Gnosis und Engel. Theosophie II

Heute sei klar, dass das frühe Christentum eine Fülle unterschiedlicher Zugänge zu seinen höchsten Mysterien entwickelt habe, die nicht mehr alle als Häresien abgetan werden könnten. Die vergleichende Religionswissenschaft habe die tiefere Verwandtschaft zwischen den spirituellen Traditionen des Valentinian, der Mandäer, der Ismaeliten und des orthodoxen Christentums erforscht. Sie alle seien von zwei goldenen Fäden durchzogen: der Gnosis und der Schau der Engel. Im Christentum finde sich nicht weniger als in anderen Religionen eine initiatische oder initiatorische Tradition, dir zu vergleichbaren Erfahrungen führe.

Die initiatische Tradition des Christentums fuße auf der Metaphysik der Emanation. Die Lehre von der Emanation spreche dem Menschen die Fähigkeit zu, zu immer reineren Stufen der Erleuchtung aufzusteigen und den Makrokosmos im Mikrokosmos zu finden. Die gesamte christliche Lehre von der Initiation fuße auf dieser Korrespondenz und Teilhabe des Menschen an der himmlischen Hierarchie. Der Hierarch oder Einweihende könne Menschen, die die Erleuchtung suchten, an seiner spirituellen Erfahrung teilhaben lassen.

Für dieses Verständnis der Initiation ist Dionysios Areopagita mit seiner Schrift »Von der himmlischen Hierarchie« wegweisend. Bei ihm wird der Aufstieg der Erleuchtung durch eine zentrale Lichtachse des Kosmos bewirkt, die alle Wesen zu sich heraufzieht, die sie dazu ausersehen hat. Der Strahl des göttlichen Lichtes durchdringt die gesamte Schöpfung in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit und bleibt doch nur einer, aber er verhüllt sich zugleich mit den heiligen Schleiern der Schrift, der Liturgie und der geschaffenen Natur. Das Licht macht die Natur Gottes offenbar. Die Schrift und die Liturgie sind verdichtete Formen der Gotteserscheinung, die Natur zerstreut das Licht der göttlichen Weisheit, manche Seelen vermögen das Licht aber auch direkt anzuschauen. Diese direkte Anschauung wird durch Offenbarung ermöglicht, denn die Aufgabe der höheren Wesen ist es, jene zu erleuchten, die unter ihnen stehen, so wie sie selbst von jenen erleuchtet werden, die über ihnen stehen. Daher werden auch menschlichen Initiatoren als Engel bezeichnet, weil sie die Funktion der Engel ausüben. Menschen können sogar über die Engel hinaussteigen, aber insofern auch die Aufgabe des Menschen darin besteht, das göttliche Licht zu offenbaren, kann man ihn als Engel bezeichnen. Selbst Christus ist ein Engel für die Menschen, der herausragendste unter ihnen, da er die göttliche und die menschliche Natur vollkommen in sich vereinigt hat. Er ist der vollkommene Bote und Mittler, daher ist er das Zentrum der Engelwelt, der vollkommene Offenbarer, weil er selbst zur Offenbarung geworden ist.

Das Erscheinen der Engel, das Sichtbarwerden Gottes und die Erkenntnis sind voneinander nicht zu trennen, denn die Engel sind das Medium der göttlichen Offenbarung, die wiederum nichts anderes als Gnosis, Erkenntnis, Schau ist. Ohne englischen Offenbarungsträger kann es keine Gnosis geben – der Engel ist die Offenbarung, insoweit er das Wesen Gottes offenbart. Gott ist die letzte Quelle der Offenbarung, so wie die Sonne die Quelle des Lichtes: die Engel spiegeln und leiten das göttliche Licht weiter, so wie die Planeten es mit dem Licht der Sonne tun.

Die geistige Erleuchtung, die in Gott ihren Ursprung hat, muss von den höheren auf die niederen Wesen herabfließen, da die niederen Engel von der Fülle des Lichts sonst überwältigt würden. Stufenweise flutet das Licht der Erleuchtung durch die Ränge der Hierarchien, bis es zu Menschen gelangt. Die Engel erleuchten aber nicht nur, sie reinigen und läutern auch durch die Erleuchtung. Sie gewähren Teilhabe am Göttlichen und diese Teilhabe ist die Reinigung. Die gesamte christliche Initiation kommt aus der Welt der Engel, die nicht etwa bloß Einbildungen sind, sondern objektive kosmische Mächte, die aber ebenso in der Seele des Menschen gefunden werden können. Die Initiierten steigen auf de geistigen Stufen der Hierarchien auf, so weit sie können. Die Menschen werden in dem Masse vergöttlicht, als sie das Engelsdasein in sich verwirklichen können, als die Engel sich ihnen offenbaren können.

Da der Mensch ein Bild Gottes ist, trägt er ein Spiegelbild der dreifaltigen Hierarchienwelt und der göttlichen Dreifaltigkeit in sich bzw. er ist dieses Bild. Dieses dreifaltige Bild ist er durch seinen Leib, seine Seele und seinen Geist. Die körperlosen Geistwesen tragen diese Dreifaltigkeit in Form von Kräften oder Vermögen in sich. Jedes Wesen trägt also ein Bild der gesamten Hierarchienwelt in sich und dieses Bild ermöglicht es den Engeln sich uns zu offenbaren, soweit wir ihre Offenbarung zu ertragen vermögen.

Das Bild des Engels, das uns erscheint, ist zugleich das Bild des Engels, das wir in uns tragen, es ist unsere eigene Vollkommenheit, die uns in einem äußeren Bild erscheint. Mit anderen Worten, der Geist der Seele ist es, der ihr im Bild eines Engels gegenübertritt und sie zu ihrem geistigen Ursprung zurückführt.

Die Seele des Menschen vermag in eine Zwischenwelt einzutreten, in der sie sich in Bildern und Symbolen bewegt, die zugleich Offenbarungen der himmlischen Hierarchien und ihres eigenen höheren Wesens sind.

Die natürliche Heimat der Seele ist die Welt symbolischer, imaginativer Bilder, so wie die natürliche Heimat des Leibes mit seinen Sinnen die körperliche Welt ist. Die Seele vermittelt die Urbilder der geistigen Welt mit den mannigfaltigen Formen der körperlichen Welt und hat dadurch an den Bildekräften teil, die der gesamten Schöpfung zugrunde liegen. Er ist nur konsequent, wenn die heilige Schrift und auch Christus in Bildern, in Symbolen und Parabeln zur Seele sprechen.

In der Theologie des Dionysios kommt den Bildern und Symbolen eine herausragende Bedeutung zu. Durch sie offenbaren sich dem Menschen die Kräfte und Eigenschaften der göttlichen Welt, die oft eine Entsprechung im Menschen haben, da er ja selbst ein Bild Gottes ist. Wenn daher von den Augen, dem Mund, den Händen Gottes die Rede ist, dann stehen diese für bestimmte Wesenseigenschaften der Gottheit. Für den Gnostiker spiegelt nicht nur der Mensch, sondern die gesamte Natur ihren göttlichen Ursprung. Jede Pflanze, jedes Lebewesen offenbart einen bestimmten Aspekt Gottes und kann vom Menschen als Zeichen aufgefaßt werden, aus dem er Gott zu erkennen vermag. (Daran erinnert auch Goethes Satz »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis«). Die Biene, die Honig erzeugt, ist wie der Betende, der Adler, der sich in die Höhe schwingt, ist wie der Geist, der sich zu Gott erhebt, der Erleuchtete ist wie der Fisch im Wasser usw. Für den Gnostiker und Theosophen ist die gesamte Natur eine Theophanie, eine Erscheinung Gottes.

Obwohl die Natur als Symbol des Göttlichen dient, sind die Symbole doch nur Bilder, die die Eingeweihten verwenden, um überhaupt zu den Uneingeweihten vom Göttlichen sprechen zu können. Aber Flügel oder anthropomorphe Attribute dürfen nicht mit der Realität verwechselt werden, die sie symbolisieren. Das göttliche Wesen offenbart sich dem, der gereinigt ist, in ungreifbarer und unausdrückbarer Form. Die Bilder aus der körperlichen Welt offenbaren in erster Linie den göttlichen Ursprung dieser Welt und nicht dieses Göttliche auf unmittelbare Weise.

In der christlichen Gnosis gibt es, so Versluis, eine fundamentale Beziehung zwischen Engelserscheinungen, Gnosis, himmlischen Hierarchien, der theophanen Natur und dem spirituellen Symbolismus. Diese Beziehung ist für die Unterscheidung zwischen falscher und wahrer Gnosis von großer Bedeutung. Schon das Neue Testament unterschied zwischen diesen beiden Formen der Gnosis. Als falsche Gnostiker werden von Petrus jene bezeichnet, die nicht die Freiheit von der Sünde, sondern die Freiheit zur Sünde propagieren. Außerdem ist von den »großen Zeichen und Wundern« die Rede, die die falschen Gnostiker vollbringen, ja Jesus spricht vom »Greuelbild der Ichverirrung«, das am Ende der Zeiten im Tempel aufgestellt werde. Falsche Gnosis, der Erkenntnisirrtum, führt zu moralischer Verirrung, zur Anbetung von Ersatzgöttern, zu denen die irdischen Dinge und Bedürfnisse des Leibes erhoben werden. Wahre Gnosis heiligt den Leib und die Natur, da beide von Gott geschaffen sind, ihn offenbaren oder ihm zur Wohnung dienen. Falsche Gnosis verwirft die Heiligkeit der Natur und die Heiligkeit des Leibes. Im Gegensatz zu solchen Gnostikern, die den Leib als Tempel des Geistes mißbrauchten und gleichzeitig die Natur als Schöpfung eines Aftergottes ablehnten, betonten Neuplatoniker wie Plotin die theophanische Bedeutung der körperlichen Welt.

Versluis zieht eine Verbindung zwischen dem Antikosmismus der falschen Gnosis und dem Materialismus oder Szientismus, der ebenso die Natur zerstöre, in der er nicht eine Offenbarung Gottes sehe, sondern als einen Ort, in dem der Mensch in kreatürlicher Angst lebt. Sowohl die antiken Pseudognostiker als auch die modernen Materialisten hätten die Natur als von Gott entfremdeten Mechanismus gesehen. Es ist daher nur konsequent, wenn moderne Theosophen wie Böhme, Arnold, Molitor und Baader die materialistische Entweihung des Kosmos aufs Äußerste verurteilten. Für die Theosophen gibt es keine Kluft zwischen Gott, dem Menschen und der Natur, sondern nur einen kontinuierlichen Übergang, der durch die Emanation vermittelt ist. Denn die physische Welt ist das »Ende der Wege Gottes«, bei ihr kommt die kontinuierliche Folge der Emanationen an ihre Ende, ohne dass die Natur aus Gott deswegen herausfiele. Vielmehr kommt in dieser physischen Welt im Menschen das Göttliche in seiner unverfälschten Form zur Erscheinung. Niemand geringerer als Christus hat die menschliche Natur und mit ihr die gesamte physische Welt glorifiziert. Die Emanation schließt nicht nur den gesamten Kosmos zu einer Einheit zusammen, sie stiftet auch ein Band der Sympathie zwischen allen Wesen und Ebenen der Schöpfung, da alles miteinander verwandt ist und im selben göttlichen Grund wurzelt.

Versluis meint, wenn man bei den Kirchenvätern und Mystikern Mahnungen vor allzu großer Hingabe an die Welt finde, dann dürfe man diese nicht als Herabsetzung der Schöpfung mißverstehen. Vielmehr mahnten sie vor dem Haften am Vergänglichen und an Begierden, das gerade für die Entheiligung des Kosmos und des Leibes verantwortlich sei.

Schließlich findet sich in den Werken aller wirklichen Gnostiker oder Theosophen eine grundlegende Übereinstimmung in diesen Fragen, auch wenn es keine historische Kontinuität zwischen ihnen gibt. Die Übereinstimmung beruht auf einer Verwandtschaft im Geist, die letztlich darauf zurückzuführen ist, dass sie  zu unterschiedlichen Zeiten dennoch alle dieselben spirituellen Erfahrungen des Zeitlosen gemacht haben. Eine Geschichte der Theosophie ist so gesehen eine Geschichte jener, die die Erfahrung der Zeitlosigkeit gemacht haben, die sich durch spirituelle Erfahrung in die Region ewiger Wahrheiten erhoben haben.

Daher kann Theosophie nach Versluis auch nicht Gegenstand historischer Kritik sein, denn in ihr geht es um das, was die Geschichte übersteigt. Die Theosophie entstammt einer überweltlichen Erfahrung und spricht jene Menschen an, die sich in dieser Welt fremd fühlen. Allein aus dieser überweltlichen Erfahrung sei aber auch das wahre Wesen des Menschen, der Natur und Gottes zu begreifen. Die Erfahrung der Engel beginne mit diesem Gefühl der Fremdheit, ihre Frucht sei die Erleuchtung der Seele durch den Geist.

Dass das Gefühl der Entfremdung von der Welt das Eingangstor zur Theosophie bildet, diese aber die Welt nicht verneint, sondern als Theophanie betrachtet, ist nur scheinbar ein Widerspruch. Denn was zur Entfremdung führt, ist gerade das Unvermögen, in der Welt selbst das Göttliche zu erblicken. Und dieser im Zeitalter des Materialismus verloren gegangene Blick ist es, der durch den Engel erst wieder erweckt werden muss.

Fortsetzung

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