Abrahamitische Kultur – die Kultur, von der alles Heutige ausgegangen ist

Abraham und MelchisedekAbraham ist eine der zentralen Figuren in der Geschichte des frühen Judentums. Die vergleichende Religionsforschung spricht jedoch auch von den drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Abraham ist nicht nur der Gründungsvater der jüdischen, sondern auch der beiden anderen monotheistischen Religionen.

Auch Rudolf Steiner hat sich aus esoterischer Sicht intensiv mit Abraham beschäftigt. Seine Deutung dieser Gestalt ist einzigartig und vielschichtig.

Noah hat drei Söhne: Sem, Ham und Japhet. Abraham geht aus dem Geschlecht Sems hervor, sein Vater ist Tarah. Zuerst heißt er Abram, erst später erhält er den Namen Abraham. In Chaldäa geboren, zieht er mit seinem Vater, seiner Frau und Halbschwester Sarai (später Sara) und anderen nach Kanaan. Um einer Hungersnot zu entgehen, wandert er mit seiner Frau nach Ägypten. Er verschweigt, daß sie seine Frau ist und gibt sie als seine Schwester aus, sie wird vom Pharao auf und zur Frau genommen und Abram wird »um ihretwillen« viel Gutes zuteil.

Nach der Entdeckung des Schwindels läßt ihn der Pharao, ohne ihm zu zürnen, ziehen. Abram läßt sich in Kanaan nieder und Lot, der Sohn seines früh verstorbenen Bruders Haran, wandert weiter nach Sodom. Verschiedentlich werden Abram, der im Hain Mamre bei Hebron seine Zelte aufschlägt, Verheissungen durch den Herrn zuteil, die sich auf die Zahl seiner Nachkommen, den Besitz von Land – vom Nil bis zum Euphrat –, beziehen. Dem steht gegenüber, daß seine Frau unfruchtbar ist. Lot wird in kriegerischen Auseinandersetzungen vom König von Elam, Kedor-Laomer, gefangengesetzt, aber Abram befreit ihn und wird bei seiner Rückkunft vom König von Salem, dem »Priester des Höchsten«, mit Brot und Traubensaft gesegnet. Sarai gibt Abram die ägyptische Magd Hagar, die ihm einen Sohn, Ismael, gebiert. Die Verbindung hat den Segen des Herrn, zumindest seines Engels. Über Ismael wird eine unheilschwangere Verheissung ausgesprochen: »Er wird ein wilder Mensch sein: seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird wohnen all seinen Brüdern zum Trotz.« (1 Mos 15, 12)

Nach der Geburt Ismaels erfolgt die Bekräftigung des ewigen Bundes, der sich auf Abram und all seine Nachkommen erstreckt, dessen Zeichen, die Beschneidung der Knaben, vom Herrn eingesetzt wird. Abram und Sarai erhalten ihre neuen Namen. Das erste Buch Mose berichtet danach von jener rätselhaften Erscheinung des Herrn vor Abraham im Hain Mamre in Gestalt dreier Männer, die die Geburt Isaaks ankündigen. Die nächste Episode ist die Fürbitte Abrahams für Sodom, das der Herr wegen seiner Sünden vernichten will. Anfangs sollen fünfzig Gerechte die Stadt retten können, aber Abraham bleibt hartnäckig und handelt die Zahl auf zehn herunter. Aber es findet sich auch nicht ein Gerechter in Sodom und Gomorrha, die unter Schwefel und Feuer mitsamt ihren Bewohnern begraben werden. Nur Lot kann flüchten, verliert aber seine Frau, die sich umsieht und zur Salzsäule erstarrt. Kurz darauf machen die beiden Töchter Lots ihren Vater betrunken und legen sich zu ihm. Beide werden schwanger: die eine wird zur Urmutter der Moabiter, die andere zu der der Ammoniter. Abraham zieht mit seiner Frau nach Gerar zwischen Kadesch und Schur, dessen König Abimelech gegenüber er sie als seine Schwester ausgibt und es wiederholt sich die Geschichte, die uns bereits vom ägyptischen Pharao bekannt ist. Zur Rede gestellt, erklärt Abraham, daß Sarah wohl seine Schwester sei, denn sie sei seines Vaters Tochter, da sie aber nicht seiner Mutter Tochter sei, habe er sie zur Frau nehmen können. Ehe zwischen Blutsverwandten wird also nicht als verwerflich betrachtet. Auch von Abimelech wird Abraham reich beschenkt. Endlich wird ihm, der bereits hundert Jahre alt ist, der verheissene Sohn geboren. Die Magd Hagar wird mit ihrem Sohn verstoßen, aber der Engel des Herrn geleitet sie. Der Herr teilt Abraham mit, daß nur nach Isaak sein Geschlecht benannt werden solle. Nun folgt die »Versuchung« Abrahams, die Aufforderung des Herrn, seinen Sohn im Lande Morija zu opfern. Abraham gehorcht und im letzten Augenblick tritt an die Stelle Isaaks ein Widder. Nach dem Tod Saras nimmt sich Abraham eine zweite Frau namens Ketura, die ihm sechs weitere Söhne gebiert. Er stirbt im Alter von 175.

Viele Motive aus dem Leben des Patriarchen und Stammvaters des jüdischen Volkes wurden vom Christentum als Prophetien gedeutet. So der Besuch der drei Männer im Hain Mamre als Hinweis auf die Trinität, die Segnung durch Melchisedek als symbolische Ankündigung des letzten Abendmahls, die Zerstörung Sodom und Gomorrhas als Hinweis auf das letzte Gericht, die gerade noch verhinderte Opferung des Sohnes als Prophetie Golgathas. Aber auch die Frauengestalten Sara und Hagar bildeten Inhalte der christlichen Selbstinterpretation: Sara wurde zum Symbol des himmlischen Jerusalem und der freien Christenheit bzw. der Kirche und Hagar zu dem des irdischen Jerusalem und der Knechtschaft des Judentums. (Gal 4,21-31). Traditionell wurden die Ismaeliten als die Vorväter der heutigen Araber betrachtet – bis heute findet die unheilschwangere Prophezeiung über Ismael sogar im politischen Denken als Mythos Verwendung, während militante zionistische Gruppierungen sich auf die Landverheissung beziehen und von einem Großisrael träumen.

Abraham im Licht der Geistesforschung

Steiner greift Motive der christlichen Deutung Abrahams auf, wie die Segnung durch Melchisedek, das Opfer des Sohnes, gibt ihnen aber einen völlig neuen Sinn, charakterisiert, am Buch Mose orientiert, die Seelen- und Charaktereigenschaften Abrahams, beschreibt seine Bewußtseinsform und legt eine absolut originelle Deutung der bewußtseinsgeschichtlichen Aufgabe Abrahams und des jüdischen Volkes vor. Er rehabilitiert die spirituellen Überlieferungen des alten Judentums gegenüber den Verengungen durch die Kirchen. Er konkretisiert die alte religiöse Tradition von der göttlichen Führung der Menschheit, indem er die Wege detailliert beschreibt, die sie genommen hat. In einem radikalen Geistrealismus schreibt er die religiöse Geschichte fort, indem er deren Traditionen dem modernen Bewußtsein und seinen Denkformen verständlich macht. Er nimmt die religiösen Urkunden in einer Weise beim Wort, die in der Geschichte ihrer Rezeption an die großen Leistungen Philo von Alexandriens, des Origenes, des Augustinus, des Moses Maimonides und anderer erinnert. Er hatte im 19. Jahrhundert eine Vorläuferin in Blavatsky, aber er erweitert und korrigiert sie auch.

Die »urjüdische« Kultur wurde nach Steiners Auffassung durch Abraham begründet. In ihr flossen alle Geheimnisse und Weisheiten der drei vorangegangenen Kulturen zusammen. Sie war der Inbegriff des Mysterienwissens dieser Kulturen. Sie steht aber nicht nur in der Kontinuität des Mysterienwissens, sie bringt auch eine neue Synthese, eine neue Bewußtseinsform, hervor. Denn für Steiner ist Geschichte Bewußtseinsgeschichte.

Die Entwicklung des Mysterienwissens war an Eingeweihte gebunden. Sie bildeten jeweils die neuen Fähigkeiten aus, die sich später in der Menschheit verbreiten sollten. Einige dieser Initiaten sind für die Geschichte des Judentums und der gesamten Menschheit von besonderer Bedeutung. Auf sie geht Steiner im Einzelnen ein. Hier wird seine Interpretation Abrahams behandelt. Das Wirken Abrahams läßt sich nicht völlig isoliert von der Geschichte seines Volkes und anderer herausragender Gestalten der jüdischen Geschichte betrachten.

Abraham war der Stammvater des hebräischen Volkes. Er übertrug diesem Volk bei der Begründung der abendländischen Zivilisation und des Christentums eine zentrale Aufgabe. Deswegen leitet Steiner die vierte nachatlantische Kulturepoche (747 v.C.-1413 n.C.) auch schlicht vom »Urjüdischen« ab.

Innerhalb der dritten, der ägyptisch-chaldäischen Kulturepoche (2907 v.C.-747 v.C.), bildete sich eine kleine Population in Chaldäa, die alle alten Traditionen in sich aufnahm, aber auch neue Fähigkeiten ausbildete. Die Eingeweihten dieser Menschengruppe hatten die uralte Weisheit – die frühere Genossenschaft mit den Göttern – bewahrt. Sie konnten ihre Erfahrungen der Götterwelt in Worte fassen, sie hatten die chaldäische Weisheit – »die Gottesschrift im Weltraum« – und die ägyptische Weisheit – die in der »symbolischen Vermählung des Geistigen mit dem Physischen« bestand – in sich belebt. Die von diesen Priestern geleitete Gruppe von Menschen durfte sich mit Recht als das »auserwählte Volk« bezeichnen. Die Heilige Schrift dieses Volkes stellt nach Steiners Auffassung das »größte und bedeutsamste Dokument« dar, sie enthält »gewaltige Bilder vom Herabsteigen des Menschen aus göttlichen Höhen« und stellt einen Bezug der historischen Erlebnisse des Menschen mit diesen kosmischen Ereignissen her. (1908, 105. 155f)

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