Intuition – Das Auge des Geistes

»Ein richtig verfasstes anthroposophisches Buch«, so Steiner 1924 in seiner Autobiografie, »soll ein Aufwecker des Geistlebens im Leser sein, nicht eine Summe von Mitteilungen«. Diese Anforderung erfüllt in vollem Umfang Huecks Untersuchung zur Darstellung des intuitiven Erkennens im Werk Rudolf Steiners, ein Buch, von dem man sich wünscht, es wäre fünfzig Jahre früher erschienen.

Es ist in der Tat erstaunlich, dass die Steinerforschung so lange auf eine solche Monografie warten musste, die einen zentralen – ja den zentralen – Begriff der geisteswissenschaftlichen Epistemologie durch eine Querschnittsanalyse aufarbeitet, die das gesamte Werk einbezieht. Zu Witzenmanns Studie Intuition und Beobachtung, die sich auf Steiners philosophisches Werk konzentriert und Zieglers systematischer Arbeit Intuition und Ich-Erfahrung, stellt Huecks Untersuchung aufgrund ihres umfassenden Einbezugs von Originaltexten eine wertvolle Ergänzung dar. Und es ist erstaunlich, dass sie gerade in einer Zeit erscheint, in der die Tendenz überhandnimmt, sich von Steiner zu verabschieden, weil man glaubt, eine »neue Anthroposophie« erfinden zu müssen.

Während andere Autoren sich am Projekt einer akademischen Reformulierung der Anthroposophie abarbeiten, lässt Hueck Steiner selbst zu Wort kommen und fördert dabei in vielerlei Hinsicht Bemerkenswertes zutage. Der Autor verfolgt das Motiv des intuitiven Erkennens quer durch Steiners gesamtes schriftliches Werk – von der ersten Einleitung zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften bis zur Erweiterung der Heilkunst – und untersucht seine allmähliche Wandlung, die sich bei genauerem Hinsehen als Vertiefung und Ausweitung erweist. Die kontinuierliche Präsenz der Intuition durch diese 42 Schaffensjahre hindurch zeugt vor allem von einem: von der grandiosen Folgerichtigkeit, mit der sich die Anthroposophie aus ihren allerersten philosophischen Keimen heraus entwickelt hat – oder anders formuliert: von der Anwesenheit dieser Anthroposophie im Werk Steiners vom ersten Tage an, an dem er als Autor in Erscheinung trat.

Natürlich haben sich die Darstellungsformen und die Sprache der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis im Lauf der Jahrzehnte gewandelt, haben die Tiefe ihres Inhaltes und ihre Weite zugenommen, aber die essenzielle Identität ihres Kerns ist nicht zu leugnen. Von der scientia intuitiva Spinozas, über Goethes anschauende Urteilskraft, Fichtes Tathandlung und Schellings intellektuelle Anschauung, die Selbstbeobachtung des Denkens und die moralische Intuition geht der Weg, der durch die geistige Selbsterweckung der Jahrhundertwende und die Ausbildung übersinnlicher Erkenntnisorgane zur Intuition als »Stufe höherer Erkenntnis« führt. Vom intuitiv erlebten Denken über die intuitive Geist-Erfahrung zur geistigen Wesenserkenntnis könnte man in Anlehnung an die drei Hauptkapitel des Buches sagen.

Bereits in den frühesten Schriften ist die Intuition durch jene vier Aspekte gekennzeichnet, die sich später in den höheren Erkenntnisstufen ausfalten und differenzieren: Produktivität, Objektivität und Realität, die in eins zusammenfallen (Identität). Was der Erkennende durch seine Tätigkeit hervorbringt, ist der objektive geistige Inhalt der Welt und zugleich das in den Erscheinungen wirkende Gesetz, mit dem er sich vereinigt. Es ist der geistige Weltinhalt, der uns später zum Beispiel in Gestalt der Hierarchien wieder begegnet. Wenn es in den Einleitungen heißt: »Indem sich das Denken der Idee bemächtigt, verschmilzt es mit dem Urgrunde des Weltendaseins; das, was außen wirkt, tritt in den Geist des Menschen ein: er wird mit der objektiven Wirklichkeit auf ihrer höchsten Potenz eins. Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen«, dann ist hier die Anthroposophie bereits »in nuce« greifbar. Dieses Urmotiv, diese Urtatsache des Innenlebens, wandeln die philosophischen Schriften der folgenden Jahre, wie Hueck zeigt, auf vielerlei Weise ab, bleiben dem Kern jedoch treu.

Die Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, so Hueck, beschreiben die Intuition als Erkenntnisform anhand von Goethes Erkenntnispraxis, die Grundlinien … entwickeln sie argumentativ aus ihm, Wahrheit und Wissenschaft begründet sie aus den Notwendigkeiten des Denkens und die Philosophie der Freiheit behandelt sie als Erfahrungsart des menschlichen Geistes, als Tätigkeit, die empirisch beobachtet werden kann. Immer wieder kommt Steiner auf diese spezifische menschliche Geisterfahrung zu sprechen. »Das Denken selbst ist ein Tun«, heißt es in Wahrheit und Wissenschaft, »das einen eigenen Inhalt im Momente des Erkennens hervorbringt … Hier brauchen wir bloß zu beobachten; und wir haben das Wesen unmittelbar gegeben … Beim Denken hört alles Beweisen auf. Denn der Beweis setzt bereits das Denken voraus«. »Das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott«, in der Philosophie der Freiheit. Goethes Weltanschauung legt die Betonung auf das Erlebnis der Zusammenschau der sinnlichen und der ideellen Welt: im erkennenden Bewusstsein kommt der Ideengehalt der Welt zur Erscheinung, was sinnlich scheint, ist in Wahrheit geistig: »Solange der Mensch das Wirken und Schaffen der Idee nicht fühlt, bleibt sein Denken von der lebendigen Natur abgesondert … Sobald er aber fühlt, wie die Idee in seinem Innern lebt und tätig ist, betrachtet er sich und die Natur als ein Ganzes, und was als Subjektives in seinem Innern erscheint, das gilt ihm zugleich als objektiv«. Was verborgen in den Dingen wirkt, wird durch die erkennende Tätigkeit enthüllt, im Erkennenden schaut sich das gesetzmäßig Wirkende selbst an, das Prinzip der Dinge gelangt zum Selbstbewusstsein im Menschen. Hier, wie schon in den Grundlinien ist vom Denken als einem Auge oder einem geistigen Wahrnehmungsorgan die Rede: »Das Sehen mit den Augen des Leibes vermittelt die Erkenntnis des Sinnlichen und Materiellen; das Sehen mit Geistesaugen führt zur Anschauung der Vorgänge im menschlichen Bewusstsein …, der lebendige Bund zwischen geistigem und leiblichem Auge befähigt zur Erkenntnis des Organischen, das als sinnlich-übersinnliches Element zwischen dem rein Sinnlichen und rein Geistigen in der Mitte liegt«.

In der Mystik … wird die Intuition zum »höheren Sinn«, der die Erfahrung – die Auferstehung – des Göttlichen in der Seele des Menschen ermöglicht, die Theosophie lenkt den Blick auf die erschauten Inhalte, die geistigen Urbilder der Welterscheinungen, während Wie erlangt man … beschreibt, wie dieser Sinn geschult werden kann und die Stufen der höheren Erkenntnis die bereits genannten vier Aspekte der Intuition zu höheren Erkenntnisstufen ausfalten. Die Produktivität – die hervorbringende Tätigkeit – wird zur Imagination, die Objektivität – die Selbstbestimmtheit der hervorgebrachten Inhalte – zur Inspiration, die Realität zum wesenhaften Geist, mit dem das erkennende Bewusstsein verschmilzt (Identität).

Ein weiteres Kapitel behandelt die »anthroposophische« Vertiefung der Intuition in den Schriften zwischen 1909 und 1925 und stellt die vielfältigen Anregungen zur Schulung dieser Fähigkeit dar. Sie hier im Einzelnen aufzuführen, würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Als Beispiel seien die Ausführungen über die Geheimwissenschaft im Umriss herausgegriffen, die nicht nur in ihrem Schulungskapitel auf die Intuition eingeht, sondern auch im anthropologischen Teil. Hier scheint, was in den Werken vor der Jahrhundertwende erkenntnisphilosophisch abgehandelt wurde, in der Phänomenologie der Bewusstseinsformen auf, die zu den menschlichen Wesensgliedern in Beziehung steht. (Diese finden sich zwar bereits in der Theosophie, aber die Geheimwissenschaft schlingt die systematische und genetische Perspektive ineinander). Der phänomenologische Ort der Intuition ist die Bewusstseinsseele, in der sich der geistige Wesenskern des Menschen, das »Ich«, selbst erfasst. Die Passage, in der Steiner den Begriff dieser Seelenform entwickelt, erfährt durch Hueck eine erhellende Exegese: von der schlichten Beobachtung der Einzigartigkeit dieses Fürwortes, das nur vom jeweiligen Subjekt rückbezüglich verwendet werden kann, bis hin zur Entdeckung, dass der Gott spricht, der im Menschen wohnt, wenn die Seele sich als Ich erkennt, durchläuft der Leser, der die aufeinanderfolgenden Sätze beobachtend und erlebend mitvollzieht, einen stufenweisen Einweihungsweg »en miniature«. In der Bewusstseinsseele enthüllt und ergreift sich die wirkliche Natur des Ich. Dieses Ich kann sich nur durch eine Tätigkeit erfassen, die Steiner an dieser Stelle als »Selbstbesinnung« bezeichnet – es ist dieselbe Tätigkeit, auf die mit unterschiedlichsten Ausdrücken bereits im philosophischen Werk hingewiesen wird. Die Kraft aber, die sich in der Selbsterfassung des Ich kundgibt, ist dieselbe, die in der übrigen Welt wirkt, dort allerdings verschleiert, hier unverhüllt. Stufenweise durch die Wesensglieder geht es hinan, bis sie sich hüllenlos im innersten Seelentempel zeigt. Wie ein Tropfen aus dem Meer der Weltgeistigkeit erscheint dieses Ich, das »den Geist in aller Offenbarung« ergreifen kann, wenn es die Tätigkeit, durch die es ein Bewusstsein seiner selbst erlangt, auf den übrigen Weltinhalt anwendet und Schleier um Schleier vom im Kosmos verborgenen Geist wegzieht.

Ein eigenes Kapitel widmet Hueck im Zusammenhang der Diskussion des Schulungsweges den Wahrheitskriterien der Anthroposophie, hier hätte man sich auch eine Auseinandersetzung mit den »zwei Quellen der Täuschung« gewünscht.

Schließlich erweist sich die Intuition nicht nur als Organ, durch das sich der Mensch als geistiges Wesen selbst erkennt, er vermag durch sie auch andere geistige Wesen zu erkennen, so wie er sich selbst erkennt – durch Einswerden bzw. Einssein nämlich. Sie führt auch zu einer Erkenntnis des Christuswesens, das dem Geistesschüler nicht als Inhalt historischer Tradition begegnet, sondern als Inhalt seiner spirituellen Erfahrung.

Was Huecks Monografie auszeichnet, die sich eng an Steinertexten entlang bewegt, und insofern auch eine gut lesbare, konzise Einführung in die Anthroposophie und ihre Erkenntnismethoden bietet, sind die fortlaufenden Wechselbezüge, die zwischen den unterschiedlichsten Ausführungen Steiners hergestellt werden. Der chronologische Gang der Untersuchung, der sich Reihenfolge der Erscheinung der Schriften entlangbewegt, ist durchzogen von Vorblicken und Rückblicken, die eindrücklich zeigen, wie sich Gedankenmotive gleich bleiben und zugleich durch Vertiefung wandeln. So führt ein geradliniger Weg vom »Weltengrund«, mit dem sich das erkennende Bewusstsein vereinigt, zur Michaels- und Christuserkenntnis, die sich als Metamorphose und Konkretisierung des philosophischen Essentialismus erweist. Zu Recht kann daher der Autor in seinem Fazit schreiben: »Unsere Untersuchung zeigt, dass es keinen wirklichen Bruch zwischen Rudolf Steiners erkenntnisphilosophischen und anthroposophischen Schriften gibt. Vielmehr kann man eine sukzessive Entfaltung des Themas verfolgen, die wie organisch immer wieder neue Metamorphosen hervortreibt«.

In Huecks gesamter Untersuchung finden sich immer wieder Erkenntnisperlen, die der Autor mit leichter Hand verstreut. So etwa heißt es über die in den Einleitungen gewonnene Einsicht, dass in der Intuition der objektive Kern der Welt im Subjektivsten des Menschen zur Erscheinung kommt, und der Mensch damit die Manifestation der geistigen Einheit der Welt ist: »Das Wesen des Menschen ist identisch mit der Einheit des Weltganzen – ein zentraler Topos der Anthroposophie«. – Oder im Anschluss an Ausführungen in Goethes Weltanschauung wird ein Resonanzprinzip des Erkennens formuliert: »Die physikalische Natur wird durch innere, willenshafte Körpererlebnisse begriffen. Die lebendige, organische Natur erfasst man, indem man die äußerlich beobachteten Lebensbewegungen mit dem inneren Erleben der eigenen Lebendigkeit … in Resonanz bringt. Für ein Erfassen der seelischen Welt anderer Wesen dient das innere Erleben des eigenen Seelischen als Resonanzraum, und die geistige Welt der wirkenden Ideen wird durch das Erlebnis der Selbstanschauung des eigenen Denkens erfasst. Gleiches wird durch Gleiches erkannt. In diesem Sinne ist das ganze Mensch (ein intuitives) Resonanz- und Wahrnehmungsorgan für die Welt in ihrer Vielschichtigkeit«. – In der Diskussion der Mystik … heißt es über die Philosophie der Freiheit rückblickend: »Es wird also immer deutlicher, dass Rudolf Steiner bereits in der Philosophie der Freiheit die innere Erweckung gemeint hatte, aber erst in der Mystik explizit aussprach. Der Ausnahmezustand ist nicht die Beobachtung des Denkens als eines verobjektivierbaren Prozesses …, sondern das Erleben des Denkens, während man es ausübt, von innen her … Der Ausnahmezustand der Philosophie der Freiheit ist bereits mystisches Erleben«. Im Christentum metamorphosiert sich die »Wahrnehmung« der Philosophie der Freiheit zum in der Natur verzauberten Gott, sie als »eine besondere Form des Begriffs« zu erkennen, bedeutet dagegen, das Göttliche in ihr zu erkennen. – In den vier großen Abschnitten der Theosophie findet der Autor Korrespondenzen zu den vier Wesensgliedern des Menschen: der erste, anthropologische, beschreibt seine zeitlose Gliederung (physisch), der zweite, über Wiedergeburt und Schicksal, seine Entwicklung in der Zeit (ätherisch), der dritte, ontologische, führt in die seelische und geistige Innenwelt (seelisch) und der vierte, über den Pfad der Erkenntnis, zeigt, was das Ich tun kann, um sein Erkennen so zu gestalten, dass das Geistige für es wahrnehmbar wird. – Erhellend sind die Ausführungen über die Mittelstellung der beiden Werke Theosophie und Wie erlangt man … (1904/1905) in Steiners Werkbiografie, »der Geistbiografie der Anthroposophie«, die in der zeitlichen Mitte der 42 Schaffensjahre erschienen sind (1884 bis 1925) und zugleich die zwei Seiten der Intuition: die selbstbestimmte Inhaltlichkeit und die Produktivität, ihren Denk- und Willensanteil widerspiegeln. »In der Theosophie«, schreibt Hueck, »wird ein Gedankenbild höherer Welten gegeben, während Wie erlangt man … unmittelbar auf das ernsthafte und energische Tun zielt … Die Theosophie erscheint wie das konzentrierte Ergebnis eines uralten Weisheitsstroms; Wie erlangt man … greift weit aus in die Zukunft moralischer Selbstentwicklung«. – In den Stufen der höheren Erkenntnis legt sich laut Hueck die Zweiheit von Wahrnehmung und Begriff, die den Erkenntnisbegriff der Philosophie der Freiheit bestimmt, in die Vierheit von Wahrnehmung, Erinnerung, Urteil und tätig erkennendem Wesen auseinander. (Allerdings lassen sich diese vier Stufen, wie Witzenmann nachdrücklich gezeigt hat, bereits in der Philosophie der Freiheit finden). Das aktive, produktive Denken wird zur Imagination, die Selbstbestimmtheit seiner Inhalte zur Inspiration, das erkennende Ich zur Intuition. »Im Umkehrschluss«, so Hueck, erscheinen »die Vorstellungsbilder des gewöhnlichen Bewusstseins als abgeschattete Imaginationen«, »die gewöhnlichen Begriffe als verstummte Inspirationen« und »das alltägliche Ich als abgestorbenes Welt-Intuitions-Wesen«. Die Sensation oder Wahrnehmung erscheint schließlich ebenfalls »als intuitiv zu erfassender Geist«. – Wenn der Mensch im intuitiven Erkennen des geistigen Weltinhaltes tatsächlich seinem eigenen Wesen begegnet, dann wird laut Hueck begreiflich, warum es in der Geheimwissenschaft heißt, die Zusammenhänge von Reinkarnation und Karma seien nur durch Intuition zu erkennen: »Ein völlig erwachtes Selbst erkennt, dass das, was ihm von außen wie eine scheinbar fremde Macht entgegentritt, in Wirklichkeit mit ihm eins ist«. – Über das »erkenntnistheoretische Grundprinzip der Anthroposophie« heißt es: »Zum Wahrnehmen des Ich hat eine innere, bewusste Willenstätigkeit geführt, ein reiner, lebendiger Gedanke, der zugleich wirklich ist, weil und indem er bewusster Willensausdruck des sich äußernden Wesens ist. So wie die Ich-Intuition müssen also die Welt-Intuitionen auch bewusste, wesenhafte Willenshandlungen sein. Man kommt zu dem in der Welt verborgenen Geist, indem man die Welterscheinungen mit Willen durchdringt, nicht über sie denkt, sondern sich ihnen innerlich anverwandelt, sie zu eigenen Willenshandlungen macht, d.h. sie innerlich … nachschafft. Das ist wahre Phänomenologie, wahre Naturanschauung im Sinne Goethes, die zur Geist-Erfahrung wird.« – Ein letztes Beispiel: Von der Sinneswahrnehmung zum Erkennen des in ihr schaffenden Geistes führt ein Weg über vier Stufen. Erlebt man die Wahrnehmungstätigkeit, die in den Gegenstandsvorstellungen erstorben war, beginnt sich die scharfe Trennung zwischen erkennendem Ich und erkanntem Gegenstand aufzulösen, »der in den Dingen erstorbene und zerstückelte Gott, beginnt, aus seinem Zaubergrab zu erwachen«. Wer nicht bei isolierten Sinneseindrücken stehenbleibt, sondern die Gegenstände der Wahrnehmungswelt in ihren Metamorphosen, ihren Wachstumsbewegungen, ihrer Entwicklung vorstellend nachverfolgt und die einzelnen Bilder ineinander übergehen lässt, beginnt im Leben der Vorstellungen zugleich das Leben der Welt zu erleben, in den Metamorphosen des Vorstellungslebens »wird der Gott lebendig«. Wenn diese Verwandlungen nicht nur in Bildern erlebt, sondern auch mitempfunden werden, empfindet sich der Erkennende in der Welt, die Welt in ihm, »Gott tritt ihm in der Innerlichkeit der Dinge entgegen«. Wer sich vollständig mit dem identifiziert, was er beobachtet, indem er es in sich nachschafft, geistig in es hineinversetzt, fließt mit den Wesen der Welt in eins zusammen, die Dinge denken sich in ihm, »der göttliche Geist wird eins mit ihm im Erkennen«.

Am Ende sei auch eine kritische Bemerkung erlaubt. Huecks Hauptinteresse ist, trotz des chronologischen Gangs der Untersuchung, systematisch. Die Texte, mit welchen er sich befasst, folgen aufeinander, so wie die Schriften Steiners, denen sie entnommen sind. An manchen Stellen allerdings werden Passagen zitiert, die erst zu einem späteren Zeitpunkt in die betreffenden Werke eingefügt wurden und daher für eine systematische Argumentation, die aus der Chronologie entwickelt werden soll, nicht taugen. Logisch betrachtet handelt es sich um ein »hysteron proteron«. Ein Beispiel: S. 61 bis 65 kommentiert Hueck Ausführungen der Philosophie der Freiheit über das intuitive Denken als »Wahrnehmungsorgan für Geistiges«. Zwar wird das betreffende Zitat als »Zusatz« gekennzeichnet, allerdings knüpft der Autor im Anschluss an die Behandlung des Textes aus dem Jahr 1918 die Bemerkung: »Damit hatte Rudolf Steiner seine erkenntniswissenschaftlichen Auseinandersetzungen bis zu dem Punkt geführt, an dem die übersinnliche, geistige Wahrnehmung nicht nur vor dem wissenschaftlichen Denken gerechtfertigt erschien, sondern auch eine Anleitung zu ihrer Praxis dargestellt war«. Von einer Rechtfertigung der »übersinnlichen, geistigen Wahrnehmung vor dem wissenschaftlichen Denken« kann im Zusammenhang der Erstauflage der Philosophie der Freiheit noch keine Rede sein, wohl aber von der Rechtfertigung des spirituellen Charakters der Denkerfahrung.

Und eine weitere Rückfrage: warum wird die Intuition eigentlich als »Auge der Seele« bezeichnet und nicht als »Auge des Geistes«?

Christoph Hueck: Intuition – das Auge der Seele. Die Darstellung des intuitiven Erkennens im schriftlichen Werk Rudolf Steiners, books on demand 2016, 312 S.

15 Kommentare

  1. Rudolf Steiners Begriffe »Imagination, Inspiration und Intuition« für bestimmte Erkenntnisbewusstseinsarten können selbstverständlich von jedem Studierenden seines Werks nachvollzogen, gedacht und geübt werden. Zuerst jedoch das reale Erwerben oder Eintauchen in diese nur individuell zu bewerkstelligenden Vorgänge kann Aufschluss geben, was damit gemeint ist, was ihnen wirklich und anders als im normalen Tagesbewusstsein und im philosophischen Denken innewohnt.

    Mit Freude habe ich das hier besprochene Buch von Christoph Hueck angefangen zu lesen als auch mich der darauffolgenden Diskussion bei-zu-gesellen. Wie von Lorenzo Ravagli schon angemerkt, finde ich, dass der Titel nicht sachgemäß der Besonderheit der Intuition entspricht. Die »geistige Auge der Seele« wäre vielmehr eine Analogie für die Imagination; jedoch sehr hinkend oder unvollständig, denn schon die höhere Imagination, die Erkenntnischarakter haben kann, ist sowohl intentionierte Beobachtung auf etwas Spezifisches wie Überschau oder Zusammenschau einer Vielschichtigkeit. Das »geistige Ohr der Seele« wäre eine gedämpfte Andeutung auf die höhere Inspiration, wo die Erkenntnisfähigkeit sich auf die »Bezüge in allen Richtungen« steigert, um die Bereitschaft zur Wesensbegegnung und zum Austausch zu ermöglichen. Das »geistige Schmecken und Verdauen der Seele« wäre ein höchst holpriger Versuch, etwas Adäquates zur höheren Intuition anzudeuten. Womöglich zeigt zuerst der Lebenssinn, der die eigene innere körperliche oder organologische Verfassung wahrnimmt, auf die Wesensgemeinschaft in der Intuition hin. Jedenfalls sieht man, dass die Analogie von außen nach innen folgt, wenn es um den Hinweis auf die Steigerung oder Aufeinanderfolge (die gewiss nicht immer erfolgen muss) der höheren Erkenntnisstufen geht.

    Genauso wichtig als eine separate Untersuchung des Intuitionsbegriffs bei Steiner zu machen, wie Hueck es hier exemplarisch angestrebt hat, wäre die drei miteinander zusammengehörenden Erkenntnisarten in Steiners Werk aufzuarbeiten, um zu zeigen, wie daraus Anthroposophie sich als individuelle Erforschung geistiger Tatsachen ergibt. In meinem Buch »Einstimmen aufs Karma« (Möllmann 2008) versuchte ich eine kunstwissenschaftliche Erarbeitung von Imagination, Inspiration und Intuition bezüglich des karmischen »Zurückwandelns« (Steiners Begriff in den Karmavorträgen) und anhand von Beispielen verschiedener Wesensbegegnungen. Außer gewissen Ähnlichkeiten zu künstlerischem Schaffen, wie darin erarbeitet ist, könnten auch Vergleiche zum Sport hilfreich sein, um diese drei Bewusstseinsstufen, als einander zugehörig, darzustellen.

    Dreisprung ist eine Disziplin in der Leichtathletik. Der Sportler setzt mit drei aufeinanderfolgenden Sprüngen (englisch: hop, Aufsteigen; step, Schritt; jump, abschließendem Sprung) an, um in einem Sandbett so weit wie möglich zu landen. Er läuft zuerst auf einer Anlaufbahn in Richtung der Grube bis zum Absprungbalken, von wo aus der Dreisprung gemessen wird. Im Ansatzmoment darf kein Teil des Fußes den Boden der vorderen Seite des Balkens berühren. Geschieht dies, wird der Sprung für ungültig erklärt (Norwegisch: overtramp). Die Teilnehmer haben während eines Wettkampfes traditionell jeweils sechs Hop-Versuche (vgl. die Nebenübungen, auch die sechs Eigenschaften oder die sechs Tugenden bei Steiner). Die erste Landung hinter dem Absprungbrett muss mit demselben Fuß (links oder rechts) erfolgen, mit dem begonnen wurde. Es folgt der »Step«, mit Landung auf dem anderen Fuß. Dann der »Jump« in die Sandgrube, so dass sich die Sprungfolge »rechts-rechts-links« oder »links-links-rechts« ergibt. Die Landung erfolgt meist mit den beiden Füssen parallel nebeneinander.

    Die Anthroposophie Rudolf Steiners ist eine geisteswissenschaftliche Disziplin des Dreisprungs durch Imagination, Inspiration und Intuition, die durch den Anlauf durch die Philosophie hervorging. Sein Sprungbrett war vor allem Goethes Weltanschauung. Jeder andere Anthroposoph, der es schafft, keinen »Overtramp« zu machen, wird seine individuelle Anthroposophie aus individuellen Sprüngen schaffen, wenn er mit beiden Beinen wieder auf dem Boden landet, das heißt, seine geistige Wahrnehmungen und Resonanzen sprach- und dialogfähig zu machen. Wer also erwirkt, in einem meditativen oder geistigen Prozesse dreimal »in der Luft« zu verweilen, wird erkennen, wie der Unterschied ist, ob der Ansatz nach Regeln, sprich wesensgerecht, herstellt oder falsch erfolgt war.

    Die Planke zu übertreten und erdbedingte, »bezichtigende« Vorstellungen in den Flügen mitzunehmen, wird nur »Sand und Staub« im gewohnheitsmäßigen Denken und keine Anthroposophie erfolgen lassen. Die Zukunft »der« Anthroposophie – und des anthroposophischen Projekts – wird immer mehr davon abhängen, ob Menschen mit authentischem Geist-Erleben dieser höheren Bewusstseinsarten sich zusammentun, sie erörtern, behandeln, erforschen und sich gegenseitig unterstützen.

    Jostein Sæther

  2. Ich vermisse hier noch die Darstellung über ‘die dritte Art der Erkenntnis‘ in Mein Lebensgang (Kap.22) in Zusammenhang mit Steiners ‘Seelenumschwung‘ (im fünfunddreißigsten Lebensjahre), die ‘in weitere Tiefen der geistigen Welt‘ führte: eine ‘wesentliche‘ Vertiefung, eine ‘Lungenatmung‘.

  3. Vielen Dank für diese feine Besprechung.
    Das Thema der Resonanz ist ein schönes Forschungsgebiet, das mich auch sehr interessiert.
    Es kam auch schön heraus, dass bereits in dem „Ausnahmezustand“ die Imagination, Inspiration und Intuition als Bewustseinsstufen des sich selbst bewusst werdenden Denkens bereits im Keim enthalten sind und darinnen erfahrbar sind. Es sind tatsächlich so viele Perlen in diesem Buche verstreut, dass ich es mir auf meine Liste gesetzt habe. Danke.

  4. Sehr geehrte Freunde im Geist!
    Zunächst meinen warm empfundenen Dank an Lorenzo Ravagli für seine so ausführliche und positive Besprechung des Buches über die Intuition.

    Zu der obigen Diskussion möchte ich mit Rudolf Steiner folgendes anmerken:
    a) „Die Wahrheit ist nicht die ideelle Abspiegelung von irgendeinem Realen ist, sondern ein freies Erzeugnis des Menschengeistes, das überhaupt nirgends existierte, wenn wir es nicht selbst hervorbrächten.“ (GA 3)
    b) „Wir müssen uns zweierlei vorstellen: einmal, dass wir die ideelle Welt tätig zur Erscheinung bringen, und zugleich, dass das, was wir tätig ins Dasein rufen, auf seinen eigenen Gesetzen beruht.“ (GA 2)

    Die Anthroposophie scheint mir daher die Schöpfung eines schon immer Dagewesenen zu sein. Nur, dass das Dagewesene erstorben war. Seine Neuschöpfung durch Rudolf Steiner (und sein Nachschaffen durch jeden Einzelnen) erweckt es zu neuer Lebendigkeit. Das Erkennen und Verwirklichen der Anthroposophie könnte so als mikrokosmisches Abbild des Weltprozesses aus Schöpfung, Tod und Auferstehung verstanden und erlebt werden.

    Ich meine, wir sind weder absolute Schöpferwesen, noch Automaten des Weltgeistes. Vielmehr scheint es mir darauf anzukommen, beide Prinzipien, das Subjektive und das Objektive, miteinander zu verbinden. Dann schaffen wir in jedem Moment eine neue und immer nur gegenwärtig wirkliche Verbindung zwischen den an sich illusionären Polen „Ich“ und „Welt“, eine immer gefährdete, immer neu auszubalancierende, nie festzuhaltende, frei atmende und schwebende Mitte. Ohne uns ist die Welt nicht wirklich, ohne die Welt sind wir nicht wahr. Dann kommt es weniger auf den Primat des Objekts oder des Subjekts, als auf ihre Begegnung an. In diesem Augenblick wird lebendige, wahre Wirklichkeit frei geschaffen.

    Mit herzlichem Gruß in die Runde,
    Christoph Hueck

    • Herr Hueck, Herr Ravagli, Herr Schumacher, hallo ! Ist u n s das „freie Schaffen der lebendigen, wahren Wirklichkeit“ (Hueck, oben) denn bereits zugänglich? Und wenn… – wo genau denn eigentlich ? Sind unsere Gedanken tatsächlich schon „Wirklichkeit“? Natürlich kann man sagen: „ohne uns ist die Welt nicht wirklich“ etc. -Angesichts der geisteswissenschaftlichen „INTUITION“, welche die radikale Verschmelzung von physikalisch-leiblichem und „Geistig“ bedeutet – sind solche Aussagen nicht etwas zu – relativieren ?

      Der heutige 21.März 2017 bringt hierzu 5 Gedanken, einfach mal festzuhalten :

      a) es muss unterschieden werden zwischen dem Erkennen eines Rudolf Steiner und dem „Erkennen“ von unsereins.

      b) die These Schumachers, unten: die Weltanschauung Rudolf STeiners („Frühwerk“, bis Mystik .. 1901) ist nicht dasselbe wie „Anthroposophie“. Letztere ist ein Schicksalsgefüge, ein Geschehen, ein Werden, etc.

      c) Das E r k e n n e n ist in der Weltanschauung Steiners (vgl. „Wahrheit und Wissenschaft“, auch „Der Egoismus in der Philosophie“, etc.) ist k e i n Abspiegeln eines „Realen“, bereits Vorhandenen, es konstituiert erst ein „Reales“.. Diese Feststellung gilt für das „Erkennen“ des Menschen R.Steiner, gilt nicht abstrakt, gilt „potentiell“ .

      d) Ein Beispiel für dieses „Potentielle“ des Erkennens ist die „Intuition“. Unsereins – pardon – hat ein winziges bisschen T e i l an der Intuition, insofern wir mit der W ä r m e „unserer“ Körper i d e n t i s c h sind, uns „dank“ der vitalen Wärmeempfindung als „Iche“ erleben, ganz elementar. (vgl. zb. die Vorträge „Einführung in die Anthroposophie, 1924) Auf diese Weise hat „unsereins“ Teil an der Intuition: wir sind dank der Wärmeempfindung Intuitions-Babies, oder „Ich-Potentiale“, oder „potentielle Iche“. Für diese gilt : Ich-Empfindung ist elementarste Stufe der Intuition – es lebt von der Wärmeempfindung Gnaden.

      e) Schumachers radikale Hypothese : Die allgemeine Wesenheit des Denkens – als das ICH des Christus – ist das Denken eines wirklichen Menschen, ist das Denken Rudolf Steiners.

      Primavera, mi ringresce..

      • Korrektur, es muss heißen, im ersten Abschnitt:
        „INTUITION“, welche die radikale Verschmelzung von “ P h y s i k a l i s c h – L e i b l i c h e m “ und „ G e i s t “ bedeutet.

        (Statt: „INTUITION“, welche die radikale Verschmelzung von physikalisch-leiblichem und „Geistig“ bedeutet.)

  5. Habe ich das richtig in Erinnerung ..: ist denn bei R.Steiner nun vom „Nachschaffen“ des Wesens der Dinge die Rede, oder vom „Schaffen“ desselben ??
    Dieser (zweite) Umstand müsste doch zur Genüge aus dem philosophischen Werk Steiners hervorgehen. – Der Erkennende ist mitnichten bloß ein Nach-Schaffer, der sich mit einem bereits Vorhandenen – qua Intuition – vereinigt. Das „Wesen der Dinge“ ( NB zu den Dingen gehören auch die – Mitmenschen!) kommt dem Erkenner nicht bloß entgegen, sondern er er-schafft es. Woher sollte denn auch das „Wesen der Dinge“ stammen, wenn die alten Götter und Absolutheiten vom jungen Steiner bereits entsorgt wurden – zugunsten des k o n k r e t e n individuellen Menschenbewusstseins.

    Was heißt denn das – wäre der konkrete Mensch denn nun t a t s ä c h l i c h dazu berufen, an die Stelle der theistischen Projektionen zu treten ? Wären die philosophischen Grundlagen der Anthroposophie endgültig ernst zu nehmen ?

    • Ich erschaffe das Wesen meines Mitmenschen? Ich erschaffe Wesen? Und wer erschafft mein Wesen? Muss, was vom Wesen der Anderen gilt, nicht auch von meinem gelten?

      • Wolfgang Schumacher

        Woher, oder durch wen, entstammt denn die „natürliche“Erscheinung Ihres Wesens? Sie sind eines Wesens geschöpflicher Aspekt, natürlicher „Durchlaufposten“, also ein gegenständlich sichtbarer Zwischenzustand, mit dem Potential die dahinter liegende Unsichtbarkeit selbst sichtbar zu machen als dann übersinnliche Gegebenheit = WESEN. Dafür benötigen Sie die Fähigkeit den erkenntnistheoretischen Umschwung vorzunehmen vom gegenständlichen sinnlichen Bewusstsein in ein übersinnliches Bewusstsein. Das wird dadurch bewirkt, dass sich die passive und aktive Rolle des gewöhnlichen Bewusstseins „vertauschen“. Also „Bloß Gegeben“ und „Nicht Bloß Gegeben“vertauschen ihre Rolle.

        Ist doch logisch und realitiv einfach für jedermann. Dazu müsste doch ein anthroposophisches Wochenendseminar reichen, oder ?

        Wolfgang Schumacher

      • na ja – „ich“ erschaffe gewiss nicht das Wesen der Dinge, der Mitmenschen, auch nicht das Wesen meiner Selbst…

        Die im Frühwerk Steiners dargestellte Weltanschauung ist keine allgemeingültige Epistemologie, sondern die persönliche Sache des konkreten Menschen Rudolf Steiner. Von d e s s e n Erkennen kann gesagt werden, dass es das Wesen der Dinge schafft – und zwar nicht etwa „nachschafft“, sondern – schafft. Wie unter anderem im Aufsatz „der Egoismus in der Philosophie“ ausdrücklich klargestellt wird.
        Wie in den Kommentaren hier anderswo expliziert wird, muss zwischen der Weltanschauung Steiners und der Anthroposophie unterschieden werden. Nicht wegen eines allfälligen Widerspruchs, sondern weil die Anthroposophie aus dem Ideengebäude der Weltanschauung Steiners hervorgeht – wie Schumacher unten richtig festhält.
        „Anthroposophisch“ formuliert heißt der Satz „Im Erkennen erschaffe ich das Wesen meiner Mitmenschen und meiner Selbst“: Die Menschen werden vom Kosmos g e d a c h t .
        „Kosmos“ oder „makrokosmischer Mensch“ steht – in der Anthroposophie – an der Stelle, wo in der Weltanschauung Steiners das Wort „Ich“ steht, welches kein abstraktes Ich meint, sondern den konkret-wirklichen Erkenner, der Autor der Phil.d.Freiheit etc.
        Mein Ich ist höchstens p o t e n t i e l l von der gleichen Art, zunächst bin ich kein solcher Erkenner, der das Wesen der zu erkennenden „Dinge“ – s c h a f f t .

  6. Wolfgang Schumacher

    „Die kontinuierliche Präsenz der Intuition durch diese 42 Schaffensjahre hindurch zeugt vor allem von einem: von der grandiosen Folgerichtigkeit, mit der sich die Anthroposophie aus ihren allerersten philosophischen Keimen heraus entwickelt hat “

    Lieber Herr Ravagli,

    Bir zum zitierten Teil ihrer Gedankenarbeit habe ich lesen können!
    Warum nur soweit?

    Sie sind einmal mehr ein personifiziertes Paradebeispiel für das ganze Durcheinander in der Auseinandersetzung mit der Anthroposophie , weil sie zu der Gruppe von Philosophen gehören, die nicht rechtzeitig die Unterscheidung vollzogen haben und vollziehen können zwischen der Weltanschauung Rudolf Steiners und der Anthroposophie. Die Weltanschauung Rudolf Steiners war schon vor seiner anthroposophischen Epoche voll ausgebildet. Unter Weltanschauung Rudolf Steiners ist die Summe von Ideen zu verstehen, die Rudolf Steiner im Namen seiner Persönlichkeit geschaffen und veröffentlicht hat. Als ein gewisser Abschluss dieser Produktion erscheint literarisch das Büchlein über die „Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens, 1901. Die anschliessende eigentlich anthroposophische Epoche fällt nicht unter DIESEN Gesichtspunkt. Die Weltanschauung der Anthroposophie will der Welt nicht die Erkenntnisse einer einzelnen Persönlichkeit vorstellen. Lesen Sie doch einfach mal nach in einem der letzten Kapitel von „Mein Lebensgang“.

    Die Anthroposophie vermittelt Antworten auf Fragen, die jedem einzelnen Menschen , zwar nicht als gedanklich formulierte Frage da sind, aber als erlebte Lebensfragen das seelische Schicksal der Menschen bestimmen (Ähnlich formuliert im §1 der Statuten der AAG, gegründet auf der Weihnachtstagung 1923) Diese spezielle „pädagogische Technik“ hat Rudolf Steiner im: „Erster Anhang genannten Zusatz zur Neuausgabe der Philosophie der Freiheit 1918 “ dargelegt.
    Des Weiteren ist der Erkenntnisbegriff Rudolf Steiners in Wahrheit und Wissenschaft“ revolutionär umgestaltet worden, indem Erkenntnis nicht ein Spiegelakt von etwas bereits Bestehendem ist, sondern eine Neu-Schöpfung, die es vorher nicht gab. Dieser Aspekt ist dann noch einmal in „Der Egoismus in der Philosophie dargelegt worden.

    Zur zusätzlichen Erläuterung das Folgende:

    Es gilt die Meinung zu überwinden, dass der Ideen – Vorrat der Welt ein abgeschlossener sei. Das ist er keineswegs. Zwar der Summe der natürlichen Dinge entspricht zunächst die Totalität einer vom Menschen neu zu bildenden Ideenwelt. Diese Ideen als Erkenntnisideen sind Neuschöpfungen und vor ihrem Dasein in der konkreten Individualität nicht vorhanden. Die Idee des MENSCHEN selbst aber entspricht keinem natürlichen Ding…..

    Nun ja Herr Ravagli, wir sind ja alle noch anthroposophische Babys , auch wenn wir gerne philosophisch-erwachsen spielen.

    Dennoch Glück Auf

    Wolfgang Schumacher aus Witten an der Ruhr

    • Lieber Herr Schumacher, Danke für die Blumen! Die Idee des Menschen existierte bereits vor dem »alten Saturn«. Die Idee der Anthroposophie existierte bereits vor Rudolf Steiners Geburt. Das Ich lebt von des Denkens Gnaden und nicht umgekehrt. Ideen in dem absoluten Sinn, wie Sie es tun, als Schöpfungen des einzelnen Menschen zu bezeichnen, ist Nominalismus. Und was sind die präexistenten, aber nicht bewussten Lebensfragen, von denen Sie sprechen, anderes, als Ideen, die sich »an die Oberfläche des Bewusstseins arbeiten«?

    • Wolfgang Schumacher

      Lieber Herr Ravagli.

      Die Fage, ob im Denken des Menschen der wirkliche Inhalt der Welt präsent sei, kann auf dem rein philosophischen Felde zwar gestellt, aber nicht beantwortet werden, denn die Antwort ist eine praktische, überphilosophische. Alle Aussagen über diesen Punkt haben notwendig den Charakter von Behauptungen. Das gilt für die philosophische Erkenntnistheorie Rudolf Steiners, die in der Leistung des Erkenntnisaktes nicht eine Abbildung einer „an sich“ bestehenden Wahrheit, sondern die Konstituierung der Wirklichkeit ihrer Vollkommenheit nach sieht, ebenso wie für jede andere Erkenntnistheorie.

      Sie unterscheiden nicht „All-ICH“ und Ich. In Christus ist sein Selbst ein Allgemeines, Universelles, insofern es die Wesenheit des Denkens ist. Als diese Wesenheit ist das Denken nicht jene Abstraktion der idealistischen Philosophie, die den absoluten Geist zwar als Ich anspricht, aber dieses Ich nicht empirisch aufweisen kann. Die hier gemeinte Wesenheit des Denkens, die Sie ja ansprechen, ist das Denken eines empirischen geschichtlichen Individuums. Hierin scheint ein Widerspruch zu liegen. Es scheint unmöglich, dass das Denken als das Denken eines wirklichen Menschen und damit als Denken „in der Zeit“ – zugleich allgemeines Wesen und damit überzeitlich sein könne, denn alles Wesen steht allerdings über der Zeit und wird von ihr nicht berührt.

      In diesem scheinbaren Widerspruch verbirgt sich indessen nichts anderes als das Problem der Zeit selbst.

      Ich beschränke mich hier auf die These, qua Arbeits-Hypothese: Die allgemeine Wesenheit des Denkens – als das ICH des Christus – ist das Denken eines wirklichen Menschen, ist das Denken Rudolf Steiners. Die geistige Kraft, die die Weltanschauung hervorbrachte, hat die notwendige Folge, mit diesen Ideen unterzutauchen in die Lebenswirklichkeit der Menschheit. Anthroposophie entsteht nicht zu diesem oder jenem Zwecke, sondern deswegen, weil eine Ideenwelt geschaffen ist, die aus sich selbst heraus dazu drängt, ihr eigenes Leben verströmend aus dem Leben der Menschheit zu haben, wenn sie, die Anthroposophie Rudolf Steiners, individuell gewollt wird, „fast schon egal wie gewollt wird.“

      Ihren Einwurf „Die Idee des Menschen existierte bereits vor dem »alten Saturn«“ betrachte ich als äußerst wichtig, ich möchte mir erlauben, eine kleine Korrektur anzubringen; „Der wirkliche physisch-geistige Mensch existierte schon vor dem alten Saturn“. Erinnern Sie sich bitte an die Philosophie der Freiheit, dass Ideen eines Trägers bedürfen….!

      Auch der weitere Einwurf Ihrerseits ist interessant: „Die Idee der Anthroposophie existierte bereits vor Rudolf Steiners Geburt.“ Das ist unmöglich, weil Anthroposophie historisch aus den Bedingungen der wesensnotbedürftigen Mitmenschen Rudolf Steiners mit-entstand. Ohne diese „historischen“ Mitmenschen gäbe es keine Anthroposophie. Und doch möchte ich Ihnen auch wiederum Recht geben, denn ich unterscheide Anthroposophie als Möglichkeit und als Wirklichkeit. Um die Möglichkeit in die Wirklichkeit entspringen zu lassen, benötigte sie erst noch einen Ernst Haeckel und seine „Natürliche Schöpfungsgeschichte“, oder auch, was identisch ist, das IX Kapitel der Philosophie der Freiheit, welches uns die Bedeutung des Ich-Bewusstseins schildert.

      Wolfgang Schumacher

  7. ronald wüthrich

    ist nicht das denken eine seelische tätigkeit? und diese tätigkeit ein organ der geistwahrnehmung? also auge im übertragenen sinn, denkblick, wie steiner es benennt?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.