Gliedern deutscher Nation die Gabe zu verleihen, dass sie sich am andern Morgen einander nach Verdienst schätzen könnten. Da nun aber dieses nicht zu erwarten steht, so habe ich alle Hoffnung aufgegeben, und fürchte, dass sie nach wie vor sich verkennen, missachten, hindern, verspäten, verfolgen und beschädigen werden.«[5]

(2) »… nicht allein durch leidenschaftliches Widerstreben, sondern auch durch unzulässiges Vereinen wird gefehlt, und bei dem wunderlichsten Schwanken tritt in Deutschland ein sehr trauriges Phänomen hervor: dass nämlich jeder sich berechtigt glaubt, ohne irgendein Fundament bejahen und verneinen zu können, wodurch denn ein Geist des Widerspruchs und ein Krieg aller gegen alle erregt wird.«[6]

(3) »Ich möchte sagen, wir Deutsche haben es schwer, uns zurechtzufinden, vielleicht am allerschwersten! Es kann Ihnen sonderbar erklingen, dass ich das sage, aber wir haben es wirklich schwer, wir haben es aus dem Grunde schwer – ohne dass wir damit renommieren wollen –, weil es uns immer schwerfällt, uns selbst recht zu geben, weil es uns leichter ist, dem anderen gerecht zu werden als uns selbst.«[7]

Dörmann hielt die Zitate für treffend, denn vielen Deutschen falle es schwer, andere anzuerkennen, stattdessen kritisierten sie gern. Sie schwankten hin und her zwischen Selbsterniedrigung und Selbstüberschätzung. Seit Jahrhunderten präge diese Eigenheit die deutsche Gesellschaft. Sie neigten zu starker Selbstkritik oder aber einem gänzlichen Mangel einer solchen. Insbesondere »die Intellektuellen« seien vom ersteren betroffen. Häufig ginge mit der Selbsterniedrigung die Glorifizierung anderer einher.

Dörmann wandte hier offensichtlich das psychologische Denkmotiv der Kompensation an. Wer sich selbst nicht liebenswert findet, muss seine Libido umso mehr auf andere projizieren. Da der Vorgang unbewusst verläuft, geht er mit unrealistischer Idealisierung einher. Auch das Gegenteil gilt: Wer es liebt, andere zu hassen, kann sich um so mehr selbst glorifizieren, da er auf die anderen ablädt, was er an sich selbst verabscheut, nicht zuletzt den Hass selbst, der ebenfalls projiziert wird.

Dass eine übertriebene Neigung zur Fremdkritik aber nicht unbedingt eine spezifisch deutsche Eigenschaft ist, lässt sich aus einer Bemerkung Ibn Khalduns über »die Araber« ersehen, die in seiner im 14. Jahrhundert verfassten Weltgeschichte (Kitab al-Ibar) enthalten ist: »Aufgrund des ihnen angeborenen wilden Temperaments sind die Araber weniger als die meisten anderen Völker geneigt, eine höhere Autorität anzuerkennen. Ihren politischen Bestrebungen fehlt es meist an einer deutlichen Zielsetzung. Sie bedürfen des Einflusses einer religiösen Gesetzgebung und der Autorität eines geistlichen Führers, um sich einzuordnen und zu disziplinieren. Wenn eine solche charismatische Gestalt auftritt, dann erst überwinden sie die bei ihnen verbreitete Missgunst und Anmaßung. Erst in Befolgung der göttlichen Gesetze finden sie zu einer Einheit, zu Überlegenheit, zur Macht.«[8] Die Kehrseite der Anarchie ist die Diktatur, das eine zieht das andere nach sich. Zwischen der Wildnis der Wölfe und dem Pferch der Schafe liegt das Auenland einer Gesellschaft, die ihren Verkehr durch Gesetze regelt, die individuelle Freiheit nicht unterdrücken, sondern ermöglichen, weil sie von allen geachtet werden.

Der deutsche Charakterzug – zwischen übertriebener Kritik und Bewunderung hin und her zu schwanken – hing nach Dörmanns Auffassung auch mit der besonderen historischen und geographischen Lage Deutschlands zusammen. Es sei ein gespaltenes Land: dessen östliche Hälfte sei durch eine undurchdringliche Mauer vom Westen getrennt, diese wiederum sei Ausdruck eines »Weltgegensatzes«. Die im Osten lebenden Deutschen litten seit 1933 unter Diktaturen, während der Westen des Landes bereits nach 12 Jahren wieder von einer befreit worden sei. Seit über fünfzig Jahren würden somit Menschen, die zur Freiheit und zur Anthroposophie berufen seien, von dieser ausgeschlossen. Um so mehr stehe der freie Bevölkerungsteil im Westen in der Pflicht, dieser Berufung nachzukommen. Die Teilung der Welt schien Dörmann ein unlösbares Problem. So wie Steiner das Problem des Elsass als »unlösbar« bezeichnet habe, müsse man auch die weltpolitische Bipolarität als eine Tatsache akzeptieren, von der sich nicht einmal der »kühnste Verstand« vorstellen könne, wie sie einmal überwunden werden sollte, – wenn nicht durch eine »gewaltige innere Veränderung der Menschen«, die sie dazu befähige, politische Gegensätze hinter sich zu lassen und den gegenseitigen Verkehr am Allgemein-Menschlichen auszurichten. Dies sprach Dörmann vier Jahre vor dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Fall der Mauer.

Im Gegensatz zu anderen Ländern sei den Deutschen der Nationalstaat lange Zeit versagt geblieben und einmal erreicht, habe er sich als Katastrophe erwiesen. Daher gelte nach wie vor das Aperçu der Weimarer Klassiker, Aufgabe der Deutschen sei nicht, sich zur Nation, sondern zu freien Menschen zu bilden.[9]

All diese Charakterzüge führten aber nicht nur auf äußerliche Gegebenheiten oder die geografische Lage zurück, sondern auf weit tieferliegende, nämlich »okkulte« Konstellationen der spirituellen Geographie. Diese habe der Geistesforscher nach dem Ersten Weltkrieg enthüllt.[10] In verschiedener Weise strebten die europäischen Völker danach, die Bewusstseinsseele auszubilden, was auch mit unterschiedlichen Erlebnissen an der Schwelle zur geistigen Welt und damit verbundenen Dispositionen zu unterschiedlichen Formen des Okkultismus zusammenhänge. Während der Westen an der Schwelle die Elementarwesen der Geburt und des Todes erlebe, die Mitte den Kampf zwischen luziferischen und ahrimanischen Geistwesen, neige der Osten dazu, von Geistern des Lichtes überwältigt zu werden. Das erste führe zu einer Veranlagung zum mechanischen, das zweite zu einer solchen zum hygienischen (heilenden, therapeutischen) und das dritte zum eugenetischen Okkultismus. Harmonie könne in der geschichtlich-politischen Welt nur erreicht werden, wenn sie aus ihrer jeweiligen Eigenheit heraus ihren Beitrag dazu lieferten, dass sich »die Menschheit in ihrer Vielfältigkeit« entwickeln könne. Die besondere Aufgabe der mitteleuropäischen Deutschen bestehe darin, ihren Weg zur Bewusstseinsseele über die Ausbildung der Intellektualität zu finden.

Die folgenden Sätze Dörmanns seien wörtlich zitiert: »Der Deutsche, wenn er den Weg zur Entwicklung der Bewusstseinsseele beschreitet, muss ein Intellektueller werden, zumindest vorübergehend, sonst bleibt er Instinkten verhaftet, die sich dann verhängnisvoll auswirken. Er braucht die Auseinandersetzung auf intellektuellem Gebiete. Das hat wieder seine Eigentümlichkeit, nämlich die, die Sie alle kennen, wenn Sie sich im Medium des Intellektuellen bewegen, dass jeder Standpunkt richtig sein kann. Der eine Standpunkt, mit Vehemenz vertreten, kann sofort von einem entgegengesetzten Standpunkt abgelöst werden. Was vielleicht in der übrigen Welt gar nicht so sehr gesucht wird, nämlich Dialektik, ist ein Verfahren, das aus der deutschen Philosophie geboren worden ist […]. Dabei ist das Umgehen mit Standpunkten notwendig. Man ist geradezu aufgefordert, wenn man einen Standpunkt eingenommen hat, sich auch auf den anderen stellen zu können. Wenn diese Beweglichkeit der intellektuellen Verfassung nicht gegeben ist, dann stellt sich sofort Dogmatik ein; die Standpunkte werden einseitige Behauptungen, möglicherweise mit dem Schwerte verteidigt, wo es doch im Grunde intellektuell so leicht ist, einzusehen, dass auch das Gegenteil einer Meinung gelten kann. Auf der einen Seite ist ein solches Leben leicht und angenehm, wenn man ein Denken meint, das sich ›tummeln‹ kann – es ist wie ein geistiges Turnen –, auf der anderen Seite besteht die Gefahr einer absoluten Vereinseitigung.« Die »Vereinseitigung« zeige sich darin, im dialektischen Spiel befangen zu bleiben und dadurch der Notwendigkeit von Entscheidungen zu entgehen.

Wenn nun in den USA, so Dörmann weiter, sich eine Kreuzzugsstimmung gegen den Osten ausbreite, fördere diese die Bestrebungen des westlichen Okkultismus (gemeint sind hier dessen geopolitische Implikationen). Entwickle sich aber in Mitteleuropa »Hass gegen diese Kreuzzugsstimmung« (gemeint dürfte sein: Antiamerikanismus), verhindere dieser die Ausbildung der ausgleichenden Kräfte des hygienischen Okkultismus. Die Angehörigen der mitteleuropäischen Kultur müssten sich daher stets prüfen, inwieweit sie sich ausreichend von »volksmäßigem Empfinden« befreit hätten, bevor sie über politische Weltereignisse urteilten.

Dörmann ging nicht näher auf mögliche Vorkehrungen ein, die zu einer solchen Läuterung des Urteils führen könnten, vermutlich weil er die betreffenden Ausführungen Steiners als bekannt voraussetzte (siehe Anmerkung 10). Stattdessen ging er zu einem anderen Thema über: dem schier unaufhaltsamen Boom der Waldorfschulgründungen. Deren Ausbreitung drohe, den Sinn dieser Schulen in den Hintergrund zu drängen: dass in ihnen anthroposophische Pädagogik praktiziert werde. Manche Waldorfschulen entstünden nur deswegen, weil die staatlichen Schulen so schlecht seien: »Das ist das Gefährlichste überhaupt, was ihnen geschehen kann: dass sie von einer Woge von Zustimmung der Menschen ergriffen werden, die letzten Endes nur aus der Ablehnung des bestehenden Schulsystems handeln«, so Dörmann. Außerdem führe diese rasche Ausbreitung der Waldorfpädagogik nicht nur zu Widerständen in den Ministerien, die der nichtstaatlichen Konkurrenz Einhalt zu gebieten suchten, sondern auch in der Öffentlichkeit, insbesondere von seiten der Kirchen. Die Argumentation von dieser Seite sei zwar mitunter »ärmlich«: die Anthroposophie lasse sich nicht mit der Bibel vereinbaren, deswegen sei die Waldorfpädagogik abzulehnen. Doch skandalisierender Journalismus gehe eine unheilvolle Ehe mit konfessionell gebundener Kritik ein und trübe dadurch das Urteil. Positiv schätzte Dörmann die Auswirkungen der SPIEGEL-Veröffentlichung ein: Peter Brügge[11] habe sich der Einsicht nicht erwehren können, dass die Anthroposophen keine Sekte seien, da er unter ihnen eine Vielfalt von Standpunkten vorgefunden habe, die den Vorwurf eines geschlossenen Weltbildes widerlegte. Um so schlimmer sei es, wenn einzelne Kollegien sich wegen unterschiedlicher Steinerinterpretationen zerstritten. Die Aufgabe, die Waldorfpädagogen auf sich genommen hätten, sei viel zu bedeutsam, als dass sie dogmatischen Grabenkämpfen zum Opfer fallen dürfe.

Wer die Zeitsituation aufmerksam beobachte, dem werde nicht entgehen, wie der Vandalismus sich ausbreite und die Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Leben trotz alles äußeren Wohlstandes immer schwerer zu erfüllen sei. In den Menschen herrschten unbestimmte Furchtgefühle und eine Lebensangst, die sich gerade in jüngeren Menschen geltend mache, die »wie Gift alles« durchziehe. Dagegen helfe nur die Selbsterziehung des Lehrers, der die Furcht in sich selbst überwinde. Schließlich trete auch immer mehr zutage, dass in jedem Menschen die Anlage zu jedem denkbaren Verbrechen liege. Auch darin zeige sich eine Signatur des Zeitalters der Bewusstseinsseele. Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten zufolge könne man Verbrecher so betrachten, dass einen allein günstige Umstände davor bewahrt hätten, zu einem solchen zu werden. Dies sei auch für Pädagogen relevant, die angesichts solcher Tatsachen um so mehr aufgerufen seien, sich auf ihre anthroposophischen Grundlagen zu besinnen. Dies hätte sie möglicherweise auch vor manchem »unheilsamen Kompromiss« bewahrt, wie z.B. der Kapitulation vor dem staatlichen Prüfungs- und Berechtigungswesen, das in den Waldorf-Oberstufen Druck und Furcht erzeuge. Man dürfe sich, so Dörmann, den sozialen Verhältnissen der Gegenwart gegenüber nicht einer »heillosen Illusion« hingeben, sondern müsse den Schleier dieser Illusion zerreißen, um den wahren Problemen auf den Grund zu gehen.

Zu diesen »wahren Problemen« schien aus seiner Sicht auch die Kluft zwischen den »Tochterbewegungen« und der anthroposophischen »Mutter« zu gehören. »An manchen Orten ist eine große Diskrepanz zwischen denen, die in der Gesellschaft tätig sind, und denen, die in den Schulen z.B. arbeiten. Mitunter ist es viel, wenn die Hälfte der Mitglieder eines Kollegiums der Anthroposophischen Gesellschaft angehören. Es gibt auch rühmliche Ausnahmen, es gibt aber auch Schulen, in denen man nach Mitgliedern suchen muss.« Wer auf die Notwendigkeit einer engeren Verbindung zwischen beiden hinweise, könne sich den Mund fusselig reden und doch nichts erreichen. Die Bedeutung, die Steiner der Anthroposophischen Gesellschaft in den Mitgliederbriefen zugewiesen habe, scheine in Vergessenheit zu geraten.

Noch einmal kam Dörmann am Ende seiner Ausführungen auf die deutsche Gemütslage inmitten des weltpolitischen Systemgegensatzes zu sprechen. Die Gespaltenheit der Nation entspreche der Gespaltenheit, die der Mitteleuropäer an der Schwelle erlebe: das eine spiegle sich im andern, hin und her gerissen zwischen luziferischen und ahrimanischen Wesen schwebe die deutsche Seele im Zustand des Zweifels. »Es ist ein Kampf, der nie abreißt und der die Seele, die ihm begegnet, schwankend machen muss, ob sie nicht unterliege den Mächten, die auf sie eindringen […] Es ist Zweifel, der an der Seele des Deutschen nagt; Zweifel, der auch entsteht, wenn ein Standpunkt eingenommen wird und möglicherweise ein anderer genauso berechtigt erscheint – was soll denn nun geschehen? Es ist Zweifel, der sich letzten Endes auch in der Weltgegensätzlichkeit zeigt, die in Deutschland am sichtbarsten ist. Das Bemühen muss sein, aus dem Ringen um das Überwinden des Zweifels eine Ebene zu gewinnen, auf der sich die Menschen begegnen können im Wissen um diese Situation auch des anthroposophischen Lebens in Deutschland und in der Hoffnung, dass wiederum Menschen in der Welt darum wissen, dass die deutsche Seele es in einer besonderen Weise schwer hat, sicheren Boden zu finden, und das erheischt vielleicht in mancherlei Weise Nachsicht.«

Was mag wohl der beredte Generalsekretär der deutschen Landesgesellschaft aus dem Ende der bipolaren Weltordnung für Folgerungen hinsichtlich der deutschen Identität gezogen haben? Wir wissen es nicht.

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wird fortgesetzt


Anmerkungen:


  1. Nbl, 12. Mai 1985, 62. Jg, Nr. 20.
  2. Nbl, 19. Mai 1985, 62. Jg, Nr. 21.
  3. Wörtlich führte Steiner dazu am 20. Juli 1924 in Arnheim aus: »Ich bin im Anschlusse an den gestrigen Vortrag von jemandem gefragt worden, ob denn nicht – worauf etwas schon Swedenborg hingedeutet hat – der Buchstabe der letzte Ausfluss des geistigen Lebens ist. Das ist er! Er ist es so lange, als er im kontinuierlichen Fortgange durch einen Menschen aus dem Geistigen fließt. Er wird ahrimanische geistige Macht, wenn er durch das Mechanische fixiert wird, gewissermaßen von der anderen Seite der Welt aus fixiert wird, wenn er als gedruckter Buchstabe vor die Augen der Menschen tritt. Denn das ist ja das Eigentümliche, dass es jene ahrimanische Schule ist, die als Gegenschule der Michael-Schule begründet worden ist und im 15., 16., 17., 18. Jahrhundert gewirkt hat, die in Europa die Buchdruckerkunst heraufgebracht hat, mit allem Gefolge der Buchdruckerkunst. Aus der Buchdruckerkunst können die dämonischen Gewalten aufsprießen, die gerade dazu geeignet sind, Michaels Herrschaft zu bekämpfen.Man muss das, was real ist im Leben, in seiner wirklichen Bedeutung durchschauen, wenn man Anthroposoph ist. Man muss in der Druckkunst zwar eine geistige Macht sehen, aber eben die geistige Macht, die von Ahriman dem Michael entgegengestellt worden ist. Daher diese fortdauernde Mahnung Michaels an diejenigen, die er nun in seiner Schule dazumal unterrichtete, die fortdauernde Mahnung: Wenn ihr wieder auf die Erde herunterkommt, um das auszuführen, was hier veranlagt ist, dann sammelt die Menschen um euch, verkündigt das Wichtigste von Mund zu Ohr und seht nicht das Wichtigste darin, dass nur durch das gedruckte Buch in der Welt ›literarisch‹ gewirkt werde.Daher ist die intimere Art, von Mensch zu Mensch zu wirken, diejenige, die vorzugsweise in der Richtung des Wirkens Michaels ist. Und wenn wir uns, statt bloß durch Bücher zu wirken, vereinigen und die wichtigsten Impulse menschlich-persönlich aufnehmen und – weil es so sein muss, weil sonst wieder Ahriman eine ungeheure Herrschaft bekommen würde, wenn wir uns seiner Kunst nicht auch bemächtigten – das andere dann nur benützen, um gewissermaßen ›Gedächtnishilfen‹ zu haben, um das zu haben, was mit dem ahrimanischen Zeitgeist rechnet: pflegen wir dies in solcher Weise, dass wir nicht etwa das gedruckte Buch ausmerzen, aber ihm das richtige Verhältnis geben zu dem, was unmittelbar menschlich wirkt, dann inaugurieren wir das, was zunächst imponderabel als Michael-Strömung durch die Anthroposophische Gesellschaft fließen soll. Denn nicht richtig wäre es, von so etwas ausgehend, wie ich es jetzt dargestellt habe, nun etwa zu sagen: Also schaffen wir die anthroposophischen Bücher ab! Dadurch würden wir gerade die Druckkunst an die stärksten Feinde der Michael-Weisheit ausliefern; da würden wir die Fortsetzung unserer anthroposophischen Arbeit, die ja gerade bis zum Ende des Jahrhunderts hin gedeihen soll, unmöglich machen. Aber wir müssen durch heilige Gesinnung gegenüber dem, was da in der Michael-Weisheit lebt, die Druckkunst adeln! Denn was will Ahriman gegenüber dem Michael durch die Druckkunst? Er will – Sie sehen es heute überall aufsprießen – die Eroberung der Intelligenz, jene Eroberung der Intelligenz, welche überall dort besonders eingreifen will, wo die Verhältnisse dazu günstig sind. Worinnen besteht denn das hauptsächlichste Wirken der ahrimanischen Geister in ihrer Bekämpfung des kommenden Michael-Zeitalters? Das Wirksame besteht darin, dass diese ahrimanischen Geister in Zeiten, wo die Bewusstseine der Menschen heruntergedämpft sind, gewissermaßen die Menschen von sich ›besessen‹ machen, dass sie eingreifen in die menschlichen Bewusstseine. So sind ja viele Menschen, die 1914 herabgedämmerte Bewusstseine hatten, hineinverflochten gewesen in die Entstehung des furchtbaren Weltkrieges. Und in ihren gedämpften Bewusstseinen haben den Weltkrieg die Scharen des Ahriman gemacht – durch die Menschen.« GA 240, Dornach 1992, S. 192 f.
  4. Nbl, 2. Juni 1985, 62. Jg., Nr. 23.
  5. J.W. von Goethe, Brief an Franz Bernhard von Bucholtz, 14. Februar 1814.
  6. J.W. von Goethe, Brief an Sulpiz Boisseré, 27. Sept. 1816.
  7. Rudolf Steiner, GA 174a, Dornach 1982, S. 21.
  8. Zitiert nach Peter Scholl-Latour, [amazon_textlink asin=’3548375278′ text=’Die Welt aus den Fugen‘ template=’ProductLink‘ store=’anthroblog-21′ marketplace=’DE‘ link_id=’d086df31-d722-40e9-84cf-95c84f0af545′], Ullstein e-Book, 2012.
  9. Anspielung auf Schillers Xenion: »Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens;Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.« – Dieser Verzicht auf souveräne Nationalstaatlichkeit als Ideal zugunsten eines freien Geistesreiches, der Ersatz realpolitischer Interessen durch moralische Großmachtansprüche, sucht Deutschland periodisch heim. Karl Marx kommentierte in seiner Deutschen Ideologie die Bemerkung Heines aus Deutschland, ein Wintermärchen, im Gegensatz zu andern Nationen herrschten die Deutschen über »das Land der Träume«, mit folgenden kaustischen Bemerkungen: »Dieses Luftreich des Traums, das Reich des ›Wesens des Menschen, halten die Deutschen den andern Völkern mit gewaltigem Selbstgefühl als die Vollendung und den Zweck der ganzen Weltgeschichte entgegen; auf jedem Felde betrachten sie ihre Träumereien als schließliches Endurteil über die Taten der andern Nationen, und weil sie überall nur das Zusehen und Nachsehen haben, glauben sie berufen zu sein, über alle Welt zu Gericht zu sitzen und die ganze Geschichte in Deutschland ihr letztes Absehen erreichen zu lassen. Dass dieser aufgeblasene und überschwengliche Nationalhochmut einer ganz kleinlichen, krämerhaften und handwerkermäßigen Praxis entspricht, haben wir bereits mehrere Male gesehen. Wenn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie hier mit der Illusion, über die Nationalität und über alle wirklichen Interessen erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird, die ihre nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen eingestehen.« Karl Marx, Die deutsche Ideologie, Moskau 1932, S. 457 f.
  10. Grundlage der folgenden Ausführungen Dörmanns ist der Vortrag Rudolf Steiners vom 8. Dezember 1918, GA 186, Dornach 1990, S. 130 f., über die russische Revolution und die unterschiedlichen Erlebnisse von West-, Mittel- und Osteuropäern an der Schwelle zur geistigen Welt. Darin heißt es unter anderem: »Von den drei Dingen, die in Goethes Märchen aufgezählt sind – Gewalt, Schein, Erkenntnis –, ist dem Deutschen im intellektuellen Zeitalter die Scheingestaltung der Intellektualität zugefallen. Will er nun doch eingreifen in die Politik, da steht er vor der Gefahr, dass er dasjenige, was schön ist innerhalb der Gedankengestaltung, in die Wirklichkeit hineinbringt […] Der Wirklichkeit gegenüber wird dann zuweilen dasjenige, was gerade im Scheine schön ist […] etwas […], was dann auf die Welt den Eindruck der Unwahrhaftigkeit machen muss. Denn die große Gefahr, die selbstverständlich zu überwinden ist, aber nicht immer überwunden wird, besteht darin, dass der Deutsche nicht nur, wenn er höflich ist, lügt, sondern dass er auch lügen kann, wenn er gerade seine besten Talente in ein Gebiet hineintragen will, für das er nicht angeborene Anlagen hat, sondern für das ihm die Anlagen nur anerzogen werden können, für das er sich anstrengen muss. […] Daher verfiel auch die mitteleuropäische Bevölkerung solchen Herrschaftsgelüsten, wie die der Habsburger und Hohenzollern es waren, eben wegen der apolitischen Natur, weil ganz andere Notwendigkeiten vorliegen, wenn der Deutsche zu seiner Aufgabe kommen will. Er muss zu dieser Aufgabe erzogen werden. Er muss gewissermaßen berührt werden von dem, was Goethe im Faust zur Gestaltung gebracht hat, vom Werden des Menschen zwischen Geburt und Tod.« (S. 148 f.) Über die spezifisch mitteleuropäischen Erlebnisse an der Schwelle zur geistigen Welt führt Steiner aus: »Mit demjenigen macht man sich beim Hüter der Schwelle bekannt, was die eigentliche reale Grundlage des Zweifels ist, mit dem, was in der Welt lebt als fortwährend sich anfachender, unentschieden bleibender Kampf, was einen geradezu ins Schwanken bringt, was aber zu gleicher Zeit dazu erzieht, die Welt von den verschiedensten Seiten anzuschauen. Und das wird die besondere Mission, trotz allem und alledem, des Deutschtums sein, dass von dieser Seite aus es in die Weltenkultur eingreift, auch als Deutschtum. […] Darauf hin ist die ganze Welt dressiert, einseitige Wahrheiten festhalten zu können. Die Deutschen sind dazu, ich möchte sagen, tragisch verurteilt, sich gegen ihre eigenen Anlagen abzustumpfen, wenn sie bei einer einseitigen Wahrheit verweilen wollen. Entwickeln sie ihre eigenen Anlagen, so wird ihnen sofort überall auftauchen, wenn sie sich nur ein wenig vertiefen: Wenn man irgendeine Behauptung macht über Weltenzusammenhänge, so ist das Gegenteil davon auch richtig. Und nur durch das Zusammenschauen der zwei ist es möglich, die Wirklichkeit zu sehen. Das lernt man so recht erkennen beim Hüter der Schwelle, wenn man den Kampf der Geister sieht, die einen bis zum Hüter der Schwelle aus der physischen Welt heraus begleiten, und derjenigen, die ihnen entgegenstürmen von der andern, von der übersinnlichen Welt herein […].« (S. 150 f.).
  11. Peter Brügge, Die Anthroposophen. Waldorfschulen, Biodynamischer Landbau, Ganzheitsmedizin, Kosmische Heilslehre, Hamburg 1984.

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