1986 | Tschernobyl aus anthroposophischer Sicht (1)

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Geisterstadt Pripyat (2)

Geisterstadt Pripyat (2). Foto: Wikipedia, gemeinfrei

Der Super-GAU von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986, 33 2/3 Jahre bevor ein mutiertes Coronavirus namens SARS-CoV2, dessen ursprüngliche Wirte vermutlich Fledermäuse waren, in China auf Menschen übersprang und eine globale Pandemie mitsamt dazugehöriger Panik auslöste, deren Folgen gegenwärtig niemand verlässlich abzuschätzen vermag.

Auf die 33-jährige Umlaufzeit geschichtlicher Ereignisse kamen wir schon mehrfach zu sprechen. Dieser von Steiner entdeckte hermeneutische Schlüssel erlaubt es uns, Geschichte nicht bloß als lineare Aneinanderreihung äußerer Ereignisse zu betrachten, sondern in ihr Periodizitäten zu erkennen, deren Träger die Menschen selbst in den tieferen (ontologischen) Schichten ihres Wesens sind, in welchen aufgenommene Ereigniskeime ausreifen. Was im Geist gesät wird, wirkt sich nach rund 33 Jahren in den Seelen aus, was in den Seelen zur Reife kommt, zeitigt seine Folgen in den Lebenskräften nach weiteren 33 Jahren. Die epidemische Angst vor dem Atomtod wirkt sich in der Gegenwart als verminderte Widerstandkraft gegen jene Untoten aus, die sich, Vampiren vergleichbar, vom Leben ihrer Wirte nähren und sie dabei zugrunde richten. Unterlage dieser mangelnden Resilienz dürften darüber hinaus die physiologischen Folgen einer Fülle nuklearer Ereignisse sein, die bis zum Ende des 2. Weltkriegs zurückreichen.[1]

1986 lagen solche Spätfolgen noch in weiter Ferne. Was die Menschen nach Tschernobyl bewegte, war die Angst vor radioaktiver Verseuchung und durch sie hervorgerufenen Krankheiten. Auf diese Angst antworteten einzelne Vortragsredner und Autoren, die Tschernobyl aus anthroposophischer Sicht zu beleuchten versuchten.

Dietrich Rapp, der Redakteur der Zeitschrift Die Drei, brachte in seiner Vorbemerkung zum im Juli erschienenen Sonderheft die Lage auf den Punkt: »Die Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 hat […] das allgemeine Unbehagen, das die Menschen von Anfang an der militärischen oder ›friedlichen‹ Nutzung der Kernenergie gegenüber fühlten, neu geweckt und zur existentiellen Frage erhoben: Können wir eine Technologie weiter fördern oder überhaupt dulden, die offensichtlich weder technisch beherrschbar noch sozial verträglich ist und die daher die Lebensgrundlagen der Menschen auf der Erde angreift und zerstört?

An vielen Orten in der Bundesrepublik, die von dem ›Fall-out‹ aus Tschernobyl besonders betroffen waren und in der die Menschen im Bewusstsein und in den Empfindungen besonders aufgewühlt wurden, veranstalteten die Anthroposophische Gesellschaft und andere Einrichtungen der anthroposophischen Bewegung spontane Vortragsreihen oder Podiumsgespräche, die auf diese Frage, die einer inneren wie äußeren Notlage der Menschen entspricht, eingehen wollten.

So kündigte die Anthroposophische Gesellschaft Stuttgart für den 13. Mai 1986 unter dem Thema ›Das Problem radioaktiver Schädigung von Mensch und Umwelt‹ drei Vorträge an, die aufgrund des großen Andrangs zwei Tage später wiederholt und an diesem zweiten Abend sogar doppelt gehalten werden mussten.«[2]

Einige dieser Vorträge wurden im Sonderheft abgedruckt. Bevor es erschien, meldete sich im Mai Georg Maier (1933-2016) im Goetheanum zu Wort. Der Sohn eines einstigen Württemberger Wirtschaftsministers, mütterlicherseits jüdischer Herkunft, der seine Kindheit im Exil in England verbracht, als promivierter Physiker im Institut für Reaktorforschung Würenlingen sowie im Kernforschungszentrum Jülich gearbeitet und ab Ende der 1960er Jahre zusammen mit Jochen Bockemühl das naturwissenschaftliche Forschungslaboratorium am Goetheanum aufgebaut hatte, ging in seinem Beitrag mit dem Titel Tschernobyl – ein Menetekel[3], zunächst auf die Stimmungslage der Bevölkerung ein: »Bei Katastrophen kommen Menschen zu Schaden. In diesem Fall sind in einem weiten Menschenkreis Keime schwerer Erkrankung gelegt worden. […] Die Seelen haben Anlass, in intensiver Art Gefühle des Entsetzens, des Mitleids, der Sorge zu entwickeln.« Zentrales Motiv seines Aufsatzes war – abgesehen von der Kritik an der kriegerischen Nutzung der Atomtechnik, die drohe, die Erde in einen nuklearen Winter, eine neue Eiszeit, zu stürzen und der Kritik an Wirtschaftsinteressen, die sich allein am Nutzen einer Technologie orientierten – jenes der Unternatur.

In seinem letzten Leitsatz-Artikel, den er vor seinem Tod auf dem Krankenbett verfasste, hatte Steiner davon gesprochen, dass der Mensch in den technologischen Artefakten eine ontologische Realität schaffe, die sich zur Übernatur des Geistigen wie eine Unternatur verhalte, die ihn nicht nur von der Natur, sondern auch vom »Geistig-Göttlichen« entfremde, das in ihr wirke. »In der Zeit, in der es eine von der eigentlichen Natur unabhängige Technik noch nicht gab [d.h. vor Beginn der »Neuzeit«], fand der Mensch den Geist in der Naturanschauung. Die sich unabhängig machende Technik ließ den Menschen auf das Mechanistisch-Materielle als das für ihn nun wissenschaftlich werdende hinstarren. In diesem ist nun alles Göttlich-Geistige, das mit dem Ursprunge der Menschheitsentwicklung zusammenhängt, abwesend. Das rein Ahrimanische beherrscht die Sphäre.« Der Mensch der Neuzeit müsse sich zu diesem »Ahrimanischen« ins »rechte Verhältnis setzen«, wenn er von ihm nicht in die Unter-Natur herabgezogen werden wolle. Er müsse die Stärke, die innere Erkenntniskraft finden, um von Ahriman in der technischen Kultur nicht überwältigt zu werden. »Die Unter-Natur muss als solche begriffen werden [d.h. als eine Manifestation jener geistigen Weltmacht, die Steiner als das »Ahrimanische« bezeichnet].« Wie ist eine solche Erkenntnis möglich? Laut Steiner allein dadurch, dass der Mensch »in der geistigen Erkenntnis mindestens gerade so weit hinaufsteigt zur außerirdischen Über-Natur, wie er in der Technik in die Unter-Natur heruntergestiegen ist. Das Zeitalter braucht eine über die Natur hinausgehende Erkenntnis, weil es innerlich mit einem gefährlich wirkenden Lebensinhalt fertig werden muss, der unter die Natur heruntergesunken ist.«[4] Als Leittechnologie, die diesen Abstieg in die Unter-Natur nach sich ziehe, benannte Steiner die Erzeugung elektrischer Energie. In der anthroposophischen scientific community gab es, wie wir im Zusammenhang mit den Debatten über die Atomkraft erörtert haben (1981 | Aufgedeckte und unaufgedeckte Verschwörungen, Streit um die Atomkraft), einen Diskursstrang, der anknüpfend an einen Hinweis Steiners zu dieser Elektrizität zwei weitere Kräfte hinzufügte: den Magnetismus und eine von ihm nur als »dritte Kraft« bezeichnete, von manchen als Atomkraft gedeutete.

Wer ist Christus?Nach Maiers Auffassung gehörten Kernspaltung und Radioaktivität zur Unter-Natur, da sie für die gewöhnliche Sinneswahrnehmung unzugänglich seien (ebenso wie Elektrizität und Magnetismus, die als Kräfte den Sinnen nicht unmittelbar wahrnehmbar sind). »Wie das Erdinnere, so ist der Kernreaktorprozess wesentlich der Erfahrung entzogen. Und was nun aus der zerstörten Anlage entweicht, wird nur am Ansprechen elektrischer Instrumente, an speziellen chemischen Vorgängen, zuletzt an Krankheit, an Siechtum zu erfahren sein«, so Maier. In der Kernenergie offenbare sich »Unter-Natur gebärendes Handeln«, das »die Züge eines dunklen Ritus« trage. Für ihn, den ehemaligen Kernphysiker, war die Atomkraft die Manifestation einer neuen Religion, einer Religion des Todes, deren Kirchen die Kernkraftwerke und deren Priesterschaft die Kerntechniker waren. Durch Tschernobyl würden die geistigen Wesenszüge dieser Religion greifbar, in deren Mittelpunkt das Prinzip der Nützlichkeit stehe.

Die Hauptbeiträge in der Sondernummer der Zeitschrift Die Drei verfassten zwei Physiker (Johannes Kühl, Bodo Hamprecht), ein Biologe (Wolfgang Schad) und ein Arzt (Thomas MacKeen).

Johannes Kühl, der sein Diplom am Max Planck Institut für Strömungsforschung erlangt hatte und als Lehrer an der Uhlandshöhe in Stuttgart tätig war, gehörte dem Kollegium der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum an. Auch er ging vom Erleben der Zuhörer aus, indem er schilderte, wie in der schönsten Jahreszeit, in der alles Leben im Aufbruch begriffen sei und dem Menschen »Auferstehungskräfte« aus der Natur entgegenströmten, diese Natur aufgrund der Meldungen über radioaktiven Fallout mit einem Mal als mögliche Quelle des Todes erschienen sei. Die damit verbundene Verunsicherung habe dazu geführt, dass »man das Frühgemüse nicht essen mochte, weil man nicht beurteilen konnte, ob es vielleicht schädlich sei; dass man Kinder nicht spielen lassen mochte, weil man nicht sicher wusste, ob es nicht vielleicht irgendwann in der Biographie des Kindes Folgen haben könnte«.[5]

Kühl legte seinen Ausführungen das Modell der Strahlungsphysik zugrunde, demzufolge im Kosmos eine Kontinuität von langwelligen zu kurzwelligen, von Radiowellen bis zur Alphastrahlung, unterschieden werden könne. Gefährlich für den Menschen sei jedoch erst die künstliche Radioaktivität, die Neutronenstrahlung, die im Jahr 1932 entdeckt worden sei. »Die Neutronen-Strahlung bewirkt, dass die Stoffe, die damit bestrahlt werden, ihrerseits leicht radioaktiv werden. – Die Radioaktivität wird gewissermaßen ansteckend. Vorher war sie – bis auf wenige Ausnahmen – an einen Stoff gebunden, jetzt ist sie ansteckend geworden, und man hat eine große Zahl von Stoffen durch diese Strahlung erzeugt, die ihrerseits radioaktiv sind. Diese Stoffe nennt man Isotope oder Nuklide.« Während bei den natürlichen Elementen Kernladungszahlen und Atomgewicht, Elektrizität und Schwere, in einem natürlichen Gleichgewicht stünden, werde dieses Gleichgewicht durch die Neutronenstrahlung gestört. Die Antwort der Substanzen auf diese Störung sei die Radioaktivität. Die künstliche Radioaktivität, so Kühl, sei die Antwort der Natur auf ein vom Menschen verursachtes Ungleichgewicht. Überall in der Natur sorgten Naturgesetze für den Ausgleich zwischen Polaritäten, entweder in der Zeit (Rhythmus) oder im Raum; wo aber der Mensch diese Ordnung durchbreche, werde die Natur krank und damit krankmachend. Diese Störung der Naturordnung müsse durch den Menschen wieder ausgeglichen werden. So wie der Verlust seines eigenen Gleichgewichts die Naturordnung störe, könne er durch das Wiederfinden dieses Gleichgewichts auch heilend auf sie zurückwirken.

Den folgenden Sätzen ist der unausgesprochene Bezug auf Steiners letzten Leitsatz anzumerken: »Die auf das Materielle gerichtete Intelligenz der Forschung und der oft von unbedachtem, gelegentlich von brutalem Egoismus getriebene Einsatz der Technik haben längst die vertretbare Grenze überschritten; den Menschen, auch den Wissenschaftlern und Technikern, wurden sie zum Alpdruck, ja, ganz offensichtlich zur Lebensgefahr […] In diesem Jahrhundert hat die Menschheit längst die Grenze der natürlichen Welt und des Lebensverträglichen überschritten. Der Mensch muss, will er nicht seine eigenen Lebensgrundlagen zerstören, seine bisherige Erkenntnishaltung überdenken, mit der er in der Erforschung der Natur einseitig nur das außermenschlich Materielle berücksichtigt hat. Er muss in seiner eigenen Erkenntnis das Gleichgewicht wiederherstellen, indem er sich durch innere Aktivität seiner geistigen Kräfte und Fähigkeiten bewusst wird und diese ausbildet.« Bei Steiner hieß es, der Mensch müsse »in der geistigen Erkenntnis mindestens gerade so weit« hinaufsteigen »zur außerirdischen Über-Natur, wie er in der Technik in die Unter-Natur heruntergestiegen ist«.

Der 1953 in Manila geborene Thomas McKeen (gest. 1993), der dem Vorstand der anthroposophischen Ärztegesellschaft in Deutschland angehörte und an der Filderklinik tätig war, beschäftigte sich mit Schädigungen des Lebens durch Radioaktivität. Auch bei ihm spielte das Motiv der Erweiterung der Erkenntniskräfte eine Rolle. Seine Ausführungen begann er mit einer Gegenüberstellung von Röntgen und Goethe: 1895 hatte der erstere eine neue Strahlung entdeckt, die erlaubte, unter Ausblendung der Weichteile die Knochenstruktur des Menschen sichtbar zu machen. Die neue Entdeckung wurde als Durchbruch der medizinischen Diagnostik gefeiert, die schädlichen Nebenwirkungen traten erst später ins Bewusstsein, obwohl sie bereits 1896 von Thomas Edison beschrieben worden waren. Durch die Röntgenstrahlen sei es gelungen, tiefer in die physische Welt einzudringen, während Goethe nach einer höheren Geistanschauung des Organismus gestrebt habe. 1795 sei es ihm gelungen, den osteologischen Typus, das ideelle Bildegesetz der Knochen, im »inneren konstruktiven Zusammenhang« zu erfassen. Der Chirurg müsse, schrieb Goethe damals, »mit Geistesaugen, oft nicht einmal vom Tastsinn unterstützt, die innen verletzte Stelle zu finden wissen und sieht sich daher genötigt, durch strengste Kenntnis des Einzelnen sich eine Art von durchdringender Allwissenheit zu erwerben.«

Im Folgenden ging McKeen auf die akute Strahlenkrankheit, auf die Spätfolgen der Strahlenexposition, zu welchen insbesondere Krebserkrankungen zählten sowie Schädigungen des Erbgutes ein. Bei letzteren müsse nicht nur mit Folgen in 20 bis 30 Jahren, sondern sogar in 20 bis 30 Generationen gerechnet werden. Ausführlich behandelte er die unterschiedliche Strahlenempfindlichkeit verschiedener Gewebe: Während die vitalsten Organe des Menschen, die sich durch die höchste Reproduktionsrate der Zellen auszeichneten, am empfindlichsten seien, schienen andere, die über eine geringe Reproduktionsrate verfügten, wie das Nervengewebe oder das Gehirn, nahezu unempfindlich: »Je weniger ein Organ biologisch vital ist, desto unempfindlicher für radioaktive Strahlen; je vitaler, desto empfindlicher«, so McKeen. Eindringlich schilderte er, wie im gesamten Organismus fortwährend Aufbau- und Abbauprozesse (Vegetalisierungs- und Mineralisierungsprozesse) ineinanderwirkten und wie das menschliche Selbstbewusstsein und das Denken durch eine Zurückdrängung der Vitalität erkauft werde. »Ein Gehirn haben, das uns bewusst sein lässt, und sterben müssen bedingen sich gegenseitig. Man kann auch sagen: Wachsein führt am einzelnen Tage zur Ermüdung, im ganzen Leben aber zum Tod, indem die Wachstums- und Lebenskräfte verbraucht werden … Der Mensch ›lebt‹ im Denken vom Absterben des Gewebes und hat dadurch letztlich sogar sein punktförmiges Ich-Gefühl, in dem alle Bewusstseinsprozesse zusammengefasst sind. Was er in diesem Sinn geistig hervorbringt, wird durch die eigentümliche Wirkung der Radioaktivität nicht direkt berührt. Im Gegenteil: physiologisches Altern und Absterben ist ihr in gewisser Weise verwandt.«

An der befruchteten Eizelle erläuterte er die Idee, dass der Einfluss der radioaktiven Strahlung ihrer Mineralisierung gleichkomme, was ihre Aufnahme belebender ätherischer Kräfte verhindere und ihre Schädigung erkläre. Als Maßnahmen zur Stärkung der Gesundheit und Abwehrkraft schlug er die Vermeidung von Nikotin und Alkohol, regelmäßige Lebensführung und vollwertige Ernährung sowie »seelische Hygiene« vor. »Der Unfall von Tschernobyl«, so McKeen, stelle »vor allem eine geistige Herausforderung dar. Die neuen, lebensfeindlichen Strahlen, die mit der Entdeckung Röntgens ins Bewusstsein der Menschheit traten, sind den natürlichen Sinnesorganen nicht zugänglich. Sie strahlen aus den Stoffen im Sinne einer Zentralkraft, deren Wirkung nur mittelbar, durch technische Apparate sichtbar gemacht werden kann.« Der Mensch sei dazu aufgefordert, sich »zum Ausgleich für die Entdeckung und Technik der untersinnlichen Kräfte die ›Geistesaugen‹ und ›durchdringende Allwissenheit‹ für die Kräfte des Ätherischen anzueignen: Denn nur die Erkenntnis derselben setzt uns in die Lage, ein sachgemäßes Gegengewicht zu finden und zu realisieren.«

Wolfgang Schad (*1953), Dozent am Seminar für Waldorfpädagogik in Stuttgart, steuerte zum Sonderheft eine hochkomplexe, umfangreiche Abhandlung von 19 Druckseiten bei, die kaum einen Aspekt des Themas unberührt ließ.[6] Er ging auf die Stellung der Radioaktivität in der Natur ein, die er aufgrund der Unbeeinflussbarkeit der Zerfallsraten als urphänomenalen Ausdruck des Anorganischen deutete, dessen Kennzeichen die Bestimmtheit durch äußere Ursachen sei. »Was löst … den Zerfall aus, wenn nicht eine einzelne punktuelle Ursache? Was ist das Außen, wenn es keine ausgrenzbare, ausschnitthafte Ursache ist? Es kann nur das Gesamt sein, in dem der Vorgang darinnensteht: der gesamte räumliche Kosmos … Die Gesamtheit des äußeren Kosmos ist der geschlossene Verursacher der Radioaktivität.«

Im Unterschied zum anorganischen (physikalischen) Kosmos, der nur als Totalität interdependenter äußerer Ursachen begriffen werden könne, zeichneten sich die übrigen Naturreiche durch eine zunehmende Emanzipation von äußeren Ursachen aus, das Lebendige durch die Selbstbestimmung seiner Zeitordnung, das Beseelte durch eine Innerlichkeit, die der Äußerlichkeit gegenübertrete, der Mensch schließlich durch seine vollständige geistige Individualisierung: »Der Mensch ist das Lebewesen, das im Kosmos am weitestreichenden seinen eigenen Mikrokosmos aufbauen kann und damit zur Individualität gefunden hat. Er ist nicht nur ein in die Freiheit geworfenes Wesen, sondern freigestellt, sich selbst immer mehr zu befreien.«

Die Radioaktivität stelle sich dagegen »in vollkommenen Gegensatz zum Pflanzen-, Tier- und Menschenreich«. Darin liege begründet, »warum sie so antithetisch zur übrigen Natur« wirke und jede Individualisierung behindere: »Sie verhindert die Autonomie des Lebendigen, indem sie die Homöostasen unterbricht (Sofortschaden), die Gestaltfindung jedes Organismus rückgängig macht (Krebserzeugung) und die genetische Autonomie spezifischer Reaktionsnormen gegenüber den Umwelteinflüssen außer Kraft setzt (Erbschäden).«

Schad vertrat außerdem die These, die Radioaktivität wirke sich lähmend auf das menschliche Ich aus. Wesentlich für dieses Ich sei die Auseinandersetzung mit der Materie, mit der Schwere, die es durch Entfaltung des Willens zu überwinden gelte. Durch den radioaktiven Zerfall löse sich die Materie aber gerade auf. Ohne Widerstand der Materie gebe es aber keine Individualisierung. Die hier ausgebreitete Argumentation liest sich wie eine späte Antwort auf Peter von Siemens, der behauptet hatte, im radioaktiven Zerfall der Materie manifestiere sich die von Steiner in Aussicht gestellte Vergeistigung der Erde.

Schad hielt dagegen: »Jeder Verlust an Materie bedeutet im Prinzip den Verlust dieser Aufgabenstellung für das Ich. Die Radioaktivität verringert materielle Masse und greift damit den Sinn an, der in der Materie für die Erdenleben der Menscheniche liegt. Jede erdenflüchtige Religion und Philosophie hat die Radioaktivität deshalb, offen oder verdeckt, begrüßt. Die Endzeiterwartung von der Erlösung aus dem Jammertal schien nun endlich begonnen zu haben. Der physikalische Vorgang der Materieauflösung wird dabei in der Vision der zerstrahlenden Erde mystisch glorifiziert. Dies kehrt den Erdensinn gerade um: die Erdenmaterie in ihrer Sinnhaftigkeit für die leid- und schweißtreibende Anstrengung biographisch anzuerkennen, um die geistige Auflichtung der materiellen Welt zu tätigen … Solange das dem Menschen möglich und nötig ist, darf die Erde sich nicht auflösen. Ihre geistige Transsubstantiation geschieht durch geistige Arbeit und nicht durch physische Radioaktivität.«

Tatsächlich erwähnte er Siemens sogar namentlich: »Den kapitalistischen Gewinn mit der gegenteiligen Haltung zu entschuldigen, verstellt den Blick auf die goetheanistische, wie anthroposophische und christologische Dimension. Das muss heute, gerade auch nachdem Peter von Siemens kurz nach der die erdenzerstörende Dimension der Kernenergietechnik manifestierenden Katastrophe von Tschernobyl verstorben ist, gesagt werden.«

Insgesamt sah Schad in der Radioaktivität eine dem menschlichen Ich feindselig gegenüberstehende Kraft, die es vor eine unzweideutige Wahl stelle: »Die menschlichen Iche als sich selbst freiwillig verantwortlich machende Individualitäten sind in ihrer eigensten Fähigkeit durch die Entdeckung und Verwendung der Radioaktivität nicht bloß theoretisch ›an sich‹, sondern zu Beschluss und Handlung in geschichtlicher Dimension gestellt. Treten sie für alle bisher und künftig sich individualisierenden Wesen, die es ja nur auf der Erde gibt, stellvertretend mit ein, oder überlassen sie alles dem Verlauf der sinnlosen Leere des äußeren physischen Kosmos, dessen extremste Äußerung der radioaktive Zerfall ist?«

Auch er warnte vor den langfristigen Erbschäden durch die radioaktive Strahlung. In diesem Bereich herrsche »das unerbittliche Gesetz«, »dass es für die genetische Schädigung weder eine Minimaldosis noch eine aktive Selbstheilung des Organismus« gebe. Vielmehr summierten sich »alle mutativen Effekte, gleichgültig, wie häufig sie geschehen« seien. Da sich diese Erbschäden erst in Generationen zeigen würden, habe das einzelne Individuum keinerlei Möglichkeit, sich gegen sie zur Wehr zu setzen, vielmehr werde es »evolutiv geopfert«, damit »die anonyme Gruppe der Population überleben« könne. Auch darin komme wieder der »anti-individuelle Eingriff der Radioaktivität zum Vorschein.«

Die Radioaktivität wirke »lebensbehindernd, empfindungsverweigernd und ich-neutralisierend«, solange das Ich sie nicht durchschaue. Deshalb sei jeder Einzelne dazu aufgerufen, ihr selbstbestimmt mit der Kraft seines Erkennens zu begegnen. Die »institutionalisierten Moralschützer« (Behörden, Medien usw.) zeichneten sich hingegen durch das Gegenteil aus: durch »Denkverweigerung den Grundphänomenen der Kernphysik gegenüber, Verlust der Verantwortlichkeit für alles künftige Leben, fehlende Bereitschaft zur Übernahme der Schuld an der durch Radioaktivität an der Biosphäre in den letzten Jahrzehnten eingetretenen Schäden, Anonymisierung des Gewissens …, Meinungsmanipulation durch Benutzung aller Raffinessen der Werbepsychologie und nicht zuletzt die meist verschwiegene, aber durch Propaganda von zahllosen Menschen am Ende aller Überlegungen gedachte Vorstellung: es seien ja sowieso zu viele Menschen auf der Erde …«.

In einem Kapitel über das »20. Jahrhundert in der Bewusstseinsgeschichte« interpretierte Schad die neuere Technologieentwicklung mitsamt der Kernkraft als Vehikel eines Emanzipationsprozesses, durch den die Menschheit insgesamt aus der Kindheit in das Pubertätsalter eintrete. »Dieser allgemeine Kindheitszustand der Menschheit geht in unserem Jahrhundert in bergrutschartigen Erosionen zugrunde. Nicht nur die Australneger, Schwarzafrikaner, Indios und Polynesier, sondern wir selbst, auch Europa mit seinen gewachsenen Kulturgütern, geht den Menschen Jahrzehnt für Jahrzehnt massiv verloren. Die kulturelle Entwurzelung mit allen Surrogaten der ›Coca-Cola-Gesellschaft‹ ist globales, überstaatliches, interkontinentales Phänomen.«

Wie dem Pubertären eröffneten sich der Menschheit im 20. Jahrhundert zwei neue Dimensionen menschlicher Existenz: Selbstmord und Zeugung neuen Lebens. Wie der Jugendliche in der Pubertät realisiere auch das öffentliche, naturwissenschaftlich aufgeklärte Bewusstsein zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, »dass es die prinzipielle physische Möglichkeit« besitze, »die gesamte Menschheit inklusive aller anderen Lebewesen auszulöschen, den globalen Selbstmord zu begehen«. Diese Möglichkeit stelle sie vor die Frage nach dem Sinn der Menschheit auf der Erde, nach dem Sinn alles Lebens, nach dem Sinn der Erde im Kosmos. Zugleich erlange sie immer mehr Zugriff auf die eigene Fortpflanzung durch »Genkartierung, Genchirurgie, Samenbanken, genetische Auswahl, extrakorporale Befruchtung, Ammenschwangerschaft, künstlich eingeleitete Geburt« usw. Die »Todestechnik der Reaktorphysik« und die »Fortpflanzungstechnik der Tier- und Humanmedizin« träten als »zusammengehörige Signaturen einer ihre Kindheit abstreifenden und in die Pubertät geratenen Menschheit« im 20. Jahrhundert auf. Die Frage sei, ob sie die ihr damit aufgebürdete Verantwortung annehme und ein menschheitliches Bewusstsein entwickle, aus dem die Kraft fließen könne, die Prüfungen der Todestechnik und der Lebensmanipulation zu bestehen.

In einem weiteren Kapitel über »Radioaktivität als Scheinleben« kam Schad erneut auf anthroposophische Fehldeutungen zu sprechen, die er diesmal auf falsche Analogien zurückführte. So wie die Elektrizität bei ihrer Entdeckung als Lebenskraft missverstanden worden sei und der Magnetismus als tierische Lebensenergie, so habe man geglaubt, im »Indeterminismus der Quantensprünge« die Anwesenheit Gottes und die Grundlage der menschlichen Freiheit erkennen zu können. So seien auch die radioaktiven Strahlen unter Berufung auf Steiner als »Ätherstrahlen« missverstanden worden. In Wahrheit sei die Elektrizität eine untersinnliche Manifestation des übersinnlichen Lichtäthers, der Magnetismus eine solche des Klangäthers und die Radioaktivität das untersinnliche Gegenbild des Lebensäthers. Das Ätherische sei übersinnlich und entziehe sich daher jeder Quantifizierung. Es sei eine »reine Zeitqualität«. Das Untersinnliche dagegen sei in den »Masse-Energie-Erhaltungssatz eingebunden und damit immer quantifizierbar«, es sei als »materielles Schattenbild, ja Gegenbild des Lebensäthers von diesem unterscheidbar«. Die Verwechslung der Radioaktivität mit dem Ätherischen beruhe auf der »Unfähigkeit, Übersinnliches vom Untersinnlichen zu unterscheiden.«

Schließlich ging Schad auf die »psychischen Anforderungen durch die Radioaktivität« ein. Auch er sprach von der »unheimlichen, entsetzlichen Diskrepanz«, der ersten Maiwochen: »Ein selten schöner, geradezu dramatischer Frühling nach der langen Kühle des Aprils brachte die Natur im Laubausbruch, in der Kirsch- und Apfelblüte, im Vogelgesang zu einem berstenden Jubel – und zugleich das Wissen, dass alles tödlich bestaubt, beregnet, verseucht ist, ohne dass wir irgend etwas davon wahrnehmen.«

Die Empfindungsseele vermöge diesen Widerspruch nicht zu fassen. Die Verstandesseele hingegen habe sich in hektischer Aktivität der Messung und Vermessung der Katastrophe hingegeben, aber Fragen der Schuld und Verantwortung, des Gewissens und der Zukunftskonsequenzen ausgeblendet. Auch die Gemütsseele, die Schwester der Verstandesseele, sei vom Ausmaß des Geschehens überwältigt, das aller Gemütlichkeit ein Ende gesetzt habe. »Furcht, Angst und Panik sind die Reaktionen, weil die Bürgerlichkeit keinen Halt mehr bietet. Die Verstandesseele in ihrer rationalen Kühle und Herzlosigkeit bagatellisiert das Problem – die Gemütsseele in ihrer Privatkultur gerät in die schiere Angst bis hin zur tiefen Verzweiflung. Aber beides hilft nicht … Nicht nur die Empfindungsseele, auch die Gemüts- und Verstandesseele, Bürgerlichkeit und Expertenbeschränkung, haben jetzt ihre Unschuld verloren. Wer Furcht schürt, erzeugt Strohfeuer oder Resignation; wer die Katastrophe als eine alle angehende Katastrophe leugnet und Aufklärung als Panikmache abtut, reagiert nur opportunistisch und meist interessenabhängig.«

Gefragt sei stattdessen die Qualität der Bewusstseinsseele, die der Realität ins Auge blicke, sie annehme und aus der Überschau handle. Sie zu entwickeln, sei das Gebot der Stunde. Wenn der Mensch diese Entwicklung nicht selbst in die Hand nehme, werde er durch Katastrophen dazu gezwungen. Sie vermöge menschliche Existenz auf der Erde in der nötigen Zeitdimension zu denken, und die langfristigen Folgen der Gegenwart in ihre Entscheidungen einzubeziehen. Vor 25.000 Jahren hätten die Eiszeitmenschen die ersten Höhlengravuren geritzt, in weiteren 25.000 Jahren werde erst die Hälfte des Plutoniums verstrahlt sein, das die Menschheit im 20. Jahrhundert erzeugt habe. Die Konsequenzen dieser Tatsache dürften nicht verdrängt werden, vor allem von der bisher durch Wahlpropaganda und Werbepsychologie konditionierten Bevölkerung. Die Verdrängung werde zu psychosomatischen Erkrankungen, zu »Seuchen von Psychopathologien« führen. Gegen die notwendige Aufklärung könne nicht der Vorwurf ins Feld geführt werden, sie rufe Furcht und Schrecken hervor. Dieser Vorwurf sei vielmehr ein durchsichtiger Versuch, von der eigenen Schuld abzulenken.

»Die Unglaubwürdigkeit aller jener, die kein freies Geistesleben betreiben oder unterstützen, sondern, von Machtstrukturen abhängig, um ihre privaten Vorteile bangen, ist deutlich. Was in jedem weiter denkenden Menschen heute lebt, ist, jetzt auch der Solidarität zur gesamten Menschheit und Natur auf der Erde in der Tagespolitik zum Durchbruch zu verhelfen.« Der Westen habe diesbezüglich als Gesellschaftsordnung, die auf Freiheit baue, einen Vorteil gegenüber dem Osten mit seinen kollektivistischen Diktaturen. Welche »Menschheitsschuld der vereinigte Marxismus auf sich geladen« habe, sei durch Tschernobyl deutlich geworden, so Schad. »Die Machtapparate und der Gehorsamkeitszwang erlauben keine Umkehr von der Basis her. Die Völker der Volksdemokratien können sich am wenigsten artikulieren; sie werden nicht nur nicht aufgeklärt, sondern dürfen es selbst unter sich auch nicht. Die Handlungsschuld wird damit umso größer.« In einem schmalen Band zwischen den Machtblöcken – in Finnland, Schweden, Dänemark, Holland, Deutschland und Österreich – finde derzeit die Besinnung auf die Überlebensaufgabe der Menschheit statt.

Jedem Einzelnen rufe Tschernobyl zu, bewusster mit lebenden Pflanzen, fühlenden Tieren und den Mitmenschen umzugehen. Leben, Seele und Geist hätten sich auf der Erde entgegen der radioaktiven Wirkung des äußeren Kosmos entwickelt und Gestalt angenommen. Technokraten vermöchten keinen Grashalm, keinen Vogel und kein Menschenkind zu erzeugen. In Pflanze, Tier und Mensch manifestiere sich die fortschreitende Vermenschlichung des Kosmos. Die Radioaktivität dagegen sei die »prinzipiell anti-individualisierende Kraft«, die größte Herausforderung der Menschheit bei der Sinnfindung des Lebens auf der Erde.

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wird fortgesetzt

Verwandte Beiträge: 1981 | Aufgedeckte und unaufgedeckte Verschwörungen | 1981 | »Mit den Atomen bauen durch die Kraft des Gedankens«


Anmerkungen:


  1. Am 6. und 9. August 1945 wurden die Bomben von Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Seitdem fanden weltweit etwa 2100 Atomwaffentests statt, etwa die Hälfte wurden durchgeführt von den USA, ein Drittel von der Sowjetunion, ein Zehntel von Frankreich, rund 90 vom Vereinigten Königreich, rund 50 von China, zwischen 2 und 6 von Pakistan, Indien und Nordkorea.
  2. Die Drei, 56. Jg., Sonderheft Juli 1986, S. 1.
  3. Goetheanum, Nr. 20, 11.5.1986, S. 148 f.
  4. Rudolf Steiner, Anthroposophische Leitsätze, GA 26, Dornach 1972, S. 255 f.
  5. Die Drei, Sonderheft Juli 1986, S. 3 f.
  6. Die Drei, Sonderheft 1986, S. 19 f.

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