Wissenschaft und Esoterik XII – Erleuchtung und Verfinsterung

6. Erleuchtung und Verfinsterung

Christoph August Heumann, einer der Begründer der »Philosophiegeschichte«

Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts hatten sich im Diskurs über alte Weisheit zwei gegensätzliche Positionen entwickelt: die eine hielt die Versöhnung zwischen heidnischer Philosophie und christlicher Theologie für möglich, die andere nicht. Der Pietist Gottfried Arnold hatte ein neues Paradigma ins Gespräch gebracht, das diesen Gegensatz hinter sich ließ, indem es das Heidentum für irrelevant erklärte und gleichzeitig eine neue Kategorie (der inneren Erfahrung) einführte, die es ermöglichte, in der »häretischen Tradition« Erscheinungsformen der göttlichen Wahrheit zu erkennen.

Zur gleichen Zeit entwickelte sich aber ein weiteres alternatives Paradigma, in dessen Licht das Heidentum nicht nur als irrelevant erschien, sondern als »kindischer Aberglaube«. Im Namen der Vernunft wurde dieser Aberglaube auf den Kehrichthaufen der Geschichte geworfen. Dieses Paradigma übernahm in der Aufklärung die Herrschaft und sollte die Sichtweise auf die abendländische Esoterik bis in unsere Gegenwart bestimmen.

Die Geschichtserzählung der Aufklärung über die alte Weisheit interpretiert Hanegraaff als letzte Konsequenz der Anti-Apologetik. Jacob Thomasius hatte noch versucht, das wahre Christentum durch Ausscheidung aller heidnischen Ingredienzien zu definieren, sein Sohn Christian nutzte die kritischen Instrumente seines Vaters, um die Geschichte der Philosophie von ihren theologischen Implikationen zu befreien und sie zu einer autonomen Disziplin zu erheben. Die heidnische Philosophie sollte nun als das anerkannt werden, was sie war: als Versuch, die Welt mit rein menschlichen Mitteln zu verstehen, ohne Hilfe der Offenbarung. Mit diesem Gedanken wird der Grund für die moderne Philosophiegeschichte gelegt, aber diese Emanzipation hatte ihren Preis.

Christian Thomasius gilt als Vater der deutschen Aufklärung. Aber er war auch vom Pietismus und der christlichen Theosophie Böhmes beeinflusst. 1693 erlebte er sogar seine eigene Erleuchtung und entwickelte eine Naturphilosophie entlang platonisch-hermetischer Denkformen, die 1699 erschien (»Wesen des Geistes«).

Das hinderte ihn aber nicht daran, die Philosophie von aller »Metaphysik« zu befreien, damit sie »praktisch und nützlich« werde. Das menschliche Denken sollte alle »unvernünftigen Vorurteile« hinter sich lassen, wobei Vorurteile für Thomasius junior gleichbedeutend mit Aberglauben waren. Dies setzte eine vollständige Revision der gesamten Geschichte des Denkens voraus, denn der Mensch, so Thomasius, werde sich nie von seinen Vorurteilen befreien können, wenn er nicht den geschichtlichen Ursprung dieser Vorurteile verstehe. Die Methode, mit der dieses Ziel erreicht werden sollte, war der »Eklektizismus«, die systematische »Auslese«. Sein eigenes vernünftiges Urteilsvermögen sollte es dem Historiker ermöglichen, die Spreu vom Weizen zu trennen, und Falsches vom Wahren zu scheiden. Der Historiker sollte nicht blind einer philosophischen Sekte folgen, sondern aus allen das Wahre auslesen.

Der Eklektizismus bestimmte die Philosophiegeschichte der Aufklärung. Aber auch Arnolds »Unparteilichkeit« war im Grunde nur eine Form dieses Eklektizismus. Auch er wollte frei von sektiererischen Vorurteilen das Wahre aus allen religiösen Denkströmungen heraus suchen.

Der Eklektizismus leitete nicht nur die Ideologen der Aufklärung, sondern die ganze Populärphilosophie des 18. Jahrhunderts. Es ist nach Hanegraaff eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet dieser Eklektizismus von Leibniz unter dem Titel »philosophia perennis« propagiert wurde. Diese falsche Gleichsetzung des Eklektizismus der Aufklärung mit der »philosophia perennis« sollte bis ins 20. Jahrhundert deren Verständnis erschweren. In Wahrheit ist der »Eklektizismus« der Aufklärung das genaue Gegenteil der »philosophia perennis«. Während es in dieser um eine ewige, unwandelbare, überhistorische Wahrheit gegangen war, die in den unterschiedlichsten Formen unter den Völkern erscheinen konnte, ging es dem Eklektizismus um die vielen Wahrheiten, die überall verstreut waren und gefunden werden konnten, wenn man den Aberglauben (des Perennialismus) hinter sich ließ.

Als Beispiel für den Eklektizismus der Aufklärung nennt Hanegraaff Christoph August Heumann, der als Begründer der Philosophiegeschichte als moderner Disziplin gilt. In seinen »Acta Philosophorum« legte er zwischen 1715 und 1727 einen Katalog von sechs Kriterien vor, die es erlauben sollten, »wahre Philosophie« von »Humbug« zu unterscheiden:

1. Pseudophilosophie bevorzugt nutzlose Spekulation. Darunter fallen alle divinatorischen Künste, die nichts als heidnische Missgeburten sind.

2. Die Pseudophilosophie stützt sich auf eine einzige menschliche Autorität. Da alle Menschen fehlbar sind, kann kein Mensch die ganze Wahrheit erkennen. Sich an einer Autorität allein zu orientieren, ist falsch. Man muss aus allen Denkern die Wahrheiten entnehmen, die sie gefunden haben und ihre Irrtümer verwerfen.

3. Noch schlimmer ist die Berufung auf die Tradition statt auf die Vernunft. Damit zielt Heumann auf die »prisca theologia« und den orientalisierenden Platonismus. Seine Kritik fallen die gesamte Dämonologie Platos und die jüdische Kabbala zum Opfer, weil sie sich auf alte Traditionen berufen.

4. Die Vermischung der Philosophie mit Aberglauben, mit vernunftwidrigem Gottesdienst, ist ein weiteres Kennzeichen der Pseudophilosophie. Das wahre Christentum ist nach Heumann vollkommen mit Vernunft und Philosophie vereinbar. Der Aberglaube, der aus seiner Sicht mit dem Heidentum identisch ist, fürchtet die Philosophie als ihren schlimmsten Feind. Die beiden schließen sich gegenseitig aus. »Aberglaube ist Torheit und kann Weisheit sowenig dulden wie Dunkelheit das Licht.«

In diesem Kontext vertreibt Heumann explizit die »barbarische Philosophie« aus dem Tempel der akademischen Philosophie. Er nennt die Philosophie der Chaldäer, Perser, Ägypter, die Priesterkollegien der Orphiker, Samothraker, Magier, Brahmanen und Druiden, mit ihrem angeblich geheimen, okkulten Wissen, die versuchten, den Aberglauben als Kunstform zu etablieren. All diesen Inhalten der »prisca theologia« und des orientalisierenden Platonismus wünscht Heumann ewiges Vergessen, da sie nichts als »Torheiten« waren.

Heumann schlägt einen noch schärferen Ton an, als die früheren Polemiken gegen das Heidentum und dieser Ton sollte im Verlauf des Jahrhunderts zur Gewohnheit werden. Er unterscheidet scharf zwischen dem Aberglauben der Heiden und dem vernünftigen Denken Griechenlands. Griechenland betrachtet er als Hort und Ursprung der wahren Philosophie. Die griechischen Philosophen will Heumann nicht als »heidnische Weise« verstanden wissen , denn Heiden seien per definitionem vom Aberglauben durchdrungen und beteten Götter aus Gold und Holz an, während die wahren Philosophen keine Götzenanbeter gewesen seien. Vielmehr hätten sie eine vernünftige »theologia naturalis« entwickelt, weshalb sie als »Naturalisten« bezeichnet werden sollten. Nach der Antike sei das »greuliche Papsttum« gekommen und die Menschheit in einem neuen Zeitalter der Barbarei versunken. Erst durch die Reformation sei die wahre Philosophie wieder ans Licht getreten.

5. Ein weiteres Merkmal von Pseudophilosophie ist laut Heumann die Liebe zu dunkler Sprache und rätselhaften Symbolen. Während die Philosophie erleuchten sollte, leitet die symbolische Philosophie in die Finsternis. Als Beispiele nennt er die Kabbala, die Alchemie, den Pythagoräismus und andere.

6. Das letzte Merkmal ist die Immoralität. Allein der Verstand vermag nach Heumanns Ansicht den Willen zum Guten zu leiten. Und zwar dann, wenn er sich an den drei Prinzipien aller wahren Philosophie ausrichtet: dass es nur einen Gott, den Schöpfer aller Dinge gibt, dass die Welt von seiner Vorsehung geleitet wird und dass die Seele des Menschen unsterblich ist. Heumann übernimmt damit die Lehre des Thomasius von den drei Grundirrtümern der heidnischen Philosophie (Ewigkeit der Welt, Materialität der Seele, Fähigkeit der Materie, aus sich heraus zu denken und zu handeln).

Auf diesen Katalog des Aberglaubens lässt Heumann eine Geschichte der wahren Philosophie folgen. Das heidnische Wissen hatte drei Quellen: praktische Notwendigkeit, Neugier und Aberglauben. Praktische Notwendigkeit führte die Ägypter zur Entwicklung der Geometrie (wegen der Bewässerung der Wüste), die Chaldäer zur Astronomie (wegen der Landwirtschaft). Auch die Neugier konnte zu Gutem führen. Nicht aber der Aberglaube, der solche zweifelhaften Künste wie Eingeweideschau oder Astrologie hervorbrachte. Aber auch wenn die Ägypter oder Chaldäer gewisse praktische Kenntnisse besaßen, die wahre Philosophie nahm ihren Ursprung erst bei den Griechen, in Gestalt von Logik, Moral und Physik. Alle ihre Erkenntnisse entwickelten die Griechen durch die Anwendung ihres Verstandes aus sich selbst und entlehnten sie nicht etwa von ihren orientalischen Vorgängern.

Die gesamte Abhandlung Heumanns durchziehen Metaphern des Wachstums und der Entwicklung, die den allmählichen Fortschritt der Philosophie durch die drei Stadien von Kindheit, Jugend und Mannesalter beschreiben. Die Ägypter und Chaldäer erfanden manche praktischen Kenntnisse und repräsentieren die Anfänge des gelehrten Studiums. Die Griechen waren die ersten, welche die Schwingen ihres Verstandes nach oben richteten und zu philosophieren begannen. Von diesen kam die Philosophie zu den Christen, die über die göttliche Offenbarung verfügten und deswegen selbst die gelehrtesten Griechen an Weisheit übertrafen.

Mit dem Aufklärungsparadigma, das Heumann verkörpert, begann laut Hanegraaff die Verdunkelung oder Verfinsterung der westlichen Esoterik im intellektuellen Selbstverständnis der Moderne. Bis dahin waren die heidnischen Philosophen ernst zu nehmende Mitspieler, weil nicht einmal ihre ärgsten Feinde leugnen konnten, dass sie zu einem altehrwürdigen Kanon gehörten. Der Eklektizismus änderte die Spielregeln. Er verweigerte der Tradition das Recht, darüber zu entscheiden, was Philosophie ist und legte diese Entscheidung in die Hände des menschlichen Verstandes allein. Zwei Jahrhunderte protestantischer Opposition gegen den Anspruch der Kirche, die universale Weisheitstradition zu repräsentieren, hatten die Aufklärung aufgerüstet, um ihre ganze Feuerkraft gegen die Erzählung von der alten Weisheit zu richten. Alles, was mit ihr in Verbindung stand, wurde nun verabschiedet: die alten orientalischen Initiationstraditionen, divinatorische Techniken, Dämonologien, die Kabbala, die Geheimnisse der symbolischen Theologie, die enthusiastische Philosophie der Theosophen. Colberg hatte all dies noch als gefährliche häretische Bewegung ernst genommen, Heumann machte sich nur mehr lustig darüber.

Damit war der Grund gelegt für das Verschwinden der abendländischen Esoterik aus den Lehrbüchern der Philosophiegeschichte und für eine neue Literaturgattung der Aufklärung, die der »Belehrung und Unterhaltung« dienen sollte: den »Geschichten der Dummheit (Torheit)«.

Das berühmteste Beispiel ist Johann Christoph Adelungs siebenbändige »Geschichte der menschlichen Narrheit«, die 1785-1789 erschien. In diesem Katalog der Narrheiten erscheinen alle bekannten Autoren der abendländischen Esoterik: der Alchemist Nicholas Flamel, der »Blasphemiker« Giordano Bruno, der Enthusiast Sebastian Franck, der philosophische Enthusiast Tommaso Campanella, der Chiliast Guillaume Postel, der »Scharlatan« Paracelsus, der Seher Nostradamus, der Kabbalist Jacques Gaffarel, der Kristallseher John Dee und viele andere.

Aber selbst Adelung ist noch der Anti-Apologetik verpflichtet, denn Narretei ist für ihn nicht nur ein Mangel an Verstand, sondern die Anhänglichkeit an eine häretische Tradition, an das System des Emanatismus und das Prinzip der inneren Erleuchtung.

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