Die Revolution hat längst stattgefunden – II – Anthroposophie als Paradigma der Wissenschaft

majorek_cover_2Nachdem Majorek auf rund 600 Seiten einen kritischen Überblick über die Geschichte und Theorie der Naturwissenschaften sowie ihre unbeantworteten Fragen gegeben hat, wendet er sich im fünften Kapitel der Abgrenzung zwischen Wissenschaft und »Pseudowissenschaft« zu. Wer über die Wissenschaftlichkeit der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners urteilt, muss definieren, was er unter Wissenschaft versteht. Neuere Autoren wie Helmut Zander, Heiner Ullrich oder die Gutachter des deutschen Wissenschaftsrats, die sich mit dieser Frage beschäftigten und zu negativen Urteilen kamen, zeichnen sich vor allem durch die Unklarheit ihres Wissenschaftsbegriffs aus. Zander reihte die Anthroposophie in die Riege der »Pseudowissenschaften« ein, Ullrich behauptete, sie kehre zum »vorwissenschaftlichen Denken« des Mythos zurück, und der deutsche Wissenschaftsrat, der der anthroposophischen pädagogischen Hochschule in Mannheim die Anerkennung als wissenschaftliche Hochschule versagte, sprach von einer »außerwissenschaftlichen Erziehungslehre«, die zur Grundlage einer Hochschuleinrichtung gemacht werden solle. Der Wissenschaftsrat fühlte sich nicht einmal bemüßigt, dieses Urteil zu begründen.

Ist es angesichts der theoretischen Unsicherheit in bezug auf die definierenden Merkmale der Wissenschaft nicht unabdingbar, zunächst zu klären, was eigentlich unter jener Wissenschaftlichkeit zu verstehen ist, die man der Anthroposophie abspricht? Die bisherige akademische Auseinandersetzung mit diesem Problem lässt aber eine solche grundlegende Reflexion fast vollständig vermissen. Dies zeigt sich, wenn man sich mit den Argumentationen der genannten Autoren auseinandersetzt.

In seinem Beitrag zum Band »Pseudowissenschaft« der Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft unterschied Zander zwischen »alter« und »neuer« Wissenschaft und ordnete die Anthroposophie der ersteren und damit der »Pseudowissenschaft« zu. Für die »neue« Wissenschaft sind laut Zander drei Merkmale maßgeblich: ihr Wissen werde durch induktive Verfahren und ergebnisoffene Experimente generiert und ihre Ergebnisse hätten nur temporäre Gültigkeit; sie seien öffentlich; ihre Mechanisierung und Mathematisierung relativiere oder eliminiere andere Darstellungs- und Deutungsverfahren. Auch nur ein kursorischer Blick auf die heutige Wissenschaftslandschaft, so Majorek, zeige, dass nicht alle Disziplinen diesen Kriterien entsprächen. In der Astrophysik oder Archäologie könne man kaum von Experimenten sprechen, die letztere sei auch so gut wie gar nicht der Mechanisierung oder Mathematisierung unterworfen, ebensowenig wie die Verhaltensforschung in der Biologie, die Geschichts- oder Sprachwissenschaft. Dies gebe Zander sogar zu, wenn er feststelle, »weite Bereiche der Kulturwissenschaften« entzögen sich »teilweise oder ganz den Postulaten« der »new science«, was aber für ihn keinen Anlass darstelle, die Anwendbarkeit seiner Kriterien kritisch zu überprüfen. Außerdem beziehe sich Zander bei seiner Charakterisierung der Kerneigenschaften von Wissenschaft nicht auf die umfangreiche moderne wissenschaftstheoretische Diskussion, sondern lediglich auf drei Werke, die sich mit der Geschichte der Wissenschaft befassten.

Nicht viel anders sieht es bei Ullrich aus, der schlicht behauptet, zwischen der »essentialen« Wissenschaft Steiners und der Forschungspraxis sowie dem theoretischen Selbstverständnis der modernen Wissenschaft bestehe eine »unüberbrückbare Kluft«. Für ihn sind folgende Merkmale Kennzeichen von Wissenschaft: spezialisierte Forschung, die der Selbstrevision fähig und prinzipiell unabschließbar ist und die Möglichkeit eröffnet, Welt zu verändern. Diese Aperçus kann man kaum als hinreichende Definition bezeichnen. Denn die genannten Merkmale passen ebensogut auf die Technik. Auch diese ist hochspezialisiert, revidiert sich selbst, ist prinzipiell unabschließbar und eröffnet die Möglichkeit, die Welt zu verändern. Ullrich hält außerdem die »Vergleichgültigung der Wesensfrage« für ein Merkmal moderner Wissenschaft. Majorek meint dazu, er habe viele wissenschaftstheoretische Werke gelesen und nirgends sei ein solches Merkmal erwähnt worden. Man könne zwar nicht bestreiten, dass sich die moderne Wissenschaft nicht mit dem Wesen der Welt im alten theologischen Sinn beschäftige, andererseits sei es sicher unberechtigt, der theoretischen oder Teilchenphysik das Streben nach der Ergründung des Wesens der Wirklichkeit abzusprechen. Zwar sei nicht mehr vom »Wesen« der Welt die Rede, dafür aber von »Grundbausteinen«, und zwischen beiden bestehe kein essentieller Unterschied. Darüberhinaus spricht Ullrich vom »Exaktheitsanspruch der neuzeitlichen Wissenschaft«, aber auch dieses Kriterium trifft nur auf einige wenige Wissenschaften wie die Physik, Astrophysik, Chemie und Biologie zu, nicht jedoch auf Verhaltensforschung, Archäologie oder die (akademischen) Geisteswissenschaften. Außerdem spricht er von der »Ablehnung jedes absoluten Wahrheitsanspruchs«, aber die prinzipielle Offenheit erlaubt nicht, die Wissenschaft von Philosophie, Politik oder der modernen Theologie zu trennen. Und wenn dieses Kriterium auf Ullrichs eigene Ausführungen über Steiners Geisteswissenschaft angewendet würde, wären selbstverständlich auch diese keine absoluten Wahrheiten, sondern korrigierbar. In Anlehnung an Bachelard spricht Ullrich außerdem von der »geistigen Askese« der modernen Wissenschaft, die die »eigenen Lieblingsbilder zugunsten abstrakter Modelle und quantitativer Verfahren radikal« aufgebe. Aber solche abstrakten Modelle und quantitativen Verfahren sind nur für einige Wissenschaften charakteristisch und Ullrichs eigene Bemühungen in der Auseinandersetzung mit der Anthroposophie könnten danach kaum als wissenschaftlich gelten. Schließlich ist auch wenig mit der »geistigen Askese« als Kriterium anzufangen, schließlich findet man eine solche auch bei mittelalterlichen Gelehrten, die sich der Autorität der Kirche und der Offenbarung unterwarfen. Auch das kontrollierte Experiment oder die Textanalyse, die Ullrich ins Feld führt, taugen als vereinzelte Kriterien wenig, denn es gibt auch Naturwissenschaften ohne Experimente, wie die Astrophysik oder die Geologie, während sie gleichzeitig kaum Textanalyse betreiben. Andererseits kommen Meteoritenforscher, Schimpansenforscher im Urwald, Pflanzenforscher, die die Vielfalt von Arten untersuchen oder Archäologen, die Ausgrabungen durchführen, ebenfalls ohne kontrollierte Experimente oder Textanalyse aus.

Sowohl Zander als auch Ullrich, ganz zu schweigen vom Wissenschaftsrat, gehen also äußerst dilettantisch und unwissenschaftlich vor, sie reflektieren nicht über die Eigenschaften der modernen Wissenschaft, sondern übernehmen lediglich unkritisch einige wenige gängige Merkmale, die sie als ausreichend erachten, um deren angebliches Fehlen in der Geisteswissenschaft Steiners zu konstatieren und ihr die Wissenschaftlichkeit abzusprechen. Die Frage danach, was unter Wissenschaft zu verstehen ist, muss also von Grund auf gestellt werden. Ihrer Beantwortung wendet sich Majorek auf den folgenden 50 Seiten dieses Kapitels zu.

Dass man von »Alltagskriterien« nicht allzu viel erwarten darf, verwundert nicht. Isoliert betrachtet, sind solche Merkmale wie Induktion, Experiment, Mathematisierung, Offenheit, Unabschließbarkeit, Selbstkorrektur oder Öffentlichkeit nicht hinreichend zur Begründung von Wissenschaft, einige, wie die Mathematisierung, Induktion oder Experimente nicht einmal notwendig. Selbst Offenheit, Öffentlichkeit und Unabgeschlossenheit zusammengenommen reichen nicht aus, gibt es doch auch andere menschliche Betätigungen wie Kunst, Politik oder Kochen, von denen dasselbe gilt, die wir deswegen jedoch nicht als Wissenschaft bezeichnen.

Betrachtet man die aufgezählten Kriterien, erscheint die Wiederholbarkeit oder Nachprüfbarkeit als das wichtigste. Wie verhält es sich mit dieser? Bereits im vierten Kapitel hat Majorek eine ganze Reihe von naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen benannt, die aus ungeklärten Gründen nicht nachprüfbar sind, er hat auch darauf hingewiesen, dass heute Theorien formuliert werden, wie die String-Theorie, die sich aus prinzipiellen Gründen jeder empirischen Überprüfung entziehen. Dennoch, das Kriterium in seiner strengen Form fordert, dass wissenschaftliche Ergebnisse von jedermann, zu jeder Zeit nachprüfbar sein sollen. In dieser Form erweist es sich aber bei näherer Betrachtung als unerfüllbar. Die Entdeckung des Gottes-Teilchens ist keineswegs jederzeit von jedermann nachprüfbar, da es nur einen einzigen Large Hadron Collider auf der Welt gibt, der imstande ist, solche Teilchen nachzuweisen. Es gibt also praktische Grenzen der Nachprüfung. Oft hat es die Wissenschaft außerdem mit Ereignissen zu tun, die einmalig sind. Meteoriteneinschläge, die Explosionen von Supernovas, der Urknall, Vulkanausbrüche oder Erdbeben sind jeweils singuläre Geschehnisse, aber auch die Landung des Curiosity-Rovers auf dem Mars dürfte kaum ein zweites Mal stattfinden. Man muss die Forderung der Nachprüfung durch jedermann und jederzeit also abschwächen, es kann nur um Nachprüfung unter günstigen Bedingungen gehen. Aber selbst dann gilt die Forderung nicht uneingeschränkt, denn nicht jedermann kann Beobachtungen oder auch Interpretationen von Beobachtungen überprüfen, sondern höchstens Spezialisten, die im gleichen Bereich tätig sind. Selbst ein führender Biologe oder ein Nobelpreisträger in Physiologie wird nicht imstande sein, die Ergebnisse der CERN-Forscher zu überprüfen, vice versa. Selbst innerhalb der Disziplinen klafft zwischen einem Biologen, der sich auf Mitochondrien spezialisiert und einem, der sich mit Stammzellen befasst, ein Abgrund der Kommunikation.

Eine weitere Alltagsintuition hält die Naturwissenschaft in jedem Fall für empirisch. Doch auch das stimmt nur bedingt. Viele Disziplinen wenden keine Feldforschung oder Experimente an, wie zum Beispiel die Literaturwissenschaft oder die Geschichte. Versteht man unter Empirie Erfahrung durch die Sinne, steht man vor der Schwierigkeit, dass unsere Sinne nicht die ganze Wirklichkeit abbilden, wofür die Entdeckung steht, dass ihr Zeugnis für die Tatsache, dass die Sonne sich um die Erde bewegt, trügt. Die Einführung von Teleskopen oder Mikroskopen bekräftigte diese Einsicht. Zahlreiche Aspekte unserer Wirklichkeit (Gammastrahlung, Röntgenstrahlung usw.) sind überhaupt nur mit komplexen Messinstrumenten erfassbar. Außerdem sind alle induktiven Schlüsse von vergangenen auf künftige Erfahrungen prinzipiell unsicher, während andererseits die Mathematik davon zeugt, dass eine nichtempirische Erkenntnis zuverlässiger ist, als die Sinne. Hinzu kommt die Theoriebeladenheit der Erfahrung. 1974 zeigte der amerikanische Philosoph Davidson, dass auch das »dritte Dogma des Empirismus«, dass man eindeutig zwischen begrifflichen und sinnlichen Komponenten der Erfahrung unterscheiden könne, hinfällig ist. 1996 vertrat John McDowell die Auffassung, bereits die elementare Wahrnehmung sei mit Begriffen durchtränkt. Der Versuch, der Wahrnehmung die Schlüsselrolle bei der Wissensgewinnung zuzuschreiben, führt am Ende in die Sackgasse des Skeptizismus. Die Konsequenz aus dieser Einsicht hat der Konstruktivismus gezogen, der behauptet, die Wirklichkeit sei ein aktives Erzeugnis des Menschen und es gebe keinerlei Möglichkeit, die Übereinstimmung zwischen ihr und ihrem subjektiven Bild zu überprüfen. Die selbstverständlich anmutende Behauptung, Wissenschaft sei empirisch, ist also mit ernsthaften Schwierigkeiten behaftet.

Wie verhält es sich mit der Wissenschaftstheorie? Während man noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter Wissenschaftlichkeit die Fähigkeit verstand, Beweise für seine Behauptungen vorzulegen, indem man sie experimentell bestätigte, ergab die genauere Untersuchung dieser Auffassung, dass induktive Verallgemeinerungen nie streng bewiesen werden können. Daraus zog Popper die Konsequenz, das Kriterium der Wissenschaftlichkeit einer Theorie sei ihre Widerlegbarkeit durch die Erfahrung. Abgesehen davon, dass die Widerlegung durch eine einzelne Erfahrung ebensowenig verallgemeinerbar ist, wie eine Bestätigung, zeigte sich auch, dass streng genommen einzelne Hypothesen oder Theorien gar nicht widerlegt werden können. Auf den Trümmern von Poppers Falsifikationismus errichtete Lakatos seine Theorie der Forschungsprogramme. Diese bestehen seiner Auffassung nach aus einem harten Kern von Aussagen, die durch einen Schutzgürtel von Hilfshypothesen vor der Widerlegung geschützt werden. Sie verfügen außerdem über Strategien der Problemlösung, die es ihnen erlauben, empirische Schwierigkeiten (Anomalien) zu erklären und mit dem harten Kern in Einklang zu bringen. Wendet man aber diese Auffassung konsequent an, erscheinen nicht nur die Mechanik Newtons, Einsteins Relativitätstheorie oder die Quantenphysik als Forschungsprogramme, sondern auch der Marxismus oder die Freudsche Psychoanalyse und es erhebt sich die Frage, wie man wissenschaftliche von »pseudowissenschaftlichen« Forschungsprogrammen unterscheiden kann. Lakatos hält die ersteren für »progressiv«, letztere für »degenerativ«. Damit ist gemeint, dass jene zur Entdeckung neuer Fakten und dramatischen Voraussagen führen, während diese lediglich Theorien produzieren, um bereits bekannt Fakten zu erklären. Allerdings erweist sich auch dieses Kriterium als wenig hilfreich, da zahlreiche Wissenschaften keine neuen Voraussagen produzieren (Astronomie, Biologie, Medizin usw.), sondern viel mehr mit der Erklärung bekannter Tatsachen beschäftigt sind. Außerdem müsste man nach diesem Kriterium den gesamten Darwinismus als Pseudowissenschaft bezeichnen, da es ihm niemals gelungen ist, neue Arten vorherzusagen. Die Theorie von Lakatos mag für die Physik gelten, für die meisten anderen Wissenschaften ist sie ungeeignet.

Aufschlussreich für die Frage nach den Kriterien ist der Prozess McLean vs. Arkansas Board of Education, in dem der vorsitzende Richter William Oberton die Entscheidung fällte, die »Schöpfungswissenschaft« (Kreationismus) sei keine Wissenschaft, sondern eine Religion. Overton legte seinem Urteil eine Definition von Kriterien zugrunde, die auf die Expertise zahlreicher Wissenschaftler zurückging. Diese nannten fünf »essentielle Eigenschaften« von Wissenschaft: 1. sie wird vom Naturgesetz angeleitet, 2. sie muss Phänomene durch Naturgesetze erklären, 3. sie ist empirisch überprüfbar, 4. ihre Urteile sind vorläufig und 5. sie ist widerlegbar. Der amerikanische Wissenschaftstheoretiker Larry Laudan hat dieses Urteil und seine Grundlagen 1998 einer vernichtenden Kritik unterzogen, nicht etwa, weil er selbst Anhänger des Kreationismus wäre, sondern aus logischen Gründen. Legt man nämlich die Widerlegbarkeit als Kriterium zugrunde, kommt man zum Schluss, dass der Kreationismus eine Wissenschaft ist, weil er wie keine andere Theorie durch eine Vielzahl von Fakten widerlegt wurde. Auch der Vorwurf des Dogmatismus (mangelnder Offenheit) taugt wenig, denn die Kreationisten haben im Verlauf des 20. Jahrhunderts ihre Ansichten bedeutend verändert. Wirft man ihnen vor, sie seien eben ihren Kernüberzeugungen treu geblieben, trifft dieser Vorwurf auch die »seriösen« Wissenschaften, die sich, wie Lakatos argumentierte, sich durch einen Gürtel von Hilfshypothesen gegen Widerlegung schützen und daher von Dogmatismus ebenfalls nicht frei sind. Was die Orientierung an Naturgesetzen oder die Erklärung durch Naturgesetze anbelangt, so müsste man auch die Leistungen Newtons oder Darwins als unwissenschaftlich taxieren, denn als Newton die Existenz der Gravitation behauptete oder Darwin die Theorie der Evolution einführte, war die Wissenschaft noch weit davon entfernt, eine gesetzmäßige Erklärung dieser Phänomene liefern zu können.

Überprüfbarkeit, Revidierbarkeit und Falsifizierbarkeit sind laut Laudan außerordentlich schwache Kriterien. Wie soll man also die Abgrenzung vornehmen? Nun Laudan, hält die ganze Fragestellung für ein »Pseudoproblem«, der Vorwurf der »Pseudowissenschaft« und der »Unwissenschaftlichkeit« sind aus seiner Sicht »leere Phrasen, die lediglich unseren Emotionen dienen. »Sie eignen sich mehr für die politische Rhetorik und für schottische Soziologen der Wissenschaft als für empirische Forscher«.

Nach einer Reihe weiterer Untersuchungen und der Auseinandersetzung mit Autoren wie Martin Mahner und dem Wissenschaftstheoretiker Nicholas Rescher, der die Auffassung vertritt, die Frage nach dem Wesen der Wissenschaft müsse prinzipiell offenbleiben, weil ihre endgültige Form nie festgelegt werden könne, wagt sich Majorek an eine Zusammenfassung. Als Fazit formuliert er fünf Merkmale, die den gemeinsamen Nenner der heutigen Naturwissenschaften bilden. Die scheinbare Verengung auf die Naturwissenschaften ist dadurch gerechtfertigt, dass Steiner seine Geisteswissenschaft explizit an den Naturwissenschaften messen wollte. Diese fünf Merkmale sind – trotz aller zuvor erörterten Schwierigkeiten – 1. die Erfahrung: erst das, was sich in der Konfrontation mit der Erfahrung bewährt, kann als Erkenntnis erachtet werden. 2. Die Nachprüfbarkeit: ein Ergebnis, das von niemandem und niemals widerholt oder nachgeprüft werden kann, kann unmöglich als zuverlässiges wissenschaftliches Wissen gelten. 3. Die Intersubjektivität: Naturwissenschaft benötigt eine scientific community, die diese Überprüfung durchführt. 4. Naturalistische (materialistische) Erklärungen: dieses Kriterium erweist sich aber durch die Untersuchungen, die Majorek im folgenden Kapitel durchführt, als hinfällig. 5. Die Suche nach Objektivität: das Erlangen objektiven Wissens kann als das oberste Ziel der Wissenschaft erachtet werden.

Wie eben bemerkt, zeigt der Autor im sechsten Kapitel auf, dass die Wissenschaft keineswegs immer materialistisch war. Die materialistische Ontologie, die heute das Fundament der (Natur)wissenschaften darstellt, ist eine relativ neue Erfindung. Noch im 17. und 18. Jahrhundert betrachteten Naturwissenschaftler das wissenschaftliche Wissen und die wissenschaftliche Methode nicht als Waffe im Kampf gegen den Gottesglauben, sondern im Gegenteil als Beweis für die Allmacht und Herrlichkeit Gottes. Selbst noch im 19. Jahrhundert betrachteten die meisten Wissenschaftler die Wissenschaft als ein herausragendes Instrument der Erkenntnis des göttlichen Schöpfungswerks und den Gottesgedanken als die notwendige Bedingung einer rationalen Welterklärung. Insofern reicht der Rekurs auf die Entstehung und den Erfolg der Naturwissenschaften nicht aus, um das Aufkommen des Materialismus zu erklären. Majorek nimmt im Folgenden in die Tiefe gehende historische Untersuchungen vor, die zeigen, dass weder der Begriff des Atoms noch jener der Materie vor dem Ende des 19. Jahrhunderts – mit wenigen Ausnahmen – die Ablehnung geistiger Entitäten in der naturwissenschaftlichen Welterklärung einschlossen. Der Vormarsch des atheistischen Materialismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war kein rationaler Prozess, der von wissenschaftlichen Argumenten vorangetrieben wurde, sondern das Ergebnis allgemeiner gesellschaftlicher Entwicklungen, insbesondere der Industrialisierung. Erst in dieser Zeit entwickelte sich der Satz: »Die Wissenschaft findet (mit ihren Methoden) keine Seele und keinen Gott« zu der dogmatischen Behauptung: »Es gibt keine Seele und keinen Gott«, einer Behauptung, die sich natürlich ebensowenig empirisch beweisen lässt, wie alle anderen induktiven Schlüsse. Eine zentrale Rolle bei der Verbreitung des materialistischen Paradigmas spielte der Darwinismus und in Deutschland sein »Prophet« Ernst Haeckel. Exemplarisch dafür ist sein Beststeller über die »Welträtsel«, in dem er behauptet, der Fortschritt der Wissenschaft habe die drei Zentraldogmen der dualistischen Philosophie, den Glauben an den persönlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und den freien Willen zertrümmert. Die Stellung des materialistischen Paradigmas hat sich im Lauf des 20. Jahrhunderts gefestigt. Der Glaube an überphysische, übernatürliche Einflüsse in der Natur ist praktisch vollständig aus der Wissenschaft verschwunden. An seine Stelle ist der Glaube an die kausale Geschlossenheit des Universums getreten. Physische Zustände, Prozesse und Ereignisse können nur physische und keine nichtphysischen Ursachen haben, wobei vorausgesetzt wird, dass im Universum keine anderen als physische Zustände, Prozesse und Ereignisse vorkommen. Allerdings ist das Prinzip der kausalen Geschlossenheit des Universums umstritten. Denn es handelt sich eindeutig um eine metaphysische, also nicht-empirische Annahme. Es ist unmöglich, empirisch nachzuweisen, dass es keine außerphysischen Einflüsse im Universum gibt. Man kann lediglich behaupten, dass bis jetzt keine beobachtet wurden. Außerdem hat die Behauptung eines durchgehenden Kausalzusammenhangs und damit Determinismus unakzeptable Konsequenzen: Die Befürworter der kausalen Geschlossenheit machen ihre These zu einem irrationalen Lallen, da Rationalität ebenfalls kausal bedingt sein muss und es damit keine Möglichkeit mehr gibt, sie von Irrationalität zu unterscheiden.

Das Fazit der Untersuchungen dieses Kapitels lautet, dass weder der Glaube an die Existenz der Atome noch jener an die Existenz einer (sinnlich nicht wahrnehmbaren) Materie einen starken Begriff des Materialismus ergeben, vielmehr ist für diesen die Leugnung der Existenz einer geistigen Welt, von geistigen Einflüssen und Wesen erforderlich. Und dieser strenge Materialismus setzte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als dominierende Metaphysik in der (deutschen) Wissenschaft fest. Der Übergang vom Theismus oder Deismus zum Atheismus war kein Ergebnis empirischer Forschung, sondern das Resultat einer allgemeinen weltanschaulichen Verschiebung, ein Paradigmenwechsel in der intellektuellen Kultur dieser Zeit. Wesentlich zur Verankerung dieser Metaphysik in der Wissenschaft haben drei Ereignisse beigetragen: die Entdeckung des Energieerhaltungssatzes, dessen Richtigkeit heute zumindest zweifelhaft ist, die materialistische Interpretation der Gesetze der Evolution, deren Gültigkeit heute ebenfalls in Zweifel steht, und die Annahme der kausalen Geschlossenheit des Universums, die empirisch nicht verifiziert werden kann. Trotz dieser fragwürdigen Legitimität bildet der Materialismus spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts die unhinterfragte Grundannahme der Wissenschaft.

Im letzten Kapitel des ersten Bandes entwirft Majorek eine Dystopie der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Menschheit, die von der Frage ausgeht: Was würde geschehen, wenn die Annahmen des metaphysischen Materialismus wahr wären? Wenn sie wirklich wahr wären, dann müssten wir die logischen Konsequenzen aus dieser Weltanschauung ziehen und diese sind nichts anderes als schrecklich.

Der zweite Band seiner enzyklopädischen Untersuchung führt zunächst auf rund dreihundert Seiten Wissenschaftler (vornehmlich) des 20. Jahrhunderts als Zeugen gegen die Metaphysik des Materialismus auf. Ihre Biografien und wichtigsten Forschungsergebnisse werden vorgestellt und kritisch gewürdigt. Den Reigen eröffnet Emanuel Swedenborg, der zu den herausragendsten Naturwissenschaftlern des 18. Jahrhunderts gehörte und gegen Ende seines Lebens zum Mystiker wurde. Ihm schließen sich der »Vater der amerikanischen Psychologie«, William James an, der in seinen Gifford-Vorlesungen die Vielfalt religiöser Erfahrungen behandelte und sich zur Existenz einer übersinnlichen Sphäre der Wirklichkeit bekannte, der führende Vertreter des Neovitalismus Hans Driesch und der französische Philosoph Henri Bergson, der von einer »schöpferischen Entwicklung« sprach. Erwähnt werden der englische Physiker Oliver Lodge, der medial erlangte Mitteilungen seines verstorbenen Sohnes veröffentlichte, der amerikanische Philosoph Alfred North Whitehead, der in seinem Alterswerk »Process and Reality« von transzendentalen Entitäten sprach, die in der Natur wirkten, Carl Gustav Jung, dessen geheimnisvolles »Rotes Buch«, das Protokoll seiner mystischen Erfahrungen, erst lange nach seinem Tod erschien, Aldous Huxley, der mit Hilfe von Meskalin die Pforten der Wahrnehmungen erweiterte, Alister Hardy, der auf die Grenzen der materialistischen Interpretation der Evolution hinwies, Ian Stevenson, der Fälle von Reinkarnationserinnerung erforschte, Celia Green, die sich mit außerkörperlichen Erfahrungen befasste, der Psychologe Charles Tart, der veränderte Bewusstseinszustände (altered states of consciousness) erforschte, der Physiker Fritjof Capra, der die Koinzidenz physikalischer und mystischer Weltbilder untersuchte, Raymond Moody, der Pionier der wissenschaftlichen Untersuchung von Nahtodeserfahrungen, Karl Popper, der in seinem mit John Eccles verfassten Buch »Das Selbst und sein Gehirn« den Begriff des »Schuldschein-Materialismus« für eine Wissenschaft prägte, die seit hundert Jahren ihre Versprechen nicht einlöste und der den Geist als eine ontologisch eigenständige und kausal wirksame Entität betrachtete, die schwedischen Wissenschaftler, die in den 1970er Jahren Christus-Erlebnisse von Zeitgenossen untersuchten, weitere Nahtodesforscher wie George Ritchie und Elisabeth Kübler-Ross, die Physiker Barrow und Tipler, die das »anthropische Prinzip« in die Kosmologie einführten, nach dem das Universum zwingend solche Eigenschaften haben muss, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Entwicklung intelligentes Leben entstehen kann, die Verfasser des 2005 erschienenen Potsdamer Manifestes, die für die Überwindung des mechanistischen Weltbildes plädierten, der Neurobiologe Eben Alexander, der selbst eine Nahtodeserfahrungen durchlebte usw. Es können hier gar nicht alle angeführten Naturwissenschaftler genannt werden. Nur der letzte, dem Majoreks besondere Sympathien gehören, Rupert Sheldrake sei wenigstens noch genannt, sowie das Fazit dieses Kapitels zitiert: »Angesichts der Beweislast der in diesem Kapitel vorgebrachten, vor allem empirischen Argumente gegen den Materialismus scheint die Behauptung gerechtfertigt, dass die sichtbare, materielle Welt die Wirklichkeit nicht ausschöpft, sondern dass es darüber hinaus eine unsichtbare, nichtmaterielle, geistige Welt gibt, die sich in zahlreichen Phänomenen in der sichtbaren Welt offenbart und ihre Wirksamkeit in dieser Welt manifestiert«. Diese Behauptung »impliziert, dass die heutige Wissenschaft radikal unvollständig sein könnte. Möglicherweise hat sich die Wissenschaft bis jetzt nur mit der sprichwörtlichen Spitze des Eisbergs statt mit diesem selbst beschäftigt. So vermutet man, dass das sichtbare Universum nur 5% des ganzen Universums einschließlich der dunklen Energie und dunklen Materie ausmacht. Unter der weiteren Annahme, dass diese übersinnliche Wirklichkeit nicht nur, wie von den Deisten vermutet, die Entwicklung der materiellen Welt in Gang gesetzt hat, um sich danach nicht mehr in sie einzumischen, sondern, dass sie (nach Art von Sheldrakes morphogenetischen Feldern oder van Lommels unendlichem Bewusstsein) beständig in ihr wirksam ist, kann die Erklärung der Phänomene der sinnlich wahrnehmbaren Welt ohne Einbezug der übersinnlichen Welt nicht vollständig sein. Der Anteil der Weltwirksamkeiten, die wir bis jetzt kennengelernt und erforscht haben, an der Gesamtheit der Weltwirksamkeiten dürfte nur etwa 5% betragen.«

Den restlichen 95% der Weltwirklichkeit und des in ihr Wirkenden wendet sich der Verfasser auf den restlichen 500 Seiten des zweiten Bandes zu. Das folgende, neunte Kapitel, wirft einen neuen Blick auf die vorgeschichtlichen, ägyptischen und griechischen Mysterien, als Stätten, in welchen die Menschheit einen Verkehr mit den Göttern suchte, das zehnte greift noch einmal von Grund auf die Frage nach der Objektivität der Erkenntnis als zentralem Merkmal der Wissenschaft auf, während sich die drei restlichen Kapitel mit den übersinnlichen Forschungsmethoden Imagination, Inspiration und Intuition, die in der Anthroposophie zur Anwendung kommen und der Frage nach der Wissenschaftlichkeit ihrer Forschungsresultate, mit einer Reihe von Ergebnissen Geistesforschung sowie den möglichen Folgen dieser Ergebnisse für das soziale Leben und die Wissenschaft beschäftigen. Der zentrale Ertrag des anspruchsvollen Kapitels über die Objektivität der Erkenntnis lässt sich wie folgt zusammenfassen: die Vorstellung, Objektivität komme vor allem durch präzise Messungen zustande, kann nicht aufrecht erhalten werden. Es muss zwischen einer ontologischen und einer epistemischen Objektivität unterschieden werden. Letztere verlangt eine von subjektiven Verzerrungen freie Erkenntnis. Die Entkoppelung der Objektivität von der Messung oder mathematischen Verarbeitung erlaubt es, auch der qualitativen Forschung und anderen Disziplinen, die ohne Messung auskommen, die Möglichkeit objektiver Erkenntnis zuzugestehen. Die Unterscheidung zwischen ontologischer und epistemischer Objektivität löst das ansonsten unlösbare Problem, wie man aufgrund ontologisch subjektiver Erkenntnisprozesse zu epistemisch objektiven Erkenntnissen gelangen kann. Objektivität kann außerdem lediglich kognitiven Urteilen, nicht aber algorithmischen Schlüssen zugeschrieben werden. Erstere sind Urteile, die sich auf eine möglichst umfassende Erfahrungsgrundlage stützen, und aufgrund von Erkenntnisprozessen zustande kommen, aus welchen subjektivierende Einflüsse weitgehend eliminiert sind. Diese Einsicht wiederum ermöglicht es, Objektivität nicht nur durch empirisch-experimentelle Forschungsmethoden zu erreichen, sondern auch durch andere Methoden, sofern sie solche subjektivierenden Einflüsse ausschließen. Da die heutigen empirischen und experimentellen Methoden aber die absolute Objektivität ihrer Resultate nicht garantieren können, weil sie gegen die Einflüsse des derzeit herrschenden (materialistischen), kontingenten und veränderbaren Erklärungsparadigmas nicht gefeit sind, erhebt sich die Frage: Wie kann Objektivität der wissenschaftlichen Erkenntnis erreicht werden?

Diese Frage lässt sich durch die Auseinandersetzung mit den übersinnlichen Forschungsmethoden der Geisteswissenschaft beantworten. Die außerordentlich tiefschichtigen und komplexen Untersuchungen des 160 Seiten langen Kapitels, die unter anderem darauf eingehen, ob die Wissenschaft des Übersinnlichen empirisch ist, ob ihre Ergebnisse reproduzierbar und intersubjektiv sind und ob durch sie die Aporien des Objektivitätsideals gelöst werden, sollen und können hier nicht detailliert nachgezeichnet werden, zumal diese verkürzte Widergabe ihnen ohnehin nicht gerecht werden würde, und es auf die Auseinandersetzung mit dem Argumentationsgang des Autors in extenso ankommt. Stattdessen seien auch hier einige Schlussfolgerungen wiedergegeben, die vermutlich die Lust auf die eigene Lektüre nur steigern werden.

Der Weg zu den übersinnlichen Tatsachen, den der Geistesforscher beschreiten muss, sichert laut Majorek die Objektivität und somit auch die Zuverlässigkeit der erlangten Forschungsresultate. Ja, mehr noch: der Ausschluss der Subjektivität aus den Forschungsresultaten ist aufgrund der angewandten Methoden sogar noch »vollständiger, als dies in der Naturwissenschaft je der Fall sein kann«. Die Forschungsresultate der Geisteswissenschaft sind also in dieser Hinsicht objektiver, als jene der herkömmlichen Naturwissenschaft. »Die Geisteswissenschaft ist insofern nicht nur wissenschaftlich, sondern sogar wissenschaftlicher als die Naturwissenschaft selbst« (S. 1253-54). Was die Auflösung der Aporien der Objektivität anbetrifft, so ist diese nur auf dem Wege der übersinnlichen Forschung möglich. Das bedeutet aber, dass die gewöhnliche Erkenntnis nicht hoffen kann, je strenge Objektivität zu erreichen. Steiners Geisteswissenschaft erweist sich somit als objektiver und damit in einem entscheidenden Punkt wissenschaftlicher als die herkömmliche Wissenschaft« (S. 1290-91). Bei der Geisteswissenschaft Steiners haben wir es, so Majorek, mit einer Erkenntnismethode zu tun, die die Ahnungen Bacons und Nagels erfüllt: Sie setzt auf den Umbau, die Verwandlung des Menschen als Bedingung einer realitätsgetreuen Erkenntnis. Die Verwandlung führt dazu, dass der Mensch die göttlich-geistige Welt wissenschaftlich erforschen kann, womit sich die Hoffnung der Vertreter des Paradigmas der qualitativen Forschung auf eine Annäherung von Wissenschaft und Spiritualität erfüllt. (S. 1321). Die Methoden der Geisteswissenschaft sind empirisch im höheren Sinn: Sie gründen auf der Beobachtung der übersinnlichen Wirklichkeit mittels übersinnlicher Wahrnehmungsorgane. Insbesondere die Methode der Intuition erfüllt das Hauptkriterium der Wissenschaftlichkeit: die Objektivität der Forschungsergebnisse und zwar in einem weit höheren Maß, als sie der akademischen (Natur-)Wissenschaft erreichbar ist. Es ist also berechtigt, diese Forschungsmethoden als wissenschaftlich und die unter ihrer Anwendung gewonnenen Einsichten als Wissenschaft zu bezeichnen. (S. 1322).

Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass die Geisteswissenschaft ein »absolutes Wissen« darstellt, also Antworten auf alle denkbaren Fragen enthält. Keine Schilderung übersinnlicher Wirklichkeiten ist für sich erschöpfend. Steiner hat dies selbst betont. Er konnte zu einer bestimmten Zeit nicht alles sagen, was es zu sagen gibt, auch für den Geistesforscher sind nicht alle Erkenntnisrätsel gelöst. Aber gerade dies, dass sich Steiners Einsichten veränderten und dass seine Forschung im Fluss war, ist ein Kennzeichen ihrer Wissenschaftlichkeit. Gäbe es keinen Fortschritt in der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, bedeutete dies, dass sie keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern Dogma oder Offenbarung wäre. Geisteswissenschaft ist offen, sie ist ein unabgeschlossenes und unabschließbares Projekt. Daher beanspruchte Steiner für seine Forschungsergebnisse auch nicht absolute Gültigkeit, wie ihm oft unterstellt wird, sondern wies auf die Vorläufigkeit seiner Resultate hin. Er gestand sogar zu, dass seine individuellen Erkenntnisfähigkeiten prinzipiellen Einschränkungen unterworfen waren. »Eine absolut wahre Anschauung für alle Zeiten gibt es nicht. Die Menschen können die Welt nur anschauen, wie es ihrer Organisation entsprechend ist.« Er beanspruchte auch nicht Unfehlbarkeit: »Von Irrtum frei ist auch auf diesem Felde [der übersinnlichen Forschung] kein Mensch.«

Ein Zweifel allerdings bleibt, der mit der Frage der Reproduzierbarkeit der Forschungsergebnisse der Geisteswissenschaft zusammenhängt, und den Majorek keineswegs verschweigt. Steiner steht auch heute noch praktisch allein da als Wissenschaftler der geistigen Welt. Seine Forschungsresultate wurden bis jetzt nicht wiederholt. Allerdings ist man mit diesem Problem auch in den herkömmlichen Wissenschaften konfrontiert. Es wäre unvernünftig, zu behaupten, ihre Forschungsergebnisse könnten jederzeit von jedermann reproduziert werden. Diese Reproduktion setzt qualifizierte Forscher, häufig auch komplexe Vorrichtungen voraus. Andererseits gibt es selbst in den exaktesten Wissenschaften Theorien, die teilweise Jahrhunderte auf empirische Beobachtungen warten mussten, deren Möglichkeit sie postulierten. Erst vor kurzem ist es mit Hilfe von Interferometern, die über vier Kilometer lange Laserarme verfügen, und fähig sind, Längenänderungen im Bereich eines Zehntausendstels des Protonendurchmessers zu erfassen, gelungen, die Existenz der von Einsteins Relativitätstheorie postulierten Gravitationswellen nachzuweisen.

Prinzipiell spricht nichts gegen die Reproduktion von Steiners Forschungsergebnissen, behauptete er doch, in jedem Menschen schlummerten Fähigkeiten zu übersinnlicher Erkenntnis. Die Frage ist also, wenn der von Steiner beschriebene Erkenntnisweg im Prinzip von jedermann beschritten werden kann, warum hat in den mehr als hundert Jahren seit seiner Veröffentlichung praktisch niemand diese Resultate wiederholt? Nun, das Problem ist die Schwierigkeit dieses Weges, die ungewöhnliche Höhe der an den Geistesforscher gestellten Anforderungen. Die Entwicklung der höheren Erkenntnisfähigkeiten setzt voraus, dass man sich für die Welt der Sinne zumindest vorübergehend verabschiedet, die Begegnung mit dem kleinen Hüter der Schwelle setzt Mut und Selbstvertrauen, aber auch Bescheidenheit voraus, der forschende Eintritt in die übersinnliche Welt setzt voraus, dass man alles, was man im bisherigen Leben geworden ist, aufgibt, die Begegnung mit dem großen Hüter der Schwelle sogar eine Art Heiligung des Forschers usw. Betrachtet man all diese Anforderungen (die ja gerade die Objektivität der Forschungsergebnisse sicherstellen sollen) wird deutlich, dass sie exponentiell höher sind, als jene, vor die ein (Natur-)wissenschaftler gestellt ist. Vor diesem Hintergrund ist Steiners Singularität weit weniger verwunderlich. Die Lage ist schwierig, aber nicht hoffnungslos. Schließlich hätte man auch noch im 19. Jahrhundert jemanden, der behauptete, man könne in einem Gerät, das schwerer als Luft ist, fliegen, oder es wäre möglich, auf dem Mond zu landen, für verrückt gehalten. Was uns heute als unmöglich erscheint, kann sehr wohl schon morgen Realität sein.

Im letzten, 80 Seiten umfassenden Kapitel, setzt sich Majorek mit den Konsequenzen einiger Forschungsergebnisse der Geisteswissenschaft für unser Weltbild, die Theorie und Praxis der Wissenschaften und das soziale Leben auseinander. Aufgrund der »Steinerschen Revolution« der Forschung lassen sich viele empirische Rätsel der Naturwissenschaften beantworten: außerkörperliche und Nahtoderfahrungen, Visionen von Verstorbenen, das Verhältnis von Gehirn und Geist, das Problem des freien Willens, die mit Herztransplantationen einhergehenden Persönlichkeitsveränderungen, die Frage nach dem Status der Naturgesetze, das Rätsel der Verschiedenheit der Planeten, der Ähnlichkeit von Erde und Mond, der Hitze der Sonnenkorona, die dunkle Energie, das Gruppenverhalten von Tieren, Vulkanausbrüche und Erdbeben, die Problem der Klimaerwärmung, die Morphogenese, die Vererbung und die Verschiedenheit von eineiigen Zwillingen und die heilsame Kraft des Schlafes.

Ist Majoreks Werk eine Apologie? Der Vorwurf wäre kindisch. Es ist die erste wirklich gründliche, umfassende Monographie zur Frage der Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie, die sich mit der aktuellen wissenschaftstheoretischen Diskussion auseinandersetzt und weit über diese hinaus zu einer Bestimmung des Wesens der Wissenschaft kommt, die, wie bereits zu Beginn dieser Würdigung geschrieben, den Stil bestimmen wird, in dem nicht nur über die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie, sondern über die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft überhaupt zu sprechen sein wird. Majoreks Werk steht auf derselben Höhe wie die revolutionierende Arbeit Thomas Kuhns über die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, und ist geeignet, seinerseits den von vielen herbeigesehnten Paradigmenwechsel vom Dogma des Materialismus hin zu einer holistischen, spiritualisierten Wissenschaft zu begründen und herbeizuführen. Dieses Werk wird Epoche machen, sofern es nicht der sträflichen Ignoranz der akademischen Glaubensgemeinschaft anheimfällt. Aber selbst dann ist sein Verdienst nicht hoch genug einzuschätzen und man kann wahrlich sagen, auch wenn es ignoriert wird, hat es bereits Epoche gemacht.

Erster Teil dieser Rezension

Marek B. Majorek, Rudolf Steiners Geisteswissenschaft. Mythisches Denken oder Wissenschaft, narr francke attempto, Tübingen 2015, 1586 S. in 2 Bänden, Euro 196,–

2 Kommentare

  1. Katharina Enzensberger

    Lieber Lorenzo, ich habe mir das Buch schon bestellt und hole es mir morgen ab. Das ist wieder ein großartiger Beitrag von Dir.

  2. Pingback:Die Revolution hat längst stattgefunden. Anthroposophie als Paradigma der Wissenschaft – I – Anthroblog

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