Die Natur als Erscheinung Gottes. Theosophie VII

Zwar wird vielfach das Christentum für die Naturfeindlichkeit der Moderne verantwortlich gemacht, weist doch schon die Genesis den Menschen an, Herrschaft über sie auszuüben. Doch dies, so Versluis, sei ein Irrtum. In Wahrheit liege der Ursprung der Moderne gerade in der Zurückweisung und Überwindung der jüdisch-christlichen Tradition zugunsten des »wissenschaftlichen Ratiozentrismus«. Das Christentum dagegen habe stets ein esoterisches Verständnis der Natur als Erscheinung des Heiligen in sich getragen.

Insbesondere der Protestantismus mit seiner Bilderfeindlichkeit und seinem Individualismus wird für die Heraufkunft der profanen Moderne, für die Industrialisierung und den Kapitalismus haftbar gemacht. Doch ignoriere dieses Argument vollkommen die theosophische Strömung, die ein Gegengewicht gegen genau diese Tendenzen darstellte. Der Protestantismus zerstörte nicht nur den katholischen Zeremonialismus und dessen Ikonografie, sondern er schuf auch die reiche innere Bilderwelt des Rosenkreuzertums, Jakob Böhmes und der Theosophie.

Gegen diese Erinnerung unseres Autors ließe sich allerdings einwenden, dass dieser Wiedereinbruch der Bilder in den Protestantismus nicht zwingend diesem selbst zugeschrieben werden muss, sondern auch als eine Rekatholisierung interpretiert werden könnte, die sich auf dem Gebiet der mystischen Erfahrung und medialen Kommunikation vollzog. Die theosophische Gegenbewegung gegen den Protestantismus innerhalb des Protestantismus war keine genuin protestantische Innovation, sondern eine allgemeinkulturelle Gegenreaktion gegen dessen Einseitigkeiten.

Wie dem auch sei: Jedenfalls gilt von der Theosophie, dass sie sich deutlich gegen die Profanisierungstendenz im Naturverhältnis des Menschen wandte, indem sie die Natur wieder als Offenbarung Gottes, als Theophanie deutete. Davon zeugen die Werke Böhmes, Saint-Martins und Baaders (die beide übrigens Katholiken waren). Für die Theosophen war die Natur eine Verkörperung des göttlichen Logos. Damit kehrten sie zu einem Verständnis der Natur zurück, das auch aus schamanistischen Kulturen bekannt ist. Schamanen besitzen das Vermögen, die Sprache der Tiere und Pflanzen zu verstehen und mit ihnen zu sprechen. Versluis vergleicht diese Fähigkeit der Schamanen mit der Fähigkeit Adams, allen Kreaturen ihre Namen zu geben, und meint, schamanische Kulturen befänden sich noch in einer Art paradiesischem Zustand, was die Beziehung zwischen Mensch und Natur anbelange. Die geheime Sprache der Natur kannte auch die christliche Hermetik. Bei dieser wurzelte sie jedoch nicht in einem paradiesischen Naturverhältnis, sondern in der emblematischen Bilderwelt der Alchemie und einer Wissenschaft der Korrespondenzen. Von diesen Korrespondenzen spricht der Grundsatz der »Tabula Smaragdina«, »Wie oben, so unten«: die spirituelle Welt spiegelt sich in der natürlichen. Schon das Neue Testament verwende Bilder der Natur, um spirituelle Wahrheiten zum Ausdruck zu bringen.

Daher konnte Valentin Weigel schreiben: »O mein Schöpfer und Gott, durch Dein Licht weiß ich, wie wundervoll ich geschaffen wurde. Aus der Welt wurde ich geschaffen, und ich bin in der Welt, und die Welt ist in mir. Ich wurde aber auch aus Dir geschaffen, und ich bleibe in Dir, und Du in mir … Ich bin Dein Kind und Dein Sohn … und alles, was in der größeren Welt ist, ist geistig auch in mir, so sind ich und die Welt eins«. Hier kommt ein theosophisches Verständnis der mystischen Einheit zwischen Mensch, Gott und Welt zum Ausdruck, das noch über die hermetische Auffassung der Spiegelung des Makro- im Mikrokosmos hinausgeht.

Die theosophische Anschauung von der emblematischen Sprache der Natur wurzelte in der alchymischen Wissenschaft der Korrespondenzen. Merkur, Sulfur und Sal finden sich als Qualitäten nicht nur im Kosmos, sondern auch im Leib und in der Seele des Menschen, sie sind sogar ein Bild des gesamten Menschen nach Leib, Seele und Geist. Die Alchemie ist an Qualitäten interessiert, so wie die moderne Wissenschaft an Quantitäten. Während der Wissenschaft der Qualitäten eine intrinsische Begrenzung des technologischen Zugriffs auf die Natur eigen ist, fällt diese Begrenzung bei der quantifizierenden Wissenschaft weg, was zu der bekannten Entfesselung des technologischen Zugriffs auf die Natur führt, die des Menschen gesamte Existenz bedroht. Wahre Alchemie ist nach Versluis eine Wissenschaft der Korrespondenzen und Signaturen, eine esoterische Bildersprache, die die in der Natur verborgenen spirituellen Geheimnisse enthüllt. Sie hat nichts mit Goldmacherei oder der Suche nach dem ewigen Leben zu tun. Die Alchemie befaßt sich mit jenen subtilen Wandlungsprozessen, die sich sowohl in der Natur als auch in der Menschenseele abspielen. Böhme und Baader waren besonders von Paracelsus beeinflußt.

In der deutschen und französischen Theosophie flossen zwei geistige Strömungen zusammen: die Alchemie des Paracelsus und die Gnosis bzw. Mystik Meister Eckharts. Die Alchemie steuerte die Bilder, Figuren und Prinzipien bei, die deutsche Mystik die überkosmische, metaphysische Ausrichtung des ganzen Denkens. Die Alchemie, so Versluis, vermittle ein Verständnis des Geistigen, das auf die Natur einwirke, die Mystik ein Verständnis dessen, was nicht nur auf die Natur einwirke, sondern sie übersteige.

Beides komme in der Naturtheologie Oetingers zum Ausdruck, wenn er schreibe: »Es ist die verderblichste aller Ideen, zu glauben, man könne sich die Natur außerhalb der Gegenwart Gottes denken. In allen Menschen gibt es ein unwiderlegbares Bewußtsein von den unsichtbaren Mächten, die die Natur beseelen.  Es gibt in uns auch ein geheimes ›Ja‹ oder ›Amen‹ zur Weisheit in und außerhalb von uns. Dieses geheime Bewußtsein veranlaßt uns, die Schönheit der Natur als Bild der primordialen Schöpfung anzuerkennen.« Das geheime »Ja« spiegele die Gnosis der deutschen Mystik, und das Bewußtsein der belebenden Mächte die kosmologische Gnosis der Alchemie.

Dieses theosophische Verständnis der Natur, das in ihr Embleme der göttlichen Weisheit erkennt, und Mensch und Kosmos als Spiegelbilder betrachtet, ist der materialistischen Wissenschaft direkt entgegengesetzt, die die Einheit von Mensch, Natur und Geist auseinanderreißt. So kann man die Theosophie Böhmes, Oetingers, Saint-Martins und Baaders auch als historisches Gegengewicht zum wachsenden Materialismus und Atheismus ihrer Zeit betrachten. Jeder dieser Autoren brachte eine Synthese hervor, die dem reduktionistischen Dualismus und Materialismus strikt entgegengesetzt war. Für die Theosophen ist die Natur ein Buch, eine Schrift, deren Bilder, Parabeln und Embleme entziffert werden müssen, ein Buch, das Gott bzw. der Logos geschrieben hat.

Das Erscheinen der Theosophie in der Epoche der Aufklärung und des Materialismus hält Versluis für providentiell. Noch mehr aber bedarf ihrer unsere Zeit, die die Beschränktheit materialistischer Wissenschaft einzusehen beginnt und vom sozialen Zusammenbruch bedroht ist. Umweltschützer betrachten die Erde zwar mittlerweile als lebendigen Organismus, begreifen aber nicht, dass dieses Leben eine religiöse Dimension hat. Andere machen das Christentum für die zerstörerische Moderne verantwortlich. In Wahrheit sei die Verabschiedung des Christentums die Ursache der Probleme der Moderne und nur seine Wiederherstellung könne möglicherweise den »hieros gamos« zwischen Gott, Mensch und Natur erneuern.

Eine solche Wiederherstellung könnte nach Versluis nur aus drei Quellen kommen: aus der (katholischen) Mystik eines Tauler, Ruisbroeck oder Baader, aus der (protestantischen) Theosophie eines Böhme oder Oetinger, oder aus der Gesamtheit der orthodoxen Tradition. Allein diese drei besäßen das richtige Verständnis der Beziehung von Mensch und Natur, das in einem religiösen Zentrum verankert sei. Dass die Anthroposophie auf genau diese Wiederherstellung abzielt, bleibt unerwähnt.

Für Saint-Martin ist Christus das Vorbild des Menschen, denn er stellt das ursprüngliche Gleichgewicht wieder her, das durch den Fall verloren gegangen ist. Christus ist die Säule zwischen Himmel und Erde, das Heilmittel, das die katastrophischen Folgen des Sündenfalls zu heilen vermag. Diese Heilkraft geht auf den Menschen über und die Heilung wird des Menschen Aufgabe im Kosmos. Denn die Natur spiegelt die Folgen des Falls der Engel und Menschen wieder. Die Tendenz zum Bösen und die Zerstörungskräfte der Natur sind eine Folge der Zerstörung der ursprünglichen, paradiesischen Harmonie der Schöpfung.

Die Anerkennung der objektiven Macht des Bösen durch die Theosophie ist laut Versluis kein Dualismus, sondern ein kosmologisches Verständnis der Folgen unrechten Handelns, das nicht nur eine individuelle, sondern auch eine kosmische Bedeutung hat.

Dass der Absturz des Menschen in die Zeit, in die Vergänglichkeit und den Tod, Folge eines metaphysischen Ungleichgewichts ist, das er selbst mit herbeigeführt hat, das weiß nicht nur die christliche Theosophie, sondern auch die ismailische Gnosis.

Seit dem Fall ist die Natur wie eine Witwe, die sich nach Wiederverheiratung sehnt. Über diese Natur schrieb Baader: »So vom Fluch getroffen, vermochte die Natur keine himmlischen, paradiesischen Früchte mehr hervorzubringen und ihre Unfruchtbarkeit folgte auf die des Menschen. Hinter der Schönheit der Natur vernimmt der Mensch, da mehr, dort weniger, die Klagen der Witwe über die Verfehlungen des Menschen, an denen sie leiden muss.«

Zwar sei es in der gegenwärtigen Zeit kaum möglich, den paradiesischen Zustand wieder herzustellen, aber man könne dennoch versuchen, wieder in Einklang mit der Natur zu kommen. Aber Bedingung für die Wiederherstellung ist eine Befreiung aus den Fesseln der Zeit. Aus diesen Fesseln befreit allein eine spirituelle Praxis, die das Bewußtsein zu den geistigen Wurzeln alles Seins erhebt. Böhme spricht davon, dass die sichtbare Natur ein Abbild der unsichtbaren sei, die sich in der sichtbaren Natur verberge, wie eine Tinktur in Metallen und Pflanzen. So gebe es in allem Seienden zwei Naturen: eine himmlische und eine irdische, eine ewige und eine zeitgebundene. Die himmlische offenbare das Licht der Herrlichkeit, die irdische den Gegenschein des göttlichen Zorns.

Wer durch die äußere Erscheinung der Natur hindurch zu sehen vermag, der kann in ihr immer noch das Abbild des Paradieses erkennen. Allein der »religiöse Mensch« ist nach Versluis dazu imstande, denn er allein vermag sich als Säule der Erde zu betrachten, als Wesen, das Himmel und Erde miteinander verbindet. Diese Auffassung auferlegt dem Menschen eine große Verantwortung und diese Verantwortung wird nur von wenigen wahrgenommen. Aber sie allein ermöglicht auch den »rechten Lebenswandel«. Für diesen ist nicht erforderlich, in der jungfräulichen Natur zu leben, sondern es reicht aus, zu erkennen, dass der Mensch die Brücke zwischen Himmel und Erde bildet und wie die Natur ihren göttlichen Ursprung widerspiegelt. Wenn die irdischen Gärten die himmlischen Gärten wieder abbilden, und die irdischen Reiche die himmlischen, dann ist auch der Mensch mit dem Himmel und der Natur wieder versöhnt.

Die Theosophie bietet eine Kosmologie, eine integrale Wissenschaft der Natur, die sie als Erscheinung Gottes erkennbar werden läßt. Um die in ihr verborgenen göttlichen Geheimnisse zu erkennen, ist es nicht erforderlich, den fernen Osten aufzusuchen. Die spirituellen Reichtümer liegen in der europäischen Geschichte, in unserer vergessenen Vergangenheit vergraben. Zwar ist es heute schwieriger als früher, die in der Natur verborgene Glorie Gottes zu sehen, aber unmöglich ist es nicht. Es kommt darauf an, dass der Mensch sich wieder auf sie einstimmt.

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