Denken des Mythos

Ein neues Licht am Himmel des Denkens erscheint in Gestalt Martin Spuras, der mit seinem genialen Erstlingswerk »Das verweigerte Opfer des Prometheus«, einen bahnbrechenden Beitrag zur Interpretation mythischer Denkbilder und der Geistesgeschichte des Abendlandes leistet.

Spura unternimmt in seinem Buch nichts Geringeres, als eine Rekonstruktion der Wegscheiden und Umbrüche in der Bewusstseinsentwicklung des Okzidents, die in eine klare, philosophisch formulierte Perspektive mündet, wie die gegenwärtige Menschheit sich aus den Sackgassen befreien kann, in die sie durch diese Entwicklung geraten ist. Im Zentrum seiner Untersuchung, die sich ebensosehr an die Begriffssprache Heideggers wie die Denkformen der Anthroposophie anlehnt, steht eine philosophische Meditation über das Wesen des Opfers und des Mythos. Spura entwickelt eine völlig neuartige Form – neuartig im Vergleich mit den Ansätzen anderer Mythographen des 20. Jahrhunderts –, den Mythos zu denken, die weder symbolisch noch naturalistisch ist, sondern schlicht spirituell. Der Mythos ist ein Bild der realen Geschichte. Diese Geschichte ist in erster Linie Geistes- und Bewusstseinsgeschichte. Die Bilder des Mythos, deren Sinngehalt er entbirgt, schildern eben diese Geistes- und Bewusstseinsgeschichte und umgreifen einen Zeitraum von Jahrtausenden. Sie greifen weit in die schriftlose Zeit zurück und weisen auf eine ebenso weit bevorstehende Zukunft der Menschheit. Sie betreffen eben so sehr unsere Gegenwart. Sie enthalten aber nicht nur Aussagen über die Geschichte der Menschheit als Kollektiv, sondern auch Schilderungen von Seelenvorgängen, die sich in jedem einzelnen Menschen abspielten und bis heute abspielen.

Nicht allein der Mythos erhält so eine vollkommen neue Bedeutung – die in Wahrheit nur seine vergessene alte, ewige ist –, sondern auch die Offenbarungsreligionen, insbesondere das Christentum, das als notwendige Konsequenz der vom Mythos beschriebenen Entwicklungen gedacht werden kann. Die Wahrheit des Christentums kann gedacht werden, ebenso wie die Wahrheit des Mythos. Sie stehen nicht im Gegensatz zueinander. Sie stehen auch nicht im Gegensatz zur Philosophie. Vielmehr wird sich die Philosophie nach ihrem Ende wieder dem Mythos zuwenden, um aus ihm eine Neubelebung zu erfahren. Was die Genien des deutschen Frühidealismus als Programm formuliert haben, wird von Spura in denkbar umfassendem Sinn eingelöst: die Philosophie muss wieder Mythologie werden, ohne die Klarheit des Begriffs und die rationale Form aufzugeben.

Alle von Spura untersuchten Mythen schildern die Beziehungen der Menschen zu den Göttern und die Wandlungen dieser Beziehungen. Die Entstehung des rationalen Geistes, der Philosophie und der Wissenschaften vor zweieinhalb Jahrtausenden ist die Folge von Handlungen der Götter, die jene gewaltige Veränderung im Bewusstsein der abendländischen Menschheit einleiteten, durch die sie selbst untergingen: durch die sie allmählich aus dem Bewusstsein der Menschheit entschwanden, um in den unbewussten Tiefen der menschlichen Seelen fortzuleben. Nicht nur im griechischen Mythos geht Spura den Zeugnissen für diese Umwälzungen nach, sondern auch im germanischen. Die Geschichte des Prometheus, die Schicksale der Tantaliden, der Demeter und Persephone, des Apoll und des Dionysos, die Edda, die Nibelungen, Beowulf und Parzival stellen von je unterschiedlichen Standpunkten dieselben Vorgänge oder bestimmte Aspekte dieser Vorgänge dar. Prometheus brachte der Menschheit nicht nur das Licht des Bewusstseins und der Wissenschaften und entbarg auf diese Weise das Seiende, er verhüllte zugleich die Götterwelt – das Sein – vor den Menschen. In den Gestalten des Dionysos und des Apoll, in den Geschicken der Demeter und Persephone, des Orest und der Iphigenie bereitete sich eine Überwindung der bewusstseinsgeschichtlichen Folgen dieser Prometheustat vor. Die Gefangenschaft am Kaukasus und die Hoffnung der Pandora erfahren eine neue, tiefgreifende Beleuchtung. Die Schicksale Baldurs und die Erzählungen von der Götterdämmerung künden, wenn auch aus einer anderen Perspektive, von der Heraufkunft der rationalen, begrifflichen Weltauffassung und von den Möglichkeiten ihrer Überwindung.

In ganz anderer Art bezeugt Hiob die Beziehung des Menschen zu Gott. Seine Heilsgewissheit und seine Zuversicht, dass sein Erlöser lebt, stellen eine wichtige Stufe in der Entwicklung des Wissens des Menschen von Gott und von sich selbst dar. In ihm scheint aus der Geschichte des Judentums eine aufkeimende Beziehung der Menschheit zur Weisheit, zur Sophia auf, die sich erst in den kommenden Jahrtausenden unter Einbezug der realgeschichtlichen Folgen der Menschwerdung Gottes entfalten kann.

Die Alchemie des Mittelalters und die »Aurora consurgens« des Thomas von Aquin erhalten durch Spura eine einzigartige Tiefendeutung, die ihre Relevanz für die Gegenwart erweist, schließlich auch das Rosenkreuzermysterium und der Isis-Osiris-Horus-Mythos, der sich in der unmittelbaren Gegenwart spiegelt.

Die bevorstehende Wandlung des abendländischen Bewusstseins ist jedoch nicht zu erringen, ohne eine Auseinandersetzung mit dem Bösen. In vielerlei Gestalt spricht der Mythos von diesem Bösen, das in den Tiefenschichten des Seins und der Menschenseele waltet, und das in der Neuzeit, insbesondere in der Gegenwart eine neue Erscheinungsform annimmt. Mit beeindruckender Präzision und Schärfe charakterisiert Spura die Konfigurationen dieses vom Menschen erzeugten Bösen in der sich vereinseitigenden wissenschaftlichen Rationalität und den scheinrealen Gebilden einer zweiten Natur, die sich von ihrem Erzeuger in den technomorphen Schichten des Daseins ablöst. Was in den Reichen der technischen Artefakte, in der Cyberwelt und den weltumspannenden Informationssystemen Gestalt annimmt, ist eine spezifisch neuzeitliche Erscheinungsform des Bösen, das den Menschen in seinem Sein bedroht. Während der Mensch als Abbild seines göttlichen Urbildes das Potential in sich trägt, durch Rückbesinnung auf die göttliche Weisheit und Liebe die Kluft zwischen sich und seinem Ursprung zu überwinden, reisst sich in den »Abbildern der Abbilder« eine neue ontologische Schicht vom Menschen los, die ihn mit sich in einen Abgrund des Scheins und des Todes zu ziehen droht, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Spura bietet in seinen Analysen eine vom Mythos gespeiste Technikphilosophie, die an Heidegger anknüpft, aber weit über ihn hinausweist. Hier ist auch der Ort, wo er sich mit den Verlockungen und Verirrungen Sloterdijks und seinem Loblied auf die technomorphe Selbstmodellierung des Menschen auseinandersetzt.

Der künftige Weg des Abendlandes führt durch die Erlösung des Bösen. Nur die Integration der Schattengestalten, die aus dem Menschen hervorgegangen sind, deren Umwandlung durch die Liebe, wird auch den an den Kaukasus geschmiedeten abendländischen Intellekt erlösen. Die lebenzerstörende Ratio muss durch die Liebe erlöst werden, die Herzenskräfte müssen in den Verstand einfließen, das Denken muss sich verchristlichen, wenn die drohende Apokalypse abgewendet werden soll.

Schließlich werfen Spuras Analysen auch ein gänzlich neues Licht auf die größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts, auf den Holocaust, auf den Nationalsozialismus und den Kommunismus. Überzeugend legt er dar, dass das tiefere Wollen des Nationalsozialismus und des Kommunismus, das totalitäre Wollen, das den Menschen dem Sein entfremdet und ihn in die Opferung des Anderen treibt, keineswegs überwunden ist. Die entmenschlichenden politischen Religionen des 20. Jahrhunderts, die Hekatomben zum Opfer brachten, um sich selbst an der Macht zu erhalten, die aus der Seinsvergessenheit und der Verweigerung des Selbstopfers hervorgingen, sie beherrschen in metamorphosierter Form weiterhin die Gesellschaften, die angeblich aus ihrer Überwindung hervorgegangen sind. Der Ökonomismus, der Konsumismus und die Technokratie, die an die Stelle der totalitären Systeme getreten sind, gründen ebenso auf der Seinsvergessenheit und der Verweigerung des Selbstopfers wie jene. Die Gefahr, die uns droht, ist indes weitaus schwerer zu erkennen, da sie von Illusionen verdeckt wird. Im Wiederaufkommen der Eugenetik und medizinischer Selektionspraktiken zeichnet sich ab, dass das Verdrängte und scheinbar Überwundene zurückkehrt.

Die Menschheit steht an einem Scheideweg. Entweder sie setzt den Weg des verweigerten Opfers fort, oder es gelingt ihr, sich an den Vorbildern auszurichten, von denen der Mythos erzählt. Er erzählt von der Suche nach der göttlichen Sophia, der Liebe, die das Böse erlöst. Er erzählt von der freiwilligen Annahme und Verwandlung des Schattens, vom Tod und der Auferstehung, die aus dem Verzicht auf das ohnehin Vergängliche hervorgehen kann. Er erzählt davon, wie das Feuer des Herzens den Intellekt erlöst, der den Menschen sich selbst und den Göttern entfremdet. Der Mythos will bedacht sein. Er ist nicht eine überwundene Stufe der Entwicklung, sondern der fortströmende Quell des Seins, aus dem wir unser Leben schöpfen. Wird er bedacht, lässt er uns nicht in eine Welt des Irrationalen zurückfallen, sondern bewahrt uns gerade vor einem solchen Rückfall, der darin besteht, dass wir den undurchschauten Mythen des Rationalismus erliegen. Dieser verheisst uns das prometheische Licht der Erkenntnis, ohne die erlösende und versöhnende Liebe der Persephone. Er will uns glauben machen, in diesem Licht allein liege unser Heil. Dass dies nicht zutrifft zeigt bereits das Schicksal der Tantaliden.

Lorenzo Ravagli

Martin Spura, Das verweigerte Opfer des Prometheus: Der Ariadnefaden der abendländischen Geistesentwicklung

Kommentare sind geschlossen