Das mystische Lamm – 1908 – Zu Rudolf Steiners Christologie (12)

Swetizchoweli Kathedrale, Mzcheta Georgien

Christus im Tierkreis. Swetizchoweli Kathedrale, Mzcheta Georgien, 12. Jh.

In den Kontext experimenteller esoterischer Erläuterungen der spirituellen Wesenskunde, die verschleiern, indem sie enthüllen, fügt sich auch ein Vortrag, den Steiner am 27. Januar 1908 hielt. Aufgezeichnet wurde er von Walter Vegelahn. Im Druck nimmt er 13 ½ Seiten ein (GA 102). Er gehört zu einer Reihe fortlaufender Montagsvorträge, die von Januar bis Juni 1908 im Berliner Zweig stattfanden.[1]

In diesem Vortrag wird, wie es zu Beginn heißt, »ein weitergehender Ausflug in den Weltenraum« unternommen, um den »inneren Gang der Weltentwicklung« und den »intimen Zusammenhang« dieser Entwicklung mit der Entwicklung des Menschen auf der Erde aufzuzeigen. Im Verlauf der Ausführungen wird ein weiterer Schleier vor dem Allerheiligsten gelüftet und den Zuhörern bieten sich tiefere Einblicke in die vielschichtige Wesensoffenbarung des Christus.

Es ist ratsam, beim Versuch der Rekonstruktion von Steiners Christologie einige methodische Hinweise zu berücksichtigen, die sich mehrfach verstreut in den hier behandelten Vorträgen finden. Der erste bezieht sich auf die Wahrnehmung scheinbarer Inkonsistenzen: Man darf sich, so Steiner, »nicht verführen lassen durch scheinbare Widersprüche, die man da und dort finden könnte. Diese scheinbaren Widersprüche rühren davon her, dass man auch geistig eine Sache von den verschiedensten Gesichtspunkten aus anschauen kann. Man kann zum Beispiel um einen Baum herumgehen und von den verschiedensten Seiten ein Bild des Baumes entwerfen. Jedes Bild ist dann wahr. Es können hundert sein. Natürlich ist das nur ein Vergleich«[2], aber in gewisser Beziehung ist dieser Vergleich durchaus zutreffend. Die Wirklichkeit fächert sich in unzählige Perspektiven auf, und je nach Blickrichtung oder Standpunkt des Beobachters bietet sich ihm ein anderes Bild dieser Wirklichkeit dar. Allein diese wenigen Bemerkungen machen deutlich, wie haltlos der oft gegen Steiner erhobene Vorwurf ist, er habe sich als Verkündiger einer absoluten Wahrheit verstanden. Was schon von der alltäglichen Welt gilt, trifft noch viel mehr auf geistige Wesenheiten und ihre Wirkungen zu, da sie sich gegenseitig durchdringen und ineinander spiegeln. Man könnte sogar behaupten, die Welt werde umso komplexer und multiperspektivischer, je geistiger man sie betrachtet.

Der zweite Hinweis hängt mit dem ersten zusammen, auch er bezieht sich auf das Bedürfnis nach logischer Konsistenz: »Wenn man« bei der Betrachtung geistiger Tatsachen, ausgehend von den Prinzipien logischer Folgerichtigkeit, »schablonisieren würde, dann käme … ein bloßer Unsinn heraus. Denn Begriffe sind nur dann gültig, wenn man sie in ihrer Relativität begreift, wenn man weiß, dass jeder Begriff seine zwei Seiten hat«.[3] Mindestens zwei Seiten, im Grunde unzählbar viele, da letztlich jeder Begriff mit allen anderen zusammenhängt und nur durch andere begriffen werden kann, dann aber stets auch durch diese modifiziert wird. Selbst die scheinbar exakten mathematischen Gebilde können nicht nur auf eine einzige Art definiert werden. Je nachdem, welches Referenzsystem herangezogen wird, ergibt sich eine jeweils unterschiedliche Perspektive auf ein und denselben Inhalt.

Wie schon bei anderen Gelegenheiten werden im Vortrag vom 27. Januar 1908 die sieben Entwicklungsstufen der Erde vom alten Saturn bis zum Vulkan mit Stufen der Wesens- und Bewusstseinsentwicklung und den sieben Wesensgliedern des Menschen in Zusammenhang gebracht. Erstmals wird, soweit ich sehe, das Prinzip der Evolution auf ganze Sonnensysteme angewandt. Die Unterscheidung zwischen planetarischem Sonnenzustand und der Sonne als Fixstern tauchte bereits Ende 1905 in Steiners Vorträgen auf,[4] dass die Erde bestimmt ist, zur Sonne zu werden, wurde erstmals 1906 in den von Edouard Schuré aufgezeichneten Pariser Vorträgen zur Kosmogonie erwähnt,[5] nun wird von planetarischen Systemen gesprochen, die vom Planetendasein über das Fixstern- oder Sonnendasein zum Tierkreisdasein aufsteigen. Aus einem Planeten, der sich zum Fixstern und schließlich zum Tierkreis entwickelt, entsteht ein neues Planetensystem, indem die geistigen Wesenheiten, deren sichtbarer Ausdruck der Zodiak ist, sich hinopfern.

Auffallen kann, so Steiner, dass die Sonne in der geisteswissenschaftlichen Kosmogonie sowohl Planet als auch Fixstern ist. Als Planet erscheint sie in der Reihe vom alten Saturn bis zur Erde, als Fixstern im gegenwärtigen Sonnensystem. Genauer gesagt, war unsere Erde in einem früheren Planetendasein okkulte »Sonne«. Die Sonne, die heute den »Mittelpunkt unseres Planetensystems« bildet, »avancierte« im Lauf ihrer Entwicklung erst zum Fixstern. Unsere heutige Erde, die sich im hyperboräischen Weltalter, dem zweiten von sieben, von der späteren Sonne trennte (oder von ihr ausgestoßen wurde), wird sich im sechsten Weltalter wieder mit ihr vereinigen. Auf der nächsten Metamorphosestufe, dem okkulten »Jupiter«, wird sie sich noch einmal vorübergehend von der Sonne trennen, um schließlich im »Venuszustand« auf immer mit all ihren Wesen von ihr aufgenommen zu werden. Im Vulkanzustand wird unsere Erde selbst zur Sonne, einer Sonne, die etwas ins Sonnendasein einbringt, was sich nur im Durchgang durch den Erdenzustand entwickeln konnte: den Menschen als geistige Hierarchie der Freiheit und der Liebe.

Was geschieht mit einem Fixstern, einer Sonne, die sich zum Tierkreis weiterentwickeln? Wenn die Wesen, die auf einem Fixstern leben, »ihr Bewusstsein und ihre Wirkenssphäre so mächtig ausdehnen«, dass sie sich über viele Fixsterne ausbreiten – also galaktische Dimensionen erreichen –, und diese Fixsterne zu »Leibern« werden, die in sie eingebettet sind, haben sie den Rang von Tierkreiswesen erreicht und schaffen ein neues Planetensystem. Aus diesen Vorgängen lässt sich die Entstehung des alten Saturn verstehen, der »als erste sich ankündigende Morgendämmerung« unseres Planetensystems »im Weltenraum aufleuchtete«. Der alte Saturn war von einem Tierkreis umgeben, dessen schöpferische Kräfte seine Entwicklung in Gang setzten. Dieser Tierkreis war aber nicht so »verdichtet«, wie der heutige, sondern bestand aus Licht- oder Flammenstreifen, die sich erst im Lauf der Erdenentwicklung zu den heutigen Sternmassen verdichteten. Aus diesen Licht- oder Flammenstreifen ergoss sich die Wärme, das Feuer des Saturn, die erste physische Substanz, die in der Morgendämmerung unseres Planetensystems in Erscheinung trat. Der Tierkreis des Saturn hatte sich in einer Zeit entwickelt, auf die unsere heutigen Zeitmaße nicht anwendbar sind. Der Okkultist spricht von »Dauer«, im Gegensatz zur »Zeit«. Die Veränderungen in einem Tierkreis geschehen so langsam, dass sie aus der Perspektive eines Planeten oder Fixsterns als »zeitlos« erscheinen. Aber Zeit und Zeitlosigkeit sind relativ. Für den Menschen ist das planetarische Dasein eine Sphäre der Endlichkeit, der Tierkreis eine Sphäre der Unendlichkeit. Diese zeitphilosophischen Überlegungen sollte Steiner später in der Geheimwissenschaft aufgreifen.

Der alte Saturn entstand also »auf geheimnisvolle Weise« durch ein Opfer des Tierkreises, der ihn umgab. »Die Kräfte, die die erste Saturnmasse zusammenballten, waren die Kräfte, die aus dem Tierkreis niederströmten und die erste Keimanlage des physischen Menschen auf dem Saturn bewirkten«. Dieser Opfervorgang endete nicht etwa mit der Entstehung des alten Saturn, sondern dauert an, bis heute. Immerfort werden innerhalb eines Planetensystems Kräfte geopfert, die aus höheren Regionen in dieses System »hinunterregnen«. Gleichzeitig steigen aber auch Kräfte aus dem Planetensystem auf, da das, was dereinst Tierkreis werden soll, sich nach und nach zu diesem hinaufentwickeln muss. Unsere gegenwärtige Erde ist ein Strömungsmittelpunkt absteigender und aufsteigender geistiger Kräfte. Diesen Kreislauf absteigender und aufsteigender Kräfte kann man als »Himmelsleiter« bezeichnen, – von einer solchen spricht Goethes Faust, wenn er sagt: »Wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen und sich die gold’nen Eimer reichen, mit segenduftenden Schwingen vom Himmel durch die Erde dringen«.

Wenn es einen Anfang und ein Ende der Planetenentwicklung gibt, dann muss es auch eine Mitte geben. Diese Mitte stellt die Erde als vierte Stufe innerhalb des Reigens der sieben aufeinanderfolgenden planetarischen Metamorphosen dar. Und die Entwicklung der Erde erreicht ihrerseits eine Mitte, in der die absteigenden und die aufsteigenden Kräfte sich die Waage halten. Diese Mitte war die atlantische Zeit. Seither ist die Erde bereits wieder im Aufstieg begriffen, die aufsteigenden überwiegen mittlerweile die absteigenden Kräfte. Der gesamte Tierkreis ist also zusammengesetzt aus absteigenden und aufsteigenden Kräften; die aufsteigenden werden durch die Sternbilder Widder, Stier, Zwilling, Krebs, Löwe, Jungfrau und Waage repräsentiert, die absteigenden durch Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann und Fische. Das Verhältnis sieben zu fünf erklärt sich daraus, dass die Entwicklung unseres Planetensystems bereits über die Mitte hinausgeschritten ist. Die aufsteigenden Kräfte des Tierkreises entsprechen außerdem den höheren Gliedern des Menschen, die absteigenden müssen »durch den Menschen hindurch«, um sich in aufsteigende umzuwandeln. Der Mensch ist als Umschwungpunkt in gewaltige Ströme von Kräften eingebunden, die sich in ihm verwandeln.

Nun lenkt Steiner den Blick auf die treibenden Kräfte dieses kosmischen Umwälzungsprozesses, jene Wesenheiten, die auf der Himmelsleiter auf- und niedersteigen. Ausgegangen wird vom siebengliedrigen Menschen. Seine drei leiblichen Glieder sind das Ergebnis der vorangegangenen Metamorphosen der Erde (Saturn, Sonne und Mond), das Ich reift auf der Erde heran und Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch entstehen aus dessen Arbeit an den drei Leibesgliedern.

Die hierarchischen Wesenheiten, die auf der Himmelsleiter auf- und niedersteigen, können mit Hilfe dieser anthropologischen Begriffe charakterisiert werden: es gibt Wesen, deren unterstes Glied ein Ätherleib ist, die ein höheres geistiges Glied besitzen, das über dem Geistesmenschen steht (da Steiner vom physischen Leib des Menschen aus zählt, ein achtes). Wiederum andere besitzen als unterstes Glied einen Astralleib und zwei höhere Glieder (8 und 9), eine dritte Kategorie besitzt als unterstes Glied ein Ich und drei weitere geistige Glieder (8, 9 und 10).

Diese dritte Kategorie schildert Steiner so, wie er früher die Geister der Persönlichkeit des alten Saturn beschrieb: als Ichwesen, die nach allen Richtungen des Kosmos ausstrahlen und überall gegenwärtig sind. Ein knapper Hinweis erlaubt, sie zu identifizieren: in der Apokalypse werden sie als Wesen »voller Augen« bezeichnet. Der Hinweis lenkt den Blick auf die Verse 6-8 in Kapitel 4 der Apokalypse, in welchen der Seher eine Vision des göttlichen Thrones beschreibt: »Inmitten und im Umkreis des Thrones vier Lebewesen voller Augen vorne und hinten. Das erste Lebewesen glich einem Löwen, das zweite einem jungen Stier, das dritte hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und das vierte war wie ein fliegender Adler. Die vier Lebewesen hatten ein jedes sechs Flügel; rundherum und auch im Inneren waren sie voller Augen. Und ohne Unterlass riefen sie bei Tage und bei Nacht: ›Heilig, heilig, heilig der Herr, der göttliche Herrscher des Alls‹«. Die Tradition interpretiert diese sechsflügeligen Wesen »voller« Augen als Seraphim. Es ist anzunehmen, dass sich Steiner dieser Interpretation anschloss, sonst hätte er nicht auf die entsprechenden Verse verwiesen.

Schließlich ist von zwei weiteren Kategorien von Wesenheiten die Rede, deren unterstes Wesensglied das Geistselbst bzw. der Lebensgeist ist, die ein elftes bzw. zwölftes höheres Wesensglied besitzen. Folgt man der entwickelten Systematik und der Hierarchienlehre des Dionysios Areopagita, auf die Steiner sich seit Jahren bezog, müssten diese zwei Wesensarten, die über den Seraphim stehen – den Thronengeln, die den unmittelbaren Anblick der Gottheit genießen –, mit dem Heiligen Geist und dem Sohn gleichgesetzt werden. Beide werden von ihm als »erhabene Wesenheiten« bezeichnet, »die weit hinaufragen über alles, was der Mensch sich nur vorstellen kann«. Die Reihe der Wesen, von welchen Steiner hier spricht, reicht also von den Geistern des Willens bis zum Sohn.

Obwohl der Heilige Geist und der Sohn über alles »hinaufragen«, was der Mensch sich vorzustellen vermag, bemüht sich Steiner im Folgenden doch darum, eine annähernde, symbolische Vorstellung von ihnen zu erwecken. Er bedient sich dazu eines Vergleichs zwischen dem Menschen und dem Tierkreis. Der Mensch ist gegenüber dem Kosmos zunächst ein empfangendes Wesen. Er könnte nichts wahrnehmen und sich keine Begriffe im Anschluss an Wahrnehmungen bilden, wären ihm letztere nicht gegeben. Die Dinge müssen da sein, damit er sie in sein Bewusstsein, sein Erkennen aufnehmen kann. Auch der Ätherleib des Menschen empfängt seinen ganzen Inhalt aus der (kosmischen) Weltumgebung. Im Gegensatz dazu sind jene Wesenheiten, deren unterstes Glied der Lebensgeist ist, schöpferische, schaffende, schenkende Wesen. Sie empfangen ihr Leben nicht von außen, sondern verströmen es nach außen. Der Lebensgeist, ihr unterstes Wesensglied, ist substantiell betrachtet ein Ätherleib wie der menschliche, aber einer, der den Kosmos schöpferisch mit seinem Leben durchdringt.

Nun ist der Mensch selbst aus dem Tierkreis hervorgegangen, dessen Kräfte finden sich in ihm, er ist sein Abbild. Durch lange Zeiträume ist die Geburt seines Ich vorbereitet worden. Saturn, Sonne und Mond schufen die Hüllen, die es in sich aufnehmen sollten. Auf der Erde begann es, an diesen zu arbeiten und sie umzuwandeln. Solange das Ich noch nicht geboren war, wirkten auf den Menschen die absteigenden Kräfte des Tierkreises; als es in der Mitte des Erdendaseins (im atlantischen Weltalter) anfing, seine Hüllen zu bearbeiten, begannen geistige Kräfte aus ihm in den Tierkreis aufzusteigen. Im kosmischen Augenblick, »als das Ich in den Menschen einschlug«, hielten sich die beiden Kräfteströmungen die Waage. Daher »nannten die Okkultisten« das Sternbild, in dem die Sonne sich befand, als die Wirksamkeit des menschlichen Ich begann, Waage. Vom Widder bis zur Jungfrau wurde das Erscheinen des Ich vorbereitet, in der Waage begann es selbst zu wirken. (Das Ich ging also, im Gegensatz zu den Leibesgliedern, aus den aufsteigenden, nicht den absteigenden Kräften hervor). Von diesem Gesichtspunkt aus kann man das menschliche Ich als Kind einer Jungfrau, als jungfräuliche Geburt bezeichnen. Vom Zeitpunkt seiner Geburt an begann das Ich in den Tierkreis hineinzuwirken und je mehr es seine Leibesglieder umwandelt, umso mehr führt es ihm geistige Kräfte zu. »Nichts geschieht im Innersten des Ich, was nicht seine Folgen bis hinauf in den Tierkreis zieht«, heißt es im Notat. Der Mensch bildet durch seine Umwandlung immer mehr Kräfte aus, die in die Waage des Tierkreises hinauf wirken. Seine »volle Macht über die Waage« wird er erlangt haben, wenn sein Ich bis zum Geistesmenschen aufgestiegen ist. Dann wird er aus der Sphäre der Zeit in jene der Ewigkeit übergehen.

Während dieses Hinaufwirken des Menschen in den Tierkreis seine höchste Wesensäußerung ist, gibt es andere Wesen, die mit ihrem niedersten Wesensglied, ihrer äußersten Offenbarung, bis zur Waage herabreichen. Projiziert man die sieben Wesensglieder des Menschen auf den Tierkreis, entspricht sein physischer Leib den Fischen, sein Lebensgeist der Waage. Ihm steht ein anderes Wesen gegenüber, dessen unterstes Wesensglied sein durch die Waage repräsentierter Lebensgeist ist, der sich in den Kosmos ausgießt. In der Waage berühren sich also der menschliche und der kosmische Lebensgeist; die Geburt des Ich in der Waage kann man daher auch als die Ausgießung des kosmischen Lebensgeistes bezeichnen. So wie der Mensch sein Leben aus dem Kosmos empfängt, durchstrahlt jenes Wesen den Kosmos mit dem seinigen. Es vermag »das große Opfer zu bringen«, es ist dem Tierkreis als eine Wesenheit »eingeschrieben«, »die sich für unsere Welt opfert«. Aus dem Widder sendet sie ihre Gnadengaben herab. So wie der Mensch sein Ich zur Waage hinaufwendet, lässt diese Wesenheit ihr Innerstes durch die Waage herabströmen. Nun folgen die Schlüsselsätze: »Man bezeichnet diese Wesenheit daher als das sich opfernde ›mystische Lamm‹, denn Lamm ist dasselbe wie Widder; daher die Bezeichnung des sich opfernden Lammes oder Widders für Christus«. Christus gehört dem Kosmos an: »sein Ich strebt zum Widder« und erreicht es den Widder, »wird es zum großen Opfer«. In gewisser Weise, so Steiner, sind die Wesen und Kräfte, »die auf der Erde sind, seine Schöpfungen«. »Er steht seiner ganzen Wesenheit nach in der Sonne und ist in seinen Schöpfungen mit dem Mond und der Erde verbunden und seine Kraft liegt im Sternbild des Lammes. So liegen die Kräfte, dass er Schöpfer dieser Wesen werden konnte, im Sternbild des Widders oder Lammes«.

Bezieht man die sieben Wesensglieder dieses Lammes auf die Stufen der himmlischen Hierarchien, gelangt man zu einem überraschenden Ergebnis: sein oberstes Wesensglied ist der (überkosmische) Sohn, die »zweite Person« der Trinität, das unterste, den (kosmischen) Lebensgeist, bilden die Geister der Bewegung. Christus, der Sohn, reicht als himmlisches Wesen bis zu den Geistern der Bewegung.

Warum spricht Steiner vom »Ich« des Christus, »das dem Widder entgegenstrebt«, wo doch sein unterstes Wesensglied der Lebensgeist ist? Offenbar aufgrund einer direkten Analogie zum Menschen: wird das unterste Glied des mystischen Lammes mit dem physischen Leib des Menschen in Beziehung gesetzt, nehmen die Cherubim die Position des »Ich« ein und dieses Ich blickt gleichsam zu seinen höheren Wesensgliedern auf, an deren höchster Stelle der »Sohn« steht. Vorzustellen ist also eine Wesenheit, deren Bewusstsein vom Sohn bis zu den Geistern der Bewegung reicht und alle ihr untergeordneten Intelligenzen zu einer in sich differenzierten Einheit zusammenschließt.

Warum steht Christus »seiner ganzen Wesenheit nach in der Sonne und ist in seinen Schöpfungen mit dem Mond und der Erde verbunden«? Diese Aussage wird nicht näher begründet oder hergeleitet. Zwar ist uns die Bezeichnung des Christus als »Sonnengeist« oder »Regent der Sonne« bereits bekannt, aber als solcher – als führender Erzengel der alten Sonne[6] – nahm er in früheren Darstellungen einen gänzlich anderen (hierarchischen) Rang ein. Aus der Logik der Theosophie des Rosenkreuzers – im Juni 1907 hieß es: Christus, der »höchstentwickelte Feuergeist der Sonne«, sei durch seine Inkarnation in Jesus zum »planetarischen Geist der Erde« geworden – ist diese Aussage wohl zu verstehen, nicht mehr aber, wenn er hier als Wesen geschildert wird, dessen höchstes Glied der Sohn und dessen unterstes die Geister der Bewegung sind. In welcher Beziehung steht diese Wesenheit zu den Feuergeistern oder Erzengeln? Die Frage muss vorerst unbeantwortet bleiben.

Bei zwei weiteren Gelegenheiten kommt Steiner in seinen Montagsvorträgen auf die Hierarchien zurück: am 24. März und am 20. April. Im ersten dieser beiden Vorträge wird im Zusammenhang mit Erörterungen über den Mond als »Kosmos der Weisheit« und die Erde als »Kosmos der Liebe«[7] beiläufig das Motiv des »mystischen Lammes« aufgegriffen. Nicht näher bezeichnete geistige Wesen durchdrangen den Mond mit ihrer Weisheit, die dem Menschen auf der Erde aus der gesamten Schöpfung entgegenleuchtet. Erst auf der Erde aber vermag er die Kraft der Liebe zu entwickeln. Jene Wesen, die dem Mond die Weisheit »einträufelten«, lösten im hyperboräischen Weltalter die Sonne aus der Erde und errichteten auf ersterer ihre Wohnstätte. Nur einer von ihnen, Jahwe, erkor sich den Mond als Zentrum seiner Wirksamkeit. Die Erde ist für den Menschen die »Schule der Liebe«, er wird diese Kraft so in sie hineinarbeiten, dass sie der Menschheit des Jupiter aus allem entgegenströmt, wie heute die Weisheit des Mondes dem Erdenmenschen. Und es gibt einen »Besitzer des Liebesgeheimnisses«, den »Sonnengeist«, »den wir den Christus nennen«, und dieser Sonnengeist, »das mystische Lamm«, ist »das große Opfer der Erde«. Die Gründe für die Identifikation des »mystischen Lammes« mit einem »Sonnengeist« werden auch hier nicht näher erläutert.

Schließlich bietet der Vortrag vom 20. April Ansätze zu einer systematischen Hierarchienlehre. Allerdings beschränkt sich Steiner hier auf die unteren Kategorien, von den Engeln (Angeloi) bis zu den Geistern der Form (Exusiai). Zu Beginn werden alle neun Stufen, von den Angeloi bis zu den Seraphim, aufgezählt und sogar von dem, was »jenseits der Seraphim« liegt, ist kurz die Rede: »Erst dann, jenseits der Seraphim, würden wir von dem sprechen, was man im christlichen Sinn die eigentliche ›Gottheit‹ nennt«. Steiner nutzt jedoch diese Gelegenheit nicht für weitere positive – oder apophatische[8] – Aussagen, sondern flicht stattdessen eine Polemik ein. Der wirkliche Okkultismus nämlich, könne die »triviale Vorstellung« nicht teilen, der Mensch vermöge unmittelbar zur höchsten Gottheit aufzublicken, die Leugnung der Hierarchien sei nichts als eine »Bequemlichkeit des Geistes«.

Im Folgenden werden die Engel, Erzengel, Zeitgeister und Geister der Form mit ihren unterschiedlichen Wesensgliederungen und Bewusstseinsformen beschrieben. Während der Mensch aufgrund seines viergliedrigen Wesens mit seinem Bewusstsein die drei Naturreiche und sein eigenes »Reich« umfasst, besitzen die Engel keinen physischen Leib, also auch keine Organe, um die mineralische Welt wahrzunehmen. Ihr unterstes Wesensglied ist der Ätherleib und ihr Bewusstsein dringt nur bis in die Pflanzenwelt herab. Dafür besitzen sie ein vollausgebildetes Geistselbst; ihre Bewusstseinsform entspricht jener, die der Mensch auf dem Jupiter erreichen wird. Und sie »leiten« die Umwandlung des menschlichen Astralleibs in das Geistselbst. Jedem Menschen ist ein solches Engelwesen zugesellt, das ihn von einer Inkarnation zur nächsten begleitet und den Einklang schafft zwischen seiner geistigen Individualität und der Erdenentwicklung.

Das unterste Glied der Erzengel ist der Astralleib. Ihr Bewusstsein reicht daher nur bis in das Tierreich. Dafür haben sie bereits den Lebensgeist ausgebildet und vermögen nicht nur im Tierreich zu wirken, sondern auch in menschlichen Gemeinschaften, wie Stämmen oder Völkern, die durch den gemeinsamen Lebensgeist eines Erzengels der in den Ätherleibern ihrer Angehörigen wirkt, verbunden sind (Der Ätherleib ist der Gewohnheits- und Erinnerungsleib, also der Leib der Traditionen und der kollektiven Erinnerungen, aber auch der Träger des gemeinsamen Lebens, das über die Mütter durch die Generationen strömt). Daher können die Erzengel auch als Volksgeister bezeichnet werden. Eine solche Funktion kam z.B. dem Erzengel Michael als dem Antlitz Jahwes im »althebräischen Volk« zu.

Das Bewusstsein der »Urkräfte« oder Archai reicht nicht in die Tierwelt hinunter, sondern nur noch in das menschliche Ich. Und natürlich umfassen sie jenes der Engel und Erzengel, so wie die Erzengel das Bewusstsein der Engel umfassen. Das menschliche Ich ist aber jene Sphäre, in der alle Menschen gleich sind, daher kann man die Wirkenssphäre der Archai auch mit der Menschheit gleichsetzen: in ihrem Bewusstsein lebt die gesamte Menschheit – allerdings wechseln sie sich in den aufeinanderfolgenden Kulturepochen ab, sind also auch »Zeitgeister«. Ihre Tätigkeit wird im Folgenden durch eine Schilderungen der nachatlantischen Kulturepochen charakterisiert.

Schließlich die Exusiai, »Gewalten oder Offenbarungen«. Ihr Bewusstsein reicht über die Menschheit hinaus, umfasst die Engel, Erzengel und Zeitgeister und den gesamten Planeten. Zu ihnen gehören Jahwe und seine »Genossen«: Jahwe ist der Geist der Form des Mondes, seine Genossen sind die Elohim, die Lichtgeister oder Exusiai der Sonne.[8a] Diese Bemerkungen klären auch über die Geister auf, von welchen es am 24. März hieß, sie hätten den alten Mond zu einem Kosmos der Weisheit geformt und später die Sonne aus der Erde herausgelöst.

Schließlich weist Steiner auf eine »hohe Wesenheit hin, die über all dies«, d.h. die besprochenen hierarchischen Wesen und ihre Wirkenssphären, hinausgehe. Es handelt sich um die »Christus-Wesenheit«: »So haben wir uns zunächst von den unteren Stufen der dem Menschen übergeordneten Hierarchien, von den Engeln, Erzengeln und ein wenig auch von den Urkräften und Gewalten eine Anschauung gebildet – und nur erahnend vermögen wir zu einer noch höheren Wesenheit, zum Christus, aufzublicken.«[9] Wohin? Zu den Geistern der Bewegung, dem untersten Wesensglied des mystischen Lammes und zum Sohn, seinem obersten? So zumindest scheint es im Frühjahr 1908.

Vorheriger Beitrag: Christus als Regent der okkulten Sonne – 1907

Fortsetzung folgt

Anmerkungen:

[1] , Vorträge in Berlin vom 6.1.-11.6.1908, GA 102, Dornach 1984.

[2] GA 102, 16. März 1908, S. 82.

[3] GA 102, 24. März 1908, S. 106.

[4] 25. Oktober 1905, GA 93a.

[5] 12. Juni 1906, GA 94.

[6] GA 99, München, 2. Juni 1907.

[7] Dazu später.

[8] Die auf Plato bzw. Proklos zurückgehende apophatische oder negative (mystische) Theologie versucht sich dem jenseits der Kategorien der Logik liegenden Wesen der Gottheit durch Vermeidung aller affirmativen Aussagen zu nähern.

[8a] Eine ausführliche Untersuchung der vielschichtigen Äußerungen Steiner über Jahwe und sein Verhältnis zu Christus hat der Verfasser bereits 2005 im Jahrbuch für anthroposophische Kritik veröffentlicht.

[9] GA 102, 20.04.1908, S. 149-150

2 Kommentare

  1. Spannende Serie. Ein kritischer Punkt über den Mondtrennung und Jahwe. Der Aufsatz betont: Jahwe ist der Geist der Form des Mondes. In GA 102 heisst es genauer: der Herr der Form auf der Erde, der Regierer der Mondkräfte (S. 103, vgl. S. 57). Blavatsky habe laut Steiner “den Jahve-Gott verleumdet … als einen bloßen Mond-Gott“ (172.209). Ist dieser Eindruck nicht etwas was Steiner vermeiden möchte? Spricht er daher z.B. von Erden-Mondenwesen (13.254) und Erdenherr (149.67)?

    • Danke für die Hinweise. Wörtlich steht im Notat: »Nur diejenige Wesenheit, welche man als Jahve oder Jehova bezeichnet, die auf dem Monde zuletzt die volle Reife erlangt hat, wurde der Herr der Form auf der Erde, der Regierer der Mondkräfte«. Eine ausführliche Untersuchung zu Steiners Sicht Jahwes findet sich im Jahrbuch für anthroposophische Kritik 2005 (siehe Anmerkung 8a). – Da die hier veröffentlichte Serie Rudolf Steiners Weg zu Christus untersucht, ist ihr Gesichtspunkt streng historisch-chronologisch. Daher können Äußerungen Steiners, die aus Jahr 1909 (GA 13) oder 1916 (GA 172) – jedenfalls aus späteren Jahren – stammen, nicht als Kommentare herangezogen werden. Diese waren 1908 noch nicht veröffentlicht. Der Weg, den Steiner zurückgelegt hat, lässt sich nur nachvollziehen, wenn man sich auf den jeweiligen Standpunkt stellt, auf dem er selbst stand, soweit sich dieser in seinen mündlichen oder schriftlichen Äußerungen widerspiegelte. Andere Quellen stehen aber nicht zur Verfügung.

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