1986 | Tschernobyl aus anthroposophischer Sicht (2)

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Geisterstadt Pripyat 3.

Geisterstadt Pripyat. Foto: Wendelyn Jacober, Flickr CC.

Auch der Elementarteilchenphysiker Bodo Hamprecht (1940-2005), Professor für theoretische Physik an der Freien Universität Berlin, unternahm 1986 den Versuch, Tschernobyl aus anthropsophischer Sicht zu interpretieren. Er bemühte sich, das Wesen der Radioaktivität begrifflich zu fassen und sie in den Zusammenhang der Lebensprozesse und der Bewusstseinsentwicklung zu stellen. Seine voraussetzungsreichen Ausführungen[1] über Stoffumwandlungen in den Naturreichen und im Kosmos dürften nicht viele seiner Zuhörer bzw. Leser verstanden haben.

Er sah in der natürlichen Radioaktivität ein »Verwesungsgift«, das sich beim Zerfall von Stoffen manifestiere. Sie trete dort auf, wo physikalische und chemische Kräfte sich im Ungleichgewicht, in der Instabilität befänden. Darin bestehe aber auch das Wesen des Organischen, das nur lebendig sei, solange sich die Organismen im Ungleichgewicht zu ihrer physischen und chemischen Umgebung befänden. Ein Gleichgewicht zwischen inneren und äußeren Kräften stelle sich erst mit dem Tod, durch Verwesung, ein. Die Radioaktivität erzeuge im Organismus ein solches – unnatürliches – Gleichgewicht, sie erzeuge Verwesung, deren Giftwirkung sich in der Strahlenkrankheit äußere.

Im Mineralreich – also dem leblosen Teil der Natur – sei die Radioaktivität vor allem mit drei Stoffen verbunden: Uran, Thorium und Kalium. Sie sei von allen anderen Naturkräften vollkommen isoliert: weder chemische noch physikalische Kräfte vermöchten sie zu beeinflussen. Sie »kapsle« sich gegen jede Einwirkung von außen ab. Diese Eigentümlichkeit zeichne auch die künstlich erzeugte Radioaktivität aus, deswegen müssten die Abfallprodukte der Kernreaktoren »abgekapselt« werden.

Gleichzeitig gehe mit dem radioaktiven Zerfall eine Umwandlung der Ausgangsstoffe einher: Uran und Thorium werde am Ende zu Blei, Kalium zu Kalzium und Argon. An diesen Umwandlungsvorgängen zeige sich die von außen nicht beeinflussbare Zeitgestalt oder Prozessgebärde der Radioaktivität. Im Gegensatz zu rhythmischen Vorgängen des organischen Lebens, die gleichsam in sich selbst kreisten, und sich steigernden Prozessen, die auf eine Krisis in der Zukunft hinwiesen, verwiesen abklingende Prozesse (Halbwertszeit) auf die Vergangenheit zurück. Irgendwo in der Vergangenheit müsse der Zerfall begonnen haben, da er endlich sei. Die gesamte natürliche (irdische) Radioaktivität sei durch diese doppelte Abkapselung gekennzeichnet.

Nun finde sich Radioaktivität nicht nur in der anorganischen, sondern auch in der organischen Welt. »Jede lebendige Substanz ist radioaktiv«, so Hamprecht. Gebunden sei diese organische Radioaktivität an Kalium, Radium, Kohlenstoff und Wasser, wobei Kohlenstoff weit weniger »Verwesungsgift« erzeuge, als z.B. Kalium. Kohlenstoff und Wasser seien für alle Lebensprozesse von fundamentaler Bedeutung. Ersteres sei der stoffliche Baumeister alles Lebens, letzteres verbinde das innere mit dem äußeren Leben. Beide seien jedoch nur in der Biosphäre radioaktiv, außerhalb der Lebensprozesse verlören sie ihre Strahlungseigenschaft. »Das heißt also nichts weniger, als dass die wichtigsten, das leibliche Leben tragenden Stoffe, Kohlenstoff und Wasser, gerade dann und nur dann, wenn sie in diesem Lebensprozess engagiert sind, sich mit Radioaktivität ausgestattet haben.«

In dieser engen Verbindung der Radioaktivität mit dem Lebensprozess liege ein wichtiger Schlüssel zu deren Verständnis. Zwei weitere Phänomene deuteten auf die Verwandtschaft beider: sie trügen ihre eigene Zeitgestalt in sich. Allerdings erscheine die abklingende Zeitgebärde der Radioaktivität gegenüber lebendigen Prozessgestalten aufgrund ihrer linearen Abnahme als »äußerste Verarmung«. Auch im Verhältnis zum Raum zeige sich diese Verwandtschaft; trete doch in radioaktiven Prozessen ebenso das Phänomen der Asymmetrie auf, wie in Lebensprozessen (linksdrehende Milchsäure, rechtsdrehende Zucker).

Die Frage sei nun, wie Kohlenstoff und Wasser, die in der leblosen Welt nicht radioaktiv seien, es in Organismen würden. Der Grund liege in der kosmischen Strahlung. Die Strahlung der Sonne und des Weltraums wandelten den Stickstoff der Luft in der höheren Atmosphäre in radioaktiven Kohlenstoff um, der sich mit dem Sauerstoff der Luft zu Kohlendioxid verbinde und von den Pflanzen assimiliert werde. Gehe die organische Substanz ins Mineralreich über, klinge die aufgenommene Radioaktivität in Jahrtausenden ab, worauf die C14-Datierungsmetode beruhe.

Swetlana Alexijewitsch – TschernobylIm Unterschied zur irdischen Radioaktivität sei die kosmische nicht »abgekapselt«, sondern entstehe ständig neu. Ebendiesen kosmischen Prozesstyp von Radioaktivität ahme der Mensch in Kernkraftwerken nach. Indem er die kosmischen Reaktionsvorgänge auf die Erde hole, füge er ihr einen Vorgang ein, der ansonsten nirgends in der Natur stattfinde. Denn durch ihren magnetischen Mantel schütze die Erde das organische Leben vor kosmischer Strahlung. Im Kosmos scheine ein Gleichgewicht zwischen Radioaktivität und Magnetismus zu existieren. Ja, die kosmische Strahlung werde sogar durch den Magnetismus der Sonne bzw. des Weltalls erzeugt, während sich die Erde durch ihr eigenes Magnetfeld von jener abschirme bzw. sie reguliere. Erzeugt werde dieses Magnetfeld wiederum durch die radioaktiven Prozesse, die sich im Erdinnern abspielten.

Hamprecht ging auch auf die biologischen Folgen der Strahlenexposition, von der Strahlenkrankheit bis zur Krebsgefahr ein, gab jedoch zu bedenken, dass der Blick nicht nur auf »Zerstörung, Bedrohung und Gefahr« oder »Energie, Arbeitsplätze und Fortschritt« gerichtet werden dürfe. Auch die Wirkung der Radioaktivität auf den Menschen bedürfe einer »differenzierten« Betrachtung. Permanent sei er natürlicher Strahlung ausgesetzt, die sich allein durch die Dosis von der krankmachenden unterscheide. Strahlenkrankheit sei Vergiftung des Körpers durch Verwesungsprodukte, niedrigere Dosen könnten Krebs oder Erbschäden hervorrufen. Die Giftwirkung starker Strahlung und Krebserregung durch schwache Dosen verhielten sich polar zueinander. Gift töte direkt, während Krebs hemmungsloses Wachstum sei.

Ein weiterer Aspekt war der mögliche Bezug der Radioaktivität zum seelisch-geistigen Wesen des Menschen, der von Schad eindeutig zuungunsten der ersteren beantwortet worden war (»Lähmung des Ich« durch Radioaktivität). In lebenden Organismen, so Hamprecht, bestehe ein Gleichgewicht zwischen radioaktivem C14 und dessen Umwandlungsprodukt Stickstoff. Eine chemische Verbindung von Stickstoff und Kohlenstoff sei das Zyan. Daher könne der radioaktive Prozess in Organismen auch als Zyanprozess in statu nascendi betrachtet werden. Laut einem Hinweis Steiners habe das Zyan im Organismus des Menschen die Aufgabe, die Muskulatur für Bewegungsimpulse empfänglich zu machen. Demnach sei es die Voraussetzung für das Eingreifen des Ich in die Bewegungsorganisation. Auch in diesem Zusammenhang dränge sich eine bemerkenswerte Analogie auf: ebensowenig wie die Radioaktivität, sei die Masse eines Körpers durch physikalische oder chemische Kräfte veränderbar. Auch sie kapsle sich von den Umgebungskräften ab. In der Schwere sei der Mensch durch seinen Willen verankert. Der Zyanprozess in der Muskulatur deute auf eine Wesensähnlichkeit zwischen Radioaktivität und Individualisierung durch Willenstätigkeit.

Dies verweise auf einen Zusammenhang zwischen Kernenergie und Bewusstseinsentwicklung. Letztere sei durch eine Zunahme an Egoismus gekennzeichnet – in dem Hamprecht die Kehrseite der Individualisierung sah. Tschernobyl könne als Weckruf verstanden werden, der auf diese Vereinseitigung des Zivilisationsprozesses hinweise. An dieser Stelle wurde der theoretische Physiker zum Kulturphilosophen. Die »friedliche« Nutzung der Kernkraft sei letztlich nur ein Aspekt eines viel umfassenderen Problems. Nach wie vor seien viel größere nukleare Katastrophen nicht auszuschließen. Hervorgerufen würden sie, wenn sie denn einträten, von einer Industrie, die auf die Vernichtung von Leben und Menschen abziele. Diese Industrie habe dazu geführt, dass die meisten Menschen in den entwickelten Ländern im Überfluss lebten, während viel zu viele in den Entwicklungsländern in bitterer Not, in Hunger und Krankheit dahinvegetierten. Die Bevölkerung der entwickelten Nationen besitze die Muße, ihr Interesse frei von Sorge der Welt zuzuwenden. Aber gerade dieser Teil der Menschheit stelle Raketenarsenale auf, betreibe Reaktoren, erfinde chemische Gifte und biologische Kampfstoffe. Kultur habe dieser Teil der Menschheit wenig geschaffen, dafür eine »überbordende Vergnügungsindustrie«, die mit der Rüstung in der Verschwendung materieller und geistiger Kräfte wetteifere. Was der dritten Welt fehle, werde von der ersten einem bösen Zweck zugeführt.

Schwarzbuch WikipediaDeshalb sei es verfehlt, Tschernobyl als isoliertes Ereignis zu betrachten. Die Menschheit sei seit geraumer Zeit von einem gewaltigen Impuls der Emanzipation, einer Entwicklung zur persönlichen Souveränität und selbstständigen Urteilsbildung ergriffen, aber auch von egoistischer Abkapselung, die mit diesem Impuls einhergehe. Beides gehöre zur Bewusstseinsseele. An der Naturwissenschaft habe sich im Beginn der Neuzeit diese »Abkapselung« zuerst gezeigt, da sie alles ausgeklammert habe, was nicht dem Kausalitätsprinzip unterworfen werden konnte. Sie habe sich in den berechenbaren Ausschnitt der Welt zurückgezogen und jedes Interesse am Nichtberechenbaren verloren. Da in dieser Abkapselung auch das emanzipierte Ich heranreife, sei sie zwar berechtigt, dennoch dürften die schädlichen Folgen für das Handeln und soziale Zusammenleben nicht ausgeblendet werden. Die »bürgerliche Gesinnung« sei ebenfalls Ausdruck dieser Abkapselung vom großen Ganzen, sie werde durch die rasante Entwicklung der Technik unterstützt, die täglich von neuem bestätige, dass Wissen Macht sei und dem Genuss diene. Die Natur sei zu einem Verfügungsobjekt geworden, das der Egoismus zur Befriedigung seiner Bedürfnisse nutze, ohne Rücksicht auf die Folgen. Der Verdinglichung der Welt stehe als Alternative eine Betrachtungsweise gegenüber, die in ihr ein Wesen sehe, das mit dem Menschen verwandt und dialogfähig sei.

Goethe sei einer der ersten gewesen, die versucht hätten, das stählerne Gehäuse dieses neuzeitlichen Bewusstseinsgefängnisses aufzusprengen. Die einzige Alternative zum verdinglichenden Objektivismus sei es, der Natur als Wesen zu begegnen. Allein durch eine Wissenschaft, die diese Wesensbegegnung suche, könne das Gehäuse des Egoismus gesprengt werden. Die Misere, in der sich die Menschheit durch Tschernobyl, aber nicht erst seit Tschernobyl befinde, sei nicht auf eine Verschwörung böser Technokraten gegen den Rest der Menschheit zurückzuführen, sondern ein Ergebnis allgemein verbreiteter Denk- und Lebensformen. »Das Fundament, auf welchem Raketen, Reaktoren und andere existenzbedrohende Industrien stehen, sind die allgemeinen Gesinnungen und Gedankenformen der Menschen: das Denken bringt die Zivilisationstatsachen hervor«, so Hamprecht.

Gerade der Bevölkerung der Industrienationen sei, seit die Maschinen für sie arbeiteten, die Aufgabe zugefallen, sich nicht dem egoistischen Selbstgenuss hinzugeben, sondern für den Rest der Menschheit erkennende Anteilnahme zu entwickeln. Stattdessen interessiere sie sich mehr für Sportereignisse und kapsle sich durch Walkmen und Bildschirme noch mehr vom Rest der Menschheit ab. Besonders erschreckend zeigte sich für Hamprecht diese geistige Abstumpfung am »Problem der Abtreibungen«. Zwar sei ein Fortschritt darin zu sehen, dass die Fortpflanzungsentscheidungen in die Hände der autonomen Individuen gelegt worden seien, aber die Zunahme der induzierten Aborte zeige, dass mittlerweile auch Embryonen bloß noch als Objekte betrachtet würden, über die ebenso verfügt werden könne, wie über andere Naturgegenstände.

Selbst wenn es gelänge, alle Kernkraftwerke stillzulegen, bleibe das Grundproblem der Industrienationen, die mit dieser Produktionsform verbundene Lebensweise, bestehen. Kohlekraftwerke zögen andere Umweltprobleme nach sich, die Abholzung des Amazonas-Urwaldes, das Abschmelzen der Antarktis und ein Anstieg des Meeresspiegels um 70 bis 90 Meter riefen noch viel größere Katastrophen hervor. (Mit diesen horrenden Zahlen bezog sich Hamprecht auf Prognosen, die 1986 im Zusammenhang mit der Diskussion über das Ozonloch aufgestellt wurden).[2]

Die Kernkraft gehöre zur Bewusstseinssituation des 20. Jahrhunderts, wer das Schicksal seiner Zeit nicht annehme, könne es auch nicht bewältigen. Bewältigen heiße nicht resignieren, sondern nach heilsamen Alternativen suchen. Da das Fundament der industriellen Lebensweise im Bewusstsein lag, konnte der Ansatz einer Heilung der durch sie verursachten Schäden auch nur dort gefunden werden. Hier kam die Anthroposophie ins Spiel. Sie zeige laut Hamprecht auf, dass der Egoismus zum Guten gewendet werden könne, wenn er aus der Fixierung auf die Interessen seines Trägers befreit und auf die gesamte Menschheit ausgedehnt werde. Wenn jeder einzelne Egoist die gesamte Menschheit in sein egoistisches Interesse aufzunehmen vermöge, dann könne der Menschheit geholfen werden. »Heilung beginnt, wenn der Mensch das Interesse, welches er zunächst nur sich selbst zugewendet hat, allmählich von sich ablöst und anderen zuwendet; ja, dass er schließlich sein Ziel in wahrem Welt- und Menschheitsinteresse findet.«

Voraussetzung dazu sei allerdings die Überwindung der mechanistischen Weltsicht. Erst die Erkenntnis, dass die Erde – ja letzten Endes der Kosmos – ein Organismus sei, dessen Lebensprozesse ineinander verwoben und voneinander abhängig seien, könne den erforderlichen Verhaltenswandel herbeiführen. Der Schlüssel, der die Tür zu dieser organologischen Weltsicht aufschließe, sei die Selbsterkenntnis: »Wahre Selbsterkenntnis führt zu den geistigen Wurzeln des Menschen, und eine geistige Welterkenntnis lässt erahnen, dass Mensch und Welt eines Wesens sind. Die Schäden des Egoismus überwindet nur die Liebe zur Welt; aber um die Welt zu lieben, muss der Mensch sich selbst verstehen und die Welterscheinungen als Ausdruck des Geistes begreifen können. Hier liegen die Aufgaben der Anthroposophie …«.

Der Grund für die entfesselten Rüstungsprogramme liege in den Gesinnungen der Menschen. Ressourcen gebe es genug, um allen Menschen leibliches Wohlergehen, seelische Entfaltung und geistige Verwirklichung zu ermöglichen, auch schonende Formen der Energieerzeugung seien technisch realisierbar, wenn die entsprechenden Kosten geschultert würden. Aber diese Gesinnung herbeizuführen, sei nicht Aufgabe staatlicher Behörden: »Gott behüte uns vor neuen Regierungen, die neue Gesinnungen verordnen«.

Wer ist Christus?Hamprecht sah nicht in einer Revolution, einem gewaltsamen Umsturz, die Lösung der skizzierten Probleme, sondern allein in einer kontinuierlichen Evolution, wie sie beispielweise von den Waldorfschulen angestrebt werde, die Offenheit für ein geistiges Welt- und Menschenbild veranlagten. Die anthroposophische Bewegung sei sich der Notwendigkeit der geistigen Durchdringung der Zivilisation bewusst, auch wenn dieses Bewusstsein »noch recht dumpf« sei. Immerhin bemühe sich die anthroposophische Gesellschaft und die von ihr geförderte Freie Hochschule für Geisteswissenschaft um dieses geistige Erwachen. Ein »fertiges, abholbereites Heilmittel gegen jene Menschheitserkrankung, deren Pestbeule in Russland aufgebrochen« sei, besitze die Anthroposophie zwar nicht. Aber den Weg zu einem solchen Heilmittel könne sie weisen.

Schließen wir diesen Reigen anthroposophischer Tschernobyl-Deutungen mit einem kurzen Aufsatz ab, den der damals in München praktizierende Arzt Friedwart Husemann (geb. 1945) im August in der Zeitschrift Goetheanum veröffentlichte.[3] Er unterlegte die bisher referierten Ausführungen gleichsam mit einer tieferen ontologischen Schicht, indem er das Thema Unternatur in den Zusammenhang zurückstellte, aus dem es entnommen war. In seinem »Aphorismus« erteilte er der von seinen Vorgängern präferierten Identifikation der Kernenergie mit der von Steiner in Aussicht gestellten »Dritten Kraft« zumindest teilweise eine Absage. Die Radioaktivität, so Husemann, sei »ein Teil oder eine Ankündigung« jener »Dritten Kraft«, die laut Steiner furchtbares Vernichtungspotential in sich berge und erst im siebenten nachatlantischen Zeitraum (d.h. ab der Mitte des sechsten Jahrtausends nach Christus) voll zur Entfaltung kommen werde. Ihr Ursprung liege im übersinnlichen Lebensäther, der von den Asuras in den Bereich der Unternatur hinabgestoßen worden sei.[4] Bei diesen handle es sich um die ältesten Widersacher der Menschheit, deren Ursprung auf den alten Saturn zurückgehe. Der Magnetismus sei eine untersinnliche Kraft, die aufgrund der Umwandlung des chemischen Äthers durch die ahrimanischen Mächte entstanden sei, deren Ursprung auf der alten Sonne liege. Voll zur Entfaltung kommen werde er erst im sechsten nachatlantischen Zeitraum, d.h. ab der Mitte des dritten nachchristlichen Jahrtausends. Die Elektrizität schließlich gehöre dem fünften, also gegenwärtigen Zeitraum an, sie sei durch luziferische Mächte verdichteter Lichtäther, deren Ursprung auf dem alten Mond liege.

Die Verkehrung übersinnlicher in untersinnliche Kräfte sei an sich nicht böse, das Böse entstehe, wenn der Mensch mit diesen Kräften nicht richtig umgehe. Steiner habe deswegen 1911 die Hoffnung ausgesprochen, die »Dritte Kraft« werde erst zu einem Zeitpunkt entdeckt, wenn die Menschheit frei von moralischer Unvollkommenheit sein werde. Die erste Kernspaltung sei allerdings schon 1938 durch Otto Hahn vollzogen worden.

Die zivilisatorische Bedeutung der untersinnlichen Kräfte zeige sich an der Elektrizität, auf der die gesamte gegenwärtige Bequemlichkeitskultur beruhe: Von der Glühbirne bis zur Mikroelektronik fuße der größte Teil der Technik, die dem Menschen das Leben erleichtere, auf ihr; die zu ihrer Erzeugung verbrauchte Energie gefährde inzwischen die Erde, ihre Gewässer und die Atmosphäre, die schwer an den Folgen der unbedacht ausgelebten Bequemlichkeit erkrankt seien. Auch der Mensch erkranke, da er sich kaum mehr bewege, nur mehr am Schreibtisch, im Auto, Zug oder Flugzeug sitze. Daher sei auch von Zivilisationskrankheiten die Rede. Die Medizin erforsche den physischen Leib des Menschen, berücksichtige sogar bis zu einem gewissen Grad in der Psychosomatik seinen Zusammenhang mit der Seele, aber die Sphäre der Vitalkräfte, der heilenden, belebenden Kräfte, sei eine riesige Blackbox. Die Elektrizität habe eine ganze Zivilisation geschaffen, gleichzeitig seien dieser die Ätherkräfte völlig unbekannt. Daraus ergebe sich die Diagnose der Krankheit dieser Zivilisation: das Untersinnliche habe überhandgenommen, das ihm entsprechende Übersinnliche fehle. Als Therapie komme nur eine Erkenntnis des Übersinnlichen in Frage, die ermögliche, durch exakte Handhabung der Ätherkräfte das verlorene Gleichgewicht wieder herzustellen.

Die Frage sei, wie diese Ätherkräfte erkannt werden könnten. Da der Ätherleib der Architekt des physischen sei, lasse sich dessen Wirksamkeit an ihm erforschen. Die Wirklichkeit des Übersinnlichen zeige sich in der menschlichen Anatomie, beispielsweise an den zwei Unterarmknochen Elle und Speiche, die zwar auch die meisten Säugetiere besäßen, aber nicht nutzen könnten, da sie entweder parallel oder überkreuz festgestellt seien. Erst der Mensch vermöge den moralischen (geistigen) Sinn dieser Schöpfung des Ätherleibs zur Erscheinung zu bringen: die als Schale dem Himmel zugewandte Hand beruhe auf der Parallelstellung der Unterarmknochen, die der Erde zugewandte, zupackende, festhaltende Hand auf ihrer Kreuzstellung. Erst der Mensch habe an Himmel und Erde gleichen Anteil, sie überkreuzten sich in ihm. Dasselbe Phänomen lasse sich am menschlichen Auge im Vergleich mit den Sehorganen der Affen beobachten. Beider Sehachse verliefe parallel, wenn sie in die Ferne blickten. Während aber die Augenhöhle des Affen – im Unterschied zum Menschen – genauso nach vorne gerichtet sei, wie das Auge, weiche deren Achse beim Menschen zwischen 21 und 25 Grad, durchschnittlich um etwa 23 Grad nach außen von der Sehachse ab. Die Lichtachse des menschlichen Auges und dessen Knochenhülle bildeten denselben Winkel, wie die Ekliptik zum Himmelsäquator. Dem himmlischen Winkel verdanke die Erde den Wechsel der Jahreszeiten, im Wechselspiel zwischen Parallele und Überkreuzung drücke sich das Wesen des Ätherleibes aus.

Ein zweiter Weg zur Erkenntnis des Ätherleibes gehe vom Ich des Menschen aus. Er werde durch die Eurythmie gebahnt, die den physischen Leib durch Ich und Seele so bewege, dass sich ätherische Gebärden offenbarten. So habe Steiner darauf hingewiesen, dass die Kombination aller Buchstaben des Alphabets die ätherische Wesenheit des Menschen zum Ausdruck bringe. Die innerlich erlebte Menschenkunde der Eurythmie könne somit die äußere ergänzen. Wer die beiden Wege zusammenschaue, erhalte ein »hinreichend exaktes Bild des Ätherleibes«, auch wenn er kein Hellseher sei. Die Gebärde des Überkreuzens finde sich im eurythmischen Laut E, dessen Bewegungsform Steiner an der Überkreuzung der Sehachsen erläutert habe. Die Anatomie und die eurythmische Menschenerkenntnis überkreuzten sich im Erkennen und Erleben des Ätherischen. Übertrage man diesen Vorgang auf alle übrigen anthroposophischen Tätigkeiten, stelle sich diese als Wissenschaft des Ätherischen dar, die imstande sei, die Blackbox der gegenwärtigen Medizin aufzuhellen und eine »wirkliche Einsicht in das Wesen von Gesundheit und Heilung« zu eröffnen, die ein Gegengewicht gegen die untersinnlichen Kräfte bereitstelle.

Das Erschütternde an Tschernobyl, so Husemann, sei die Tatsache, dass der Mensch selbst dieses Unglück verursacht habe. Hier aber gelte: Gleiches könne nur durch Gleiches erkannt werden. Dem entspreche der Grundsatz, dass Gleiches nur durch Gleiches geheilt werden könne. Der Mensch habe die jetzige Krankheit verursacht, er müsse sie auch wieder heilen (können). Wem diese Aufgabe zu groß scheine, dem müsse die Einsicht der Anthroposophie entgegengehalten werden, dass der Mensch Himmel und Erde verbinde, und dass eine kosmische Krankheit nur durch ein kosmisches Bewusstsein geheilt werden könne. Konkretere Hinweise auf die Art dieser Heilung bot Husemann in seinem Aphorismus allerdings nicht an.

Vorheriger Beitrag: 1986 | Tschernobyl aus anthroposophischer Sicht (1)

wird fortgesetzt


Anmerkungen:


  1. Bodo Hamprecht, Die äußere – und innere Katastrophe um die Kernenergie, Die Drei, Sonderheft Juli 1986, S. 41 f.
  2. Siehe beispielweise den SPIEGEL-Artikel Das Weltklima gerät aus den Fugen vom 11.08.1986.
  3. Friedwart Husemann, Unternatur und Ätherkräfte, Goetheanum, Nr. 30. August 1986, S. 229 f.
  4. Siehe Rudolf Steiner, Die Ätherisation des Blutes, Vortrag vom 1.10.1911 in GA 130, Dornach 1995, S. 80 f. in Verbindung mit Anthroposophische Leitsätze, GA 26. Die Hinweise auf die mit der ontologischen Degradation der Ätherarten verbundenen Widersachermächte finden sich in der Fragenbeantwortung zum Vortrag vom 1.10.1911. Soweit der Nachschrift zu trauen ist, führte Steiner damals aus: »Man hat die physische, die astralische Welt, das untere Devachan und das obere Devachan. Wenn man nun einen Körper noch weiter hinunterdrückt als zur physischen Welt, dann kommt man in die unterphysische Welt, in die unterastralische Welt, das untere oder schlechte Unterdevachan und das untere oder schlechte Oberdevachan. Die schlechte Astralwelt ist das Gebiet des Luzifer, das schlechte untere Devachan ist das Gebiet des Ahriman und das schlechte obere Devachan ist das Gebiet der Asuras. Wenn man den Chemismus noch weiter hinunterstößt als unter den physischen Plan, in die schlechte untere devachanische Welt, entsteht Magnetismus, und wenn man das Licht ins Untermaterielle stößt, also um eine Stufe tiefer als die materielle Welt, entsteht die Elektrizität. Wenn wir das, was lebt in der Sphärenharmonie, noch weiter hinabstoßen bis zu den Asuras, dann gibt es eine noch furchtbarere Kraft, die nicht mehr lange wird geheim gehalten werden können. Man muss nur wünschen, dass wenn diese Kraft kommt, die wir uns viel, viel stärker vorstellen müssen als die stärksten elektrischen Entladungen, und die jedenfalls kommen wird – dann muss man wünschen, dass, bevor diese Kraft der Menschheit durch einen Erfinder gegeben wird, die Menschen nichts Unmoralisches mehr an sich haben werden!« Ebd., S. 102 f.

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