Orwells Grammatik 2.0

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George Orwell, 1903-1950.

George Orwell, 1903-1950.

Vor genau 70 Jahren ist Orwells kleine Grammatik des Neusprech erschienen[1]. Wie die Dystopie, der sie angehängt war, wurde sie inzwischen von der Realität überholt. Zeit also für ein Update.

Das Neusprech war die in Transatlantien eingeführte Amtssprache und zur Deckung der ideologischen Bedürfnisse des Ökosoz[2] erfunden worden. Es hatte nicht nur den Zweck, ein Ausdrucksmittel für die Weltanschauung und geistige Haltung zu sein, die den Anhängern des Ökosoz allein angemessen war, sondern darüber hinaus jede Art anderen Denkens auszuschalten.

Wenn das Neusprech erst ein für allemal angenommen und die Altsprache vergessen worden war (etwa im Jahr 2050), sollte sich ein unorthodoxer – d. h. ein von den Glaubenssätzen des Ökosoz abweichender – Gedanke buchstäblich nicht mehr denken lassen, wenigstens insoweit Denken eine Funktion der Sprache ist.

Der Wortschatz des Neusprech war so konstruiert, dass jeder Mitteilung, die ein Mitglied der Gesellschaft machen durfte, eine genaue und oft sehr differenzierte Form verliehen werden konnte, während alle anderen Inhalte ausgeschlossen wurden, ebenso wie die Möglichkeit, etwa auf indirekte Weise das Gewünschte auszudrücken. Das wurde teils durch die Erfindung neuer, hauptsächlich aber durch die Ausmerzung unerwünschter Worte erreicht und indem man die übriggebliebenen Worte so weitgehend wie möglich jeder unorthodoxen Nebenbedeutung entkleidete.

Ein Beispiel hierfür: das Wort frei gab es zwar im Neusprech noch, aber es konnte nur in Sätzen wie »Dieser Hund ist frei von Flöhen«, oder »Dieses Feld ist frei von Unkraut« angewandt werden. In seinem alten Sinn von »politisch frei« oder »geistig frei« konnte es nicht gebraucht werden, da es diese politische oder geistige Freiheit nicht einmal mehr als Begriff gab und infolgedessen auch keine Bezeichnung dafür vorhanden war.

Eine Sonderform des Neusprech war Gendersprech, ein Soziolekt, der an Universitäten entwickelt worden war, um angeblich die Gerechtigkeit zu fördern, in Wahrheit jedoch das Gegenteil bewirkte. Dieser Soziolekt brachte – entgegen der ursprünglichen Absicht, die Sprache radikal zu vereinfachen – byzantinische Wortformen wie BürgermeisterInnen, zu Fuß Gehende, Flüchtende oder Studierende hervor. Trotz seiner sprachökonomischen Schädlichkeit wurde er von der Tiefenelite geduldet, ja sogar gefördert, da er eine weitere erwünschte Möglichkeit der Kontrolle der Bevölkerung darstellte und die Illusion aufrecht erhielt, jene würde sich für Gerechtigkeit einsetzen.

Das Neusprech war auf der vorhandenen Sprache aufgebaut, obwohl viele Neusprechsätze, auch ohne neu erfundene Worte zu enthalten, für einen Menschen des Jahres 1989 kaum verständlich gewesen wären. Der Wortschatz war in drei deutlich abgegrenzte Klassen eingeteilt, die im Folgenden gesondert behandelt werden. Für die rein grammatikalischen Besonderheiten gilt jedoch das unter Wortschatz A Gesagte für alle drei Kategorien.

Der Wortschatz A bestand aus den für das tägliche Leben benötigten Worten – für Dinge wie Essen, Trinken, Arbeiten, Anziehen, Treppensteigen, Eisenbahnfahren, Kochen u. dgl. Er war fast völlig aus bereits vorhandenen Worten zusammengesetzt, wie z. B. fighten, joggen, chatten, Food, Fitness, Sex, Alk – aber mit dem heutigen Wortschatz verglichen, war ihre Zahl äußerst klein und ihre Bedeutung viel strenger umrissen. Sie waren von jedem Doppelsinn und jeder Bedeutungsschattierung gereinigt.

Es wäre ganz unmöglich gewesen, sich des Wortschatzes A etwa zu literarischen Zwecken oder zu einer politischen oder philosophischen Diskussion zu bedienen. Er war nur dazu bestimmt, einfache, zweckbestimmte Gedanken auszudrücken, bei denen es sich gewöhnlich um konkrete Dinge oder physische Vorgänge handelte.

Ein Merkmal der Neusprech-Grammatik war die fast vollständige Austauschbarkeit unter den verschiedenen syntaktischen Bestandteilen. Jedes Wort konnte sowohl als Verb, Substantiv, Adjektiv oder Adverb verwendet werden. Verben und Substantive hatten dieselbe Form, wenn sie die gleiche Wurzel hatten, ja selbst wo kein etymologischer Zusammenhang vorhanden war. Es gab zum Beispiel kein Wort für schneiden, da seine Bedeutung schon hinreichend durch das Hauptwort Messer gedeckt war. Verben wurden aus Substantiven gebildet, aus Messer wurde messern. Adjektive wurden gebildet, indem man dem Substantiv die Nachsilbe -voll, Adverbien, indem man -weise anhängte (messervoll, messerweise).

Jedes Wort konnte durch Voranstellung von anti- in sein Gegenteil umgewandelt oder durch die Voranstellung von plus- oder doppelplus- gesteigert werden. So bedeutete beispielsweise antisex »Ablehnung von Sexualität«, während plussex oder doppelplussex »heißen Sex« oder »besonders heißen Sex« bedeuteten. Auch war es möglich, die Bedeutung fast jeden Wortes durch die Voranstellung von vor-, nach-, ober-, unter- usw. abzuwandeln. Diese Methode ermöglichte es, den Wortschatz ganz gewaltig zu vermindern.

Das zweite hervorstechende Merkmal der Neusprech-Grammatik war ihre Regelmäßigkeit. Abgesehen von einigen nachfolgend erwähnten Ausnahmen folgten alle Beugungen derselben Regel. Bei allen Verben waren das Imperfekt und das Partizip der Vergangenheit identisch und endeten auf -te. Das Imperfekt von stehlen war stehlte, von denken denkte usw., während alle Formen wie dachte, schwamm, brachte, sprach, nahm abgeschafft waren.

Die einzigen Wortarten, die weiterhin unregelmäßig gebeugt werden durften, waren die Pronomina und die Hilfsverben. Ein Wort, das schwer auszusprechen oder leicht misszuverstehen war, galt eo ipso als etwas Schlechtes: deshalb wurden gelegentlich um des Wohlklangs willen Buchstaben in ein Wort eingeschoben oder veraltete Formen beibehalten.

Aber diese Notwendigkeit machte sich vor allem in Zusammenhang mit Wortschatz B bemerkbar.

Der Wortschatz B bestand aus Worten, die absichtlich zu politischen Zwecken gebildet worden waren, d. h. die nicht nur in jedem Fall auf einen politischen Sinn abzielten, sondern dazu bestimmt waren, den Benutzer in die gewünschte Geistesverfassung zu versetzen. Diesem Wortschatz gehörten auch alle Sonderformen des Gendersprech an, obwohl sie gegen die Einfachheits- und die Aussprechbarkeitsregel verstießen.

Ohne tiefere Vertrautheit mit den Prinzipien des Ökosoz war es schwierig, diese Worte richtig zu gebrauchen. In manchen Fällen konnte man sie in die Altsprache oder sogar in Worte aus dem Wortschatz A übersetzen, aber dazu war gewöhnlich eine lange Umschreibung notwendig, und unweigerlich gingen dabei gewisse Schattierungen verloren. Die B-Worte waren eine Art Stenographie, mit der man oft eine ganze Gedankenreihe in ein paar Silben zusammenfassen konnte. Ihre Formulierungen waren zugleich genauer und zwingender als die gewöhnliche Sprache.

Die B-Worte waren immer zusammengesetzt. Sie bestanden aus zwei oder mehr Worten oder Wortteilen, die zu einer leicht aussprechbaren Form zusammengezogen waren. Die erzielte Verschmelzung war zunächst immer ein Substantiv, von dem dann in der üblichen Weise weitere Worte abgeleitet wurden. Beispiel: das Wort Gutdenk bedeutete gemeinhin »orthodoxe Haltung, Strenggläubigkeit«, als Verb »in orthodoxer Weise denken« (Vergangenheit gutdenkte); als Adjektiv gutdenkvoll; als Adverb gutdenkweise; als aktives Substantiv Gutdenker. (Ebenso verhielt es sich mit Gutmensch: gutmenschte, gutmenschvoll, gutmenschweise und Gutmenscher).

Der Stamm der B-Worte konnte Bestandteilen jeder Wortart angehören, die in jeder Reihenfolge angeordnet und beliebig verstümmelt werden konnten, um ein leicht aussprechbares neues Wort zu bilden. In dem Worte Antidenk (Verstoß gegen die Politische Korrektheit) z. B. stand denken an zweiter Stelle, während es in Denkpoli (Gedankenpolizei) an die erste Stelle kam, wobei das Wort Polizei seine dritte Silbe einbüßte.

Manche B-Worte hatten eine höchst differenzierte Bedeutung, die jemandem, der nicht mit der Sprache im Ganzen vertraut war, kaum verständlich wurde. Als Beispiel diene ein typischer Satz aus dem Leitartikel des Münchner Beobachters: Altdenker antiintusfühl Ökosoz. Die kürzeste Wiedergabe, die davon in der Altsprache möglich gewesen wäre, hätte lauten müssen: »Die alten weißen Männer, deren Weltanschauung sich vor der Großen Transformation geformt hat, können die Prinzipien des neuen Ökologischen Sozialismus nicht wirklich von innen heraus verstehen.« Aber das ist keine ausreichende Übersetzung. Man müsste eigentlich, um die volle Bedeutung des oben angeführten Neusprechsatzes zu verstehen, erst eine genaue Vorstellung von dem haben, was mit Ökosoz gemeint war. Dazu kommt, dass nur ein völlig im Ökosoz aufgegangener Mensch die ganze Kraft des Wortes intusfühl nachzuempfinden vermag, das eine blinde, fanatische Hingabe bezeichnete, die man sich nur schwer vorstellen kann, desgleichen das Wort Altdenk, das untrennbar mit der Vorstellung von moralischer Bösartigkeit und Entartung verknüpft war.

Wie wir bereits bei dem Wort frei gesehen haben, wurden Worte, die früher einen ketzerischen Sinn hatten, manchmal aus Bequemlichkeitsgründen beibehalten – aber nur, nachdem man sie von ihren unerwünschten Bedeutungen gereinigt hatte. Zahlreiche Worte wie Ehe, Mutter, Vater, Geschlecht, Rasse, Volk, Souverän oder Individualität gab es ganz einfach nicht mehr. Sie waren durch ein paar Oberbegriffe ersetzt und damit hinfällig geworden. Alle mit den Begriffen der Freiheit und des Rechts zusammenhängenden Worte z. B. waren in dem einzigen Wort Antidenk enthalten, während alle um die Begriffe Allgemeingültigkeit und Vernunft kreisenden Worte sämtlich in dem Wort Altdenk inbegriffen waren. Eine größere Genauigkeit wäre gefährlich gewesen.

Kein Wort des Wortschatzes B war ideologisch neutral. Eine ganze Anzahl hatten den Charakter reiner sprachlicher Tarnung und waren einfach Euphemismen. So bedeuteten z. B. Worte wie Verkehrswende (= Abschaffung des Individualverkehrs) oder Energiewende (= Zerstörung der gesicherten Energieversorgung) fast das genaue Gegenteil von dem, was sie zu besagen schienen, dasselbe galt für Antifa, das in Wahrheit Faschismus bedeutete. Ebenso verbreitet war das Wort Antirassismus, das die Fortsetzung des Rassismus unter umgekehrten Vorzeichen verschleierte. Andere Worte, wie beschämend, empörend, verharmlosend, menschenverachtend wurden mit neuer politischer Bedeutung aufgeladen und besonders im Zusammenhang mit den täglichen Hassminuten und der wiederkehrenden Hasswoche benutzt, um die Gesellschaft zu hysterischen Ausbrüchen des Ekels und Abscheus gegen Altdenker anzustacheln. Einige Worte zeigten in verräterischer Offenheit eine verächtliche Kenntnis der wahren Natur der transatlantischen Verhältnisse. Ein Beispiel dafür war Prolfutter, womit man die armseligen Lustbarkeiten und Fakenews meinte, mit denen die Massen von der transatlantischen Tiefenelite abgespeist wurden. Andere Worte, wie z. B. Engagement, Kampf oder Hass, hatten eine Doppelbedeutung, sie bedeuteten etwas Gutes, wenn sie auf die Ziele jener Elite, und etwas Schlechtes, wenn sie auf deren Feinde angewandt wurden. Aber außerdem gab es noch eine große Anzahl von Worten, die auf den ersten Blick wie einfache Abkürzungen aussahen und ihre ideologische Färbung nicht von ihrer Bedeutung, sondern von ihrer Zusammensetzung bekamen.

Soweit wie möglich wurde alles, was irgendwie politische Bedeutung hatte oder haben konnte, dem Wortschatz B angepasst. Der Name jeder Organisation oder Gemeinschaft, jedes Dogmas, jedes Landes, jeder Verordnung, jedes öffentlichen Gebäudes wurde unabänderlich auf den gewohnten Nenner gebracht: in die Form eines einzigen, leicht aussprechbaren Wortes mit möglichst geringer Silbenzahl, von dem man die ursprüngliche Ableitung noch ablesen konnte. Im Wahrheitsministerium z. B. wurde die Registratur-Abteilung Regab genannt, die Literatur-Abteilung Litab, die Televisor-Programm-Abteilung Telab, die Soznet[3]-Abteilung Sozab usw.

Das geschah nicht nur aus Gründen der Zeitersparnis. Schon in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts waren solche zusammengezogenen Worte charakteristisches Merkmal der politischen Sache gewesen; wobei es sich gezeigt hatte, dass die Tendenz, solche Abkürzungen zu benutzen, in totalitären Ländern und bei totalitären Organisationen am ausgeprägtesten war (Nazi, Gestapo, Komintern, Agitprop, Antifa).

Zunächst war das Verfahren offenbar ganz unbewusst und zufällig in Gebrauch gekommen, im Neusprech aber wurde es vorsätzlich angewandt. Man hatte erkannt, dass durch solche Abkürzungen die Bedeutung einer Bezeichnung eingeschränkt und unmerklich verändert wurde, indem sie die meisten der ihr sonst anhaftenden Gedankenverbindungen verlor. Die Worte Kommunistische Internationale z. B. erwecken das Bild einer weltumspannenden Menschheitsverbrüderung, von roten Fahnen, Barrikaden, Karl Marx und der Pariser Kommune. Das Wort Komintern dagegen lässt lediglich an eine eng zusammengeschlossene Organisation und eine deutlich umrissene Gruppe von Anhängern einer politischen Doktrin denken; es umreißt etwas, das fast so leicht zu erkennen und auf seinen Zweck zu beschränken ist wie ein Stuhl oder ein Tisch. Komintern ist ein Wort, das man fast gedankenlos gebrauchen kann, während man über die Bezeichnung Kommunistische Internationale schon einen Augenblick nachdenken muss. Ebenso sind die Assoziationen, die durch ein Wort wie NGO hervorgerufen werden, geringer an Zahl und leichter kontrollierbar als bei der Bezeichnung Nicht-Regierungs-Organisation. Das erklärt nicht nur die Gewohnheit, bei jeder nur möglichen Gelegenheit Abkürzungen oder Akronyme zu gebrauchen, sondern auch die fast übertriebene Sorgfalt, die darauf verwendet wurde, für jedes dieser Worte eine bequem aussprechbare Form zu finden.

Es überwog im Neusprech deshalb die Rücksicht auf leicht eingehenden Wohlklang jede andere Erwägung, außer der Genauigkeit der Bedeutung; grammatische Regeln mussten immer zurücktreten, wenn es erforderlich schien. Und das mit Recht, denn man benötigte – vor allem für politische Zwecke – unmissverständliche Kurzworte, die leicht ausgesprochen werden konnten und im Denken des Sprechers ein Minimum an Gedanken und ein Maximum an Emotionen wachriefen. Die einzelnen Worte des Wortschatzes B gewannen noch an Ausdruckskraft dadurch, dass sie einander fast alle sehr ähnlich waren. Sie waren fast immer zwei-, höchstens dreisilbig (Gutdenk, Soznet, Nazi, Ökosoz, Intusfühl, Denkpoli, Antifa, Fascho, Antidenk, Klimaleug), wobei die Betonung ebenso häufig auf der ersten wie auf der letzten Silbe lag. Durch ihre Verwendung entwickelte sich ein bestimmter rednerischer Stil, der zugleich zackig, hohltönend und monoton war.

Der Wortschatz C bildete eine Ergänzung der beiden vorhergehenden und bestand lediglich aus wissenschaftlichen und technischen Fachausdrücken. Diese ähnelten den früher gebräuchlichen und leiteten sich aus den gleichen Wurzeln ab, doch ließ man die übliche Sorgfalt walten, sie streng zu umreißen und von unerwünschten Nebenbedeutungen zu säubern. Sie folgten den gleichen grammatikalischen Regeln wie die Worte in den beiden anderen Wortschätzen. Sehr wenig C-Worte tauchten in der politischen Sprache oder der Umgangssprache auf. Jeder wissenschaftliche Arbeiter oder Techniker konnte alle von ihm benötigten Worte in einer für sein Fach aufgestellten Liste finden, während er selten über eine mehr als oberflächliche Kenntnis der in den anderen Listen verzeichneten Worte verfügte. Nur einige wenige Worte standen auf allen Listen, doch gab es kein Vokabular, das die Funktion der Wissenschaft unabhängig von ihren jeweiligen Zweigen als eine geistige Einstellung oder Denkungsart ausgedrückt hätte, ja es gab nicht einmal ein Wort für »Wissenschaft«, da jeder Sinn, den es hätte haben können, bereits hinreichend durch das Wort Ökosoz umschrieben war.

Es war also im Neusprech so gut wie unmöglich, verbotenen Ansichten, über ein sehr niedriges Niveau hinaus, Ausdruck zu verleihen. Man konnte natürlich ganz grobe Ketzereien wie einen Fluch aussprechen. Man hätte z. B. sagen können: Ökosoz ist antigut. Aber diese Feststellung, die für ein orthodoxes Ohr lediglich wie ein handgreiflicher Unsinn geklungen hätte, durch Vernunftargumente zu stützen, wäre ganz unmöglich gewesen, da die nötigen Worte dafür fehlten. Im Jahre 2019, zu einer Zeit also, da die Altsprache noch das normale Verständigungsmittel war, bestand theoretisch immer noch die Gefahr, dass man sich bei der Benutzung von Neusprechworten an ihren ursprünglichen Sinn erinnern konnte. In der Praxis war es für jeden im Doppeldenk geschulten Menschen natürlich nicht schwer, das zu vermeiden, aber schon nach zwei weiteren Generationen würde auch die bloße Möglichkeit einer solchen Entgleisung überwunden sein. Ein mit dem Neusprech als einzigem Verständigungsmittel aufwachsender Mensch würde nicht mehr wissen, dass gleich einmal die Nebenbedeutung von »politisch gleichberechtigt« gehabt oder dass frei einmal »geistig frei« bedeutet hatte, genausowenig wie ein Mensch, der noch nie etwas vom Auto gehört hat, die darauf bezüglichen Nebenbedeutungen von Zündkerze und Gaspedal kennen kann.[4] Viele Verbrechen und Vergehen würde dieser Mensch nicht mehr begehen können, weil er keinen Namen mehr dafür hatte und sie sich deshalb gar nicht mehr vorstellen könnte.

Es war vorauszusehen, dass im Lauf der Zeit die Besonderheiten des Neusprech immer mehr hervortreten würden – es würde immer weniger Worte geben und deren Bedeutung immer starrer werden. Auch würde die Möglichkeit, sie zu unlauteren Zwecken zu gebrauchen, ständig geringer werden.

Sobald die Altsprache ein für allemal verdrängt war, war auch das letzte Bindeglied mit der Vergangenheit dahin. Die Geschichte war bereits umgeschrieben worden, doch gab es da und dort unzureichend zensierte Bruchstücke aus der Literatur der Vergangenheit, und solange jemand die Altsprache verstand, war es möglich, sie zu lesen. In der Zukunft würden solche Fragmente, auch wenn sie zufälligerweise erhalten blieben, unverständlich und unübersetzbar sein. Was trotz aller Bemühungen, die Literatur auszumerzen, nicht zu unterdrücken war, wurde von den Spuren der Altsprache radikal gesäubert und die verbotenen Worte wurden aus den betreffenden Texten entfernt bzw. durch andere ersetzt. Auch auf diese Weise wurde die Geschichte ausgelöscht, da die umgeschriebenen Texte nicht mehr auf ihre Entstehungszeit verwiesen.

Davon abgesehen, wurde nichts aus der Altsprache in das Neusprech übertragen, es sei denn, es handelte sich um ein technisches Verfahren oder um einen einfachen alltäglichen Vorgang, oder Texte, die in ihrer Tendenz bereits linientreu waren (gutdenkvoll würde der Neusprechausdruck lauten). Praktisch bedeutete dies, dass kein vor 1989 geschriebenes Buch, so wie es war, fortbestehen konnte. Literatur aus der Zeit vor der Großen Transformation konnte nur einer ideologischen Übertragung unterzogen werden, das heißt einer Veränderung sowohl dem Sinne als der Sprache nach. Man nehme zum Beispiel die wohlbekannten Sätze aus dem »Grundgesetz« der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland:

»Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich … Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.«

Es wäre ganz unmöglich gewesen, diese blasphemischen Lobeshymnen auf die Würde und Freiheit des einzelnen Menschen, die allen Prinzipien des Ökosoz Hohn sprachen, in Neusprech zu übertragen und dabei den Sinn des Originals zu erhalten. Am nächsten etwa käme diesem Vorgang das Aufgehen dieses ganzen Abschnittes in dem einen Wort: Verbrechdenk. Eine vollständige Übersetzung hätte nur eine ideologische sein können, wobei die Worte der Verfassung in eine Lobeshymne auf die Ökodiktatur umgewandelt worden wären.

Ein großer Teil der Literatur der Vergangenheit war tatsächlich schon in dieser Weise verändert worden. Prestigerücksichten ließen es wünschbar erscheinen, das Andenken an bestimmte historische Figuren beizubehalten, doch so, dass man deren Errungenschaften mit der Linie des Ökosoz in Einklang brachte. Verschiedene Schriftsteller wie Shakespeare, Milton, Dante, Dostojewski, Schiller, Goethe, Molière und andere wurden deshalb einer Übertragung unterzogen. Sobald dies vollbracht worden war, wurden sowohl die Originalwerke wie auch alles andere, das aus der Literatur der Vergangenheit übriggeblieben war, vernichtet.

Diese Art von Übertragungen war eine langwierige und mühsame Angelegenheit, und deren Beendigung konnte nicht vor dem dritten oder vierten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts erwartet werden. Es gab noch eine große Menge reiner Fachliteratur – unentbehrliche technische Handbücher und dergleichen, die in der gleichen Weise bearbeitet werden mussten. Hauptsächlich um Zeit zu den vorbereitenden Übersetzungsarbeiten zu gewinnen, wurde die endgültige Einführung des Neusprech auf einen so späten Zeitpunkt wie 2050 festgesetzt. Allerdings erwiesen sich die technologischen Innovationen des Digisoz und des Soznet als außerordentlich hilfreich bei der Verwirklichung dieses gigantischen Vorhabens, da sie die Abschaffung aller gedruckten Texte sowie der Bibliotheken erheblich beschleunigten und die fortwährende Veränderung ihrer digisozten Nachfolger ermöglichten, ohne dass Spuren der Änderungen zurückblieben.


Anmerkungen:


  1. Als Anhang seines Buches 1984. – Das Gewicht liegt hier naturgemäss auf der Grammatik der politischen Sprachspiele und nicht auf deren Haptik. In mancher Hinsicht erscheint die transatlantische Gesellschaft auch als eine Dystopie im Schwebezustand.
  2. Ökosoz = Ökologischer Sozialismus.
  3. Das Soznet stellte die globale Vernetzung der einzelnen Digisoz-Terminals im Dienste der totalen Überwachung und Manipulation dar. Sie waren mit den Televisor-Apparaten drahtlos zusammengeschlossen, im Unterschied zu diesen aber transportabel. Jeder Bürger Transatlantiens musste ein Minisoz-Terminal (abgekürzt Minsoz) bei sich tragen, sobald er sich aus seiner Behausung begab.
  4. Zu Beginn der Großen Transformation begann das staatliche Planungsministerium Ökoplan diese alten Fortbewegungsmittel systematisch durch selbstfahrende, zentral gesteuerte eMobiles zu ersetzen. Die Große Transformation wird im Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen aus dem Jahr 2011 mit dem Titel »Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation« beschrieben. 

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