Christus in Gestalt eines Engels – Teil 2 (25)

Fra Angelico, Verkündigungsengel

Fra Angelico, Verkündigungsengel

Wie bereits bemerkt, ist mit den Hinweisen auf die Theophanie Christi in einem ätherischen Leib ein Geheimnis verbunden, das Steiner erst 1913 enthüllte, das hier aber entgegen der chronologischen Ordnung kurz erläutert werden soll, da sich aus ihm ein Hinweis auf das Verständnis der Beziehung Christi zur Engelwelt ergibt. Der Menschheit steht, wie deutlich wurde, ein neues Ereignis von Damaskus bevor. So wie Paulus damals Christus in ätherischer Gestalt schaute, wird sie ihn sehen lernen. Was heißt das aber eigentlich: Christus in seinem Ätherleib zu sehen? Es heißt nichts anderes, als Christus in Gestalt eines Engels zu sehen! Diese Tatsache wird in aufschlussreichen Ausführungen mitgeteilt, die am 2. Mai 1913 in London stattfanden und 1920 zusammen mit dem vorangegangenen Vortrag vom 1. Mai im Druck erschienen.[1]

Steiners Vortrag vom 2. Mai beginnt mit einer eindringlichen Warnung vor der Überschätzung des Verstandes: eine Illusion wäre es, zu glauben, dieser vermöge die Tatsachen der übersinnlichen Welt zu erkennen. Dies gilt besonders für das Mysterium von Golgatha, das nicht nur schwer zu erkennen, sondern auch schwer zu verstehen ist, weil es sich um ein einzigartiges Ereignis handelt. Zwar sind alle geschichtlichen Ereignisse einzigartig, weil sie unwiederholbar sind, aber die Einzigartigkeit dieses Ereignisses besteht nicht nur darin, dass es unwiederholbar ist, sondern auch darin, dass es unvergleichlich ist, dass es sich allen denkbaren Kategorien entzieht. Der menschliche Verstand sucht stets nach Vergleichsmaßstäben, an welchen er messen kann, was er zu verstehen sucht. Wie aber kann etwas, das unvergleichlich ist, verstanden werden? Hilfreich ist die deskriptive Methode der Geschichtserzählung: das Ereignis muss von den verschiedensten Gesichtspunkten aus beschrieben werden, damit seine Komplexität sichtbar werden kann. Definitionen helfen nicht weiter, weil sie Komplexität reduzieren und damit das, worum es geht, das Phänomen in seiner Vielschichtigkeit, zum Verschwinden statt zur Erscheinung bringen. Darauf weist Steiner ausdrücklich hin: »Diejenigen unter Ihnen, die meinen Vorträgen öfter gefolgt sind, werden das Fehlen von beinahe jeglichen Definitionen bemerkt haben. Man kann die Dinge der Wirklichkeit nicht durch Definitionen erfassen«, erst recht nicht solche, die der »übersinnlichen Wirklichkeit« angehören. Daher muss charakterisiert werden, die Tatsachen und Wesen müssen durch ein Narrativ zum Vorschein gebracht werden, durch das sie sich selbst in ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität mit eigener Stimme aussprechen können. Die folgenden Äußerungen könnten auch unserem eigenen Versuch entgegengehalten werden, wenn er als Suche nach Definitionen missverstanden würde: »Vor allem, um die verschiedenen Wesenheiten in den übersinnlichen Welten unterscheiden zu können, möchten Menschen eine Definition haben. Sie fragen: Was ist genau genommen eine solche Wesenheit?« Diesem Bedürfnis hält Steiner entgegen: »Je weiter man … in die übersinnlichen Welten eindringt, desto mehr durchdringen sich die Wesenheiten …, sie sind nicht mehr voneinander abgegrenzt, so dass es schwer ist, sie voneinander zu unterscheiden«. Ebendies dürfte inzwischen klar geworden sein: dass himmlische Wesen einerseits geistige Individualitäten, andererseits Organe von Gliedorganismen sind, die nicht als mechanisch voneinander abgegrenzte Gebilde, sondern als sich durchdringende, fließend ineinander übergehende Kraft- und Bewusstseinssphären vorgestellt werden sollten. So wie die Begriffe der Bewegung, des Lebens und des Bewusstseins sich gegenseitig durchdringen und aneinander teilhaben, da es keine Bewegung ohne Leben und kein Leben ohne Bewusstsein gibt, so durchdringen und unterscheiden sich auch die Wesen der himmlischen Hierarchie.[2]

Hilfreicher für das Verständnis übersinnlicher Tatsachen als Definitionsversuche sind –neben der perspektivischen Charakterisierung – bildhafte Vergleiche, denn das Bild ist multivalent und sprengt die Regeln des aufklärerischen Sprachspiels, das Descartes als »valde clare et distincte« empfand. »In Wirklichkeit« ist es »eine Vermessenheit, sich einer solchen Wesenheit wie Jahwe-Christus mit alltäglichen Begriffen zu nähern«.[3] Man kann aber das Verhältnis von Jahwe und Christus durch das Verhältnis von Mond und Sonne charakterisieren. Das Licht von Sonne und Mond ist dasselbe und doch verschieden. Das Licht der Sonne wird vom Mond zurückgeworfen. Ebenso sind Jahwe und Christus dasselbe und doch verschieden. Christus ist dem Sonnenlicht vergleichbar, Jahwe spiegelt es zurück, wie der Mond das Sonnenlicht, er ist »das reflektierte Christus-Licht, insofern es sich der Erde offenbaren konnte … ehe das Mysterium von Golgatha eintrat«. Die »alten Hebräer« entkamen dem Dilemma des Verstandes, der solche erhabenen Wesenheiten nicht zu erfassen vermag, indem sie ihren Blick nicht direkt auf Jahwe richteten, sondern auf eine andere Wesenheit, die wie Steiner bemerkt, »in der westlichen Literatur«[4] als »Michael« bezeichnet wurde. Dieser Michael, ein Erzengel, ist »so erhaben über seine Gefährten, wie die Sonne über die Planeten«. Es handelt sich um die »hervorragendste und bedeutendste Wesenheit« im Rang der Erzengel. Wie sich der Mensch durch den Ausdruck seines Antlitzes offenbart, so offenbarte sich Jahwe durch diesen Erzengel. Jahwe war »unnahbar«, aber durch Michael wurde er zugänglich. Eine solche Offenbarung Jahwes durch Michael wurde in den fünfhundert Jahren vor der christlichen Ära nicht nur den »alten Hebräern«[5] zuteil, sondern auch anderen »Völkern«. Die klassische griechische Philosophie oder Tragödie ging aus einer solchen Offenbarung (oder Inspiration) hervor.

Diese Offenbarung durch den Erzengel Michael war aber nicht die einzige. Vielmehr wandte die »Christus-Jahwe Wesenheit«, die die Menschheit »durch ihre gesamte Entwicklung begleitete«, ihr immer wieder ein anderes Antlitz zu, indem sie sich durch unterschiedliche Erzengel offenbarte. Erzengel treten also als Epiphanien Christi, als seine Offenbarer und Sendboten auf. Sie lösen sich als Inspiratoren geschichtlicher Epochen ab und stets erscheinen die einzelnen als Antlitze der Jahwe-Christus Wesenheit (auch wenn letztere selbstredend nicht immer diesen Namen trägt).[6] Aber was sie von Epoche zu Epoche offenbaren, unterscheidet sich je nach Individualität des betreffenden Erzengels. Michael, Gabriel, Raphael usw. offenbaren nicht dasselbe, obwohl sie ihre Offenbarung aus ein und derselben Quelle empfangen: der Zentralsonne unseres Universums, der Christus-Jahwe-Gottheit. Ebenso wie die Zeitgeister, die Archai, wechseln sich die Erzengel in zyklischer Folge ab. Zwar strömen ihre Inspirationen hauptsächlich in größere Menschengemeinschaften, die gleichzeitig nebeneinander auf der Erde leben, sie übernehmen aber auch die Rolle von Epochalgeistern, die jeweils die gesamte Menschheit impulsieren. Michael inspirierte die Menschheit fünf Jahrhunderte lang vor dem Erscheinen Christi und er inspiriert sie seit dem Jahr 1879 – dem Anbruch eines neuen Michaels-Zeitalters, um dereinst wieder von Oriphiel, dem Erzengel des Saturn abgelöst zu werden.[7] Nun erleben die Erzengel – ebenso wie die Archai – die Rückwirkungen ihrer Tätigkeit und entwickeln sich dadurch von Epoche zu Epoche weiter. Der vorchristliche Michael ist also in gewissem Sinn nicht derselbe, wie der nachchristliche. Um diesen Unterschied zu erläutern, holt Steiner weit aus.

Was ist das Bedeutsame am Mysterium von Golgatha? Dass ein Gott gestorben ist! Denn in der göttlichen Welt gibt es keinen Tod, sondern nur Bewusstseinswandel. Allein auf der Erde ist Tod möglich. Engelwesen kennen den Tod nicht, sie gehen durch unterschiedliche Bewusstseinszustände hindurch, die dem Unterschied zwischen Wachen und Schlafen vergleichbar sind. Deswegen ist es auch unsinnig, zu behaupten, ein Verstorbener sei »tot«, vielmehr existiert er in einem mehr oder weniger hellen oder verdunkelten Bewusstseinszustand fort. Damit jener Gott, Christus, sterben konnte, musste er auf die Erde herabsteigen und Mensch werden. Dadurch, dass er den Tod erlitt, stiftete er eine »innige Verbindung« zur Menschheit, durch die er seither imstande ist, in den Seelen der Menschen zu leben. Vorher war er ein kosmisches Wesen und auch nur im Kosmos zu finden, seither kann er auf der Erde bzw. in ihrem Umkreis und im Inneren der Menschenseele gefunden werden. »Das Mysterium von Golgatha gab der Erde ihren Sinn«, so die Quintessenz. Anders ausgedrückt: Ohne Christus hat die Erde und damit auch die menschliche Existenz keinen Sinn. Drei Jahre – zwischen der Jordantaufe und der Kreuzigung – lebte er als Mensch unter Menschen – dies war seine irdische Offenbarung in einem physischen Menschenleib. Wie aber offenbart er sich seit seinem Tod bzw. seiner Auferstehung? Nicht mehr durch einen physischen Leib, sondern durch den ätherischen Leib eines Engels. »Ebenso wie sich der Erlöser der Welt während der drei Jahre nach der Jordantaufe in einem menschlichen Leibe offenbarte, … so offenbart er sich seit jener Zeit … als ein Engelwesen, ein geistiges Wesen, welches eine Stufe höher steht als die Menschenwesen. Als ein solches konnte er stets gefunden werden von denen, die hellsichtig waren [zum Beispiel von Paulus]; als ein solches war er stets mit der Evolution verbunden. So wahr als der Christus, als er im Leibe des Jesus von Nazareth inkarniert war, mehr als Mensch war, so ist das Christus-Wesen mehr als Engel. Das ist nur seine äußere Gestalt«.

Nun hat das Christus-Wesen dadurch, dass es aus dem Kosmos herabstieg und Mensch wurde, selbst eine Wandlung durchlebt. »Wenn solch ein Wesen solch eine Tat vollbringt, indem es eine menschliche oder eine Engelform annimmt, so schreitet es selbst weiter fort«. Dieser Schritt besteht darin, dass es sich nicht mehr nur als Christus-Jahwe im Mondlicht oder durch seinen Namen, sondern unmittelbar als es selbst offenbaren kann.  Und mit Christus-Jahwe ist auch sein Antlitz, der Erzengel Michael, weitergeschritten: er ist nicht mehr der Sendbote Jahwes, der »Spiegelung des Christusglanzes«, er ist zum »Sendboten« Christi geworden.

Mit diesem Avancement des Erzengels ist eine neue Christus-Offenbarung verbunden, die von diesem Erzengel ausgeht. Die letzte Epoche seiner Regentschaft endete »bald« nach dem Mysterium von Golgatha. Daher standen die Verfasser der Evangelien auch nicht unter der Inspiration Michaels, sondern seines Nachfolgers Oriphiel. Die Evangelisten besaßen »keine deutliche okkulte Erkenntnis«, da sie lediglich von den Gefährten Michaels inspiriert wurden.[8] Aus diesen unterschiedlichen Inspirationen erklären sich laut Steiner auch »die abweichenden Interpretationen der verschiedenen christlichen Lehren«. Erst seit Ende des 19. Jahrhundert findet wieder eine unmittelbare Inspiration der Menschheit durch Michael statt. Diesem ging Gabriel voraus, der Michael »am nächsten steht«. Seiner Wirksamkeit seit dem 16. Jahrhundert verdankt die Menschheit den Aufschwung der Naturwissenschaften. Aufgrund der Eigenart dieses Erzengels (der bekanntlich zugleich Regent des Mondes ist)[9] hängt diese Wissenschaft vom Gehirn ab und bringt nur für die materielle Welt Verständnis auf. Aber seit 1879 inspiriert Michael auch die Wissenschaft und er wird ihre Spiritualisierung ermöglichen. So wie die Erkenntnis der materiellen Welt auf Gabriel zurückgeht, wird aus Michael eine solche der spirituellen Welt hervorgehen – die Geisteswissenschaft. Wie Michael vor der Zeitenwende fünf Jahrhunderte lang Sendbote Jahwes war, ist er nun Sendbote Christi. Und wie sich die hebräischen Eingeweihten an Michael, die äußere Offenbarung Jahwes wenden konnten, so vermag die Menschheit sich jetzt an Michael zu wenden [im Original heißt es »können wir uns jetzt an Michael wenden« – Steiner spricht also auch von sich selbst]«, der ihr in den kommenden Jahrhunderten immer mehr spirituelle Offenbarungen zuteilwerden lässt, durch die das Mysterium von Golgatha immer tiefer verstanden werden wird. »Erst im 20. Jahrhundert« (oder vom 20. Jahrhundert ab) können aufgrund der spirituellen Gaben Michaels die Tiefen dieses Mysteriums enthüllt werden.

Nun ist diese »Erneuerung des Mysteriums von Golgatha« durch ein bestimmtes Ereignis »in den höheren Welten« herbeigeführt worden, auf das Steiner im Folgenden zu sprechen kommt.

Nach seiner Offenbarung in menschlicher Gestalt »vereinigte sich Christus« wie gesagt – »was seine äußere Form anbetrifft« – »mit der Hierarchie der Engel« und lebte seither unsichtbar auf der Erde. Als Mensch ging er durch einen Tod, der dem menschlichen vergleichbar ist. Nach seiner Vereinigung mit einem Engel, durch welchen er sich weiterhin offenbart, vermag er keinen Tod mehr zu erleiden, wohl aber eine Herabminderung seines Bewusstseins – d.h. die Herabminderung des Bewusstseins dieses Engels. Genau dies widerfuhr dem Engel, der zum Offenbarungsträger des auferstandenen Christus geworden ist. Durch den Triumph der Naturwissenschaft ab dem 16. Jahrhundert entstanden in der Menschheit »materialistische und agnostische Gefühle von großer Intensität«. Immer mehr Menschen trugen das Resultat ihrer materialistischen Ideen nach dem Tod in die jenseitige Welt. Aus den Samen dieser Ideen bildete sich eine »schwarze Sphäre des Materialismus« um die Erde. In dieser dunklen Wolke erlebte das Engelwesen, das die äußere Form Christi ist, die Auslöschung seines Bewusstseins, einen »geistigen Erstickungstod«.[10] Und diese Auslöschung des Engelbewusstseins hat im 20. Jahrhundert die »Auferstehung des Christus-Bewusstseins« in den Menschenseelen zur Folge. »Mit einer gewissen Sicherheit« lässt sich daher voraussagen, dass für das hellseherische Schauen wieder zugänglich werden wird, was der Menschheit verloren gegangen ist: »Anfangs nur wenige, dann eine immer wachsende Anzahl von Menschen wird im 20. Jahrhundert fähig sein, die Erscheinung des ätherischen Christus, das heißt Christus in der Gestalt eines Engels, wahrzunehmen«. Um der Menschheit willen musste der Engel, der theophane Geistleib Christi, die »Zerstörung« seines Bewusstseins hinnehmen. Christus aber nahm dieses verdunkelte Bewusstsein des Engels in sich auf und durchdrang es mit seinem Licht. Dieser Vorgang im 19. Jahrhundert ist jenem vergleichbar, der sich auf Golgatha vollzog und kann sogar als »zweite Kreuzigung«, diesmal in der ätherischen Welt, bezeichnet werden.

»Das Ersterben des Christus-Bewusstseins in der Engelsphäre im 19. Jahrhundert«, so der Text, »bedeutet das Auferstehen des unmittelbaren Christus-Bewusstseins in der Erdensphäre, das heißt, das Leben des Christus wird vom 20. Jahrhundert an immer mehr und mehr in den Seelen der Menschen gefühlt werden als ein direktes persönliches Erlebnis«.

Im folgenden Absatz ist sogar von »einer Art geistigem Tod, einer Aufhebung des Bewusstseins« die Rede, einer »Wiederholung des Mysteriums von Golgatha«, »damit ein Wiederaufleben des früher verborgenen Christus-Bewusstseins in den Seelen der Menschen auf Erden stattfinden kann«.

So wie die Menschen durch das Mysterium von Golgatha dazu befähigt wurden, den »Namen Christi« zu verkündigen, so werden im 20. Jahrhundert immer mehr Menschen die Fähigkeit erlangen, »aus eigener Erfahrung heraus« »das Wissen von der Christus-Wesenheit«, das die Geisteswissenschaft vermittelt, zu verkünden. Zweimal wurde Christus gekreuzigt: physisch in Palästina, spirituell im 19. Jahrhundert. In Palästina auferstand er seinem Leibe nach, im 20. Jahrhundert wird er seinem Bewusstsein nach auferstehen.[11]

Beim Erwachen dieses Christusbewusstseins im Menschen kommt dem Erzengel Michael, der inzwischen zum Sendboten Christi geworden ist, eine vermittelnde Funktion zu. Einst leitete er die Menschheit an, dessen Inkarnation zu verstehen, heute bereitet er das menschliche Bewusstsein darauf vor, das Erfahrungswissen von der spirituellen Begegnung mit ihm in sich aufzunehmen. Michael beginnt in der Gegenwart das Wesen, dessen Sendbote er ist, von neuem zu offenbaren. »Wie eine Sonne« wird sich diese Offenbarung in die Seelen der Menschen ergießen. Die Aufgabe der Zuhörer ist es laut Steiner, sich zu »bereitwilligen Werkzeugen« dieser Offenbarung zu machen. Die Kraft, die aus dieser Hingabe geschöpft werden kann, hängt nicht vom Glauben an sie ab, sondern umgekehrt der Glaube von ihr. »Dann« so Steiner »werden wir ganz ruhig erkennen, dass nur einzelne von uns dazu vorbereitet sind, der Welt folgendes zu erklären, soweit sie es hören will: Von jetzt ab gibt es eine neue Offenbarung des Christus«.

Soweit die Ausführungen aus dem Jahr 1913, die hier herangezogen worden sind, um zu erläutern, was es mit der »ätherischen Wiederkunft Christi« auf sich hat.[12] Es handelt sich um seine Epiphanie in Gestalt eines Engels, die seit dem Ostereignis erlebbar ist. Diese Verleiblichung im Ätherleib eines Engels war der Inhalt des Damaskus-Erlebnisses des Paulus[13] und wird ab den 1930er Jahren immer mehr Menschen als authentische, hellseherische Christuserfahrung zugänglich werden. Alles Angeführte dürfte jedoch hinreichend zur Untermauerung der These sein, dass es sich bei Christus um eine überhierarchische Wesenheit handelt, die den gesamten himmlischen Gliedorganismus von den Seraphim bis zu den Angeloi als Organe ihrer Offenbarung, ihrer Epiphanie, ihres Wirkens durchdringt, um schließlich in jenem Menschen Wohnung zu nehmen, von dem es im ersten Kolosserbrief heißt: »Denn es hat dem ganzen Pleroma gefallen, in ihm Wohnung zu nehmen«.[14] Mit dieser Fleischwerdung ist aber die Geschichte seiner Epiphanien keineswegs zu Ende, sondern sie dauert fort bis ans Ende aller Tage, an dem Christus in der erneuerten Schöpfung Alles in Allem sein wird. Denn entsprechend der Weiterentwicklung des menschlichen Bewusstseins wird sich jene Wesenheit in immer neuen Gestalten offenbaren, als Erzengel, Zeitgeist, Geist der Form usw., um der Menschheit den Weg zu jenem Urgöttlichen zu bahnen, von dem sie einst ausgegangen ist und zu dem sie in der »apokatastāsis tōn pantōn« zurückkehren wird.

Vorheriger Beitrag: Die ätherische Wiederkunft Christi – 1910

wird fortgesetzt

Hinweis: 1973 veröffentlichten die beiden Religionssoziologen F. Hillerdal und B. Gustafsson eine Untersuchung über Christuserfahrungen zeitgenössischer Schweden. Das Buch erschien 1979 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Sie erlebten Christus. 1977 publizierte Alister Hardy eine weit umfassendere empirische Arbeit über Begegnungen von Menschen mit dem Übersinnlichen: The Spiritual Nature of Man.

Anmerkungen:

[1] Vorstufen zum Mysterium von Golgatha (der Titel stammt nicht von Steiner, Nachschrift mangelhaft, inwieweit sie für den Druck 1920 bearbeitet wurde und von wem, lässt sich nicht mehr feststellen), GA 152, Dornach 1980.

[2] »Jeder Mensch umspannt mit seinem Denken nur einen Teil der gesamten Ideenwelt, und insofern unterscheiden sich die Individuen auch durch den tatsächlichen Inhalt ihres Denkens«, heißt es bereits 1893 in der Philosophie der Freiheit. »Aber«, fährt Steiner fort, »diese Inhalte sind in einem in sich geschlossenen Ganzen, das die Denkinhalte aller Menschen umfasst. Das gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt, ergreift somit der Mensch in seinem Denken. Das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott«. Dieses »gemeinsame Urwesen« wird in der Theosophie als »Geisterland« bezeichnet. Das Geisterland ist der Ort der Urbilder aller Dinge. Diese »Urbilder sind schaffende Wesenheiten. Sie sind die Werkmeister alles dessen, was in der physischen und seelischen Welt entsteht. Ihre Formen sind rasch wechselnd; und in jedem Urbild liegt die Möglichkeit, unzählige besondere Gestalten anzunehmen. Sie lassen gleichsam die besonderen Gestalten aus sich hervorsprießen; und kaum ist die eine erzeugt, so schickt sich das Urbild an, eine nächste aus sich hervorquellen zu lassen. Und die Urbilder stehen miteinander in mehr oder weniger verwandtschaftlicher Beziehung. Sie wirken nicht vereinzelt. Das eine bedarf der Hilfe des andern zu seinem Schaffen. Unzählige Urbilder wirken oft zusammen, damit diese oder jene Wesenheit in der seelischen oder physischen Welt entstehe«. Theosophie, GA 9, Dornach 1987, S. 123.

[3] Im Text wird durchgehend der Ausdruck »Jehova« für »Jahwe« gebraucht.

[4] Vermutlich diente die Bemerkung als Abgrenzung von der Adyar-Literatur, in der die Sanskrit-Terminologie vorherrschte. Die jüdische Literatur, in welcher der Name zuerst verwendet wurde, entstand vom Westen aus gesehen ebenfalls im Osten.

[5] Vom »Engelfürsten Michael« als dem Streiter des Volkes Israel ist in den Visionen Daniels die Rede: »Und siehe, Michael, einer der Ersten unter den Engelfürsten, kam mir zu Hilfe, und ihm überließ ich den Kampf mit dem Engelfürsten des Königreiches Persien … Und es ist keiner, der mir hilft gegen jene, außer eurem Engelfürsten Michael … Zu jener Zeit wird Michael, der große Engelfürst, der für dein Volk eintritt, sich aufmachen. Denn es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen«. Dan 10, 13. 21; 12, 1. Das Buch Daniel entstand vermutlich in der Makkabäerzeit in der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. Als »Engel des Angesichts« oder Antlitz Jahwes wird Michael im apokryphen Buch der Jubiläen bezeichnet, das nach gängiger Auffassung im frühen 2. Jahrhundert v. Chr. verfasst wurde. Hier wird er von Gott beauftragt, die Geschichte der Schöpfung bis zum Bau des Heiligtums aufzuzeichnen, gibt aber diesen Auftrag an Moses weiter, der daraufhin die Genesis verfasst: »Dann sprach er zum Engel des Angesichtes: Schreib für Moses vom Schöpfungsbeginn auf bis zur Zeit, wo mein Heiligtum bei ihnen für alle Ewigkeit gebaut wird! … Da nahm der Angesichtsengel, der vor den Heerscharen Israels einherzog, die Tafeln der Jahreseinteilung von der Schöpfung, dem Gesetz und dem Zeugnis, nach den Jahreswochen der Jubiläen und nach den einzelnen Jahren, bis zum Tag der Neuschöpfung, wo Himmel und Erde und alle ihre Geschöpfe erneuert werden, wie die Mächte des Himmels und alle Erdenschöpfung, bis das Heiligtum des Herrn in Jerusalem auf dem Zionsberg geschaffen wird und alle Leuchten erneuert werden zum Heil, Frieden und Segen für alle Erwählten Israels, damit es so von diesem Tag an bis zu allen Erdentagen bleibe. Dann sprach der Angesichtsengel zu Moses nach dem Wort des Herrn: Schreib die ganze Schöpfungsgeschichte auf …« Jub 1,27-2,1. Mit den »alten Hebräern« sind also in Wahrheit die jüngeren gemeint. Das Buch der Jubiläen beeinflusste das Verständnis der Offenbarung und des Prophetentums des Islam. – In der Apokalypse des Johannes tritt Michael als Erzengel auf, der den Drachen mit den sieben Häuptern vom Himmel auf die Erde stößt: »Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und sein Engel kämpften gegen den Drachen … Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen«. Apk 12, 7-9. In den folgenden Versen wird dieser Drache als »Ankläger seiner Brüder« bezeichnet, von ihm heißt es: »Wehe aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat«. Apk, 10, 12. Im griechischen Original lauten die Namen: ὁ ὄφις ὁ ἀρχαῖος, ὁ καλούμενος Διάβολος καὶ ὁ Σατανᾶς (ho ophis ho archaios, ho kaloumenos Diabolos kai ho Satanas); der Ankläger, der die Erde und das Meer heimsucht, wird als »Diabolos« bezeichnet. Steiner interpretierte Diabolos als »Luzifer« und Satanas als »Ahriman«. Siehe seine Kommentare zur Versuchungsgeschichte in Das Matthäus-Evangelium, 11.09.1920, GA 123 u.ö.

[6] Die Erzengel wenden ihr Antlitz nicht nur der Menschheit zu, sondern auch Christus, ihrem »Lehrmeister«. Auch die Erzengel oder Volksgeister bilden, genauso wie die Archai, einen Reigen, der die geistige Zentralsonne des Universums umkreist. Davon sollte Steiner kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in München sprechen: »Wenn sie sich in Christus zusammenfinden, werden sich die Volksgeister in der richtigen Art zusammenfinden, da all diese Volksgeister, die die Völker richtig führen … den Christus als den Lehrmeister betrachten«. 13. September 1914, GA174a, Dornach 1982, S. 23. Neben diesen »rechtmäßigen« Führern der Völker sind aber auch deren Gegenspieler, die Volksdämonen in Betracht zu ziehen. Während die ersteren Frieden zwischen den Völkern stiften, stacheln die letzteren sie zu Hass und Krieg auf.

[7] Von diesen aufeinanderfolgenden Erzengelregentschaften war zuerst in einem Werk des Abtes Trithemius von Sponheim im Jahr 1508 die Rede. Steiner weicht mit seiner Zeitangabe allerdings von Trithemius ab. Während letzterer von Zeitalterregentschaften der Erzengel spricht, die rund 350 Jahre dauern, im Fall Michaels 600 bis 250 vor Christus, dauert diese Epoche bei Steiner rund 500 Jahre: »Michael inspirierte die Menschheit … ungefähr fünfhundert Jahre lang vor dem Mysterium von Golgatha … « Zu der Zeit, als die Evangelien verfasst wurden, »konnte Michael … die Menschheit nicht mehr inspirieren …« GA 152, Dornach 1980, S. 42. Es existiert allerdings eine Notizbucheintragung zum Kurs über das »Initat«en-Bewusstsein« in Torquay vom August 1924 (GA 243), nach der die aufeinanderfolgenden Regentschaften der Erzengel zwischen 300 und 350 Jahre dauern; siehe GA 245, S. 171. Eine deutsche Übersetzung des Werkes De septem secundeis von Trithemius von Sponheim findet sich hier.

[8] Da die Verfasser der Evangelien unterschiedlichen Mysterientraditionen entstammten und teilweise selbst Eingeweihte oder Seher waren, besonders natürlich Johannes, wie wir aus zahlreichen Darstellungen Steiners wissen, müsste diese Aussage, wenn sie denn wörtlich ist, hinterfragt werden. In einem Pariser Vortrag vom 27. Mai 1914 heißt es: »Im okkulten Standpunkt sind wir uns klar darüber, dass diejenigen, die die Evangelien geschrieben habe, sie nach den Inspirationen alter Mysterien, aus einem atavistischen Hellsehen heraus geschrieben haben«. (GA 152, S. 147). »Keine deutliche okkulte Erkenntnis« und »atavistisches Hellsehen« ist nicht dasselbe, letzteres könnte dennoch eine Erläuterung des ersteren sein. Trotzdem scheinen beide Bemerkungen, insbesondere in Bezug auf Johannes, der von Christus selbst eingeweiht wurde und der Erstling der erneuerten, christlichen Mysterien war, fragwürdig. – Die Herausgeber betonen, die Textgrundlagen der hier herangezogenen Vorträge seien »nicht lückenlos und fehlerfrei« (GA 152, S. 168). Generell heißt es im Imprint: »Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften« (S. 4). Ob dies auch für den Text des besprochenen Vortrags vom 2. Mai gilt, der 1920 erschien, lässt sich nicht feststellen. Gerade in diesen Vortrag wurde aber von den Herausgebern »aufgrund einer Nachschrift von Pieter de Haan« ein ganzer noch zu kennzeichnender Abschnitt 1980 neu eingefügt.

[9] In der mystischen islamischen Literatur wird der Heilige Geist mit der Intelligenz des Mondes, dem Erzengel Dschibril (Gabriel) gleichgesetzt, der auch Mohammed inspirierte.

[10] Die drastischen Formeln »schwarze Sphäre des Materialismus« und »geistiger Erstickungstod« stehen im Absatz, der 1980 aufgrund einer Nachschrift Pieter de Haans in die zweite Auflage dieses Vortrags eingefügt wurde. Da beide Ausdrücke sonst nirgendwo im gesamten Textcorpus Steiners auftauchen, dürfte es sich um eine dramatisierende Formulierung de Haans handeln. Im übrigen Text ist in Übereinstimmung mit der früheren Bemerkung, in der geistigen Welt gebe es keinen Tod und kein Engelwesen vermöge diesen zu erleben, lediglich von einer »Auslöschung« oder »Zerstörung« des Bewusstseins des betreffenden Engels die Rede, lediglich einmal von »einer Art Tod«. Vermutlich ist dies so gemeint, wie wir davon sprechen, dass der Schlaf der kleine Bruder des Todes sei.

[11] Die Sätze, die sich auf dieses Bewusstsein beziehen, sind leider mehrdeutig: ist vom Bewusstsein des Engels, vom Bewusstsein Christi oder vom menschlichen Bewusstsein die Rede? »Aufgehoben« wurde das Bewusstsein des Engels, auferstehen soll es im Menschen. Wenn es heißt: »Die Menschheit erlebte die Auferstehung seines Leibes in der damaligen Zeit; sie wird die Auferstehung seines Bewusstseins vom 20. Jahrhundert an erleben«, ist damit nicht das Bewusstsein gemeint, dessen Subjekt Christus ist, sondern das menschliche Bewusstsein, dessen Objekt Christus ist.

[12] Auf die drei »Vorstufen« des Mysteriums von Golgatha, bei welchen Christus ein Erzengelwesen durchgeistigte und die Vorträge aus den Jahren 1913 und 1914, die diese Vorgänge zum Inhalt haben, gehe ich, um die Geduld der Leser nicht unnötig zu strapazieren, an dieser Stelle nicht ein. Diese Vorträge sind ebenfalls in GA 152 enthalten. Für unseren Zusammenhang ließe sich aus ihnen vor allem die Erkenntnis gewinnen, dass Erzengel nicht nur als Offenbarungsträger, als Antlitze Christi dienten, sondern auch als Wesensträger, als Vehikel oder Geistleiber. Dies würde die hier vorgetragene Deutung der Christologie Steiners nur weiter unterstützen.

[13] Der Sachverhalt wird durch Steiners Ausführungen in der Vortragsreihe Von Jesus zu Christus, Oktober 1911, GA 131 zusätzlich verkompliziert. Siehe besonders die Vorträge vom 10., 11. und 12. Oktober, weiter unten.

[14] 1. Kol, 1,15-16.

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