Jacob Boehme über die sieben Geburten

William Blake, Gob blessing the seventh day

Übertragung ins Neuhochdeutsche: Lorenzo Ravagli.

Als sich die ganze Gottheit in dieser Welt zur Schöpfung bewegte, da bewegte sich nicht nur ein Teil und ruhte der andere, sondern da war alles zugleich in Bewegung, die ganze Tiefe …

Die Bewegung der drei Geburten währte sechs Tage und sechs Nächte lang, da alle sieben Geister Gottes in voller, bewegender Geburt standen, auch das Herz der Geister. Und der Salitter (die Substanz) der Erde drehte sich in dieser Zeit sechs mal in dem großen Rade herum, jenem Rad, das die sieben Quellgeister Gottes sind. Und in jeder Umwendung des Rades wurde eine besondere Gestalt nach dem vorwirkenden Quellgeist geboren.

Der erste Quellgeist ist die herbe, kalte, scharfe und harte Geburt und der gehört dem ersten Tage zu: in der siderischen Geburt (der himmlischen Geburt) nennen es die Astrologen die saturnalische (die Geburt des Saturn), die ist an dem ersten Tag verrichtet worden.

Denn da sind die harte, derbe, scharfe Erde und die Steine geworden und haben zusammen Gestalt angenommen, dazu ist die starke Feste des Himmels geboren und das Herz der sieben Geister Gottes in der harten Schärfe verborgen worden.

Den zweiten Tag eignen die Astrologi der Sonne zu, er gehört aber dem Jupiter, astrologisch gesprochen, denn am zweiten Tag ist das Licht aus dem Herzen der sieben Quellgeister durch die harte Qualität des Himmels durchgebrochen und hat eine Besänftigung in dem harten Wasser des Himmels bewirkt und das Licht fing an, in der Sanftmut zu scheinen.

Da haben sich die Sanftmut und das harte Wasser voneinander geschieden und das Harte ist in seinem Sitz geblieben als ein harter Tod und das Sanfte ist in der Kraft des Lichtes durch das Harte durchgebrochen.

Und das ist nun das Wasser des Lebens, das im Licht Gottes aus dem harten Tode geboren wird. So ist das Licht Gottes im süßen Wasser des Himmels durch den harten und herben finsteren Tod gebrochen und so ist der Himmel aus dem Wasser gemacht worden …

Der dritte Tag wird dem Mars zu Recht zugeeignet, weil derselbe bitter ist und ein wütender und beweglicher Geist. Im dritten Umgang der Erde hat sich die bittere Qualität mit der herben gerieben …

Du darfst nicht fragen: Wo ist Gott? Höre, du blinder Mensch, du lebst in Gott und Gott ist in dir und wenn du heilig lebst, so bist du selber Gott; wo du nur hinsiehst, da ist Gott …

O tue die Augen deines Geistes auf, du Menschenkind. Ich will dir hier die rechte und wahrhaftige, eigentliche Pforte der Gottheit zeigen …

Siehe, das ist der rechte einige Gott, aus dem du geschaffen bist und in dem du lebst: Wenn du die Tiefe des Alls und die Sterne und die Erde betrachtet, so siehst du deinen Gott. Und in demselben lebst und bist du und derselbe Gott regiert dich und aus demselben Gott hast du deine Sinne und bist eine Kreatur aus ihm und in ihm, sonst wärest du nichts.

Nun wirst du sagen, ich schriebe heidnisch! Höre und sieh und merke den Unterschied, wie dies alles sich verhält, denn ich schreibe nicht heidnisch, sondern philosophisch, so bin ich auch kein Heide, sondern ich habe die tiefe und wahre Erkenntnis des einigen großen Gottes, der Alles ist.

Wenn du ansiehst die Tiefe, die Sterne, die Elemente, die Erde, so begreifst du mit deinen Augen nicht die helle und klare Gottheit, obwohl sie allda und darinnen ist, sondern du siehst und begreifst zuerst mit deinen Augen den Tod, danach den Zorn Gottes und das höllische Feuer.

Wenn du aber deine Gedanken erhebst, und denkst, wo Gott sei, so ergreifst du die siderische (himmlische) Geburt, in der Liebe und Zorn gegeneinander aufwallen.

Wenn du aber den Glauben schöpfst an Gott, der in Heiligkeit in diesem Regiment regiert, so brichst du durch den Himmel und ergreifst Gott in seinem heiligen Herzen.

Wenn nun dies geschieht, so bist du wie der ganze Gott selbst, der da Himmel, Erde, Sterne und Elemente ist und hast auch ein solches Regiment in dir und bist eine solche Person, wie der ganze Gott in dem Ort dieser Welt es ist.

Vor den Zeiten des erschaffenen Himmels, der Sterne und Elemente, und vor der Erschaffung der Engel gab es keinen Zorn Gottes, keinen Tod, keinen Teufel, keine Erde, und auch keine Steine. Auch hat es keine Sterne gegeben, sondern die Gottheit hat sich selbst fein sanft und lieblich geboren, und hat in Bildern Gestalt angenommen, welche nach den Quellgeistern geformt worden sind, aus ihrem Gebären, Ringen und Aufsteigen, und diese sind auch wieder durch ihr Ringen vergangen und haben sich in eine andere Gestalt verwandelt, je nachdem wie jeder Quellgeist gerade wirkte …

Aber merke hier recht: …

Der ganze Gott steht in sieben Spezies oder siebenerlei Gestalt oder Gebärung. Und wenn diese Geburten nicht wären, so wäre kein Gott, kein Leben, keine Engel, noch irgendwelche Kreaturen.

Und diese Geburten haben keinen Anfang, sondern haben sich von Ewigkeit her geboren, und in dieser Tiefe weiß Gott selber nicht, was er ist. Denn er kennt in ihr keinen Anfang, nicht seinesgleichen und auch kein Ende.

Diese sieben Gebärungen sind in allem und es ist keine die erste, keine die zweite, dritte oder letzte, sondern sie sind alle sieben die erste, zweite, dritte, vierte und letzte. Doch muss ich nach Art der Kreaturen eine nach der andern setzen, sonst verstehst du es nicht, denn die Gottheit ist wie ein Rad, das aus sieben ineinandergeflochtenen Rädern besteht, an dem man weder Anfang noch Ende sieht.

Nun merke:

Zuerst ist die herbe Qualität, die wird von den andern sechs Geistern immerzu geboren. Sie ist in sich selbst hart, kalt, scharf, wie das Salz und noch viel schärfer. … Diese herbe, scharfe Qualität zieht zusammen und hält in dem göttlichen Leibe die Formen und Bildnisse und vertrocknet sie, dass sie bestehen bleiben.

Die zweite Gebärung ist das süße Wasser, das wird auch aus allen sechs Geistern geboren, denn es ist die Sanftmut, die aus den sechs andern geboren wird und sich in der herben Gebärung auspresst und die herbe immer wieder anzündet, löscht und besänftigt, dass sie ihre Herbigkeit nicht zeigen kann, und nicht was für eine Gewalt sie in ihrer eigenen Schärfe außerhalb des Wassers hat.

Die dritte Gebärung ist die Bitterkeit, die aus dem Feuer im Wasser entsteht, denn sie reibt oder ängstigt sich in der herben und scharfen Kälte und macht die Kälte beweglich, wovon die Beweglichkeit entsteht.

Die vierte Gebärung ist das Feuer, das entsteht aus der Beweglichkeit oder Reibung in dem herben Geist. Und dieses ist scharf-brennend, während die bittere stechend und wütend ist. Wenn sich aber der Feuergeist in der herben Kälte so wütend reibt, so ist da ein ängstliches, erschreckliches, zitterndes, scharfes, widerwilliges Gebären.

In dieser vierten Reibung ist harte und ganz erschreckliche, scharfe und grimmige Kälte, gleich einem zerschmolzenen und sehr kalten Salzwasser, welches doch kein Wasser wäre, sondern eine harte Kraft, so wie wir sie an den Steinen sehen. Und darinnen ist ein Wüten, Toben, Stechen und Brennen und das Wasser ist wie ein sterbender Mensch, wenn sich Leib und Seele trennen – eine ganz erschreckliche Ängstlichkeit und Wehe-Gebärung.

Wenn sich nun diese vier Gebärungen so miteinander reiben, dann tritt die Hitze an die erste Stelle und zündet sich im süßen Wasser an, da geht auf einmal das Licht auf.

Versteh dies recht.

Wenn sich das Licht entzündet, so geht der Feuerschreck (Feuerblitz) voraus, wie wenn du auf einen Stein schlägst: auch da siehst du erst den Feuerschreck, dann bildet sich das Licht aus dem Feuerschreck.

Nun fährt der Feuerschreck im Wasser durch die herbe Qualität und macht sie beweglich. Das Licht aber gebärt sich im Wasser aus und wird scheinend. Und es ist ein unbegreifliches, sanftes und liebreiches Wesen, das ich nicht auch nur annähernd beschreiben kann …

Dasselbe Licht wird mitten aus diesen vier Spezies geboren, aus dem fetten (lebenerfüllten) Anteil des süßen Wassers und erfüllt den ganzen Leib dieser Gebärung. Es ist aber ein solch sanftes Wohltun, Wohlriechen und Wohlschmecken, dass ich dafür kein anderes Gleichnis weiß, als das Leben, das mitten im Tod geboren wird, oder einen Menschen, der mitten in einer großen Feuersglut säße, der plötzlich aus ihr herausgezogen und in eine große Sanftmut gesetzt würde: wo er zuvor des Feuers Schmerzen gefühlt hätte, vergingen die nun urplötzlich und er würde in ein sanftes Wohltun gesetzt.

Das Licht, das sich aus dem Feuer gebärt und in dem Wasser scheinend wird und die ganze Gebärung erfüllt, erleuchtet und besänftigt, das ist das wahrhaftige Herz oder der Sohn Gottes, denn er wird aus dem Vater immer so geboren und ist eine andere Person, die Qualität und Gebärung des Vaters.

Denn die Gebärung des Vaters kann das Licht nicht erhaschen oder begreifen und zu ihrem Gebären gebrauchen, sondern das Licht steht frei für sich und wird von keiner Gebärung begriffen, sondern erfüllt und erleuchtet die ganze Gebärung als der eingeborene Sohn vom Vater (Joh 1,14).

Und dieses Licht nenne ich in der Menschengeburt die animalische Geburt oder der Seele Geburt, welche mit dieser gottesanimalischen Geburt wesensverwandt ist und darin ist  des Menschen Seele ein Herz mit Gott, aber nur, wenn sie auch in diesem Licht steht.

Die fünfte Gebärung in Gott ist nun, wenn dieses Licht ganz sanft und lieblich durch die ersten vier Gebärungen hindurchdringt, und so des süßen Wassers Herz und lieblichste Kraft mit sich bringt. Und wenn nun die scharfen Geburten dieses süße Wasser kosten, werden sie ganz sanft und liebreich und es ist, als ginge immerzu das Leben im Tode auf.

Da schmeckt ein jeder Geist den andern und jeder erhält neue Kraft, denn die herbe Qualität wird nun gar milde, denn des Lichtes Kraft aus dem süßen Wasser besänftigt sie. Und in dem Feuer geht die sanfte Liebe auf, denn es erwärmt die Kälte und das süße Wasser macht den scharfen Geschmack gar lieblich und sanft.

Und in den scharfen und feurigen Gebärungen ist nichts als eitel Liebesehen, Kosten, freundlich infizieren, holdselige Gebärung; da ist eitel Liebe und aller Zorn und alle Bitterkeit im Zentrum wie in einer großen Feste verriegelt; diese Gebärung ist ein gar sanftes Wohltun und der bittere Geist ist nun die lebendige Beweglichkeit.

Die sechste Gebärung in Gott ist nun, wenn die Geister in ihrer Geburt so voneinander kosten. Da werden sie ganz freudenreich, denn der Feuerblitz oder die Schärfe aus der Geburt steigt nun über sich und wallt gleich wie die Luft in dieser Welt.

Denn wenn eine Kraft die andere anregt, so kosten sie voneinander und werden ganz freudenreich, denn das Licht wird aus allen Kräften geboren und dringt wieder durch alle Kräfte. Dadurch und darin gebärt sich die erhebliche Freude, aus welcher der Ton entsteht. Denn aus dem Regen und Bewegen gebärt sich der lebendige Geist, und dieser Geist dringt durch alle Gebärungen. Er ist aber der Geburt ganz unfasslich und unbegreiflich und ist eine ganz freudenreiche, liebliche Schärfe, wie eine liebliche Musica. Und wenn nun die Geburt gebäret, so fasst es das Licht und spricht es wieder in die Geburt durch den wallenden Geist.

Und dieser wallende Geist ist die dritte Person in der Geburt Gottes und heißt Gott, der Heilige Geist.

Die siebte Gebärung ist und behält ihre Geburt und Formung in dem Heiligen Geist: Wenn derselbe durch die scharfen Geburten geht, so geht er mit dem Ton und formt und bildet allerlei Figuren, je nachdem, wie die scharfen Geburten miteinander ringen.

Denn sie ringen in der Geburt stets miteinander wie im Liebesspiel, und je nachdem die Geburt mit den Farben und dem Geschmacke im Aufsteigen ist, so werden auch die Figuren gebildet.

Und diese Geburt heißt nun Gott Vater, Sohn, Heiliger Geist. Und keine ist die erste und keine die letzte: und ob ich gleich einen Unterschied mache, und eine nach der andern nenne, so ist doch keine die erste und keine die letzte, sondern sie sind von Ewigkeit in gleichem Wesen und Sitz so gewesen.

Morgenröte im Aufgang, 1612. Auszüge aus dem 21., 22. und 23. Kapitel

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