Wissenschaft und Esoterik I

Wouter J. Hanegraaff, Esotericism and the Academy. Rejected Knowledge in Western Culture, Cambridge University Press, New York 2012

Die Geschichte der Wahrheit. Das alte Wissen wird wieder entdeckt

1. Konkurrierende Metaerzählungen
Das kürzlich erschienene Buch »Esotericism and the Academy« von Wouter J. Hanegraaff ist keine Geschichte der Esoterik, sondern eine Geschichte der Vorstellungen, die sich Gelehrte und Wissenschaftler im Lauf der Geschichte von der Esoterik gebildet haben. Es ist eine Diskursgeschichte, die unser kulturelles Gedächtnis und die Entstehung unseres heutigen wissenschaftlichen Selbstverständnisses untersucht. Hanegraaffs Buch stellt die mit reichem historischem Material unterfütterte Ausarbeitung von Thesen dar, die er 2005 in einem Aufsatz mit dem Titel »Verbotenes Wissen: Anti-Esoterische Polemik und akademische Forschung« vorgetragen hat.

Das weite Feld der »Esoterik« diente laut Hanegraaff immer als Projektionsfläche für Hoffnungen und Ängste, die das »Andere« des wissenschaftlichen Selbstes darstellten, das sich im Verlauf des Diskurses über ebendiese Esoterik herausbildete. Unsere heutige Identität als Wissenschaftler oder Akademiker hängt, so Hanegraaff, auf fundamentale Weise von der impliziten Zurückweisung des artifiziellen Zerrbildes dieser Identität ab. Die imaginären Konstrukte des »Esoterischen« oder »Okkulten« sind Gegenkonstrukte des wissenschaftlichen Bewusstseins – und wenn sich durch eine historische Analyse herausstellen sollte, dass dieses »Andere« anders ist, als wir es uns immer vorgestellt haben, zieht das gravierende Konsequenzen für unser Selbstverständnis nach sich.

In der italienischen Renaissance entstand gleichzeitig mit der Geschichte der Esoterik die »Geistesgeschichte« als wissenschaftliche Disziplin. Die Wiederentdeckung der klassischen Antike veranlasste die Protagonisten dieses großen Projektes, das Verhältnis von menschlichem Denken und göttlicher Offenbarung grundlegend neu zu denken. Da sich in der Geschichtsschreibung noch keine kritische Neutralität etabliert hatte, entfaltete sich diese Unternehmung im Rahmen theologischer und metaphysischer Vorannahmen, als Versuch, die Geschichte der Wahrheit zu schreiben. Gesucht wurden die Quellen wahrer Erkenntnis und Weisheit, erwiesen werden sollte die Übereinstimmung dieser Quellen mit der wahren Religion, dem Christentum.

Im Zuge der Auseinandersetzungen über diese Fragen entstanden drei große Metaerzählungen, die miteinander um die Deutung der neu entdeckten antiken Quellen konkurrierten: 1. die Erzählung von der »prisca theologia«, der ursprünglichen Theologie, nach der die ältesten Quellen die reinste Offenbarung enthielten, 2. die Erzählung von der »philosophia perennis«, der ewigen Wahrheit, die jederzeit erreichbar, aber oft genug verschleiert war, und 3. die Erzählung von der »pia philosophia«, der heidnischen Weisheit als einer Vorschule des Christentums. Jede der drei Erzählungen versuchte auf unterschiedliche Art die Frage nach dem Verhältnis der neu entdeckten heidnischen Weisheit zur Offenbarungsreligion zu beantworten. Gemeinsam war ihnen der Bezug auf die vorchristliche Weisheitsoffenbarung und der apologetische Rahmen, in dem sie sich bewegten. Erst der antiapologetische Diskurs, der von protestantischer Seite in Gang gesetzt wurde, sollte die große Erzählung von der »Urweisheit« im 17. Jahrhundert aus ihrer herrschenden Stellung verdrängen. Seither fristete sie nur noch ein Dasein als offiziell diskreditierte Gegentradition.

Der Begriff der »prisca theologia« wurde erstmals von Marsilio Ficino verwendet, die »philosophia perennis« geht auf seinen Zeitgenossen Agostino Steuco zurück. Obwohl diese Begriffe seit den 1960er Jahren eine bedeutende Rolle in den Diskussionen über die Geschichte der Esoterik spielten, hat sich mit Ausnahme von Ch. B. Schmitt, einem Renaissancehistoriker, noch niemand um eine ernsthafte Definition ihrer Bedeutung bemüht. Nach Schmitt besagt die »prisca theologia«, dass die wahre Weisheit schon vor der griechischen Philosophie bestanden habe und auf Weise wie Zarathustra, Hermes Trismegistos und Orpheus zurückgehe. Diese hätten ihr Wissen von Moses bezogen und daher eine hohe Autorität besessen. Die Weisheit, die die Alten (prisci) empfangen hatten, kam von ihnen über Orpheus, Aglaophamus und Pythagoras zu Plato.

Geht man von dieser Voraussetzung aus, dann stellt die Wiederentdeckung von Schriften, die Zarathustra, Hermes und Orpheus zugeschrieben wurden, eine Sensation mit milleniaristischen Untertönen dar. Das erste Mal in der Geschichte erhielten Christen Zugang zu den ältesten und damit authentischsten Quellen wahrer Religion und Philosophie. Hier musste die Vorsehung im Spiel sein, die der Menschheit einen Weg zur Reform des Christentums zeigen wollte.

Die Idee der »philosophia perennis« geht zwar auch davon aus, dass die Weisheit aus Urzeiten stammt und dieselben Genealogien durchlief, betont aber, dass es durch alle Zeiten hindurch gültiges Wissen gegeben habe, das immer zugänglich war, ewige, unveränderliche Wahrheiten, die allein durch die Schuld der Menschen manchmal in Vergessenheit gerieten. »Philosophia perennis« betont die Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit der Weisheit, während die »prisca theologia«, vom Verfall und Niedergang der Uroffenbarung ausgeht. Nach Hanegraaff ist es kein Zufall, dass Steuco sein Buch »De perenni philosophia« 1540, wenige Jahre vor dem Konzil von Trient verfasste, als Katholiken und Protestanten darum konkurrierten, die Kirche durch eine Rückkehr zu ihren höchst unterschiedlich verstandenen Ursprüngen zu reformieren. Im Gegensatz dazu ging es Steuco nicht um Reformation, also Erneuerung, sondern um Bewahrung, also Tradition. Steuco sah sich in Übereinstimmung mit Augustinus, der bereits der Überzeugung Ausdruck verliehen hatte, die wahre Religion habe bereits bei den Alten bestanden und seit dem Erscheinen Christi im Fleisch den Namen Christentum angenommen.

Zwei Erzählungen standen sich also gegenüber: eine Abstiegserzählung, die eine authentische Uroffenbarung an den Anfang der Zeiten setzte, die im Verlauf der Geschichte verloren gegangen war, jetzt aber wiederhergestellt werden konnte. Und eine geschichtslose Erzählung, die davon ausging, dass die ewige Wahrheit für alle Zeiten bestand und dass geschichtlicher Wandel und Fortschritt bedeutungslos seien.
Schließlich gab es aber noch eine dritte Erzählung, die Aufstiegserzählung der »pia philosophia«. Nach ihr hatten die alten Weisen durch göttliche Gnade gewisse Einblicke in die Wahrheiten des Christentums erhalten und diese prophetisch vorausverkündet. In der Geschichte gab es also Entwicklung und Fortschritt vom Unvollkommenen zum Vollkommenen hin, wenn dieser auch mit dem Erscheinen Christi auf Erden zum Abschluss gekommen war. Darin lag aber zugleich das Problem dieser dritten Erzählung: sie bezog sich auf Geschehnisse, die für die Gegenwart keine wirkliche Relevanz mehr besaßen.

Die drei Metaerzählungen enthielten drei sich gegenseitig ausschließende Paradigmen: Evolution, Degeneration und Kontinuität (oder Stillstand).

Die Aufstiegserzählung der »pia philosophia«, die in der alten Weisheit eine Vorbereitung auf das Evangelium sah, war orthodox, setzte aber die Bedeutung der neu entdeckten Texte herab, denn alles, was sie enthielten, musste im Christentum besser und vollkommener offenbart worden sein. Und was in der christlichen Offenbarung nicht enthalten war, konnte nur heidnischer Irrtum sein.

Die geschichtslose Erzählung der »philosophia perennis« sah im Christentum ebenfalls die ultimative Weisheitsoffenbarung und interessierte sich für die neuen Texte höchstens, weil sie neue Bestätigungen für die bereits erkannte Wahrheit enthielten.
Das größte revolutionäre Potential enthielt die Abstiegserzählung der »prisca theologia«, weil in ihr das Älteste das Vollkommenste war, was die Exklusivität und den Wahrheitsanspruch des Christentum als jüngerer religiöser Offenbarung gefährdete. Entweder war es überflüssig oder eine Niedergangserscheinung. Drohte von den heidnischen Weisheitstexten möglicherweise die Zerstörung des Christentums und die Wiedergeburt einer universellen heidnischen Religion?

Hinzu kam eine gewisse Zweideutigkeit des Weisheitsdiskurses in bezug auf das Verhältnis von Philosophie und Theologie. Die alten Theologen waren in Wahrheit Philosophen, aber die »philosophia perennis« sollte die Grundlage einer universalen Religion sein. Anhänger der alten Weisheit konnten sich zu Philosophen erklären, wenn sie von Theologen angegriffen wurden und sich unter Hinweis auf göttliche Offenbarung philosophischer Kritik entziehen.

Die Frage, die Hanegraaff hier stellt ist: Wo lagen die Ursprünge der großen Erzählung von der alten Weisheit und wie wurde sie zur Gründungserzählung der westlichen Esoterik, die vom 15. Jahrhundert an bis in die Gegenwart Bestand hatte? Um diese Frage zu beantworten, müssen die Ursprünge der abendländischen Philosophie untersucht werden.

Fortsetzung …

Wouter Hanegraaff, Esotericism and the Academy: Rejected Knowledge in Western Culture

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