Imagination und Halluzination – Christian Clements Bild der Geistesforschung Rudolf Steiners

»In deinem Nichts hoff ich das All zu finden«, hält Faust Mephisto entgegen.

»In deinem Nichts hoff ich das All zu finden«, hält Faust Mephisto entgegen.

In der Reihe der von Christian Clement herausgegebenen Schriften Rudolf Steiners, der sogenannten SKA (Schriften kritische Ausgabe), ist in 2015 als zweiter von acht geplanten Bänden der 7. Band: Schriften zur Erkenntnisschulung erschienen. Er enthält Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (WE, = GA 10) und Die Stufen der höheren Erkenntnis (SE, = GA 12). Die Texte werden von einer 111 Seiten langen Einleitung sowie einem ausführlichen Stellenkommentar eingerahmt. Darin nimmt Clement kritisch zu den von Rudolf Steiner entwickelten geisteswissenschaftlichen Erkenntnismethoden der Imagination, Inspiration und Intuition Stellung. Er vertritt die Auffassung, die von Steiner beschriebenen »imaginativen und inspirativen Phänomene« seien nichts weiter als »Halluzinationen, Visionen und Illusionen«. Geistige Wesenheiten gebe es nicht wirklich, sie hätten keine Realität außerhalb des sich in der Meditation selbst erlebenden Ich.

Die entsprechenden Ausführungen sind von hoher Relevanz, denn sie betreffen nicht nur die von Rudolf Steiner entwickelten geisteswissenschaftlichen Erkenntnismethoden an sich, sondern auch die durch sie gewonnenen Ergebnisse. Es geht daher um nichts weniger als um die Anthroposophie als Ganzes.[1]

Clement meint, sich zur Begründung seiner Sicht auf Rudolf Steiner stützen zu können, den er zitiert, kommentiert und interpretiert. Die entscheidenden Aussagen stehen gleich zu Beginn der Einleitung, im ersten Kapitel: Der Charakter der anthroposophischen Erkenntnisschulung. Zunächst kritisiert Clement die »bildhafte Weise der Darstellung«, durch die Steiner die Ergebnisse seiner Geistesforschung beschreibt.

»Von ›Auren‹ lesen wir da und von ›Gedankenformen‹, von ›Chakren‹ und ›Ätherleibern‹, deren Farbe und Gestalt so anschaulich geschildert werden, als handele es sich um ›Tische und Stühle‹ (WE, 35) und nicht um in Bilder übersetzte subtile geistig-seelische Erlebnisse.« (XXVIII)

Dem kritischen Leser stelle sich die Frage, ob Steiner hier »mit allen Gepflogenheiten eines kritisch-philosophischen Diskurses« gebrochen habe und »in eben jenen ›naiven metaphysischen Realismus‹12 verfiel«, den er selbst zehn Jahre zuvor in seiner Philosophie der Freiheit »so scharfsinnig charakterisiert und leidenschaftlich bekämpft« habe. (XXVIII)[2] Dann führt Clement aus:

»Muss man nicht, gerade im Sinne seines philosophischen Frühwerks, die von Steiner beschriebenen ›Lotusblumen‹, ›Astralleiber‹ oder ›Schwellenhüter‹ als Gestalten ansehen, die er selbst, wie Faust seine Helena, aus dem ›Weihrauchnebel‹ seiner eigenen Imagination hervorzauberte? Und fällt man nicht , wie der goethesche Geisterseher, in grenzenlose Verwirrung und Träumerei, wenn man diese selbstgeschaffenen Nebelgestalten in naiver Weise für ›Wirklichkeiten‹ hält?« (XXIX)

Zwei Behauptungen sind in diesen beiden Absätzen enthalten:

  1. Bei Auren, Gedankenformen, Chakren und Ätherleibern handele es sich (nur) um »in Bilder übersetzte subtile geistig-seelische Erlebnisse«; Steiner aber schildere sie so anschaulich, als handele es sich um »Tische und Stühle«.
  2. Die von Steiner beschriebenen Lotusblumen, Astralleiber und Schwellenhüter seien »selbstgeschaffene Nebelgestalten«.

Will der Herausgeber der SKA damit sagen, das alles, was Steiner als »objektive Geisteswelt« beschreibt[3], nur subjektive Schöpfungen sind, die es in Wirklichkeit nicht gib? Offenbar ja, denn in der Imagination als Mittel zur geistigen Erkenntnis kann Clement nichts Wirkliches erkennen:

»Steiner sah diese Aporien([4]) sehr wohl und hat sich an bestimmten Stellen seiner Schrift auch durchaus bemüht, seinen Lesern klarzumachen, dass die von ihm geschilderten imaginativen und inspirativen Phänomene, als solche, nichts als ›Halluzinationen, Visionen und Illusionen‹ (SE, 251) sind, und dass das sogenannte ›Geistige‹ in diesen Bildern ebenso wenig steckt wie der Begriff in den gedruckten Buchstaben, durch die er zum Ausdruck kommt. Auch hat er versucht, durch sprachliche Nachbesserungen einer naiv-unkritischen Rezeption seiner Texte entgegenzuwirken, … betonte, dass man Auren nicht wirklich ›sehen‹ und Inspirationen nicht wirklich ›hören‹ könne. Doch bleiben solche Bemerkungen stets nur kritische Einschübe in einen Text, der insgesamt den im wissenschaftlichen Diskurs verlangten abstrakt-begrifflichen und kritischen Duktus gegen den bildhaft-anschaulichen, aber auch autoritär-dogmatischen Ton des spirituellen Lehrers eintauscht.« (XXIX)

Dieser Absatz enthält drei weitere Behauptungen, die Clement zudem noch, wie wir sehen werden unberechtigt, Rudolf Steiner zuschreibt:

  1. Steiner habe sich »durchaus bemüht, seinen Lesern klarzumachen, dass die von ihm geschilderten imaginativen und inspirativen Phänomene … nichts als ›Halluzinationen, Visionen und Illusionen‹ (SE, 251)« seien.
  2. Steiner habe sich »durchaus bemüht, seinen Lesern klarzumachen«, dass … »das sogenannte ›Geistige‹ in diesen Bildern ebenso wenig« stecke, »wie der Begriff in den gedruckten Buchstaben«.
  3. Steiner habe betont, »dass man Auren nicht wirklich ›sehen‹ und Inspirationen nicht wirklich ›hören‹« könne.

Clement kommt dann zu folgendem Fazit:

»Dem flüchtigen Leser vermitteln die Texte auch in der revidierten Gestalt den Eindruck, als handele es sich bei dem während der Meditation innerlich Erlebten tatsächlich um reale ›Dinge‹ oder ›Wesen‹, die in einer ›jenseits‹ bzw. ›außerhalb‹ des erlebenden Ich befindlichen Transzendenz existieren. Nur dem ganz genauen Leser verraten sie, dass es hier nicht um Metaphysik im vorkritischen Sinne geht, sondern um eine bewusstseinsphilosophische Darstellung im Geiste Kants und Fichtes, d.h. um eine Phänomenologie der Inhalte des menschlichen Bewusstseins. Das einzige Wesen, dem der Mensch in der Meditation begegnet, ist nach Steiner letztlich das eigene, und zwar als zugleich individuell-persönliches und universell-absolutes.« (XXVIII-XXIX)

Hier sind zwei weitere Behauptungen impliziert:

  1. Bei dem während der Meditation Erlebten handele es sich nicht »um reale »Dinge« oder »Wesen«, die außerhalb des erlebenden Ich existierten, sondern (nur) um eine »Phänomenologie der Inhalte des menschlichen Bewusstseins«.
  2. Das einzige Wesen, dem der Mensch in der Meditation begegne, sei »nach Steiner« das eigene.

So wird insgesamt mit sieben Behauptungen auf weniger als zwei Seiten kritisch zu Steiners Schriften Stellung genommen. Die Behauptungen 3-5 und die Behauptung 7 sind so formuliert, als stammten sie inhaltlich von Steiner selbst. Ähnlich Kritisches findet sich auch in vielen Anmerkungen des Stellenkommentars, die den Texten Steiners folgen.

Sollten diese Aussagen wahr sein, wäre über die Anthroposophie insgesamt das Urteil gesprochen. Ihre Forschungsmethoden führten dann nicht zur Erkenntnis einer wirklichen geistigen Welt und auch nicht zu außerhalb des Bewusstseins des Menschen existierenden geistigen Wesen. Steiner begegnete in seiner Geistesforschung nach Clement nur sich selbst. – Die folgenden Ausführungen werden zeigen, dass diese Behauptungen haltlos sind. Das kann nur auf Grundlage des genauen Studiums der Texte Rudolf Steiners erfolgen, auf die Clement sich bezieht. Diese Mühe ist notwendig, weil nur so eine begründete Antwort gegeben werden kann, die Clements Urteil über die Geistesforschung Rudolf Steiners entkräftet, das de facto eine Verneinung der Anthroposophie im Namen akademischer Wissenschaft darstellt.

Imagination und Halluzination

In der Schrift Die Stufen der höheren Erkenntnis verwendet Steiner tatsächlich die von Clement zitierten Worte:

»Nun zunächst ganz äußerlich betrachtet besteht die ganze imaginative Welt aus solchen Halluzinationen, Visionen und Illusionen.« (GA 12, 42)

Steiner sagt hier aber nicht – und das ist der entscheidende Punkt –, die imaginativen und inspirativen Phänomene »sind« »Halluzinationen, Visionen und Illusionen«. Clement zitiert nicht sinnentsprechend. Er löst drei Worte aus dem Satz heraus und stellt eine Behauptung auf, die den Sinn der Aussage Steiners ins Gegenteil verkehrt. Auch ist im Originaltext nicht von imaginativen und inspirativen Phänomenen die Rede, sondern nur von imaginativen. Mit der imaginativen Erkenntnis öffnet Steiner das Tor zur geistigen Welt. Clement will uns glauben machen, dass es dieses Tor nicht gibt. – Um die Tragweite dieses Sachverhalts richtig beurteilen zu können, müssen wir verstehen, was im Zitat das Wort »zunächst« bedeutet und was Steiner mit »solchen« Halluzinationen wirklich meint.

Wahrnehmungen ohne äußere Ursache

Clement zitiert Die Stufen der höheren Erkenntnis, Seite 42. Davor, auf Seite 41, führt Steiner aus, dass niemandem auf dem Weg zu höherer Erkenntnis der Durchgang durch die Imagination erspart bleiben könne. An dieser Stelle erläutert Steiner sein Verständnis von Halluzination, Vision und Illusion näher. Nimmt man in der physischen Welt Farben, Töne, Gerüche wahr, ist man sich darüber im Klaren, dass die »Ursachen der Wahrnehmungen die Gegenstände ›draußen im Raume‹« sind:

»Man sieht nicht freischwebende Farben, man hört nicht Töne, ohne dass man sich bewusst werden könnte, an welchen Gegenständen diese Farben als Eigenschaften ›haften‹, von welchen Gegenständen die Töne herrühren. … Hat jemand Wahrnehmungen ohne äußere Ursache, so spricht man von abnormen, krankhaften Zuständen. Man nennt solche ursachlose Wahrnehmungen Illusionen, Halluzinationen, Visionen.« (GA 12, 41 f.)

Hier steht das Wort »solche« zum ersten Mal. Steiner meint Wahrnehmungen ohne äußere Ursache. Es folgt dann der Abschnitt mit dem Satz, aus dem Clement zitiert:

»Nun zunächst ganz äußerlich betrachtet [Herv. F.L.] besteht die ganze imaginative Welt aus solchen Halluzinationen, Visionen und Illusionen. Es ist gezeigt worden in ›Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?‹, wie durch die Geheimschulung künstlich solche Visionen usw. erzeugt werden. Durch das Hinlenken des Bewusstseins auf ein Samenkorn oder auf eine absterbende Pflanze werden gewisse Gestalten vor die Seele gezaubert, die nichts weiter zunächst [Herv. F.L.] sind als Halluzinationen [d.h. Wahrnehmungen ohne äußere Ursache, F.L.]. Die ›Flammenbildung‹, von der dort gesagt wurde, dass sie in der Seele auftreten kann durch die Betrachtung einer Pflanze oder dergleichen und die sich nach einer Zeit ganz loslöst von der Pflanze, ist, äußerlich betrachtet [Herv. F.L.], einer Halluzination gleich zu achten. Und so geht es noch weiter in der Geheimschulung, wenn man in die imaginative Welt eintritt. Das, wovon man gewöhnt war, dass es von den Dingen ›draußen im Raum‹ ausgeht oder ihnen als Eigenschaft ›anhaftet‹, die Farben, Töne, Gerüche usw., erfüllen nun freischwebend den Raum. Die Wahrnehmungen lösen sich los von allen äußeren Dingen und schweben frei im Raume oder fliegen darin herum. Und man weiß dabei doch ganz genau, dass die Dinge, die man da vor sich hat, diese Wahrnehmungen nicht hervorgebracht haben, dass man sie vielmehr ›selbst‹ verursacht hat. So kommt es, dass man meinen muss, man habe ›den Boden unter den Füßen verloren‹.« (GA 12, 42 f.)

Zweimal verwendet Steiner das Wort »zunächst«, und zweimal betont er, dass die imaginativen Erscheinungen »äußerlich betrachtet« mit Halluzinationen vergleichbar seien. Steiner verwendet den Ausdruck »Halluzination« also nur als Vergleich. Er sagt nicht, die »Flammenbildung«, die bei der Samenkornmeditation erscheint, »ist« eine Halluzination. Er sagt vielmehr, sie ist »äußerlich betrachtet« einer Halluzination »gleich zu achten«. Und das ist verständlich, denn sie zeigt sich in freischwebenden Farben und Formen, wie eine Wahrnehmung ohne äußere Ursache. Dass man sie »selbst« verursacht hat, bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass sie inhaltlich des Menschen Schöpfung ist, sondern dass man durch eigene Bemühung selbst die Voraussetzung dafür geschaffen hat, dass sich die Erscheinung, die an sich eine eigene Wirklichkeit darstellt, zeigen kann.

Die nächste Stufe der Imagination

Nun darf man nicht bei den von Clement zitierten Worten Steiners stehenbleiben. Man muss von dem, was »zunächst ganz äußerlich betrachtet« wie eine Halluzination erscheint, zu dem eigentlichen Wesen der Erscheinung vordringen. Denn die »nächste Stufe der imaginativen Erkenntnis« zeigt, dass die frei schwebenden Farben und Formen Ausdruck geistiger Wesenheiten sind, die sich durch diese offenbaren. Imaginationen sind gerade keine Halluzinationen, sondern Wesensausdruck –, so wie ein Lächeln im Antlitz eines Menschen nicht Halluzination ist, sondern Ausdruck des inneren Wesens, das Freude erlebt. Die entscheidenden Sätze, die Clement weder zitiert noch überhaupt erwähnt, lauten:

»Nun muss die nächste Stufe der imaginativen Erkenntnis darin bestehen, einen neuen ›Grund und Boden‹ für die herrenlos gewordenen Vorstellungen zu finden. Das muss eben in der anderen Welt geschehen, die sich jetzt offenbaren soll. Es bemächtigen sich neue Dinge und Wesenheiten dieser Vorstellungen. In der physischen Welt ›haftet‹ z.B. die blaue Farbe an einer Kornblume. In der imaginativen Welt darf sie nun auch nicht ›freischwebend‹ bleiben. Sie strömt gleichsam zu einer Wesenheit hin, und während sie noch vorher herrenlos war, wird sie jetzt der Ausdruck einer Wesenheit. Es spricht etwas durch sie zu dem Beobachter, was dieser eben nur innerhalb der imaginativen Welt wahrnehmen kann. Und so sammeln sich die ›freischwebenden‹ Vorstellungen um bestimmte Mittelpunkte. Und man wird gewahr, dass Wesen durch sie zu uns sprechen. Und wie es in der physischen Welt körperliche Dinge und Wesenheiten sind, an denen Farben, Gerüche und Töne usw. ›haften‹ oder von denen sie herstammen, so sprechen sich jetzt ›geistige Wesenheiten‹ durch sie aus. Diese ›geistigen Wesenheiten‹ sind ja tatsächlich immer da; sie umschwirren den Menschen beständig.« (GA 12, 43)

Die zitierten Aussagen Rudolf Steiners sind nicht schwer zu finden, sie stehen auf ein und derselben Doppelseite in GA 12, auf S. 42-43. Auf der linken Seite stehen die Worte, die Clement zitiert: »Halluzinationen, Visionen und Illusionen«. Gegenüber, auf der rechten Seite steht, was Steiner als nächste Stufe der imaginativen Erkenntnis beschreibt: die Wahrnehmung der Imaginationen als Ausdruck geistiger Wesenheiten. Clement erwähnt diese zentralen Ausführungen mit keinem Wort.

Die geistige Flamme

Auch bei der Schilderung der Samenkornübung in Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? werden verschiedene Stufen der imaginativen Erkenntnis unterschieden. Die Meditation beginnt damit, dass man ein reales Samenkorn vor sich hinlegt und genau beschreibt. Dann baue man die Pflanze, die aus dem Samenkorn erwachsen wird, »in der Phantasie« auf – dies ist ein selbsterzeugtes Bild. In einem nächsten Schritt wird die Wirkung der Übung dargestellt. Sie tritt erst »nach einiger Zeit – vielleicht erst nach vielen Versuchen« ein, und auch nur, wenn »man das in der rechten Weise zustande« bringt (ebd.). In der Darstellung der (insgesamt siebenstufigen) Übung sind drei Dinge klar unterschieden: 1. das sinnlich sichtbare Samenkorn, 2. das selbsterzeugte Phantasiebild der Pflanze, 3. die geistig-sichtbare Flamme als übersinnliche Erscheinung.

»Man lege ein kleines Samenkorn einer Pflanze vor sich hin. … Zuerst mache man sich klar, was man wirklich mit Augen sieht. Man beschreibe für sich Form, Farbe und alle sonstigen Eigenschaften des Samens. … Aus diesem Samenkorn wird eine vielgestaltige Pflanze entstehen, wenn es in die Erde gepflanzt wird. Man vergegenwärtige sich diese Pflanze. Man baue sie sich in der Phantasie auf. … Und dann denke man: Was ich mir jetzt in meiner Phantasie vorstelle, das werden die Kräfte der Erde und des Lichtes später wirklich aus dem Samenkorn hervorlocken. … Man hänge dem Gedanken nach: das Unsichtbare wird sichtbar werden. … (Dann schildert Steiner Wirkung und Ziel der Übung, F.L.:) Bringt man das in der rechten Weise zustande, dann wird man nach einiger Zeit – vielleicht erst nach vielen Versuchen eine Kraft in sich verspüren. Und diese Kraft wird eine neue Anschauung erschaffen. Das Samenkorn wird wie in einer kleinen Lichtwolke eingeschlossen erscheinen. Es wird auf sinnlich-geistige Weise als eine Art Flamme empfunden werden. Gegenüber der Mitte dieser Flamme empfindet man so, wie man beim Eindruck der Farbe Lila empfindet; gegenüber dem Rande, wie man der Farbe Bläulich gegenüber empfindet. – Da erscheint das, was man vorher nicht gesehen hat und was die Kraft des Gedankens und der Gefühle geschaffen hat, die man in sich erregt hat. Was sinnlich unsichtbar war, die Pflanze, die erst später sichtbar werden wird, das offenbart sich da auf geistig-sichtbare Art.« (GA 10, 60 ff.)

Die geistig-sichtbare Flamme ist eine übersinnliche Erscheinung. Sie wird an dem Samenkorn sichtbar, das man vor sich hingelegt hat. Sie unterscheidet sich deutlich von dem Phantasiebild der Pflanze, das man selbst geschaffen hat. Hat man einen Sonnenblumenkern vor sich, wird in der Phantasie das Bild der Sonnenblume entstehen, mit ihrer tief in den Boden ragenden Wurzel, den breiten Blättern am kräftigen Stamm, dem schweren Blütenkorb und den offen zur Umgebung gehaltenen Kernen. Wie anders zeigt sich das Bild einer beweglich lodernden Flamme! –

Als weitere Übung stelle man sich einer Pflanze gegenüber, die sich in voller Entwicklung befindet. Steiner baut die Meditation ähnlich auf, bevor er auch hier die Wirkung beschreibt. In der Seele wird sich eine Kraft entwickeln, die zur »neuen Anschauung« führt. Diese nennt Steiner eine »geistige Wahrnehmung«:

»Aus der Pflanze wächst wieder eine Art von geistiger Flammenbildung heraus. Diese ist natürlich entsprechend größer als die vorhin geschilderte. Die Flamme kann etwa in ihrem mittleren Teile grünlichblau und an ihrem äußeren Rande gelblichrot empfunden werden.

Es muss ausdrücklich betont werden, dass man, was hier als ›Farben‹ bezeichnet wird, nicht so sieht, wie physische Augen die Farben sehen, sondern dass man durch die geistige Wahrnehmung Ähnliches empfindet, wie wenn man einen physischen Farbeneindruck hat. Geistig ›blau‹ wahrnehmen heißt etwas empfinden oder erfühlen, was ähnlich dem ist, was man empfindet, wenn der Blick des physischen Auges auf der Farbe ›Blau‹ ruht. ….« (GA 10, 64)

Anschließend betont Steiner, es sei wichtig, die Übung anhand eines realen Samenkorns aufzubauen. Die sich einstellende Imagination zeige sich dann nicht als Geschöpf der eigenen Phantasie, sondern als wirkliches Wesen:

»Denn darauf kommt es an, dass nicht ich in bloßer Willkür mir Anschauungen schaffe, sondern darauf, dass die Wirklichkeit sie in mir erschafft. Aus den Tiefen meiner eigenen Seele muss die Wahrheit hervorquellen; aber nicht mein gewöhnliches Ich darf selbst der Zauberer sein, der die Wahrheit hervorlocken will, sondern die Wesen müssen dieser Zauberer sein, deren geistige Wahrheit ich schauen will.« (GA 10, 66)

Clement dagegen verneint nicht nur, dass es die geistige Flamme wirklich gibt – im Stellenkommentar bezeichnet er sie als »selbsterzeugtes Bild« –, sondern pauschaliert seine Ansicht auf sämtliche Meditationsübungen Steiners und stellt damit implizit den Erkenntnisweg der Anthroposophie grundsätzlich in Frage:

»An der Beschreibung dieser Übung wird besonders deutlich, dass das Ziel der Meditation – und im Grunde das Ziel aller steinerschen Meditationsübungen – nicht darin besteht, irgendwelche metaphysischen ›Objekte‹ oder ›Wesen‹ wahrzunehmen, sondern vielmehr in der Verstärkung des inneren Erlebens, welches dann zur Hervorbringung eines inneren Bildes führen soll. Dieses selbsterzeugte Bild, diese ›Flammenbildung‹ ist dann bloß das Mittel für dasjenige, was Steiner ›geistige Wahrnehmung‹ nennt, nicht aber das Objekt dieser Wahrnehmung. Nicht das imaginative Bild als solches ist Gegenstand der imaginativen Erkenntnis, sondern etwas, das durch dieses Bild innerlich erlebt werden kann.« (SKA, 248 f.)

Der Meditation in der Darstellung Steiners entspricht dies nicht. Clement verwechselt offensichtlich die von Steiner aufgezeigten Bezüge: Er meint, das imaginative Bild der Flamme sei das selbstgeschaffene Bild der Phantasie – was sie definitiv nicht ist –, und dann unterscheidet er das Flammenbild von einer »geistigen Wahrnehmung«, von der er aber nicht sagt, worin diese inhaltlich besteht.

Und was er als Ziel der anthroposophischen Meditation bezeichnet, die »Verstärkung des inneren Erlebens«, das zu einem »selbsterzeugten Bild« führen soll, ist nach Steiner nur die Vorbereitung (Beschreibung des Samenkorns, Aufbau des Phantasiebilds der Pflanze oder des Sinnbilds usw.). Die daran gestärkte Seelenkraft bildet die höheren Wahrnehmungsorgane aus und ermöglicht auf der nächsten Stufe, dass sich eine »neue Anschauung« einstellt, eine »Lichtwolke«, eine »geistige Flammenbildung«, die »auf sinnlich-geistige Weise« empfunden wird. Dies ist die Wahrnehmung einer geistigen Erscheinung. Sie löst bestimmte seelische Empfindungen aus, so wie auch die Wahrnehmung einer sinnlichen Erscheinung seelische Empfindungen auslöst. Das Objekt der Wahrnehmung ist jeweils Ursache der Empfindung, das Objekt wird nicht von der Empfindung erzeugt. Es ist ihr gegenüber eigenständig. So ist die »Lichtwolke« oder »Flamme« nach Steiner nicht ein »selbsterzeugtes Bild« und auch nicht »bloß das Mittel« für die »geistige Wahrnehmung«. Das, was als Flamme empfunden wird, ist die geistige Wahrnehmung; sie ist eine vom wahrnehmenden Menschen ihrem Inhalt nach unabhängige, übersinnliche Realität. Dass die geistigen Wahrnehmungen nur durch Aufwendung erhöhter Aktivität im Bewusstsein eintreten, darf nicht zu dem Fehlurteil verleiten, sie würden nicht unabhängig vom Beobachter existieren:

»Ein eigenartiger Widerspruch scheint in einer solchen Beschreibung der höheren Erkenntniswelt aufzutreten. Der Mensch soll in einer gewissen Art der Schöpfer seiner Vorstellungen sein; und doch dürfen diese Vorstellungen selbstverständlich nicht seine Geschöpfe sein; sondern durch sie müssen sich die Vorgänge der höheren Welt ebenso zum Ausdruck bringen, wie sich in den Wahrnehmungen der Augen, Ohren usw. die Vorgänge der niederen Welt zum Ausdruck bringen.« (GA 12, 52; Hervorhebungen F.L.)

Die »Objekte« der geistigen Wahrnehmung sind weder Halluzinationen, noch selbst geschaffene Bilder der eigenen Phantasie, sondern Vorgänge und Wesen der höheren Welt. Was Clement als »Ziel der Meditation« – und »Ziel aller steinerschen Meditationsübungen« – beschreibt, stimmt mit keiner einzigen Aussage Steiners überein.

Geistiges Schauen und geistiges Hören

Auch die Aussage, Steiner habe betont, »dass man ›Auren‹ nicht wirklich ›sehen‹ und Inspirationen nicht wirklich ›hören‹« könne (s.o.) ist so nicht zutreffend. Dazu ist zu sagen: Steiner hat nicht betont, dass man »Auren nicht wirklich ›sehen‹« könne. Das Wort Auren im Plural kommt in beiden Schriften (GA 10 und GA 12) nicht vor. Aura findet sich in GA 10 an fünf Stellen (GA 10, 24, 25, 135, 167, 233). An keiner einzigen Stelle aber hat Steiner davon gesprochen, dass man die Aura »nicht wirklich ›sehen‹« könne. Und er hat ebenso wenig betont, dass man Inspirationen »nicht wirklich ›hören‹« könne.

Die beiden genannten Schriften beschreiben den Weg zu Wahrnehmungen in höheren Welten. Diese Wahrnehmungen haben Geistiges zum Inhalt und sind körperlichen Sinnesorganen nicht zugänglich. Augen können Geistiges selbstverständlich nicht sehen, Ohren solches nicht hören. Geistiges Wahrnehmen setzt die Ausbildung geistiger Wahrnehmungsorgane voraus (siehe weiter unten). Steiner nennt diese Organe »Geistesaugen« (GA 10, 54) und spricht vom »hörend gewordenen Geistesohre« (GA 10, 101). Es ist von vornherein klar, dass Steiner die Ausdrücke Schauen und Hören nicht im gewöhnlichen Wortsinn verwendet, sondern in Anlehnung an das physisch-sinnliche Hören und Sehen. Dabei betont er, dass es keineswegs leicht sei, diese Wahrnehmungen zu beschreiben, »denn unsere Sprache ist ja nur für die Sinneswelt geschaffen, und man kann daher nur annähernd Worte für das finden, was gar nicht dieser Sinneswelt angehört.« (GA 10, 172) So sagt er auch unmissverständlich, wie oben zitiert, man könne Farben »nicht so« sehen wie mit physischen Augen, er sagt nicht, man könne sie »nicht wirklich« sehen: Es müsse »ausdrücklich betont werden, dass man, was hier als ›Farben‹ bezeichnet wird, nicht so sieht, wie physische Augen die Farben sehen …« (GA 10, 64)

Steiner beschreibt die Qualitäten des geistigen Schauens und Hörens sowie die Unterschiede zum sinnlichen Wahrnehmen in seinen Schriften sehr genau. So geht bei einer wirklichen Imagination im geistigen Schauen »die dreidimensionale Raumausdehnung … völlig verloren«, man fühlt sich »nicht mehr außerhalb, sondern innerhalb des Farbenbildes, und man hat das Bewusstsein, dass man an seiner Entstehung teilnimmt.« (GA 12, 70) Geistiges Hören erschließt dem Menschen die innere Sprache der Natur. Er beginnt, »mit der Seele zu hören« (GA 10, 50) und erlangt die Fähigkeit, »Kundgebungen aus der geistigen Welt wahrzunehmen, die nicht ihren Ausdruck finden in äußeren Tönen, die für das physische Ohr wahrnehmbar sind. Die Wahrnehmung des ›inneren Wortes‹ erwacht.« (GA 10, 51) Die neuen Wahrnehmungen offenbaren sich dem Geistesschüler »von der Geisteswelt aus«. »Er hört auf geistige Art zu sich sprechen.« (GA 10, 52) In Die Stufen der höheren Erkenntnis schildert Steiner das geistige Hören als Weg zum »Verstehen der Bedeutung der imaginativen Erlebnisse«:

»Das ›Sprechende‹ sind die Farben- und Lichteindrücke. In dem Aufglänzen und Verlöschen, in der Farbenwandlung der Bilder offenbaren sich Harmonien und Disharmonien, welche die Gefühle, Vorstellungen und Gedanken seelischer und geistiger Wesenheiten enthüllen. Und wie sich der Ton beim physischen Menschen zum Worte steigert, wenn sich ihm der Gedanke einprägt, so steigern sich die Harmonien und Disharmonien der geistigen Welt zu Offenbarungen, welche wesenhafte Gedanken selbst sind.« (GA 12, 73 f.)

Die – fälschlicherweise Steiner zugeschriebene – Ansicht, man könne geistige Erscheinungen »nicht wirklich ›sehen‹« und »nicht wirklich ›hören‹«, hat in Wahrheit die entgegengesetzte Bedeutung: Man sieht mehr als mit sinnlichen Augen, hört tiefer in die Wirklichkeit der Welt hinein, als es je mit sinnlichen Ohren möglich wäre. Die Einleitung der SKA dagegen ist offensichtlich von der Intention geleitet, die Ergebnisse der Geistesforschung Steiners als unwirklich auszuweisen: Alles, was sich dem imaginativen Schauen und inspirativen Hören zeige, sei, erstens, nur Halluzination, Vision oder Illusion; das Geistige stecke, zweitens, nicht in diesen Bildern, und drittens könne man Auren nicht wirklich sehen und Inspirationen nicht wirklich hören. Diese drei Aussagen stammen definitiv nicht von Steiner. Clements gegenteilige Behauptungen sind unzutreffend.

»Tische und Stühle«

Kommen wir auf den Anfang dieser Untersuchung zurück. Auren, Gedankenformen, Chakren und Ätherleiber, so Clement, würden von Steiner so anschaulich geschildert, »als handele es sich um ›Tische und Stühle‹ (WE, 35) und nicht um in Bilder übersetzte subtile geistig-seelische Erlebnisse.« (XXVIII) Der Ausdruck »Tische und Stühle« ist ein Steiner-Zitat. Im Original steht es an entsprechender Stelle aber nicht so, wie Clement die Worte benutzt. Tatsächlich heißt es dort:

»Ein Weiteres, worauf es ankommt, ist das, was die Geheimwissenschaft die Orientierung in den höheren Welten nennt. Man gelangt dazu, wenn man sich ganz von dem Bewusstsein durchdringt, dass Gefühle und Gedanken wirkliche Tatsachen sind, genau so wie Tische und Stühle in der physisch-sinnlichen Welt.« (GA 10, 47)

Während Steiner mit dem Vergleich – »wie Tische und Stühle« in der Sinneswelt – die Wirklichkeit der Gefühle und Gedanken in den höheren Welten betont, stellt Clement die Realität von »›Auren‹ … ›Chakren‹ und ›Ätherleibern‹« in Frage (wovon Steiner gar nicht spricht) und behauptet, diese seien nur »Bilder« für »subtile geistig-seelische Erlebnisse«. Clement greift die Worte »Tische und Stühle« aus dem Originalzusammenhang heraus, lässt den Rest der Aussage Steiners weg, verbindet die herausgelösten Worte mit anderen Inhalten und stellt damit eine Behauptung auf, die den Sinn der ursprünglichen Aussage Steiners ins Gegenteil verkehrt.

Den Ausdruck »Tische und Stühle« verwendet Steiner auch in GA 12, um den Unterschied der geistigen Welt gegenüber der Sinneswelt zu betonen, – eine Stelle, die Clement ebenfalls nicht berücksichtigt.

»So lebhaft und reich auch die Welten sind, zu denen man hinansteigt, sie sind fein und subtil, während die Sinnenwelt grob und derb ist. Das Wichtigste, was man lernen muss, ist gerade die Gewöhnung daran, etwas ganz anderes ›wirklich‹ zu nennen, als was man im Bereich der Sinne so bezeichnet. Und dies ist nicht ganz leicht. … Er (der Geistesschüler, F.L.) hat erwartet, dass ihm Dinge entgegentreten, welche sind wie Tische und Stühle, und er findet ›Geister‹. Weil aber ›Geister‹ nicht dicht sind wie Stühle und Tische, so kommen sie ihm als ›Einbildungen‹ vor. Daran ist nichts anderes schuld als die Ungewohntheit. Man muss sich erst die rechte Empfindung für die geistige Welt erwerben, dann wird man das Geistige nicht bloß schauen, sondern auch anerkennen.« (GA 12, 23 f.)

Bei Auren, Chakren, Ätherleibern usw. handelt es sich auch nicht um »in Bilder übersetzte subtile geistig-seelische Erlebnisse« Steiners, sondern um »geistige Tatsachen und Wesenheiten« (GA 12, 44), um übersinnliche Erscheinungen, die der geschulte Hellseher an jedem Menschen wahrnehmen kann.

Der Ätherleib ist das erste übersinnliche Wesensglied, das in jedem Menschen die Lebenskräfte enthält und den physischen Leib allseitig durchdringt (vgl. GA 9, GA 13). Er hat »annähernd die Größe und Form des physischen Leibes«. (GA 10, 139) »Jeder Körper, der lebt, hat einen solchen Ätherleib. Die Pflanzen und die Tiere haben ihn auch. Ja, selbst bei den Mineralien sind Spuren für den aufmerksamen Beobachter wahrnehmbar.« (GA 10, 140)

Chakren oder Lotusblumen sind die übersinnlichen Organe des Astralleibes. Sie sind keineswegs als bloße Bilder subtiler geistig-seelischer Erlebnisse zu verstehen, sondern als »geistige Sinnesorgane«, die jeder Mensch der Anlage nach in sich trägt: »Nun sind bei jedem Menschen gewisse spärliche Anlagen der Lotusblumen immer vorhanden.« (GA 10, 161)

Die von Steiner beschriebenen Gedankenformen werden für den Hellseher im »Seelenorganismus« des Menschen wahrnehmbar. Sie werden in ihrer jeweiligen Form und Farbe anschaulich dargestellt. Steiner beschreibt damit die »Gedanken der Menschen«, bestimmter »Persönlichkeiten«, des »logischen Denkers« oder eines »unklaren Kopfes« (vgl. GA 10, 115 f.). Aus Steiners Darstellung wird völlig klar, dass der Hellseher diese Gedankenformen an anderen Menschen wahrnimmt, sie sind nicht seine eigenen subtilen geistig-seelischen Erlebnisse, auch wenn sie in seiner eigenen Seele zum Bewusstsein kommen.

Schließlich ist auch die Aura eine Erscheinung an jedem Menschen.[5] »Bei verschiedenen Menschen ist die Größe dieser Aura verschieden. Doch kann man sich – im Durchschnitt – etwa vorstellen, dass der ganze Mensch doppelt so lang und viermal so breit erscheint als der physische.« (GA 9, 160) Steiner beschreibt die »dreifache Aura« als den »übersinnlich-sichtbare[n] Ausdruck für die Wesenheit des Menschen. Die drei Glieder: Leib, Seele und Geist, kommen in ihr zum Ausdruck.« (GA 9, 167) Für den Geistesforscher ist jede Veränderung in der Entwicklung des Menschen an der Aura ablesbar. »Eine Seele, die sich verehrende, devotionelle Gefühle aneignet, bewirkt eine Veränderung ihrer Aura.« (GA 10, 25) Auch hier handelt es sich also nicht »um in Bilder übersetzte subtile geistig-seelische Erlebnisse«, wie Clement meint (XXVIII), sondern um wahrnehmbare geistige Tatsachen, die der Hellseher an anderen Menschen zu beobachten vermag. Clement zitiert somit nicht nur sinnentstellend, sondern führt den Leser mit Bruchstücken von Steiner-Zitaten zu einem Bild, das ihn von dem richtigen Verständnis der Aussagen Steiners wegführt.

Dem liegt offenkundig ein unterschiedliches Verständnis von Geist zugrunde. Für Clement sind die von Steiner dargestellten übersinnlichen Tatsachen und Wesen nur Erzeugnisse des menschlichen Geistes und damit nur Inhalt seines eigenen Bewusstseins, Steiner begründet dagegen ein Verständnis von der Wirklichkeit des Geistes in allen Dingen der Welt. Im Denken ist dem Menschen das Element der Erkenntnis gegeben. Nur das Denken vermag etwas als Wirklichkeit zu bestimmen. Dass außer der Sinneswelt, die dem Menschen als Wahrnehmung entgegentritt, auch eine geistige Wahrnehmungswelt existiert, die über das individuelle Vorstellungsleben hinausgeht, hat Steiner im 2. Zusatz zur Neuausgabe 1918 in seiner Philosophie der Freiheit dargelegt:

»Was als Wahrnehmung auftritt, das muss der Mensch auf seinem Lebenswege schlechterdings erwarten. Es könnte sich nur fragen: darf aus dem Gesichtspunkte, der sich bloß aus dem intuitiv erlebten Denken ergibt, berechtigt erwartet werden, dass der Mensch außer dem Sinnlichen auch Geistiges wahrnehmen könne? Dies darf erwartet werden. Denn, wenn auch einerseits das intuitiv erlebte Denken ein im Menschengeiste sich vollziehender tätiger Vorgang ist, so ist es andererseits zugleich eine geistige, ohne sinnliches Organ erfasste Wahrnehmung. Es ist eine Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird. Im intuitiv erlebten Denken ist der Mensch in eine geistige Welt auch als Wahrnehmender versetzt. Was ihm innerhalb dieser Welt als Wahrnehmung so entgegentritt wie die geistige Welt seines eigenen Denkens, das erkennt der Mensch als geistige Wahrnehmungswelt. Zu dem Denken hätte diese Wahrnehmungswelt dasselbe Verhältnis wie nach der Sinnenseite hin die sinnliche Wahrnehmungswelt. Die geistige Wahrnehmungswelt kann dem Menschen, sobald er sie erlebt, nichts Fremdes sein, weil er im intuitiven Denken schon ein Erlebnis hat, das rein geistigen Charakter trägt. Von einer solchen geistigen Wahrnehmungswelt sprechen eine Anzahl der von mir nach diesem Buche veröffentlichten Schriften. Diese ›Philosophie der Freiheit‹ ist die philosophische Grundlegung für diese späteren Schriften. Denn in diesem Buche wird versucht, zu zeigen, dass richtig verstandenes Denk-Erleben schon Geist-Erleben ist. … Vom lebendigen Ergreifen des in diesem Buche gemeinten intuitiven Denkens wird sich aber naturgemäß der weitere lebendige Eintritt in die geistige Wahrnehmungswelt ergeben.« (GA 4, 256 f.)

Unterscheidung von Illusion und Wirklichkeit

Steiner macht im Zusammenhang mit der Wahrnehmung der geistigen Flamme – wie auch an vielen anderen Stellen – darauf aufmerksam, dass es darauf ankomme, »nicht Phantasie und geistige Wirklichkeit miteinander zu verwechseln.« (GA 10, 62) Der »gesunde Sinn, der Wahrheit und Täuschung unterscheidet«, müsse fortwährend gepflegt werden (GA 10, 63). Clement greift im Stellenkommentar auch diese Aussage Steiners auf. Es sei schwer, die Imagination von der gewöhnlichen bildschaffenden Tätigkeit »etwa in der Phantasie, im Traum oder auch in der Halluzination«, zu unterscheiden:

»Räumt er doch selbst ein, dass die Imagination als solche sich von einem Traum- oder Phantasiebild im Grunde nicht unterscheidet …« (SKA, 249).

Damit wendet er den Sinn der Aussage Steiners wiederum unversehens ins Gegenteil. Das Wort »Traum« kommt im Zusammenhang mit der Samenkorn-Meditation überhaupt nicht vor, und auch von »Halluzination« ist dort nicht die Rede! Richtig ist vielmehr, dass Steiner immer wieder die Notwendigkeit betont, die Unterscheidung von Illusion und Wirklichkeit im imaginativen Erkennen zu üben. Man muss die »Quellen der Phantastik ganz verstopfen«, so heißt es in Die Stufen der höheren Erkenntnis:

»Zunächst muss man durchaus darauf gefasst sein, dass einem die ›Illusion‹ böse Streiche spielt. Überall lauern die Möglichkeiten, dass Bilder auftauchen, die nur auf Täuschungen der äußeren Sinne, des abnormen Lebens beruhen. Alle solche Möglichkeiten müssen zuerst hinweggeräumt werden. Man muss zuerst die Quellen der Phantastik ganz verstopfen, dann kann man erst zu der Imagination kommen. Ist man so weit, dann wird man allerdings sich klar darüber, dass die Welt, in die man in solcher Art eintritt, nicht nur so wirklich ist wie die sinnliche, sondern dass sie eine viel wirklichere ist.« (GA 12, 20)

Zur Ausbildung der höheren Erkenntnisfähigkeiten gehört unabdingbar die Ausbildung des Urteilsvermögens, das zwischen vorbereitenden Phantasiegemälden und wirklichen Imaginationen zu unterscheiden vermag. (ebd., 69).

»Wenn der Beobachter höherer Welten einmal weiß, was wirklich Imagination ist, dann erhält er auch sehr bald die Empfindung, dass die Bilder der astralen Welt nicht bloße Bilder, sondern die Kundgebungen geistiger Wesenheiten sind. Er lernt erkennen, dass er die imaginativen Bilder ebenso auf geistige oder seelische Wesenheiten zu beziehen hat wie die sinnlichen Farben auf sinnliche Dinge oder Wesenheiten.« (GA 12, 71 f.)

Noch deutlicher äußert sich Steiner in der Geheimwissenschaft im Umriss. Die »Sinnbilder«, die in der Meditation aufgebaut werden, beziehen sich »naturgemäß noch nicht auf etwas Wirkliches in der geistigen Welt« (GA 13, 318). Sie dienen allein dazu, die Seele von der Sinneswahrnehmung und dem Gehirn, an das der Verstand zunächst gebunden ist, loszureißen. Gelingt dies, erlebt der Mensch ein »Freiwerden von den physischen Organen«, das ihn zum rein geistigen Erleben führt. Der Geistesschüler wird »um sich herum geistige Tatsachen und geistige Wesenheiten wahrnehmen, wie er durch die physischen Sinne die physische Welt wahrnimmt.« (GA 13, 325)

»Nur demjenigen, welcher ein solches Erlebnis nicht kennt, kann sich der Einwand ergeben: wie kann man wissen, dass man es dann, wenn man glaubt, geistige Wahrnehmungen zu haben, mit Wirklichkeiten und nicht mit bloßen Einbildungen (Visionen, Halluzinationen usw.) zu tun habe? – Die Sache ist eben so, dass derjenige, welcher in regelrechter Schulung die charakterisierte Stufe erreicht hat, seine eigene Vorstellung von einer geistigen Wirklichkeit ebenso unterscheiden kann, wie ein Mensch mit gesundem Verstande unterscheiden kann die Vorstellung eines heißen Eisenstückes von dem wirklichen Vorhandensein eines solchen, das er mit der Hand berührt. Den Unterschied gibt eben das gesunde Erleben und nichts anderes. … Wie man weiß, dass in der Sinnenwelt ein vorgestelltes Eisenstück, wenn es noch so heiß gedacht wird, nicht die Finger verbrennt, so weiß der geschulte Geistesschüler, ob er nur in seiner Einbildung eine geistige Tatsache erlebt oder ob auf seine erweckten geistigen Wahrnehmungsorgane wirkliche Tatsachen oder Wesenheiten einen Eindruck machen.« (GA 13, 326 f.)

Zusammenfassend können wir feststellen, dass alles, was Clement über die »imaginativen und inspirativen Phänomene« schreibt, nicht der Auffassung und Darstellung Rudolf Steiners entspricht. Die Bilder der imaginativen Erkenntnis sind nur zunächst und auch nur ganz äußerlich betrachtet Halluzinationen vergleichbar. Auf der nächsten Stufe der imaginativen Erkenntnis erweisen sie sich als Ausdruck geistiger Wesen, die so wirklich sind, wie die Dinge der Sinneswelt, ja, die sogar »noch viel wirklicher« sind als diese. Das hat Steiner seinen Lesern klargemacht, nicht das Gegenteil, wie Clement behauptet.

Das Geistige kommt in den Bildern unmittelbar zum Ausdruck

Damit ist auch die (4.) Behauptung widerlegt, Steiner habe sich »durchaus bemüht, seinen Lesern klarzumachen«, dass »das sogenannte ›Geistige‹« in den imaginativen und inspirativen Bildern ebenso wenig stecke »wie der Begriff in den gedruckten Buchstaben, durch die er zum Ausdruck kommt« (s.o., XXIX). Steiner äußert sich in seinen Schriften eindeutig anders:

  • »Das macht eben die Beweglichkeit und Freiheit der imaginativen Welt aus, … dass das Geistige ganz unmittelbar in den freischwebenden Tönen, Farben usw. sich auslebt.« (GA 12, 44)
  • » … dass die Bilder der astralen Welt nicht bloße Bilder, sondern die Kundgebungen geistiger Wesenheiten sind.« (GA 12, 71)
  • »Was in diesem Bewusstseinszustande wahrgenommen wird, sind geistige Tatsachen und Wesenheiten, zu denen die Sinne keinen Zugang haben.« (GA 13, 317)
  • »Die Imagination führt ihn dazu, die Wahrnehmungen nicht mehr als äußere Eigenschaften von Wesen zu empfinden, sondern in ihnen Ausflüsse von Seelisch-Geistigem zu erkennen …« (GA 13, 357)
  • »… die Inspiration führt ihn weiter in das Innere der Wesen: Er lernt durch sie verstehen, was diese Wesenheiten für einander sind; in der Intuition dringt er in die Wesen selbst ein.« (ebd.)

Die klaren Aussagen Rudolf Steiners sprechen unmissverständlich für sich. Clements Lesart ergibt sich daraus nicht.

Lotusblumen – Die Sinnesorgane der Seele

Für den Autor der SKA sind imaginative und inspirative Phänomene nicht wirklich. Darum kann es nach dessen Auffassung auch keine wirklichen Organe geben, die wirklich Geistiges wahrnehmen. Und so ist es. Clement bezeichnet »Lotusblumen« nicht nur als »selbstgeschaffene Nebelgestalten« (s.o.), sondern behauptet zudem, Steiner habe die geistigen Wahrnehmungsorgane des Astralleibes und des Ätherleibes nur »als imaginative Illustrationen seelischer und geistiger Prozesse und Phänomene« aufgefasst[6], sie seien für Steiner

»… letztlich bloße Visualisierungen bzw. Imaginationen, in denen seelische und geistige (und somit immaterielle) Phänomene in sinnliche Bilder gekleidet und so dem Meditierenden und dem Leser vorstellbar gemacht werden. Was sich in Wirklichkeit [Herv. F.L.] durch die Schulung im Menschen ausbildet, sind somit, genau genommen, bestimmte Weisen des Fühlens, Vorstellens und Wollens, die dann ihrerseits als ›Organe‹ höherer bzw. übersinnlicher Wahrnehmung fungieren.« (SKA, LVII f.)

Und über die »geistige Wahrnehmungskraft«, durch die nach Steiner das höhere Ich die geistigen Tatsachen und Wesenheiten beleuchten und wahrnehmen kann (vgl. GA 10, 163 f.) heißt es, diese Konzeption sei

»… im Kern nichts anderes als die schon bei Fichte zu findende und auch Steiners Philosophie der Freiheit prägende Dialektik von »Erkenntnis« und »Liebe«. Auch hier erweist sich somit die anthroposophische Esoterik wieder als Verbildlichung philosophischer Konzeptionen.« (SKA, LVIII ff.)

Clement sieht seine Auffassung durch Steiners Ergänzungen und sprachliche Änderungen bei der Neuauflage 1914 von Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? bestätigt. Er hebt darauf ab, dass Steiner 1914 auf der »Suche nach dem passenden sprachlichen Ausdruck« viele Änderungen des ursprünglichen Textes vorgenommen habe und deutet dies als Beleg dafür, dass Steiner sich von einer Darstellungsform, die von der Wirklichkeit geistiger Phänomene spricht, zugunsten einer bildhaften Ausdruckweise verabschiedet habe.[7]

Bestimmte Farben oder Formen würden nicht mehr »wahrgenommen« oder »gesehen«, sondern Steiner differenziere jetzt und spreche »von subtilen Empfindungen« , ähnlich jenen, die von sinnlichen Wahrnehmungen stammen würden. Hieß es früher »Flamme«, stehe jetzt, sie werde »als eine Art Flamme empfunden« (WE, 52), hieß es, die Lotusblumen »befänden sich« in dieser oder jener Körpergegend, heißt es jetzt, sie würden dort »geistig wahrgenommen« (WE, 113); etwas »glimme« nicht mehr, sondern werde »als glimmend empfunden«, und ein Texteinschub erkläre, dass das »Drehen« der Lotusblumen »als bildhafte Ausdrucksweise zu verstehen und nicht wörtlich zu nehmen« sei. Viel mehr führt Clement dazu nicht aus, aber sein Urteil steht fest:

»Insgesamt herrscht die Tendenz, sämtliche Beschreibungen übersinnlicher Phänomene als uneigentlich und bildhaft auszuweisen und stets davor zu warnen, sich von der Konkretheit und Bildlichkeit nicht dazu verführen zu lassen, die beschriebenen seelisch-geistigen Erlebnisse im naiven Sinne als Objekte oder Dinge misszuverstehen.« (SKA CXV)

Schon am sprachlichen Duktus dieser Ausführungen zeigt sich die Intention, Steiners Darstellung kleiner zu machen als sie ist: Es sei alles »uneigentliche Rede« (CXV), „letztlich bloße Visualisierungen“, „nichts anderes als … Verbildlichung“, »uneigentlich und bildhaft«, es heißt: der »sogenannte ›Astralleib‹«(LVII), das »sogenannte ›Geistige‹« (XXIX), »Illustration« (LVI), und »nichts anderes als« … »Verbildlichung« (LX).

Was Steiner als geistige Wahrnehmungswelt mit geistigen Tatsachen, Vorgängen und Wesen beschreibt, wird in Clements Interpretation zu bloßen Visualisierungen, zu »sinnlichen Bildern« seelisch-geistiger Phänomene. Der Geist, der für Steiner als objektive Existenz auch außerhalb des individuellen menschlichen Denkens wirkt, ist in Clements Lesart nur noch Geist innerhalb desselben, Verstandeskraft, Produkt des Intellekts, bloß sinnliches Bild für bestimmte »Weisen des Fühlens, Vorstellens und Wollens«. –

Alle diese Deutungen lassen sich aus den Texten Steiners nicht ableiten. In der Vorrede zur Neuausgabe von 1914 nennt Steiner ganz andere Gründe für die Überarbeitung seines Buches. Die Inhalte haben sich in der Arbeit des Geistesforschers im Laufe der 10 Jahre seit dem ersten Erscheinen kontinuierlich weiterentwickelt; daraus habe sich ein »Streben nach erhöhter Klarheit und Deutlichkeit der vor Jahren gegebenen Darstellung« ergeben. (GA 10, 12 ff.) Wichtige Änderungen seien aufgenommen worden, weil an vielen Stellen »eine genauere Charakterisierung im einzelnen« möglich war; er habe sich bemüht, bei der Schilderung der inneren Seelenwege »möglichen Missverständnissen« entgegenzuwirken. Vor allem konnte er – so Steiner – 1914 anders auf die geistigen Tatsachen hindeuten als 1904, weil inzwischen Die Geheimwissenschaft im Umriss, Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit und Die Schwelle zur geistigen Welt erschienen waren. Diese Schriften begründen seiner Auffassung nach die Erforschbarkeit der geistigen Welt, die der sinnlichen Welt zugrunde liegt. Sie handeln von einer höheren Realität als jener der Sinneswelt, stützen sich auf eine höhere Wahrnehmung als die Wahrnehmung durch die Sinne. Die Darstellungen von Vorgängen und Wesenheiten der geistigen Welt, sind nicht »uneigentlich« oder nur »bildhaft«, wie Clement meint, sondern in einem höheren Sinne real: sie sind Gedankenbilder der eigentlichen Wirklichkeit, der schöpferischen Urbilder, der Geistwesen, die sich nicht nur in den Gestaltbildungen der Naturwesen, sondern auch im Innern der Seele in Form von Imaginationen offenbaren. So meint Steiner eben nicht, dass die geschilderten Farben und Formen »uneigentlich«, nicht wirklich seien, sondern er betont unmissverständlich, dass sie dem »geistigen Sehen (Schauen)« sichtbar sind, das kein Sehen wäre, wenn es keine Gegenstände dieses Sehens gäbe. (GA 10, 116)

Ebenso verhält es sich mit der Darstellung der Lotusblumen in GA 10. Die sprachliche Veränderung von 1914, die Clement als Beispiel anführt, erfolgt bei der allerersten Nennung der Lotusblumen, im Kapitel Über einige Wirkungen der Einweihung Steiner beschreibt sie als Organe in der Nähe bestimmter Körperteile. Dass er gegenüber dem früheren Text 1914 eine sprachliche Präzisierung vornahm – die Lotusblumen werden »geistig wahrgenommen«, statt dass sie sich „befinden“ –, verdeutlicht, dass es sich um geistig-seelische Organe handelt und nicht um »feinstoffliche«, wie es in der theosophischen Literatur häufig heißt. Diese Änderung erfolgt vor dem Hintergrund der Trennung Steiners von der Theosophischen Gesellschaft 1913 und kann als eine stärkere Absetzung vom theosophischen Sprachgebrauch gewertet werden.

Davon abgesehen reichen die von Clement genannten Beispiele nicht aus, um eine grundsätzliche Änderung im Sprachgebrauch Rudolf Steiners nachzuweisen. Es können deutlich mehr Stellen aufgezeigt werden, die dokumentieren, dass Steiner an der bildhaft konkreten Redeweise grundsätzlich festhielt. So spricht er vom geistigen „Sinnesorgan”, »welches sich in der Nähe des Kehlkopfes befindet …« von dem »Sinn in der Nähe des Kehlkopfes«, vom Organ in der Nähe des Kehlkopfes, das sechzehn Blumenblätter »hat«, über die Lotusblumen heißt es, dass sie sich »aufhellen« und: »später beginnen sie sich zu drehen« (GA 10, 84 TB, Hervorhebung F.L.), es geht um die sechsblättrige Lotusblume, »welche sich in der Körpermitte befindet.«, (96 TB) usw. usw.

Aus den Texten Steiners ist keineswegs die Tendenz erkennbar, »sämtliche Beschreibungen übersinnlicher Phänomene als uneigentlich und bildhaft auszuweisen«, wie Clement behauptet. Im Gegenteil, die bildhaften Beschreibungen werden bewusst beibehalten und als Hinweise auf die übersinnliche Realität ausgewiesen.

Steiners Beschreibungen der Lotusblumen sind außerordentlich präzise, er beschreibt deren Lage, Farbe und Form, die verschiedenen Strömungen, für die ein Mittelpunkt in der Herzgegend geschaffen wird (GA 10, 140 f.) Es sind tätige Organe. Wenn sie sich zu bewegen beginnen, werden ganz bestimmte Strömungen und Bewegungen im Ätherkörper hervorgerufen. Die Lotusblumen bilden sich erst nach und nach – »es dauert lange, oft sehr, sehr lange, bis die Organe so weit sind, dass der Geistesschüler sie zu Wahrnehmungen in der höheren Welt gebrauchen kann« (GA 13, 345 f.). Auch die Hinweise auf die Entwicklung der Lotusblumen zeigen, dass Steiners Sprachgebrauch keineswegs »uneigentlich« oder nur »bildhaft« ist.[8] Steiner betont mehrfach, dass es sich nicht um sinnliche, sondern um geistige Realitäten handelt. Es seien einige Auszüge aus der Darstellung des Seelenorganismus zitiert, den jeder Mensch in sich trägt, wenn auch – ohne geistige Schulung – in ungegliederter Gestalt:

»Aber auch in einem solchen ungegliederten Seelenorganismus kann der Hellseher ein Gebilde wahrnehmen, das sich deutlich von der Umgebung abhebt. Es verläuft vom Innern des Kopfes bis zur Mitte des physischen Körpers. Es nimmt sich aus wie eine Art selbständiger Leib, welcher gewisse Organe hat. Diejenigen Organe, die hier zunächst besprochen werden sollen, werden in der Nähe folgender physischer Körperteile geistig wahrgenommen: das erste zwischen den Augen, das zweite in der Nähe des Kehlkopfes, das dritte in der Gegend des Herzens, das vierte liegt in der Nachbarschaft der sogenannten Magengrube, das fünfte und sechste haben ihren Sitz im Unterleibe. Diese Gebilde werden von den Geheimkundigen ›Räder‹ (Chakrams) oder auch ›Lotusblumen‹ genannt. Sie heißen so wegen der Ähnlichkeit mit Rädern oder Blumen; doch muss man sich natürlich klar darüber sein, dass ein solcher Ausdruck nicht viel zutreffender ist, als wenn man die beiden Lungenteile ›Lungenflügel‹ nennt. Wie man sich hier klar ist, dass man es nicht mit ›Flügeln‹ zu tun hat, so muss man auch dort nur an eine vergleichsweise Bezeichnung denken. … « (GA 10, 116 ff.)

Diese Lotusblumen sind die »Sinnesorgane der Seele«. Wenn der Geistesschüler mit seinen Übungen beginnt, hellen sich die Lotusblumen zunächst auf und beginnen sich später zu drehen, wodurch die Fähigkeit des Hellsehens eintritt. Beim Hellseher fangen ihre Farben an zu leuchten.

»Der Zweck dieser Entwickelung ist, dass sich in der Gegend des physischen Herzens eine Art Mittelpunkt bildet, von dem Strömungen und Bewegungen in den mannigfaltigsten geistigen Farben und Formen ausgehen. Dieser Mittelpunkt ist in Wirklichkeit kein bloßer Punkt, sondern ein ganz kompliziertes Gebilde, ein wunderbares Organ. Es leuchtet und schillert geistig in den allerverschiedensten Farben und zeigt Formen von großer Regelmäßigkeit, die sich mit Schnelligkeit verändern können. Und weitere Formen und Farbenströmungen laufen von diesem Organ nach den Teilen des übrigen Körpers und auch noch über diesen hinaus, indem sie den ganzen Seelenleib durchziehen und durchleuchten. Die wichtigsten dieser Strömungen aber gehen zu den Lotusblumen. Sie durchziehen die einzelnen Blätter derselben und regeln ihre Drehung; dann strömen sie an den Spitzen der Blätter nach außen, um sich im äußeren Raum zu verlieren. Je entwickelter ein Mensch ist, desto größer wird der Umkreis, in dem sich diese Strömungen verbreiten.« (GA 10, 140 f.)

Diese Strömungen und Bewegungen stehen »in Harmonie … mit den Gesetzen und der Entwickelung der Welt, zu welcher der Mensch gehört.« (GA 10, 142)

»Durch die weitere Entwickelung wird der Mensch imstande, den Ätherleib nach allen Seiten zu drehen. Diese Fähigkeit wird durch Strömungen bewirkt, welche ungefähr längs der beiden Hände verlaufen und die ihren Mittelpunkt in der zweiblätterigen Lotusblume in der Augengegend haben. Alles dies kommt dadurch zustande, dass sich die Strahlungen, die vom Kehlkopf ausgehen, zu runden Formen gestalten, von denen eine Anzahl zu der zweiblätterigen Lotusblume hingehen, um von da aus als wellige Strömungen den Weg längs der Hände zu nehmen. – Eine weitere Folge besteht darin, dass sich diese Ströme in der feinsten Art verästeln und verzweigen und zu einer Art Geflecht werden, das wie ein Netzwerk (Netzhaut) zur Grenze des ganzen Ätherleibes sich umbildet. Während dieser vorher nach außen keinen Abschluss hatte, so dass die Lebensströme aus dem allgemeinen Lebensmeer unmittelbar aus- und einströmten, müssen jetzt die Einwirkungen von außen dieses Häutchen durchlaufen. Dadurch wird der Mensch für diese äußeren Strömungen empfindlich. Sie werden ihm wahrnehmbar. –„ (GA 10, 143 f.)

Steiner unterscheidet also deutlich die inneren Vorgänge im Menschen von Vorgängen der äußeren geistig-seelischen Welt. Wenn dieses feine Netzwerk ausgebildet ist, so heißt es entsprechend in der Geheimwissenschaft im Umriss,

»… können ungehindert die im Ätherleibe sich vollziehenden Bewegungen und Strömungen sich mit der äußeren seelisch-geistigen Welt berühren und mit ihnen sich verbinden, so daß äußeres geistig-seelisches Geschehen und inneres (dasjenige im menschlichen Ätherleibe) ineinanderfließen.« (GA 13, 370)

Steiner charakterisiert dies als den Zeitpunkt, in dem der Mensch die Welt der Inspiration bewusst wahrnimmt.

»Nunmehr ist auch der Zeitpunkt gekommen, um dem ganzen Strom- und Bewegungssystem den Mittelpunkt in der Herzgegend zu geben. … Und damit ist auch die Stufe erreicht, auf welcher der Mensch mit dem ›inneren Wort‹ begabt wird. Alle Dinge erhalten nunmehr für den Menschen eine neue Bedeutung. Sie werden gewissermaßen in ihrem innersten Wesen geistig hörbar; sie sprechen von ihrem eigentlichen Wesen zu dem Menschen. … Damit betritt der Mensch die geistige Welt.« (GA 10, 143 f.; vgl. GA 13, 370)

Durch das Leben im höheren Ich vermag der Geistesschüler die »geistige Wahrnehmungskraft« in jenem Organ zum Dasein erwecken, das er zuvor in der Herzgegend erzeugt hat.

»Diese Wahrnehmungskraft ist ein Element von höherer Stofflichkeit, das von dem genannten Organ ausgeht und in leuchtender Schönheit durch die sich bewegenden Lotusblumen und auch durch die anderen Kanäle des ausgebildeten Ätherleibes strömt. Es strahlt von da nach außen in die umgebende geistige Welt und macht sie geistig sichtbar, wie das von außen auf die Gegenstände fallende Sonnenlicht diese physisch sichtbar macht.« (GA 10, 163 f.)

Die »Gegenstände und Wesen« der geistigen Welt werden dadurch wahrnehmbar, dass der Mensch von seinem höheren Ich aus »selbst das Geisteslicht« auf sie wirft.

Steiner gibt auch an, was durch die höheren Wahrnehmungsorgane erfahrbar wird: es wird möglich, hellseherisch die Gedankenart und die Gesinnung anderer Seelen zu erkennen, tiefere Einblicke in die »wahren Gesetze der Naturerscheinungen« zu gewinnen, zu durchschauen, »welche Rolle Tiere, Pflanzen, Steine, Metalle, atmosphärische Erscheinungen usw. im Haushalte der Natur spielen.« (GA 10, 116 ff.) In der Geheimwissenschaft im Umriss führt Steiner dies näher aus:

Der imaginativen Erkenntnis erschließen sich die Wahrnehmungen »durch welche man die Glieder des Menschen einerseits, die aufeinanderfolgenden Zustände der Erde und ihrer vorhergehenden Verwandlungen andererseits erkennen kann« (GA 13, 353). Was Steiner in der Theosophie und in der Geheimwissenschaft als die leibliche, seelische und geistige Wesenheit des Menschen beschreibt – physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich, Empfindungsseele, Verstandes- und Gemütsseele, Bewusstseinsseele, Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch, sowie die einzelnen Zustände des »Weltwesens« – Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus und Vulkan – all dies wird so in seiner übersinnlichen Wirklichkeit erfahrbar.

Durch die Inspiration wird erkannt welche Beziehungen »zwischen dem Saturnzustande und dem physischen Menschenleib, dem Sonnenzustande und dem Ätherleib usw. bestehen.« (GA 13, 354)

Die Intuition ermöglicht es, die Wesenheiten, die am Aufbau des Weltenbaus beteiligt sind, »in ihrem Inneren selbst zu erkennen« (GA 13, 357), die geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien also, die Geister des Willens, die Geister der Weisheit, Luzifer und Ahriman usw.. (s. GA 13, 358) Ebenso wird durch die Intuition – und nur durch sie – das »geistige Dauerwesen« des Menschen erkennbar, das durch wiederholte Erdenleben geht. »Nur die intuitive Erkenntnis macht daher eine sachgemäße Erforschung von den wiederholten Erdenleben und vom Karma möglich.« (GA 13, 359)

All dies wäre, wenn Clements Behauptung zuträfe, »uneigentlich«. Es ist absurd, zu unterstellen, Steiner hätte über Dutzende, ja Hunderte von Seiten hinweg äußerst detailliert von realen Beobachtungen und Wahrnehmungen gesprochen, das alles aber gar nicht so gemeint. Warum, darf man fragen, hat er dann nicht das gesagt, was er eigentlich meinte – also was Clement meint? Aus dem einfachen Grund, weil er es nicht so meinte.

In den Darstellungen des Geistesforschers »bloße Visualisierungen bzw. Imaginationen« zu sehen, »in denen seelische und geistige (und somit immaterielle) Phänomene in sinnliche Bilder gekleidet« würden, widerspricht nicht nur den Wortlauten Steiners, sondern auch seinem erklärten Selbstverständnis. Die Behauptung, die anthroposophische Esoterik sei nichts als eine »Verbildlichung philosophischer Konzeptionen« (SKA, LVIII ff.), stellt das von Steiner Gesagte und tatsächlich Gemeinte auf den Kopf.

Von der Wirklichkeit der geistigen Wesen

Mit den bisherigen Feststellungen ist somit auch die (6.) Behauptung Clements widerlegt: Nur dem »flüchtigen Leser« würden die Texte Steiners den Eindruck vermitteln, »als handele es sich bei dem während der Meditation innerlich Erlebten tatsächlich um reale ›Dinge‹ oder ›Wesen‹, die in einer ›jenseits‹ bzw. ›außerhalb‹ des erlebenden Ich befindlichen Transzendenz« existierten. Auren, Ätherleiber, Schwellenhüter – und mit ihnen, so muss man konsequent hinzufügen, alle anderen geistigen Wesen, die durch die höhere Erkenntnis erfahrbar werden – seien nicht wirklich, sondern existierten nur in der Vorstellungswelt Steiners.

Diese Behauptung beruht, wie wir oben gesehen haben, auf einer falschen Voraussetzung: dass nämlich Steiner die imaginativen und inspirativen Phänomene als Halluzinationen bezeichnet habe; wenn dies richtig wäre (was es nicht ist), könnten sich Steiners Darstellungen natürlich nicht auf wirkliche geistige Wesen beziehen. Die Methoden anthroposophischer Geistesforschung aber führen nicht zu Halluzinationen oder Illusionen, sondern zu der Erkenntnis der Wirklichkeit der geistigen Welt. Steiners Lebenswerk enthält eine bis heute weitgehend unerschlossene Fülle von Forschungsresultaten über das Wirken individueller geistiger Wesenheiten im Menschen und in der außermenschlichen Welt. Es kam ihm gerade darauf an, zu zeigen, dass das Geistige nicht in einer jenseitigen Welt hinter der sinnlichen Welt zu suchen ist, sondern innerhalb der Sinneswelt selbst. So wie der Naturforscher die Dinge der Welt erforscht, so der Geistesforscher das Geistige, das in den Dingen wirkt.

Es führt dabei ein gerader Weg von Steiners erkenntniswissenschaftlichen Schriften, seinen Goethe-Forschungen über Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, Theosophie und Geheimwissenschaft bis zu den Anthroposophischen Leitsätzen, und der Autobiografie Mein Lebensgang, die er am Ende seines Lebens verfasste. Es liegt kein Bruch in Steiners Wirken vor, wie Clement meint, sondern eine kontinuierliche Weiterentwicklung einer Wissenschaft des Geistes, die schon mit der Anschauung der geistigen Welt des noch nicht achtjährigen Kindes ihren Anfang nahm. (GA 28, xx)

»Denn die Wirklichkeit der geistigen Welt war mir so gewiss wie die der sinnlichen. … Ich hatte zwei Vorstellungen, die zwar unbestimmt waren, die aber schon vor meinem achten Lebensjahr in meinem Seelenleben eine große Rolle spielten. Ich unterschied Dinge und Wesenheiten, ›die man sieht‹ und solche, ›die man nicht sieht‹.« (GA 28, 22)

Für den jungen Steiner, der sich mit Kant und Fichte auseinandersetze, kam es darauf an, die richtige Form für die Darstellung der geistigen Wahrheiten zu finden.

»Eine Welt der geistigen Wesen gab es für mich. Dass das ›Ich‹, das selbst Geist ist, in einer Welt von Geistern lebt, war für mich unmittelbare Anschauung … Ich arbeitete nunmehr immer bewusster daran, die unmittelbare Anschauung, die ich von der geistigen Welt hatte, in die Form von Gedanken zu gießen.« (GA 28, 52 f.)

Bei der Anthroposophie handelt es sich nicht um eine bloße »Phänomenologie der Inhalte des menschlichen Bewusstseins«, wie Clement meint, sondern um die Erforschung der objektiven geistigen Wesenswelt.

So arbeitete Steiner in seinen erkenntniswissenschaftlichen Schriften zunächst die wissenschaftlichen Grundlagen der Anthroposophie aus, indem er das Denken als den zentralen Faktor alles Welterkennens bestimmte. Von der Einzigartigkeit und Universalität des Denkens als des »all-einen Wesens«, das alles durchdringt (GA 4, 90 f.; 1894), geht es nach den Arbeiten über Goethe zu den schaffenden und tätigen Ideen in der Natur. (GA 6; 1897)

Sieben Jahre später erweiterte Steiner den Gedanken- bzw. Ideenbegriff und sprach von Gedankenwesenheiten und der Welt »lebendiger Gedanken- oder Geistwesen«; er bezeichnete diese auch als »Urbilder«, als »schaffende Wesenheiten«, die allen gewordenen Dingen zugrunde liegen. (GA 9, 54 f.; 1904) In den folgenden Jahren arbeitete er den Erkenntnisweg aus, der zum Erleben der geistigen Welt und der geistigen Wesen führt. (GA 10 und GA 12; 1904-08) Parallel dazu veröffentlichte er Aufsätze über das Leben der Menschheit in der Urzeit und über die Evolution der Erde, in denen er die geistigen Wesen nicht mehr im Allgemeinen als Ideen, Gedankenwesen oder Urbilder bezeichnete, sondern mit konkreten Namen, wie sie u.a. in der christlichen Tradition geläufig sind: Seraphim, Cherubim, Throne, Kyriotetes, Dynamis, Exusiai, Archai, Archangeloi, Angeloi; es handelt sich um einen Kosmos geistiger Wesenheiten, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Bewusstseinsformen, Aufgaben und Tätigkeiten im Weltprozess voneinander zu unterscheiden sind. (GA 11, 1904-08). In der Geheimwissenschaft im Umriss (GA 13; 1910) wird die Entwicklung des Menschen im Zusammenhang mit der Weltentstehung aus dem Zusammenwirken der geistigen Wesen der höheren Hierarchien systematisch dargestellt. Steiner zeigt, wie die Erde selbst eine Entwicklung durchgemacht hat, wie die Naturreiche, die Himmelskörper und ihre gegenseitigen Verhältnisse und Bewegungen, Sonne und Mond, Planeten und Fixsterne, aus dem Wirken der geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien entstehen. Die Welt, wie wir sie kennen, geht aus dem Schaffen der geistigen Wesen hervor, lange bevor der Mensch in seiner heutigen Form auf der Erde in Erscheinung tritt. 1912 weist Steiner darauf hin, dass geistige Wesen mit der außermenschlichen Natur verbunden sind und so wirken, »dass ihre Gedanken zugleich wirksame Naturkräfte sind« (GA 16, 55) Die Sinneswelt enthüllt sich als bloßer Schein. Von der geistigen Welt aus betrachtet, hat man »nur noch Wesenheiten vor sich. In diesen Wesenheiten liegt die wahre Wirklichkeit.« (GA 17, 78)

Steiner erforscht diese Offenbarungen des Geistes in der Welt. Durch Imagination, Inspiration und Intuition werden die Wesenheiten erkannt, die im Inneren der Erde wirken, in den Metallen und Kristallen, in der Gestaltung der Erdoberfläche, der Gebirgsmassive, den Erscheinungen der Atmosphäre, in Wasser, Luft, Wärme und Licht, in allen Naturerscheinungen, in Nebel, Regen, Blitz und Donner, in den Pflanzen und Tieren. Die Geistesforschung erkennt die »Geister der Umlaufzeiten«, die den Wechsel der Jahreszeiten bewirken und jene, die die Bewegungen der Planeten regeln, das Geistige in den Kometen, in den Sonnen und Sternen und nicht zuletzt in der vom Menschen geschaffenen Technik.[9] Sie unterscheidet die Elementarwesen in der Natur, die Gruppenseelen der Pflanzen, Tiere und Mineralien, die geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien in den Naturreichen und Himmelskörpern sowie die in ihrer Entwicklung retardierten Wesen, die auf verschiedene Weise als Widersachermächte des Menschen wirken. Und all diese geistigen Wesen wirken bis heute im Menschen und in der außermenschlichen Natur.

Am Ende seines Lebens fasst Steiner die Wesenserkenntnis der Anthroposophie wie in einer Quintessenz zusammen:

»Man hat ein in der Welt Wirkendes, zum Beispiel die Weltgedanken, in seiner Bedeutung für die Welt noch nicht durchschaut, wenn man bei diesem Wirkenden an sich stehen bleibt, sondern man muss erkennend auf die Wesen blicken, von denen das Wirkende ausgeht …

Denn die Wirklichkeit besteht ja überall im Wesenhaften; und was in ihr nicht Wesenhaftes ist, das ist die Tätigkeit, die sich im Verhältnisse von Wesen zu Wesen abspielt. Es kann nur begriffen werden, wenn man den Blick auf die tätigen Wesen werfen kann.« (GA 26, 120)

Bei dem Studium der Anthroposophie kommt es nicht darauf an, die geistigen Wesenheiten »in naiver Weise« für Wirklichkeit zu halten – wen meint Clement hier eigentlich? –, sondern es geht darum, das Verständnis für den Menschen und die Welt zu vertiefen und die Fähigkeit zum eigenen Wahrnehmen, Empfinden und Erkennen der geistigen Welt zu entwickeln. Clement gibt auch in diesem Punkt nicht die Auffassung Steiners wieder. Die einschlägigen Quellen widerlegen seine Behauptung, dass es reale geistige Wesen außerhalb des Bewusstseins des Menschen gar nicht gibt.

»Das einzige Wesen« in der Meditation …?

Die geistigen Erfahrungen, wie Steiner sie für den anthroposophischen Erkenntnisweg beschreibt, widerlegen auch Clements (7.) Behauptung.

»Das einzige Wesen«, dem der Mensch in der Meditation begegne, sei »nach Steiner letztlich das eigene, und zwar als zugleich individuell-persönliches und universell-absolutes«. (s.o., XXIX)

Diese Behauptung beruht auf der (falschen) Voraussetzung, dass während der Meditation keine objektiven geistigen Wesen wahrnehmbar werden, sondern nur subjektive innere Erlebnisse, eigene Vorstellungen und Gefühle usw. Unter dieser Voraussetzung stellen die Inhalte der Anthroposophie nur Bewusstseinsinhalte Steiners dar. Folglich begegnete dieser in der Meditation nur sich selbst. Ohne jeden Nachweis postuliert Clement: Dies sei so »nach Steiner«.

Steiners Auffassung aber ist das nicht! Wir haben gesehen, dass der Mensch durch Imagination, Inspiration und Intuition einer Vielzahl geistiger Wesen begegnet. Die Begegnung mit dem eigenen Wesen ist nicht die einzige, wohl aber die erste auf dem Weg der höheren Erkenntnis. Denn der Mensch nimmt dasjenige zuerst wahr, was er als Folge der Meditation in seiner seelisch-geistigen Wesenheit herausgearbeitet hat.[10]

»Das erste Erlebnis ist daher in gewissem Sinne Selbstwahrnehmung. Es gehört zum Wesen der Geistesschulung, dass die Seele durch die an sich geübte Selbsterziehung an diesem Punkte ihrer Entwickelung ein volles Bewusstsein davon hat, dass sie zunächst sich selbst wahrnimmt in den Bilderwelten (Imaginationen), die infolge der geschilderten Übungen auftreten.« (GA 13, 319 f.)

Um von dieser Stufe aus weiterzukommen, ist es notwendig, die Bilder jederzeit wieder aus dem Bewusstsein entfernen zu können, nur jene nicht, die sich auf den eigenen Wesenskern, das zweite, »neugeborene« Ich beziehen:

»… der Geistesschüler erkennt in diesen Bildern dasjenige in ihm selber, welches sich als sein Grundwesen durch die wiederholten Erdenleben hindurchzieht. Auf diesem Punkte wird das Erfühlen von wiederholten Erdenleben zu einem wirklichen Erlebnis. In bezug auf alles übrige muss die erwähnte Freiheit der Erlebnisse herrschen. Und erst, nachdem man die Fähigkeit der Auslöschung erlangt hat, tritt man an die wirkliche geistige Außenwelt heran.« (GA 13, 320)

Etwas später heißt es:

»Ist diese Entwickelung bis zu dem notwendigen Grade fortgeschritten, so wird der Mensch nicht nur sich selbst als ein neugeborenes Ich empfinden, sondern er wird nunmehr um sich herum geistige Tatsachen und geistige Wesenheiten wahrnehmen, wie er durch die physischen Sinne die physische Welt wahrnimmt.« (GA 13, 325)

Nach Steiner begegnet der Mensch in der meditativen Erkenntnis also keineswegs nur dem eigenen Wesen, sondern auch »geistige Tatsachen und geistige Wesenheiten« der geistigen Welt. Clements Behauptung widerspricht der von Steiner geschilderten Erfahrung.

Das Einswerden mit dem Makrokosmos

Auf der fünften Stufe der Einweihung erkennt der Mensch, so Steiner weiter, das Verhältnis seines eigenen Wesens zur großen kosmischen Welt, aus der er herausgeboren ist. Auf der sechsten Stufe der Einweihung folgt das »Einswerden mit dem Makrokosmos« – und das ist eine wesentliche Erkenntnis: bei Aufrechterhaltung der vollen Selbständigkeit.

»Wenn der Geistesschüler bis zu solcher Erkenntnis sich durchgerungen hat, dann kann für ihn ein neues Erlebnis eintreten. Er fängt an, sich wie mit dem ganzen Weltenbau verwachsen zu fühlen, trotzdem er sich in seiner vollen Selbständigkeit empfindet. Es ist diese Empfindung ein Aufgehen in die ganze Welt, ein Einswerden mit derselben, aber ohne die eigene Wesenheit zu verlieren. Man kann diese Entwickelungsstufe als ›Einswerden mit dem Makrokosmos‹ bezeichnen. Es ist bedeutsam, dass man dieses Einswerden nicht so zu denken hat, als wenn durch dasselbe das Sonderbewusstsein aufhören und die menschliche Wesenheit in das All ausfließen würde. Es wäre ein solcher Gedanke nur der Ausdruck einer aus ungeschulter Urteilskraft fließenden Meinung.« (GA 13, 392 f.)

Auch wenn der Mensch sich auf der höchsten Stufe der Einweihung wie ein »universell-absolutes« (XXIX) Wesen erlebt, ist dies nicht das einzige Wesen, dem der Mensch auf dieser Stufe begegnet. Er fühlt sich »mit dem ganzen Weltenbau verwachsen«, er wird eins mit dem Geist des Weltenalls, und doch hört sein »Sonderbewusstsein« nicht auf. Einswerden unter Aufrechterhaltung der vollen Selbständigkeit – das ist letztlich das Ziel anthroposophischer Erkenntnisschulung.

Die Geistesforschung führt zu weiteren Erkenntnissen. Das gemeinsame Urwesen, in dem jedes menschliche Ich seinen Urgrund findet, erweist sich als das geistige Sonnenwesen, das den Namen Christus trägt.

»Die Menschheit ist von einer Einheit ausgegangen; aber die bisherige Erdenentwickelung hat zur Sonderung geführt. In der Christus-Vorstellung ist zunächst ein Ideal gegeben, das aller Sonderung entgegenwirkt, denn in dem Menschen, der den Christusnamen trägt, leben auch die Kräfte des hohen Sonnenwesens, in denen jedes menschliche Ich seinen Urgrund findet.« (GA 13, 294)

Des Menschen »innerstes Ich« hat bei jedem den gleichen Ursprung. »Neben allen Erdenvorfahren tritt der gemeinsame Vater aller Menschen auf ›Ich und der Vater sind Eins.‹« (ebd.) Dieses Christus-Wort lenkt den Blick auf das Geheimnis der Trinität, die Einheit in der Vielheit, Dreifaltigkeit in Dreieinigkeit, und macht urbildlich verständlich, wie der Mensch in seinem tiefsten Wesen, als universelles ICH, in Einheit mit dem Wesen seines Ursprungs und zugleich als freie Individualität verstanden werden kann.

Mit Blick auf die weitere Entwicklung zeichnet Steiner das Bild einer zukünftigen Wiedervereinigung des Menschen mit seinem Ursprungswesen, mit Christus, den Steiner in der Geheimwissenschaft als den zweiten, den großen Hüter der Schwelle kennzeichnet. (s. GA 13, 394 f.) Schon in Wie erlangt man … heißt es über diese Wesenheit:

»Ein unbeschreiblicher Glanz geht von dem zweiten Hüter der Schwelle aus; die Vereinigung mit ihm steht als ein fernes Ziel vor der schauenden Seele.« (GA 10, 213)

Die individuelle Freiheit des Menschen aber bleibt gewahrt, auch über die Erdenentwicklung hinaus, denn sie ist zusammen mit der Liebe, die aus ihr entspringt, der Sinn der Erde, ja der gesamten Weltentwicklung. (vgl. GA 13, 414) So erlebt der Mensch in der meditativen Geistesforschung keineswegs nur die Begegnung mit dem eigenen Selbst, er erlebt den »Weltengrund«, den Geist der Welt, den Christus, er erlebt sich in Christus und mit ihm alle Wesenheiten, die den Menschen um seiner selbst willen wollen sowie alle Menschen, die mit ihm gleichen Ursprungs sind.

Gegen »grenzenlose Verwirrung und Träumerei« – bildhafte Gedankensprache und wissenschaftliche Forschung

Aus einem offenkundigen Missverstehen der anthroposophischen Geistesforschung greift Clement zu Goethes Faust, um sich kritisch, ja abfällig, zu Steiners Darstellungen zu äußern. Falle man nicht in »grenzenlose Verwirrung und Träumerei«, wenn man die »selbstgeschaffenen Nebelgestalten«, die Steiner »aus dem ›Weihrauchnebel‹ seiner eigenen Imagination« hervorgezaubert habe, »in naiver Weise für ›Wirklichkeiten‹« halte? (s.o., XXIX)

Schon bei elementarer Sachkenntnis und Erfahrung im Umgang mit der Anthroposophie wird evident, dass diese Haltung nicht im Entferntesten aufkommen kann. Steiner folgte bei der Ausarbeitung der Anthroposophie von Anfang an der naturwissenschaftlichen Methode (Beobachtung, Experiment, Theoriebildung, Wiederholbarkeit, Intersubjektivität). Er entwickelte diese Methode zu einem Instrument der Erforschung der geistigen Welt weiter. Seine Forschungen verliefen nach eigenen Aussagen »in einer geistigen Betätigung, die an Durchsichtigkeit dem mathematischen Denken sich voll vergleichen ließ.« (GA 28, 72) Nichts wurde veröffentlicht, was nicht durch gründlichste Prüfung und strenge Selbsterkenntnis gewonnen wurde. Von der »Dreigliederung der menschlichen Wesenheit«, wie er sie in seiner Schrift Von Seelenrätsel 1917 dargestellt hat, begann er, nach dem Selbstzeugnis in Mein Lebensgang, erst dann öffentlich zu sprechen, nachdem er »im Stillen dreißig Jahre lang die Studien über sie getrieben hatte« (GA 28, 99).

Das bewusste Nachvollziehen der Gedanken, die sich auf die höhere Welt beziehen, ist nun aber auch »der erste Schritt zur eigenen Anschauung«. »Denn der Mensch ist ein Gedankenwesen. Und er kann seinen Erkenntnispfad nur finden, wenn er vom Denken ausgeht. …« (GA 9, 172 f.) Die bildhafte Darstellung anthroposophischer Inhalte, die Clement Schwierigkeiten bereitet (SKA, XXVIII), und die er als Rückfall in eine »mythologisierende Sprechweise« betrachtet (SKA, 321), ist bei der Darstellung übersinnlicher Tatsachen und Wesenheiten in Wahrheit das angemessene Mittel, um diese für das Denken der Gegenwart verstehbar und dem Erleben des Lesers zugänglich zu machen. Steiner begründet dies in der Vorrede zur sechzehnten bis zwanzigsten Auflage der Geheimwissenschaft im Umriss am 10. Januar 1925.

»Man wird es den hier wieder abgedruckten ›Vorbemerkungen zur ersten Auflage‹ anmerken, wie stark ich mich mit allem, was ich damals über Geisteserkenntnis schrieb, vor der Naturwissenschaft verantwortlich fühlte.

Aber man kann in solchen Gedanken allein nicht das zur Darstellung bringen, was sich dem geistigen Schauen als Geistwelt offenbart. Denn diese Offenbarung geht in einen bloßen Gedankeninhalt nicht ein. Wer das Wesen solcher Offenbarung erlebend kennengelernt hat, der weiß, dass die Gedanken des gewöhnlichen Bewusstseins nur geeignet sind, das sinnlich Wahrgenommene, nicht aber das geistig Geschaute, auszudrücken.

Der Inhalt des geistig Geschauten lässt sich nur in Bildern (Imaginationen) wiedergeben, durch welche Inspirationen sprechen, die von intuitiv erlebter geistiger Wesenheit herrühren. …

Aber der Darsteller der Imaginationen aus der Geistwelt kann gegenwärtig nicht bloß diese Imaginationen hinstellen. Er stellte damit etwas dar, das als ein ganz anderer Bewusstseinsinhalt neben dem Erkenntnisinhalt unseres Zeitalters, ohne allen Zusammenhang mit diesem, stünde. Er muss das gegenwärtige Bewusstsein mit dem erfüllen, was ein anderes Bewusstsein, das in die Geistwelt schaut, erkennen kann. Dann wird seine Darstellung diese Geistwelt zum Inhalte haben; aber dieser Inhalt tritt in der Form von Gedanken auf, in die er hineinfließt Dadurch wird er dem gewöhnlichen Bewusstsein, das im Sinne der Gegenwart denkt, aber noch nicht in die Geistwelt hineinschaut, voll verständlich.

Diese Verständlichkeit bleibt nur dann aus, wenn man sich selbst Hindernisse vor sie legt.« (GA 13, 25 f.)

Von einer kritischen Ausgabe der Werke Rudolf Steiners darf erwartet werden, dass sie die Bedingungen berücksichtigt, die für die Erforschung und Darstellung übersinnlicher Inhalte notwendig sind. Jeder, der mit Interesse die Schriften Steiners liest, wird bemerken, dass die Beschäftigung mit der Anthroposophie zu größerer Klarheit und Sicherheit des Denkens und Erkennens führt und nicht zu einer geringeren. Erkenntnis aber ist das Gegenteil von Verwirrung. Sie führt zu einem helleren Bewusstsein, und das ist das Gegenteil von Träumerei! Clement spricht von Irrwegen im Umgang mit der Geistesforschung Steiners, nicht von den Kräften, die sie in Wahrheit fördert. Dass er sich dabei offenbar für einen »ganz genauen Leser« hält, der sich über den »flüchtigen Leser« erhebt, spricht für sich.

Clements Leitmotiv

 Christian Clement hat seiner Einleitung zu Steiners Schriften zur Erkenntnisschulung ein Leitmotiv vorangestellt. Es lautet:

»Ungern entdeck’ ich höheres Geheimnis
Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit,
Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit;
Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.«

Der Autor gibt wohl die Quelle für sein Motto an – Johann Wolfgang Goethe: Faust, der Tragödie zweiter Teil, Finstere Galerie (V. 6275 ff.) –, sagt aber nicht, wer da eigentlich spricht … Es ist Mephistopheles! – jener Geist, »der stets verneint«, der »Zerstörung, kurz das Böse« als sein eigentliches Element benennt. (Faust, S. 43; V. 1338-1344).

Diese Geisteshaltung kann das Wesen der Anthroposophie nicht erfassen. In der angesprochenen Szene soll Mephisto Faust in das Reich der Mütter führen, in die geistige Welt, die hinter der Sinneswelt liegt[11]. Doch wie spricht er von der Welt, die Faust dort finden wird?

»Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
Den Schritt nicht hören, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst.«

Des Öfteren hat Rudolf Steiner in seinen Faust-Vorträgen über diese Szene der Mütter gesprochen. Ein Auszug, der das Verhältnis von Mephistopheles zu Faust und einer materialistischen Geistesart zur wahren Geisteswissenschaft charakterisiert, mag am Ende dieser Untersuchung stehen.

„Ein Wort ertönt, ein wunderbares Wort: zu den Müttern soll Faust hinuntersteigen. Was sind die ›Mütter‹? Man könnte stundenlang reden, wenn man genau charakterisieren wollte, was die Mütter sind. Wir brauchen hier nur zu sagen, daß die Mütter für die Geisteswissenschaft zu allen Zeiten das waren, was der Mensch kennenlernt, wenn sein geistiges Auge geöffnet wird. Wenn er in die physische Welt blickt, sieht er alle Dinge begrenzt. Wenn er in die geistige Welt eintritt, kommt er in etwas, woraus alle physischen Dinge so herauskommen, wie aus einem Wasserteich das Eis herauskommt. Wie einer, der das Wasser nicht sehen könnte, sagen würde: Nichts ist da als Eis, es türmt sich auf aus dem Nichts, – so sagt der, der den Geist nicht kennt: Nur physische Dinge sind da. – Er sieht nicht den Geist, der zwischen und hinter den physisch-sinnlichen Dingen ist, aus dem sich alle sinnlich-physischen Dinge herausbilden wie Eis aus Wasser. Da, wo der Urgrund der physischen Dinge ist, der nicht mehr durch die physischen Augen sichtbar ist, sind die Mütter. Mephistopheles ist die Wesenheit, die darstellen soll jenen Verstand, der nur kennt, was äußerlich im Raume ausgestaltet ist, die zwar weiß, daß es eine geistige Welt gibt, die aber nicht in sie eindringen kann. Mephistopheles steht da neben Faust, wie heute neben dem Geistesforscher steht der materialistische Denker, der da sagt: Ach, du Geisteswissenschafter, du Theosoph, du willst in eine geistige Welt hineinschauen? Da drinnen ist ja gar nichts, das ist ja alles erträumt. Das ist alles nichts. – Diesem Materialisten, der da fest bauen will auf das, was das Mikroskop, das Teleskop offenbart, der aber alles, was hinter den physischen Erscheinungen liegt, wegleugnen will, ruft der Geistesforscher zu: ›In deinem Nichts hoff‘ ich das All zu finden.‹ So steht der materialistische Denker dem spirituellen Menschen gegenüber, der den Geist gerade dort zu finden hofft, wo der andere nichts sieht. Ewig werden sich diese zwei Mächte gegenüberstehen. Und von Anfang steht Mephisto dem Faust so gegenüber als der Geist, der bis zur Tür führen kann, der aber diese Pforte nicht durchschreiten kann.“ (GA 272, 31 f.)

Damit erheben sich grundsätzliche Fragen an Aufgabe und Sinn der kritischen Ausgabe der Werke Rudolf Steiners. Wenn sie nicht aufschließend an die Werke heranführt, die sie herausgibt, sondern durch unsachgemäßes Zitieren und Kommentieren den Kern der Sache verfehlt, verliert ein solches Unternehmen seine Berechtigung und darf von der Öffentlichkeit und insbesondere der fachwissenschaftlichen Welt kaum die Anerkennung erwarten, die es erhofft.

Man mag einwenden, wir hätten nur wenige Seiten einer umfassenden Werkausgabe untersucht. Das ist richtig. Aber der Inhalt, um den es auf diesen Seiten geht, zielt auf den Kern dessen, was Anthroposophie der Welt zu sagen hat. Ist die geistige Wahrnehmung nur eine Illusion, kann es auch keine Geisteswissenschaft geben. Dann ist die ganze Anthroposophie ein Hirngespinst, der »Traum eines Geistersehers« (Kant über Swedenborg). Dann brauchen wir uns über alles weitere nicht zu unterhalten. Denn nicht darauf kommt es an, wie viele Seiten Text noch folgen, sondern darauf, ob in Einleitungen und Kommentaren sachgemäß an die Schriften Steiners herangeführt oder dessen Weg zur Wirklichkeit des Geistes grundsätzlich in Abrede gestellt wird. Um dies zu überprüfen, genügen die wenigen hier vorgeführten Stellen.

Mit der imaginativen, inspirativen und intuitiven Erkenntnis öffnet Steiner das Tor zur geistigen Welt. Es ist das erste Mal in der Weltgeschichte, dass der Mensch vollbewusst erkennend in die geistige Welt eintreten kann. Was Clement als Rückfall in eine »mythologische Redeweise« (SKA, XXVIII, 321, 328) bezeichnet, ist in Wahrheit der größte Fortschritt in der Geisteskultur der modernen Menschheit. Er ermöglicht es, über das Geistige so zu sprechen, dass es dem Denken unmittelbar verständlich ist. Steiners Werke stellen zugleich die Brücke vom Denken zum Schauen dar. Im denkenden Nachschaffen und Verstehen geisteswissenschaftlicher Gedanken vollzieht sich eine Umwandlung des Denkens, die es ermöglicht, zur lebendigen Wirklichkeit der geistigen Welt aufzusteigen. Verbindet sich der Mensch verstehend mit ihrem Inhalt, eröffnet sich eine Entwicklung, die ihn zum Verständnis seines wahren Wesen führt, das ihn mit seiner geistigen Heimat verbindet. »Denn das Ich erhält Wesen und Bedeutung von dem, womit es verbunden ist.« (GA 9, 21 ?)

Die Auseinandersetzung mit der SKA zeigt einmal mehr die Notwendigkeit, die anthroposophischen Grundlagen in der nötigen Tiefe zu erarbeiten. Nur so kann das Studium der Anthroposophie als erster Schritt der Geistesschulung wirklich zum Erlebnis des realen geistigen Lebens werden, das aus den Werken Steiners spricht. Das gilt für die Arbeit im Stillen und auf allen Feldern des anthroposophischen Lebens und Wirkens in der Welt. Die Frage aber, wie die Anthroposophie als Geisteswissenschaft vor der akademischen Wissenschaft und der Welt sachgemäß vertreten werden muss, ist noch nicht beantwortet.[12]

Anmerkungen

[1] Es ist hier nicht beabsichtigt, eine Würdigung des Anliegens von Clement im Ganzen zu geben, das ist bereits durch andere an anderer Stelle erfolgt (Lorenzo Ravagli: Die Anthroposophie: ein »Rückfall« in den Mythos?, www.anthroblog.anthroweb.info; Günter Röschert; Wolf Ulrich Klünker: Textkritik ist keine Kritik des Inhalts, Anthroposophie, Weihnachten 2014; Anna-Katharina Dehmelt: Zwischen Lotusblumen und anschauender Urteilskraft, die Drei I/2015; David Marc Hoffmann: Neue Zürcher Zeitung, 11.03.1025, www.nzz.ch/feuilleton/buecher/die-freiheit-des-erkenntnisweges).

[2] Die im Zitat stehende Anmerkung 12 heißt: »12 PF 126 ff. (GA 4, 142)«; PF ist das Kürzel für Die Philosophie der Freiheit, der zitierte Ausdruck soll auf Seite 142 stehen. Das tut er aber nicht. Auf dieser Seite ist dreimal vom »metaphysischen Realismus« die Rede, nicht aber von einem »naiven metaphysischen Realismus«. Steiner wird hier nicht richtig zitiert, er unterscheidet gerade beide: den »naiven und den metaphysischen Realismus« (ebd., 125, 177).

[3] GA 12, S. 13 f.

[4] Aporie meint die Unmöglichkeit, eine philosophische Frage zu lösen, da Widersprüche vorhanden sind, die in der Sache selbst oder in den zu ihrer Klärung gebrauchten Begriffen liegen; auch: Ausweglosigkeit.

[5] vgl. GA 9, 158 ff.: Von den Gedankenformen und der menschlichen Aura.

[6] SKA, LVI. Aussagen über die Lotusblumen erfolgen vor allem in dem späteren Kapitel der Einleitung: Die Organe der übersinnlichen Erkenntnis, SKA LIV-LX.

[7] Die folgenden Beispiele bringt Clement in der Einleitung im Kapitel Zur Textentwicklung, Die 5. (5.-7.) Auflage von 1914: Vom »Hellsehen« zur Phänomenologie des übersinnlichen Bewusstseins, SKA CXIV f .

[8] Vgl. auch Steiners Darstellung der Lotusblumen in der Geheimwissenschaft im Umriss, GA 13, S. 345-372.

[9] Über das Wirken der geistigen Wesenheiten siehe z.B.: Die Geheimwissenschaft im Umriss, 1909, GA 13; Die Geheimnisse der biblischen Schöpfungsgeschichte, 1910, GA 122; Die Evolution vom Gesichtspunkte der Wahrhaftigkeit, 1911, GA 132; Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt, 1909, GA 110; Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen, 1912, GA 136; Die Mission einzelner Volksseelen, 1910, GA 121; Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis, GA 177, 1917; Der übersinnliche Mensch anthroposophisch erfasst, 1923, GA 231; Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge; GA 235-GA 240 usw.

[10] In Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, Die Stufen der höheren Erkenntnis und Die Geheimwissenschaft im Umriss werden diese Vorgänge genau geschildert. Sie hängen mit den Erlebnissen des kleinen und des großen Hüters der Schwelle zusammen, auf deren Darstellung hier verwiesen sei.

[11] Vgl. GA 273, 02.11.117, 82; GA 272, 23.01.1910, 31 f.

[12] Eine gedruckte Fassung dieser Arbeit in etwas kürzerer Form ist veröffentlicht in: die Drei, November 2015.

2 Kommentare

  1. Alexander Höhne

    Nun, ich habe weder diesen Artikel ganz gelesen, noch werde ich die Einleitung von Christian Clement lesen, bevor ich hier eine Stellung markiere: Ich vertrete ganz eindeutig die Realität geistiger Wesen und die Wirklichkeit der höheren Erkenntnisstufen. Denn es ist völlig irrelevant, ob es diese (bereits) in einer objektiven Welt gibt oder nicht. Die Wirklichkeit existiert für uns Menschen nur subjektiv oder/und intersubjektiv. Objektive Erkenntnis bezieht sich auf eine Theorie des „Ding an sich“. Objektive Erkenntnisse können wir als Menschen meines Erachtens nie gewinnen. Wir gewinnen höchstens objektive Daten von Maschinen oder Instrumenten. Denn diese werfen uns Daten entgegen (objacere), die nicht erst von einem Menschen wahrgenommen bzw. kommuniziert werden müssen, auch wenn deren Ermittlung und Darstellung auf menschlichen Theorien und Artefakten (Objekten) beruht. (Man könnte sie auch indirekt subjektive bzw. intersubjektive Daten nennen.) Das Problem in dieser Auseinandersetzung liegt wahrscheinlich im Gebiet der Fragen nach sinnlich erlebbarer Gegenständlichkeit oder intersubjektiven Erfahrbarkeit. Nun ist es aber wohl so, dass gerade auch die Erfassung sinnlicher Realität im Sinne des Erkenntnisvorgangs zu einem wesentlichen Teil erlernt wird. Die Geistesschulung ist ja gerade oder will ja gerade auch ein weiteres Lernen an der sinnlichen Wirklichkeit. Und gerade „Wie erlangt man…“ macht ja die Anstrengung aufzuzeigen, wie man mit der sinnlichen Erfahrung seine Wahrnehmung und Begriffsbildung in Richtung der Erkenntnis höherer Welten schulen kann.
    Eine Kritik der Verwendung von Begriffen wie Halluzination, Vision und Illusion kann ich an dieser Stelle weder für den obigen Artikel noch für die Einleitung von Clement leisten. Das ist eine grosse Aufgabe. Denn diese Wörter sind ja nicht eindeutig definiert und können unterschiedlich (wertend) verwendet werden. Mit Wittgenstein halte ich viele scheinbar philosophische oder erkenntnistheoretische Probleme, Konflikte oder Widersprüche primär für Probleme der Begriffsbildung und Sprachverwendung.
    Ich bin aber froh, dass der Autor obigen Beitrags daran erinnert, dass die Ergebnisse und der Erkenntnisweg der Anthroposophie nicht auf der Basis eines Verstandes sinn- und sachgemäss bewertet werden können, der nicht das Wagnis eingeht, diesen oder einen vergleichbaren (Erkenntnis-)Weg selbst zu gehen.

  2. Wolfgang Bismark

    Einfach Klasse gemacht! Es bestätigt meine Meinung, dass man Bücher zu Rudolf Steiner, in denen das Wort „Kritik“ steht, nicht zu lesen braucht. Denn entweder hat der Autor(in) Steiner nicht verstanden, was wohl meistens der Fall ist, oder er will Steiner bewusst herabsetzen. Es bleibt nur zu hoffen das Ihre Arbeit am Goetheanum gelesen wird und auch noch beim Rudolf Steiner Verlag und bei der Nachlassverwaltung. Was haben die sich nur dabei gedacht, eine kritische Ausgabe zu unterstützen? Wenn ich mich mit der Anthroposophie Rudolf Steiners auseinander setzen will oder diese kennenlernen will, muss ich seine Bücher lesen und nicht die seiner Kritiker.
    Danke für Ihre hervorragende Arbeit!

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