Wissenschaft und Esoterik XI – Die pietistische Antwort: Gottfried Arnold

5. Die pietistische Antwort, Geburt des »Religionismus«: Gottfried Arnold

Gottfried Arnold

Die Polemiken von Thomasius und Colberg riefen auf protestantisch-pietistischer Seite eine Reihe von Reaktionen hervor, deren bedeutendste die »Unparteische Kirchen- und Ketzer-Historie« von Gottfried Arnold war, die 1699/1700 erschien. Arnold versuchte, die meisten Strömungen, die von den Anti-Apologeten als häretisch denunziert worden waren, als rechtgläubig zu erweisen. Vor allem aber entwickelte er eine grundlegend andersartige Perspektive auf die ganze Kontroverse, die für das Studium der westlichen Esoterik laut Hanegraaff von großer Bedeutung ist.

Während Colberg als Pionier der historischen Untersuchung westlicher Esoterik bezeichnet werden könne, erscheine Arnold als Urheber der »religionistischen«, religionsfreundlichen Alternative. »Religionistisch« (»religionist«) ist ein Begriff, der eine mit Mircea Eliade verbundene religionsphilosophische Schule charakterisiert, die Religion als Phänomen sui generis betrachtet, das nicht auf soziologische oder historische Faktoren reduziert werden kann.

Arnold ist an der Frage der historischen Beziehung zwischen Heidentum, heidnischer Philosophie und Christentum schlicht nicht interessiert. Über das geschichtliche Milieu, in dem das Christentum erschien, sagt er lediglich, die Welt sei in einem erbarmungswürdigen Zustand gewesen, – die jüdische Religion degeneriert und das Heidentum unter dem Joch einer Priesterschaft, die es mit einer »selbsterfundenen« Religion beherrschte. In der Philosophie sah die Lage nicht besser aus. Aber Arnold vermeidet systematisch jedes nähere Eingehen auf historisch-kritische Fragen zum Verhältnis von heidnischer Philosophie und Christentum.

Hanegraaff erklärt diese Haltung damit, dass Arnold mit der Auffassung der Anti-Apologeten übereinstimmte, dass es zwischen der heidnischen Philosophie und dem christlichen Glauben keine Übereinstimmung geben könne. Während andere Pietisten der Kritik mit einer Erneuerung der patristischen Apologetik begegneten, schloss Arnold sich der Haltung eines anderen Kirchenvaters, Tertullians an, nach dessen Auffassung die Akademie nichts mit der Kirche, Athen nichts mit Jerusalem und Ketzer nichts mit Christen zu tun hätten.

Arnolds Geschichte war in einer radikal anti-apologetischen Haltung verankert, aber die Folgerungen, die er daraus zog, waren gänzlich anders als die von Thomasius und Colberg. Diese hatten die schädlichen Einflüsse der Akademie (des Platonismus), auf Jerusalem (die Kirche) kritisiert und wollten erstere ausmerzen. Aber diese Kritik unterminierte die christliche Theologie als solche: je besser die Historiker die heidnische Philosophie kennenlernten, um so mehr stellten sie fest, dass es im Christentum nichts gab, das nicht von ihm beeinflusst worden wäre. Die Anti-Apologetik endete im Fiasko, weil sie die Orthodoxie zerstörte, die sie verteidigen wollte.

Arnold schien dies vorauszusehen und seine Kirchengeschichte zeigt laut Hanegraaff, wie die Pietisten das anti-apologetische Argument zu ihrem Vorteil verwenden konnten. Er verweigerte eine Diskussion über die historischen Beziehungen zwischen Heidentum und Christentum, weil es seiner Auffassung nach eine solche Beziehung gar nicht geben konnte. »Athen« und »Jerusalem« waren schlicht inkommensurabel, sie maßen die Welt mit gänzlich verschiedenartigen Maßsystemen. Da es keine Kriterien gab, die beide umfassten, konnte es auch keine sie gemeinsam umgreifende Diskussion geben. Der christliche Glaube genügt sich selbst und muss sich nicht vor der Akademie rechtfertigen. Die Tragik der orthodoxen Polemiker bestand aus Arnolds Sicht darin, dass sie selbst Träger der Krankheit waren, für die sie angeblich eine Heilung bereit hielten. Sie glaubten, die Schlacht zwischen Orthodoxie und Heterodoxie in der Akademie – durch philosophisch-theologische Diskussion entscheiden zu können – und begriffen nicht, dass diese Diskussion in der wahren Religion nichts zu suchen hatte. Arnold ließ sich auf die Dichotomie zwischen heidnischer Philosophie und biblischem Glauben nicht ein, sondern änderte die Regeln des Spiels, indem er eine neue Dichotomie einführte: die zwischen »christlicher Frömmigkeit« und »dogmatischer Theologie«.

Arnolds Kirchengeschichte stellt laut Hanegraaff einen subtilen, aber bedeutenden Paradigmenwechsel dar. Obwohl sich die Väter mit dem Platonismus eingelassen hatten, verurteilte er sie nicht, weil eine solche Verurteilung nur aufgrund begrifflicher Kriterien möglich gewesen wäre, die eine Entscheidung zwischen Orthodoxie und Häresie auf dem Feld der Lehre zugelassen hätten. Aber das einzige Kriterium, das Arnold akzeptierte, war, ob das Werk eines Autors den demütigen Glauben und die praktische Frömmigkeit bewies, die den wahren Christen auszeichneten. Sie mochten sich in die Philosophie verirrt haben, ihr Herz befand sich dennoch in Jerusalem.

Das Inbild des wahren Christentums war für Arnold die »Urgemeinde«: sie war von reinem Glauben, von Liebe, Einigkeit, Friede und gelebter Frömmigkeit erfüllt. Und diese ethischen und spirituellen Qualitäten flossen aus einer unmittelbaren Erleuchtung und der Erfahrung der geistigen Wiedergeburt in Christus durch den Heiligen Geist. Aber diese Urgemeinde war bald zerfallen, die innere Kirche des Geistes wurde zur äußeren Institution, deren Machtstreben mit Kaiser Konstantin zum Ziel gelangte. Von da an setzte sich die Verfallsgeschichte fort. Luthers Reformation bildete keine Ausnahme, da sie zu jenem unfrommen Gezänk der Theologen geführt hatte, die sich um den rechten Glauben stritten. Ihre Gehässigkeit gegeneinander zeugte davon, wie weit sie sich vom wahren Christentum entfernt hatten. Die Schulgelehrten und Theologen hatten wesentlich Teil an der Zerstörung des wahren Christentums, weil sie das fromme Gemüt mit ihren spitzfindigen Streitigkeiten verwirrten.

Arnold meinte unparteiisch zu sein, weil falsch und richtig aus seiner Sicht nichts mit Fragen der Lehre zu tun hatten. Das erlaubte es ihm, die wahren Christen überall zu finden, auch unter den sogenannten Ketzern. In einem Jahrhundert des Kirchenkampfes schien das tolerant, aber Arnolds Unparteilichkeit bedeutete nicht Neutralität, denn – so Hanegraaff – seine Kirchengeschichte drehte den Spieß einfach um: die Orthodoxen erwiesen sich als die wahren Häretiker und die Häretiker als die wahren Christen. Das war kein Ergebnis seiner persönlichen Vorlieben, sondern der theoretischen Voraussetzung seiner Untersuchung. Denn die Orthodoxie war für Arnold per definitionem häretisch, weil sie institutionell und doktrinär war.

Dem endlosen Streit der theologischen Meinungen setzte Arnold ein überhistorisches Prinzip der unmittelbaren religiösen Erfahrung entgegen, die in sophianischer Weisheit gründete, ein Prinzip, das erfahren werden musste und nicht definiert werden konnte. Wie Gott selbst, ist auch die wahre Weisheit verborgen und geheim. Beide übersteigen die menschliche Vernunft und offenbaren sich nur dem demütigen und frommen Herzen. Daher spricht man nach Arnold auch besser von »Theosophie« statt Theologie.

Arnolds Haltung zur »Logik der historischen Kritik« und zur Geschichte ist in Hanegraaffs Augen die entscheidende Innovation. Sein Zugang zur Geschichte war mit jenem der Anti-Apologeten vollständig inkompatibel, und aus seiner Sicht waren die Argumente der Kritiker irrelevant. Nur ein innerlich erleuchteter Historiker konnte nach Arnolds Auffassung eine Geschichte des Christentums schreiben, da er ansonsten des entscheidenden Kriteriums entbehrte, um die Wahrheit zu erkennen. Zwar war es möglich, historische Dokumente für den Zustand der Erleuchtung zu untersuchen, aber die Erfahrung selbst transzendierte das Feld des Historischen und konnte deshalb nicht mit historischen Mitteln erfasst werden. Was auch immer die historische Forschung über mögliche Quellen mystischer Erfahrungsdokumente sagte, die wahre Quelle lag in Gott und entzog sich der historischen Untersuchung. Die mystische Erfahrung war stets unmittelbar zu Gott und bedurfte keiner historischen Vermittlung. Weil es definitionsgemäß unmöglich ist, die authentische Gotteserfahrung von äußeren Bedingungen abzuleiten, ist jeder historisch-kritische Versuch, die mystische Theologie auf philosophische Quellen zurückzuführen, vergeblich und im Ansatz verkehrt. Daher konnte Arnold auch mögliche heidnische und platonische Quellen bei seiner Behandlung des frühen Christentums ignorieren und musste nicht auf frühere Weisheitstraditionen eingehen. Er kümmerte sich nur um das »wahre Christentum«, nicht um das Christentum als historisches Phänomen, das in enger Wechselwirkung und im Austausch mit seiner kulturellen Umgebung entstanden war. Da das Evangelium das Heidentum hinter sich gelassen hatte, waren heidnische Traditionen für die Geschichte der Kirche und der Ketzerei irrelevant. Die alten Weisen mochten zufällig etwas Wahres gesagt haben, aber sie waren für einen Historiker des Christentums bedeutungslos, einfach weil sie Heiden waren.

Arnolds Standpunkt ist nach Hanegraaffs Auffassung mit der Geschichtsforschung an sich inkompatibel, er beruht auf einem »Essentialismus«, der jeden historischen Vergleich erübrigt. Arnolds »Kirchengeschichte« präsentiert den »wahren« Glauben und seine vielen Entstellungen ohne jeden historischen Kontext, und führt die vielfältigen Verirrungen auf innere Eigenschaften des Menschen zurück: auf Stolz, Egoismus oder Machtstreben.

Arnolds Standpunkt stellt eine Variante der perennialistischen Geschichte der Wahrheit dar. Er unterliegt demselben Paradox, an dem die Platonisten der Renaissance litten – dem Versuch, die Geschichte von etwas zu schreiben, das keine Geschichte haben kann, weil es nicht der Veränderung unterliegt. Aber Arnold ist radikaler als seine Vorgänger in der Betonung der inneren spirituellen Erfahrung als dem einzig möglichen Zugang zur universellen Wahrheit, der jeder historischen und damit zufälligen Entwicklung strikt entgegengesetzt ist.

Eben diese Auffassung macht laut Hanegraaff das Wesen des »Religionismus« aus. Sie unterscheidet sich von früheren Versuchen, die Geschichte der Wahrheit zu schreiben dadurch, dass sie zu einer Zeit, als das moderne historische Bewusstsein erwacht, sich selbst als Geschichte präsentiert, aber gleichzeitig versucht, den reduktionistischen Implikationen der historischen Kritik und der vergleichenden Untersuchung zu entkommen. Indem Arnold die Aufmerksamkeit von den Ideen auf die innere Erfahrung lenkte, konnte er auf die Grenzen der historischen Kritik verweisen, und daran erinnern, dass der »Historismus« blind mache für den eigentlichen Erfahrungskern des Glaubens. Laut Hanegraaff führt diese Denkfigur im 20. Jahrhundert zu anti-historischen Deutungen von Religion, die sich nichtsdestotrotz als historisch ausgeben.

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