Tempel, Pilger und die Apokalypse des Herzens. Theosophie VIII

Mathias Gerung, Himmlisches Jerusalem

Mathias Gerung, Himmlisches Jerusalem

Der Tempel und der Pilger enthalten laut Arthur Versluis die tiefsten Mysterien der drei Religionen, die auf Jerusalem hinorientiert sind. Das Zentrum des Judentums ist der »geomantische« salomonische Tempel, dessen Geheimnisse später vom christlichen Templerorden inkorporiert wurden, der aufgrund seines Wissens um diese Geheimnisse verfolgt wurde. Das Geheimnis des Tempels hängt mit dem »Ende der Zeiten« zusammen.

Der Pilger ist ein Fremdling in dem Land, das er bereist. Aber dieses Land soll ihm seine heiligen Symbole enthüllen, zuletzt das spirituelle Ziel, nach dem er strebt. Sich als Fremdling in einem Land zu empfinden, drückt dasselbe aus, wie Christi Worte: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Ein Pilger zu sein, bedeutet, mit den Augen des Geistes in die Welt zu sehen und nach den spirituellen Archetypen der Dinge zu suchen.

Auch das Rittertum birgt eine Symbolik in sich. Die Aufgabe der Templer war es, die christlichen Pilger auf ihrem Weg zum heiligen Jerusalem zu schützen. Die Templer stellten als Hüter der Heiligen Stadt für manche weltlichen Herrscher und auch für die katholische Kirche eine Bedrohung dar, beschützten sie doch die individuellen Wege zu den tiefsten Mysterien des Christentums.

In der Symbolik der Templer verbinden sich die spirituellen Welten der Engel und die Kosmologie. Um diese Vereinigung geht es in allen drei abrahamitischen Religionen. Deutlich tritt diese Symbolik in der »Göttlichen Komödie« zutage, wenn Beatrice am Eingang des Paradieses den Pilger Dante an Bernhard von Clairvaux übergibt, der für die Templer eine große Bedeutung hatte. Vor dem Eintritt in das Allerheiligste, das Paradies, wo die Struktur des Kosmos für die außerkosmische Welt durchsichtig wird, tauchen die Templer als Hüter des Tempels und Bernhard, ihr geistiger Führer, auf.

Gleichzeitig spielt aber auch das Bild Christi, die sogenannte Veronika, bei Dante eine Rolle. Dante spricht in der »Göttlichen Komödie«, ebenso wie in »La Vita Nuova«, vom Antlitz Christi, in das er geblickt habe. Pilgerschaft ist auch eine Suche nach dem »Bild«, der »imago« Christi, deren Abbild der Pilger werden möchte.

Auch in der Apokalypse des Johannes stehen der Tempel und das neue Jerusalem am Ende. Das neue Jerusalem hat keinen eigenen Tempel mehr, sein Tempel ist Gott der Allmächtige. Das neue Jerusalem ist eine Stadt aus Licht, eine Stadt der Erleuchtung, und wer zu ihm hinfindet, wird das Antlitz Gottes sehen, und Gottes Name wird auf seiner Stirn leuchten. Die Stadt, die aus dem Himmel herabsteigt und das letzte Gericht sind weitere Archetypen, die in vielen mystischen Berichten vorkommen.

Das Antlitz Gottes sieht, wer in das neue Jerusalem gelangt, in einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der neue Himmel und die neue Erde sind die archetypische Welt, in der das neue Jerusalem sich offenbaren kann, die Welt symbolischer Bilder, die sich der mystisch-seherischen Erfahrung erschließt. Die heilige Stadt befindet sich nicht auf Erden, sondern in einer übersinnlichen, urbildlichen Welt. Daher ist diese Stadt ewig, ihr Ort ist das ewige Jetzt, das in jedem Augenblick da ist, nicht erst am Ende der Zeiten, sondern dort, wo die Zeit endet, dort, wo die Seele durch ihre geistigen Wahrnehmungsorgane in die Welt jenseits der Zeit eintritt.

Pilgerschaft, Geistsuche führt durch symbolische Landschaften zu heiligen Orten und die Wanderung durch diese Landschaften reinigt, verwandelt und verjüngt den Pilger. Das neue Jerusalem betritt, wer sich selbst läutert und seine Seele reinigt, so dass ihre geistigen Augen sehend werden. Die Ungläubigen, Götzendiener und Zauberer werden in einen See aus Feuer geworfen, die äußerliche Manifestation ihres Wesens. Jene, die reinen Herzens sind, sehen das Antlitz Gottes in reinem Licht.

Das Antlitz Gottes ist ein zentrales Motiv des Christentums. Der heilige Bernhard fordert Dante am Ende dazu auf, dieses Antlitz anzuschauen. Gott vermag nur anzuschauen, wer sich über die Engel erhoben hat, wer geworden ist wie er, damit er sein Bild zurückwerfen kann, daher erscheint auch Gottes Name auf seiner Stirn. Symbolisch wird dadurch das tiefste Geheimnis der Gnosis ausgesprochen: denn der Mensch selbst wird in seinem vergeistigten Leib, seinem Geistleib, zum Tempel Gottes. Die höchste Erkenntnis ist die Erkenntnis Gottes, die Erkenntnis seiner Anwesenheit in seinen Kreaturen und durch seine Kreaturen in der Schöpfung.

Die Schau des göttlichen Antlitzes kennen alle abrahamitischen Religionen. Der Tempel der Theosophen ist das Herz als spirituelles Wahrnehmungsorgan. John Pordage spricht vom »Auge des Herzens«, islamische Theosophen vom »Auge der anderen Welt«. Dieses innere Auge allein vermag den Tempel zu sehen. Hayy ibn Yaqzan besucht den König der Einsamkeit, der in seiner Schönheit ein einziges Antlitz ist, frühe Kabbalisten sprechen von der höchsten Gotteserkenntnis als einer Schau des Antlitzes, das im jungfräulichen Licht vor der Schöpfung erstrahlt, einer Schau, die Moses noch versagt ist.

Nur ausgewählten Einzelnen wird diese Erfahrung zuteil. Der Pilger Dante wandert allein in seiner Divina Commedia, nur begleitet von Bernhard. Johannes wird von einem Engel begleitet. Auch islamische oder jüdische Mystiker sprechen von der Einsamkeit als der Voraussetzung der Schau des Antlitzes. Nur das kleine Häuflein der von Gott Berufenen wird sehend.

Die Theosophen gehören zu diesen Berufenen. Jeder von ihnen wird auf die Seelenreise geschickt, eine Reise der Reinigung, die in der Schau Gottes gipfelt, einer Erfahrung, die letztlich mit Worten nicht beschrieben werden kann. Aber alle beschreiben diese Erfahrung mit ähnlichen, ja identischen Metaphern.

In dieser theosophischen Erfahrung durchdringen sich die überhimmlische und die himmlische Welt. Aus ihr ergibt sich ein neues Verständnis der Apokalypse. Die Offenbarung ist nicht mehr nur historisch, sie liegt nicht einmalig und abgeschlossen in der Vergangenheit, oder einer fernen zeitlichen Zukunft, sondern sie ist zeitlos, sie ist eine Erfahrung im Hier und Jetzt des sehenden Herzens, ein Eintritt in die Ewigkeit, die zugleich symbolisch und real ist. So verstanden, ist die Apokalypse immer gegenwärtig, sie ereignet sich jetzt.

In allen abrahamitischen Religionen finden sich übereinstimmende Berichte über die Schau Gottes. Versluis ist der Überzeugung, diese Übereinstimmung sei auf eine universelle spirituelle Erfahrung zurückzuführen, auf die Erfahrung, dass sich im sehenden Herzen des Menschen die geistige Ordnung des Kosmos und die Weisheit der Engel durchdringen. Von solchen Erfahrungen berichten Jakob Böhme, John Pordage und viele andere. Pordage spricht von einer Reise ins Innere des archetypischen Globus, in den Tempel des Herzens, wo er Gott begegnet. Auch Jane Leade erzählt davon, sie sei zu bestimmten Zeiten am himmlischen Hof zugegen gewesen.

Die Gegenwart der Apokalypse hat aus theosophischer Sicht aber auch noch eine andere Dimension: den Milleniarismus. Alle Theosophen glaubten, sie lebten in der Endzeit vor der Wiederkunft Christi. Das Argument, sie hätten sich geirrt, denn er sei bis heute nicht erschienen, beruht nach Versluis auf einem Mißverständnis. Denn womöglich ist die Apokalypse so zu verstehen, dass ihre Prophezeiungen für den Leser wahr werden, der sich so in sie einlebt, wie die Theosophen es getan haben. Für den Theosophen, der sich zur Schau Gottes aufschwingt, ist die Apokalypse gegenwärtige Realität, für ihn offenbart sich der Herr in den Wolken, ist das neue Jerusalem, der neue Himmel und die neue Erde bereits da.

Die Betonung der Apokalypse des Herzens birgt noch eine weitere Konsequenz, die besonders deutlich im Werk von Jane Leade zutage tritt: die Überzeugung von der »apokatastosis ton panton«, der Wiederherstellung aller Dinge. Leade begegnete Christus und dieser sprach zu ihr: »Ich will alle Dinge neu machen, das Ende soll zu seinem ursprünglichen Zustand, seinem Anfang, zurückkehren. Niemand soll daran zweifeln, dass Gottes Gnade dies vermag. So wie es am Anfang keine Sünde gab, soll es auch am Ende keine geben. Wenn der Tag des Gerichts anbricht, dann werden all diese Unvollkommenheiten in den See des Feuers und den bodenlosen Abgrund geworfen, wo alle Sünde, aller Tod, alle Sorge und alle Pein aufhören. Auch die diabolischen Mächte werden aufhören zu sein.«

Wenn Christus erscheint, wird er alle Dinge in ihren archetypischen, jungfräulichen Zustand vor der Erschaffung zurück versetzen und allen Wesen wird Liebe, Friede und Versöhnung zuteil. Diese Wiederherstellung betrifft nicht nur das Innere des Menschen, die Umwandlung seiner Seele, sondern auch die äußere Welt, eben die Umwandlung aller Dinge. Die Apokalypse des Herzens muss zu einer universellen Erfahrung werden, an der alle Wesen teilhaben. Die Milleniaristen empfinden die Dringlichkeit dieser Umwandlung nur deutlicher als andere. Und dass diese Apokatastasis alle Dinge umschließt, dass nichts verlorengeht, ist eine Konsequenz der unendlichen Güte Gottes, der seinen Sohn in die Welt entsandte, um die Schöpfung wieder zu sich zurückzuführen. Apokalypse heißt Durchchristung der Welt, die Auferstehung der Schöpfung in Gott durch seinen Sohn.

Durch die Apokalypse wird aber auch das Böse offenbar, das für die Theosophen wie bereits erwähnt kein Abstraktum, sondern eine Realität ist. Meist führt ihr Weg durch die Hölle, bevor sie Zugang zur himmlischen Welt erlangen: so bei Pordage, bei Dante, der das Purgatorium und die Hölle durchschreiten muss, bevor er ins Paradies gelangt. Auch als persönliche Erfahrung in ihrem Alltagsleben kannten Böhme und Pordage das Böse, die Zorneskräfte, mit denen sie konfrontiert wurden, bevor sie jenseits davon die paradiesischen Aspekte der Schöpfung erfahren konnten. Aber sie erlebten auch, wie diese Mächte des Bösen vor dem Antlitz Christi zerschmolzen.

Apokalypse bedeutet Enthüllung, Entschleierung und so sollte die Apokalypse des Herzens verstanden werden. Diese Enthüllung findet nicht nur einmal in der Geschichte statt, sie kann jederzeit stattfinden, ja sie muss jederzeit stattfinden, wenn die Menschheit nicht gänzlich ihren Zusammenhang mit der göttlichen Welt verlieren soll.

Novalis schrieb, der Mensch solle teilhaben an der göttlichen Sympathie mit allen Dingen, er solle Gott beistehen, die Schöpfung zu erlösen, ein Messias der Natur werden. Darum geht es in der Theosophie: um die Mitwirkung des Menschen am Schöpfungs- und Erlösungswerk. Die Verantwortung des Menschen geht weit über das Bekenntnis zu einem historischen Christusereignis hinaus: sie schließt die Nachfolge Christi zu jeder Zeit, an jedem Ort ein – denn diese Nachfolge allein sichert die Wiederherstellung aller Dinge, die Rückkehr der Schöpfung in Gott.

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