Christus als Regent der okkulten Sonne – 1907 (11)

Illustration aus Hinricus Madathanus, Geheime Figuren der Rosenkreuzer

Illustration aus Hinricus Madathanus, Geheime Figuren der Rosenkreuzer

Wie bereits dargestellt, begann Steiner Ende 1906 damit, Christus in Vorträgen zur Hierarchienwelt in Beziehung zu setzen. Am 6. Oktober 1906 wies er in München auf die Entsprechung zwischen den höheren Wesensgliedern des Menschen – Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch – und den christlichen Termini »Heiliger Geist, Sohn und Vater« hin. Am 2. November 1906 charakterisierte er Christus als einen »hohen Eingeweihten«, der die Stufe des »Vaters« erklommen habe, d.h. in den Rang eines Zeitgeistes (Archē) aufgestiegen war, indem er sich den Bewusstseinsinhalt und die Fähigkeiten jener geistigen Wesen aneignete, die im Astralleib, Ätherleib und physischen Leib des Menschen wirken. [1] Am 2. Dezember 1906 identifizierte er Christus mit dem Träger des kosmischen Lebensgeistes, jenem »Feuergeist« oder Erzengel, der zum Geist der Erde wird und das himmlische, nieversiegende Leben auf sie herabträgt. [2]

Das mit diesen Aussagen verbundene Erkenntnisproblem wurde ebenfalls angesprochen und darauf hingewiesen, dass Steiner diese Ansätze in seiner Vortragsreihe Die Theosophie des Rosenkreuzers im Juni 1907 [3] und in den Vorträgen über die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen 1912 in Helsingfors 1912 weiterentwickelte. Hier ist zu ergänzen, dass zwischen 1907 und 1912 weitere Darstellungen folgten, die für unsere Fragestellung von Bedeutung sind: die Hamburger Vortragsreihe über das Johannes-Evangelium 1908 [4], in der von Christus als dem »Sonnenlogos« (den sechs Elohim oder Exusiai der Sonne) gesprochen wird, die Geheimwissenschaft im Umriss, die 1909 erstmals in schriftlicher Form die vielschichtigen Beziehungen der Christuswesenheit zur Hierarchienwelt andeutet, soweit dies öffentlich möglich war, sowie die Münchner Vortragsreihe über die Geheimnisse der biblischen Schöpfungsgeschichte 1910, die Motive der vorausgegangenen Erörterungen aufgreift und weiter entwickelt.

Die Vorträge über die Theosophie des Rosenkreuzers [5], die im Anschluss an den von Steiner organisierten Münchner Kongress der Theosophischen Föderationen stattfanden (bei dem Annie Besant anwesend war), repräsentieren eine neue Komplexitätsstufe der Darstellung der Hierarchienlehre und damit auch der Christologie. Von diesen frei gesprochenen Vorträgen liegt nur eine von Camille Wandrey und Walther Vegelahn gemeinsam angefertigte, nicht wörtliche Nachschrift vor, die von Steiner nicht durchgesehen worden ist, obwohl die Vorträge zu seinen Lebzeiten (1911) als »Zyklus 2« in hektografischer Vervielfältigung erschienen. In der Gesamtausgabe umfassen die einzelnen Vorträge zwischen 9 und 16 Seiten. Der Titel stammt von Steiner selbst.

Hier ist eine ergänzende Bemerkung zu diesen frühen Vortragsnachschriften angebracht. Die Art, wie Steiner mit dem von ihm gesprochenen Wort umging, das eifrige Mitglieder aufzeichneten und entgegen seinem Willen mehr oder weniger richtig oder sachgemäß vervielfältigten, macht deutlich, welches Gewicht er ihm beimaß. Er war sich der Vorläufigkeit und Unabgeschlossenheit seiner Darstellungen, die durch das Kolorit der lokalen, zeitlichen und sozialen Umstände geprägt sind, in denen sie erfolgten, mehr als bewusst. Nur in seltenen Fällen schrieb er nachträglich den Inhalt von Vorträgen nieder oder verfasste Autoreferate. Dieselben Themen, die er in Schriften und in Vorträgen behandelte, erscheinen in beiden Medien in sehr unterschiedlicher Form. Sein oratorisches Wirken zielte nicht auf eine möglichst vollständige Entwicklung von Theorien, wie man sie von akademischen Vorlesungen vielleicht erwartet. Vielmehr war Steiner als Redner Situationskünstler, der seine Gedanken und ihre sprachliche Ausdrucksform aus der Wahrnehmung der Seelenverfassung seiner Zuhörer gestaltete. In seinen Münchner Vorträgen im Anschluss an den Kongress der Föderationen der Theosophischen Gesellschaft, kann man dem deutschen Generalsekretär buchstäblich bei seiner Übersetzungsarbeit zusehen, die er für die verbliebenen Teilnehmer des Kongresses mit ihren unterschiedlichen theosophischen Bildungsvoraussetzungen vollbrachte. Es ging darum, die Theosophie aus den abendländischen Geistestraditionen neu zu definieren – als rosenkreuzerisch-christliche Theosophie – und ein perennialistisch gestimmtes Publikum mit Sympathien für alte orientalische Weisheit mit dem nötigen Feingefühl auf das Licht des neuen Äons einzustimmen, das im Okzident aufgegangen war. [6] Und es ging darum, eine Gesellschaft zu gestalten, indem ihren Mitgliedern durch Ideenerlebnisse jene Motivation vermittelt wurde, die sie dazu bewegen konnte, gemeinsam die beschriebenen Erkenntniswege zu beschreiten. Es ging also einerseits um die Entfaltung von Erkenntnisinhalten, andererseits aber auch um die klassische Zielsetzung der Rhetorik, wie sie durch Aristoteles definiert worden war: Menschen, die eine Gesellschaft bildeten, vom Richtigen zu überzeugen, damit sie dieses Richtige verwirklichten. In diesem Fall war das Richtige der Weg zur Erkenntnis höherer Welten, auf den die ihm anvertrauten Geistesschüler zu bringen Steiner nach einem frühen Bekenntnis aus dem Jahr 1902 alles ihm Mögliche tun wollte. [7]

Dieses Ziel aber ließ sich nur durch eine »Popularisierung des Okkultismus« erreichen. »Es gibt kein anderes Mittel, die allgemeine Menschenverbrüderung herbeizuführen, als die Verbreitung der okkulten Erkenntnisse in der Welt«, so Steiner am 5. Juni 1907 im 13. Vortrag der Reihe über die Theosophie des Rosenkreuzers: »Es kommt darauf an, das Richtige zu tun, zu wissen, wie man diesen Bruderbund begründet. Nur Menschen, die in der gemeinsamen, für alle Menschen gültigen okkulten Wahrheit leben, finden sich zusammen in der einen Wahrheit«.

Die »Popularisierung des Okkultismus« um der Vereinigung der Menschheit willen, bezeichnete er geradezu als die »Mission« der Theosophischen Gesellschaft und des Zeitalters, das sie vorbereiten sollte, ihre »konkrete Aufgabe« bestehe darin, »die zerklüftete Menschheit, die aus den alten Bluts- und Stammesverbänden herausgerissen ist, zu verbinden durch die einheitliche okkulte spirituelle Wahrheit«. »Daher hat das Christentum und haben alle diejenigen Religionen, die wirklich religiöses Leben hatten, bewusst hingearbeitet auf die Durchbrechung der alten Blutsverbände; und einen radikalen Satz hat das Christentum hingestellt, der lautet: ›Wer nicht verlässt Vater, Mutter, Weib, Kind, Bruder, Schwester, der kann nicht meine Jünger sein‹. Das deutet auf nichts anderes hin, als dass treten muss an Stelle alter Blutsverbände das geistige Band zwischen Seele und Seele, zwischen Mensch und Mensch« (ebd.).

Und diese Popularisierung sollte nicht agitatorisch oder gar demagogisch erfolgen, sondern durch Einwirkung auf die Vernunft, das Erkenntnisvermögen: »Der Rosenkreuzer lässt die Tatsachen im Kosmos sprechen, denn das ist die unpersönlichste Art zu lehren«, teilte Steiner den Zuhörern im letzten Vortrag am 6. Juni mit. »Es ist ganz gleichgültig, wer vor ihnen steht, denn nicht durch eine Persönlichkeit sollen sie ergriffen werden, sondern durch das, was diese Persönlichkeit von den Tatsachen des Weltenwerdens zu Ihnen spricht. Daher ist in der Rosenkreuzer-Schulung jede unmittelbare Verehrung für den Lehrer gestrichen. Er beansprucht sie nicht, er braucht sie nicht« (ebd).

Nun –, die Münchner Vortragsreihe führt nach einer kurzen Geschichte des Rosenkreuzertums, das Steiner 1459, mit dem »ersten Auftreten« des Christian Rosenkreutz als Lehrer beginnen lässt, zunächst in die Anthropologie ein: hier wird die Wesenheit des Menschen beschrieben, die aus drei leiblichen, drei seelischen und drei geistigen Gliedern besteht, danach werden die seelische und die geistige Welt geschildert, die der Verstorbene durchwandert und sein Wiederabstieg zu einer neuen Geburt sowie sein Zusammenleben mit anderen in der geistigen Welt, im Anschluss daran das Schicksalsgesetz und die »Technik des Karma«. Im zweiten Teil der Reihe entfaltet Steiner Kosmogonie und Anthropogonie, ausgehend von einem Überblick über sieben »Bewusstseinszustände des Menschen«, die nacheinander durch Metamorphosestufen des Himmelskörpers ausgebildet werden, den er bewohnt, zwei weitere Vorträge behandeln diese Planetenentwicklung vom okkulten Saturn bis zum okkulten Mond en détail, schließlich wird die Geschichte der Menschheit auf der Erde von ihren Anfängen bis zur Gegenwart beschrieben und ein Ausblick auf die Zukunft gegeben, den eine Betrachtung des rosenkreuzerischen Schulungsweges abrundet, der in ebendiese Zukunft führt. All dies erscheint nach Inhalt und Aufbau wie eine Skizze der zwei Jahre später erschienenen Geheimwissenschaft im Umriss.

Die wenigen Sätze machen die Gesamtkomposition deutlich und lassen erahnen, dass das Gebäude der Theosophie des Rosenkreuzers ein wohldurchdachtes, in sich gegliedertes Gefüge von Gedanken- oder Erkenntniselementen ist, die systematisch aufeinander aufbauen und sich konsequent auseinander ergeben. Dies bringt Steiner auch selbst zum Ausdruck, wenn er im ersten Vortrag betont: »Niemand kann eine geistige Wahrheit direkt in den höheren Welten finden, der nicht einen höheren Grad spiritueller Fähigkeit – also des Hellsehens – entwickelt hat. Für das Auffinden der spirituellen Wahrheit ist das Hellsehen die notwendige Voraussetzung. Aber auch nur für das Auffinden, denn bis heute und auch bis lange in die Zukunft hinein wird von keiner wahren Rosenkreuzerei exoterisch etwas gelehrt werden, was nicht mit dem gewöhnlichen, allgemeinen logischen Verstande begriffen werden kann. Das ist es, worauf es ankommt. Wenn gegenüber dieser rosenkreuzerischen Form von Theosophie eingewendet wird, man gebrauche zum Begreifen Hellsehen, so ist das nicht richtig. Nicht die Fähigkeit des Wahrnehmens ist es, worauf es ankommt. Wer die rosenkreuzerische Weisheit nicht mit dem Denken begreifen kann, der hat nur seinen logischen Verstand noch nicht weit genug ausgebildet. Wenn man alles in sich aufnimmt, was die gegenwärtige Kultur gibt, was man heute erlangen kann, wenn man nur Geduld und Ausdauer hat und nicht zu bequem ist, um zu lernen, dann kann man begreifen und einsehen, was der Rosenkreuzer-Lehrer lehrt«. [8] Noch einmal wird dies zu Beginn des zweiten Vortrags hervorgehoben: »Obgleich alle Erkenntnisse der höheren Welten nur durch den Seher, durch die höherentwickelten geistigen Kräfte des Menschen gewonnen werden können, so arbeitet doch jene Methode [der Rosenkreuzer] auch darauf hin, dass das, was innerhalb der rosenkreuzerischen Theosophie zum Vorschein kommt, durch die Anwendung der gewöhnlichen Logik verstanden werden kann. Aufgefunden werden diese Erkenntnisse durch den entwickelten Sinn des Sehers, zum Begreifen ist aber gewöhnliche Menschenlogik ausreichend«. Einschränkend wird hier hinzugefügt: »Man darf aber nicht glauben, dass das, was in einem einzelnen Vortrag gesagt werden kann, schon jeder vermeintlichen Kritik standzuhalten vermag. Nur dann ist das der Fall, wenn man in Berücksichtigung aller für die Logik zugänglichen Gründe die Sache prüft«. [9]

Von Interesse für unsere Fragestellung sind vor allem die Ausführungen vom 2., 3. und 4. Juni 1907 über Kosmogonie und Anthropogonie, in welchen Steiner auch auf die Hierarchien zu sprechen kommt. Allerdings ist auch der zweite Vortrag vom 25. Mai von Bedeutung, weil hier das anthropologische Modell entwickelt wird, dessen Begrifflichkeit sich später in der Kosmotheogonie entfaltet.

Wie bereits 1904 in der Theosophie bietet Steiner auch in diesem Vortrag zwei Varianten der Wesensgliederlehre: eine sieben- und eine neunschichtige. »Seelenleib und Empfindungsseele sind eine Einheit im irdischen Menschen; ebenso Bewusstseinsseele und Geistselbst. – Dadurch ergeben sich sieben Teile des irdischen Menschen …« hieß es in der Theosophie. Vorangegangen war die gedanklich-meditative Entfaltung der Idee des Menschen, mit seinen drei leiblichen, seelischen und geistigen Gliedern. »Für den äußeren Anblick stecken zwei dieser (neun) Glieder der menschlichen Natur, Empfindungsseele und Seelenleib, gleichsam ineinander, wie das Schwert in der Scheide. Die Empfindungsseele steckt im Seelenleib, so dass sie beide als eines erscheinen. Ebenso sind Geistselbst und Bewusstseinsseele eins, so dass diese neun Glieder sich auf sieben reduzieren«, heißt es dazu im Notat des Vortrags vom 25. Mai. Die sieben Glieder aber sind: 1. physischer Leib, 2. Ätherleib, 3. Astralleib, »in welchem die Empfindungsseele steckt«, 4. Ich, 5. Geistselbst »mit der Bewusstseinsseele«, 6. Lebensgeist und 7. Geistesmensch. Diese sieben Glieder korrespondieren sowohl mit den sieben »planetarischen Bewusstseinsstufen«, als auch mit den sieben Verkörperungen des kosmischen Wohnortes des Menschen, den wir heute Erde nennen. Und die Bewusstseinswesen, die den geistigen Inhalt dieser aufeinanderfolgenden Verkörperungen bilden, werden mit Hilfe der anthropologischen Begrifflichkeit beschrieben.

Der Sinn des Durchgangs durch diese planetarischen Verkörperungen ist die Entfaltung der geistigen Totalwesenheit des Menschen – nicht nur als Idee, sondern auch als Wahrnehmung –, jener Wesenheit, die bereits in der ersten kosmischen Dämmerung des okkulten Saturn in Erscheinung trat. Kosmogonie und Theogonie (Geschichte der Engelreiche) ist von allem Anfang an Anthropogonie.

Im Grunde erschien bereits auf dem alten Saturn der ganze Mensch, wenn auch nicht als individuelles, selbstbewusstes Ichwesen, sondern als Lebens- und Bewusstseinsinhalt der Engelreiche. Zu diesem selbstbewussten Ichwesen wird er im Durchgang durch die planetarischen Entwicklungsstufen. Er soll aus dem Schoß der Götter hervortreten und sich ihnen als ihr Sohn gegenüberstellen, um dereinst wieder in den Chor der schöpferischen Geistwesen aufgenommen zu werden. Dazu bedarf er einer Organisation, die ein solches Selbstbewusstsein ermöglicht: diese Organisation muss dreigliedrig sein, damit sich in ihr das dreigliedrige Göttliche abzubilden vermag. [10] Denn die Trinität bildet sich in der gesamten Hierarchienwelt, im Kosmos, in den Naturreichen, im Menschen ab. Dieses Grundmotiv beherrscht Steiners Interpretation des Rosenkreuzertums und erscheint in zahllosen Variationen bis hin zum dreigegliederten Grundsteinmantram. Die Siebenheit ist die eingefaltete Neunheit, die Neunheit die ausgefaltete Siebenheit, beiden liegt die Dreiheit zugrunde. »Wir müssen in der Sieben die Neun erkennen, sonst werden wir nur zu einem theoretischen Anschauen kommen«, heißt es dazu im zweiten Vortrag.

Nun, was vom Menschen auf dem alten Saturn in Erscheinung trat, war eine Fatamorgana seines künftigen physischen Leibes, ein »Phantom«, wie Steiner in der Geheimwissenschaft im Umriss zwei Jahre später schreiben sollte. Dieser künftige physische Leib bestand nicht etwa aus festen, mineralisierten Substanzen oder Fleisch und Blut, sondern aus Wärme. Der Saturn war ein Wärmekörper. Im Umkreis dieses Wärmekörpers befand sich die Hierarchienwelt, in die das künftige Seelenwesen des Menschen unausgefaltet eingebettet war. Die Gefäße waren noch nicht zerbrochen. Engelwesen »arbeiteten« am physischen Leib des Menschen und schufen in diesem die »Anlagen«, die »Typen« der späteren Sinnesorgane. Man könnte das Physische am Saturn auch als eine gigantische, im Kosmos ausgebreitete menschliche Sinnesorganisation bezeichnen. Dieser »Himmelskörper« vermochte alles, was ihn an ätherischem Licht, Ton, Geruch und Geschmack umschwebte, zu spiegeln. Im Saturn bildete sich das geistige Leben der Hierarchien ab. Die Menschenseelen befanden sich in tiefem Trancebewusstsein, jenem Bewusstseinszustand, der die heutige mineralische Welt durchzieht, aber dieses Trancebewusstsein war zugleich ein Allbewusstsein. Nicht der Mensch nahm durch die Sinnesorgane des Saturn sein eigenes Leben wahr, sondern »höhere Geister«. Alles, so heißt es in der Aufzeichnung vom 2. Juni, »was die christliche Esoterik Boten der Gottheit, Engel, Erzengel, Urkräfte, offenbarende Mächte genannt hat, alles das war enthalten in dieser Saturnatmosphäre«.

Unter diesen Engelwesen gab es eine Gruppe, die dazumal auf der »Menschenstufe« stand, die also ein solches Selbst- oder Ichbewusstsein entwickelte, wie es der Mensch auf der Erde ausbildet. Nun folgt die Anwendung des siebengliedrigen anthropologischen Modells: So wie nämlich der Mensch aus sieben Gliedern besteht, drei bereits ausgebildeten leiblichen, einem vierten, dem Ich, das in Entwicklung begriffen ist und drei weiteren, die aus der Arbeit des Ich an den drei Leibesgliedern entstehen werden, so bestanden auch diese Engelwesen aus sieben Gliedern. Dass diese Erläuterung systematisch gedacht war, geht aus folgenden Sätzen hervor:

»Es gibt nun auch Wesenheiten, die keinen physischen Leib haben, deren niederstes Glied der Ätherleib ist. Sie haben den physischen Leib nicht nötig, um sich in unserer sinnlichen Welt zu betätigen; dafür haben sie ein Glied, das höher ist als unser siebentes. Andere Wesenheiten haben als niederstes Glied den Astralleib und dafür ein neuntes, und wieder andere, die als niederstes Glied das Ich haben, die haben dafür noch ein zehntes Glied. Wenn wir die Wesenheiten ansehen, die das Ich als unterstes Glied haben, müssen wir sagen, sie bestehen aus dem Ich, Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch. Dann kommt das achte, neunte und zehnte Glied, das, was die christliche Esoterik die göttliche Dreieinigkeit nennt: Heiliger Geist, Sohn oder Wort, Vater«.

Die Hierarchienwelt ist also genauso gegliedert wie der Mensch, die ontologische Schichtung setzt sich durch sie fort, oder besser: sie setzt sich in ihm fort, das ist der Sinn von Hierarchie. Der einzelne Mensch wird zu einem Abbild der in sich gegliederten himmlischen Hierarchie, diese ist sein Urbild. Was diese Hierarchie in sich trägt, setzt sie nach und nach – stufenweise – aus sich heraus, um es im Bilde anzuschauen und sich selbst in ihm zu erkennen. Auch auf allen folgenden planetarischen Entwicklungsstufen ist der Mensch das Instrument oder Organ, in dem sich die Engelwelt, die ihrerseits ein Bild der Gottheit ist, selbst erkennt – bis zur heutigen Erde, auf der er sich und in sich die Hierarchie, zuletzt die Gottheit erkennt.

Die Wesenheiten, deren »unterstes Glied das Ich war«, die von Steiner als »Geister des Egoismus« (»Geister der Ichheit«, der »Persönlichkeit«, »Asuras«) bezeichnet werden, standen (und stehen) in einer besonderen Beziehung zum Menschen. Sie bestrahlen die Oberfläche des Saturn, der aus nicht mehr als der Vorform seines physischen Leibes besteht, mit ihrer Ichheit und prägen diesem Leib die Form ihrer Persönlichkeit auf. Sie bereiten die Wärmesubstanz dieses Leibes darauf vor, dereinst Träger eines eigenständigen Ich zu werden. »Nur ein solcher physischer Leib, wie Sie ihn heute haben, mit Füßen, Händen und Kopf und den eingegliederten Sinnesorganen, konnte Ichträger werden auf … der Erde«. Der Keim zu dieser Fähigkeit wurde ihm auf dem Saturn in Gestalt der Sinne eingepflanzt. Auch auf den folgenden Stufen der planetarischen Entwicklung werden diese Geister der Ichheit den nach und nach erscheinenden Wesensgliedern des Menschen die Form der Ichheit einprägen. »Diese Geister haben durch alle folgenden Planeten die Menschheit geleitet. Sie sind die Erzieher der Menschen zur Selbständigkeit geworden«.

Die okkulte Sonne stellt die zweite planetarische Entwicklungsstufe dar. Nun zieht das kosmische Leben in den physischen Leib des Menschenvorfahren ein. Der Himmelskörper verdichtet sich vom Wärme- in den Gaszustand. Aus einem Teil der Anlagen der Sinnesorgane bilden sich Drüsen, Vorformen der heutigen Wachstums-, Verdauungs- und Fortpflanzungsorgane: »Alle Wachstums- und Fortpflanzungsorgane sind umgestaltete, vom Ätherleib ergriffene Sinnesorgane«, ein frappierendes Aperçu. Ebenso wie der Saturn war auch die Sonne von höheren Wesen umgeben. Nun aber erhob sich eine weitere Kategorie dieser Wesen auf die Stufe des Menschen und bildete am Sonnenleib ihr Ich aus. Diese Wesen besaßen als unterstes Glied nicht ein Ich, sondern einen Astralleib: die Engelwelt steigt also ab, während der »Mensch« aufsteigt; so wie dieser sich vom Mineralbewusstsein zum Pflanzenbewusstsein erhebt, indem ihm der Ätherleib eingegliedert wird, begeben sich die genannten Wesen in die Astralwelt herab, um von ihr aus in diesem Ätherleib zu wirken. Gleichzeitig legen sie jenes höchste Wesensglied, das die Geister der Ichheit auf dem Saturn besaßen, das von Steiner als »Vater« bezeichnet wurde, ab. Sie bestehen »aus Astralleib, Ich, Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch und dem achten Glied, dem, was die christliche Esoterik Heiliger Geist nennt, und endlich als neuntem Gliede dem Sohne, dem ›Wort‹ im Sinne des Johannes-Evangeliums. … Diese Geister lebten in der Atmosphäre der Sonne, die aus dem Feuer des einstigen Saturn bestand und atmeten dieses Feuer ein und aus, daher werden sie als ›Feuergeister‹ bezeichnet … Man nennt sie in der christlichen Esoterik Erzengel«. Das Folgende wird am besten wörtlich wiedergegeben, auch wenn die Nachschrift nicht wörtlich ist:

»Und der am höchsten entwickelte Geist, der auf der Sonne war als Feuergeist, der sich heute noch auf der Erde betätigt, mit höchstentwickeltem Bewusstsein, dieser Sonnen- oder Feuergeist, das ist der Christus, ebenso wie der höchstentwickelte Saturngeist der Vatergott ist. Für die christliche Esoterik war daher in dem fleischlichen Leibe des Christus Jesus ein solcher Sonnen-Feuergeist verkörpert, und zwar der höchste, der Regent der Sonnengeister. Damit er auf die Erde kommen konnte, musste er einen physischen Leib benutzen. Er musste unter denselben irdischen Bedingungen stehen wie der Mensch, um sich hier betätigen zu können.

So haben wir es zu tun auf der Sonne mit einem Sonnenleib, gleichsam mit einem Leibe des Sonnenplaneten, mit Ich-Geistern, die Feuergeister sind, und mit einem Regenten dieser Sonne, dem höchstentwickelten Sonnengeist, dem Christus. Während die Erde Sonne war, war dieser Geist der Zentralgeist der Sonne.

Als die Erde Mond war, war er höherentwickelt, aber er verblieb bei dem Mond. Als die Erde Erde ward, war er höchstentwickelt und verblieb bei der Erde, nachdem er sich mit ihr nach dem Mysterium von Golgatha vereinigt hatte. Er bildet so den höchsten planetarischen Geist der Erde. Die Erde ist sein Leib heute, wie dazumal die Sonne sein Leib war. Daher müssen Sie das Johannes-Wort wörtlich nehmen: ›Wer mein Brot isst, der tritt mich mit Füßen‹. Denn die Erde ist der Leib Christi, und wenn die Menschen, die das Brot essen, das dem Leibe der Erde entnommen ist, auf der Erde gehen, so treten sie mit Füßen den Leib des Christus«.

Die okkulte Sonne geht also in den »okkulten Mond« und dieser in die manifeste Erde über. Auch auf dem Mond treffen wir einen »regierenden Zentralgeist« an: »Wie uns der höchste Regent des Saturn, der Ich-Geist, als Vatergott erscheint, der höchste Regent, der höchste Gott der Sonne, der Sonnengott, als Christus, so wird uns der Regent der Mondengestalt der Erde als Heiliger Geist mit seinen Scharen erscheinen, die in der christlichen Esoterik die Boten der Gottheit, die Engel, genannt werden«.

An diese drei Stufen der planetarischen Entwicklung, an diese »Schöpfungstage« und ihre leitenden Geister, erinnern die Namen der Wochentage: »So haben wir zwei Schöpfungstage absolviert, die man in der esoterischen Sprache ›Dies Saturni‹ und ›Dies Solis‹ nennt. Dazu kommt: ›Dies Lunae‹, der Mond-Tag. Immer hat man das Bewusstsein gehabt, dass man es mit einer leitenden Gottheit des Saturn, der Sonne und des Mondes zu tun gehabt hat. Das Wort ›Dies‹ = Tag und ›Deus‹ = Gott hat denselben Ursprung, so dass ebensogut ›Dies‹ mit ›Tag‹ wie mit ›Gottheit‹ übersetzt werden kann. Man kann also ebensogut sagen für ›Dies Solis‹ Sonnentag wie Sonnengott und meint damit zu gleicher Zeit Christus-Geist«.

Im folgenden Vortrag, am 3. Juni, geht Steiner ausführlich auf die dritte planetarische Entwicklungsstufe der Erde, den okkulten Mond ein und kommt erneut auf die »Engel« bzw. den »Heiligen Geist« zurück. Dem kosmischen Menschen wird die Seele, der Astralleib, eingegliedert, er erlangt das Traum- und Bilderbewusstsein, in dem die Tiere noch heute leben, und auch sein physischer und sein Ätherleib werden, dem Astralleib entsprechend, umgebildet. Bereits auf der okkulten Sonne hatte sich ein Teil der Drüsenorgane zum späteren Sonnengeflecht (Solarplexus) ausgebildet, nun entstehen »durch die Arbeit des Astralleibs« am physischen Leib die Anfänge des animalischen Nervensystems, insbesondere jenes des Rückenmarks, die Weiterentwicklung des Rückenmarks zum Gehirn ist der Erde vorbehalten. Das »in die göttliche Grundsubstanz eingebettete Ich« des Menschen arbeitete aus der Umgebung des Mondes am dessen physischem Leib.

Nun tritt eine neue Kategorie von Engelwesen auf, deren »äußerster Leib« ein Ätherleib ist, an den sich Astralleib, Ich, Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch anschließen. Über diesen steht ihr achtes Wesensglied: der Heilige Geist. Sie erheben sich auf die Entwicklungsstufe des Erdenmenschen, bilden also auf dem okkulten Mond ihr Ichbewusstsein aus. Die »christliche Esoterik« nennt diese Wesen »Engel« (im engeren Sinn, auch »Geister des Zwielichts«, »Lunarpitri«, »Mondväter«), sie stehen heute »unmittelbar über dem Menschen, weil sie sich bis zur Stufe des Heiligen Geistes hinauf entwickelt haben«.

Zusammenfassend heißt es: »Die Geister der Ichheit hatten auf dem Saturn als Anführer eine Wesenheit, die man den Vatergott nennt. Die Geister des Feuers hatten auf der Sonne als Anführer den Christus, im Sinne des Johannes-Evangeliums den Logos. Auf dem Mond war der Anführer der Geister des Zwielichts dasselbe, was im Christentum der Heilige Geist ist«.

In der Theosophie des Rosenkreuzers erscheinen nacheinander als siebengliedrige Wesen: auf dem okkulten Saturn die Geister der Persönlichkeit oder »Ichgeister«, (Archai, Zeitgeister), auf der okkulten Sonne die Feuergeister (Erzengel) und auf dem okkulten Mond die Söhne des Zwielichts (Engel). Um die Glieder der hierarchischen Wesenheiten zu benennen, bedient sich Steiner des Modells der sieben menschlichen Wesensglieder. Das unterste Wesensglied der Archai auf dem Saturn ist das Ich, das oberste der »Vater«; das unterste der Erzengel auf der Sonne der Astralleib, das oberste der »Sohn« (»Christus, Logos«); das unterste der Engel auf dem Mond der Ätherleib, das oberste der »Heilige Geist«. Die jeweiligen Wesen sind Composita, die aus einer Reihe anderer geistiger Wesen bestehen, benannt werden sie nach dem hierarchischen Rang auf dem jeweils ihr Ich steht. Von den Geistern der Persönlichkeit auf dem Saturn könnte man z.B. sagen, dass sie sich als Ichwesen offenbaren, dass aber der Inhalt dieser Offenbarung aus ihren höheren Wesensgliedern besteht. Die jeweils höchsten Wesensglieder der drei Engelskategorien werden von Steiner als »Anführer« bezeichnet: die »Wesenheiten« des Vaters, des Logos und des Hl. Geistes können selbst wiederum nicht der Kategorie angehören, deren »Anführer« sie sind. Der »Vater« des Saturn ist kein Geist der Persönlichkeit, der »Logos« der Sonne kein Feuergeist, der »Hl. Geist« des Mondes kein Sohn des Zwielichts. Was aber sind sie dann?

Die Wesensglieder hierarchischer Wesen können selbst wiederum nur hierarchische Wesen sein, die durch sie wirken oder durch die sie wirken. Schlüsselt man diesem Grundsatz gemäß die sieben Glieder der Archai auf, erhält man Ich (= Archai), Geistselbst (= Exusiai), Lebensgeist (= Dynamis), Geistesmensch (= Kyriotetes), Heiliger Geist, Sohn, Vater. Die drei höchsten Glieder, die mit den Namen bezeichnet werden, die traditionell auf die Trinität angewandt wurden, stehen anstelle der Throne, Cherubim und Seraphim der Hierachienlehre des Dionysios Areopagita, den Steiner bereits in seinen Büchern über die Mystik und das Christentum als mystische Tatsache erwähnte.

Ausdrücklich als Lehre eines Eingeweihten behandelt Steiner – unter Verwendung einer merkwürdigen Redewendung – die »Götterlehre« des Areopagiten erstmals in einem Vortrag am 8. Oktober 1905 in Berlin [11]. Seine damaligen Ausführungen machen deutlich, dass er über dessen Hierarchien und ihren Zusammenhang mit der Trinität vollkommen im Bilde war: »Die Lehre von den Göttern ist zuerst in ein System gebracht worden von dem Schüler des Apostels Paulus, Dionysios dem Areopagiten«, heißt es in den ebenfalls nicht wörtlichen Nachschriften. »Sie ist aber erst im 6. Jahrhundert aufgeschrieben worden«, fährt Steiner fort. »Die Gelehrten leugnen deshalb die Existenz des Dionysios Areopagita und sprechen von den Schriften des ›Pseudo-Dionysios‹, als ob man erst im 6. Jahrhundert alte Überlieferungen zusammengestellt habe. Der wahre Sachverhalt ist nur zu konstatieren durch das Lesen in der Akasha-Chronik. Die Akasha-Chronik aber lehrt, dass Dionysios wirklich in Athen gelebt hat, dass er von Paulus eingeweiht worden ist und von ihm den Auftrag erhalten hat, die Lehre von den höheren Geistwesen zu begründen und besonderen Eingeweihten zu erteilen. Gewisse hohe Lehren wurden damals niemals aufgeschrieben, sondern nur durch mündliche Tradition fortgepflanzt. Auch die Lehre von den Göttern wurde so von Dionysios seinen Schülern gegeben und von diesen wiederum weitergegeben. Der direkte Schüler wurde dann mit Absicht wieder Dionysios genannt, so dass der letzte, der die Lehre von den Göttern aufschrieb, einer in dieser Reihe war, die alle Dionysios genannt wurden.

Diese Lehre von den Göttern, wie sie Dionysios gegeben hat, umfasst dreimal drei Glieder der göttlichen Wesenheiten.

Die höchsten drei sind: Seraphim, Cherubim, Throne.

Die nächste Stufe umfasst die Herrschaften, Mächte, Gewalten.

Die dritte Stufe umfasst die Urkräfte oder Anfänge, Erzengel und Engel.

Sooft in der Bibel steht ›am Anfang‹, bezieht sich das auf die Urkräfte oder Anfänge [εν αρχη = Archai]. ›Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde‹, das heißt: Der Gott des Anfangs, der auf dieser Stufe steht, schuf Himmel und Erde. – Es war eine von den Urkräften der dritten Abteilung der Hierarchien.

Über den Seraphim stehen dann göttliche Wesenheiten von solcher Erhabenheit, dass das menschliche Fassungsvermögen nicht ausreicht, um sie zu begreifen«. [12]

Umso erstaunlicher ist es, dass Steiner in der Theosophie des Rosenkreuzers seine offenkundige Modifikation dieser Hierarchienlehre – die er zwei Jahre davor direkt auf Paulus zurückgeführt  und ausdrücklich als Einweihungswissen bezeichnet hatte – , nicht als solche benennt, zumal er im vierzehnten Vortrag dieser Reihe, am 6. Juni, den rosenkreuzerischen Einweihungsweg ebenfalls auf Dionysios Areopagita zurückführt und als christlichen Weg bezeichnet: »Nicht ein unchristlicher Weg ist das [der Rosenkreuzerweg]; er ist nur ein für die modernen Verhältnisse eingerichteter christlicher Weg, der zwischen dem eigentlichen christlichen und dem Yogaweg liegt.

Dieser Weg hat sich zum Teil schon lange vor dem Christentum vorbereitet. Er nahm eine besondere Gestalt an durch jenen großen Eingeweihten, der in der esoterischen Schule des Paulus zu Athen als Dionysios der Areopagite jene Schulung begründete, aus der alle spätere esoterische Weisheit und Schulung hervorgegangen ist«. [13] Aus der vom Areopagiten begründeten Schulung ging also auch die rosenkreuzerische hervor, ja alle spätere esoterische Weisheit und Schulung.

Diese kritischen Hinweise mögen devotionell gestimmten Lesern müßig oder respektlos erscheinen, sie nehmen aber lediglich Steiner beim Wort, der seine Vortragsreihe mit der Versicherung eröffnet hatte: »bis lange in die Zukunft hinein wird von keiner wahren Rosenkreuzerei exoterisch etwas gelehrt werden, was nicht mit dem gewöhnlichen, allgemeinen logischen Verstande begriffen werden kann«. Das innere Verhältnis der »dreimal drei Glieder der göttlichen Wesenheiten« kann aber durchaus »mit dem Verstande begriffen werden«, ebenso, dass keines dieser »Glieder« in der überlieferten Lehre des Dionysios mit einer der drei Personen der Trinität identisch ist, auch wenn die Trinität die gesamte Neunheit durchwirkt und sich in ihr abbildet.

Steiners Ausführungen über die Geister der Persönlichkeit, die Feuergeister und Engel und ihre Beziehung zu den trinitarischen Aspekten der Gottheit können also bestenfalls als vorläufig bezeichnet werden.

Wenn er in seiner Theosophie des Rosenkreuzers die Ergebnisse seiner eigenen Geistesforschung wiedergab, woran zu zweifeln kein Grund besteht, dann kann es sich bei dieser erstaunlichen Identifikation der höheren Wesensglieder der Zeitgeister, Erzengel und Engel mit Gottvater, Sohn und Heiligem Geist lediglich um gewisse Abbildbeziehungen handeln. Statt mit der Trinität im eigentlichen Sinn hat man es mit ihrer Offenbarung in den Thronen, Cherubim und Seraphim oder anderen Engelwesen zu tun. In einem übertragenen Sinn können dann auch die drei höheren Wesensglieder des Menschen: Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch als Heiliger Geist, Sohn und Vater bezeichnet werden – weil sich in ihnen die höchste Dreiheit abbildet und sie eine Analogie derselben darstellen. [14] Daher sind auch die Naturreiche Offenbarungen der Trinität: im Mineralreich offenbart sich der Vater, in der Pflanzenwelt der Sohn und im Tierreich der Heilige Geist. Demnach sind auch die kategorischen Aussagen über Christus als »Feuergeist«, als Regent der Sonnengeister, als Erzengel, mit Vorsicht zu genießen. In der Tat wird Christus in den folgenden Jahren in Steiners Darstellungen immer weiter auf der Leiter der Hierarchien hinaufsteigen. Fast scheint es, als hätte Steiner in der Entwicklung seiner Christologie jenen Abstieg des Sohnesgottes durch die Hierarchienwelt, bei dem er »allen alles wurde« – wie Origenes, der dafür von der Westkirche verurteilt worden war, einst geschrieben hatte – rückläufig rekapituliert und wäre auf der Spur dieses Abstieges mit seiner Erkenntnis immer weiter aufgestiegen.

Vorheriger Beitrag: Das Mysterium von Golgatha – 1906

Anmerkungen:

[1] Vorträge in München vom 27. Oktober bis 6. November 1906, GA 94.

[2] Köln, 2. Dezember 1906, GA 97.

[3] GA 99, Vorträge vom 2. und 3. Juni 1907. Dazu später.

[4] GA 103, Hamburg 1908.

[5] GA 99, München, 22. Mai bis 6. Juni 1907.

[6] Die Vortragsreihe Der Orient im Lichte des Okzident hielt Steiner im August 1909 in München.

[7] Am 16. August 1902 in einem Brief an Wilhelm Hübbe-Schleiden: »Ich will auf die Kraft bauen, die es mir ermöglicht, ›Geistesschüler‹ auf die Bahn der Entwicklung zu bringen. Das wird meine Inaugurationstat allein bedeuten müssen«… Briefe II, Dornach 1953, S. 270.

[8] GA 99, 22. Mai 1907.

[9] GA 99, 25. Mai 1907.

[10] Gemeint sind die drei »Leiber«. Diese Leiber sind ihrerseits trinitarisch durchorganisiert: der physische Leib in Nerven-, rhythmisches und Stoffwechselsystem sowie die zwölfgliedrige Sinnesorganisation, der Ätherleib in sieben Lebensprozesse, die eine eingefaltete Neunheit sind, der Seelenleib in die drei Seelenglieder usw. Viele dieser Gesetzmäßigkeiten hat Steiner erst nach 1907 phänomenologisch zur Darstellung gebracht.

[11] GA 93a.

[12] Diese Schilderungen stammen wie gesagt aus einem Vortrag vom 8. Oktober 1905. Bereits einen Monat davor, im August 1905 erschien Heft Nr. 27 der Lucifer-Gnosis mit einem Aufsatz über »das Leben des Saturn«, in dem dieser Saturn als sukzessive Manifestation der Hierarchien des Dionysios beschrieben wurde. Die neun »Gattungen« hierarchischer Wesenheiten – von den Engeln bis zu den Seraphim – repräsentieren hier neun verschiedene Bewusstseinsstufen, die sich in den aufeinanderfolgenden Stufen der Saturnentwicklung offenbaren. Die Throne (Geister des Willens) werden als die »Schöpfer des Saturnmenschen« bezeichnet und verfügen über ein »schöpferisches, überspirituelles Bewusstsein«. Über den Thronen, Cherubim und Seraphim erheben sich »in Geisterweite« drei weitere Bewusstseinsstufen, »deren Beschreibung ganz unmöglich ist«. Der dionysischen Systematik entsprechend kann es sich bei diesen drei höchsten Bewusstseinsstufen nur um die göttliche Trinität handeln.

[13] GA 99, 4. Juni 1907.

[14] Dieses Prinzip der Spiegelung wendet Steiner beispielsweise in seinen Berliner Vorträgen »über den verlorenen und wieder zu errichtenden Tempel im Zusammenhang mit der Kreuzesholz- oder Goldenen Legende« am 5. Juni 1905 an (GA 93; die Sanskrit-Nomenklatur wurde im folgenden Zitat stillschweigend übersetzt): »Wenn die Menschen die Feueräthermaterie beherrschen können, können sie alles Physische beherrschen. Wenn sie das menschliche Physische beherrschen, dann können sie auch das übrige Physische beherrschen. Diese Kraft bezeichnet man als Vaterkraft, als den ›Vater‹ – alles also, wodurch eine Wesenheit mit unserer Erde in Zusammenhang steht, wodurch sie die physische Materie beherrschen kann. Wenn ein Mensch bis in den physischen Leib hinein solche Vaterkräfte auszuüben vermag, so bezeichnet man dies als Geistesmensch. So wird Geistesmensch dem Physischen zugeteilt.

Das zweite Wesensglied ist der Ätherleib, der entspricht dem Sohnesprinzip oder dem Logos, dem ›Wort‹. Wie der physische vom Geistesmenschen, so kann dieser Ätherleib vom Lebensgeist bewegt, innerlich gestaltet, in Vibrationen versetzt werden von dem Sohnesprinzip.

Das dritte Glied ist der Astralleib. Anfangs können wir auch ihn nicht beherrschen, und noch die wenigsten haben heutzutage eine bedeutende Macht über ihren Astralleib. In dem Maße, wie der Mensch von innen heraus den Astralleib beherrschen kann, nennen wir ihn mit Geistselbst begabt. …

Seit der Mitte der lemurischen Zeit beginnt nun der Mensch selbst an seinem Astralleib zu arbeiten. Alles was der Mensch von seinem Ich aus hineinarbeitet, was er durch Pflichten und Gebote zur Überwindung der rohen Begierden und Leidenschaften tut, trägt bei zur Veredelung des Astralleibes. Wenn er dann ganz durchdrungen sein wird mit der Arbeit des eigenen Ich, dann können wir ihn nicht mehr Astralleib nennen, dann ist er Geistselbst geworden. Wenn der ganze Astralleib in Geistselbst verwandelt ist, kann der Mensch beginnen in den Ätherleib hineinzuarbeiten, ihn in Lebensgeist zu verwandeln. Was er da hineinarbeitet, ist nichts anderes als das individualisierte Wort, das die christliche Esoterik auch den ›Sohn‹ oder ›Logos‹ nennt. Wenn der Astralleib zu Geistselbst wird, nennt sie dies den «Heiligen Geist», und wenn der physische Leib Geistesmensch geworden ist, nennt sie dies ›Vater‹. …

Zuerst arbeitete sich [in der lemurischen Zeit] der Heilige Geist in die Astralmaterie hinein. Dann arbeitete der mit der astralen Materie verbundene Geist in die Äthermaterie hinein, das ist der Sohn; und dann kommt der Vater, der die physische Dichtigkeit beherrscht. So wird in dreifacher Stufe der Makrokosmos aufgebaut: Geist, Sohn und Vater, und der Mensch, indem er sich wieder hinaufarbeitet, geht von dem Geist durch den Sohn zum Vater«.

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