Umwendung des Geistes. Theosophie IX

William Blake Jakobs Leiter

Jede Metaphysik beginnt mit einer Umwendung des Geistes, einer metanoia. Wohin wendet sich der Geist? Er wendet sich einer Offenbarung zu, die für den Verstand und die Sinne nicht erreichbar ist. »Metaphysik« bezeichnet, was jenseits der Physik, jenseits der Kosmologie liegt. Die Zuwendung zum Göttlichen, die metanoia, wird im Deutschen als »Wiedergeburt« bezeichnet. Durch sie öffnet sich der Mensch gegenüber seinem wahren Wesen.

Der Protestantismus hat mit seiner Buchstabengläubigkeit viel zur Verschüttung des ursprünglichen Sinns der »metanoia« beigetragen. Daher muss dieser erst wieder durch Besinnung auf die Quellen hergestellt werden. Für Dionysios Areopagita schloß die metanoia ein geistiges Verlangen, einen Eros ein. Als gefallene Wesen werden wir von der Sinneswelt angezogen und die Umwendung des Geistes besteht darin, dass wir uns wieder Gott in unserem Inneren zuwenden. Der Wendung nach innen liegt ein tiefes Verlangen zugrunde, uns wieder mit Gott zu vereinigen und unser geistiges Wesen zu verwirklichen, dasselbe Verlangen, das auch den Liebenden nach der Vereinigung mit dem Geliebten streben läßt. Die Umwendung des Geistes ist nicht Ablehnung der sinnlichen Welt, sondern Bejahung der übersinnlichen.

Von diesem Verlangen der Kreatur spricht Dionysios in seinem Buch über die »Göttlichen Namen«: »Und daher müssen alle geschaffenen Dinge das Schöne und das Gute verlangen, begehren und lieben. Und wir müssen mutig genug sein, zuzugestehen, dass die Ursache aller Dinge in der Überfülle ihrer Gutheit alle Dinge liebt, dass sie aufgrund dieser Gutheit alle Dinge schafft, und alles zur Vollendung führt, alles zusammenhält und alles wieder zu sich zurückbringt. Das göttliche Verlangen ist das Gute, das das Gute um des Guten willen sucht.«

Das Verlangen, der Eros, von dem Dionysios spricht, ist das Göttliche in uns, das durch uns erkannt sein will. Dionysios zitiert aus den »Sprüchen«: »Verlange nach ihr und sie wird Dich halten; erhöhe sie und sie wird Dich erheben; ehre sie und sie wird Dich umfangen.« Gemeint ist die Sophia, die göttliche Weisheit. Auch Maximus Confessor spricht von diesem Eros, durch den das Göttliche »anderes bewegt und sich selbst bewegt, da er danach dürstet, dass man nach ihm dürstet, da er danach begehrt, begehrt zu werden und liebt, geliebt zu werden.« Nichts anderes bedeutet auch Ekstase: aus sich selbst herauszutreten, um sich mit Gott zu vereinigen. Denn auch Gott tritt aus Liebe zu seinen Geschöpfen aus sich selbst heraus, und »läßt seine Transzendenz hinter sich zurück, um in allen Dingen zu wohnen, während er doch zugleich in sich selbst bleibt«. Demnach gibt es eine spiegelbildliche Entsprechung zwischen Gott und der Seele – im Verlangen der Seele nach Gott verlangt Gott nach sich selbst, nach seiner Erkenntnis durch die, die ihn lieben.

Dieses Verlangen aller Kreaturen nach Vereinigung, zuletzt nach der Vereinigung mit Gott, wird als »Theopathie« bezeichnet. Alle Kreaturen tragen das Bild Gottes in sich, durch das sie sich mit ihrem Schöpfer vereinigen wollen, ein Bild, das zugleich das Bild der Seele ist, wie sie ursprünglich von Gott geschaffen wurde, Gott, der sich in dem, der ihn liebt, erkennt. Die Manichäer sprachen vom »Jesus patibilis«, der in den erlösungsbedürftigen Kreaturen leidet, und vom »Jesus impatibilis«, dem transzendenten Bild, das frei von allem Leiden ist – in Wahrheit sind beide eins, so wie auch der Liebende entdeckt, dass sein Verlangen nach Erlösung das Verlangen Gottes nach seiner Offenbarung im Herzen aller Geschöpfe ist.

Maximos der Bekenner sieht in dieser Spiegelbildlichkeit das Wesen der Liebe, des Eros. Da Gott in seiner Liebe zu seinen Geschöpfen aus sich heraus tritt, ist er der urbildliche Liebende, denn er erhebt andere dazu, sein eigenes Verlangen nachzuahmen, und er verdient es, von ihnen in seiner Hingabe nachgeahmt zu werden. »Gott«, so Maximos Confessor, »erregt und lockt, um eine liebende Vereinigung im Geist herbeizuführen« und stets ist »diese erotische Kraft, sei sie nun göttlich, engelhaft, geistig, seelisch oder physisch, eine vereinigende und vermischende Macht«.

Diese mystische Liebe, die auch in der vergänglichen Schönheit das unvergängliche Urbild zu sehen vermag, hat eine lange Geschichte, die bis in die antiken Mysterien und noch weiter zurück reicht. Sie begegnet auch in Platos Werken, wenn Sokrates als »Liebhaber der Sophia« beschrieben wird, der in die Mysterien der Liebe eingeweiht war, und einer Gesellschaft zum Opfer fiel, die unfähig war, die Natur seines transzendenten Eros zu verstehen. Ihm erging es nicht anders als vielen Mystikern nach ihm. Die Idee der spirituellen Wiedergeburt der christlichen Gnosis geht von Johannes aus: »Es sei denn, jemand werde wiedergeboren, sonst sieht er nicht das Königreich Gottes.« Auch die islamische Mystik kennt diese Wiedergeburt im Geiste. Nach Corbin beinhaltet sie, dass »die Seele des Mystikers ihren Schöpfer erschafft«, dass seine Verwirklichung des »schöpferisch Weiblichen, der Sophianität, bestimmt, in welchem Ausmaß er imstande ist, das Geheimnis der Göttlichkeit seines Herrn zu erkennen, in welchem Ausmaß seine Theopathie jenen Gott gebiert, dessen Verlangen darin besteht, durch den Mystiker erkannt zu werden«.

Die Theosophen sehnen sich nach der Sehnsucht Gottes. Unser Verlangen nach dem Guten und Schönen ist das Verlangen Gottes in uns, durch uns erkannt zu werden. Wiedergeburt heißt demnach, so Versluis, die Erweckung ebendieses Eros in uns. Es sei daran erinnert, dass auch Steiner von diesem Verlangen spricht: die Vereinigung des Geistigen im Menschen mit dem Geistigen im Kosmos, die nach seinen Worten die Aufgabe der Anthroposophie ist, wird von manchen Menschen empfunden, wie von anderen Hunger und Durst. Menschen, in denen dieses Verlangen wachgerufen ist, unterscheiden sich von den übrigen, die kein Bewußtsein der tieferen Natur des Eros haben, sie wissen nicht, dass der tiefste Grund ihrer Seele »Gottes Grund« ist.

Meister Eckhart betonte die Notwendigkeit, dass Christus in der Seele jedes Menschen geboren werde. Wenn es heiße, Gott habe seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt, dann sei darunter »nicht die äußere Welt zu verstehen, in der der Sohn mit uns gegessen und getrunken hat, sondern die innere Welt. So wie in Wahrheit der Vater in seiner einfachen Natur den Sohn auf natürliche Weise gebiert, so gebiert er ihn auch im innersten Teil des Geistes, in der inneren Welt. Hier ist Gottes Grund mein Grund, und mein Grund ist Gottes Grund.« Beide sind eins, denn Gott selbst verlangt nach seiner Erkenntnis durch uns.

Durch die persönliche Erfahrung des Göttlichen werden wir Menschen verwandelt, Gott muss in unserem Herzen geboren werden: diese Verwandlung ist die Spiegelung unserer Verwandlung durch das Bild Gottes in uns, den Engel, der in Wirklichkeit unser wahres Wesen ist. Diese Verwandlung unseres inneren Menschen vollzieht sich durch symbolische Erfahrungen, durch Bilder, in denen sich dieses wahre Wesen offenbart. Jakob Böhme spricht in seinem »Weg zur Christosophie« von dieser Umwandlung. Wenn die Seele des inneren Christus gewahr wird, wenn die Jungfrau Sophia ihr in ihrer reinen Schönheit erscheint, dann, so Böhme, erschrickt sie angesichts ihrer eigenen Unwürdigkeit. Sie fühlt die Nähe des Gerichts. Dann jedoch »zieht die Jungfrau die Seele zu sich heran und küßt sie … und die Seele hüpft vor Freude in ihrem Körper, ob der Macht dieser jungfräulichen Liebe.«

Arthur Versluis betont, dass diese Transformation erfahren werden muss. Wer solche Schilderungen nur von außen verstehen will, ohne sich durch Empathie in die gnostische Bilderwelt zu versetzen, wird nicht verstehen, wovon Böhme spricht. Daher wurde Böhme durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder mißverstanden. Nur wer durch die Lektüre der Theosophen oder auch der islamischen Gnostiker innerlich verwandelt wird, versteht sie richtig.

Böhme hebt den Zusammenhang von metanoia und Wiedergeburt hervor, wenn er sagt: »Diese Geburt muss in dir stattfinden. Das Herz oder der Sohn Gottes muss in deinem Leben geboren werden. So wird der heilige Christus dein wahrer Hirte. Und du bist in ihm und er in dir. Und alles, was er und sein Vater besitzen, besitzt auch du, und niemand vermag es dir wegzunehmen. So wie der Vater (des Vaters Herz) einer ist, so bist auch du als neuer Mensch einer im Vater und im Sohn, eine Kraft, ein Licht, ein ewiges Paradies, eine ewige himmlische Geburt, ein Vater, Sohn, Heiliger Geist und du bist ihr Kind.«

Nach den Theosophen besteht das Wesen der Religion darin, das Paradies in diesem Leben auf Erden zu verwirklichen. Die Wiedergeburt ist wie ein Gespräch der Seele mit der heiligen Sophia, ein Gespräch, durch das die Gnade der Sophia die jungfräuliche Natur der Seele enthüllt, durch das der Logos in ihr geboren wird. Diese Entfaltung der Seele beginnt mit einer inneren Erweckung, mit der Entfachung der Liebe zu Gott.

Die Transformation der Seele ist ein langer Prozeß. In deren Verlauf gibt der Theosoph seinen eigenen Willen auf und begibt sich in die Hand Gottes oder der Sophia. Durch die Aufgabe des eigenen Willens identifiziert und vereinigt er sich immer mehr mit der göttlichen Sophia und tritt die Nachfolge Christi an, was die Bereitschaft einschließt, sich für andere zu opfern. Das Selbstopfer Christi ist für die Theosophen nicht ein einmaliges historisches Ereignis, »durch das wir alle gerettet sind«, sondern ein Pfad, auf den sich alle begeben müssen, die wirklich gerettet werden wollen. Die Wiedergeburt nimmt die Dauer eines ganzen Lebens ein, auch wenn sie sich punktuell als Erlebnis verdichten kann. Auch wenn Böhme über seine Erleuchtung mit 25 schrieb, sein Geist habe mit einem Mal durch alles hindurch gesehen und in allen und durch alle Kreaturen, sogar in Kräutern und im Gras Gott erkannt, wer er sei und wie er sei, und was sein Wille sei, auch wenn er in einer Viertelstunde mehr erkannte, als durch ein jahrelanges Studium, so benötigte er doch den ganzen Rest seines Lebens, um diese Erleuchtung zu vertiefen und auszuarbeiten.

Metanoia ist im Sinne der Theosophie eine innere Enthüllung, ein inneres Sehen der geistigen Welt, das den gesamten Menschen umwandelt. Der Mensch wendet sich von einem Leben im Dienste der Leidenschaften zu einem Leben im Dienste des Mitleids. Durch Schweigen und stille Meditation erlangt die Seele Frieden und Ruhe. Die Frucht des spirituellen Lebens ist ein Friede, der das kurze Leben auf Erden überdauert.

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