Christus, der Sonnenlogos – 1908 (i) – Zur Christologie Rudolf Steiners (13)

Johannes, der Evangelist

Johannes, der Evangelist. Gero-Codex, 10. Jahrhundert

Mit den Hamburger Vorträgen über das Johannes-Evangelium im Mai 1908 (GA 103) stößt Steiners Darstellung der Christologie in eine gänzlich neue Dimension vor. Zwar begegnen uns viele Motive, die auch schon früher behandelt wurden, aber gleichzeitig treten vollkommen neuartige auf, insbesondere solche, die auf die Frage »Wer war Christus?« im Anschluss an den Prolog des Evangeliums Antworten zu geben versuchen.

Auch diese Vorträge wurden vor Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft gehalten, Walter Vegelahn hat sie aufgezeichnet. Sie nehmen im Druck zwischen 15 und 23 Seiten ein, sind also ebensowenig wie die bisher behandelten vollständige Wortprotokolle. Dennoch scheint das erhaltene Textmaterial von ungleich besserer Qualität, als das der vorangegangenen Jahre.

Steiner tritt in diesen Vorträgen als der virtuose Redner hervor, der er war, als Sprachkünstler, der alle Register und Modulationen des Ausdrucks meisterhaft beherrscht und sein Kunstmittel gleichzeitig wie ein Bildhauer handhabt, der mit dem Meißel seines Denkens plastische Geistgestalten aus der Substanz der Vorstellungen und Begriffe herausschlägt. Er malt expressionistische Sprachbilder, die ansonsten erforderliche, langatmige begriffliche Erörterungen in substantiellen Wendungen verdichten, deren Symbolkraft sich stellenweise zu mantrischer Form erhebt.

Das geisteswissenschaftliche Narrativ seiner extemporierten Rede ist das Narrativ eines Augenzeugen, dessen Zeugenschaft aus jedem Satz herausklingt und heute so gegenwärtig wirkt, wie vor über hundert Jahren. Und noch etwas lassen die Aufzeichnungen Vegelahns erkennen: den durchgehend argumentativen Gedankengang des Redners. Hier werden keine dogmatischen Wahrheiten verkündet, sondern in stringenter Folge nachvollziehbare Argumente entwickelt, durch die sich die meditative Gedankenentwicklung in fortschreitender Vertiefung immer mehr jenen Gipfelpunkten nähert, die im Zentrum dieser Darstellungen stehen, durch die sich neue Tiefen der Christuserkenntnis eröffnen. Nicht syllogistisch, deduktiv ist der Argumentationsgang, sondern explikativ, intuitiv, beweisend durch Analogie und Erzählung – und die Erzählung nähert sich dem Kern des Mysteriums in kreisenden Bewegungen, als würde sie von diesem unwiderstehlich angezogen und doch in heiliger Scheu immer wieder vor ihm zurückweichen.

Dass die Hamburger Vortragsreihe alle bisherigen an Bedeutung überragt, geht auch aus der Tatsache hervor, dass Steiner die ersten fünf Vorträge für die Zyklenausgabe korrigierte, die bereits ein Jahr später (1909) erschien. Etwas Derartiges geschah, wie bereits erwähnt, nur in wenigen Fällen. [1]

Um das Gesagte zu illustrieren, sei hier ein etwas längerer Auszug aus der Eröffnungspassage des ersten Vortrags vom 18. Mai 1908 wiedergegeben.

»Wenn die Geisteswissenschaft ihre wirkliche Aufgabe gegenüber dem modernen Menschengeist erfüllen will, dann muss sie zeigen, dass der Mensch, wenn er nur seine inneren Kräfte und Fähigkeiten gebrauchen lernt, die Kräfte und Fähigkeiten des geistigen Wahrnehmens, dass er dann, wenn er sie anwendet, eindringen kann in die Geheimnisse des Daseins, in das, was in den geistigen Welten hinter der Sinnenwelt verborgen ist. Dass der Mensch durch den Gebrauch der inneren Fähigkeiten zu den Geheimnissen des Daseins vordringen kann, dass er zu den schöpferischen Kräften und Wesenheiten des Universums durch seine eigene Erkenntnis gelangen kann, das muss der modernen Menschheit immer mehr zum Bewusstsein kommen.

Und so müssen wir sagen, dass die Geheimnisse des Johannes-Evangeliums unabhängig von jeder Tradition, von jeder historischen Urkunde von dem Menschen gewonnen werden können.

Man möchte, um das ganz deutlich zu sagen, einmal in einer extremen Weise das aussprechen. Dann könnte man so sagen: Nehmen wir an, durch irgendein Ereignis gingen alle religiösen Urkunden dem Menschen verloren und dieser behielte nur die Fähigkeiten, die er gegenwärtig hat, dann müsste er trotzdem – wenn er sich nur die Fähigkeiten, die er hatte, bewahrt – in die Geheimnisse des Daseins eindringen können; er müsste hingelangen können zu den göttlich-geistigen schaffenden Kräften und Wesenheiten, die hinter der physischen Welt verborgen sind. Und die Geisteswissenschaft muss durchaus auf diese, von allen Urkunden unabhängigen Erkenntnisquellen bauen.

Dann aber, wenn man also unabhängig forscht, wenn man unabhängig von allen Urkunden die göttlich-geistigen Geheimnisse der Welt erforscht hat, dann geht man an die religiösen Urkunden. Dann erst erkennt man sie in ihrem wahren Werte. Denn dann ist man in einer gewissen Weise frei und unabhängig von ihnen; man erkennt in ihnen dann, was man zuvor selbständig gefunden hat. Wer einen solchen Weg gegenüber den religiösen Urkunden eingeschlagen hat, von dem können Sie sicher sein, dass diese Urkunden niemals an Wert für ihn verlieren, niemals etwas verlieren von der Ehrfurcht und Verehrung, die man ihnen gegenüber haben kann.

Durch einen Vergleich mit etwas anderem lassen Sie uns einmal klarmachen, um was es sich dabei handelt.

Es könnte jemand sagen: Euklid, der alte Geometer, hat uns zuerst jene Geometrie gegeben, die heute ein jedes Schulkind lernt auf einer gewissen Stufe des Schulunterrichts. Aber ist das Lernen der Geometrie durchaus gebunden an dieses Buch von Euklid? Ich frage Sie, wie viele lernen heute die elementare Geometrie, ohne eine Ahnung zu haben von dem ersten Buch, in das Euklid die elementarsten Dinge über Geometrie hineingelegt hat? Sie lernen die Geometrie unabhängig von dem Buche des Euklid, weil sie einer Fähigkeit des Menschengeistes entspringt. Dann, wenn man Geometrie aus sich gelernt hat und hinterher an das große Geometriebuch des Euklid kommt, weiß man dies in der richtigen Weise zu würdigen; denn erst dann findet man das, was man sich zu eigen gemacht hat, und lernt die Form schätzen, in der die entsprechenden Erkenntnisse zum ersten Male aufgetreten sind. So kann man heute die großen Weltentatsachen des Johannes-Evangeliums durch die im Menschen schlummernden Kräfte finden, ohne von dem Johannes-Evangelium etwas zu wissen, wie der Schüler die Geometrie lernt, ohne von dem ersten Geometriebuche des Euklid etwas zu wissen«. [2]

1. Der Logos, der Fleisch wurde

Gleich im ersten Vortrag wendet sich Steiner dem zentralen Begriff des Johannes-Evangeliums zu, dessen kosmotheogonische Tiefen in den beiden folgenden Vorträgen ausgelotet werden: dem Begriff des Logos.

Jedem, der den Prolog dieses Evangeliums mit Verstand liest, muss laut Steiner klar sein, dass dessen Verfasser in Jesus von Nazareth »eine Wesenheit höchster geistiger Art« sah. Bezeichnete er doch den Urbeginn, aus dem alles entstanden ist, das Höchste, zu dem der menschliche Geist sich zu erheben vermag, als »Logos« und sagte von diesem, er sei »Fleisch geworden« und habe unter den Menschen gewohnt. Das »Prinzip« also, aus dem alles entstanden war, hatte sich laut dem Evangelisten in Jesus von Nazareth verkörpert. Was aber war mit diesem Logos im Urbeginn gemeint?

Zurückverwiesen wird nach Steiners Interpretation auf einen Zustand der Welt, in dem der mit Sprache begabte Mensch noch nicht vorhanden war: »Gehen wir zurück in der Entwicklung, so finden wir in früheren Zuständen den noch stummen Menschen, der nicht des Wortes fähig war; aber wie der Same von der Blüte herkommt, so kommt der stumme Menschensame von dem sprechenden, wortbegabten Gotte im Urbeginn her. Wie das Maiglöckchen den Samen und der Same wieder das Maiglöckchen erzeugt, so erzeugt das göttliche Schöpferwort den stummen Menschensamen; und als das göttliche Schöpferwort hineinschlüpft in den stummen Menschensamen, um darin wieder aufzugehen, tönt aus dem Menschensamen das ursprüngliche göttliche Schöpferwort hervor«. Aus dem anfangs unvollkommenen Menschen sollte zuletzt »als Blüte der Logos oder das Wort, das das Innere der Seele enthüllt« erscheinen. So knüpfe der Verfasser des Evangeliums die Existenz des Menschen an den Logos des Urbeginns.

Der Logos, der am Anfang bei Gott war, ist heute beim Menschen, einst war er göttlich, heute ist er menschlich. Wie aber wurde er Mensch?

Auf diese Frage geht Steiner im zweiten Vortrag ein, der den Blick auf die Kosmotheogonie lenkt. Hier begegnet uns die bereits bekannte planetarische Metamorphosenreihe. Auf dem »alten Saturn« war vom Menschen lediglich der physische Leib vorhanden. Dieser hätte nicht existieren können, wenn ihn nicht schon damals höhere Wesensglieder durchdrungen hätten. Das waren aber nicht die Wesensglieder, die dem Menschen erst in den folgenden planetarischen Zuständen zuteil wurden, sondern Ätherleib, Astralleib und Ich göttlich-geistiger Wesenheiten. Diese Wesenheiten blieben auch mit dem Menschen verbunden, als er stufenweise aus der kosmischen Nacht hervorwuchs und zur Epiphanie des Lebens, des Lichtes und des Selbstbewusstseins wurde.

Am Menschen, so wie er heute existiert, muss daher dreierlei unterschieden werden: seine drei Leiber, die in der kosmischen Vergangenheit aus dem Schaffen der Götter entstanden, die weiterhin von diesem Göttlichen durchdrungen sind, das Ich, das ihm auf der Erde zuteil wurde, und das, was dieses Ich aus seinem kosmischen Erbe gemacht hat. Der Sinn der Reinkarnation besteht darin, das von den Göttern Gegebene zu individualisieren, ihm die Gestalt des Ich zu verleihen. Diese Transformation des kosmischen Erbes eröffnet einen Blick in die Zukunft: einen Zustand, in dem die drei kosmischen Potenzen vollkommen in Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch umgewandelt sein werden. Das Göttliche, das in sie hineinverzaubert wurde, wird durch das Ich, dessen Erscheinen sie erst ermöglichten, individualisiert sein. Solange diese Aneignung nicht erfolgt, wirkt dieses Göttliche ohne Wissen des Menschen in seinen Leibern. Und es wirkte vom ersten Aufglimmen des saturnischen Leibes auf diese ferne Zukunft hin, indem es diese Zukunft in ihm veranlagte.

Der Mensch ist ein Bild des Logos. Schon der saturnische Leib des Menschen ist sein Abbild und jener sein Urbild. Wie wir aus früheren Darstellungen Steiners wissen, spiegelte sich im Saturn, dieser gigantischen ätherischen Sinnesorganisation, die sich bis zum Wärmezustand verdichtete, die gesamte geistige Umgebung. Das ist konkret mit Abbild des Logos gemeint.

Während der saturnische Leib eine Art Automat war, den die Schöpferkraft des göttlichen Geistesmenschen durchdrang, gliederte sich ihm auf der Sonne der Lebensleib ein, und in diesem wirkte wiederum der göttliche Lebensgeist. Leben wurde der Logos auf der Sonne, indem er den Menschenleib mit Leben erfüllte. Auf dem Mond gliederte sich ihm der astralische Leib ein, in dem das göttliche Geistselbst wirkte. Der Astralleib aber ist ein Lichtleib. Dieser Lichtleib gestaltete um, was er vorfand, der Logos wurde Licht und prägte sich der Finsternis ein. So wie das physische Sonnenlicht eine Verkörperung des »geistig-göttlichen, aurischen Weltenlichtes« ist, so ist der Leib des Menschen umgestaltetes Astrallicht.

Auf der Erde wiederum trat das Ich hinzu. Dadurch erlangte der Mensch die Fähigkeit, nicht nur im Licht und im Leben zu existieren, sondern sich dem Logos, dem Leben und dem Licht auch erkennend gegenüberzustellen.

Der Logos des Anfangs war aber nicht nur das Urbild des physischen Menschenleibes, er liegt allen Dingen zu Grunde. Tiere, Pflanzen und Mineralien sind nach dem Menschen entstanden. Auf dem Saturn trat als erstes der Mensch in Erscheinung; auf der Sonne kam das Tierreich hinzu, auf dem Mond das Pflanzenreich und auf der Erde das Mineralreich. Auf der Sonne wurde der Logos Leben, auf dem Mond Licht; und dieses Licht wurde, als der Mensch Ich-begabt war, für den Menschen in der äußeren Welt sichtbar, schließlich trat es in leibhaftiger Gestalt vor ihn. Der Mensch sollte lernen, den Logos zu erkennen. In das menschliche Innere, in die Finsternis, in die Nichterkenntnis schien nunmehr das Licht. Und der Sinn des menschlichen Daseins auf der Erde besteht darin, diese Finsternis zu durchdringen und das Licht des Logos erkennend in sich aufzunehmen.

2. Die Erde als Kosmos der Liebe

Im dritten Vortrag wird diese Geschichte des kosmischen Menschen fortgeführt.

»Wie eine Art Same« kam der Mensch vom alten Mond, bestehend aus physischem Leib, hervorgegangen aus dem göttlichen Urwort, aus Äther- oder Lebensleib, hervorgegangen aus dem göttlichen Leben, aus astralischem Leib, hervorgegangen aus dem göttlichen Licht. Im Innern dieses Samens wurde das Feuer des Ich entzündet. Und die dreifache Leiblichkeit erlangte die Fähigkeit, »Ich-bin« zu sagen. Die Erde ist der Ort, an dem der Mensch zum Selbstbewusstsein gelangt.

Mit diesem Ich ist die »Mission«, die planetarische Aufgabe der Erde verbunden: sie soll – durch das Menschen-Ich – zum Träger der göttlichen Liebe werden und diese Liebe zur höchsten Entfaltung bringen. Liebe soll die Erde immer mehr durchdringen. So wie der alte Saturn der Kosmos der Schönheit war, ein Weltgebilde, das die himmlische Welt vollkommen widerspiegelte, die alte Sonne der Kosmos der Stärke, den das göttliche Leben durchdrang und der alte Mond ein Kosmos der Weisheit, so soll die Erde zum Kosmos der Liebe werden. [3] Heute durchsetzt die göttliche Weisheit die gesamte Natur und der Mensch nimmt sie erkennend in sich auf. Im Lauf der irdischen Weltalter eignet er sie sich immer mehr an.

Ebenso, wie sich auf dem Mond die Weisheit entwickelte, entwickelt sich auf der Erde die Liebe. Mit dem ersten Aufleuchten des Ich im Menschen, in der lemurischen Zeit [4], tritt sie in ihrer ursprünglichsten Form, als sinnliche Liebe in Erscheinung und wird sich immer mehr vergeistigen, wie in Platos Symposion, bis am Ende der Erdenzeit der ganze Planet von Liebe durchdrungen sein wird, sofern der Mensch die ihm zugedachte Aufgabe erfüllt. Auf die Erde wird der Jupiterzustand folgen, und die Wesen, die auf diesem ätherischen Weltkörper »so herumwandeln werden wie die Menschen auf der Erde, werden ebenso aus allen Wesen die Liebe herausduftend finden«, die der Mensch in sie hineingelegt hat, wie er heute die Weisheit in allen Dingen findet. Und sie werden sich zu dieser aus dem Jupiter »herausduftenden Liebe« so verhalten, wie sich der Mensch heute zur Weisheit verhält: sie werden sie in sich aufnehmen und »aus ihrem Innern heraus entwickeln«, sie individualisieren. »Die große kosmische Liebe, die jetzt auf der Erde ihr Dasein beginnt, wird dann alle Dinge durchdringen«.

Voraussetzung der Liebe ist das Selbstbewusstsein. »Kein Wesen kann ein anderes im vollen Sinne lieben, wenn diese Liebe nicht eine freie Gabe gegenüber dem anderen Wesen ist. Meine Hand liebt nicht meinen Organismus. Nur ein Wesen, das selbständig ist, das losgeschnürt ist von dem anderen Wesen, kann dieses lieben«. Deswegen muss der Mensch zu einem Ich-Wesen werden, damit die Erde ihre kosmische Mission erfüllen kann.

Nach und nach muss der Mensch »an seine Erdenmission« herangeführt werden. Noch bevor er sein volles Selbstbewusstsein erlangt und im hellen Tagesbewusstsein die Gegenstände um sich herum wahrnimmt, wird ihm »der erste Unterricht der Liebe« erteilt. Dem hellsehenden, aber träumenden Bewusstsein wird sie eingepflanzt. Der göttliche Geist »träufelt die ersten Keime alles Liebeswirkens« in der Nacht, während des Schlafs, in die Menschenseele. »Der Gott, der die eigentliche Erdenmission auf die Erde bringt, offenbart sich zuerst zu nächtlicher Zeit dem dumpfen, hellseherischen Bewusstsein, bevor er sich dem hellen Tagesbewusstsein offenbaren kann«. Das Licht scheint in die Finsternis und die Finsternis vermag es anfangs noch nicht zu begreifen.

Als aber das helle Tagesbewusstsein erwacht, was wird dem Menschen sichtbar? Das Licht. Und was ist dieses Licht? Eine Offenbarung göttlicher Kräfte. Im Licht der Sonne, in allem, was dieses Licht erleuchtet, offenbart sich der göttliche Geist. Und diesen göttlichen Geist, der sich im Licht offenbart, nennt »die christliche Esoterik« den Logos, das Wort. Der Logos ist »die unsichtbare Welt hinter der sichtbaren Tageswelt«. Alles ist aus ihm entstanden, alles ist seine Verkörperung. »So wie die Seele des Menschen unsichtbar im Inneren des Leibes waltet und sich diesen Leib schafft, so schafft sich in der Welt jedes Seelische einen passenden Leib und offenbart sich durch diesen Leib«.

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Anmerkungen:

[1] Andere Beispiele sind der sogenannte »Volksseelen-Zyklus«, Kristiania, Juni 1910 (GA 121) oder die drei Kopenhagener Vorträge über die geistige Führung des Menschen und der Menschheit, Juni 1911 (GA 15).

[2] GA 103, 18. Mai 1908.

[3] Ein imaginativer Abglanz dieser Vierheit findet sich in Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie in Gestalt der vier Könige: »Die Alte eilte weg, und in dem Augenblick erschien das Licht der aufgehenden Sonne an dem Kranze der Kuppel, der Alte trat zwischen den Jüngling und die Jungfrau und rief mit lauter Stimme: Drei sind die da herrschen auf Erden: die Weisheit, der Schein und die Gewalt. Bei dem ersten Worte stand der goldne König auf, bei dem zweiten der silberne und bei dem dritten hatte sich der eherne langsam emporgehoben, als der zusammengesetzte König sich plötzlich ungeschickt niedersetzte …

Der Mann mit der Lampe führte nunmehr den schönen, aber immer noch starr vor sich hinblickenden Jüngling vom Altare herab und gerade auf den ehernen König los. Zu den Füßen des mächtigen Fürsten lag ein Schwert, in eherner Scheide. Der Jüngling gürtete sich. – Das Schwert an der Linken, die Rechte frei! rief der gewaltige König. Sie gingen darauf zum silbernen, der sein Zepter gegen den Jüngling neigte. Dieser ergriff es mit der linken Hand, und der König sagte mit gefälliger Stimme: Weide die Schafe! Als sie zum goldenen König kamen, drückte er mit väterlich segnender Gebärde dem Jüngling den Eichenkranz aufs Haupt und sprach: Erkenne das Höchste!

Der Alte hatte während dieses Umgangs den Jüngling genau bemerkt. Nach umgürtetem Schwert hob sich seine Brust, seine Arme regten sich und seine Füße traten fester auf; indem er den Zepter in die Hand nahm, schien sich die Kraft zu mildern und durch einen unaussprechlichen Reiz noch mächtiger zu werden; als aber der Eichenkranz seine Locken zierte, belebten sich seine Gesichtszüge, sein Auge glänzte von unaussprechlichem Geist, und das erste Wort seines Mundes war Lilie.

Liebe Lilie! rief er, als er ihr die silbernen Treppen hinauf entgegeneilte; denn sie hatte von der Zinne des Altars seiner Reise zugesehn: liebe Lilie! was kann der Mann, ausgestattet mit allem, sich Köstlicheres wünschen als die Unschuld und die stille Neigung, die mir dein Busen entgegenbringt? O! mein Freund, fuhr er fort, indem er sich zu dem Alten wendete und die drei heiligen Bildsäulen ansah, herrlich und sicher ist das Reich unserer Väter, aber du hast die vierte Kraft vergessen, die noch früher, allgemeiner, gewisser die Welt beherrscht, die Kraft der Liebe. Mit diesen Worten fiel er dem schönen Mädchen um den Hals; sie hatte den Schleier weggeworfen und ihre Wangen färbten sich mit der schönsten unvergänglichen Röte.

Hierauf sagte der Alte lächelnd: Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet, und das ist mehr«.

Die vier Stufen finden sich auch in den Sephiroth Chesed, Gewurah, Tipheret und Schechina wieder.

[4] Diese Aussage über das »erste Aufleuchten des Ich in der lemurischen Zeit« scheint im Widerspruch zu stehen zu der Behauptung, dieses Ich habe in der atlantischen Zeit begonnen, seine Hüllen zu bearbeiten (27.01.1908, GA 102). Aber das »erste Aufleuchten« ist nicht mit der Wirksamkeit an den Hüllen gleichzusetzen und zwischen dem Eintritt dieses Ich in den Astralleib und dessen Erwachen zu sich selbst in der Bewusstseinseele liegen Jahrzehntausende der Lust und des Leides.

2 Kommentare

  1. ronald wüthrich

    Der Logos ist »die unsichtbare Welt hinter der sichtbaren Tageswelt«.
    ich denke heute würde steiner sagen: „… innerhalb der sichtbaren tageswelt“.
    dieses „hinter“ erzeugt bei mir immer eine art dualismus, wie das „ding an sich“ … brr
    & ich denke es hängt auch mit der wiederkunft des X im aeth. zusammen, dass dieses „hinter“ nicht mehr adäquat ist

    • Darin: Kern und Schale. Darüber, darunter: im Bewusstsein der Engel. Dahinter: auf der Rückseite des Spiegels. Jenseits der Schwelle. Zentrum und Peripherie. Lauter räumliche Metaphern für Unräumliches. Das Unsagbare lässt sich nur in Paradoxa sagen.

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