Geistesforschung als Wissenschaft – IV – Mittel und Methoden – Inspiration und Intuition

Jachin und Boas, aufgrund einer Skizze Rudolf Steiner 1907

Jachin und Boas, aufgrund einer Skizze Rudolf Steiners 1907

Durch die Inspiration wird, über das bloße Wahrnehmen hinaus, Orientierung, Deutung, Verstehen möglich. Durch sie lernt man »innere Eigenschaften von Wesen kennen«, die sich verwandeln. Offenbar bezieht sich die Imagination nicht auf »innere Eigenschaften«, sondern auf das »Äußere« von Wesen, auf deren »Äußerung« oder »Entäußerung« in Erscheinungen, die ständiger Wandlung unterliegen. Steiner präzisiert, es handle sich um die »seelischen« Äußerungen dieser Wesen, während die Inspiration in deren »geistiges Innere« vordringe. Diese Bemerkung verweist sowohl auf den Ort als auch den Inhalt der Erkenntnis: die seelischen Aspekte geistiger Wesen manifestieren sich in der Seele, deren geistiges Innere im Geist. Gleiches wird durch Gleiches erkannt.

So wie sich in der anima caelestis die Mannigfaltigkeit der Keimformen der Arten in »sinnlich-sittlichen« Bildern offenbart, offenbart sich im kosmischen nous die Mannigfaltigkeit der ideellen Wesenheiten, der »Herren der Arten« (Suhrawardi) als eine Vielheit von Individualitäten. So wie im Organismus des menschlichen Denkens die Vielheit der Ideen aufgrund ihres Inhalts in vielfältigen Wechselbeziehungen steht, stehen auch die geistigen Individualitäten, die sich im inspirativen Bewusstsein aussprechen, aufgrund ihres Wesensinhaltes in vielfältigen Wechselbeziehungen. Diese Wechselbeziehungen werden nicht, wie die Beziehungen der Wesen der physischen Welt, aufgrund äußerer Einwirkungen induktiv erkannt, sondern deduktiv aus ihren Ursachen. Inspiration ist Erkenntnis von Vorgängen aus ihren Ursachen, diese »Ur-sachen« sind die Wesen, die in den Vorgängen ihre ideellen, geistigen Beziehungen manifestieren.

Diese verhältnismäßig abstrakten Andeutungen werden – der Hinweis sei hier erlaubt – durch einen bemerkenswerten Exkurs erläutert, der sich in einer Vortragsreihe Steiners von 1912 findet, die in Helsingfors stattfand. In dieser Vortragsreihe über »die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen« werden jene Wesen, von welchen Steiner im Schulungskapitel der »Geheimwissenschaft im Umriss« in abstracto spricht, konkret als »Naturgeister« (Gnomen, Undinen, Sylphen, Salamander – Ätherleib der Erde), »Geister der Umlaufzeiten« (Archai, Zeitgeister – Astralleib der Erde) und als »Planetengeist« (Geist der Form – Ich der Erde) vorgestellt: die sinnliche Wahrnehmungswelt als Ganzes erscheint in der hier vorgetragenen spirituellen Ontologie als »Abdruck« oder »Schleier« des Planetengeistes, die Naturkräfte als »Abdruck« oder »Schleier« der Wirksamkeit von Naturgeistern und die Naturgesetze als »Abdruck« oder »Schleier« der Geister der Umlaufzeiten. Der Ätherleib der Erde ist mit all den Wesen, die ihn bevölkern, der Imagination zugänglich, der Astralleib mit den Geistern der Umlaufzeiten der Inspiration und das Ich, der Planetengeist, der Intuition. (»Den ersten Schleier, der gewoben ist aus den sinnlich-physischen Eindrücken, den ziehen wir hinweg und kommen zum Ätherleib der Erde, zu den Naturgeistern. Dann können wir einen zweiten Schleier hinwegziehen und kommen zu den Geistern der Umlaufzeiten, die alles das, was in periodischer Weise wiederkehrt, was einem rhythmischen Wechsel unterworfen ist, regeln und anordnen«. Einen dritten Schleier muss der Mensch hinwegziehen, um zum »Planetengeist« und damit zum »Sinn der Erde« vorzustoßen). »Wenn Sie dasjenige«, so Steiner am 4. April, »was für das normale Bewusstsein von diesem Weltenaufbau vorliegt, vergleichen wollen mit diesem Weltenaufbau selber, dann können Sie sich das etwa so klarmachen: der äußerste Schleier der Welt wäre diese Welt der Sinne, dahinter die Welt der Naturgeister, [dahinter] die Welt der Geister der Umlaufzeiten und dahinter der Planetengeist.

Nun müssen wir aber sagen, dass der Planetengeist sich in seiner Wirksamkeit in einer gewissen Beziehung durchdrückt bis zur Sinneswelt, so dass man in der Sinneswelt sein Abbild in gewisser Weise wahrnehmen kann, ebenso die Geister der Umlaufzeiten, ebenso die Naturgeister. So dass wir, wenn wir die Sinneswelt selber mit dem normalen Bewusstsein beobachten, in dieser Sinneswelt gleichsam wie in einem Aufdruck von hinten die Spur dieser Welten haben, die dahinter liegen, etwa so, wie wenn wir in der obersten Haut, die wir als die Sinneswelt weggezogen haben, eben die hinter dieser stufenweise wirksamen geistigen Wesenheiten hätten.

Das normale Bewusstsein nimmt die Sinneswelt als ihre Wahrnehmungen wahr; die Welt der Naturgeister, die drückt sich in den Wahrnehmungen als das ab, was man die Naturkräfte nennt. Wo die Wissenschaft von Naturkräften spricht, da haben wir eigentlich nichts Wirkliches. Für den Okkultisten sind die Naturkräfte nichts Wirkliches, sondern sie sind die Maja, sie sind die Abprägung der Naturgeister, die hinter der Sinneswelt wirken.

Der Abdruck wiederum der Geister der Umlaufzeiten ist das, was man gewöhnlich für das normale Bewusstsein die Naturgesetze nennt. Alle Naturgesetze sind im Grunde genommen dadurch vorhanden, dass die Geister der Umlaufzeiten dirigierend als Mächte wirken. Naturgesetze sind nichts Wirkliches für den Okkultisten. Wenn der gewöhnliche Naturforscher von Naturgesetzen spricht und sie äußerlich kombiniert, so weiß der Okkultist, dass diese Naturgesetze in ihrer Wahrheit sich enthüllen, wenn der Mensch bei aufgewachtem Astralleib hinlauscht auf das, was die Geister der Umlaufzeiten sagen und wie sie die Naturgeister anordnen, dirigieren. Das drückt sich in der Maja, im äußeren Schein, in den Naturgesetzen aus. Und weiter geht gewöhnlich das normale Bewusstsein nicht. Zu dem Abdruck des Planetengeistes in der äußeren Welt geht gewöhnlich das normale Bewusstsein nicht. Das normale Bewusstsein der heutigen Menschheit spricht von der äußeren Wahrnehmungswelt, von den Tatsachen, die man wahrnimmt, spricht von den Naturkräften: Licht, Wärme, Magnetismus, Elektrizität und so weiter, Anziehungskraft, Abstoßungskraft, Schwere und so weiter. Das sind diejenigen Wahrnehmungen in der Welt der Maja, denen in Wirklichkeit die Welt der Naturgeister zugrunde liegt, der Ätherleib der Erde. Dann spricht die äußere Wissenschaft von Naturgesetzen. Das ist wiederum eine Maja. Es liegt zugrunde das, was wir heute geschildert haben als die Welt der Geister der Umlaufzeiten. Erst dann, wenn man noch weiter vordringt, kommt man auch zu der Ausprägung des Planetengeistes selber in der äußeren Sinneswelt«. (Helsingfors, 4.4.1912, GA 136)

Diesem Vortrag ist eine erhellende Skizze beigegeben, die Steiners Ausführungen schematisch zusammenfasst:

steiner_natukraefte_naturgesetze_natursinn_1912

Nun stellt Steiner in einem weiteren Exkurs dieser Vortragsreihe dar (ebd., 7.4.1912), dass diese drei Kategorien von Wesenheiten ihrerseits Offenbarungen (»Nachkommen«) anderer Wesen des Geist-Pleromas sind. Die Hierarchienwelt ist in drei Triaden gegliedert: die Naturgeister erscheinen als »Nachkommen« oder Offenbarungen der dritten Triade (Engel, Erzengel, Archai), die »Gruppenseelen« (die Herren oder »Regenten« der Arten) der Tiere und Pflanzen als »Nachkommen« oder Offenbarungen der zweiten Triade (Exusiai, Dynamis, Kyriotetes), die Geister der Umlaufzeiten als »Nachkommen« oder Offenbarung der ersten Triade (Throne, Cherubim, Seraphim). Während sich das Leben der dritten Triade zwischen Geist-Erfüllung durch Hingabe an die beiden übergeordneten Triaden und Offenbarung dessen, was sie erfüllt hin und her bewegt, wechseln sich bei der mittleren Triade die beiden Lebenszustände des »Selbsterschaffens« und der »Lebenserregung« im von ihnen erschaffenen ab und bei der ersten Triade »Weltschaffen« und »Wesenschaffen« und zwar von Wesen und Welten, die, mit eigenem Sein begabt, unabhängig von ihnen fortexistieren.

Die Exkurse verdeutlichen einmal mehr, dass es sich bei Steiners Ausführungen über geistige Wesenheiten nicht um stroherne »Allegorien« handelt, die »philosophische Konzepte« für Unbedarfte und wissenschaftlich Ungebildete ins Bild bringen wollen, sondern um eine präzise Ontologie, um Schilderungen geistiger Tatsachen, die erst den Schein des Alltagsbewusstseins für die ihm zugrunde liegende wahre Wirklichkeit durchscheinend werden lassen. Was dem gewöhnlichen Bewusstsein als wirkende »Naturkraft« erscheint – als »Licht, Wärme, Magnetismus, Elektrizität, Anziehungskraft, Abstoßungskraft, Schwerkraft« – das enthüllt sich dem schauenden Blick als Wesensgewebe von Naturgeistern, die das Wirkende in diesem Gewebe sind. Das Kraftende der Schwerkraft, der Elektrizität, des Magnetismus, sind Wesenheiten, deren Bewusstsein und energeia sich in diesem Kraftenden manifestiert. Die Naturphänomene, in welchen sich die genannten Kräfte zeigen, sind Ausdruck der ihnen innewohnenden, sie durchdringenden, wirkenden Naturgeister. Die Gesetzmäßigkeit ihres Wirkens, ihr Zusammen- und Gegeneinanderwirken, ist, von innen betrachtet, ebenfalls ein Gewebe von Wesen, die »anordnen und dirigieren«. Dies dürfte beispielsweise auch für das universelle Naturgesetz der Kausalität gelten. Das Gesetz ist nicht nur die abstrakte Form, die im Bewusstsein des Naturforschers kraftlos erscheint, es durchdringt als Wesen die Naturerscheinungen und wirkt in diesen. Es wirkt seinerseits ordnend und anordnend auf die Naturkräfte. Der »Sinn« dieser Natur als Ganzer, ihre Zielbestimmung, ihre Bedeutung für den Menschen, den Kosmos und die Hierarchienwelt findet sich im Ich des Planeten, dem »Planetengeist«. Dieser Geist, das Ich des Erdenplaneten, ist der Christus: »im Geist der Erde finden wir das Christus-Ich, das Sonnen-Ich. Und der Eingeweihte vermag den Sonnengeist, den er in den heiligen Mysterien des Altertums auf der Sonne suchte in der Weihnachts-Mitternachtsstunde, nun in neuer Zeit in dem Christus selbst zu sehen, als in dem Mittelpunktsgeist der Erde« (13.12.1907, GA 101). Christus ist der Herr der Elemente, der Herr der Zeiten (der Archonten), der Herr (kyrios) des Menschen, und der Mensch als Natur- und als Geistwesen findet den Sinn und das Zentrum seiner Existenz in diesem »Mittelpunktsgeist« der Erde – wenn er ihn sucht.

Wie auch schon in seinen früheren Darstellungen (z.B. »Die Stufen der höheren Erkenntnis«; ausführlicher dazu: »Was heißt Geisterkenntnis in der Anthroposophie?«), verdeutlicht Steiner auch in der »Geheimwissenschaft« das Verhältnis zwischen Inspiration und Imagination durch einen Vergleich mit Gegebenheiten der physischen Welt: durch den Zusammenhang zwischen Buchstaben und Worten nämlich. Dieser Vergleich ermöglicht es, das »Beobachten in der Welt der Inspiration« zum Lesen in Beziehung zu setzen. Die einzelnen Imaginationen oder Imaginationsreihen entsprechen Buchstaben, Schriftzeichen, Hieroglyphen, der inspirative Inhalt dem Zusammenhang dieser Schriftzeichen, durch welchen sich – aufgrund ihrer inneren Beziehungen – der Sinn der Worte ergibt. Die einzelnen Buchstaben oder Schriftzeichen bilden nicht deshalb sinnvolle Worte, weil sie äußerlich aufeinander einwirken, sondern weil ihre Anordnung (Aufeinanderfolge) Ausdruck eines zusammenhangstiftenden Gesetzes, eines Sinns ist, dessen Manifestation oder Epiphanie sie sind. Der Sinn kann gelesen und mitgeteilt werden. Die Buchstaben sind das äußere Gewand, das Wort der innere Sinn. Das »Lesen im Buch der Natur« erhält durch das inspirative Bewusstsein, wenn man den eben zitierten Exkurs berücksichtigt, eine völlig neue Bedeutung, sind doch die Naturformen sinnliche Bilder (»Gleichnisse« im Sinne Goethes), jener Imaginationen, die durch die Inspiration entschlüsselt werden.

Den Erkenntnisgewinn, der durch dieses inspirative Lesen von Imaginationen erzielt wird, illustriert Steiner, wie zuvor für die Imagination, an den Inhalten der »Geheimwissenschaft im Umriss«. Der imaginativen Erkenntnis sind die anthropologischen Imaginationen der einzelnen Wesensglieder des Menschen und die kosmogonischen Imaginationen der planetarischen Zustände der Erde zugänglich. Diese verhalten sich aber wie einzelne Buchstaben. Um den Zusammenhang dieser Buchstaben zu erkennen, also zu erkennen, welcher Zusammenhang zwischen den Imaginationen des Saturnzustandes der Erde und jenen des physischen Leibes des Menschen, des Sonnenzustandes und des Ätherleibs, des Mondenzustandes und des Astralleibs besteht, bedarf es der Inspiration. Die einzelnen Imaginationen müssen miteinander verglichen, ihre Übergänge ineinander müssen erkannt werden. Die Imaginationen der Entwicklungszustände des physischen Leibes müssen als Entwicklungsreihe ein und derselben Wesenheit – eben des physischen Leibes – interpretiert werden können. Auch der menschliche Lebenslauf, der sich ebenfalls als Metamorphosenreihe eines imaginativen präexistentiellen und postexistentiellen Gebildes darstellt, könnte ohne Inspiration nicht als eine solche in sich zusammenhängende Reihe verstanden werden. »Ohne die Erkenntnis durch Inspiration verbliebe die imaginative Welt wie eine Schrift, die man anstarrt, die man aber nicht zu lesen vermag«. Die imaginativen Beobachtungen müssen »entziffert«, »entschlüsselt« werden. Die Inspiration ist der »Schlüssel Salomos« (clavicula Salomonis), der eben diese Entschlüsselung ermöglicht.

Im Vergleich zu den Ausführungen über das imaginative Bewusstsein sind die Darstellungen zur intuitiven Erkenntnisform relativ kurz gehalten. Der Grund dafür dürfte darin bestehen, dass diese noch schwieriger zu beschreiben und aus der Sicht des gewöhnlichen Bewusstseins noch schwieriger zu verstehen ist, als die beiden vorangehenden. Während für die Charakterisierung der imaginativen Welt als Mittel der Deskription die »reiche Fülle« der zu Epiphanien erhobenen sinnlichen Weltinhalte zur Verfügung steht, und diese daher der kataphatischen, positiven Theologie, der via eminentiae der traditionellen Metaphysik verwandt ist, die zu ihrer Erkenntnis Gottes durch Erhebung ebendieses sinnlichen Weltinhaltes in den Status der Exzellenz gelangte, und die inspirative Welt aus der via negationis, der apophatischen Theologie verständlich ist, die all diese Inhalte verneinte (daher charakterisiert Steiner das inspirative auch als ein von Imaginationen entleertes Bewusstsein), um ihren Erkenntnisgegenstand als das Nichts der kreatürlichen Welt zu bestimmen, verbleibt für die Intuition naturgemäß nur noch die negatio negationis, die unio mystica, deren wesensgemäßer Ausdruck das Schweigen ist, da weder die Fülle der Bilder noch die Leere der Nichtbilder dieser Erfahrungsform entspricht.

Aber weder das inspirative, noch das intuitive Bewusstsein sind deswegen inhaltlos. Durch die Intuition erschließt sich das innere Wesen der Wesenheiten, sie ist tatsächlich die Erkenntnisform der Identität, des Einswerdens, der communio oder unio, in der das Vereinte jedoch nicht in der Unterschiedslosigkeit versinkt, sondern seine individuelle Distinktion bewahrt, da es sonst nichts mehr gäbe, das erkannt werden könnte oder erkennen würde.

Auch hier nimmt Steiner wieder einen Vergleich mit der Sinneserkenntnis zu Hilfe. Erkennt man ein Sinneswesen (durch sinnliche Erkenntnis), so steht man außerhalb desselben und beurteilt es aufgrund äußerer Eindrücke. Erkennt man ein Geistwesen durch Intuition, wird man »völlig eins mit ihm«, »vereinigt man sich mit seinem Inneren«. Während die Inspiration auf der communicatio, der Mitteilung des Wesens seitens des Wesens beruht, geht die Intuition, wie gesagt, durch communio in das erkannte Wesen selbst oder dieses Wesen selbst in den Erkennenden über. Die Imagination lehrt, Bilder »als Ausflüsse« von Wesen zu erkennen, die Inspiration führt ins Innere dieser Wesen, lehrt ihre gegenseitigen Beziehungen, »was sie füreinander sind«, die Intuition »dringt in das Innere der Wesen selbst ein«.

Zu einer Wortmeditation verdichtet hat Steiner diese drei Bewusstseinsstufen in vier Sprüchen, die er den beiden Säulen des salomonischen Tempels 1907 anlässlich des Münchner Kongresses der Theosophischen Gesellschaft beigab. In diesen Sprüchen wird auch jener Bewusstseinszustand charakterisiert, der den Ausgangspunkt der Geistesschulung darstellt: das reine Denken. Die Sprüche der Säule Jakim lauten: »Im reinen Gedanken findest du
/ Das Selbst, das sich halten kann. – 
Wandelst zum Bilde du den Gedanken /
Erlebst du die schaffende Weisheit«. Die Sprüche der Säule Boas: »Verdichtest du das Gefühl zum Licht /
Offenbarst du die formende Kraft. – Verdinglichst du den Willen zum Wesen /
so schaffest du im Weltensein«.

Hier wird der Imagination die »schaffende Weisheit« zugeordnet, die erlebt, wer den reinen Gedanken des gewöhnlichen Bewusstseins in das imaginative Bild umwandelt. Der Inspiration die »formende Kraft«, die sich im Gefühl offenbart, das zum Licht verdichtet wird. Der Intuition schließlich das »Schaffen im Weltensein«, zu dem sich erhebt, wer den Willen »zum Wesen verdinglicht«. Die »schaffende Weisheit« kann als jener Aspekt der Weltseele, der göttlichen Sophia verstanden werden, der in Gestalt der Naturgeister, der Nachkommen der dritten hierarchischen Triade, in die Welt der Elemente verschlungen ist und in dieser die sinnlich-wahrnehmbaren Abbilder jener göttlichen Imaginationen erzeugt, welchen sie selbst schauend hingegeben ist. Die »formende Kraft« ist die Kraft jener geistigen Wesenheiten der zweiten hierarchischen Triade, die aus der Substanz des geistigen Lichtes in den Imaginationen ihre eigenen Abbilder erzeugen, und sich der Inspiration als die Kristallisationskerne jener Abbilder worthaft offenbaren. Sie ist jener Aspekt der göttlichen Sophia, der zwischen Weisheit und Willen vermittelt, indem er die Wesensoffenbarungen der ersten Triade in die Bildoffenbarungen der dritten umwandelt. Und das »Schaffen im Weltensein«, das den Willen »zum Wesen verdinglicht«, ist jener Aspekt der göttlichen Sophia, der – dem Ungrund des Seins zugewandt – sich als »Weltschaffen und Wesenschaffen« der ersten Triade offenbart.

Die Sprüche der Säulenweisheit verweisen aber nicht nur auf diesen hierarchologischen Zusammenhang, sondern auch auf den gnoseologischen Zusammenhang der drei Seelenkräfte des Menschen (Vorstellen, Fühlen, Wollen) mit den höheren Erkenntnisstufen, der in der »Geheimwissenschaft im Umriss« lediglich angedeutet und ab 1917 systematisch entfaltet wurde (siehe »Von Seelenrätseln«, GA 21, sowie GA 72, 23.11.1917).

Was die Intuition »bedeutet«, erläutert Steiner wiederum an den Inhalten der »Geheimwissenschaft im Umriss«. Sie lehrt nicht nur den Zusammenhang zwischen Imaginationen, sondern führt zur Erkenntnis der Wesen, deren Taten die Imaginationen und ihre Zusammenhänge sind. Denn die gesamten kosmischen und irdischen Seinszustände, die gesamte Erscheinungswelt, auf welcher Ebene auch immer, gründet letztlich im Drama sich entfaltender geistiger Wesensbeziehungen, im Erkennen und Wollen, in den Zuwendungs- und Abstoßbewegungen der Wesen der Hierarchienwelt. Daher werden nun diese Wesen, die Geister des Willens, der Weisheit, der Bewegung, die luziferischen und ahrimanischen Wesen genannt: der »Weltenbau« geht auf sie zurück, und was von ihnen gewusst werden kann, »wird durch intuitive Erkenntnis gewonnen«. Aber auch der »Lebenslauf des Menschen«, der ja nicht nur das Leben zwischen Geburt und Tod umfasst, lässt sich ohne Intuition nicht vollständig verstehen. Die nächsten Zustände vor der Geburt und nach dem Tod lassen sich noch imaginativ erfassen, aber sobald das geistige Wesen des Menschen aus der imaginativen Welt heraustritt, oder bevor es in diese eintritt, ist es nur der Inspiration zugänglich und in einem Zwischenzustand zwischen Geburt und Tod sogar nur der Intuition, weil es sich »in der Welt der Intuition« aufhält. Dieser nur durch Intuition zu erfassende »Teil« des Menschen ist aber »immer in ihm«, weil er eben sein geistiger Wesenskern ist, der seine Identität mit sich selbst, seine unveräußerliche Individualität verbürgt. Dieses ungeschaffene und unzerstörbare »geistige Dauerwesen«, das allen Wandel und Wechsel überdauert, kann auch, wenn es inkarniert ist, nur durch Intuition erkannt werden. Es ist dieses Dauerwesen, das sich als himmlisches Diadem durch die einzelnen Inkarnationen, durch die kosmischen Ab- und Aufstiege hindurchzieht, das sich auf der Himmelsleiter auf und ab bewegt, das an jedem Ort des Kosmos, in jeder Welt seine verschiedenen Epiphanien miteinander verknüpft. Daher ist eine »sachgemäße Erkenntnis« von Reinkarnation und Karma auch nur durch Intuition möglich. Das sich reinkarnierende Wesen entzieht sich der Spekulation, es entzieht sich aber auch der imaginativen Anschauung, und dies ist der Grund, warum die Tatsache der Reinkarnation in vielen traditionellen Esoteriken, deren Erkenntnismittel sich lediglich auf die imaginative Welt erstrecken, keine Rolle spielt.

Steiner wendet sich nun den Übungen zu, die zur Ausbildung des inspirativen und des intuitiven Bewusstseins erforderlich sind. Sie sind den Versenkungsübungen der Imagination ähnlich. Während aber die Imaginationsübungen noch an die Eindrücke der sinnlich-physischen Welt anknüpfen, fällt diese Anknüpfung bei den folgenden Stufen weg.

Um dies zu verdeutlichen, greift Steiner auf die Rosenkreuzmeditation zurück. Deren Elemente sind aus der sinnlichen Welt entnommen, deren Zusammenstellung jedoch nicht. Eine Übung zur Ausbildung der Inspiration – hier zeigt sich die Verwandtschaft mit der apophatischen Theologie – besteht nun darin, sämtliche gegenständlichen Inhalte dieser Meditation aus dem Bewusstsein zu schaffen, und sich allein auf die geistige Tätigkeit zu konzentrieren, die diese Inhalte zusammengesetzt hat. Nicht die Bildinhalte sollen im Bewusstsein gegenwärtig sein, sondern die seelischen Vorgänge, die zu diesen Bildinhalten führten, die geistige Aktivität, die Willensanstrengung, bevor sie in bestimmten Bildern Gestalt annimmt. Der Übende muss sich in seine bildschaffende Tätigkeit versenken, aber darauf verzichten, diese Tätigkeit zu ihrem Ziel gelangen zu lassen.

Die Übungen für die Intuition bestehen darin, auch noch das Leben in der eigenen Seelentätigkeit zum »Verschwinden« zu bringen. Es soll »buchstäblich nichts von vorher gekanntem äußeren oder inneren Erleben in der Seele vorhanden sein. Und wie soll man von diesem Nichts reden?

Ein buchstäblich leeres oder reines Bewusstsein, das aber dennoch nicht erlischt, sondern fortbesteht, ist also Voraussetzung für diese Intuitionsübungen. Es kommt die Zeit, so Steiner, »in welcher das Bewusstsein nicht leer ist, wenn die Seele die inneren und äußeren Erlebnisse abgeworfen hat, sondern wo nach diesem Abwerfen als Wirkung etwas im Bewusstsein zurückbleibt, dem man sich dann in Versenkung ebenso hingeben kann, wie man sich vorher dem hingegeben hat, was äußerlichen oder inneren Eindrücken sein Dasein verdankt«. Durch die Intuition wird der »letzte Rest« des Sinnlich-Physischen vom Bewusstsein abgestreift und die geistige Welt kann sich in einer Form offenbaren, die nichts mehr mit den Eigenschaften der physischen Welt gemein hat.

Wie bereits erwähnt, beruht die imaginative Schau auf der Tätigkeit der geistigen Wahrnehmungsorgane, die im Astralleib ausgebildet werden. Er erlangt die Fähigkeit, sein eigenes Spiegelbild und die Spiegelbilder der Inhalte der geistigen Welt im Ätherleib anzuschauen. Durch die Übungen zur Inspiration wirkt der Mensch nun auf seinen Ätherleib ein und bildet in diesem, ähnlich wie zuvor im Astralleib, Erkenntnisorgane (Steiner spricht von »Bewegungen, Gestaltungen und Strömungen«). Das Erkenntniswerkzeug der Imagination ist der Astralleib, jenes der Inspiration der Ätherleib.

Die entsprechenden Übungen (näheres enthält »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«; ausführlicher behandelt in: »Der esoterische Schulungsweg der Anthroposophie«) führen dazu, dass nacheinander vorläufige Mittelpunkte des Ätherleibs im Kopf, in der Kehlkopfgegend und schließlich ein endgültiger in der Nähe des Herzens gebildet werden. Von diesem durch Schulung entstandenen Herzorgan »laufen Bewegungen und Strömungen nach den verschiedenen Gliedern des menschlichen Leibes«, die wichtigsten zu den Lotusblumen, und von diesen strahlenförmig in den Umkreis. Im Umkreis des Ätherleibs bildet sich allmählich ein Netzwerk von »Strömungen und Strahlungen«, das ihn in sich abschließt. Der Geistesschüler lernt, die Strömungen und Gliederungen des Ätherleibes vom physischen Leib unabhängig zu machen, und sie selbstständig, also mit Bewusstsein, zu gebrauchen. Nunmehr können diese Strömungen sich mit der seelisch-geistigen Welt berühren und das äußere seelisch-geistige Geschehen und das innere können zusammenfließen. Ist dies geschehen, kann der Mensch die Welt der Inspiration – mit Hilfe des Ätherleibes – bewusst wahrnehmen. Der ganze Ätherleib wird also zum Organ der Erkenntnis für die Inspiration.

Während die Übungen zur Inspiration auf den Ätherleib wirken, erstrecken sich jene für die Intuition bis auf die »übersinnlichen Kräfte des physischen Leibes«. Demnach entwickeln sich im übersinnlichen Kräftesystem, in der »Geistgestalt« dieses Leibes ebenfalls Erkenntnisorgane, jene der Intuition. Da die drei höheren Erkenntnisstufen jeweils auf der Umwandlung beruhen, die das Ich in einem der ihm zugeordneten Wesensglieder vollbringt, kann man auch sagen, die Erkenntnisorgane dieser drei Bewusstseinsformen gingen aus der – zumindest teilweisen – Vergeistigung (individuellen Aneignung und bewussten Durchdringung) dieser Wesensglieder hervor: die Erkenntnisorgane der Imagination aus dem vergeistigten Astralleib, jene der Inspiration aus dem vergeistigten Ätherleib und jene der Intuition aus dem vergeistigten physischen Leib des Menschen. Dadurch individualisiert aber der Mensch die Bewusstseinsformen der ihm benachbarten hierarchischen Wesenheiten, die diese Wesensglieder mit ihrem eigenen Wesen und Bewusstsein durchdringen: jene der Engel in der Imagination, jene der Erzengel in der Inspiration und jene der Archai oder Zeitgeister in der Intuition.

»Geisteswissenschaft« beginnt also dort, wo der Mensch anfängt, sich die Bewusstseinsformen und -inhalte der ihm benachbarten hierarchischen Wesen als individualisierte Fähigkeiten anzueignen. Dies brachte bereits »Wie erlangt man Erkenntnisse …?« zum Ausdruck: während der »Uneingeweihte« auf dem Boden des Alltagsbewusstseins unbewusst an den Zielen der Hierarchien mitarbeitet, muss der Geheimschüler, der dem »Hüter der Schwelle« (zu diesem weiter unten) begegnet ist, nicht bloß seine eigenen Aufgaben als Persönlichkeit kennen, sondern auch wissentlich an jenen dieser hierarchischen Wesenheiten mitarbeiten. Auskunft über solche Ziele gibt z.B. Steiners Vortrag »Was tut der Engel in unserem Astralleib?« (9.10.1918, GA 182).

Der restliche Teil des Kapitels über »die Erkenntnis der höheren Welten« befasst sich mit einer Reihe von unumgänglichen Erlebnissen und Erfahrungen, die im Verfolg des spirituellen Entwicklungsweges auftreten: der Trennung der drei Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und Wollens, der Begegnung mit dem luziferischen und ahrimanischen Doppelgänger bzw. den beiden Hütern der Schwelle, den zwei Quellen der Täuschung und den Möglichkeiten, diese Quellen zum Versiegen zu bringen, sowie der Umwandlung des großen Hüters der Schwelle in die Christus-Gestalt, das »große menschliche Erdenvorbild«.

Vorhergehender Beitrag: Geistesforschung als Wissenschaft – III – Mittel und Methoden – die Imagination und ihre Organe

wird fortgesetzt

2 Kommentare

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