Wissenschaft und Esoterik IV – Platonische Theologie: Marsilio Ficino

Marsilio Ficino

5. Platonische Theologie: Marsilio Ficino

Bis 1990 zweifelte niemand an der offiziellen Legende, Cosimo habe einst zu Füßen Plethons gesessen, und hier die Idee aufgenommen, Platos Akademie in Florenz wieder aufleben zu lassen. 20 Jahre später, so die Legende, soll er den begabten Marsilio Ficino getroffen, ihm die platonischen Dialoge mit dem Auftrag ausgehändigt haben, sie zu übersetzen, und ihm eine Villa in Careggi, das künftige Zentrum der platonischen Akademie überlassen haben. James Hankins hat diesen Mythos 1990 zerpflückt. Im einzelnen auf diese Diskussion einzugehen, würde hier zu weit führen.

Eine weitere Legende betrifft die Ankunft des »Corpus Hermeticum« im Jahr 1462 in Florenz. Cosimo wies Ficino an, die Platoübersetzung liegen zu lassen, um die Übersetzung dieses Corpus vorzuziehen, war doch Hermes weit älter als Plato und dessen Quelle. Ficino vollendete die Übersetzung 1463 und ließ sie 1471 im Druck erscheinen. Nach der einflussreichen Deutung von Frances Yates begann damit die »hermetische Tradition« der Renaissance. Zweifellos ging von dieser Übersetzung die Rezeptionsgeschichte der Hermetik in der Renaissance aus, aber entgegen der Auffassung von Yates sieht Hanegraaff diese nicht als eine autonome Tradition hermetischer Magie, sondern als einen wenn auch wichtigen Bestandteil der umfassenderen Geschichte des orientalisierenden Platonismus der Renaissance.

Auch wenn die platonische Akademie von Florenz in der Villa von Careggi als feste Institution eine historische Fiktion sein mag, wird dadurch die Bedeutung der Wiedergeburt des Platonismus oder die zentrale Rolle Ficinos für diese nicht geschmälert. Auch für die Faszination, die seither von Hermes ausging, war Ficino zentral. Dennoch muss festgehalten werden, dass aus der Sicht des orientalisierenden Platonismus beide keine eigenständigen Philosophen, sondern Sprachrohre einer alten, zeitlosen und universellen Weisheit waren, die letztlich von Gott stammte. Aber das machte sie in den Augen Ficinos nur noch bedeutsamer. Ähnlich verhält es sich mit Ficinos Vorstellungen über die Reise der alten Weisheit von Byzanz nach Florenz. Er dachte dabei nicht an Manuskripte und wandernde Mönche, sondern an die göttliche Vorsehung, die sich in spirituellen Einflüssen und bedeutungsvollen Synchronizitäten manifestierte.

Ficinos Interesse an der alten Weisheit durchlief verschiedene Phasen. In seiner Jugend, als er noch kein Griechisch verstand, blickte er durch die Augen lateinischer Neuplatoniker auf den göttlichen Plato, den religiösen Denker. Plato lernte er in anfänglichen Übersetzungen von Bruni und Decembrio kennen. Schon damals war er voller Enthusiasmus für die »alten Weisen.« Manche seiner Lehrer scheinen seine Begeisterung für die Heiden als beängstigend empfunden zu haben. Lorenzo Pisanos Dialoge schildern Konflikte zwischen älteren konservativen Klerikern und rebellischen jugendlichen Schwärmern, die von Dichtkunst und Heidentum trunken sind, unter denen Ficino eine prominente Rolle spielt. Sie verteidigen die Schönheiten Platos und der heidnischen Dichtung, und werden wiederholt ermahnt, besser dem wahren Glauben der Kirche zu folgen.

Etwas reifer geworden, scheint Ficino seine jugendlichen Eskapaden bereut zu haben. Nach seinen eigenen Worten wurde er durch die »Summe gegen die Heiden« von Thomas von Aquin von seiner »gefährlichen Häresie« geheilt. Für diesen Sinneswandel finden sich auch Zeugnisse in seinem Briefwechsel. Neben Philosophen schätzte Ficino auch die Dichtung als Quelle genuiner Offenbarungen. Hierin folgte er Petrarca und Boccacio, die davon überzeugt waren, dass die »prisci theologi« oft »prisci poetae« waren, inspirierte Dichter, die über die göttlichen Geheimnisse in mythologischen Bildern sprachen. Petrarca hielt die Dichter für die ersten Theologen und Bocaccio hatte diese Idee einer »poetischen Theologie« mit Orpheus und Moses als Hauptfiguren in einer einflussreichen Schrift verteidigt.

Den jungen Ficino scheint weder die Frage der Priorität oder Superiorität im Verhältnis zwischen alter Weisheit und Christentum interessiert zu haben, noch die Frage, ob Moses der historische Vorrang vor Hermes gebühre. Sie scheinen ihn auch später nicht ernsthaft beschäftigt zu haben. 1464 jedoch entschied er sich in der Frage Moses oder Hermes gegen beide und gab Zoroaster als ältestem Offenbarungsträger den Vorzug. Diese Entscheidung war sicherlich von Plethons Ausgabe der »chaldäischen Orakel« und der biblischen Geschichte über die Magier beeinflusst, die Christus als dem »Vollender des Zoroastrismus« gehuldigt hatten. Nach seiner Auffassung hatte bereits Abraham, als er von Ur in Chaldäa auszog, die zoroastrische Weisheit im Gepäck.

Ficinos Aufwertung Zorasters war von Bedeutung für die Vorstellung der »prisca theologia«, denn sie schloss magische Praktiken und die okkulte Philosophie ein. Da die neuplatonische Theurgie der chaldäischen Orakel Zoroaster zugeschrieben wurde, dem ältesten aller Weisen und Präzeptor der Magie, verschmolz die alte Weisheit mit der Magie. »Prisca theologia« wurde zur »prisca magia«. Ficino hielt sich in dieser Hinsicht zurück, aber Pico della Mirandola nicht. Ein zeitgenössischer Autor gibt dessen Auffassungen wie folgt wieder: »Die göttliche Philosophie des Pythagoras, die sie als Magie bezeichneten, gehörte größtenteils zur mosaischen Tradition, da Pythagoras bei den Hebräern in Ägypten in die Lehre gegangen war, wo er viele ihrer heiligen Mysterien kennenlernte. Sogar die Weisheit Platos kommt, wie man weiß, der hebräischen Wahrheit sehr nahe, daher haben ihn viele als ›Moses‹ bezeichnet, ›der griechisch spricht‹. Zoroaster, der Sohn des Oromasius, betrachtete die Magie als eine Form der Gottesverehrung und als Theologie, in Persien untersuchte er jede Kraft der Natur, um die heiligen und erhabenen Geheimnisse der göttlichen Intelligenz zu erforschen, was viele als Theurgie bezeichneten, andere als Kabbala oder Magie.«

Manche seiner Zeitgenossen irritierte die Bedeutung, die Ficino den heidnischen Quellen gab. Jemandem, der daran zweifelte, die Wiederbelebung der heidnischen Theologie sei im Sinne der Vorsehung, antwortete Ficino 1485 mit drei Argumenten: der Idee eines religiösen Fortschritts durch göttliche Pädagogik, der Idee der Verschleierung und Reinigung und einer Unterscheidung zwischen Philosophie und Religion. Das erste war eine Variante der »pia philosophia«: da die alten Weisen vor Christus gelebt hatten, konnte man nicht erwarten, dass sie sich zur reinen christlichen Wahrheit zu erheben vermochten, aber sie waren auf dem Weg zu dieser Wahrheit, die zuletzt im Christentum offenbart wurde. Über das Wirken der göttlichen Inspiration in allen Zeiten und Völkern sagt Ficino: »So geschah es, dass in jenen Zeiten bei den Persern unter Zoroaster und den Ägyptern unter Hermes eine fromme Philosophie geboren wurde, und dass beide miteinander übereinstimmten. Diese fromme Philosophie wurde dann von den Thrakern unter Orpheus und Aglaophamus großgezogen. Sie erreichte ihr frühes Mannesalter bei den Griechen und Italienern in der Zeit des Pythagoras. Und in Athen erlangte sie im göttlichen Plato ihre volle Reife.«

Aber die alten Theologen pflegten die göttlichen Geheimnisse mit Zahlensymbolik und poetischen Fabeln zu verhüllen. Erst viel später wurde diese verschleierte Theologie unter göttlichem Einfluss durch Plotin freigelegt, aber Plotin ist selbst komplex und schwer zu verstehen. Daher hat Gott Ficino auserwählt, ihn zu übersetzen und zu kommentieren. Wenn sein Werk abgeschlossen ist, wird die wahre alte Philosophie in gereinigter Form frei zugänglich sein. Die Dichter erzählten die Mysterien der Frömmigkeit auf unfromme Weise, indem sie sie in Fabeln über heidnische Götter verbargen, die Aristoteliker waren für die Verbreitung von Meinungen verantwortlich, die jede Art von Religion zerstören, Plotin hingegen bringt diese Philosophie klar und unzweideutig zum Ausdruck. Durch die Arbeit Ficinos wird also die alte Philosophie von den unfrommen Fabeln der heidnischen Dichter gereinigt, und sich gegen die »Ammenmärchen der Scholastiker« als überlegen erweisen. Auf diese Weise wird die Wiederentdeckung der alten Weisheit zu einer Reform des Christentums führen. Das bloße Predigen des Glaubens wird nicht genügen. Sofern es Gott nicht gefällt, durch Wunder einzugreifen und die wahre Religion wiederherzustellen, müssen die Intellektuellen, die einen so großen Einfluss auf die Kirche gewonnen haben, durch Autorität und philosophische Argumente überzeugt werden.

Die Aufeinanderfolge der Weisen verstand Ficino nicht im strengen Sinn historisch. Er sah in ihnen Träger der göttlichen Offenbarung, die diese Offenbarung bestimmten Völkern und Zeiten mitteilten. Er unterschied zwischen einer »Periode der Inspiration«, die unter den Heiden mit Plato endete und unter den Juden mit den letzten Propheten, von einer »Periode der Interpretation«, die mit der Geburt Christi begann. Aber die erste Periode war für Ficino laut Hanegraaff nicht historisch im heutigen Sinn, daher interessierte ihn die historische Abfolge der Weisen auch nicht. Wenn Moses, die Propheten und die heidnischen Weisen alle direkt von Gott inspiriert waren, erübrigte sich die Frage nach den historischen Prioritäten. Für Ficino ging es nicht mehr um das symbolische Kapital der »Tradition«, sondern um das der »Orthodoxie«. Daher antwortete er auf den Einwand seines Zeitgenossen auch nicht, die heidnischen Philosophen seien »älter«. Überzeugender klang schon das Argument, die Alten hätten die Wahrheit des Christentums vorausgeahnt, wenn auch nur unvollständig. An die Stelle der historischen Tradition und der Übermittlung der Weisheit von einem Träger zum nächsten trat bei Ficino die zeitlose Wahrheit. Wenn die göttliche Wahrheit den unterschiedlichen Völkern offenbart worden war, und alle darin übereinstimmten, wurde die Suche nach den Ursprüngen überflüssig. Selbst wenn Zoroaster der erste war, machte das die späteren nicht von ihm abhängig, denn alle waren gleichermaßen von der göttlichen Inspiration erfüllt. Dies alles galt für die Epoche der Inspiration bis Plato. Für die Epoche der Interpretation sah es anders aus. Hier setzte für Ficino die geschichtliche Zeitfolge ein. Hanegraaff hält dies für konsistent. Denn die göttliche Offenbarung war eins, unteilbar und vollkommen verlässlich, die menschlichen Interpretationen hingegen fehlbar und widersprüchlich. Daher wich die vorhistorische Einheit der Metaphysik einer Vielheit sich widersprechender Interpretationen und die Überlieferungswege dieser Interpretationen konnten historisch untersucht werden. In der »Zeit der Interpretation« folgten Epochen der Verschleierung und Entschleierung aufeinander. Nach der Epoche der Inspiration versanken sowohl die Griechen als auch die Juden in Ignoranz und Aberglauben. Nur wenige innerhalb der Schulphilosophie wie Xenokrates und Ammonius Saccas blieben der Wahrheit treu und außerhalb der Schulen überlebte sie dank Sibyllen, Priestern und Dichtern, die von Gott inspiriert waren.

Nach dem katastrophischen Niedergang der wahren Weisheit, der auf Plato folgte, wurde sie durch Christus in ihrer ursprünglichen Form wiederhergestellt und durch die Evangelisten und Dionysios Areopagita kodifiziert. Aber durch gewisse unglückliche Umstände in der Kirche fielen die Bücher des Dionysios in Vergessenheit, die Weisheit verhüllte sich und wurde erst von den Neuplatonikern unter dem Einfluss christlicher Autoren wieder entdeckt: »Denn die Platoniker«, so Ficino, »nutzten das göttliche Licht der Christen, um Plato zu verstehen. Basilius der Große und Augustinus sagen deshalb, die Platoniker hätten die Mysterien des Heiligen Johannes des Evangelisten in sich aufgenommen. … Was immer die Platoniker über den göttlichen Geist, über die Engel und andere theologische Fragen wissen und das uns bewundernswert erscheint, stammt von jenen christlichen Autoren.« (»De Christiane religione«).

So haben die Kirchenväter, besonders Augustinus, die alte Religion in ihrer höheren christlichen Form wieder hergestellt. Danach aber verhüllte sie sich wieder, um schließlich von Ficino Dank der Vorsehung erneut enthüllt zu werden. Die universelle Weisheit durchläuft demnach nacheinander drei Phasen des Niedergangs, auf die drei Phasen der Wiederherstellung folgen.

All dies zeigt, dass Ficino sich grundlegend von Plethon unterscheidet, der das hellenistische Heidentum wiederherstellen und an die Stelle des Christentums setzen wollte. Für Ficino ist die Wiederherstellung der alten Weisheit mit der Wiederherstellung der wahren Form des Christentums identisch, es geht ihm nicht um einen Ersatz des Christentums durch das Heidentum. Ficino denkt wie die frühen christlichen Apologeten, tut dies aber in einem völlig anderen historischen Kontext. Denn nun ging es um eine Wiederherstellung heidnischer Quellen um der Reform des Christentums willen. Er glaubte, ein neues goldenes Zeitalter stehe unmittelbar bevor, er selbst sei das von Gott auserwählte Werkzeug, um dieses Zeitalter herbeizuführen.

Zwar kam die Reform, aber sie sah anders aus, als Ficino sie sich dachte. Die Kirche vermochte er nicht zu beeinflussen, dafür schuf er, wie Hanegraaff sagt, die Grundlage für eine andere religiöse Bewegung, eine nicht-institutionelle Bewegung religiöser Spekulation, die sich in den folgenden Jahrhunderten in Europa ausbreitete, deren Inhalt der orientalisierende Platonismus war. Durch sein Werk schuf er den »Referenzkorpus« (Faivre) der westlichen Esoterik. In diesen wurden im weiteren Verlauf weitere Strömungen aufgenommen. Eine der wichtigsten war die Kabbala. Dies führt zu Giovanni Pico della Mirandola.

Fortsetzung

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