1986 | Ein Jahr technologischer Desaster

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Geisterstadt Pripyat

Geisterstadt Pripyat. Foto: Justin Stahlmann. CC BY 2.0. Wikipedia

Das Jahr 1986 sollte ein Jahr technologischer Desaster und politischer Attentate werden. Zunächst aber eröffnete es Michail Gorbatschow mit einem Paukenschlag: er schlug Mitte Januar den westlichen Atommächten vor, bis zum Jahr 2000 alle Kernwaffen abzurüsten. Und auf dem 27. Parteitag der KPdSU, der am 25. Februar begann, hielt er seine berühmte Glasnost- und Perestroika-Rede, die einen gesellschaftlichen Wandel in der Sowjetunion und damit auch der bipolaren Weltordnung in Aussicht stellte.

Für manche Despoten brachte das Jahr das Ende ihrer Herrschaft. So wurde am selben Tag, an dem der KPdSU-Parteitag begann, Ferdinand Marcos, der die Philippinen 21 Jahre lang regiert hatte, gestürzt und zur Flucht ins Ausland gezwungen. Marcos, dessen Regime 1965 hoffnungsvoll mit einer prosperierenden Wirtschaft begonnen hatte, sah sich im Lauf seiner Regierungszeit immer mehr von marxistisch-maoistischen Guerillas und in kleinerem Ausmaß auch von muslimischen Separatisten bedrängt, die das Land mit Terror überzogen. Teilweise wurden die Bombenattentate aber auch von Regierungsseite inszeniert. Ein – wie der Betroffene später selbst zugab – fingierter Anschlag auf den Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile gab 1972 Anlass zur Einführung des Kriegsrechts, das bis 1981 andauerte. In dieser Zeit verwandelte sich der Staat zunehmend in ein kleptokratisches Regime, das Verwandte und bedingungslose Gefolgsleute von Marcos begünstigte. 1983 wurde der prominente Marcos-Kritiker Benigno Aquino von Verschwörern aus Militärkreisen auf dem Flughafen von Manila erschossen. Um seine Witwe, Corazon Aquino, sammelte sich eine Oppositionsbewegung, die aus vorgezogenen – manipulierten – Neuwahlen 1985 zwar nicht als Siegerin hervorging, jedoch von einer breiten Volksbewegung, unter anderem auch von der Katholischen Kirche, unterstützt wurde. Die Protestbewegung führte schließlich zum Sturz von Marcos. Seine Nachfolge trat Corazon Aquino an.

Bereits am 7. Februar war auf Druck der amerikanischen Regierung ein anderer Despot abgesetzt worden, der mit 19 Jahren als Nachfolger seines Vaters 1971 inthronisierte Jean-Claude Duvalier, genannt Baby Doc. Baby Doc, der ein ebenso nepotisch-kleptokratisches System wie Marcos unterhielt, stützte sich nach dem Vorbild seines Vater auf die Tonton Macoutes, deren Spezialität darin bestand, Oppositionellen mit Buschmessern den Kopf vom Rumpf zu trennen. Die Miliz, die ein Voodoo-Image von Untoten pflegte, terrorisierte die haitianische Bevölkerung durch Verschleppungen, exzessive Gewalt und Folter. Duvalier begab sich nach seiner Absetzung zusammen mit seiner Frau ins französische Exil, wo er Dank eines vorsorglich ins Ausland transferierten Vermögens unter anderem in einem Schloss in Saus und Braus lebte. Über die Herausgabe von Teilen seines 300 bis 800 Millionen US-Dollar umfassenden zusammengestohlenen Reichtums, die auf Schweizer Bankkonten lagerten, wurde noch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gestritten. Duvalier kehrte 2011 nach Haiti zurück und starb 2014 an einem Herzinfarkt. Er wurde nie für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt.

Einem Attentat, dessen Hintergründe bis heute nicht aufgeklärt wurden, fiel am 28. Februar der schwedische Ministerpräsident Olof Palme zum Opfer, der zu den vehementesten Kritikern des Vietnamkrieges und den engagiertesten Befürwortern einer weltweiten Abrüstung gehört hatte. Auch aus seiner Ablehnung des Apartheid-Regimes in Südafrika machte er nie einen Hehl. Verdächtigt wurde ursprünglich die PKK, die Kurdische Arbeiterpartei, später verurteilte man einen alkoholsüchtigen Einzeltäter und Frührentner, der bei einem zweiten Prozess wieder freigesprochen wurde, daneben gerieten auch Angehörige der NATO-Stay-behind Armee (also Gladio) ins Visier von Hobbyermittlern, ebenso wie Rechtsextreme in Verbindung mit dem südafrikanischen Apartheidsregime und die RAF. Rund 130 Möchtegernmörder gestanden bis heute die Tat, aber keines der Geständnisse erwies sich als glaubhaft.

Am 5. April verübten libysche Geheimagenten ein Bombenattentat auf die unter US-Soldaten beliebte Berliner Diskothek La Belle. Bilanz: drei Todesopfer, 28 Schwer- und 250 Leichtverletzte. Eine Woche später bombardierte die amerikanische Luftwaffe auf Anordnung Ronald Reagans zur Vergeltung die libysche Hauptstadt Tripolis sowie Bengasi. Die amerikanischen Geheimdienste konnten aufgrund manipulierter Verschlüsselungsgeräte, die eine Schweizer Firma herstellte (Crypto AG, Operation Rubikon[1]), die Kommunikation der libyschen Botschaft in Berlin abhören und zweifelten nicht an der Verantwortung Gaddafis. Federführend bei dieser Operation waren die CIA und der Bundesnachrichtendient (BND). Die Operation Rubikon gilt heute als Geheimdienst-Coup des Jahrhunderts.

Auch die deutschen Linksterroristen blieben 1986 nicht untätig. Am 9. Juli ermordeten sie den Physiker und Atomforscher Karl Heinz Beckurts, der dem Siemens-Vorstand angehörte und am 10. Oktober den deutschen Diplomaten Gerold von Braunmühl. Braunmühl gehörte im Auswärtigen Amt zu den engsten Vertrauten Hans-Dietrich Genschers und hatte entscheidend zur Verbesserung der Beziehungen zur Sowjetunion und zu Polen nach dem Verbot der Gewerkschaft Solidarność beigetragen.

Auf die Ermordung des Renault-Chefs Georges Besse durch die französische Action directe wurde weiter oben bereits hingewiesen.

Eine politische Katastrophe denkbar größten Ausmaßes ereignete sich im Spätherbst in den USA, als die Iran-Contra-Affäre aufgedeckt wurde. Bei diesem auch als Irangate bezeichneten politischen Kuhhandel ging es um ein Geschäft um mehrere Ecken: die USA belieferten den offiziell verfeindeten Staat Iran, teilweise über Israel, mit hochwertigen Waffensystemen (Panzer- und Flugabwehrsystemen) und leiteten die Einnahmen aus den Verkäufen über geheime Kanäle an die rechtsgerichteten Contras in Nicaragua weiter, die die sozialistische sandinistische Regierung in einem Guerillakrieg bekämpften. Wie sich herausstellte, duldete die US-Regierung auch einen regen Kokainschmuggel der Contras in die USA. Die Einnahmen aus diesen Drogengeschäften dienten den Contras ebenfalls im Guerillakampf. Während die USA offiziell einen Kampf gegen die Drogen führte, unterstützte sie zugleich deren Verkauf in den Ghettos von Los Angeles. Eine Verurteilung der USA durch den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen militärischer und paramilitärischer Aktivitäten in Nicaragua hatte natürlich keinerlei Folgen, da die USA die Autorität dieses Gerichts bis heute nicht anerkennen. Eine vom demokratischen Senator John Kerry geleitete Untersuchungskommission konnte Reagan keine Mitwisserschaft an diesem Kuhhandel nachweisen. Er berief sich, wie dies Politiker so häufig tun, auf sein schwaches Gedächtnis. Zum offiziellen Sündenbock wurde ein Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats auserkoren, der im Weißen Haus für die Koordination verdeckter Operationen zuständig war: Colonel Oliver North. Trotz einer gerichtlichen Verurteilung musste er – wegen Verfahrensfehlern – nie hinter Gitter. Vielmehr avancierte er nach seiner Entlassung zum Präsidenten der National Rifle Association, der größten amerikanischen Organisation von Waffenlobbyisten und versilberte seine Beteiligung an der Affäre durch den Verkauf zahlreicher Bücher und als Vortragsredner. Auch der verantwortliche Verteidigungsminister, Caspar Weinberger, wurde später von George W. Bush begnadigt. Die meisten übrigen Beteiligten wurden entweder zu Bewährungstrafen verurteilt, begnadigt oder wegen Verfahrensfehlern freigesprochen. Ein einziger, ein Mitarbeiter der CIA (Thomas G. Clines), saß seine Haft von 16 Monaten ab.[2]

Nun aber zu den technologischen Desastern. Die von Rockwell International gebaute Challenger, ein Space Shuttle der NASA, das von 1983 bis 1986 zehn erfolgreiche Raumflüge absolviert hatte, brach am späteren Vormittag (11 Uhr 38 Ortszeit) des 28. Januar 1986, 73 Sekunden nach dem Start, in 15 Kilometern Höhe auseinander. Alle sieben Besatzungsmitglieder, fünf Männer und zwei Frauen, kamen bei diesem Unglück ums Leben. Die Challenger hatte unter anderem die Aufgabe, den Halleyschen Kometen, der am 9. Februar nach 76 Jahren auf seiner Laufbahn erneut seinen sonnennächsten Punkt durchschritten hatte, näher zu beobachten. Eines der Besatzungsmitglieder, Christa McAuliffe, war Grundschullehrerin. Sie sollte im Verlauf der Mission ihren Schülern Unterricht aus dem Weltraum erteilen.

Grund für das Unglück war der Ausfall von Dichtungsringen in einer seitlichen Feststoffrakete, die aufgrund der tiefen Temperaturen vor dem Start porös geworden waren. Dies führte zum Ausströmen von Verbrennungsgasen, das in einer Verkettung unglücklicher Umstände das Auseinanderbrechen der gesamten Konstruktion aus Raketen, Tanks und Raumfähre zur Folge hatte. Die Astronauten überlebten vermutlich das Auseinanderbrechen und starben erst rund 3 Minuten später beim Aufprall des Cockpits auf dem Atlantik. Der Herstellerfirma waren die Schwächen der Dichtungsringe bei nächtlichem Frost bekannt, ein Ingenieur der Firma hatte vor dem Start gewarnt. Im Verlauf hektischer Telefonkonferenzen zwischen dem Hersteller und der NASA entschied sich das Management der Firma, die für den Bau der Feststoffraketen verantwortlich war, jedoch für den Start. Nach dem Unglück wurden nicht nur Konstruktionsmängel kritisiert, sondern auch die Tatsache, dass die Fähre (aus Kostengründen) mit keinem Fallschirm versehen war, der das Leben der Astronauten möglicherweise hätte retten können. Das Unglück beschäftigte eine von Präsident Reagan eingesetzte Untersuchungskommission, der unter anderem der Nobelpreisträger Richard P. Feynman angehörte, der die Untersuchung und ihre Ergebnisse in einer Autobiografie beschrieb.[3] Sie warf ein schlechtes Licht auf die NASA, die mehr an ihrem Image und an der Sicherung ihrer Finanzierung interessiert war, als an der Sicherheit ihrer Astronauten. Angeblich soll sich die Moral der Institution nach dem Unglück gebessert haben. Aber die Rolle, die die NASA in der heutigen Klimaforschung spielt, lässt daran zweifeln. Für Sehende warf die Untersuchung nicht nur ein schlechtes Licht auf die NASA, sondern auch auf den prometheischen Wahn, der die Menschheit, nachdem sie die gesamte Erde erobert hatte, nun auch noch dazu motivierte, das Weltall zu kolonisieren.

Da der Start in Cape Canaveral live auf vielen Fernsehsendern übertragen wurde, waren Menschen auf der ganzen Welt Augenzeugen des Unglücks. Die technologieeuphorischen Amerikaner wurden traumatisiert, alle weiteren Shuttle-Flüge vorerst verboten. Mit dem Zerplatzen der Challenger, die aufgebrochen war, die letzte Challenge, die letzte Herausforderung zu meistern, die sich der prometheischen frontier nation kat’ exochen stellte, zerplatzte auch etwas vom amerikanischen Traum. Und mit ihm die Träume vieler, die ihn mitgeträumt hatten. Erst 1988 wurde mit der Discovery das Space Shuttle Programm wieder aufgenommen – bis zum nächsten Unglück im Jahr 2003, als eine Columbia beim Eintritt in die Atmosphäre verglühte.

Verglichen mit dem Challenger-Unglück folgte Ende April eines, das vor allem von den Bewohnern der betroffenen Region und von Deutschen als beispiellose Katastrophe erlebt wurde: die Kernschmelze im Atomreaktor von Tschernobyl in der Ukraine. Tatsächlich wurde dieses Unglück in der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse als erstes derartiges Ereignis auch in die höchste Kategorie »katastrophaler Unfall« eingeordnet. Es handelte sich definitionsgemäß um einen »Super-GAU«, einen Vorfall, der den »größten anzunehmenden Unfall«, gegen welchen ein solches Kraftwerk abgesichert sein musste, übertraf. Im Unterschied zum GAU kommt es bei einem Super-GAU zur Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt.

Infolge der Simulation eines Stromausfalls explodierte der Reaktor und das als Moderator verwendete Graphit begann zu brennen. Radioaktive Stoffe wie Cäsium und Iod kontaminierten zunächst die Region nördlich von Tschernobyl, später große Teile des westlich gelegenen Europa. Während Iod eine Halbwertszeit von 8 Tagen hat, benötigt Cäsium für denselben Zerfall rund 30 Jahre.

Wie häufig bei solchen Großereignissen sind die Diskussionen über die Langzeitfolgen des Unfalls bis heute nicht abgeschlossen. Die Zahl der unmittelbar durch die Katastrophe bedingten Todesfälle (akute Strahlenkrankheit) liegt nach den am wenigsten konservativen Berechnungen bei unter Hundert. Davon betroffen waren im Kernkraftwerk Beschäftigte, Feuerwehrleute und Zivilschutzmitarbeiter, danach vor allem die sogenannten Liquidatoren, die von der sowjetischen Regierung zur Eindämmung des Unglücks abkommandiert wurden, aber auch Bauarbeiter, die später mit der Errichtung des Beton-Sarkophags über dem explodierten Reaktorblock beschäftigt waren. Die WHO, die Vereinten Nationen und die Internationale Atomenergie-Organisation einigten sich 2016 auf etwa 4.000 zusätzliche Krebstote, während sie die direkten Opfer auf unter 50 bezifferten. Andere, umstrittene Schätzungen gehen von höheren langfristigen Opferzahlen aus: die Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW) sprachen 2016 von Hunderttausenden; der von der Europaabgeordneten der Grünen Rebecca Harms in Auftrag gegebene TORCH report aus dem Jahr 2009 von mehr als 60.000 zusätzlichen Opfern. In den stark kontaminierten Gebieten wurde ein vermehrtes Auftreten von Schilddrüsenkrebs beobachtet. Dieser hätte durch die Einnahme von Iodtabletten weitgehend verhindert werden können.

Der radioaktive Fallout verteilte sich im Lauf der folgenden zwei Wochen mit unterschiedlicher Intensität über die gesamte Nordhalbkugel. Die am stärksten betroffenen Gebiete der Ukraine im unmittelbaren Umkreis des Kraftwerks, einige im nördlichen Weißrussland und im nordöstlichen Russland mussten für die menschliche Nutzung gesperrt werden. Der Fallout ging in stärkerem Maß in Mittel-, Nord- und Südosteuropa nieder als in Westeuropa. Noch heute sind in Pilzen, Waldbeeren und Wildtieren in manchen Teilen Bayerns und Sachsens hohe Cäsium-Konzentrationen nachweisbar, die den EU-Grenzwert um das Zehnfache übersteigen. Im Verlauf des Frühjahrs und Sommers wurden aus einer 30-Kilometerzone um Tschernobyl rund 116.000 Menschen evakuiert, weitere 240.000 kamen später hinzu.

Neben den körperlichen hatte der Super-GAU aber auch psychische Folgen, die möglicherweise noch gravierender waren. Für die Evakuierten bedeutete ihre Umsiedelung den Verlust der Heimat, des Bodens, den sie teilweise seit Generationen bewirtschaftet hatte, den Verlust der sozialen Netzwerke und Traditionen und damit eines Kernbestandteils ihrer Identität. Wer sich an den neu zugewiesenen Wohnstätten nicht einzuwurzeln vermochte, verlor seine Hoffnungskräfte und dadurch seine Resilienz. Die von der unsichtbaren Kontamination und ihren möglichen gesundheitlichen Folgen hervorgerufenen Ängste dürften auf lange Zeit die Lebenssicherheit und Lebensfreude vieler Menschen beeinträchtigt haben.

Die psychologisch-politischen Auswirkungen zeigten sich auch in Gegenden, die nicht evakuiert werden mussten. In Deutschland wurde die Benutzung von Kinderspielplätzen verboten und die Empfehlung ausgesprochen, Gemüse unterzupflügen. Der Verkauf von Milchprodukten, Obst und Gemüse sank rapide. Wer es sich leisten konnte und genug Angst hatte, flüchtete sich auf die Kanaren oder nach Madeira. Alle im Bundestag vertretenen Parteien rückten mehr oder weniger stark (zumindest vordergründig) von der Kernenergie ab. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung fühlte sich von Tschernobyl bedroht, die Zahl der vehementen Kernkraftgegner verdoppelte sich von 13 auf 27 Prozent. Einige Wochen nach dem Unglück wurde das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegründet. Trotzdem hielt Helmut Kohl und mit ihm die Koalition an der Kernenergie fest. In den folgenden drei Jahren wurden weitere sechs Kernkraftwerke in Betrieb genommen. Allein der Schnelle Brüter in Kalkar und die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf fielen der gewachsenen Gegnerschaft zum Opfer. Ein besonderes Problem stellte radioaktiv verseuchte Molke dar: bayerische Molkereien mussten auf Anraten des Landwirtschaftsministeriums die Molke von der Milch trennen. Auf diese Weise entstanden 5.000 Tonnen hoch cäsiumhaltiges Molkepulver, von dem niemand wusste, was man damit anstellen sollte. Anfang Februar 1987 übernahm die Bundeswehr 242 Waggons mit diesem Pulver, um es an unterschiedlichen Standorten zwischenzulagern. Ein Vorschlag des Bundesumweltministers Töpfer, die Molke zu Viehfutter zu verarbeiten, musste aufgrund von Protesten der Bevölkerung Mitte des Jahres zurückgezogen werden. Danach wurde sie auf dem Gelände des stillgelegten Kernkraftwerks Lingen zwischengelagert. In den folgenden drei Jahren wurde sie entkontaminiert. Das extrahierte Cäsium fand seine letzte Ruhestätte in Morsleben. Für das gesamte Prozedere zahlte die Bundesregierung 34 Millionen Deutsche Mark. Immerhin wurde in der Bundesrepublik nicht wie in der DDR unverkäufliches Obst und Gemüse gratis an Kindergärten und Schulen verteilt, ohne die Bevölkerung über die Risiken aufzuklären.

Im ungleich stärker belasteten Österreich, das ohnehin schon gegen die Atomkraft eingestellt war und 1978 mit einer äußerst knapp ausgegangenen Volksabstimmung die Inbetriebnahme von Zwentendorf verhindert hatte, sahen sich die Gegner der friedlichen Nutzung der Kernkraft in ihrer Einstellung bestärkt. Nach dem Super-GAU von Tschernobyl verfolgte Österreich konsequent seinen Kurs einer »atomfreien« Energieerzeugung. In den folgenden Jahren mischten sich unterschiedliche Regierungen sogar in die Energiepolitik von Nachbarländern ein und empfahlen der Tschechoslowakei und Slowenien Kernkraftwerke zu schließen bzw. nicht in Betrieb zu nehmen.

Frankreich sah aufgrund sehr niedriger Messwerte, die sich 20 Jahre später als falsch herausstellten, keinen Anlass, seine Politik zu ändern, auch die Bevölkerung wirkte nicht beunruhigt. In Schweden kam es zu einer vorübergehenden Zunahme der Ablehnung, die jedoch bald nachließ.

Das Ereignis, das die deutsche Öffentlichkeit wie kein zweites bewegte, veranlasste auch Anthroposophen zu Stellungnahmen und Interpretationen. Als erster meldete sich im Mai Georg Maier zu Wort, ein Physiker, der einst in den Forschungsreaktoren Würenlingen und Jülich mitgearbeitet hatte. Auf seine Wortmeldung folgte ein Sonderheft der Zeitschrift Die Drei mit Beiträgen bekannter Autoren wie Johannes Kühl, Thomas McKeen, Wolfgang Schad und Bodo Hamprecht im Juli, das Vorträge wiedergab, die die Autoren in verschiedenen deutschen Städten seit dem 13. Mai gehalten hatten. Schließlich folgte im August ein Beitrag von Friedrich Husemann im Goetheanum.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es am 1. November zu einem weiteren Vorkommnis kam, das unter »technologische Unglücksfälle« rubriziert werden muss: einem Großbrand im Industriegebiet Schweizerhalle nördlich von Basel. Hier geriet eine Lagerhallte der Firma Sandoz mit Chemikalien in Brand. Das mit Pflanzenschutzmitteln kontaminierte Löschwasser floss in den Rhein und löste bis in die Gegend von Mannheim ein massives Fischsterben aus. Die Einwohner von Basel und der umgebenden Siedlungen fühlten sich durch den Sirenenalarm und die übelriechende Rauchwolke an die Chemie-Katastrophe von Bhopal im Jahr 1984 erinnert. Im Gegensatz zu den Fischen starben bei diesem Großbrand keine Menschen. Die rund 30 Tonnen Pflanzenschutzmittel, die in den Rhein flossen, löschten die gesamte Aalpopulation auf 400 km Länge aus. Die benachbarte Chemiefirma Ciba-Geigy, die vom Brand nicht betroffen war, besaß die Frechheit, während dieser Ereignisse heimlich 400 kg Atrazin in den Fluss zu entsorgen. Allerdings hielten sich die Auswirkung auf das Ökosystem des Flusses in Grenzen: bereits nach wenigen Monaten hatte er sich weitgehend erholt. Bleibend verschmutzt wurden hingegen die die Böden. In ihnen blieben tausende Kilogramm hochgiftige Pflanzenschutzmittel und über hundert Kilogramm Quecksilber zurück. Sie mussten bis zu einer Tiefe von 11 Metern abgetragen und entsorgt werden.

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Anmerkungen:


  1. Operation Rubikon, Wikipedia; Dokumentation des ZDF, verfügbar bis 18.03.2021
  2. Siehe Peter Dale Scott, Jonathan Marshall, Cocaine Politics. Drugs, Armies, and the CIA in Central America, Los Angeles 1998 sowie: Final Report of the Independent Counsel for Iran/Contra Matters (Walsh Report), Washington D.C. 1993. 
  3. Richard P. Feynman, Kümmert Sie, was andere Leute denken? München 1996.

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