Wissenschaft und Esoterik XV – Der Irrtum der Geschichte – »Aberglaube«

Der Irrtum der Geschichte. Das Okkulte wird imaginiert

Jean-Antoine Houdon: Voltaire

Bisher bewegte sich die Untersuchung Hanegraaffs im Rahmen der Philosophiegeschichte. Der Diskurs der Renaissance über die alte Weisheit war ein Diskurs von Philosophen mit tiefen religiösen Überzeugungen, die versuchten, Heidentum und Christentum miteinander zu versöhnen. Sie befassten sich auf der Grundlage einer umfassenden klassischen und humanistischen Bildung mit den Ursprüngen und der Geschichte der Esoterik. Dieser Diskurs war eine gelehrte Debatte über eine »philosophische Religion von Intellektuellen«. Unter dem doppeldeutigen Titel »Irrtum der Geschichte« wendet sich Hanegraaff nun im dritten Teil seines Werkes dem aufklärerischen Diskurs über Esoterik zu: doppeldeutig ist er deshalb, weil  er sowohl auf die Esoterik, die von der Aufklärung zum geschichtlichen Irrtum erklärt wird, als auch auf die aufklärerische »Konstruktion« dieser Esoterik selbst bezogen werden kann.

Mit der Aufklärung ändert sich der Rahmen der kulturellen Auseinandersetzungen im Abendland, da das Christentum seine dominierende Rolle verliert und die Philosophiehistoriker wie gesagt alles Esoterische links liegen lassen. Während des 18. Jahrhunderts wandte sich das Abendland ganz anderen Gebieten zu, die nunmehr die Debatten zu dominieren begannen: Wissenschaft und Naturphilosophie. In der Geschichte der Esoterik, die zwar marginalisiert wurde, aber sich trotzdem weiter entwickelte, ging es spiegelbildlich zu diesem säkularen Diskurs vermehrt um die »Geheimnisse der Natur«. Da aber die akademische Welt das Interesse an esoterischen Auseinandersetzungen verlor, wurden diese zunehmend von Privatgelehrten und Liebhabern betrieben.

Die Einstellungen bewegten sich von Feindseligkeit gegen das »Okkulte« über antiquarische Neugier bis zu Begeisterung für höhere religiöse Wahrheiten. Aber allen Beteiligten war ein Interesse an der Natur gemeinsam, was sich in ihrer starken Beschäftigung mit den »okkulten Wissenschaften« – der »natürlichen« Magie, Astrologie und Alchemie – zeigte. Die Teilnehmer dieser Debatten konnten dabei an die Renaissance, insbesondere an Ficino anschließen, der schon die Astralmagie verteidigt hatte. Aber als ebenso gewichtig erwies sich die Alchemie.

Die Anti-Apologeten hatten sich mit dieser aus der Antike stammenden Naturweisheit kaum beschäftigt. Im Zeitalter der Naturwissenschaften änderte sich das. Nun trat die Frage nach dem Verhältnis von Natur und Geist oder göttlicher Welt in den Vordergrund. Die Auseinandersetzungen über die Wahrheit der Religion wurden jetzt auf dem Feld der Naturtheorie ausgetragen: ließ die Natur überhaupt Raum für nicht-natürliche Entitäten oder konnte man aus ihr alles erklären? Der Calvinist und Cartesianer Balthasar Bekker sprach lange vor Max Weber im Hinblick auf die Naturwissenschaften 1691 von einer »entzauberten Welt« und rief mit seiner These ein gewaltiges Echo hervor.

Mit Entzauberung meinte er das Verschwinden geheimnisvoller Kräfte und Mächte aus dem Naturgeschehen. Von Entzauberung kann man auch in einer anderen Hinsicht sprechen: in den letzten drei Jahrzehnten hat die Wissenschaftsgeschichte die Standarderzählung vom »Sieg der Naturwissenschaften« über den mittelalterlichen Aberglauben dekonstruiert. Genauere Untersuchungen haben gezeigt, dass sogar auf dem Gebiet der Mechanik die führenden Köpfe den Atheismus zu vermeiden suchten, indem sie an immateriellen Kräften (Hexen, Dämonen und Geistern) festhielten. Die gelehrte Meinung bewegte sich nicht im simplen Dualismus von Wissenschaft und Aberglauben, sondern im weiten Gebiet dazwischen. So konnte die mechanische Auffassung von der Natur als bewegter Materie aus religiösen Gründen verteidigt werden, da sie die Existenz eines transzendenten Schöpfers sicherstellte, indem sie die Welt von Dämonen befreite. Sie konnte aber auch aus religiösen Gründen kritisiert werden, da sie Gott aus seiner Schöpfung vertrieb und diese jedes Geheimnisses beraubte. Die Auffassung von der belebten und beseelten Natur fand aus religiösen Gründen sowohl Verteidiger, da sie Gottes Allgegenwart zu bestätigen schien, als auch Kritiker, da sie aus deren Sicht jede Unterscheidung zwischen Schöpfer und Schöpfung aufhob und in den Pantheismus führte. Die These von der »Schöpfung aus dem Nichts« beherrschte die protestantische Welt und auch das Denken der meisten Aufklärer, sogar das der Atheisten. Sie ermöglichte die Entstehung einer mechanischen Philosophie und ließ alle Konzepte einer belebten Natur als Pantheismus erscheinen. Der »Sieg der Wissenschaft« wurde dadurch erheblich begünstigt, dass die neue Wissenschaft den theologischen Kampf gegen den »heidnischen Aberglauben« unterstützte.

Die Frage ist, wie die alten Künste der Astrologie, Naturmagie und Alchemie im Verlauf dieser neuartigen Diskurse seit dem 18. Jahrhundert zu »okkulten Wissenschaften« umdefiniert wurden. In drei langen Kapitel erörtert Hanegraaff dies am Beispiel des »Aberglaubens«, der »Magie« und des »Okkulten«.

1. Verdorbene Begriffe: Aberglaube

Seit dem 18. Jahrhundert pflegte man »Aberglaube«, »Magie« und das »Okkulte« weitgehend als Synonyme zu verstehen. Historisch betrachtet ist dies ein grundlegendes Missverständnis. Mangelnde Differenzierung ist laut Hanegraaff nicht nur Zeichen schlechter Wissenschaft, sondern führt auch zu anachronistischen Fehldeutungen. Die drei Begriffe haben eine lange und komplexe Geschichte und niemand sollte naiv ein Wissen von ihrer genauen Bedeutung voraussetzen.

In Wahrheit weiß niemand so richtig, was sie implizieren. Im Gegensatz zu »Astrologie«, »Alchemie« und »Weissagung« (Divination) sind sie relativ spät entstanden und äußerst vorurteilsbehaftet. Zwar haben auch die Begriffe »Aberglaube«, »Magie« und das »Okkulte« eine lange Geschichte, aber sie wurden während der Aufklärung vollständig mit neuem Inhalt angefüllt und dienten seither der Abgrenzung zwischen Wissenschaft, Rationalität und ihrem dunklen Gegenbild. Das hat zwei Konsequenzen: die Anwendung dieser Konzepte auf Epochen vor der Aufklärung führt zu anachronistischen Fehlinterpretationen, da die Vorurteile der Aufklärung in sie hineingedeutet werden, und generell sind sie untaugliche Werkzeuge für die neutrale Beschreibung religiöser Phänomene, da es sich um Werturteile und Kampfbegriffe handelt.

Aberglaube ist der pejorativste der drei Begriffe. Das war aber nicht immer so. Die griechische und lateinische Entsprechung hatten positive oder neutrale Bedeutungen. Im griechischen »deisidaimonia« bedeutete »deisi« Furcht oder Ehrfucht, und die »daimones« konnten Götter, Halbgötter oder sonstige übernatürliche Wesen sein. Die Bedeutung änderte sich, als Philosophen im Anschluss an Plato und Aristoteles anfingen, den ontologischen Rang von Wesen mit ihrem ethischen Rang gleichzusetzen. Danach galten Götter grundsätzlich als gut und es gab keinen Grund, sie zu fürchten. Wer es trotzdem tat, galt als ignorant. Seitdem bezeichnete der Ausdruck in der Sprache der philosophischen Elite einen irrationalen Volksglauben an schädliche Geistwesen, und die rituellen Praktiken, die auf der Furcht vor diesen Wesen beruhten. In der Zeit des Hellenismus und insbesondere im Christentum änderte sich die Bedeutung erneut: während heidnische Philosophen daran zu zweifeln begannen, ob wirklich alle »daimones« gut waren, behaupteten die Christen, die von den Heiden verehrten Götter seien allesamt böse. Für die Christen nahm das griechische Wort die Bedeutung »Dämonenfurcht« an.

Das lateinische »superstitio« bezeichnete ursprünglich Praktiken des Wahrsagens und der Prophetie (Eingeweideschau, Deutung des Vogelflugs usw.) , die im alten Rom gesellschaftlich akzeptiert waren. Seit dem ersten Jahrhundert – im Kaiserreich – wandelte sich die Bedeutung dieses Begriffs: als »superstitio« wurden nunmehr religiöse Praktiken bezeichnet, die von fremden Völkern stammten und als etwas Fremdartiges und Unehrenhaftes wahrgenommen wurden. Gleichzeitig betrachteten die konservativen Eliten diese Praktiken zunehmend als politische Gefahr. »Superstitio« war die potentiell gefährliche »Religion der Anderen«. Die Kulte erschienen um so gefährlicher und subversiver, als sie nicht in der Öffentlichkeit durchgeführt wurden, wie die der Staatsreligion, sondern im Privaten, Verborgenen. Die Christen übernahmen diesen Begriff, der unter anderem auch auf sie gemünzt war, und fügten den Praktiken des Wahrsagens und der Prophetie noch die »Dämonenfurcht« hinzu. Da alle heidnischen Götter für die Christen Dämonen waren, wurde »superstitio« zur Sünde schlechthin, zur Götzenanbetung.

Im (christlichen) Mittelalter war die »Idolatrie«, die in der Furcht vor Dämonen gründete, der zentrale Inhalt der »superstitio«. Man unterschied zwischen dem Aberglauben der Beobachtung (Deuten von Zeichen und Omen, Visionen, Träume, Orakel), dem Aberglauben der Weissagung (einschließlich Astrologie, Totenbeschwörung und mantischer Techniken) und dem Aberglauben der magischen Kunst. All diese Praktiken schlossen den Kontakt mit heidnischen Göttern oder Dämonen ein – deren Existenz nebenbei gesagt natürlich vorausgesetzt wurde –, die versuchten, die Menschen vom wahren Gott und Glauben abspenstig zu machen.

Ein weiteres Bedeutungsfeld hing mit dem griechischen »deisidaimonia« zusammen. Die aristotelische Lehre von der Mäßigung ließ die rituellen Praktiken mancher Kulte als Formen der Unbesonnenheit und des Exzesses erscheinen, die wiederum auf der (falschen) Furcht vor den Göttern beruhten. Der Exzess des Rituals (exzessive Rituale, Orgien usw.) war das ganze Mittelalter hindurch mit dem Begriff des Aberglaubens verbunden, eine Konnotation die auch noch in der Neuzeit nachklingt.

Die Reformation wendete diesen Begriff der »superstitio« gegen die Katholische Kirche, von der er als Waffe gegen die Heiden entwickelt worden war. Für Protestanten war der Katholizismus der Inbegriff des Aberglaubens, so wie wir heute Rassismus selbstverständlich für verwerflich halten. Der Kirche wurden eine Fülle solcher »abergläubischer«, »heidnischer« Praktiken vorgeworfen: die Anbetung der Hostie und der Sakramente, die Verehrung von Marien-, Heiligenbildern und Reliquien, der Glauben an das Fegefeuer, Totenmessen, Totenwachen, Begräbnisse, das Fasten, die Taufe von Glocken und Kerzen, Prozessionen und so fort. Die Reformatoren kritisierten die Kirche weil sie an die Macht der guten Werke glaubte, statt an die Rechtfertigung durch den Glauben allein. Sie stütze sich auf von Menschen geschaffene Idole und mindere die absolute Macht des Schöpfers herab. Bemerkenswert daran war, dass die Protestanten ihre ganze Kritik mit dem Argument stützten, all jene von ihnen verurteilten Praktiken seien auf die Einflüsterungen von Dämonen, auf Sendboten des Teufels zurückzuführen, und wer sich nicht von ihnen lossage, werde auf ewig und binnen kurzem in der Hölle schmoren. Auch die Protestanten arbeiteten mit der Furcht, wie die römische Kirche es getan hatte.

Der theologische – katholische oder protestantische – Begriff des Aberglaubens definierte diesen als Furcht vor Dämonen, die zu exzessiven Ritualen führe und den Menschen dem wahren Gott entfremde. Die Aufklärung deutete diesen Begriff von einem religiösen in einen intellektuellen Irrtum um, wie aus einer Definition in »Zedlers Universallexikon« Mitte des 18. Jahrhunderts ersichtlich ist: »Aberglaube ist ein Irrtum, durch den natürlichen oder menschlichen Dingen etwas Göttliches zugeschrieben wird, das ihnen nicht zukommt, wodurch aber im Gemüt eine unvernünftige Erregung hervorgerufen wird.« Der Aberglaube irrt, weil er Natürliches und Göttliches nicht auseinanderzuhalten vermag und daher verfällt das Gemüt in emotionale Exzesse. Die Vorstellung, Göttliches könne den Dingen innewohnen, öffnet aus der Sicht der Aufklärer die Tür für alle Arten von Aberglauben, aber dieser ist keine Sünde mehr, sondern eine Illusion. Die französische »Enzyklopädie« folgerte schlüssig, der Aberglaube sei »die unglückliche Tochter der Einbildungskraft« (Imagination, Phantasie). Die Natur ist nach Meinung der Enzyklopädisten frei vom Numinosen und nur die Imagination, die Einbildungskraft, füllt sie damit an. Damit war die »unheilige Trinität der Aufklärung« erreicht, die aus »Enthusiasmus, Aberglaube und Imagination« bestand.

Auch wenn die Aufklärung erfinderisch war, indem sie den Aberglauben als »intellektuellen Irrtum« definierte und der Wissenschaft gegenüberstellte, blieb sie doch in den theologischen Vorstellungen befangen, die das Heidentum als Furcht vor Dämonen, Götzenanbetung und eine unendliche Folge ritueller Exzesse imaginierten. Der Grundirrtum, den die Aufklärer der christlichen Kultur austreiben wollten, war in der Tat das »Heidentum«, so Hanegraaff, aber dieses wurde zu einer Schwäche des Verstandes umdefiniert, die seit jeher dazu verleitete, geistige Wesen in die Natur hinein zu imaginieren (dies ist auch die Bedeutung des von Tylor Ende des 19. Jahrhunderts geprägten Begriffs des »Animismus«).

Für christlich orientierte Denker, besonders Protestanten, war diese Wendung der Dinge äußerst attraktiv, weil sie ihnen erlaubte, mit dem wissenschaftlichen Fortschritt gegen den alten Feind zu marschieren, der in ihren Augen schon immer das Christentum verseucht hatte. Die Vorstellung, in der Aufklärung habe die Wissenschaft einen Krieg gegen die Pseudo-Wissenschaft ausgetragen, ist demnach irreführend. Vielmehr setzte sie nur den alten Krieg der christlichen Theologie gegen das Heidentum mit einer mächtigen neuen Waffe fort.

Voltaire genügt als Beispiel. Er bekämpfe nicht in erster Linie das Christentum oder die Religion, sondern die heidnischen Irrtümer, die sich in diese hineingeschlichen hatten. Daher betrachtete er die Astrologie entsprechend der Tradition als Aberglauben, stellte sie aber nicht der Wissenschaft entgegen, sondern der Religion: »Der Aberglaube ist für die Religion, was die Astrologie für die Astronomie ist: die närrische Tochter einer weisen Mutter.« Der Satz lobt bemerkenswerter Weise Wissenschaft und Religion als »weise und intelligent«. Weniger bekannt ist Voltaires Äußerung, wonach alles, was über die »Verehrung eines höchsten Wesens und die Unterwerfung des Herzens unter seine Befehle« hinausgehe, als »Aberglaube« zu bezeichnen sei, der mit dem Fanatismus zusammenhänge. Im übrigen glaubte Voltaire wie die Anti-Apologeten, der im Heidentum geborene Aberglaube sei vom Judentum adoptiert worden und habe die Kirche von Beginn an infiziert.

Fortsetzung