Der Geist der Pfingstzeit

Laut Johannes stellte Jesus in einer seiner Abschiedsreden den um ihn Versammelten einen Beistand, den »Geist der Wahrheit und Erkenntnis« (»parakletos«, eigentlich »den Herbeigerufenen«) in Aussicht. »Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der das ganze Äon hindurch bei euch sein wird, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht zu fassen vermag, da sie ihn nicht sehen und erkennen kann. Ihr aber werdet ihn erkennen, denn er wird bei euch und in euch sein.« (14, 16-17) »Der Beistand«, fährt Johannes fort, »der heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und euch alles in Erinnerung rufen, was ich zu euch gesprochen habe.« (14, 26). Read more »

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Wissenschaft und Esoterik X – Auftritt der Antiapologeten – Ehregott Daniel Colberg

4. Der Häresiologe Ehregott Daniel Colberg

Mit Colberg betritt man, so Hanegraaff, ein dogmatisches Schlachtfeld in Begleitung eines Autors, »der schießt, um zu töten«. Sein Werk stelle einen kompromisslosen Frontalgriff gegen alles dar, was damals als schwärmerisch und enthusiastisch gegolten habe: gegen den Spiritualismus der Reformation, gegen Paracelsismus, Weigelianismus, Rosenkreuzertum und christliche Theosophie in der Nachfolge Böhmes. Mit »extremer Feindseligkeit« untersuche Colberg diese Strömungen, um ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören. Dennoch könne er als »Pionier der Esoterikforschung« bezeichnet werden, weil er als erster ein »vollständiges und konsistentes Konzept« entwickelte, das all jene Strömungen zusammenfasste, die heute unter dem Rubrum »westliche Esoterik« subsumiert werden, und zwar nicht aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer zeitlosen Wahrheit, sondern aufgrund einer Analyse ihrer tatsächlichen Anschauungen.

Colberg verfasste sein Buch über das »Platonisch-Hermetische Christentum«(1690-91) als Professor für Theologie in Greifswald. Es fußt auf der radikalen Synkretismuskritik von Thomasius, betrachtet aber nicht die Philosophie an sich als böse, sondern nur ihre Vermischung mit Theologie. Verurteilt werden muss nicht die Philosophie, sondern ihre Anwendung auf göttliche Dinge, die dem menschlichen Denken keineswegs zugänglich sind. Der Mensch kann nach Colberg versuchen, schlauer als die Schrift zu sein, also Mysterien zu erkennen, die die Schrift nicht enthüllt hat, oder schlau gegen die Schrift, indem er sich weigert, die durch sie offenbarte Wahrheit zu akzeptieren, weil sie der Vernunft widerstreite.

Der erste dieser Irrtümer war nach Colbergs Auffassung in der frühen Kirche weit verbreitet. Die Väter hielten laut Colberg ihre platonischen Ansichten nach der Konversion aufrecht, auch Simon Magus und viele Sektenhäupter nach ihm hätten dies getan, ebenso Dionysios Areopagita und Scotus Eriugena mit ihrer mystischen Theologie. Der »heilige« Luther habe zwar diese mittelalterliche Finsternis vertrieben, aber Satan sei nicht untätig geblieben. Colberg glaubte, Satan erhebe unter den Anhängern Böhmes und Weigels, die immer noch an derselben Vermischung von Philosophie und Theologie krankten, erneut sein Haupt. Read more »

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Wissenschaft und Esoterik IX – Auftritt der Antiapologeten – Jacob Thomasius

3. Der Anti-Apologet Jacob Thomasius

Ab 1650 begannen protestantische Historiker systematisch die Erzählungen des orientalisierenden Platonismus über die Geschichte der Philosophie anzugreifen. Die »Geschichte der Wahrheit« war in der apologetischen Erzählung verankert. Die protestantischen Historiker setzten ihr eine »Geschichte des Irrtums« entgegen, die auf der radikalen Ablehnung jener Erzählung beruhte. Daher ist ihr Standpunkt laut Hanegraaff zu Recht als anti-apologetisch bezeichnet worden. Die protestantischen Historiker sahen in der apologetischen Tradition nicht nur den Hauptgrund für die Hellenisierung des Christentums, sondern auch für das Absinken der Philosophie in »Pseudophilosophie«. Die Hauptvertreter dieser kritischen Denkrichtung systematisierten die anti-heidnischen, anti-platonischen und anti-patristischen Tendenzen und schufen eine logisch konsistente Erzählung, die auf historischer Kritik und der exklusiven Wahrheit des Protestantismus fußte.

Die Geschichte der Anti-Apologetik beginnt laut Hanegraaff mit Jacob Thomasius, dem Vater von Johannes Thomasius, einem der Lehrer von Leibniz, der in Leipzig Philosophie und Philologie unterrichtete. Mit seinem »Schediasma historicum« schuf er 1665 die Grundlagen des neuen anti-apologetischen Narrativs. Insoweit er sich auf philosophische Analyse und historische Kritik stützte, kann er als Begründer der Philosophiegeschichte betrachtet werden – aber sein Hauptmotiv war nicht historisch, sondern dogmatisch. Er wollte die christliche Theologie von ihrer Verunreinigung durch die heidnischen Irrtümer reinigen. In der Folgezeit führte seine Methode tatsächlich zur Entstehung der Philosophiegeschichte (und der westlichen Esoterik), aber auch zu grundlegenden Problemen für die Theologie. Seine scharfe Trennung zwischen antiker Philosophie und christlicher Religion mündete schließlich in der Zertrümmerung der Orthodoxie, die er mit dieser Unterscheidung hatte verteidigen wollen.

Geleitet von seiner »Liebe zur historischen Wahrheit«, suchte er nach den »authentischen Lehren der Philosophen«. Er wollte aus diesen alles entfernen, was auf den »Synkretismus« zurückzuführen war, besonders spätere Interpretationen, die sie verfälschten. Ein Hauptbeispiel für solchen Synkretismus war für ihn die versöhnlerische Tendenz der Erzählung von der alten Weisheit, die die heidnischen Philosophen zu »halben Christen« und die Christen zu »halben Heiden« machte. Heidnische Philosophie und christliche Wahrheit hatten aus seiner Sicht absolut nichts miteinander gemein. Als frommer Lutheraner sah er die Geschichte der Kirche seit den Vätern als Geschichte des Niedergangs und der Irrtümer. Die Quelle aller Häresien war für ihn die heidnische Philosophie, insbesondere der Platonismus. Gegenüber den Vätern übte er keine Rücksicht mehr: sie waren aus seiner Sicht verantwortlich für die Hellenisierung der Kirche, weil sie glaubten, die platonische Philosophie sei kompatibel mit dem Christentum. Read more »

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Steiner, in Fichtes Ich gesetzt. Eine Polemik

Warum schreibt ein Philosoph ein tausendseitiges Buch über einen Autor, den er für philosophisch vollkommen inkompetent, geistig verwirrt und größenwahnsinnig hält? Warum sollte man für ein solches Buch 79 Euro ausgeben und es auch noch lesen? Nun, als Rezensent erhält man ein solches Buch geschenkt und muss es lesen. Ich habe das getan, von der ersten bis zur letzten Zeile. Aber auf die Frage, warum Hartmut Traub dieses Buch geschrieben hat, habe ich keine Antwort erhalten. Dafür wurde mir etwa 200 mal mitgeteilt, dass Rudolf Steiner Kant, Fichte (Vater) und eine Reihe weiterer Philosophen entweder überhaupt nicht oder wenn, dann falsch verstanden hat. Und etwa 340 mal wurde mir mitgeteilt, dass Steiner die Gedanken, die er in seiner Dissertation und in der »Philosophie der Freiheit« zum Ausdruck brachte, von jenen Philosophen übernommen hat, die er angeblich nicht oder falsch verstand. Man kann die tausendseitige Untersuchung Traubs, die sich als Beitrag zur »Steinerforschung« versteht – über die sie, nebenbei gesagt, ein vernichtendes Urteil fällt, da diese Forschung (mit Ausnahme von Zander, der aber auch nur erwähnt wird, wenn er kritisiert wird) durchgehend »apologetisch« sei –, tatsächlich in dieses Bonmot zusammenfassen: Was Steiner selbst gedacht hat, ist falsch, und was in den beiden von Traub untersuchten Werken richtig ist, stammt nicht von ihrem Autor.

Aber benötigt man, um diese These auszubreiten, wirklich tausend Seiten? Gibt es nichts Wichtigeres zu tun? Muss man soviel Lebenszeit verschwenden, um einen solchen Nachweis zu führen und muss man noch mehr Lebenszeit verschwenden, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen, warum der Autor, der diesen Nachweis zu führen glaubt, die genannten Bücher zwar gelesen, aber offenbar so gut wie gar nicht verstanden hat, weshalb sie seine Kriterien guten Philosophierens nicht erfüllen, auch wenn er ihren Gedankengang manchmal glänzend ins Fachphilosophische übersetzt? Auch hierzu fällt mir wieder ein Bonmot ein: Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt philosophisch, dann ist das nicht immer die Schuld des Buches.

Muss man, wenn der eigene Kopf mit diesem Buch zwangsweise zusammengestoßen wurde, ihn auch noch darüber zerbrechen, warum es, obwohl es sich auf lediglich hundert von tausend Seiten mit dem Verhältnis von Steiners Philosophie zur Anthroposophie beschäftigt, den Titel »Philosophie und Anthroposophie« trägt? Und was soll man von einem Autor halten, der auf diesen hundert Seiten, die sich angeblich mit Philosophie und Anthroposophie befassen, lediglich nachzuweisen versucht, dass das, was Steiner als »Anthroposophie« bezeichnete, bereits bei Fichte (Vater und Sohn) zu lesen ist? Und der einem auf den übrigen neunhundert Seiten seines Buches mitteilt, dass alles, was man an Steiners Philosophie irgendwie – trotz all des aufeinandergetürmten Unsinns, der in den von ihm analysierten und kritisierten Büchern enthalten sein soll –, als zutreffend bezeichnen kann, im wesentlichen von Fichte (Vater) stammt? In Traubs Augen ist Steiner offenbar vollkommen überflüssig, denn alles, was man an seiner Philosophie oder Anthroposophie bejahen kann, gab es schon und alles, was er selbst hinzugefügt hat, ist Unsinn. Aber wird damit dieses Buch nicht seinerseits vollkommen überflüssig? Traub sieht das vermutlich anders. Denn immerhin bietet es Gelegenheit für zweierlei: man kann als Autor zeigen, dass man unendlich viel mehr von Philosophie versteht, als Steiner das getan hat und man kann Fichte ins Gespräch bringen, der im Bewusstsein des Autors offenbar denselben Platz einnimmt, wie Rudolf Steiner im Bewusstsein mancher Anthroposophen.

Aber ich will das Gute, das dieses Buches an sich hat, nicht verschweigen, auch wenn ich gestehen muss, dass ich das schon vorher wusste, und zwar von Steiner selbst. Dieses Gute besteht darin, dass es einen tausendseitigen Nachweis darüber führt, dass sowohl Steiners Philosophie als auch die Anthroposophie mit allen denkbaren Wurzeln und Fasern in der Philosophie des deutschen Idealismus verwurzelt ist – auch wenn Steiner diese Philosophie nach der Auffassung des Autors überhaupt nicht verstanden hat – und dass die zuletzt von Helmut Zander wieder weitschweifig erhobene Behauptung, die Anthroposophie sei ein Abklatsch der Adyar-Theosophie, offenbar auf einem grundlegenden Vorurteil beruht.

Traub selbst drückt diese Einsicht wie folgt aus: »Entgegen der verbreiteten Überzeugung, dass Rudolf Steiner erst um die Jahrhundertwende sein theosophisch-anthroposophisches Welt- und Menschenbild zu formieren und auszugestalten beginnt, lassen sich dafür zweifelsfrei weit frühere Ursprünge nachweisen. Die Anfänge und Grundlagen der Theosophie und Anthroposophie Rudolf Steiners sind seine frühen enthusiastischen Studien der Werke Johann Gottlieb Fichtes und hier, neben den ›Einleitungsvorlesungen zur Wissenschaftslehre‹ (1813), vor allem dessen populärphilosophische Schriften, insbesondere die ›Anweisung zum seligen Leben‹ und die ›Bestimmung des Menschen‹.

Aus diesen Arbeiten hat Steiners Theosophie und Anthroposophie nicht nur ihre grundsätzliche methodische und inhaltliche Geistesrichtung empfangen, sondern auch ihre zentralen, insbesondere religionsphilosophischen Themen aufgesogen. Steiners ›asiatische Phase‹ zu Beginn des 20. Jahrhunderts war demnach nicht der initiale Ausgangspunkt für seine Theosophie und Anthroposophie, sondern lediglich ein episodisches Zwischenspiel auf dem Weg der Entwicklung einer deutlich euro-, man kann auch sagen, christozentrischen Weltanschauung. Und für diese liegen die elementaren Ursprünge vor allem in der esoterischen Deutung eines dominant johanneisch erschlossenen Christentums, wie es Steiner in Fichtes ›Anweisung‹ vorgefunden hat.« Zu den Themen, die Steiner aus Fichtes Schriften »aufgesogen« hat, gehören laut Traub die »Wiedergeburts- und Reinkarnationslehre«, das »unvergängliche Wesen des Ich«, die »Gegenwärtigkeit der übersinnlichen Welt und des ewigen Lebens« und die »geistigen Organe«, die diese Welt erschließen. Ihnen begegnete Steiner in den genannten Werken Fichtes, »die er lange vor seinem Studium der mystischen, esoterischen und indischen Schriften gelesen hat …« »Aus ihnen«, so Traub, »stammt der philosophische Halt in Steiners Weltanschauung, der ihn in die Lage versetzt hat, sich auch nach der Begegnung mit den asiatischen Reinkarnationslehren als europäischer, und verstärkt auch als christlicher Denker zu verstehen und sich gegen die außereuropäischen Strömungen der Theosophie und Anthroposophie behaupten zu können.« Gegen die »außereuropäische Anthroposophie« behaupten zu können? Eine merkwürdige Aussage, nachdem Traub auf den 968 vorangehenden Seiten nachzuweisen versucht hat, dass alles, was er unter Anthroposophie versteht, seine Wurzeln im deutschen Idealismus, im Wesentlichen in Fichte (Vater) hat.

Mag die Anthroposophie nun aus dem Missverständnis des deutschen Idealismus geboren sein oder nicht, aus ihm geboren ist sie in jedem Fall – man könnte aber auch sagen, durch Steiner wurde der deutsche Idealismus erst zu einer gesellschaftlichen Bewegung. Und erst heute, muss man hinzufügen, bricht die Zeit an, in der sich die Wahrheit dieses »Missverständnisses«, wenn es denn eines ist, in ihrer Fruchtbarkeit zu zeigen beginnt, was man von jenem anderen großen Missverständnis des deutschen Idealismus, das behauptete, ihn wieder auf die Füße zu stellen und das uns lange genug terrorisiert hat, nicht gerade behaupten kann.

Auch wenn Traubs Buch als eine nicht enden wollende Aneinanderreihung vernichtender Urteile über die philosophische Inkompetenz Steiners eine einzige Zumutung ist, müssen wir ihm doch irgendwie dankbar sein, dass er uns aus den Höhen der philosophischen Reflexion, auf denen er sich ohne Zweifel bewegt, daran erinnert, dass aus der Inkompetenz, der geistigen Verwirrung und dem Größenwahnsinn Rudolf Steiners etwas Gutes entstehen konnte.

Auch wenn wir dieser Erinnerung vielleicht nicht bedurft hätten, da wir dieses Gute auch schon ohne Traubs Hinweis kannten, mag sein Hinweis für all jene nützlich sein, die sich in der gleichen Welt bewegen, in der Traub sich bevorzugt aufhält. Das werden vermutlich nur wenige sein, aber diese Wenigen, die außerdem bereit sein müssen, 79 Euro für ein tausendseitiges Buch aufzubringen, werden, wenn sie dieses Buch zu Ende lesen, mit der Einsicht belohnt, dass Steiner doch Recht hatte, wenn er behauptete, seine Anthroposophie sei eine Weiterentwicklung des deutschen Idealismus. Und sie werden mit einem Paradoxon beschenkt, das gewiss eine Reihe weiterer, tausendseitiger Bücher generieren wird: dem Paradoxon nämlich, dass es offenbar möglich ist, den deutschen Idealismus zu einer weltumspannenden spirituellen Erneuerungsbewegung zu machen, obwohl man ihn gründlich missverstanden hat.

Siehe auch die Rezension des Buches auf erziehungskunst.de

Hartmut Traub, Philosophie und Anthroposophie. Die philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners – Grundlegung und Kritik, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2011, 1040 S., 79 Euro.

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Finanzkrise und Dreigliederung

Spätestens seit 2008 haben wir eine weltweite Finanzkrise, und viele Phänomene zeigen, dass sie nach wie vor fortbesteht. Sie hat nicht zu einem Zusammenbruch wie 1929 geführt, weil staatliche Maßnahmen und immer weitere Verschuldung ein »Weiter wie bisher« ermöglicht haben. Vielleicht geht das noch eine Weile gut; aber das Problem wird nicht an der Wurzel gepackt und wirklich gelöst.

Die »soziale Dreigliederung« ist eine radikal neue Sicht auf den sozialen Organismus, die auch eine radikale Lösung in dieser Situation anbietet. Sie wurde ab 1917 von Rudolf Steiner propagiert. Ihre äußere Verwirklichung ist 1919 gescheitert, und seither hat es keine weitere Möglichkeit dafür gegeben. Aus dieser Bewegung ging, als »Keimzelle eines freien Geisteslebens«, die erste Freie Waldorfschule in Stuttgart hervor.

Um beim Versuch einer Lösung nicht an der Oberfläche des sozialen Lebens zu bleiben, muss man zu den »Urgedanken« des Sozialen zurückgehen. Hier soll in knapper Form versucht werden, deren Gesamtzusammenhang, als Lösung der Finanzkrise, zu skizzieren. Diesen Zusammenhang kann man vertiefen v.a. anhand des Buches Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, und des Vortragszyklus Nationalökonomischer Kurs, beide von Rudolf Steiner.

Der erste wichtige Punkt ist, dass die Lösung der Krise nicht allein im Wirtschaftsleben gefunden werden kann! Der soziale Organismus ist polar aufgebaut: es stehen sich gegenüber das Wirtschaftsleben, das die Waren produziert, und das Geistesleben, das z.B. »Ideen« produziert, aber keine Waren. Das heißt, dass das Geistesleben, wirtschaftlich gesehen, ein reiner Konsument ist. Zwischen den beiden, vermittelnd, steht das Rechtsleben, das, wenn es richtig funktioniert, d.h. kräftig und selbständig ist, das Wirtschaftsleben in seiner Tätigkeit begrenzt, und das Geistesleben schützt. Der soziale Organismus ist nur gesund, wenn ein organisches Gleichgewicht herrscht zwischen Wirtschaftsleben und Geistesleben. Schon hier sieht man, dass ständiges Wachstum der Wirtschaft nicht zur Gesundung führen kann. Und exponentielles Wachstum der Schulden ist ein Alarmzeichen ersten Ranges!

Wie erreicht man dieses Gleichgewicht? Grundsätzlich ist heute die Wirtschaft viel zu mächtig – sie überflutet den gesamten sozialen Organismus – und das Geistesleben ist viel zu schwach. Seit dem Beginn der Industriellen Revolution, vor ca. 250 Jahren, ist die Produktionsseite des Wirtschaftslebens eine einzige Erfolgsgeschichte gewesen! Es gibt einen Faktor des Wirtschaftens, der seit damals jedes Jahr stetig gestiegen ist: die Produktivität! Jedes Jahr sind immer besser, immer rationeller, immer arbeitssparender die Waren produziert worden. Das ist eigentlich zum Segen der Menschheit! Allein wir haben das Problem auf der anderen Seite: wer soll das Produzierte konsumieren? Wie kann der Konsum genau so schnell steigen? Denn Produktion ohne Konsum ist sinnlos, und natürlich auch unwirtschaftlich. Deswegen haben wir in Deutschland heute vor allem eine Krise der Überproduktion, und gleichzeitig viele Bedürftige, die mehr konsumieren müssten, und es nicht können. Wenn wir die Gesamtmenschheit betrachten  – und wir haben ja eine Weltwirtschaft heute – ist dieses Problem noch sehr viele krasser, v.a. im Verhältnis der Ersten zur Dritten Welt. Aber wirtschaftlich gesehen ist es nur dort »gesund«, Einkommen zu gewähren, wo Werte für den sozialen Organismus geschaffen werden.

Und an dieser Stelle greift ein wesentlicher Lösungsgedanke Steiners: Woher kommt denn seit 250 Jahren die Produktivitätssteigerung des Wirtschaftslebens? Von Erfindungen, Rationalisierung, Arbeitsteilung …. von lauter Ideen. Es ist also das Geistesleben, das diesen Wertzuwachs bewirkt hat! Man muss erkennen, dass das Geistesleben zwar in der Gegenwart keine Waren produziert; aber für die Zukunft den Boden bereitet, dass die Waren produziert werden können. Das bewahrheitet sich auch, wenn man an das Schulwesen denkt: in der Gegenwart werden die Schüler erzogen und gebildet; in 30 Jahren werden sie die Arbeiter und Wirtschaftskapitäne sein.

Ein anderes Beispiel ist der Arzt, der heute einen kranken Menschen gut kuriert, und dadurch dafür sorgt, dass er sich um so schneller wieder in den Wirtschaftsprozess eingliedern kann. Steiner bringt das in seiner Wertbildungstheorie zum Ausdruck: es gibt nicht nur Wert 1, der dadurch entsteht, dass ein Stück Natur durch menschliche Arbeit verändert wird (das ist die einzige Art der Wertbildung, die Karl Marx kennt); es gibt auch Wert 2, »Geist auf Arbeit angewandt«, wodurch Arbeit eingespart wird. Das ist das Wesen der Industriellen Revolution. (Das ist auch m.E. der Grund, dass Steiner nicht sagt, er sei gegen »Kapitalisten«; denn sie schaffen Wert 2!).

Wenn wir das eingesehen haben, wissen wir eigentlich schon, was die Aufgabe ist: welche Maßnahmen müssen wir treffen, um das Geistesleben angemessen zu »entlohnen«? Wie viel ist »angemessen«? Und wer gehört alles zum Geistesleben? Wenn wir es schaffen, das organische Gleichgewicht herzustellen, dann haben wir auch die Konsummöglichkeit geschaffen für die ständig wachsende Produktion. Diesen Ausgleich herzustellen ist Aufgabe der Finanzwirtschaft. Dafür schlägt Steiner eine Neuordnung des Geldwesens vor: die organische Geldordnung. Er macht darauf aufmerksam, dass das Geld dreierlei verschiedene Funktionen erfüllt; dass es drei Arten von Geld gibt:

a) Kaufgeld: das Gegenstück zur Ware, ihr Repräsentant; es wird gegen die Ware getauscht.

b) Leihgeld: dieses Geld wird bei jeder Investition geschöpft. Durch die dadurch entstandene wirtschaftliche Verbesserung wird es möglich, dieses Geld, mit Zins, zurückzuzahlen. Es ist Ausdruck dafür, dass das Geistesleben wertsteigernd im Wirtschaftsleben tätig wird.

c) Schenkungsgeld: diesen Ausdruck meint Steiner rein technisch, ohne jede moralische Konnotation: »Geld, das gegeben wird, ohne dafür eine Ware zu bekommen«. Es ist eine Notwendigkeit in jeder Wirtschaft. Zum Einen für alle, die keine Waren produzieren können: Kinder, Alte, Kranke, nicht Leistungsfähige. Zum Anderen für alle, die etwas gesellschaftlich Wertvolles tun, ohne eine Ware zu produzieren: Philosophen, Künstler, Wissenschaftler, Tätige in den Bereichen Religion, Schule, Gesundheit, etc.

Wie viel Schenkungsgeld ist für das Geistesleben angemessen? Es gibt dafür ein organisches Maß: da jeder Leihgeldvorgang Ausdruck davon ist, dass das Geistesleben wertsteigernd in das Wirtschaftsleben eingegriffen hat, müsste die Summe aller Investitionen nochmal in das Geistesleben fließen. Dadurch wird das Geistesleben in die Lage versetzt, weiterhin in die Zukunft hinein für die Leistungsfähigkeit des Wirtschaftslebens zu sorgen. Wie kann man das bewerkstelligen? Da ja niemand sein Geld »für nichts« hergeben will! Hier macht Steiner einen Vorschlag zur Änderung der Geldordnung. Er weist darauf hin, dass es nicht realistisch ist, dass das Geld ewig seinen Wert behält, während die Ware, die es repräsentiert, irgendwann verbraucht wird oder verdirbt. Deswegen ist es angemessen, dass das Geld ein Ablaufdatum bekommt. Dadurch bekommen wir »junges« und »altes« Geld. Und wenn das Geld genügend gealtert ist, d.h. sein Ablaufdatum überschritten hat, dann kann es nochmal bewertet werden: aber nur für das Geistesleben!  Das ist ein Vorschlag, wie hier der Egoismus in Bezug auf das Geld überwunden werden könnte. Man könnte vielleicht auch eine andere Lösung finden. Wesentlich ist aber die Einsicht in den organischen Zusammenhang, dass die Steigerung der Wirtschaftsproduktivität ihre Entsprechung finden muss in der Finanzierung des Geisteslebens in gleichem Umfang.

Die nächste Frage ist: wohin soll dieses Geld fließen? Wer ist berechtigt, dieses institutionalisierte Schenkungsgeld zu bekommen? Die Erfinder, die Manager (die zum Geistesleben gehören) werden teilweise schon fürstlich entlohnt. Die Universitäten bekommen reichlich »Drittmittel«, wenn sie etwas Nützliches für die Wirtschaft hervorbringen. Hier greift eine grundsätzliche Neuerung der sozialen Dreigliederung. Diese Dreigliederung ist erst verwirklicht, und führt zu einer Gesundung des sozialen Organismus, wenn jedes der drei Glieder völlig selbständig konstituiert ist, sich selbst verwaltet und ein eigenständiges Entscheidungszentrum bildet; die drei Glieder sollen, wie Steiner sagt, »wie souveräne Staaten« miteinander verkehren.

Diese Selbstverwaltung des freien Geisteslebens haben wir heute nicht. Es gibt, wie Steiner das ausdrückt, das »halbfreie Geistesleben«, das auf Verbesserung der Wirtschaft gerichtet ist; und es gibt das »ganz freie Geistesleben«, wie Kunst, Wissenschaft, Religion und Bildung. Beide gehören zusammen. Das halbfreie Geistesleben, mit all seinen wirtschaftlichen Neuerungen, hängt -und das ergibt sich, wie Steiner sagt, nur der intimeren Beobachtung -mit »tausend Fäden« an dem ganz freien Geistesleben. Im Geistigen hängt alles mit allem zusammen: auf tausend verborgenen Wegen enthält das halbfreie Geistesleben Inspirationen aus dem, was aktuell in einer Gesellschaft in Philosophie, Dichtung, Wissenschaft und Kunst gearbeitet wird. Ein Lieblingsbeispiel von Steiner ist die Infinitesimalrechnung, die zunächst als Entdeckung der reinen Mathematik von G.W. Leibniz gefunden wurde. Seither hat sich ergeben, dass man diese Rechenart bei jedem Tunnelbau braucht. Angemessen wäre es, für jeden Tunnel einen finanziellen Beitrag an Leibniz, oder an seine Erben abzuführen! Das ist natürlich nicht sinnvoll; aber einen Beitrag an das Gesamt-Geistesleben, auf dass neue Leibnize ihre Arbeit tun können, das ist sinnvoll!

Halbfreies Geistesleben und ganz freies Geistesleben gehören also zusammen unter eine Verwaltung des freien Geisteslebens. Wohin das institutionalisierte Schenkungsgeld fließen soll, wird diese Verwaltung entscheiden. Ein freies Geistesleben wird wohl kaum der Einsicht entbehren, dass auch das ganz freie Geistesleben angemessen unterhalten werden muss. So gewinnt das Geistesleben seine angemessene Stellung und seine Würde in der Gesellschaft. Die Schulen, zum Beispiel, hängen nicht am Tropf des Rechtslebens, um sich mit dem zu begnügen, was das Ministerium ihnen kärglich zuteilt. Das Ministerium, das selber mit den anderen Ressorts ringen muss um die Zuteilung der missmutig gegebenen Steuergelder. Nein, viel besser ist es, wenn das Geistesleben seine Finanzierung aus Anerkennung und Begeisterung erhalten kann! (Mit dem institutionalisierten Schenkungsgeld etwas nachgeholfen!).

Die Behandlung der Finanzkrise hat am Ende zu Änderungsnotwendigkeiten vor allem beim Geistesleben geführt. Mit Recht, denn das ist heute das unterversorgte Glied des sozialen Organismus. Es wird aber hoffentlich klar, wie seine Befreiung auch zu einer organischen Lösung der Wirtschafts- und Finanzprobleme führen wird. Ungeheure Geldmengen vagabundieren heute in den »Finanzmärkten«, ohne Bezug zu den Realitäten des Wirtschaftslebens. Um sie zu bändigen und zu verwandeln, bedarf es auch der Maßnahmen im Wirtschaftsleben und im Rechtsleben: z.B. eine Verwandlung des Privateigentums an den Produktionsmitteln (der Grundlage von Aktienbesitz und Börse; hier kommt Karl Marx zu seinem Recht)  -überhaupt der Käuflichkeit von  Natur, Arbeit und Kapital. Indem es diese in Waren verwandelt, greift das Wirtschaftsleben in ungeheuer krankmachender Weise über das ihm zugemessene Wirkungsgebiet im sozialen Organismus hinaus, und fördert hemmungsloses, unsoziales Gewinnstreben.

Nachtrag: der esoterische Aspekt

Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit: dieses Dreigestirn leuchtet der Menschheit seit der Französischen Revolution voran. Wir haben es noch nicht verwirklicht. Die Französische Revolution selbst versank im »terreur« des Regimes von Robespierre, und mündete dann in den Napoleonismus. Seither haben wir  untaugliche Versuche, einseitig einzelne dieser Ideale zu verwirklichen. Der Kommunismus ist der Versuch, zwangsweise die Brüderlichkeit (»Sozialismus«) ohne die Freiheit einzuführen. Er hat dadurch dieses Brüderlichkeitsideal massiv in Misskredit gebracht. Zur Illustration ein derber Witz aus dem kommunistischen Rumänien:

Treffen sich drei Zahnärzte: ein Franzose, ein Amerikaner, ein Rumäne. Sagt der Franzose:

– »Wir haben die schönsten Ersatzzähne! Nachdem ich den Zahn gezogen habe, verläßt jede meiner Kundinnen die Praxis mit einem strahlenden Gebiss!« Sagt der Amerikaner:

– »Wir haben die wirkungsvollsten Betäubungsmittel. Beim Zähneziehen haben meine Kunden nur süße Träume!« Sagt der Rumäne:

– »Wenn ich einen Zahn ziehen will, gehe ich durch den Hintern hinein, arbeite mich nach vorne, und gehe dann ans Werk!«

– »Iiih, wie eklig! Wieso denn das?!«

– »In Rumänien darf niemand den Mund aufmachen!«

(Man vergegenwärtige sich, dass dieser Witz, dem Falschen erzählt, einen für mehrere Jahre ins Gefängnis gebracht hätte!). Der Kapitalismus huldigt allein der Freiheit, und nimmt an, dass im Ausleben der egoistischen Interessen von alleine, durch die »unsichtbare Hand des Marktes« die Brüderlichkeit sich einstellen wird. Er gibt den Freibrief zur Ausbeutung. Die Krise dieses Systems erleben wir heute. 1919 hat Rudolf Steiner die Lösung gegeben, wie alle drei Ideale nebeneinander, zur Gesundung des gesamten sozialen Organismus, verwirklicht werden können. Jedes Ideal gehört in eines der Glieder des sozialen Organismus: die Freiheit in das Geistesleben; die Gleichheit in das Rechtsleben; die Brüderlichkeit in das Wirtschaftsleben. Die soziale Dreigliederung ist nicht, laut Steiner, ein ausgedachtes System; sie ist die praktische Ausgestaltung von etwas, was die heutige Menschheit auf dem Grunde ihrer Seele unterbewusst anstrebt. Warum das so ist, führt er aus in dem Vortrag Was tut der Engel in unserem Astralleib? vom 9. Oktober 1918. Bei jedem gegenwärtigen Menschen webt sein Engel, in seine unbewusste Seele hinein, drei Idealbilder, die die künftige soziale Gestaltung des Menschenlebens auf der Erde betreffen. Die Grundlagen dieser drei Bilder sind: 1) ein Impuls absolutester Brüderlichkeit; 2) jeder Mensch soll in jedem Menschen ein verborgenes Göttliches sehen; 3) der Mensch soll die Möglichkeit haben, durch das Denken zum Geist zu gelangen.

»Geisteswissenschaft für den Geist, Religionsfreiheit für die Seele, Brüderlichkeit für die Leiber, das tönt wie eine Weltenmusik durch die Arbeit der Engel in den menschlichen astralischen Leibern. Man braucht, möchte ich sagen, nur sein Bewusstsein bis zu einer gewissen anderen Schichte hinaufzuheben, dann fühlt man sich hineinversetzt in diese wunderbare Arbeitsstätte der Angeloi in dem menschlichen astralischen Leibe.« (R. Steiner, GA 182, Seite 146). Wie sich das in die exoterische soziale Dreigliederung umsetzt, kann sich jeder selber klarmachen. Mehr braucht jetzt, denke ich, dazu nicht gesagt werden.

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Wissenschaft und Esoterik VIII – Gegen die Kirchenväter

2. Gegen die Kirchenväter

Isaac Casaubon zertrümmerte 1614 den Mythos des Hermes Trismegistos

Es war nur konsequent, dass Kritiker, die gegen den Platonismus der Florentiner polemisierten, sich irgendwann den Kirchenvätern zuwandten, beriefen sich doch die Florentiner auch auf diese Väter. Der »Platonismus der Väter« war schon immer ein latentes Problem, dank der nun zugänglichen Quellen wurde dieses Problem akut. Erstmals war es möglich, genaue Vergleiche zwischen den heidnischen Philosophen und den Apologeten der ersten Jahrhunderte anzustellen. Möglicherweise, so der Verdacht der Antiapologeten, hatten die Kirchenväter vor dem Konzil von Nizäa sich selbst schon mit dem heidnischen Virus angesteckt.

Bei diesen Fragen ging um nicht weniger als das Wesen und den Ursprung des Christentums und die Reinheit der Lehre. War das Dogma der Kirche Ausdruck der ursprünglichen Botschaft Christi oder ein Ideengebäude, das von heidnischen Lehren beeinflusst und verseucht war? Diese Frage ließ nur drei Antworten zu: entweder man leugnete jeglichen platonischen Einfluss auf die Kirchenlehre, oder man gestand ihn zu, vertrat aber die Auffassung, die heidnischen Lehren stünden nicht im Widerspruch zur biblischen Botschaft. Wenn man jedoch die heidnischen Lehren ablehnte, und sie die Väter beeinflusst hatten, dann waren die Väter selbst fehlbar, und die Dogmatik der Kirche möglicherweise heidnisch verunreinigt. Dann konnte es nur darum gehen, festzustellen, wie weit diese Verunreinigung ging, und wie sehr die Krankheit des Heidentums die Kirche befallen hatte. Aus protestantischer Sicht erschien es denkbar, dass die gesamte Kirche mit ihrem Dogmengebäude nichts als eine heidnische Perversion war. Read more »

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Hurqalya, die Erde der Auferstehung

Fortsetzung von »Hurqalya, die Erde der geistigen Schau«

»Prinz Humay trifft die chinesische Prinzessin Humayun«. Persische Miniatur, etwa 1450

Scheich Ahmad Ahsa’i unterscheidet laut Corbin zwischen verschiedenen Formen der Leiblichkeit, genauer gesagt, er kennt eine Schichtenanthropologie, die mit derjenigen der Anthroposophie praktisch identisch ist.

Jeder Mensch besitzt einen aus den vier Elementen zusammengesetzten physischen Leib, der dem Entstehen und Vergehen unterworfen ist und mit dem Tode zerfällt. Dieser Leib ist sichtbar, tastbar, wägbar und unterliegt den Gesetzen der Physik.

Außerdem besitzt jeder Mensch einen »Ätherleib«, der ebenfalls aus vier Elementen zusammengesetzt ist, aber nicht aus den Elementen der sublunarischen Welt, sondern aus jenen von Hurqalya besteht. Dieser Leib ist nicht sichtbar, sondern unsichtbar. Er gehört der mittleren Welt an. Auch er hat Dimensionen, Ausdehnung usw., aber er ist nicht wie der erste ein akzidenteller Körper, sondern ein essentieller Leib, der unzerstörbar ist. Er ist der Leib des »spirituellen Fleisches«.

Darüber hinaus besitzt jeder Mensch einen Leib, der weder aus irdischen noch ätherischen Elementen zusammengesetzt, aber ebenso wie der physische akzidentell ist. Auch er ist ein Gebilde der mittleren Welt. Er besteht aus der himmlischen Stofflichkeit Hurqalyas. Dies ist der himmlische Leib des Menschen, der »Astralleib«, der einst wieder in den Himmel Hurqalyas eingehen wird. Read more »

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Wissenschaft und Esoterik VII – Gegen die Heiden

Die Geschichte des Irrtums. Das Heidentum wird ausgetrieben

Goya, Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

1. Gegen die Heiden

Der zweite Teil der Untersuchung Hanegraaffs trägt den Titel »Die Geschichte des Irrtums«. Die »Geschichte des Irrtums« ist die antiapologetische Geschichte, die der Protestantismus über die katholische Kirche erzählte. Diese Erzählung behauptet, die katholische Kirche sei von Anfang an einem großen historischen Irrtum verfallen, weil sie sich um eine Aussöhnung zwischen Christentum und Heidentum bemüht habe.

Im Grunde wurzelt diese antiapologetische Gegenerzählung bereits in der Renaissance. Von Beginn an stand dem orientalisierenden Platonismus sein antiplatonischer Schatten gegenüber: Plethon begleitete sein Erzfeind und Rivale Georg von Trapezunt. Ersterer erschien Georg als »giftige Viper«, die das Christentum zerstören und das Heidentum an seine Stelle setzen wolle. Mit letzterem hatte er ja, wenn wir der Darstellung Hanegraaffs folgen, nicht ganz Unrecht. Georg glaubte außerdem an die Existenz einer Verschwörung von Platonikern, die das Kommen des Antichrist vorbereite. Diese Überzeugung hatte keinerlei historische Grundlage und zeugt von der paranoiden Dimension, die häufig mit antihäretischen Diskursen einhergeht. 1458 bezeichnete Georg in seinem »Vergleich von Plato und Aristoteles« Plato als »Vater aller Häresien«. Dieser habe eine Reihe von Nachfolgern gezeugt: Mohammed als zweiten Plato, Plethon als dritten, und Kardinal Bessarion als vierten, von dem Georg fürchtete, er schicke sich an, den Thron des Papstes zu ersteigen. In Kardinal Bessarion und Georg von Trapezunt standen sich zwei katholische Konvertiten aus der Ostkirche gegenüber. Da für Trapezunt die Ostkirche platonisch war, Rom hingegen aristotelisch, hätte Bessarion auf dem Papststuhl die Eroberung Roms durch Plato bedeutet. Bessarion antwortete im Jahr 1469 mit seiner großen Synthese »Gegen die Verleumder Platos« auf diese Angriffe. Read more »

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Wissenschaft und Esoterik VI – Universalistischer Katholizismus

7. Universalistischer Katholizismus: Agostino Steuco

Steuco veröffentlichte 1540 sein Buch »De perenni philosophia«, in dem er den Versuch unternahm, die Summe der alten Weisheit als katholische Wahrheit zu erweisen.

Sein ganzes Leben stand er im Dienst der Kirche. 1538 wurde er zum Bibliothekar des Vatikans ernannt. Er nahm am Konzil von Trient teil und starb 1548. In seiner Jugend scheint er den Diskurs über alte Weisheit abgelehnt zu haben, aber in seinem späten Hauptwerk entwickelte er eine Idee der »philosophia perennis«, die extrem inklusiv war und gleichzeitig orthodox in ihrer Ablehnung kabbalistischer und magisch-symbolischer Methoden der Interpretation. Seine Auffassung von »philosophia perennis« war denkbar konservativ.

Für ihn ging es nicht darum, eine alte Weisheit zu erneuern, die verloren gegangen war. Vielmehr war er der Überzeugung, sie sei immer zugänglich gewesen und die Kirche ihre rechtmäßige Besitzerin.

Steucos Idee der »philosophia perennis« ist merkwürdig unbestimmt. Ob die Menschheit in der Erleuchtung durch die ewige Wahrheit vorangeschritten ist, oder ob sie diese Erleuchtung besessen, dann verloren und in Christus wieder erlangt hat, ist seinen Äußerungen nicht zu entnehmen. Er interessiert sich nicht für Fragen der Priorität oder Sukzession, nicht für die Genealogie des Wissens, sondern nur dafür, zu zeigen, dass die Eine Wahrheit immer bestanden hat und jenen, die sie suchten, immer zugänglich war. Am vollkommensten aber wird sie aus seiner Sicht durch die katholische Kirche repräsentiert. Da die Lehre der katholischen Kirche, die auf den Evangelien und allein auf diesen fußt, die vollkommenste Erscheinungsform der »philosophia perennis« ist, muss alles an ihr gemessen werden. Von den Heiden kann man deshalb nichts lernen, vielmehr müssen sie durch die Kirche über die wahre Bedeutung ihrer eigenen Philosophie belehrt werden. Was Christen aus den heidnischen Quellen entnehmen können, sind keine neue Wahrheiten, sondern allein die Erkenntnis, dass der Logos zu allen Zeiten unter allen Völkern gewirkt hat. Ist erst einmal klar, dass der Katholizismus die etwaigen heidnischen Wahrheiten in ihrer vollendetsten Form bereits enthält, kann die Autorität der Kirche nicht mehr bezweifelt werden. Read more »

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Hurqalya, die Erde der geistigen Schau

Fortsetzung von Die achte Klimazone der Erde.

Von der Erde der geistigen Schau berichtet Suhrawardi laut Corbin in einer Traumerzählung. Eines Nachts sei ihm Aristoteles, der »Imam der Philosophen«, der »erste aller Lehrer« erschienen. Diese Begegnung habe in der mystischen Stadt Jabarsa stattgefunden. Das seelische Ereignis, von dem er berichtet, fand also in einer der sagenumwobenen smaragdenen Städte statt. Der erste Rat, den Aristoteles ihm erteilte, lautete: »Erwache zu Dir selbst.«

Dieser Satz bringt die gesamte innere Erfahrung des persischen Theosophen zum Ausdruck: die Erfahrung des aufgehenden Lichtes, des Lichtes in seinem Aufgang. Wenn die Seele zu sich selbst erwacht, dann wird sie selbst zur Morgendämmerung, zur Substanz des aufgehenden Lichtes. Die Erde, auf die sie ihr Licht wirft, ist keine äußerliche Ansammlung von Dingen mehr, die allein der »deskriptiven Wissenschaft« zugänglich ist. In dieser Erde schaut sich die Seele selbst an, ihre absolute Aktivität, die sie durch »unmittelbare Wissenschaft« erkennt, durch jene Erkenntnis des aufgehenden Lichtes, die man als »scientia matutina«, als »Erkenntnis im Morgenlicht«, bezeichnen kann. Der Begriff dieser Erkenntnisform existiert im Iran bis zum heutigen Tag.

Hermes ist der wahre Heros dieser »Erkenntnis im Morgenlicht«. Suhrawardi verweist auf Hermes, um von seiner eigenen Erfahrung zu berichten: »Eines Nachts, als die Sonne schien, betete Hermes im Tempel des Lichtes. Als die Säule der Dämmerung hervorbrach, sah er eine Erde, die mitsamt ihren Städten, auf die der göttliche Zorn gefallen war, verschlungen wurde und im Abgrund versank. Dann rief er aus: ›Du, der Du mein Vater bist, errette mich aus der Gefahr, zusammen mit jenen eingekerkert zu werden, die dem Untergang nahe sind!‹ Und er hörte eine Stimme, die ihm antwortete: ›Ergreif das Seil unserer Erleuchtung und steig empor zu den Schießscharten des Thrones‹. So stieg er empor und unter seinen Füßen, siehe! Erden und Himmel!« Read more »

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Wissenschaft und Esoterik V. Der geheime Moses

6. Der geheime Moses: Pico della Mirandola und die Verchristlichung der Kabbala

1486 lud der 23-jährige Mirandola Gelehrte aus aller Welt nach Rom ein, um über sein megalomanes Projekt der 900 Thesen zu diskutieren. Bereits ein Jahr später verurteilte Papst Innozenz VIII. alle 900 Thesen, besonders jene, die sich auf »Irrtümer der heidnischen Philosophen«, »jüdische Betrügereien« und gewisse magische Künste bezogen. Mirandolas Thesen waren das erste gedruckte Buch in der Geschichte, das von der Kirche weltweit verboten wurde.

Mirandolas Projekt war laut Hanegraaff nur eine Erscheinungsform des »Narrativs der alten Weisheit«, neu war hingegen der Einbezug der jüdischen Esoterik. Dadurch begründete Mirandola die christliche Kabbala. Er setzte damit einen ähnlichen Prozess in Gang wie jenen, der bereits gegenüber dem orientalisierenden Platonismus stattfand: einen Prozess der Einverleibung nichtchristlicher Traditionen in das Christentum. Dieser Prozess war allerdings keine Einbahnstraße: die christliche Auseinandersetzung mit der Kabbala beeinflusste auch die weitere Entwicklung des jüdischen Denkens. Hanegraaff plädiert energisch dafür, die christliche Kabbala unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten und bedauert die diesbezüglichen Forschungsdefizite. Mit Ausnahme Moshe Idels habe bisher niemand die tiefen interreligiösen Wechselwirkungen in diesem Diskursfeld untersucht.

Mirandola, Reuchlin und ihre Nachfolger interessierten sich jedoch nicht für die jüdische Esoterik um ihrer selbst willen. Sie suchten in ihr nach der alten Weisheit. Da diese per definitionem »christlich« war, konnte die Kabbala auch kein genuin jüdischer Besitz sein. Die Juden würden zum Christentum übertreten, sobald sie die wahre Bedeutung ihrer eigenen Esoterik verstanden hätten. Read more »

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