Imagination. Theosophie XI

William Blake, Beatrice

Im Anschluss an Henry Corbin behandelt Arthur Versluis die »aktive Imagination«, das Instrument, durch das die Seele Offenbarung und Wandlung (Transmutation) erlangt. Corbin selbst fand seinen Zugang zu diesem Kapitel islamischer Mystik durch seine Beschäftigung mit der imaginativen Bilderwelt Böhmes, Oetingers und Baaders.

Eine Unterscheidung hält Versluis für grundlegend: die zwischen wahrer und falscher Imagination. Nach Böhme gibt es eine schöpferische Kraft im Kosmos, die er als Magie bezeichnet, die sich sowohl dem Guten als auch dem Bösen zuwenden kann. Der Einzelne kann sich diese Macht entweder durch das richtige Verständnis zu eigen machen, oder durch falsches Wollen auf dämonische Abwege geraten. Der richtige Weg führt zur aktiven Imagination, der falsche in die bloße Phantasie.

Die aktive Imagination, so Versluis, führt in das Paradies, die Phantasie in die Hölle. Warum? Aus Sicht der Theosophen bereitet das Leben auf der Erde das Leben nach dem Tode vor: die Beschaffenheit der Seele bleibt nach dem Tode bestehen. Hat sich der Mensch bereits während seines Lebens auf Erden ins Paradies begeben, findet er sich auch nach dem Tode dort wieder, hielt er sich in der Hölle auf, findet er auch nach dem Tode nicht mehr aus ihr heraus. Karl von Eckarthausen schreibt in seinen »Aufschlüssen zur Magie« (1788), unser Leben auf der Erde sei lediglich die Kindheitsphase unserer Existenz. Alles komme auf die Beherrschung der Imagination an. Die schlimmste Gefahr bestehe darin, dass der Mensch dem Tagträumen zum Opfer falle.

John Pordage schilderte in seiner »Theologia Mystica« und seinem »Treatise of Eternal Nature« die imaginative Welt, die sich dem Auge des Herzens erschließt. Es gibt einen ewigen Globus, darin sich drei Höfe befinden, ein äußerer, ein mittlerer und ein innerer, der heiligste aller Plätze. In diesem Globus gibt es ein Auge, das Auge des Geistes, das abgründige Auge der Ewigkeit. Wenn sich das Auge öffnet, sieht man im innersten Hof die Trinität. Das Auge, das sich öffnet, gliedert sich in drei Teile: der erste ist das Auge des Abgrunds, der zweite das Herz und der dritte der ausströmende Atem. Versluis sieht in dieser Symbolik einen Schlüssel zur Wissenschaft des Herzens. Was damit gemeint ist, wird durch Ausführungen Corbins zu Ibn Arabi erläutert. Im Sufismus ist es das Herz, das wahre Erkenntnis, zusammenschauende Intuition und die Gnosis Gottes hervorbringt. Es besitzt die Kraft, den Menschen Gott anzugleichen, denn seine höchste Schau ist die Schau Gottes. Es ist der Sitz des Pneuma, des göttlichen Atems, der den Menschen belebt, und als gnostisches (sehendes) Herz ist es das Auge, durch das Gott sich selbst erkennt, sich selbst in allen denkbaren Gestalten offenbart. Auch Pordage spricht von diesem Auge des Herzens, durch das sich Gott im Menschen selber sieht. Das Herz des Gnostikers öffnet sich für die Selbstbetrachtung Gottes. Das innere Auge gewährt den Blick auf die Welt der Engel, die aus Bildern besteht, die realer sind, als alles in der physischen Welt. Es ist die platonische Welt der Archetypen, die Corbin als imaginative Welt (»imaginal world«) bezeichnet, im Gegensatz zur »imaginären« Welt der bloßen Phantasie. Read more »

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Die himmlische Sophia. Theosophie X

Mary Plaster, Duluth, Sophia

Die Lehren von der himmlischen Sophia bilden so etwas wie eine zweite Offenbarung neben dem Neuen Testament. Sie sind für die christliche Theosophie zentral, wenngleich sie stets im Geruch einer gewissen Heterodoxie standen. Die historischen Wurzeln liegen im Alten Testament, so gut wie im Neuen – aus ihnen hat sich die christliche und die jüdische Mystik gleichermaßen genährt.

Philo von Alexandria spricht von der Identität der Sophia und des Logos. Der Logos ist der Mittler zwischen den Geschöpfen, so wie die Vokale zwischen den Konsonanten. Die Sophia strömt ewig vom göttlichen Logos aus. Die Tochter Gottes ist aber auch männlich für die Menschen, da sie in den Seelen den Wunsch nach Wissen und Erkenntnis erzeugt.

In den gnostischen Schriften der Bibliothek von Nag Hammadi begegnet die Sophia als die weibliche Zwillingsseele (Syzygie) des Ersten Menschen. Im »Traktat über die Sophia« heißt es: »Ich wünsche, dass du verstehst, dass der Erste Mensch als ›Erzeuger, als Geist der in sich vollkommen ist‹ bezeichnet wird … Sein männlicher Name lautet ›Erster Erzeuger, Sohn Gottes‹, sein weiblicher Name ›Erste Erzeugerin Sophia, Mutter des Kosmos‹. Manche nennen sie Liebe. Nun, das erste Erzeugte wird Christus genannt.«

Auch in der jüdischen Gnosis, im Buch »Bahir«, begegnet die Sophia als Emanation oder göttliche Hypostase. Hier wird zwischen der oberen Sophia, der Weisheit Gottes, und der unteren Sophia, der Weisheit Salomos, unterschieden. Gleichzeitig ist die Sophia mit der Schekinah, der exilierten Gottheit in der Welt verbunden.

Zwischen dem Ersten Menschen, Adam, Sophia und Christus gibt es eine Wesensgemeinschaft. Darstellungen über Adam, Sophia und Christus in der Welt der Engel, über deren Präexistenz, sind in der ismailischen Gnosis und der christlichen Theosophie verbreitet. Für diese spirituellen Strömungen stehen nicht die historischen Figuren oder Daten im Vordergrund, sondern die archetypischen und mystischen, die kosmologischen und metaphysischen Dimensionen. Read more »

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Umwendung des Geistes. Theosophie IX

William Blake Jakobs Leiter

Jede Metaphysik beginnt mit einer Umwendung des Geistes, einer metanoia. Wohin wendet sich der Geist? Er wendet sich einer Offenbarung zu, die für den Verstand und die Sinne nicht erreichbar ist. »Metaphysik« bezeichnet, was jenseits der Physik, jenseits der Kosmologie liegt. Die Zuwendung zum Göttlichen, die metanoia, wird im Deutschen als »Wiedergeburt« bezeichnet. Durch sie öffnet sich der Mensch gegenüber seinem wahren Wesen.

Der Protestantismus hat mit seiner Buchstabengläubigkeit viel zur Verschüttung des ursprünglichen Sinns der »metanoia« beigetragen. Daher muss dieser erst wieder durch Besinnung auf die Quellen hergestellt werden. Für Dionysios Areopagita schloß die metanoia ein geistiges Verlangen, einen Eros ein. Als gefallene Wesen werden wir von der Sinneswelt angezogen und die Umwendung des Geistes besteht darin, dass wir uns wieder Gott in unserem Inneren zuwenden. Der Wendung nach innen liegt ein tiefes Verlangen zugrunde, uns wieder mit Gott zu vereinigen und unser geistiges Wesen zu verwirklichen, dasselbe Verlangen, das auch den Liebenden nach der Vereinigung mit dem Geliebten streben läßt. Die Umwendung des Geistes ist nicht Ablehnung der sinnlichen Welt, sondern Bejahung der übersinnlichen.

Von diesem Verlangen der Kreatur spricht Dionysios in seinem Buch über die »Göttlichen Namen«: »Und daher müssen alle geschaffenen Dinge das Schöne und das Gute verlangen, begehren und lieben. Und wir müssen mutig genug sein, zuzugestehen, dass die Ursache aller Dinge in der Überfülle ihrer Gutheit alle Dinge liebt, dass sie aufgrund dieser Gutheit alle Dinge schafft, und alles zur Vollendung führt, alles zusammenhält und alles wieder zu sich zurückbringt. Das göttliche Verlangen ist das Gute, das das Gute um des Guten willen sucht.« Read more »

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Tempel, Pilger und die Apokalypse des Herzens. Theosophie VIII

Mathias Gerung, Himmlisches Jerusalem

Mathias Gerung, Himmlisches Jerusalem

Der Tempel und der Pilger enthalten laut Arthur Versluis die tiefsten Mysterien der drei Religionen, die auf Jerusalem hinorientiert sind. Das Zentrum des Judentums ist der »geomantische« salomonische Tempel, dessen Geheimnisse später vom christlichen Templerorden inkorporiert wurden, der aufgrund seines Wissens um diese Geheimnisse verfolgt wurde. Das Geheimnis des Tempels hängt mit dem »Ende der Zeiten« zusammen.

Der Pilger ist ein Fremdling in dem Land, das er bereist. Aber dieses Land soll ihm seine heiligen Symbole enthüllen, zuletzt das spirituelle Ziel, nach dem er strebt. Sich als Fremdling in einem Land zu empfinden, drückt dasselbe aus, wie Christi Worte: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Ein Pilger zu sein, bedeutet, mit den Augen des Geistes in die Welt zu sehen und nach den spirituellen Archetypen der Dinge zu suchen.

Auch das Rittertum birgt eine Symbolik in sich. Die Aufgabe der Templer war es, die christlichen Pilger auf ihrem Weg zum heiligen Jerusalem zu schützen. Die Templer stellten als Hüter der Heiligen Stadt für manche weltlichen Herrscher und auch für die katholische Kirche eine Bedrohung dar, beschützten sie doch die individuellen Wege zu den tiefsten Mysterien des Christentums.

In der Symbolik der Templer verbinden sich die spirituellen Welten der Engel und die Kosmologie. Um diese Vereinigung geht es in allen drei abrahamitischen Religionen. Deutlich tritt diese Symbolik in der »Göttlichen Komödie« zutage, wenn Beatrice am Eingang des Paradieses den Pilger Dante an Bernhard von Clairvaux übergibt, der für die Templer eine große Bedeutung hatte. Vor dem Eintritt in das Allerheiligste, das Paradies, wo die Struktur des Kosmos für die außerkosmische Welt durchsichtig wird, tauchen die Templer als Hüter des Tempels und Bernhard, ihr geistiger Führer, auf. Read more »

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Die sanfte Revolution

Foto: Troy Mason

In allen Lebensgebieten arbeiten heute Menschen, die durch das Werk Rudolf Steiners inspiriert sind. Ohne ihn wären ihre Leistungen nicht denkbar.

In der Landwirtschaft und Ökologie führen sie die Spiritualisierung der Beziehung des Menschen zur Erde, zum Pflanzen- und Tierreich an. Sie geben den Geschöpfen und der Erde, die sie als beseelte Wesen betrachten, zurück, was sie ihnen entnehmen. In der Medizin vertreten sie ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Sie fassen den Menschen als geistiges Wesen auf, für das der Leib ein sensibles Instrument der Individualisierung ist. Sie wenden sich gegen automatisierte Heilverfahren, die auf der Voraussetzung beruhen, der Einzelne sei bloß ein Exemplar seiner Gattung. Sie beziehen die vorgeburtliche und nach­todliche Existenz in den Heilprozess ein und erweitern den Horizont der Medizin über das Sinnlich-Sichtbare hinaus. In der Pädagogik plädieren sie für ein freies, selbstverwal­tetes Schulwesen. Sie betrachten Heranwachsende nicht als intelligente Tiere, die dazu domestiziert werden müssen, die Bedürfnisse der Wirtschaft zu befriedigen, sondern als Botschafter der Zukunft, die gekommen sind, uns – die Lehrer, Erzieher und Eltern zu inspirieren. Read more »

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Die Wiedervereinigung der Christentümer und der Heilige Geist. Theosophie VIII

Die Wiedervereinigung der getrennten Christentümer, die Wiedervereinigung der Religionen, hält Versluis weder für möglich, noch für wünschenswert. Wenn, dann kann sie sich nicht im Äußeren, sondern nur im Inneren, auf einer esoterischen Ebene, in jedem Einzelnen vollziehen. Der Theosophie geht es nicht um die äußere Wiedervereinigung, sondern um die innere Umwandlung und Erneuerung. Die Gesellschaft, die ihr vorschwebt, ist eine aus dem Inneren jedes einzelnen Menschen durch den Heiligen Geist erneuerte Gemeinschaft.

Auf diesem inneren Schauplatz allein eröffnet sich die Einsicht in die esoterische Einheit auch der christlichen Konfessionen. Theosophen aus unterschiedlichen Bekenntnissen haben sich in ihrem Ringen um eine Erneuerung des Christentums aus innerer Erfahrung zusammengefunden und sich gegenseitig befruchtet. Und sie haben auch Wahrheiten aus anderen, nicht-christlichen Weisheitsströmungen aufgenommen. Jakob Böhme etwa schöpfte alchemistische Elemente aus der paracelsischen Hermetik, die Hermetik entstand lange vor der christlichen Ära. Gerade die von Konfessionen unabhängige Natur der Hermetik ließ es zu, dass sie von den unterschiedlichsten religiösen Strömungen aufgegriffen wurde. Dies liegt daran, dass sie kosmologische Einsichten enthält, die die Religionen erweitern und nicht mit ihnen im Widerspruch stehen. So wurden laut Böhme die Menschen in Güte und Mitleid erschaffen, durch den Sündenfall entstand in ihnen der Widerstreit zwischen dem Reich des Zorns und dem Reich der Liebe. Wer in seinem Erdenleben vom Zorn beherrscht wird, lebt auch nach seinem Tode in diesem Reich – der Hölle – weiter. Böhme leugnet damit keineswegs die objektive Realität der Hölle, sondern schließt eine Offenbarungslehre mit Hilfe der menschlichen Imagination auf. Wer den Menschen als Mikrokosmos betrachtet, der im Inneren findet, was im Äußeren wirkt, reduziert dadurch nicht das Äußere auf das Innere.

Unter Mystikern unterschiedlichster Herkunft gibt es bemerkenswerte Übereinstimmungen, nicht, weil sie einander historisch beeinflußt hätten, sondern weil sie – so Versluis – aufgrund vergleichbarer Erfahrungen zu vergleichbaren Ansichten gelangten. Insofern kann man von universellen mystischen Wahrheiten sprechen. Eine dieser Wahrheiten betrifft den Menschen und sein Verhältnis zu Gott. Der Mensch ist von Gott geschaffen, um ihn zu erkennen. Dies tut er im Gebet und in der Andacht. Obwohl Gott in seinem tiefsten Grunde für den Menschen nicht ergründbar ist, da seine überwesentliche Wesensfülle mit Begriffen nicht ausgedrückt werden kann, sollte er sich ihm doch mit seinem ganzen Wesen – auch fühlend und wollend – zuwenden.

Der Mensch ist von allen Lebewesen das einzige, das imstande ist, zu beten und Erde und Himmel miteinander zu verbinden. (Genauer betrachtet, sind sie für alle anderen Kreaturen gar nicht getrennt). Dies ist auch der Sinn der Lehre von der Inkarnation, mit der die »Erlösung« – die Wiedervereinigung von Himmel und Erde – verbunden ist.

Sehr schön bringen dies Sätze des Heiligen Patrick zum Ausdruck: »Unser Gott ist der Gott aller Menschen, der Gott der Himmel und der Erde, des Meeres und der Flüsse, der Sonne, des Mondes und der Sterne, der erhabenen Berge und tiefen Täler, der Gott über den Himmeln, in den Himmeln und unter dem Himmel. Seine Wohnung ist überall, im Himmel und auf Erden, im Meer und allem was es belebt. Er erfüllt alles mit seinem Geist, belebt alles, beherrscht alles und erhält alles im Dasein.«

Die Menschheit ist geschaffen, um diese Wahrheit auf Erden zu erkennen und die Erkenntnis dieser Wahrheit ist die Erlösung, die spirituelle Befreiung der Natur, das Geheimnis der Inkarnation, der göttlichen, wie der menschlichen. Spirituelle Wahrheiten können nicht erklügelt werden. Als bloße Informationen sind sie wertlos. Man muss sie erfahren. Dies meint auch Meister Eckhart, wenn er sagt, dass die Seligkeit nicht darin bestehe, zu wissen, dass man Gott erkenne. Vielmehr trete der Zustand der Seligkeit ein, wenn sich die ganze Seele Gott zuwende, wenn sie ihr ganzes Sein und Leben aus dem göttlichen Ungrund empfange, wenn sie weder wisse, dass sie wisse, noch dass sie liebe oder sonst etwas tue.

Auch Jakob Böhme spricht von der Unfähigkeit der natürlichen Vernunft, das übernatürliche Wesen Gottes zu erfassen. Und Maximus der Bekenner schreibt aus der Sicht der östlichen Orthodoxie, erst wenn sich der Intellekt von allem befreit habe, was geschaffen sei und sich Gott als Opfer darbringe, dann vereinige sich der Mensch mit Gott, verschmelze durch den Heiligen Geist mit ihm und bekleide sich mit dem Bilde des Himmels. Immer wieder kommt das östliche Christentum darauf zurück, »dass Gott Mensch wurde, damit der Mensch vergöttlicht werde«. Diese Anschauung hält Versluis für zentral in allen christlichen Mystiken. Nicht um das niedere Selbst gehe es dabei, sondern um das höhere, oder eben, um die Umwandlung des niederen, mit Leidenschaften und Begierden behafteten, in das höhere Selbst, um das »Seelenfünklein«, den göttlichen Funken, den jedes menschliche Wesen in sich trage, möge er auch noch so tief vergraben sein unter den Wolken der Leidenschaften. Nicht indem er wie Luzifer sich selbst erhöht, vergöttlicht sich der Mensch, sondern indem er sich selbst verneint und der erleuchtenden und erwärmenden Gnade Einlaß in sein Herz und seinen Geist gewährt.

Diese Grundüberzeugung findet man in der christlichen Mystik, gleich welcher Konfession: der Einzelne soll sein Leben ordnen, nach innen gehen, und die vergöttlichende Gnade erfahren. Was für das Leben des Einzelnen gilt, gilt auch für die Gemeinschaft der Menschen, für ihre soziale Verbindung. So wie der Einzelne das königliche Element in sich zur Herrschaft bringen soll, soll es auch in der Gemeinschaft herrschen.

Daher kann das theosophische Ideal einer Gesellschaft auch nicht mit irgendeiner Form des Totalitarismus in Zusammenhang gebracht werden, denn im Totalitarismus setzt sich der Mensch an die Stelle Gottes.

Versluis unterscheidet im Sinne der Theosophie zwei Arten von Staaten: solche, in denen die Ordnung von innen kommt, und solche, in denen sie von außen kommt. Die erste ist theokratisch: die Quelle ihrer Dauer ist übermenschlich, geistig; die zweite ist totalitär, eine »Parodie« der Theokratie – sie wird durch unmenschliche Gewalt zusammen gehalten. Theokratien findet man am Anfang der Geschichte: sie selbst haben häufig Prophetien hervorgebracht, in denen vom Ende der Geschichte, vom Erscheinen des Antichristen, des Pervertierers der rechtmäßigen Ordnung die Rede ist. Versluis sieht in den totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts solche Perversionen.

Theokratien kommen in der heutigen Welt nur noch in herabgesunkener Form vor, wie in der islamischen Welt, wo sie mit Gewalt und Unterdrückung verbunden sind, oder sie werden von anderen Regimen zerstört, wie Tibet. Zu früheren Zeiten der Menschheitsgeschichte gab es vollkommenere Formen der Theokratie. So wie der spirituelle Mensch ist auch der spirituelle Staat an einer zentralen religiösen Achse ausgerichtet, deren Licht alle Erscheinungen seines Lebens durchdringt. Diese Achse manifestiert sich im Priestertum und im Königtum. Die geistige Autorität strahlt vom Priestertum aus, das die Verbindung zur göttlichen Welt pflegt, das Königtum empfängt seine Autorität über die weltlichen Dinge aus dieser Quelle. Das Königtum hat die spirituelle Praxis der Priesterschaft zu sichern, ohne die es keine Existenzberechtigung hätte. Ein theokratisches Königreich dient, so Versluis, allein dem Zweck, Heilige zu erschaffen.

In der Moderne tendiert jedoch die theokratische Ordnung zur Despotie und die Religion zum Fanatismus. Die Moderne hat die Mittel hervorgebracht, um eine Massengesellschaft mit einer säkularen Staatsreligion zu schaffen, die mit Hilfe der Technologie manipuliert und beherrscht wird. In einer solchen Despotie ginge es vermutlich den Anhängern traditioneller Religionen am schlechtesten. Am mittelalterlichen Europa oder Byzanz läßt sich ablesen, wie eine authentische christliche Gesellschaft funktionierte. Zwar sehen wir in ihnen heute auch destruktive Elemente wirken, wie die Inquisition oder die Korruption des Papsttums, dennoch besaßen diese Gesellschaften eine Art von Stabilität, die unseren modernen Gesellschaften fremd ist. Beherrscht vom Interesse am geistigen Wohlergehen förderten sie das religiöse Leben und waren sowohl gegenüber der Natur als auch gegenüber dem Menschen weniger destruktiv als die meisten modernen Gesellschaften.

Die Vorstellungen der Theosophen waren allerdings weitaus radikaler, als die mancher Konservativer, die sich ins Mittelalter zurücksehnen. Denn sie waren der Auffassung, das Reich Gottes sei auf Erden vorhanden, die Menschen sähen es nur nicht. Jeder müsse Christus nachleben und dies sei der einzige Weg, um des Himmels auf Erden gewahr zu werden. Dazu reicht ein Appell an das Gewissen, wie ihn der Protestantismus bevorzugt, nicht aus. Die theosophische Botschaft ist die des Heiligen Geistes. Und dieser Heilige Geist will auf mystischem Wege erfahren werden. Nur indem er die Einzelnen vergöttlicht, vergöttlicht sich durch ihr Zusammenwirken die Gemeinschaft. Daher sollten sich die spirituellen Menschen laut Böhme auch nicht um die Laster der anderen sorgen, sondern um ihr eigenes spirituelles Leben. Denn nicht darauf komme es an, ob wir andere von unseren Ansichten überzeugen können, sondern darauf, wie sehr es uns gelinge, selbst ein spirituelles Leben zu führen. Je mehr der Einzelne zu einem Werkzeug der Liebe und Gnade wird, um so mehr vermag er im Sinne von Liebe und Gnade zu wirken. So versteht die orthodoxe Kirche Ritual und spirituelle Praxis: sie strahlen auf das Land und die Menschen aus, die es bewohnen. So sieht auch die griechische Mythologie die Bedeutung des hymnischen Gesangs, der in der Sage von Orpheus die Steine und die Götter erweicht. Die Theosophen glaubten an die geistige Kraft der Einzelnen und daran, dass der Himmel wiegt und nicht zählt.

Versluis ist der Überzeugung, dass die »relative Harmonie« alter Zivilisationen mit der Präsenz und dem Wirken von Menschen zusammenhing, die dem Göttlichen zugewandt waren und ihr Leben in dessen Dienst stellten. Und möglicherweise hängt die Tatsache, dass unsere Welt bis heute existiert, mit der Existenz solcher Menschen zusammen.

Die Theosophie jedenfalls glaubt an die Existenz solcher Gerechten und strebt an, die vollkommene Gemeinschaft auf Erden zu realisieren, deren Voraussetzung die Verwirklichung von Christi Vorbild durch jeden einzelnen Menschen ist. Nach dessen Vorbild zu leben, bedeute, dem Materialismus zu entsagen und sich der himmlischen Welt zuzuwenden. So verstand sich auch die Gemeinschaft der Philadelphier – nach der Gemeinde in der Offenbarung Johannis – als wahre Gemeinde Christi, die sich der freien Gnadengabe Gottes in einer Zeit der Finsternis zuwandte. Dies zeichnet Theosophen aus: sie sind überzeugt davon, dass die Welt durch den Heiligen Geist bereits verwandelt ist, dass die Menschen aber versäumt haben, dies zu erkennen.

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Prometheus und die Heilige Erde

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Der »Klimawandel« ist in aller Munde. Wem die Lehren der Vergangenheit noch nicht genügt haben, der wird die Einsicht nicht mehr beiseite schieben können: Wir Menschen haben eine Verantwortung für die Erde. Wir beeinflussen durch unser Leben das ihre und sie wirkt wieder auf unser Leben zurück. Mensch und Erde, Kultur und Natur sind nicht voneinander getrennt – sie bilden eine Einheit. Was in den vergangenen Jahrhunderten verdrängt wurde: das Wissen von dieser Einheit, es kommt zu uns zurück. Es gehörte zum gemeinsamen Besitz aller Völker, ehe der prometheische Mensch der Neuzeit es für veraltet erklärte.

Mit seiner Verankerung in der Erde hat Prometheus, der Selbstermächtiger, auch die spirituelle Weisheit von der Natur aus seinem Herzen gerissen. Von ihm kann keine Rettung kommen. Denn Prometheus sucht und findet nur prometheische Lösungen. Aber die Weisheit lebte fort, jenseits der technologischen Bahnen, auf denen die moderne Zivilisation ihrer Selbstzerstörung entgegenrast, wie ein Schnellzug, dessen Bremsen versagen.

In diesem Buch soll von einer Weisheit erzählt werden, die nicht prometheisch, sondern im besten Sinn epimetheisch ist. Von einer Weisheit, die aus einem tiefen Sinnen über die Natur hervorgegangen ist und bis heute hervorgeht. Noch immer ist sie bei naturreligiösen Völkern vorhanden. Solche Völker, manchmal nur kleine Gruppen von Menschen, betrachten bis zum heutigen Tag die Erde als heilig.

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Allgemein

Buddha, Hegel und die globale Finanzkrise

Verblendung erzeugt Gier und Gier erzeugt Hass. Das ist die Weltformel Buddhas, der die endgültige Erlösung des Menschen vom Kreislauf der Wiedergeburten lehrte.

Die Verblendung besteht darin, dass der Geist die Urwahrheit nicht durchschaut, dass Leben Leiden ist. Mangelnde Einsicht führt zur Verblendung, zur Illusion, das Leben währe ewig, Schmerz sei vermeidbar, die Jugend kein Vorbote von Krankheit und Alter. All diese Illusionen erzeugen Gier: Gier nach dem Leben, Gier nach Genuss, nach Lust, nach Reichtum und Besitz, nach Macht und so weiter. Aus der unbefriedigten Begierde entspringt Hass: Hass auf die anderen, die besser wegkommen, Hass auf die, die einem die Befriedigung der Begierde nicht gewähren. Und Hass erzeugt Gewalt und Leid. Ein unerbittlicher Kreislauf, der Schuld und schlechtes Karma bewirkt und zur Wiedergeburt zwingt, um die Schuld auszugleichen, die man aus fehlender Einsicht auf sich geladen hat.

Die Erleuchtung stellt sich ein, wenn der Geist die Nichtigkeit dieses ganzen Theaters durchschaut, als ein Erzeugnis des Leibes und der Sinne, die aber letztlich auch Phantasmen im großen Illusionstheater sind. Wer es am Ende erzeugt, ist schleierhaft, denn auch das Ich und der Geist sind Illusionen, die einem Mangel an Erleuchtung entspringen. Es ist auch bedeutungslos, denn die erlösende Erkenntnis erlöst auch von den Scheinfragen der Philosophie und Metaphysik. Begriffe und Denkformen sind ebenso Illusionen, wie die Sinnesgegenstände, auf die sie sich beziehen. Erst die Vernichtung der letzten Illusion öffnet das Tor zum Nirvana, dem endgültigen Erlöschen. Read more »

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Die Natur als Erscheinung Gottes. Theosophie VII

Zwar wird vielfach das Christentum für die Naturfeindlichkeit der Moderne verantwortlich gemacht, weist doch schon die Genesis den Menschen an, Herrschaft über sie auszuüben. Doch dies, so Versluis, sei ein Irrtum. In Wahrheit liege der Ursprung der Moderne gerade in der Zurückweisung und Überwindung der jüdisch-christlichen Tradition zugunsten des »wissenschaftlichen Ratiozentrismus«. Das Christentum dagegen habe stets ein esoterisches Verständnis der Natur als Erscheinung des Heiligen in sich getragen.

Insbesondere der Protestantismus mit seiner Bilderfeindlichkeit und seinem Individualismus wird für die Heraufkunft der profanen Moderne, für die Industrialisierung und den Kapitalismus haftbar gemacht. Doch ignoriere dieses Argument vollkommen die theosophische Strömung, die ein Gegengewicht gegen genau diese Tendenzen darstellte. Der Protestantismus zerstörte nicht nur den katholischen Zeremonialismus und dessen Ikonografie, sondern er schuf auch die reiche innere Bilderwelt des Rosenkreuzertums, Jakob Böhmes und der Theosophie.

Gegen diese Erinnerung unseres Autors ließe sich allerdings einwenden, dass dieser Wiedereinbruch der Bilder in den Protestantismus nicht zwingend diesem selbst zugeschrieben werden muss, sondern auch als eine Rekatholisierung interpretiert werden könnte, die sich auf dem Gebiet der mystischen Erfahrung und medialen Kommunikation vollzog. Die theosophische Gegenbewegung gegen den Protestantismus innerhalb des Protestantismus war keine genuin protestantische Innovation, sondern eine allgemeinkulturelle Gegenreaktion gegen dessen Einseitigkeiten. Read more »

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Liebe ermöglicht Erkenntnis

Zwei Ideen sind es – oder sollten wir besser sagen Weltmächte? – um die Rudolf Steiners Biographie kreist: das Erkennen und die Freiheit.

Das Erkennen gründet und gipfelt in der Freiheit. Die Quelle und die Vollendung der Freiheit ist die Liebe.

Das Erkennen besaß für Steiner immer eine mystische, religiöse Dimension: Sein Vollzug ist erstlich und letztlich Theophanie. »Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen« (GA 1, 1887). »Das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott« (GA 4, 1893). »Die Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte« (GA 26, 1924).

Die Essenz der Freiheit ist die Liebe, die Hingabe, die Demut – auch sie weisen über die isolierte diesseitige Existenz hinaus und schließen den Menschen mit etwas zusammen, das größer ist als er selbst. »Nicht indem der Mensch irgendwelchen Geboten des Weltenlenkers nachforscht, handelt er nach dessen Absichten, sondern indem er nach seinen eigenen Einsichten handelt. Denn in ihnen lebt sich jener Weltenlenker dar« (GA 2, 1886). »Nur eine Handlung aus Liebe kann eine sittliche sein … Nur derjenige, den die Liebe zum Tun, die Hingabe an die Objektivität leitet, handelt wahrhaft frei« (GA 1, 1887). »Das Ereignis von Golgatha ist die freie kosmische Tat der Liebe innerhalb der Erdengeschichte; sie ist auch nur erfassbar für die Liebe, die der Mensch zu diesem Erfassen aufbringt« (GA 26, 1924).

Wer das öffentliche Leben Rudolf Steiners überblickt, wird leicht sehen, dass die treibende Kraft in der ersten Hälfte seines Lebens (von 1883 bis 1904) die Idee des Erkennens ist, und dass die zweite Hälfte (1904-1925) von der Idee der Liebe beherrscht wird. Die beiden Lebenshälften von je 21 Jahren spiegeln sich an einer vertikalen Achse, die im Jahr 1904 liegt. Dies ist die Achse, an der im Leben Rudolf Steiners das Ewige ins Zeitliche einbricht und das Zeitliche vor dem Angesicht des Ewigen, des Ewig-Gegenwärtigen steht: »Auf das geistige Gestanden-Haben vor dem Mysterium von Golgatha in innerster, ernstester Erkenntnis-Feier kam es bei meiner Seelenentwicklung an« (GA 28, 1923). Read more »

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