Analyse der militärischen Lage

Zuletzt aktualisiert am 16. September 2022.

Mitte März 2022 veröffentlichte das französische Zentrum für Geheimdienstforschung (CF2R) eine beachtliche Analyse der militärischen Lage in der Ukraine von Jacques Baud. Aufgrund seiner internationalen Erfahrungen in der Friedensarbeit für die UNO und seines beruflichen Hintergrundes als ehemaliger Geheimdienstoffizier vermag er einen einzigartigen Blick auf den Ukrainekrieg zu werfen.

Das Französische Zentrum für Geheimdienstforschung (CF2R) ist ein unabhängiger Think Tank, der sich auf die Erforschung der Nachrichtendienste und der internationalen Sicherheit spezialisiert hat. Er strebt durch seine Publikationen an, die Nachrichtendienste zu entmystifizieren und die Öffentlichkeit über ihre Rolle aufzuklären. Der Artikel von Jacques Baud erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des CF2R.


Putin – Herr des SpielsPoutine, maître du jeu? La Russie en 50 questions

» Auf der Grundlage von Geheimdienstakten und offiziellen Berichten gibt Jacques Baud einen Überblick über die Ereignisse in der jüngsten Geschichte Russlands, die zum Krieg mit der Ukraine geführt haben. Er analysiert den Konflikt zwischen Russland und dem Westen und beleuchtet Putins Rolle auf der internationalen Bühne. Sein Buch beantwortet aktuelle Fragen und erleichtert den Zugang zu einer ausgewogenen Erklärung der Ereignisse, indem es ein Licht auf sie wirft, das sich manchmal stark von dem unterscheidet, das die Leitmedien verbreiten.«

 


Analyse der militärischen Lage

Gastbeitrag von Jacques Baud

1. Der Weg zum Krieg

Jahrelang, von Mali bis Afghanistan, habe ich mich für den Frieden eingesetzt und mein Leben dafür riskiert. Es geht mir also nicht darum, den Krieg zu rechtfertigen, sondern zu verstehen, was uns in ihn geführt hat. Ich stelle fest, dass die »Experten«, die sich in den Fernsehstudios die Klinken in die Hand geben, die Situation auf der Grundlage von zweifelhaften Informationen analysieren, meist Hypothesen, die zu Tatsachen erhoben werden. Auf dieser Grundlage kann man nicht verstehen, was vor sich geht. Stattdessen wird Panik erzeugt.

Das Problem ist nicht so sehr, wer in diesem Konflikt Recht hat, sondern, dass wir die Art und Weise hinterfragen, wie unsere Politiker ihre Entscheidungen treffen.

Versuchen wir, die Wurzeln des Konflikts zu untersuchen. Das beginnt mit denjenigen, die uns in den letzten acht Jahren von »Separatisten« oder »Befürwortern der Unabhängigkeit« im Donbass erzählt haben. Die Benennungen sind unzutreffend. Donezk und Lugansk, die sich selbst zu Republiken erklärt haben, führten im Mai 2014 Referenden durch, die keine Referenden über »Unabhängigkeit« waren, wie von einigen wenig skrupelbehafteten Journalisten behauptet wurde, sondern Referenden über »Selbstbestimmung« oder »Autonomie«. Die Bezeichnung »pro-russisch« suggeriert, dass Russland Konfliktpartei war, was nicht der Fall ist; der Begriff »russischsprachig« wäre ehrlicher gewesen. Im Übrigen wurden die Referenden gegen den Willen von Wladimir Putin durchgeführt.

Tatsächlich strebten die Republiken nicht nach einer Abspaltung von der Ukraine, sondern nach einem Autonomiestatus, der ihnen den Gebrauch der russischen Sprache als Amtssprache garantiert hätte. Denn die erste gesetzgeberische Handlung der neuen Regierung, die aus dem Sturz von Präsident Janukowitsch hervorgegangen war, bestand darin, am 23. Februar 2014 das Kivalov-Kolesnichenko-Gesetz aus dem Jahr 2012 abzuschaffen, das Russisch zur Amtssprache erhoben hatte. Das ist in etwa so, als würden Putschisten beschließen, Französisch und Italienisch seien von nun an keine Amtssprachen der Schweiz mehr.

Die Entscheidung löste einen Sturm in der russischsprachigen Bevölkerung aus. Die Folge war ein hartes Vorgehen gegen die russischsprachigen Regionen (Odessa, Dnjepropetrowsk, Charkow, Lugansk und Donezk), das ab Februar 2014 einsetzte und zu einer Militarisierung der Situation und einigen Massakern (in Odessa und Mariupol, um die wichtigsten zu nennen) geführt hat. Im Spätsommer 2014 blieben nur noch die selbsternannten Republiken Donezk und Lugansk übrig.

Zu diesem Zeitpunkt waren die ukrainischen Generalstäbe starr an einen doktrinären Ansatz militärischer Operationen gebunden, der es ihnen verunmöglichte, den Feind zu unterwerfen. Die Untersuchung des Verlaufs der Kämpfe im Donbass in den Jahren 2014-2016 zeigt, dass der ukrainische Generalstab systematisch und mechanisch dieselben operativen Schemata anwendete. Nun war der von den Autonomisten geführte Krieg damals sehr ähnlich dem, was man in der Sahelzone beobachten kann: sehr mobile Operationen, die mit leichten Mitteln geführt werden. Mit einem flexibleren und weniger doktrinären Ansatz konnten die Rebellen die Trägheit der ukrainischen Streitkräfte ausnutzen, um sie wiederholt »in die Falle zu locken«.

2014 war ich bei der NATO zuständig für die Bekämpfung der Verbreitung von Kleinwaffen. Wir versuchten, russische Waffenlieferungen an die Rebellen aufzudecken, und den Nachweis zu führen, dass Moskau etwas damit zu tun hatte. Die Informationen, die wir erhielten, stammten fast ausschließlich vom polnischen Geheimdienst und »passten« nicht zu den Informationen der OSZE: Entgegen massiver gegenteiliger Behauptungen gab es keine Lieferungen von Waffen und militärischem Material aus Russland. Die Waffen der Rebellen stammten von Überläufern aus russischsprachigen ukrainischen Einheiten. Infolge ukrainischer Niederlagen liefen ganze Panzer-, Artillerie- oder Luftabwehrbataillone zu den Autonomisten über. Das veranlasste die Ukrainer, sich an den Verhandlungen über die Minsker Abkommen zu beteiligen.

Doch unmittelbar nach der Unterzeichnung des ersten Minsker Abkommens setzte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko eine groß angelegte Antiterroroperation (ATO) gegen den Donbass in Gang. Von NATO-Offizieren schlecht beraten, erlitten die Ukrainer bei Debalzewo eine vernichtende Niederlage, die sie zwang, sich auf das Abkommen Minsk 2 einzulassen.

An dieser Stelle muss unbedingt daran erinnert werden, dass die beiden Minsker Abkommen (Minsk 1 – September 2014, Minsk 2 – Februar 2015) weder die Trennung noch die Unabhängigkeit der Republiken vorsahen, sondern ihre Autonomie im Rahmen der Ukraine. Wer die Abkommen gelesen hat (und das sind offensichtlich sehr wenige), wird feststellen, dass in ihnen wörtlich steht, dass der Status der Republiken zwischen Kiew und den Vertretern der Republiken ausgehandelt werden sollte, um eine innerukrainische Lösung zu finden.

Aus diesem Grund hat Russland seit 2014 systematisch ihre Umsetzung gefordert, sich aber geweigert, selbst an den Verhandlungen teilzunehmen, da es sich um eine innere Angelegenheit der Ukraine handelte. Auf der anderen Seite hat der Westen – allen voran Frankreich – systematisch versucht, das Minsker Abkommen durch das »Normandie-Format« zu ersetzen, bei dem sich Russen und Ukrainer direkt gegenüberstanden. Es sei daran erinnert, dass vor dem 23. bzw. 24. Februar 2022 niemals russische Truppen im Donbass stationiert waren. Außerdem haben die OSZE-Beobachter nie auch nur die geringste Spur von russischen Einheiten beobachtet, die im Donbass operierten. So zeigt die von der Washington Post am 3. Dezember 2021 veröffentlichte Karte des US-Geheimdienstes keine russischen Truppen im Donbass.

Im Oktober 2015 gestand Vasyl Hrytsak, der Direktor des ukrainischen Sicherheitsdienstes (SBU), dass im Donbass nur 56 russische Kämpfer beobachtet worden seien. Das war vergleichbar mit den Schweizern, die in den 1990er Jahren an den Wochenenden in Bosnien kämpften, oder den Franzosen, die heute in der Ukraine kämpfen.

Die ukrainische Armee befand sich zu diesem Zeitpunkt in einem desolaten Zustand. Im Oktober 2018, nach vier Jahren Krieg, erklärte der oberste ukrainische Militärstaatsanwalt Anatolij Matios, die Ukraine habe im Donbass 2700 Männer verloren: 891 durch Krankheiten, 318 durch Verkehrsunfälle, 177 durch andere Unfälle, 175 durch Vergiftungen (Alkohol, Drogen), 172 durch unvorsichtigen Umgang mit Waffen, 101 durch Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften, 228 durch Mord und 615 durch Selbstmord.

Tatsächlich ist die Armee durch die Korruption ihrer Führungskräfte unterminiert und genießt nicht mehr die Unterstützung der Bevölkerung. Laut einem Bericht des britischen Innenministeriums erschienen bei der Einberufung der Reservisten im März/April 2014 70 % nicht bei der ersten Aufforderung, 80 % nicht bei der zweiten, 90 % nicht bei der dritten und 95 % nicht bei der vierten. Im Oktober/November 2017 erschienen bei der Einberufungskampagne 70 % der Einberufenen nicht. Dabei sind Selbstmorde und Desertionen (häufig zugunsten von Autonomisten), die bis zu 30 % der Belegschaft ausmachten, noch gar nicht berücksichtigt. Junge Ukrainer weigern sich, im Donbass zu kämpfen und ziehen die Emigration vor, was zumindest teilweise auch das demografische Defizit des Landes erklärt.

Das ukrainische Verteidigungsministerium wandte sich daraufhin an die NATO, sie möge dabei helfen, seine Streitkräfte »attraktiver« zu machen. Da ich bereits an ähnlichen Projekten im Rahmen der Vereinten Nationen gearbeitet hatte, wurde ich von der NATO gebeten, an einem Programm zur Wiederherstellung des Images der ukrainischen Streitkräfte mitzuwirken. Das ist jedoch ein langwieriger Prozess und die Ukrainer wollten schnell vorankommen.

Um den Mangel an Soldaten auszugleichen, griff die ukrainische Regierung daher auf paramilitärische Milizen zurück. Sie bestehen hauptsächlich aus ausländischen Söldnern, die oftmals rechtsextreme Aktivisten sind. Im Jahr 2020 stellten sie etwa 40% der ukrainischen Streitkräfte und umfassten laut Reuters etwa 102.000 Mann. Sie werden von den USA, Großbritannien, Kanada und Frankreich bewaffnet, finanziert und ausgebildet. Es sind mehr als 19 Nationalitäten vertreten – darunter auch Schweizer.

Die westlichen Länder haben also eindeutig ukrainische rechtsextreme Milizen geschaffen und unterstützt. Im Oktober 2021 schlug die Jerusalem Post Alarm und prangerte das Projekt Centuria an. Diese Milizen operieren seit 2014 mit westlicher Unterstützung im Donbass. Auch wenn man über den Begriff »Nazi« streiten kann, bleibt es dabei, dass diese Milizen eine übelriechende Ideologie verbreiten, gewalttätig und virulent antisemitisch sind. Ihr Antisemitismus ist eher kulturell als politisch bedingt, weshalb die Bezeichnung »Nazi« nicht wirklich passt. Ihr Judenhass rührt von den großen Hungersnöten in der Ukraine in den 1920er und 1930er Jahren her, die darauf zurückzuführen waren, dass Stalin die Ernten beschlagnahmte, um die Modernisierung der Roten Armee zu finanzieren. Dieser Völkermord – in der Ukraine als Holodomor bezeichnet – wurde jedoch vom NKWD (Vorläufer des KGB) verübt, dessen oberste Führungsebenen hauptsächlich aus Juden bestanden. Aus diesem Grund fordern ukrainische Extremisten heute von Israel, sich für die Verbrechen des Kommunismus zu entschuldigen, wie die Jerusalem Post feststellt. Von einer »Revision der Geschichtserzählung« durch Wladimir Putin sind wir also weit entfernt.

Die Milizen, die aus den rechtsextremen Gruppen hervorgegangen sind, die 2014 die Revolution auf dem Euromaidan befeuert haben, bestehen aus fanatisierten, brutalen Individuen. Die bekannteste unter ihnen ist das Asow-Regiment, dessen Emblem an die 2. Panzerdivision der SS »Das Reich« erinnert, die in der Ukraine regelrecht verehrt wird, weil sie 1943 Charkow von den Sowjets befreite und 1944 in Frankreich das Massaker von Oradour-sur-Glane verübte.

Zu den berühmten Figuren des Asow-Regiments gehörte auch der Oppositionspolitiker Roman Protassewitsch, der 2021 von den weißrussischen Behörden im Zusammenhang mit dem RyanAir-Flug FR4978 festgenommen wurde. Am 23. Mai 2021 wurde die absichtliche Entführung eines Passagierflugzeugs durch eine MiG-29 – natürlich mit Putins Zustimmung – als Grund für die Festnahme von Protassewitsch genannt, obwohl die damals verfügbaren Informationen dieses Szenario keineswegs bestätigten.

Man bemühte sich, Präsident Lukaschenko als Schurken und Protassewitsch als demokratiebegeisterten »Journalisten« darzustellen. In einer ziemlich aufschlussreichen Untersuchung einer amerikanischen NGO aus dem Jahr 2020 wurden Protassewitschs militante rechtsextreme Aktivitäten nachgezeichnet. Die westliche Verschwörungstheorie nahm Fahrt auf und skrupellose Medien »hübschten« seine Biografie auf. Schließlich wurde im Januar 2022 der ICAO-Bericht veröffentlicht, aus dem hervorgeht, dass Belarus trotz einiger Verfahrensfehler im Einklang mit den geltenden Regeln gehandelt hat und dass die MiG-29 15 Minuten nachdem der RyanAir-Pilot beschlossen hatte, in Minsk zu landen, abhob. Also keine belarussische Verschwörung und schon gar nicht mit Putin. …

Noch ein Detail: Protassewitsch, der von der belarussischen Polizei grausam gefoltert worden sein soll, ist heute frei. Wer mit ihm korrespondieren möchte, kann das über seinen Twitter-Account tun.

Die Bezeichnung der ukrainischen Paramilitärs als »Nazis« oder »Neonazis« wird als russische Propaganda abgetan. Daran mag etwas Wahres sein; die Times of Israel, das Simon Wiesenthal Zentrum oder das Zentrum für Terrorismusbekämpfung der West Point Academy sind jedoch anderer Ansicht. Die Einstufung bleibt umstritten, denn 2014 schien das Magazin Newsweek sie eher mit … dem Islamischen Staat in Verbindung zu bringen. Was auch immer!

Der Westen unterstützt und bewaffnet weiterhin Milizen, die sich seit 2014 zahlreicher Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung schuldig gemacht haben: Vergewaltigungen, Folter und Massaker. Doch während die Schweizer Regierung sehr schnell Sanktionen gegen Russland verhängt hat, hat sie keine Sanktionen gegen die Ukraine verhängt, die seit 2014 ihre eigene Bevölkerung massakrierte. Tatsächlich haben diejenigen, die sich in der Ukraine für die Menschenrechte einsetzen, die Machenschaften dieser Gruppen schon lange verurteilt, aber unsere Regierungen sind ihnen nicht gefolgt. Denn in Wirklichkeit will man nicht der Ukraine helfen, sondern Russland bekämpfen.

Die Integration dieser paramilitärischen Kräfte in die Nationalgarde ging keineswegs mit ihrer »Entnazifizierung« einher, wie manche behaupten. Von den zahlreichen Beispielen ist das Abzeichen des Asow-Regiments das sprechendste:

Nazi-Symbole

Nazi-Symbolik der ukrainischen Milizen

Die ukrainischen Streitkräfte, die die russische Offensive bekämpfen, gliedern sich 2022, grob gesagt, in:

  • die Landarmee, die dem Verteidigungsministerium untersteht: Sie ist in drei Armeekorps aufgeteilt und besteht aus Manöververbänden (Panzer, schwere Artillerie, Raketen usw.);
  • die Nationalgarde: Sie untersteht dem Innenministerium und ist in 5 Territorialkommandos aufgeteilt.

Die Nationalgarde ist somit eine territoriale Verteidigungstruppe, die nicht Teil der ukrainischen Armee ist. Sie umfasst die paramilitärischen Milizen, die sogenannten »Freiwilligenbataillone«, die auch unter dem vielsagenden Namen »Vergeltungsbataillone« bekannt sind und aus Infanterie bestehen. Sie wurden hauptsächlich für den Städtekampf ausgebildet und verteidigen heute Städte wie Charkow, Mariupol, Odessa, Kiew usw.

2. Der Krieg

Als ehemaliger Verantwortlicher für die Streitkräfte des Warschauer Pakts beim Schweizer strategischen Nachrichtendienst beobachte ich mit Traurigkeit – aber ohne Verwunderung –, dass unsere Geheimdienste nicht mehr in der Lage sind, die militärische Lage in der Ukraine zu verstehen. Die selbsternannten »Experten«, die unsere Bildschirme bevölkern, geben unermüdlich dieselben Informationen weiter, die mit der Behauptung moduliert werden, Russland – vor allem Wladimir Putin – sei irrational. Lassen Sie uns einen Schritt zurücktreten.

Der Ausbruch des Krieges

Seit November 2021 drohten die Amerikaner immer wieder mit einer russischen Invasion der Ukraine. Dennoch schienen die Ukrainer anderer Meinung zu sein. Warum ist das so?

Wir müssen bis zum 24. März 2021 zurückgehen. An diesem Tag erließ Volodymyr Selenskyj ein Dekret zur Rückeroberung der Krim und begann, seine Truppen in den Süden des Landes zu verlegen. Gleichzeitig fanden mehrere NATO-Übungen zwischen dem Schwarzen Meer und der Ostsee statt, die von einer deutlichen Zunahme von Aufklärungsflügen entlang der russischen Grenze begleitet waren. Russland führte daraufhin einige Übungen durch, um die Einsatzbereitschaft seiner Truppen zu testen und zu zeigen, dass es die Entwicklung der Lage verfolgte.

Die Lage beruhigte sich bis Oktober/November mit dem Ende der ZAPAD-21-Übungen, deren Truppenbewegungen als Verstärkung für eine Offensive gegen die Ukraine interpretiert wurden. Doch selbst die ukrainischen Behörden wiesen die Vorstellung von russischen Kriegsvorbereitungen zurück und Oleksiy Reznikov, der ukrainische Verteidigungsminister, erklärte, dass es seit dem Frühjahr keine Veränderungen an seiner Grenze gegeben habe.

Unter Verstoß gegen das Minsker Abkommen führte die Ukraine mithilfe von Drohnen Luftoperationen im Donbass durch, von denen mindestens ein Schlag gegen ein Treibstofflager in Donezk im Oktober 2021 ausgeführt wurde. Die US-Presse wies darauf hin, die Europäer jedoch nicht, und niemand verurteilte diese Verstöße.

Im Februar 2022 überstürzten sich die Ereignisse. Am 7. Februar bekräftigte Emmanuel Macron bei seinem Besuch in Moskau gegenüber Wladimir Putin seine Verbundenheit mit dem Minsker Abkommen, eine Verpflichtung, die er nach seinem Treffen mit Wolodymyr Selenskyj am nächsten Tag wiederholte. Doch am 11. Februar endete das Treffen der politischen Berater der Staats- und Regierungschefs des »Normandie-Formats« in Berlin nach neun Stunden Verhandlungen ohne konkrete Ergebnisse: Die Ukrainer weigerten sich weiterhin, das Minsker Abkommen umzusetzen, offenbar unter dem Druck der USA. Wladimir Putin stellte daraufhin fest, dass Macron ihm leere Versprechungen gemacht habe und dass der Westen – wie schon seit acht Jahren –weiterhin nicht bereit sei, die Abkommen umzusetzen.

Die ukrainischen Vorbereitungen in der Kontaktzone gingen weiter. Das russische Parlament war alarmiert und forderte Wladimir Putin am 15. Februar auf, die Unabhängigkeit der Republiken anzuerkennen, was er jedoch ablehnte.

Am 17. Februar kündigte Präsident Joe Biden an, Russland werde die Ukraine in den nächsten Tagen angreifen. Woher wusste er das? Ein Mysterium … Aber seit dem 16. Februar nahm der Artilleriebeschuss der Bevölkerung im Donbass dramatisch zu, wie aus den täglichen Berichten der OSZE-Beobachter hervorging. Natürlich reagierten weder die Medien noch die Europäische Union, die NATO oder irgendeine westliche Regierung darauf und griffen nicht ein. Später behauptete man, es habe sich um russische Desinformation gehandelt. Tatsächlich scheint es, dass die Europäische Union und einige Länder das Massaker an der Bevölkerung im Donbass absichtlich verschwiegen haben, weil sie wussten, dass es eine russische Intervention auslösen würde.

Gleichzeitig wurde von Sabotageakten im Donbass berichtet. Am 18. Januar fingen Donbass-Kämpfer mit westlicher Ausrüstung ausgestattete und polnisch sprechende Saboteure ab, die in Gorlivka chemische Zwischenfälle herbeiführen wollten. Es könnte sich um CIA-Söldner gehandelt haben, die von Amerikanern angeführt oder »beraten« wurden und aus ukrainischen oder europäischen Kämpfern bestanden, um Sabotageaktionen in den Donbass-Republiken durchzuführen.

Analyse der militärischen Lage

Anzahl der registrierten Explosionen im Donbass, Februar 2022 (Quelle: OSCE SMM Daily Reports)

Analyse der militärischen Lage

OSZE Waffenstillstands-Verletzungen 19.-20. Februar 2022 (Quelle: OSCE SMM Daily Reports)

Tatsächlich wusste Joe Biden bereits am 16. Februar, dass die Ukrainer damit begonnen hatten, die Zivilbevölkerung im Donbass zu beschießen, was Wladimir Putin vor die schwierige Wahl stellte, dem Donbass militärisch zu helfen und damit ein internationales Problem zu schaffen oder tatenlos zuzusehen, wie die russischsprachigen Bewohner des Donbass überrollt wurden.

Sollte sich Putin für eine Intervention entscheiden, konnte er sich auf die internationale Verpflichtung der »Responsibility To Protect« (R2P) berufen. Er wusste jedoch, dass eine Intervention, unabhängig von ihrer Art oder ihrem Umfang, eine Flut von Sanktionen auslösen würde. Daher würde der Preis, ob sich seine Intervention auf den Donbass beschränkte oder ob er weiter ginge, um Druck auf den Westen wegen des Status der Ukraine auszuüben, derselbe sein. Dies erklärte er auch in seiner Ansprache am 21. Februar.

An diesem Tag gab er dem Ersuchen der Duma nach, erkannte die Unabhängigkeit der beiden Donbass-Republiken an und unterzeichnete im selben Atemzug Freundschafts- und Beistandsverträge mit ihnen.

Die Bombardierung der Bevölkerung im Donbass durch die ukrainische Artillerie ging weiter und am 23. Februar baten die beiden Republiken Russland um militärische Hilfe. Am 24. berief sich Wladimir Putin auf Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen, der die gegenseitige militärische Unterstützung im Rahmen eines Verteidigungsbündnisses vorsieht.

Um die russische Intervention in den Augen der Öffentlichkeit völlig illegal erscheinen zu lassen, wird die Tatsache absichtlich verschwiegen, dass der Krieg tatsächlich am 16. Februar begonnen hat. Die ukrainische Armee bereitete sich ab 2021 darauf vor, den Donbass anzugreifen, was einigen russischen und europäischen Geheimdiensten sehr wohl bekannt war.

In seiner Ansprache vom 24. Februar nannte Wladimir Putin die beiden Ziele seiner Operation: »Entmilitarisierung« und »Entnazifizierung« der Ukraine. Es geht also nicht darum, die Ukraine einzunehmen, wahrscheinlich nicht einmal darum, sie zu besetzen, und schon gar nicht darum, sie zu zerstören.

Von da an ist unsere Sicht auf den Verlauf der Operation begrenzt: Die Russen verfügen über eine ausgezeichnete Operationssicherheit (OPSEC) und die Details ihrer Planung sind nicht bekannt. Doch es lässt sich anhand des Operationsverlaufs nachvollziehen, wie die strategischen Ziele operativ umgesetzt werden.

  • Entmilitarisierung:
  • – Zerstörung der ukrainischen Luftwaffe, der Luftabwehrsysteme und der Aufklärungsmittel am Boden;
  • – Neutralisierung der Führungs- und Aufklärungsstrukturen (C3I) sowie der wichtigsten Logistikwege in der Tiefe des Territoriums;
  • – Einkreisung des Großteils der ukrainischen Armee, die im Südosten des Landes massiert ist.
  • Entnazifizierung:
    – Zerstörung oder Neutralisierung der Freiwilligenbataillone, die in den Städten Odessa, Charkow und Mariupol sowie in verschiedenen Einrichtungen auf dem Territorium operieren.

Entmilitarisierung

Die russische Offensive verläuft auf sehr »klassische« Weise. Zunächst – wie es die Israelis 1967 getan haben – mit der Zerstörung der Luftwaffe am Boden in den allerersten Stunden. Dann folgt ein gleichzeitiger Vormarsch auf mehreren Achsen nach dem Prinzip des »fließenden Wassers«: Man rückt überall dort vor, wo der Widerstand schwach ist, und lässt die Städte (die sehr viele Truppen binden würden) für einen späteren Zeitpunkt übrig. Im Norden wird das Kraftwerk Tschernobyl sofort besetzt, um Sabotageakte zu verhindern. Bilder von ukrainischen und russischen Soldaten, die gemeinsam das Kraftwerk bewachen, werden natürlich nicht gezeigt …

Die Idee, dass Russland versucht, die Hauptstadt Kiew einzunehmen, um Selenskij zu beseitigen, stammt typischerweise aus dem Westen: So haben sie es in Afghanistan, im Irak und in Libyen gemacht und so wollten sie es auch in Syrien mit Hilfe des Islamischen Staates machen. Wladimir Putin hatte jedoch nie die Absicht, Selenskij zu erschießen oder zu stürzen. Russland versucht vielmehr, ihn an der Macht zu halten, indem es ihn durch die Einkreisung Kiews zu Verhandlungen drängt. Er hatte sich bis dahin geweigert, die Minsker Vereinbarungen umzusetzen, doch nun wollen die Russen die Neutralität der Ukraine erreichen.

Viele westliche Kommentatoren wunderten sich, dass die Russen weiterhin eine Verhandlungslösung anstreben, während sie gleichzeitig militärische Operationen durchführen. Die Erklärung dafür liegt im russischen Strategiekonzept seit der Sowjetzeit. Für den Westen beginnt der Krieg, wenn die Politik aufhört. Der russische Ansatz folgt jedoch einer clausewitzschen Inspiration: Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik und man kann fließend zwischen beiden wechseln, sogar während der Kampfhandlungen. So kann man Druck auf den Gegner ausüben und ihn zu Verhandlungen drängen.

Aus operativer Sicht war die russische Offensive ein Musterbeispiel dieser Art: Innerhalb von sechs Tagen eroberten die Russen ein Gebiet, das so groß wie das Vereinigte Königreich ist, wobei sie schneller vorankamen, als die Wehrmacht im Jahr 1940.

Analyse der militärischen Lage

Lage Ende März 2022. Die Abbildung stammt aus einem in den Hinweisen erwähnten weiteren Artikel von Jacques Baud.

Das Gros der ukrainischen Armee war im Süden des Landes stationiert, um eine größere Operation gegen den Donbass vorzubereiten. Daher konnten die russischen Streitkräfte sie bereits Anfang März im »Kessel« zwischen Slawjansk, Kramatorsk und Sewerodonezk durch einen Vorstoß aus dem Osten über Charkow und einen weiteren aus dem Süden von der Krim aus einkreisen. Truppen aus den Republiken Donezk (DVR) und Lugansk (LRL) ergänzten die russischen Streitkräfte durch einen Vorstoß aus dem Osten.

In dieser Phase zogen die russischen Streitkräfte die Schlinge langsam enger, standen aber nicht mehr unter Zeitdruck. Ihr Ziel der Demilitarisierung war praktisch erreicht und die ukrainischen Reststreitkräfte hatten keine operative und strategische Kommandostruktur mehr.

Die »Verlangsamung« des Vorstoßes, die unsere »Experten« auf eine schlechte Logistik zurückführen, ist nur die Folge davon, dass sie ihre Ziele erreicht hatten. Russland scheint sich nicht auf eine Besetzung des gesamten ukrainischen Territoriums einlassen zu wollen. Vielmehr scheint es, dass es versucht, seinen Vormarsch an der Sprachgrenze des Landes zu beenden.

Unsere Medien berichten von wahllosen Bombenangriffen auf die Zivilbevölkerung, insbesondere in Charkow, und danteske Bilder werden in Dauerschleife ausgestrahlt. Doch Gonzalo Lira, ein Lateinamerikaner, der dort lebt, zeigte uns am 10. März eine ruhige Stadt und am 11. März ebenfalls. Natürlich ist es eine große Stadt und man sieht nicht alles, aber das scheint darauf hinzudeuten, dass wir uns nicht in dem totalen Krieg befinden, der uns ständig auf unseren Bildschirmen serviert wird.

Was die Donbass-Republiken betrifft, so haben sie ihre eigenen Gebiete »befreit« und kämpfen in der Stadt Mariupol.

»Entnazifizierung«

In Städten wie Charkow, Mariupol und Odessa liegt die Verteidigung in der Hand von paramilitärischen Milizen. Sie wissen, dass die »Entnazifizierung« in erster Linie ihnen gilt.

Für einen Angreifer in urbanisierten Gebieten sind Zivilisten ein Problem. Deshalb versucht Russland, humanitäre Korridore zu schaffen, um Zivilisten aus den Städten zu evakuieren und nur die Milizen in ihnen festzuhalten, damit sie leichter bekämpft werden können.

Umgekehrt versuchen die Milizen, die Zivilisten in den Städten festzuhalten, um die russische Armee daran zu hindern, in die Städte einzudringen, um dort zu kämpfen. Daher sträuben sie sich gegen die Umsetzung dieser Korridore und tun alles, um die russischen Bemühungen ins Leere laufen zu lassen: So können sie die Zivilbevölkerung als »menschlichen Schutzschild« einsetzen. Videos, die Zivilisten zeigen, die Mariupol verlassen wollen und von Kämpfern des Asow-Regiments verprügelt werden, sind bei uns natürlich nicht zu sehen.

Auf Facebook wurde die Asow-Gruppe in die gleiche Kategorie wie der Islamische Staat eingestuft und unterlag der »Politik zu gefährlichen Personen und Organisationen« der Plattform. Daher war es verboten, sie zu verherrlichen, und »Beiträge«, die sie unterstützten, wurden systematisch verbannt. Am 24. Februar änderte Facebook jedoch seine Politik und ließ Posts zu, die die Miliz unterstützen. Im März erlaubte die Plattform in den ehemaligen Ostblockländern Aufrufe zum Mord an russischen Militärs und Russen im allgemeinen im Kontext der Invasion in der Ukraine. Soviel zu den Werten, die unsere Führer inspirieren.

Unsere Medien verbreiten ein romantisiertes Bild des Volkswiderstands. Es ist dieses Bild, das die Europäische Union dazu veranlasst hat, die Verteilung von Waffen an die Zivilbevölkerung zu finanzieren. Das ist eine kriminelle Handlung. In meiner Funktion als Chef der Abteilung für friedenserhaltende Maßnahmen bei den Vereinten Nationen habe ich mich mit der Frage des Schutzes der Zivilbevölkerung beschäftigt. Dabei stellten wir fest, dass Gewalt gegen Zivilisten in ganz bestimmten Kontexten stattfindet. Insbesondere dann, wenn es eine Fülle von Waffen gibt und keine Führungsstrukturen vorhanden sind.

Führungsstrukturen sind jedoch das Wesen von Armeen: Sie haben die Aufgabe, die Anwendung von Gewalt auf ein Ziel hin zu kanalisieren. Durch die unkoordinierte Bewaffnung von Bürgern, wie sie derzeit stattfindet, macht die EU sie zu Kombattanten, mit den entsprechenden Folgen: sie werden potenzielle Ziele. Darüber hinaus führt die Verteilung von Waffen ohne Führung und ohne operative Ziele unweigerlich zu Abrechnungen, Banditentum und Aktionen, die eher tödlich als effektiv sind. Der Krieg wird zu einer emotionalen Angelegenheit. Aus Stärke wird Gewalt. So geschehen in Tawarga (Libyen) vom 11. bis 13. August 2011, wo 30.000 Schwarzafrikaner mit von Frankreich (illegal) abgeworfenen Waffen massakriert wurden. Übrigens sieht das britische Royal Institute for Strategic Studies (RUSI) keinen Mehrwert in diesen Waffenlieferungen.

Außerdem setzt man sich durch Waffenlieferungen an ein Land, das sich im Krieg befindet, der Gefahr aus, als Kriegstreiber betrachtet zu werden. Die russischen Luftangriffe vom 13. März 2022 auf den Luftwaffenstützpunkt Mykolajiw folgten den russischen Warnungen, dass Waffentransporte wie feindliche Ziele behandelt würden.

Die EU wiederholt die katastrophalen Erfahrungen des Dritten Reichs in den letzten Stunden der Schlacht um Berlin. Der Krieg sollte dem Militär überlassen werden, und wenn eine Seite verloren hat, sollte man das auch zugeben. Und wenn es Widerstand geben soll, muss er unbedingt geführt und strukturiert sein. Wir tun jedoch genau das Gegenteil: Wir drängen Bürger dazu, in den Kampf zu ziehen, und gleichzeitig erlaubt Facebook Aufrufe zum Mord an russischen Militärs und Russen im Allgemeinen. So viel zu den Werten, die uns inspirieren.

In einigen Geheimdiensten sieht man diese unverantwortliche Entscheidung als einen Versuch, die ukrainische Bevölkerung als Kanonenfutter für den Kampf gegen Wladimir Putins Russland zu benutzen. Man hätte diese Art von mörderischer Entscheidung den Kollegen von Ursula von der Leyens Großvater überlassen sollen. Es wäre klüger gewesen, in Verhandlungen einzutreten und so Garantien für die Zivilbevölkerung zu erhalten, als Öl ins Feuer zu gießen. Es ist leicht, andere für sich bluten zu lassen … [Ein Abschnitt zur Entbindungsstation Mariupol wurde hier ausgelassen. Er findet sich im französischen Original].

3. Schlussfolgerungen

Als ehemaliger Geheimdienstprofi fällt mir als Erstes die völlige Abwesenheit der westlichen Geheimdienste bei der Darstellung der Situation seit einem Jahr auf. In der Schweiz wurde den Diensten vorgeworfen, kein korrektes Bild der Lage geliefert zu haben. In der Tat scheint es, dass in der gesamten westlichen Welt die Dienste von der Politik überfordert waren. Das Problem ist, dass die Politiker die Entscheidungen treffen: Der beste Geheimdienst der Welt ist nutzlos, wenn der Entscheidungsträger nicht auf ihn hört. Genau das ist in dieser Krise passiert.

Abgesehen davon hatten einige Geheimdienste ein sehr genaues und rationales Bild der Situation, während andere offensichtlich das gleiche Bild hatten, das von unseren Medien propagiert wurde. In dieser Krise spielten die Dienste der Länder des »neuen Europa« eine wichtige Rolle. Das Problem ist, dass sie meiner Erfahrung nach analytisch extrem schlecht aufgestellt sind: sie sind ideologiegeleitet und haben nicht die intellektuelle und politische Unabhängigkeit, die notwendig ist, um eine Situation aus militärischer Sicht zu beurteilen. Es ist besser, sie als Feinde zu haben, denn als Freunde.

Zweitens scheint es, dass in einigen europäischen Ländern die Politiker ihre Geheimdienste absichtlich ignoriert haben, um ideologisch auf die Situation zu reagieren. Aus diesem Grund war die Krise von Anfang an irrational. Es ist zu beachten, dass alle Dokumente, die man der Öffentlichkeit im Zuge dieser Krise vorlegte, von Politikern auf der Grundlage kommerzieller Quellen erstellt wurden …

Einige westliche Politiker wollten offensichtlich, dass es zu einem Konflikt kommt. In den USA waren die Angriffsszenarien, die Anthony Blinken dem Sicherheitsrat vorstellte, lediglich das Produkt der Fantasie eines für ihn arbeitenden Tiger-Teams: Er tat genau das, was Donald Rumsfeld 2002 tat, der die CIA und andere Geheimdienste »umging«, die weit weniger affirmativ über die irakischen Chemiewaffen berichteten.

Die dramatischen Entwicklungen, deren Zeugen wir heute sind, haben Ursachen, die wir zwar kannten, aber nicht wahrhaben wollten:

  • auf der strategischen Ebene die Expansion der NATO (die wir hier nicht behandelt haben);
  • auf der politischen Ebene die Weigerung des Westens, die Minsker Vereinbarungen umzusetzen;
  • auf der operativen Ebene die seit Jahren anhaltenden Angriffe auf die Zivilbevölkerung im Donbass und ihre dramatische Steigerung Ende Februar 2022.

Mit anderen Worten: Wir können den russischen Angriff natürlich bedauern und verurteilen. Aber WIR (d. h.: allen voran die USA, Frankreich und die Europäische Union) haben die Bedingungen für den Ausbruch eines Konflikts geschaffen. WIR zeigen Mitgefühl mit dem ukrainischen Volk und den zwei Millionen Flüchtlingen [Update am 6.4.: 4,2 Mio]. Das ist gut und richtig. Aber wenn wir auch nur ein bisschen Mitgefühl für die gleiche Anzahl von Flüchtlingen aus der ukrainischen Bevölkerung im Donbass gehabt hätten, die von ihrer eigenen Regierung massakriert wurden und sich acht Jahre lang in Russland angesammelt haben, wäre das alles wahrscheinlich nicht passiert.

Analyse der militärischen Lage

Zivile Opfer im Donbass 2018-2021

Ob der Begriff »Völkermord« auf die Übergriffe gegen die Bevölkerung im Donbass angewendet werden kann, ist eine offene Frage. Normalerweise wird der Begriff für Fälle größeren Ausmaßes (Holocaust usw.) verwendet, doch die Definition in der Völkermordkonvention ist wahrscheinlich weit genug gefasst, um auch hier Anwendung zu finden. Juristen werden dies beurteilen müssen.

Offensichtlich hat uns dieser Konflikt in die Hysterie getrieben. Sanktionen scheinen zum bevorzugten Instrument unserer Außenpolitik geworden zu sein. Hätten wir darauf bestanden, dass die Ukraine das Minsker Abkommen einhält, das wir ausgehandelt und unterstützt haben, wäre all das nicht passiert. Die Verurteilung von Wladimir Putin ist auch unsere Verurteilung. Es nützt nichts, im Nachhinein zu jammern, man hätte vorher handeln müssen. Weder Emmanuel Macron (als Bürge und Mitglied des UN-Sicherheitsrats) noch Olaf Scholz oder Volodymyr Selenskyj haben ihre Verpflichtungen eingehalten. Letztendlich ist die wahre Niederlage die Niederlage derer, die nicht zu ihrem Wort stehen.

Die Europäische Union war nicht in der Lage, die Umsetzung der Minsker Vereinbarungen voranzubringen, im Gegenteil, sie reagierte nicht, als die Ukraine ihre eigene Bevölkerung im Donbass bombardierte. Hätte sie es getan, hätte Wladimir Putin nicht reagieren müssen. Da die EU in der diplomatischen Phase durch Abwesenheit glänzte, war ihr Verdienst, dass sie den Konflikt anheizte. Am 27. Februar stimmte die ukrainische Regierung der Aufnahme von Verhandlungen mit Russland zu. Doch nur wenige Stunden später stimmte die EU für ein Budget von 450 Millionen Euro für Waffenlieferungen an die Ukraine und goss damit erneut Öl ins Feuer. Von da an glaubten die Ukrainer, dass sie keine Einigung mehr erzielen müssten. Der Widerstand der Asow-Milizen in Mariupol hat sogar die Genehmigung eines 500-Millionen-Euro-Waffengeschäfts ausgelöst.

In der Ukraine werden mit dem Segen der westlichen Länder diejenigen, die sich für Verhandlungen aussprechen, eliminiert. Dies gilt für Denis Kirejew, einen der ukrainischen Verhandlungsführer, der am 5. März vom ukrainischen Geheimdienst (SBU) ermordet wurde, weil er zu sehr für Russland war und als Verräter galt. Dasselbe Schicksal ereilte Dmitry Demyanenko, den ehemaligen stellvertretenden Leiter der SBU-Hauptverwaltung für Kiew und Umgebung, der am 10. März ermordet wurde, weil er zu sehr für ein Abkommen mit Russland war: Er wurde von der Miliz Mirotvorets (»Friedensstifter«) erschossen. Die Miliz ist mit der Mirotvorets-Website verbunden, die »Feinde der Ukraine« mit persönlichen Daten, Adressen und Telefonnummern auflistet, damit sie belästigt oder sogar beseitigt werden können; eine Praxis, die in vielen Ländern strafbar ist, nicht aber in der Ukraine. Die UNO und einige europäische Länder forderten die Schließung, die jedoch von der Rada [dem ukrainischen Parlament] abgelehnt wurde.

Letztendlich wird der Preis hoch sein, aber Wladimir Putin wird wahrscheinlich die Ziele erreichen, die er sich gesetzt hat. Seine Verbindungen zu Peking haben sich gefestigt. China tritt als Vermittler in dem Konflikt auf, während die Schweiz in die Liste der Feinde Russlands aufgenommen wurde. Die Amerikaner müssen Venezuela und den Iran um Öl bitten, um sich aus der energiepolitischen Sackgasse zu befreien, in die sie sich selbst gebracht haben: Juan Guaidó verlässt endgültig die Bühne und die USA müssen die Sanktionen, die sie gegen ihre Feinde verhängt haben, »bedauerlicherweise« zurücknehmen.

Westliche Minister, die versuchen, die russische Wirtschaft zum Einsturz zu bringen und das russische Volk darunter leiden zu lassen, oder sogar dazu aufrufen, Putin zu ermorden, zeigen (auch wenn sie teilweise die Form ihrer Äußerungen zurückgenommen haben, nicht aber den Inhalt), dass unsere Führer nicht besser sind als diejenigen, die wir hassen. Denn russische Athleten der Paralympischen Spiele oder russische Künstler zu bestrafen, hat absolut nichts mit einem Kampf gegen Putin zu tun.

Wir scheinen anzuerkennen, dass Russland eine Demokratie ist, da wir der Meinung sind, das russische Volk sei für den Krieg verantwortlich. Wenn das nicht der Fall ist, warum versuchen wir dann, eine ganze Bevölkerung für die Schuld eines Einzelnen zu bestrafen? Erinnern wir uns daran, dass Kollektivstrafen durch die Genfer Konvention verboten sind?

Die Lehre, die wir aus diesem Konflikt ziehen müssen, ist, dass unser Sinn für Menschlichkeit auf variablen Maßstäben beruht. Wenn uns der Frieden und die Ukraine so sehr am Herzen lagen, warum haben wir sie dann nicht stärker dazu ermutigt, die von ihr unterzeichneten und von den Mitgliedern des Sicherheitsrats gebilligten Vereinbarungen einzuhalten?

Die Integrität der Medien wird an ihrer Bereitschaft gemessen, gemäß den Bedingungen der Münchner Charta zu arbeiten. Sie haben es geschafft, während der Covid-Krise Hass auf die Chinesen zu verbreiten, und ihre polarisierende Botschaft führt zu denselben Effekten gegen Russen. Der Journalismus entkleidet sich immer mehr der Professionalität und wird militant.

Wie Goethe schon sagte: »Je größer das Licht, desto schwärzer der Schatten«. Je maßloser unsere Sanktionen gegen Russland ausfallen, desto mehr machen die Fälle, in denen wir nichts unternommen haben, unseren Rassismus und unsere Unterwürfigkeit deutlich. Warum hat kein westlicher Politiker in den vergangenen acht Jahren auf die Schläge gegen die Zivilbevölkerung im Donbass reagiert?

Was macht den Konflikt in der Ukraine letztlich tadelnswerter als den Krieg im Irak, in Afghanistan oder in Libyen? Welche Sanktionen haben wir gegen diejenigen verhängt, die vor der internationalen Gemeinschaft bewusst gelogen haben, um ungerechte, ungerechtfertigte, nicht zu rechtfertigende mörderische Kriege zu führen? Haben wir versucht, das amerikanische Volk, das uns vor dem Irakkrieg belogen hat (denn es ist eine Demokratie!), »leiden zu lassen«? Haben wir auch nur eine einzige Sanktion gegen die Länder, Unternehmen oder Politiker verhängt, die den Konflikt im Jemen, der als die »schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt« gilt, mit Waffen anheizen? Haben wir Sanktionen gegen die Länder der Europäischen Union verhängt, die auf ihrem Territorium zum Nutzen der USA die abscheulichste Folter praktizieren?

Diese Frage zu stellen heißt, sie zu beantworten – und die Antwort gereicht uns nicht zum Ruhm.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Centre Français de recherche sur le renseignement.

Hinweise: Ein lesenswertes Interview mit Jacques Baud erschien in der Zeitschrift Zeitgeschehen im Fokus unter dem Titel: »Die Politik der USA war es immer, zu verhindern, dass Deutschland und Russland enger zusammenarbeiten«. Unter dem Titel »Le Point sur la situation militaire en Ukraine au 25 Mars 2022« ist am 25. März eine Fortsetzung seiner Analyse beim CF2R erschienen, die einige wichtige neue Gesichtspunkte enthält.


Scott Ritter über die aktuelle Lage

Ritter ist ein ehemaliger Geheimdienstoffizier des U.S. Marine Corps und UN-Waffeninspektor im Irak in den neunziger Jahren. Video vom 12.04.2022

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Zum Autor: Jacques Baud hat einen Master in Ökonometrie und ein Nachdiplomstudium in internationaler Sicherheit am Hochschulinstitut für internationale Beziehungen in Genf absolviert und war Oberst der Schweizer Armee. Er arbeitete für den Schweizerischen Strategischen Nachrichtendienst und war Berater für die Sicherheit der Flüchtlingslager in Ost-Zaire während des Ruanda-Krieges (UNHCR-Zaire/Kongo, 1995-1996). Er arbeitete für das DPKO (Departement of Peacekeeping Operations) der Vereinten Nationen in New York (1997-99), gründete das Internationale Zentrum für Humanitäre Minenräumung in Genf (CIGHD) und das Informationsmanagementsystem für Minenräumung (IMS-MA). Er trug zur Einführung des Konzepts der nachrichtendienstlichen Aufklärung in Uno-Friedenseinsätzen bei und leitete das erste integrierte UN Joint Mission Analysis Centre (JMAC) im Sudan (2005-06). Er war Leiter der Abteilung »Friedenspolitik und Doktrin« des Uno-Departements für friedenserhaltende Operationen in New York (2009-11) und der Uno-Expertengruppe für die Reform des Sicherheitssektors und die Rechtsstaatlichkeit, arbeitete in der Nato und ist Autor mehrerer Bücher über Nachrichtendienste, asymmetrische Kriegsführung, Terrorismus und Desinformation darunter Le Détournement (Die Entführung), Gouverner par les fake news (Regieren durch Fake News) und L’affaire Navalny (Die Navalny-Affäre). Sein neuestes Buch Poutine, maître du jeu? erschien am 16. März 2022.


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2 Kommentare

  1. Wenn das alles stimmt, dann bin ich zutiefst erschüttert.

  2. Ich bin sehr dankbar, dass auch von anthroposophischer Seite so ein objektiver Artikel publiziert wird!

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