Die drei Verwüstungen Europas und seine künftige Auferstehung

Hure von Babylon

Die Hure Babylon, Darstellung aus dem »Garten der Köstlichkeiten« (Hortus Deliciarum) der Herrad von Landsberg, Äbtissin auf dem Odilienberg im Elsass, entstanden um 1180.

Im 20. Jahrhundert wurde Europa von einer dreifachen Verwüstung heimgesucht.

Einer geistigen Verwüstung durch den Bolschewismus, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mit der russischen Revolution begann und bis ins Jahr 1989 andauerte, als die Mauer fiel und die kommunistischen Parteidiktaturen, schließlich die Sowjetregierung selbst den Drang ihrer Völker nach Freiheit nicht mehr länger zu unterdrücken vermochten.

Einer seelischen Verwüstung durch den Nazismus, die 1933, im zweiten Drittel des Jahrhunderts mit der Machtergreifung ihren Anfang nahm und 1945 mit dem totalen Zusammenbruch des NS-Regimes zumindest äußerlich ein Ende fand.

Schließlich einer Verwüstung der Lebenswelt durch den Amerikanismus, die nach dem zweiten Weltkrieg mit dem Aufstieg der USA zur dominierenden Supermacht in der nicht-kommunistischen Welt begann, sich im dritten Drittel des 20. Jahrhunderts konsolidierte und bis heute andauert.

Die geistige Verwüstung durch den Bolschewismus, Kommunismus und Stalinismus richtete sich gegen die menschliche Freiheit. Die seelische durch den Nazismus bzw. Hitlerismus richtete sich gegen die Gleichheit der Menschen. Die Verwüstung der Lebenswelt durch den Amerikanismus gegen die Brüderlichkeit, die Einsicht, daß unser Wohl vom Wohl der anderen abhängt. Die bolschewistische Verwüstung kam aus dem Osten und bedrohte den Westen und die Mitte Europas. Die nazistische kam aus der Mitte Europas und griff sowohl nach Westen als auch nach Osten aus. Die amerikanistische kam aus dem Westen und umfaßte erst West- und Mitteleuropa, schließlich auch Osteuropa und greift heute nach der ganzen Welt. 2003 schrieb Robert Kagan in einem Essay über Amerika und Europa in der neuen Weltordnung: »Territoriale Expansion und Ausweitung der Einflußsphäre sind die unleugbare Realität der amerikanischen Geschichte, die sich nicht dem Zufall verdankt. Der Wunsch, eine bedeutende Rolle auf der Weltbühne zu spielen, ist tief im amerikanischen Charakter verwurzelt. Seit der Unabhängigkeit … eint alle Amerikaner … der Glaube, ihrer Nation sei ein bedeutendes Schicksal beschieden.«[1]

Politische Heilslehren im 20. Jahrhundert

Der Kommunismus, der als messianische, politische Heilslehre angetreten war, verabsolutierte die Gleichheit und wollte eine Gesellschaft schaffen, in der es keine Unterschiede von Armut und Reichtum mehr gibt. Die Idee der Gleichheit zeigte ihr totalitäres Gesicht in der staatlichen Gewalt gegen ganze Klassen und Völker und mündete in der Gleichschaltung aller, die Individuen, Völker und Kulturen mit dem eintönigen Grau der Individualitätslosigkeit überzog. Der Nazismus, der sich nicht weniger als politische Heilslehre verstand, verabsolutierte die Ungleichheit, indem er eine Weltordnung anstrebte, in der Menschen aufgrund ihrer Abstammung und ihrer Rassenzugehörigkeit in den Genuß politischer Privilegien gelangten oder absoluter Rechtlosigkeit verfielen. Die Leugnung des jeder Menschenseele innewohnenden göttlichen Kernes entwürdigte die Opfer und führte zur Entmenschlichung des Regimes und seiner Untertanen. Der Amerikanismus, der unter dem Panier der Freiheit angetreten war, Europa vom Joch der Hitlertyrannei zu befreien und die westliche Welt gegen den stalinistischen Totalitarismus zu verteidigen, verabsolutierte den Eigennutz und schuf ein Reich der konsumistischen Glückseligkeit, in dem die fortgeschrittenen Völker im Genuß ihres wirtschaftlichen Wohlstands auf Kosten der restlichen Welt dahintaumeln, während sie gleichzeitig durch den ungezügelten Kreislauf von Produktion und Konsumtion ihre natürlichen Lebensgrundlagen zerstören und ihre Seelen verlieren. Auch der Amerikanismus ist eine politische Heilslehre, die ihre Anhänger mit dem Glauben beflügelt, die Anhäufung von Reichtum und Besitz verbürge die irdische Glückseligkeit.

Europa war sowohl Ursprung als auch Schauplatz des Kampfes, der sich im 20. Jahrhundert um seine Seele abspielte. Der Bolschewismus wurzelte in den auf deutschem Boden entstandenen marxistischen Theorien des 19. Jahrhunderts, die den Hegelianismus vom Kopf auf die Füße stellen wollten. Während Hegel im Geist das bewegende Prinzip der Weltgeschichte sah, betrachtete Marx diesen lediglich als Produkt der Materie. Entsprechend geistlos war auch sein Geschichtsbild. Es beruhte auf der systematischen Ausschaltung der Individualität und Freiheit, die auf kollektive Identitäten und deterministische Geschichtsmechanismen reduziert wurden. Die Abschaffung des Geistes führte zu einer Geschichtsmetaphysik, für die das unausweichliche Endziel in der Revolution und Diktatur des Proletariats bestand, die mit der Abschlachtung aller anderen Klassen erkauft werden mußte. So verkündete eines der führenden Mitglieder des Politbüros, Grigorij Sinowjew, 1917: »Neunzig von hundert Millionen Sowjetrussen müssen mitziehen. Was den Rest anbetrifft, so haben wir ihnen nichts zu sagen. Sie müssen ausgerottet werden.«[2] Der Nazismus wuchs aus der Übertragung des Darwinismus auf das soziale Leben durch englische, deutsche und französische Autoren hervor, in deren Augen die geschichtliche Welt zu einem Dschungel mutierte, in dem verschiedene höhere Tierarten miteinander um überlebenswichtige Ressourcen kämpften. Die blonden Bestien schienen von der Natur ausersehen, das Geschlecht der Untermenschen auszumerzen, das den potentiellen Lebensraum der höchsten Rasse wie ein wimmelndes Schädlingsgezücht bevölkerte. Das Gesetz der Natur, das Recht des Stärkeren, gebot die Entwürdigung und Vernichtung all derer, die nicht dem mythischen arischen Geschlecht angehörten. »Blutsvermischung«, schrieb Hitler in Mein Kampf »und das dadurch bedingte Senken des Rassenniveaus ist die alleinige Ursache des Absterbens aller Kulturen; denn die Menschen gehen nicht an verlorenen Kriegen zugrunde, sondern am Verlust jener Widerstandskraft, die nur dem reinen Blute zu eigen ist. Was nicht gute Rasse ist auf dieser Welt, ist Spreu. Alles weltgeschichtliche Geschehen ist aber nur die Äußerung des Selbsterhaltungstriebes der Rassen im guten oder schlechten Sinne.«[3] Der Amerikanismus ist in den chiliastischen religiösen Bewegungen verwurzelt, die einst das Gelobte Land der Freiheit kolonisierten und im 19. Jahrhundert ihre endzeitlichen Erwartungen mit der Ideologie des Wirtschafsliberalismus verschmolzen, wonach Gott die Tüchtigen belohnt und reichliches Auskommen der Ausweis eines gottgefälligen Lebens ist. Der utilitaristische Grundsatz, der das Gute als das Glück der größtmöglichen Zahl bestimmt, und es damit auf dem Unglück der jeweiligen Minderheiten begründet, erhebt das gerade Gegenteil einer wirklich solidarischen Gesellschaftsordnung zum Ideal. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Georg Gilder, ein bekennender Evangelikaler, verkündete 1983: »Das fundamentale praktische Prinzip des Christentums lautet: ›Gib, und dir wird gegeben‹ … Ohne Privateigentum kann man nichts geben, weil einem nichts gehört … der Kapitalismus ist seinem Wesen nach die am stärksten mit der religiösen Wahrheit übereinstimmende Lebensform.«[4] Der Kapitalismus als religiöser Lebensinhalt des Amerikanismus zerstört die Verbindung des Menschen mit der Natur, indem er diese zu einem Objekt wirtschaftlicher Ausbeutung herabsetzt, vernichtet die zwischenmenschliche Solidarität, indem er die sozialen Beziehungen der entfesselten ökonomischen Konkurrenz unterwirft, und nivelliert alle Kulturen, indem er sie mit seiner zersetzenden Brühe der Trivialität übergießt.

Die Imagination Europas

Europa, die griechische Imagination der ägyptisch-kanaanäischen Mondgöttin Isis-Astarte, die Breitgesichtige, die der Erde mit ihrem Vollmondlicht entgegenleuchtet, die Seele der Menschheit, die einst auf dem Rücken eines stiergestaltigen Gottes vom Boden der Mutter Asia über das Meer nach Kreta getragen wurde, die Tochter des aus Ägypten stammenden Agenor, der sich in Kanaan niedergelassen hatte, gebar dem Zeus, der sie in Gestalt eines Adlers befruchtete, drei Söhne: Minos, Radamanthys und Sarpedon. Während Sarpedon den Kult des Sonnenheros nach Kleinasien verpflanzte und dort zu jedem Jahresanfang als neugeborenes Kind in einer Arche erschien, wurden die beiden ersteren nach ihrem Wirken als eingeweihte Gesetzgeber zu Totenrichtern erhoben, die den Verstorbenen die ehernen Tafeln der kosmischen Moralität entgegen hielten und ihnen das Maß ihres Ungenügens verkündeten. Der dem Sonnengott heilige Stier hatte Europa nach Westen entführt, wo sie das aus dem Osten stammende Licht der menschgewordenen Sonne in sich aufnehmen konnte. Aber die lebenschöpfende Liebe Christi wurde in den Dogmen der Kirchen eingesargt. Im Verborgenen leuchtete währenddessen der Gral, die Seele Europas, die die Essenz des Auferstandenen in sich aufgenommen hatte. Europas Seele hatte in ihrer Bildungsgeschichte viele Heimsuchungen zu erdulden. Aber weder Perser noch Mongolen, weder Araber noch Osmanen vermochten sie zu kreuzigen. Ihr Leidensweg begann erst, als ihre eigenen Geschöpfe anfingen, sie zu terrorisieren. Der erstarrte Geist kodifizierter Religiosität peitschte sie durch ein Jahrhundert der Glaubenskriege, die kritische Intelligenz entzündete in ihr das Feuer der Revolutionen und der Materialismus des 19. Jahrhunderts mündete schließlich in den Katastrophen des 20. Das eben abgelaufene Jahrhundert ließ die Seele der Menschheit das Martyrium einer nie dagewesenen kulturellen, sozialen und lebensweltlichen Verwüstung durchleben und schlug sie mit den drei Nägeln des Gleichheitstotalitarismus, des Ungleichheitswahns und des entfesselten wirtschaftlichen Egoismus ans Kreuz. Die geistgeographischen Doppelgänger des Ostens, der Mitte und des Westens enthüllten im 20. Jahrhundert ihr Antlitz und geben sich dem historiosophischen Blick als die drei Antlitze des Bösen zu erkennen.

Die europäische Neuzeit und das 20. Jahrhundert aus der Sicht des Apokalyptikers

Der Apokalyptiker, der in astralen Visionen das Schicksal Europas vorhersah, sprach vom Zeitalter, in das es mit dem Erwachen des Individualitätsgefühls eintreten sollte, in folgenden Worten: »Du hast den Namen, daß du lebst und bist tot … Werde wach und stärke das andere, das sterben will … Wenn Du aber nicht wachen willst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde. Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.« (Offb, 31-5) Europa ist tot, es schläft einen Todesschlaf. Darüber sollten wir Europäer uns keinen Illusionen hingeben. Unsere Kultur ist dem Siechtum verfallen, unser geistiges Leben liegt darnieder, unsere menschlichen Ressourcen beginnen auszudünnen und gebannt blicken wir einer Zukunft entgegen, in der unsere Gesellschaften vergreisen, die wertschöpfende Arbeit einkommenslos wird und arbeitsloses Einkommen in immer weniger Händen zusammenfließt. Gesundheitsversorgung, Rentensysteme, öffentliche Sicherheit, Bildung und Arbeit scheinen gefährdet und Lösungen zeichnen sich in den Endlosschleifen der öffentlichen Palaver kaum ab. Europa schläft den Schlaf der ägyptischen Finsternis, den Todesschlaf im Sarkophag, aber seine Krankheit ist nicht zum Tode. Es ist ein Todesschlaf, der zur Auferweckung führen soll. Europa durchdringt zwar mit seinem Wachbewußtsein die irdische Welt, aber es hat seine Toten vergessen, es hört nicht auf das Raunen seiner Engel, trotz aller Gedächtnispolitik und aller scheinbaren Wiederkehr des Religiösen. Es soll für die Stimmen der Toten und der Engel erwachen und aus seinem Bewußtsein des lebendigen Geistes das andere stärken, das sterben will. Es muß sein Leben aus dem Geist erneuern. Seine Völker sollen erwachen. Sie sollen sich auf ihre schöpferischen Potentiale besinnen und ihre unfähigen politischen Klassen zur Ordnung rufen. Wenn es aber nicht erwacht, dann wird der Lebendige über es kommen wie ein Dieb und es wird seiner nicht gewahr werden. Wenn Europa sich der Katharsis unterwirft, wenn es seinen Großmachtträumen und seinen Sehnsüchten abschwört, auf Erden ein Paradies zu errichten, wenn es seine in Parteienherrschaft erstarrten Demokratien plebiszitär erneuert, Bürokraten und Technokraten entmachtet, wird ihm das weiße Kleid angetan und sein Name soll vor dem Vater und seinen Engeln gehört werden. Es soll nicht aus dem Buch des Lebens ausgetilgt werden, was der, der überwindet, selbst in dieses Buch einträgt. Europa soll auf seine Völkerengel hören, die wieder in vielstimmigem Chor zu sprechen beginnen. Seine Stärke ist die Vielfalt, der Pluralismus. Die Vielgestaltigkeit seiner Völker und Kulturen, seiner Sprachen und Landschaften. Wie das auferstehende, habsburgische Vielvölkerreich erhebt es sich aus dem Dunkel der Geschichte und eilt einer ungewissen Zukunft entgegen. Wird es ihm gelingen, jene Fehler zu vermeiden, die das Habsburgerreich zugrunde richteten? Wächst in Brüssel ein neues Ärariertum heran, das die europäischen Völker ähnlich als Last empfinden werden, wie einst die Völker Österreichs die schwache Hand einer müde gewordenen Dynastie? Wird es sich vor dem alles verschlingenden Zentralismus bewahren können, der seine Vielfalt, seine Freiheit zu ersticken droht?

Aber nicht nur vom schlafenden Europa sprach der Apokalyptiker, sondern auch von den Greuelgestalten, die es im 20. Jahrhundert heimsuchten. In der Apokalypse dieses Jahrhunderts, in deren Zeitgestalt die Gegenwart des Auferstandenen eingeprägt ist, traten die geistigen Kräfte des Bösen als politische Ideologien auf, die soziale Katastrophen ungekannten Ausmaßes hervorriefen. Die Bedeutung seiner astralen Vision ist vielfältig, doch eine ist die Folgende. »Und ich sah, und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hatte einen Bogen, und ihm wurde eine Krone gegeben, und er zog aus sieghaft und um zu siegen.« (Offb 6,2) Nicht der Geist, dem eine Krone aufgesetzt wird, war im Bolschewismus sieghaft, sondern jener Geist, der sich selbst die Krone aufsetzt, der sie sich usurpiert und mit seinem Bogen ausreitet, um zu siegen, indem er leugnet, daß es einen Geist gibt. Das usurpierte Königtum Satans wurde zur Tyrannei und der erhoffte Sieg zu einer Niederlage. Die verhöhnte Freiheit schlug in Denk- und Handlungszwang um und gipfelte in den freiwilligen Selbstanklagen der Moskauer Schauprozesse. »Und es kam heraus ein zweites Pferd, das war feuerrot. Und dem, der darauf saß, wurde Macht gegeben, den Frieden zu nehmen von der Erde, daß sie sich untereinander umbrächten und ihm wurde ein großes Schwert gegeben.« (Offb 6, 2-4) Daß sie sich untereinander umbrächten, dafür sorgte der Ungleichheitswahn der nazistischen Rassenfanatiker: Sie nahmen den Frieden von der Erde und ihre Schwerter hielten blutige Ernte unter den Lebenden. In ihren Vertilgungsöfen brachten sie dem schwarzen Abgott, den sie anbeteten, dem wieder erstandenen Moloch, grausige Opfer dar. »Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd. Und der darauf saß, hatte eine Waage in der Hand. Und ich hörte eine Stimme mitten unter den vier Gestalten sagen: Ein Maß Weizen für einen Silbergroschen und drei Maß Gerste für einen Silbergroschen, aber dem Öl und Wein tu keinen Schaden.« (Offb 6, 5-6) Die Menschheit dem Maß des Silbergroschens unterworfen, nichts darf gelten, was nicht mit dem Maß des Geldes aufgewogen werden kann: Könnte der Geist des Ökonomismus, der den Götzen Mammon verehrt, treffender zum Ausdruck gebracht werden, der Geist, der das Gemeineigentum der Menschheit, die natürlichen Ressourcen, die solidarischen Handlungen der Menschen und den Menschen selbst zu kolonisieren versucht?

Der vierte apokalyptische Reiter und das 21. Jahrhundert

Die drei apokalyptischen Reiter traten im 20. Jahrhundert in der Geschichte Europas zutage, und diese Geschichte war schauerlich genug. Aber die Herabkunft des vierten Reiters steht noch bevor. »Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war: Der Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit Schwert und Hunger und Pest, und durch die wilden Tiere auf Erden.« (Offb 6, 8) An der Schwelle des dritten Jahrtausends steht der Menschheit die Begegnung mit dem Tod bevor, in dessen Gefolge die Hölle heraufzieht. Nicht mehr allein der Mensch schädigt den Menschen, eine durch seine Maßlosigkeit aus dem Gleichgewicht geratene Natur wirkt auf ihn zurück. Schwert, Hunger, Pest und wilde Tiere suchen die Menschheit heim; Kriege, Nahrungsmittelmangel, wiederkehrende Seuchen und eine durch genmanipulative Eingriffe des Menschen gesundheitsschädlich werdende Natur. Virale Attacken des Hasses, gespiesen von religiösem Fanatismus, richten sich gegen eine als Reich des Bösen imaginierte Welt, ausgeführt von heiligen Kriegern, die doch nichts als die Doppelgänger ihres erwählten Feindes sind. Zwar brachen die Reiche, die die ersten beiden Reiter im 20. Jahrhundert errichteten, in dessen Verlauf zusammen, aber der Geist, der sich in ihnen manifestierte, wirkte und wirkt auf subtile Art weiter und verbindet sich mit dem dritten. Die fortwirkende Gleichschaltung drückt sich in der Indoktrination der Bevölkerungen durch Wissenschaft und Medien aus, in der Etablierung einer neuen Orthodoxie, die alle abweichenden Weltsichten als unwissenschaftlich verfemt und mit dem Eifer einer neuen Inquisition verfolgt. Die herrschende Meinung unterwirft das Abweichende dem Zwang ihrer Rationalität, die lediglich auf Konvention beruht, und den jeweiligen Stand der Forschung zum letzten allgemeingültigen Gesetz erklärt. Die Propheten des technizistischen Weltbildes verklären die hybriden Mißgeburten zwischen Mensch und Maschine, die ihrer dunklen Phantasie entspringen, zum Inbegriff des Fortschritts. Die Leugnung des Geistes und der Seele läßt eine wissenschaftliche Forschung, die auf den Verbrauch menschlicher Embryonen angewiesen ist, die Züchtung genetisch optimierter Menschen und eine als »sozialverträgliches Ableben« umschriebene Selektion als human erscheinen. Eine Medizin, deren erklärtes Ziel die Ausrottung der Krankheit und die Verlängerung des Lebens ist, definiert die infolge ihrer Behandlungsmethoden eintretende Vegetarisierung des Menschen zu einem Zustand der Gesundheit um, und hat den tieferen Sinn von Krankheit, Tod und Heilung aus den Augen verloren. Die Ideologie der Ungleichheit wirkt in globalem Maßstab als »Globalitarismus« weiter, in der Anwendung unterschiedlicher Maßstäbe von Menschenrecht und Menschenwürde, in der Leugnung des Rechts auf Unterschiedenheit, in der fortdauernden Weigerung der Mächtigen, sich der Ohnmächtigen anzunehmen, und sich für die Rechtlosen allein deswegen einzusetzen, weil sie Menschen sind wie du und ich. Der verabsolutierte Eigennutz zeigt sich in der weltweiten Ausbreitung eines ökonomischen Systems, das die Würde des Menschen und das Gebot der Gerechtigkeit gleichermaßen mißachtet und das weder an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen noch an den Rechten der Mitgeschöpfe ausgerichtet ist. Es ist die zur Ideologie gewordene ökonomische Rationalität, die ganze Volkswirtschaften unter dem Vorwand der Modernisierung nach ihren eigenen Bedürfnissen umgestaltet, Völker entwurzelt, Kulturen nivelliert, Landschaften in unbewohnbare Einöden verwandelt und traditionelle soziale Lebensformen den Gesetzen des Warentausches unterwirft, um sie dem Zugriff des anonymen, flüchtigen Kapitals preiszugeben.

Die messianischen Wehen und die kommende Auferstehung Europas

Aber die Geschichte Europas wäre nicht vollständig erzählt, wenn nicht jene verborgene Schicht der Völkerschicksale freigelegt würde, die die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart als eine Zeit der messianischen Wehen erkennen läßt. Der auf den Wolken kommen soll in Gestalt eines Menschensohnes: Er ist schon da. Die messianischen Wehen, die seine Ankunft begleiten, waren die Wehen des 20. Jahrhunderts, sind die Wehen des anbrechenden dritten Jahrtausends. Er wartet darauf, daß die Menschheit erwacht, um ihn zu sehen. Aber er kommt nicht, wie fundamentalistische Evangelikale und christliche Zionisten in Amerika ihn erwarten: Zion ist nicht Palästina, der Tempel wird nicht in Jerusalem auf dem Berge Morija wieder errichtet werden. Zion ist die Erde und der Tempel ist die Menschheit. Der Menschensohn, der vollendete Mensch, in dem Gott wohnen kann, ist der Mensch, der sich wieder als Abbild seines Schöpfers begreift, der das Abbild des Schöpfers in sich wiederherstellt. Erst wenn jeder einzelne Mensch in seinem Denken, Fühlen und Wollen die göttliche Weisheit, Liebe und Güte zur Erscheinung bringt, ist der Tempel wieder erstanden. Weisheit führt zur Erkenntnis des göttlichen Ursprungs, Liebe zur Achtung der Menschen- und Geschöpfeswürde, Güte zu tätiger Nächstenliebe und globaler Solidarität. Wach werden bedeutet für Europa, für die Seele der Menschheit, sich der Urbilder des seelischen Lebens erinnern, die als Richtkräfte das neue Jahrtausend bestimmen müssen. Sie bestehen aus drei Idealen: der Förderung des Wohles der Gesamtmenschheit rein um dieses Wohles willen, der Förderung des Kulturfortschritts und der Verwirklichung individueller, moralischer Intuitionen. Die Förderung des Wohles der Gesamtmenschheit muß zur Richtkraft des ökonomischen Lebens werden. Allein diese Leitidee vermag eine gerechte Weltwirtschaftsordnung herbeizuführen. Sie sichert das leibliche Gedeihen der Menschheit. Sie wird Brüderlichkeit unter den Völkern, Weltteilen und Generationen stiften. Der Menschensohn ist das Brot des Lebens. Friede wird erst sein, wenn wir das Leid der anderen so empfinden wie unser eigenes und wenn wir nicht glücklich sein können, solange andere unglücklich sind. Es ist klar, daß eine solche Wirtschaftsform der Bewahrung der Schöpfung und der Achtung der Würde der Erde verpflichtet sein wird. Die Förderung des Kulturfortschritts ist für das seelische Wohl der Menschheit unabdingbar. Die Künste sollen wieder zu integrierten Bestandteilen des sozialen Lebens werden, sie sollen Gemeinschaft und Identität stiften, sie sollen jene heilende Kraft wieder erlangen, die ihnen als Dienerinnen Apolls einst eignete. Wissenschaft und Erziehung müssen die Seelenbedürfnisse des Menschen befriedigen, zu Stiftern des Friedens und Wegbereitern sozialen Empfindens werden. Sie sollen die geistigen Schätze, die die heranwachsenden Generationen aus dem Himmel auf die Erde tragen, zur Entfaltung bringen, sie dürfen sich nicht weiter am Leitbild orientieren, das Vorhandene in abstrakten Theoriesystemen abzubilden, sie müssen lernen, die künftige Gestalt der Welt in lebendigen Ideenbildern vorzuprägen. Die Religionen müssen sich erneuern, indem sie den fortdauernden Strom der Offenbarung in sich aufnehmen und die großen Mysterien des Lebens: Zeugung, Geburt, Reife, Liebe, Schicksal, das Böse und den Tod in den Inhalt eines sozialen Kultus umschmelzen, der die Individuen zu einer neuen Gemeinschaft im Hause des einigen Gottes zusammenfaßt und die Menschheit als die geborene zehnte Hierarchie wieder an die himmlischen Hierarchien anschließt. Er ist der Weinstock, wir sind die Reben. Die Verwirklichung individueller Sittlichkeitsziele aber, die Verwirklichung der Freiheit, die Erhebung der individuellen Autonomie zum strukturierenden Prinzip des geistigen Lebens der Menschheit wird dieser den Zustrom aus den unversieglichen Quellen der Erneuerung und Verlebendigung sichern, ohne den sie zum geistigen Tod verurteilt wäre. Die sittliche Autonomie ist das Nadelöhr, durch das wir ins Himmelreich zu gelangen vermögen, sie ist der archimedische Punkt, von dem aus wir stets von Neuem den widerrechtlichen Fürsten dieser Welt bezwingen können, sie ist die Kraft, die uns das Bedürfnis nach Selbsterziehung, nach Verwandlung unserer Natur empfinden läßt. Das Ich ist die Tür und das Licht der Welt.

1989 begannen die ost- und mitteleuropäischen Völker, die ein halbes Jahrhundert unter dem Leichentuch des Gleichheitstotalitarismus begraben waren, das brüchig gewordene Linnen abzuwerfen und ihre geschundenen Seelen dem Licht der Sonne zuzuwenden. Die Völker, die einst, vom Geist der Finsternis zum Nationalismus verführt, wesentlich zum Untergang des Habsburgerreiches und des alten Europa beigetragen haben, sollen nun am neuen Europa bauen, indem sie zugleich eine Brücke zum Osten bilden, dessen künftige Bestimmung noch hinter einem Schleier verborgen ist. So wie sie einst unter dem Mehltau der Gleichheit in Lethargie verfallen sind, sollen sie sich aus der Kraft des Freiheitsideals erneuern, und das nach Einheit strebende Europa daran erinnern, daß seine Einheit nur durch Vielfalt leben wird. Aus dem Osten Europas soll das wieder entzündete Licht des Freiheitsbewußtseins, der Schätzung der Individualität und des Rechts auf Verschiedenheit in den Westen leuchten. Die europäische Mitte jedoch muß aus dem Schatten ihrer Geschichte hervortreten, die Last der Schuld von den Schultern schütteln und mit dem durch die Verwüstungen des vergangenen Jahrhunderts gestählten Bewußtsein der Menschenwürde, des göttlichen, unantastbaren Kerns in jedem Menschenwesen als das lebendige Gewissen Europas fungieren. Dem Westen aber wird die Aufgabe zuwachsen, die nach Freiheit strebenden Völker des Ostens und die nach Ausgleich durch das Recht strebende Mitte an ihre sozialen Verpflichtungen zu erinnern, die nicht nur auf Europa bezogen sind, sondern auf die Menschheit der ganzen Erde.

Hinweis: Eine gekürzte Fassung dieses längst vergessenen hermeneutischen Gesprächs mit dem Seher von Patmos, an das mich ein aufmerksamer Leser erinnerte, erschien 2004 in der Zeitschrift »Die Drei«. Wie so häufig bei der Wiederbegegnung mit von mir selbst verfassten Texten nach längerer Zeit wirkt auch dieser auf mich, als hätte ihn ein Fremder geschrieben. Er scheint mir heute aber als Aufruf zur Selbstbesinnung an Europa noch aktueller als vor 14 Jahren und wird daher erstmals ungekürzt veröffentlicht.

Anmerkungen:

[1] Robert Kagan, Macht und Ohnmacht. Amerika und Europa in der neuen Weltordnung, Berlin 2003, S. 102.

[2] Louis Rapoport, Hammer, Sichel, Davidstern, Berlin 1992, S. 45.

[3] Adolf Hitler, Mein Kampf, Ausgabe 1943, S. 324.

[4] Zitiert nach: Robert Wuthnow, Der Wandel der religiösen Landschaft in den USA seit dem zweiten Weltkrieg, Würzburg 1996, S. 286.


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3 Kommentare

  1. Hello Lorenzo,

    I just wished to say – in English, as I have no German – that even in Google machine translation, your passionate and thoughtful essays are a joy to read. Thank you!

  2. Caroline Sommerfeld

    Ist es tatsächlich die Ungleichheit, die der NS als Verwüstung verabsolutiert hat? Ist es nicht eher ebenfalls eine Gleichheitsutopie, erst die „Volksgemeinschaft“ zu erzeugen und sodann die Welt mit der einen Herrenrasse zu überziehen, allzu ähnlich dem „neuen Menschen“ der sozialistischen Internationale? Wäre nicht eher die Ungleichheit im kapitalistischen Ökonomismus zu sehen? Ich seh das so: zuerst das weiße Pferd, der Sieg um des Sieges willen, der I.WK., dann das rote Pferd, das gegenseitige Abschlachten, das Ende des Friedens, der II. WK, und schließlich bis heute das wägende Prinzip des globalen Kapitalismus, das schwarze Pferd. Das fahle Pferd hat seine Gestalt noch nicht gezeigt, wir können am Gegenwärtigen nur herumdeuten, ob es wohl schon Anzeichen sind. (Kennen Sie übrigens den gleichnamigen Roman von Sawinkow?) Der Menschensohn ist noch nicht da! Das wäre ja noch schöner, wenn wir ab jetzt nur mehr die Aufgabe hätten, alles so auszulegen, daß das himmlische Jerusalem auf Erde bereitet sei und wir es nur verkennten.

    • »Ein Volk, ein Reich, ein Führer« – diese Parole klingt tatsächlich nach Gleichheit. Es ging um die Herstellung von Gleichheit nach innen: ein homogener, als Rasse verstandener Volkskörper sollte geschaffen werden, der einem Führer, der höchsten Verkörperung des Volkswillens, in einem Reich verpflichtet war. Aber dieser einheitliche Volkskörper fußte auf einer Deklaration der Ungleichheit: alles, was nicht in die imaginierte homogene Volksrasse hineinpasste – ideologische Gegner, wie Kommunisten und Sozialisten, völkische Gegner, wie Juden und Zigeuner, sowie das »lebensunwerte Leben« – musste ausgemerzt werden. Daher ging der nationalsozialistische Staat aus der Verabsolutierung der Ungleichheit hervor. Man könnte einwenden, auch die »Diktatur des Proletariats« sei eine Verabsolutierung der Ungleichheit, nur dass hier die Klasse die Stelle der Rasse einnimmt und ebenso alle ausgemerzt werden müssen, die nicht der richtigen Klasse angehören. Aber die Utopie der Weltrevolution ist universalistisch und soll die allgemeine Gleichheit herbeiführen, während die Utopie des Dritten Reichs partikularistisch ist und die globale Ungleichheit nicht aufheben will, sondern als konstitutives Element benötigt (die absolute Herrschaft der Herrenrasse setzt die Existenz von Sklavenrassen voraus, die ihr dienen). Der »Amerikanismus« oder Ökonomismus stellt dagegen eine Pervertierung des Freiheitsprinzips dar, das lediglich als Eigennutz verstanden wird. Der vierte Reiter, dessen Name »Tod« ist, manifestiert sich in einem nihilistischen Terrorismus, der mittels sinnloser Selbstvernichtung Tod und Zerstörung verbreitet oder in der gewissenlosen Ausbeutung natürlicher Lebensräume ohne Rücksicht auf die sozialen und ökologischen Folgen.

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