1985 | Mechanisierung des Geistes, Animalisierung der Seele, Vegetarisierung des Leibes

Zuletzt aktualisiert am

Pyramide du Louvre

Die Louvre-Pyramide. Bauprojekt Mitterands zum Jubiläum der Revolution 1989. Wikipedia, CC BY 2.0.

Von der Mechanisierung des Geistes, der Animalisierung der Seele und der Vegetarisierung des Leibes als einer Auswirkung des Marxismus-Leninismus hatte Steiner 1919 gesprochen. Diese geistesgeschichtlichen Motive griff Virginia Sease in ihrem Bericht über die USA auf. Zunächst jedoch schilderte der Generalsekretär Paul Henri Bideau die Situation in Frankreich.[1] In diesem Land amtierte nach dem Bruch der Koalition zwischen Sozialisten und Kommunisten seit 1984 der zweite Premierminister, Laurent Fabius, der aufgrund der fatalen Folgen der sozialistischen Verstaatlichungs- und Wohlfahrtspolitik auf einen Austeritätskurs umgeschwenkt war. Fabius verkaufte sein Programm als »Modernisierung«, als Verschlankung des Staates und Effizienzsteigerung der Ökonomie, ähnlich wie Margaret Thatcher zu dieser Zeit in Großbritannien. Ernannt worden war er wie sein Vorgänger vom Staatspräsidenten François Mitterrand, der dem Hüter der laizistischen Zivilreligion, dem Grande Orient de France nahestand.

Seit 1979 hatte die Action directe (AD), eine mit der RAF in Verbindung stehende Terrororganisation, mit Bombenanschlägen auf die Behörde für Gegenspionage, die Gendarmerie, das Verkehrsministerium und weitere Ziele für Beunruhigung gesorgt. Im Januar 1985 war General Audran, der eine hohe Position im Verteidigungsministerium bekleidete, von Mitgliedern der AD vor seinem Haus in der Nähe von Paris erschossen worden. Später in diesem Jahr führte sie gemeinsam mit der RAF einen Sprengstoffanschlag auf die Rhein-Main-Luftwaffenbasis in Frankfurt durch. Im November 1986 sollte ihr der Renault-Chef Georges Besse zum Opfer fallen. Terrorismus war aber in Frankreich nicht nur gegen den Staat gerichtet, sondern ging auch von ihm aus, wie die bereits geschilderte Versenkung der Rainbow Warrior in Neuseeland am 10. Juli 1985 bezeugt. (Siehe 1985 | Geschichtspolitik, Regenbogenkrieger und Spione).

Bideau wies auf die aus seiner Sicht in Frankreich erkennbaren, bedenklichen Kehrseiten der von Fabius propagierten »Modernisierung« hin, die selbstverständlich nicht allein dieses Land betrafen: die rasante Entwicklung der Computertechnologie, die in die Domäne der Primärbildung einzudringen drohte, den Vormarsch des technokratischen Denkens in der Medizin, der sich in der Entnaturalisierung der Geburt und des Todes durch Leihmütterschaft und Befürwortung der Euthanasie zeigte, die mit dem Recht auf einen »würdigen Tod« legitimiert wurde. 1982 war das Buch Suicide, mode d’emploi von Claude Guillon und Yves Le Bonniec erschienen.[2] Die »Gebrauchsanleitung zum Selbstmord«, die einen Überblick über die wirksamsten Techniken der Selbsttötung und die effektivsten Medikamente gab, sollte 1987 durch ein Gesetz verboten werden, das Aufforderung zum Selbstmord unter Strafe stellte.

Daneben beobachtete Bideau in Frankreich gewisse esoterische Strömungen, die eine Rückkehr zum Keltentum oder zum Katharertum propagierten, sowie eine Zunahme »importierter« Spiritualität, z.B. in Gestalt des Buddhismus, der in der Nähe des romanischen Autun im Burgund einen Tempel errichtete. Schließlich sah er den »Rechtsextremismus« auf dem Vormarsch, der sich für französische Identität, Tradition und Souveränität aussprach und das Land für die Franzosen zurückforderte. Offensichtlich hatte Bideau den Front National Jean-Marie Le Pens im Blick, der sich seit den siebziger Jahren gegen die Islamisierung Frankreichs und die Immigration aus den ehemaligen französischen Kolonien zur Wehr setzte.

All diesen politisch-kulturellen Strömungen attestierte Bideau, ihnen mangle es an einem fundierten Bewusstsein der Menschenwürde, der erforderlichen seelischen Tiefe und eines gesunden Verhältnisses zur Spiritualität des eigenen Volkes, durch die es sich in das »geistige Europa« der Gegenwart eingliedern und dazu beitragen könne, jene Wunden zu heilen, von welchen Dörmann gesprochen habe (siehe: 1985 | Anthroposophie in Deutschland im Zeichen des Zweifels).

Diesem dreifachen Mangel vermöge die Anthroposophie abzuhelfen, wenn sie denn in Frankreich aufgenommen werde. Und manches deute darauf hin, dass dies der Fall sei. Einen Hinweis darauf sah Bideau im Mitgliederwachstum der Landesgesellschaft, das ihm zwar absolut gesehen beachtlich, relativ jedoch immer noch bescheiden schien: noch immer seien die Anthroposophen nicht mehr als »ein Tropfen im Ozean des heutigen Frankreich«. Aber auch homöopathische Dosen vermöchten etwas zu bewirken. Immerhin existierten inzwischen 10 Waldorfschulen im Land, die sich in einem Bund nach dem Vorbild des deutschen zusammengeschlossen hätten. Auch die anthroposophischen Ärzte hatten einen Verband gegründet. Glücklicherweise war der Versuch des Erziehungsministers Alain Savary, die Unterscheidung zwischen privaten und öffentlichen Schulen abzuschaffen, 1984 gescheitert – ein Scheitern, das mit ein Grund für die Berufung des neuen Premierministers Fabius gewesen war; aber einem möglichen künftigen Angriff des extremistischen Laizismus könne nun der Bund der französischen Schulen entgegentreten. Bideau unterschlug allerdings an dieser Stelle, dass Frankreich über ein ausgedehntes Netz katholischer Schulen verfügte und dass der Anschlag Savarys am Widerstand dieser katholischen Schulen gescheitert war und nicht an dem der Waldorfschulen. Die anthroposophischen Berufsfelder hatten inzwischen auch für ein (bescheidenes) Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten gesorgt: es gab pädagogische, eurythmische und medizinische Angebote und ein Jugendseminar. Außerdem bildete sic nach dem Vorbild der Bochumer Gemeinschaftsbank eine Finanzierungsinitiative.

Erst im Jahr 1972 war in Frankreich der erste anthroposophische Zweig gegründet worden. Interessierte oder Mitglieder hatten sich zuvor in informellen, örtlichen oder sachlichen Arbeitsgruppen zusammengefunden. Seit dieser Zeit war auch ein Tagungswesen etabliert worden, das nicht zuletzt dem Zweck diente, das Bewusstsein zu fördern, einer gemeinsamen kulturellen oder spirituellen Bewegung anzugehören. Die einer überregionalen, möglicherweise sogar internationalen Organisation abgeneigten Mitglieder der französischen Landesgesellschaft trug jedoch nicht sonderlich dazu bei, dass diese Gesellschaft in der Öffentlichkeit sichtbar wurde. Bideau beklagte, die mangelnde geistige Verankerung der Anthroposophie in Frankreich bzw. das Ausbleiben ihrer Inkulturation in den geistigen Traditionen der Republik, was sicherlich angesichts des vorherrschenden Rationalismus der ENARCHEN-Elite auch schwierig war. Gleichwohl hätte die Möglichkeit bestanden, an die vorhandene reiche Tradition des Rosenkreuzertums und der mystischen Freimaurerei anzuknüpfen. (Siehe: Hochgradmaurerei und Illuminismus im 18. Jahrhundert). Zwar geschehe inzwischen sehr viel, »um den Namen Rudolf Steiners, seine Bücher und seine Gedanken« zu verbreiten. Aber dieser intellektuelle Ansatz sei wenig wirkungsvoll. Die Menschen müssten in ihrem Willen ergriffen werden. Anders als wir mit unserem Hinweis auf die Araber Ibn Khalduns stellte Bideau den deutschen Exzeptionalismus Dörmanns in Frage, wenn er darauf hinwies, dass auch die Franzosen nicht gerade Meister in der Anerkennung fremder Leistungen seien. Manchmal würfen sich die Anthroposophen gegenseitig »Knüppel zwischen die Beine«. Um den Bestrebungen, die Anthroposophie sichtbarer zu machen, Nachdruck zu verleihen, gebe es Bestrebungen, in Paris ein Rudolf-Steiner-Haus als Zentrum der anthroposophischen Arbeit zu errichten. Allerdings vermöchte die Gesellschaft, wie Bideau mit Bedauern feststellte, dieses Vorhaben aus eigenen Kräften nicht zu realisieren. Daher appellierte er an die »Weltgesellschaft«, der es doch nicht gleichgültig sein könne, ob eine solche Initiative in Frankreich reüssiere oder nicht.

Da 1989 die 200-Jahrfeierlichkeiten der Revolution bevorstanden, die von Mitterand mit ehrgeizigen architektonischen Projekten in der Hauptstadt vorbereitet wurden, hätte es sich angeboten, in diesem Jahr auch ein Rudolf-Steiner-Haus in Paris zu eröffnen und die Eröffnung in den Kontext dieser Feierlichkeiten zu stellen. Anknüpfungspunkte gab es in der Tat genug: eine spezifische Interpretation der Parole »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« war für Steiners Dreigliederungsidee von zentraler Bedeutung.

In diesem Zusammenhang kam Bideau auch auf das Phänomen des europäisch vernetzten Linksterrorismus zu sprechen. Den Terroristen sei etwas gelungen, worin die Politiker bisher versagt hätten: ein geeintes Europa zu schaffen – allerdings handle es sich bedauerlicherweise um ein Europa des Schreckens, nicht des Friedens. Während den französischen Politikern vorgeworfen werde, sie seien in der Abwehr diese Bedrohung nicht energisch genug, müsse auch daran erinnert werden, dass mit 1789 die »Regierungstechnik« des Staatsterrors in die europäische Geschichte Einzug gehalten habe, der Staat also nicht unbedingt die zur Friedensstiftung berufene Instanz sei (eine angesichts des noch bevorstehenden Bombenanschlags auf das Greenpeace-Schiff geradezu prophetische Bemerkung). Um so mehr Potential zur Stiftung sozialen Friedens sah Bideau in der Anthroposophie, nicht zuletzt in ihrem dreigliedrigen Menschenbild und den mit diesem zusammenhängenden sozialen Ideen. Die Frage war nur, wie diese Überzeugung den Franzosen vermittelt werden konnte.

Virginia Sease, die 1984 in den Vorstand kooptiert worden war, berichtete von ihrem ersten Besuch in den USA seit ihrer Umsiedlung nach Dornach.[3] Sonderlich Aufsehenerregendes vermochte sie von diesem Teil des Kontinents nicht zu vermelden.

Eine Mitgliedertagung in Spring Valley im Sommer des vergangenen Jahres war vom tragischen Tod Dietrich von Astens (1922-1984), des ehemaligen Generalsekretärs der amerikanischen Landesgesellschaft überschattet worden, der am Ende seines Vortrag einem Herzanfall erlegen war. Die Tagung zum Thema »Christus in unserer Zeit« was als Antwort auf Orwells Dystopie 1984 konzipiert worden. Einmal mehr war bei dieser Tagung die Frage nach Anknüpfungspunkten für die Anthroposophie in der amerikanischen Geistesgeschichte aufgeworfen worden, die Goethe, Schiller, Hegel oder Novalis vergleichbar seien. Ein nicht allzu günstiges Licht auf die anthroposophische »Arbeit« warf das Erträgnis, das die Tagung in dieser Hinsicht erbracht hatte: man müsse sich wohl in Zukunft mit den Werken von Emerson, Thoreau, Bronson Alcott oder Benjamin Franklin beschäftigen[4], um herauszufinden, ob es solche Anknüpfungspunkte gebe. Was Hegel anbetrifft, hätte sich auch eine Lektüre von Charles S. Peirce, John Dewey oder der Hegelianer von St. Louis (W.T. Harris, H.C. Brokmeyer) angeboten.

Daneben wurde bei dieser Tagung auch die Frage nach der geistigen Aufgabe Nordamerikas am Ende des 20. Jahrhunderts aufgeworfen, eine wahrhaft bedeutende Frage. Durch Jahrzehnte hindurch habe man sich mit dem Studium der Werke Steiners beschäftigt, so Sease, und nun sei es an der Zeit, die Konsequenzen dieses Studiums für das Handeln auszuloten.

Was nun folgte, war nicht, wie zu erwarten, eine Ausführung zu diesen Konsequenzen, sondern Steinerexegese. Sease sprach von drei Verirrungen, die viele der amerikanischen Anthroposophie-Interessenten durchlebt hätten. Von drei Gefahren, die dem europäischen Osten durch den Marxismus-Leninismus drohten, sprach Steiner in der Dreigliederungszeit, erstmals im Juni 1919[5]. »Nehme man an, der Geist von Karl Marx breitete sich über ganz Europa aus, was würde aus Europa?«, führte Steiner am 29.06.1919 aus. Da diese »allerreaktionärste Strömung« im Osten Europas (in Rußland) wirke, werde zunächst dieser Osten, der dazu bestimmt sei, die »Beseelung der neueren Zivilisation« (des Bewusstseinsseelenzeitalters) zu ermöglichen, einem dreifachen Schicksal entgegengehen, einem Schicksal, das auch den Rest Europas ereilen könne, wenn der Ausbreitung jener reaktionären Strömung nicht Einhalt geboten werde. »Die Mechanisierung des Geistes in einem wirtschaftlichen Papsttum, die vollständige Mechanisierung des Geistes, die Ertötung aller Produktivität und Freiheit des Geistes in einer großen, über ein großes Territorium ausgedehnten Buchhaltung. Ferner die Vegetarisierung der menschlichen Seele. Insbesondere würde sich geltend machen auf dem Gebiet der Rechtsanschauung und des staatlichen Lebens diese Vegetarisierung der Seele […] Und ferner wird zugeeilt in diesem europäischen Osten der Animalisierung der Leiber, der Geburt der animalischen Instinkte in den Leibern. […]

Was heute im russischen Leninismus lebt, das ist die Fortsetzung des Geistes, der auf dem ökumenischen Konzil zu Konstantinopel im Jahre 869 dogmatisch den Geist abgeschafft hat. Das muss man durchschauen. Und was sich aus wahrem demokratisch-sozialem Geiste dagegen auflehnt, das ist dasjenige, was mit dem wirklichen Fortschritt der Menschheit rechnet. Denn dieses Reaktionärste will eben, wenn es sich dessen auch nicht bewusst ist, Mechanisierung des Geistes, Vegetarisierung der Seele, Animalisierung der leiblichen Instinkte, die sich immer mehr und mehr ausleben würden in den Anschauungen vom Blute. […] ich möchte sagen: nur im extremsten Fall zeigt dieser russische Osten, wohin die Menschheit sausen will. Sie will mit dem alten Geiste in die Mechanisierung des Geisteslebens hineinsteuern, indem sie die Schule ganz vom Staate aufsaugen lässt. Sie will in die Entseelung, in die Vegetarisierung der Seele hineinsausen, indem sie abstumpfen will das wirkliche Rechtsgefühl, und es ersetzen will durch die Buchführung eines scheinbar, aber nicht wirklich sozialisierten Staates. Und sie meint, die Menschen zu einem natürlichen Menschenleben zu führen, indem sie die wüstesten animalischen, leiblichen Instinkte entfesselt, die der Mensch in sich trägt.«[6]

Was Europa aus Steiners Sicht also drohte, war die Abschaffung der Freiheit des Geistes (durch dessen staatliche Bevormundung), die Entseelung durch die Pervertierung oder Zertrümmerung des Rechtsempfindens und die Vertierung durch die Entfesselung der wüstesten animalischen Instinkte. Tatsächlich breitete sich diese Tendenz epidemisch auch in Mitteleuropa aus, als das Spiegelbild des Nationalbolschewismus, der antibolschewistische Nationalsozialismus, 1933 die Macht in der Weimarer Republik ergriff. Aber jener »allerreaktionärste« Geist wirkte nach dem Verschwinden des Nationalsozialismus überall in der Welt fort, nicht nur in den kommunistischen Staaten, sondern in allen Ländern, in welchen sich der Marxismus und mit ihm verwandte politische Strömungen betätigten. In abgewandelter Form, als Kulturmarxismus, hat er heutzutage sogar eine Art kulturelle Hegemonie erlangt und setzt seine zerstörerische Arbeit fort.

Den drei Gefahren, von welchen Steiner 1919 gesprochen hatte, begegnete Virginia Sease nun auch in den Lebensberichten von Menschen, die sich für die Anthroposophie interessierten. Interessant ist, wo sie diese Tendenzen zu erkennen glaubte. Mechanisierung des Geistes: »Das ist in vielen Bereichen in Amerika auch heute noch der Fall, zum Beispiel in der Hypnotik und allen verwandten Gebieten des ›mind over matter‹ – Bewusstsein über Materie. Es gibt große Bewegungen, die sich damit beschäftigen bis hin zu den ›weight watchers‹, die mit solchen Mitteln [der Autosuggestion] schlank werden wollen. Viel ernster aber geht diese Mechanisierung des Geistes natürlich voran in der ganzen Computer-Welt, die besonders in Amerika sehr fortgeschritten ist.« Vegetarisierung der Seele: »Das sind die sogenannten ›trainings‹, durch die die Seele des Menschen umgestaltet wird; manchmal durch ganz ungewöhnliche und strenge Maßnahmen, indem die Menschen mit schockierendsten Situationen konfrontiert werden. […] Nachdem die Seele umgebildet ist, wird dieser Mensch sehr selbstzufrieden. Er sucht nicht mehr. Er meint, er habe das Allerletzte gefunden. Diese Methode ist sehr erfolgreich; die Wünsche des Menschen werden erfüllt. Nach dieser Zufriedenheit, das sieht man häufig, wird der betreffende Mensch sehr überheblich.« Animalisierung des Leibes: »Dies ist, könnte man sagen, das Prinzip Materie über Bewusstsein, Leib über Geist, ›body over mind‹. Auch hier gibt es verschiedene Trainings, sehr oft in Verbindung mit den östlichen Kriegsdisziplinen, Karate, oder ähnliche Methoden.« Vom Marxismus, z.B. der Frankfurter Schule, deren Einfluss in den amerikanischen Universitäten seit den 1970er Jahren zu beobachten war, ist in dieser Diagnose einer späten Steinerinterpretin nichts mehr zu finden.

Was stellte nun die Anthroposophische Gesellschaft in den USA laut Sease diesen kulturvernichtenden Strömungen entgegen? Ein wachsendes Interesse an der Weihnachtstagung. Besonders hilfreich bei der Förderung dieses Interesses sei die englische Übersetzung des Buches von Rudolf Grosse über die Weihnachtstagung als Zeitenwende.[7] Außerdem werde eine Jugendsektionsarbeit in den USA aufgebaut.

Neben den genannten drei gefährlichen Kulturströmungen glaubte Sease eine weitere im Katholizismus erkennen zu können, der besonders aufgrund der Immigration aus dem Süden (Mittel- und Lateinamerika) im Wachstum begriffen sei. Ausgerechnet dem Katholizismus, dieser erzinternationalistischen Organisation, unterstellte sie eine nationalistische Tendenz, die sie an Autoaufklebern von Pax Christi mit dem Zusatz »USA« festmachte. Dass die internationale Pax-Christi-Bewegung in nationalen Sektionen organisiert war, schien ihr unbekannt. Einen solchen »unterschwelligen« Nationalismus attestierte sie auch der New-Age-Predigerin Elizabeth Clare Prophet, die in ihrer Verkündigung protestantisch-katholische mit theosophischen Einflüssen (Alice Bailey) kombinierte. Tatsächlich befürchtete Clare Prophet einen Atomangriff der Sowjetunion auf die USA, der zu einer Entscheidungsschlacht zwischen den Mächten des Lichtes (USA) und der Finsternis (Sowjetunion) führen sollte. Ausgerechnet 1990 – also nach dem Zusammenbruch des Ostblocks – zogen sich mehrere tausend ihrer Anhänger in eine Bunkeranlage in der Nähe des Yellowstone Nationalparks in Montana zurück, weil sie glaubten, Armageddon stehe unmittelbar bevor. Als der Weltuntergang ausblieb, kam es zu einer Krise und Sezession innerhalb der Church Universal and Triumphant.

Auch in den USA gab es eine Waldorfbewegung, die jedoch mangels einer gemeinsamen Organisation anarchisch wucherte. Der Name war – damals – nicht geschützt, jeder konnte eine Waldorfschule eröffnen. Entsprechend sah es auch mit der Waldorfqualifikation der Lehrer an solchen Schulen aus. Sease hoffte, diese Initiativen könnten mitsamt ihren Lehrkörpern irgendwann für die Anthroposophie gewonnen werden. Der Waldorflehrerausbildung in Detroit, die 1986 nach Spring Valley umsiedeln sollte, schrieb sie in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung zu. Sie sah darin die Keimzelle eines anthroposophischen Colleges, das seinen Fächerkanon um weitere Disziplinen würde erweitern können. Auch in diesem Bereich wirkte sich das Engagement Jörgen Smits, des Leiters der pädagogischen Sektion und der Jugendsektion, aktivierend aus.

Etwas anders sah es bei der Anthroposophischen Gesellschaft aus, die ihr Hauptquartier an der Madison Avenue New York 1982 verkauft und ein Büro im Bundesstaat New York irgendwo auf dem Land eröffnet hatte, ein Büro, das so abgelegen war, dass man es nicht mit dem Zug erreichen konnte, über dessen genaue Lage nur Einheimische Bescheid wussten, da es in der Gegend keine Straßenschilder gab. Diese Scharade dürfte nicht gerade dazu beigetragen haben, die Anthroposophische Gesellschaft in den USA zu einem relevanten Kulturfaktor zu erheben. Immerhin plante die Gesellschaft die Errichtung eines neuen Hauptquartiers, dessen genaue Lage Sease bei der Generalversammlung aber noch nicht verraten wollte.

Einen Einblick in die Situation Dänemarks vermittelte Oskar Borgman Hansen, der das Amt des Generalsekretärs seit 19 Jahren innehatte[8]. Im Unterschied zu Frankreich, so Hansen, werde in Dänemark nicht von einer Modernisierung des Landes, sondern der Administration gesprochen. Hinter diesem Schlagwort verberge sich eine »Brutalisierung« des Staates, der seine Kontrolle über die Unternehmen verstärke und ihnen gleichzeitig die mit dieser Bürokratisierung verbundenen Kosten aufbürde, was sich besonders für kleinere Betriebe als nachteilig erweise. Dafür setze sich aufgrund der besonders günstigen Umstände in Dänemark das in den 1970er Jahren begonnene Wachstum der Waldorfschulen fort. 1971 hätten drei derartige Schulen im Land existiert, mittlerweile 17. Das Wachstum war, neben dem Elterninteresse, der dänischen Schulgesetzgebung zu verdanken. Der Staat finanzierte 85% der laufenden Kosten von Schulen in freier Trägerschaft. Voraussetzung waren den staatlichen vergleichbare Leistungen in grundlegenden Fächern und die Aufsicht durch einen Beauftragten des Kultusministeriums, der jedoch von der jeweiligen Schule vorgeschlagen werden durfte. Finanzierung aus Steuergeldern bei weitgehender Freiheit der pädagogischen Gestaltung: diese Regelung hielt Hansen für vorbildlich. Sie wurde von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung und des Parlamentes gestützt. »Die Freiheitsgesinnung ist so, dass man sich nicht vorstellen kann, dass die Eltern nicht das Recht haben sollten, die Schulen zu haben, die sie wünschen. Da alle Eltern Steuern bezahlen, muss der Staat wiederum solche Schulen stützen, die gewünscht werden von Eltern, die nicht mit dem Schulwesen, das vom Staate betrieben wird, zufrieden sein können. Eine gewisse Freiheitsgesinnung liegt schon in dem völkischen Leben in diesem Lande«, so Hansen.

Die Anthroposophie sei in Dänemark dabei, zu einem »anerkannten Bestandteil des allgemeinen kulturellen Lebens zu werden«. Dies zeige sich auch in seinem ehemaligen Arbeitsfeld, der universitären Philosophie. Hier werde Steiner mittlerweile unter Klassiker wie Plato oder Kant eingereiht und als Bestandteil des philosophiegeschichtlichen Kanons betrachtet.

Aber auch in Dänemark machten sich globale Entwicklungen bemerkbar, die Hansen äußerst bedenklich schienen, insbesondere in der Medizintechnologie. Inzwischen würden allen Müttern über 35 Jahren Fruchtwasseruntersuchungen angeboten. Auf diese Weise sollten die rund 25 behinderten Kinder verhindert werden, die vor Einführung dieser Untersuchungen jährlich zur Welt gebracht worden seien. Ein Gutachten hatte argumentiert, damit könnten erhebliche Kosten eingespart werden, die solche Kinder dem Gesundheitswesen verursachten. Natürlich wurde die Abtreibung den Eltern anheimgestellt und nicht vorgeschrieben. »Wir wurden vor 40 Jahren von dem Joch des Bösen befreit, unvergesslich für alle, die es damals erlebt haben. Aber etwas von dem Ungeist von damals nistet sich jetzt ein in anderer Form«, kommentierte Hansen dieses Argument. »Der Mensch soll nach seinem Geldwert für den Staat bewertet werden. Das anonym Böse nistet sich ein, verkleidet als Rücksichtnahme auf die Persönlichkeit, auf die Frau, auf die Eltern. Die eigentlichen Probleme werden verschleiert.« Was hier Mitte der 1980er Jahre thematisiert wurde, hat sich in der Zwischenzeit als Standard etabliert. Die Techniken wurden verfeinert, die Abtreibungen haben zugenommen. Die scheinmoralischen, »humanen« Argumente sind gleichgeblieben.

Hansen hielt es für eine Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung, dieser »die Zivilisation gefährdenden« Entwicklung entgegenzuwirken. Mittel der Wahl war die Bildungsarbeit: Lehrerbildung, Erwachsenenbildung in Volkshochschulen, Erziehung von Kindern. Die Aufgabe sei gewaltig, die Kräfte gering, doch man dürfe die Hoffnung nicht aufgeben.

All dies musste auch monetär unterfüttert werden. Dem Jahresbericht der Schatzmeisterin Gisela Reuther war zu entnehmen, dass der Etat der Anthroposophischen Gesellschaft seit 1982 um 2,4 auf 15 Millionen Franken gewachsen war.[9] Der vom Goetheanum erwirtschaftete Betrag belief sich gleichbleibend jährlich auf rund 7 Millionen Franken. Hier waren zwischen 260 und 300 Mitarbeiter zu finanzieren. Die Differenz musste aus Mitgliederbeiträgen, Spenden, Legaten usw. bestritten werden. Dass dies gelang, dazu trug das Wachstum der Mitgliederzahl um 2000 seit vergangenem Jahr und ein höheres Spendenaufkommen bei. Auch die Beiträge, die dem Goetheanum von Institutionen, also Betrieben wie der Weleda, Stiftungen etc. zuflossen, waren von 235.000 Franken (1982) auf fast eine Million angewachsen. Zu Recht konnte Reuther daher sagen: »Die wichtigste und lebendigste Reserve, die wir haben, sind wir alle als Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.«

Vorheriger Beitrag: 1985 | Anthroposophie in Deutschland im Zeichen des Zweifels

wird fortgesetzt


Anmerkungen:


  1. Nachrichtenblatt, 9. Juni 1985, 62. Jg., Nr. 24. Zu Bideau siehe: 1978 | Horizontale Schwellen und vergessene Erkenntnisfragen.
  2. Claude Guillon, Yves Le Bonniec, Suicide, mode d’emploi: Histoire, technique, actualité, Paris 1982.
  3. Nachrichtenblatt, 16. Juni 1985, 62. Jg., Nr. 25.
  4. Zu Emerson, Thoreau und Alcott siehe das Buch von Arthur Versluis, American Transcendentalism and Asian Religions, New York, Oxford 1993.
  5. Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen, Vortrag vom 29. Juni 1919, GA 196, Dornach 1991, S. 228 f.
  6. Ebd., S. 239 f.
  7. Rudolf Grosse, Die Weihnachtstagung als Zeitenwende, Dornach 1981.
  8. Nachrichtenblatt, 14. Juli 1985, 62. Jg., Nr. 29.
  9. Nachrichtenblatt, 21./28. Juli 1985, 62. Jg., Nr. 30/31.

Seit 15 Jahren veröffentlicht der anthroblog Beiträge zur Anthroposophie und Zeitsymptomen. Unabhängig und unbeeinflusst von Institutionen. Um weiter existieren zu können, ist er auf Ihre Unterstützung angewiesen. Zum Beispiel durch eine Spende via PayPal.


Oder durch eine Banküberweisung an: Lorenzo Ravagli, GLS Bank Bochum, GENODEM1GLS DE18 4306 0967 8212049400.


Ich will zwei- bis dreimal im Jahr durch den Newsletter über neue Beiträge im anthroblog informiert werden!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.