Kosmogonie und Theogonie der »Geheimwissenschaft« 1909/10 (22)

Der Saturn ist der Mensch. Steiner 1924

Der Saturn ist der Mensch. Steiner 1924

Wie wird die Christuswesenheit in der Geheimwissenschaft im Umriss dargestellt? Das erste Mal taucht der Ausdruck »Christus« in Ausführungen über weit zurückliegende Zeiträume der Erdentwicklung auf. Sie sind nur zu verstehen, wenn man sich die Kosmogonie und Theogonie vergegenwärtigt, die in diesem Werk in epischer Breite entfaltet wird.

Der heutigen Erde gingen kosmische Entwicklungsstufen voran, die als alter Saturn, alte Sonne und alter Mond bezeichnet werden. Die Vorstellung planetarischer Metamorphosen ist bereits aus früheren Darstellungen bekannt, nicht jedoch das abundante Netz geistiger Lebensbeziehungen, das von der Hierarchienwelt um den sich metamorphosierenden Himmelskörper gewoben wird, der zum Wohnort des Menschen bestimmt ist. Ziel der gesamten kosmogonischen »Erzählungen«[1] der Geheimwissenschaft ist, zu erklären, wie die sichtbare Welt, die uns heute umgibt, aus dem Menschen entstanden ist und entsteht, genauer gesagt, aus der göttlichen Idee des Menschen, dem Schöpfungsplan, der von Ewigkeit her existiert[2] und jedem Augenblick der empirischen Wirklichkeit vorausgeht.

Der Anfang der Welt liegt in »Absichten« und »Entschlüssen« eines sprachlich nicht mehr darstellbaren, gestaltlosen Urgrundes, der keiner Ursachen oder Anlässe bedarf. Dort, wo das Fragen nach den Gründen auf einen Grund stößt, der in sich selbst gründet, der keines anderen Grundes bedarf, um zu sein, wird das Fragen nach Gründen sinnlos. Ein solcher geistiger Urgrund wird von der Geheimwissenschaft vorausgesetzt. Aus ihm ergießt sich seine Selbstoffenbarung und in ihr nimmt das Gestaltlose und daher Unbeschreibliche Gestalt an. »Alles Fragen nach dem ›Woher‹«, so Steiner über die Anfänge des alten Saturn, muss bei diesem Urgrund – oder besser Ungrund – enden, »denn man ist auf ein Gebiet gekommen, wo die Wesen und Vorgänge nicht mehr durch das sich rechtfertigen, aus dem sie entstammen, sondern durch sich selbst«.

Der ersten Offenbarung des geistigen Urgrundes, die mit irgendetwas in der heutigen sinnlichen Welt – der Wärme nämlich – vergleichbar ist, gehen »Zustände« voraus, die nur übersinnlich wahrnehmbar sind: »geistig Wesenhaftes, das in sich selbst vollendet ist und keines äußeren Wesens bedarf, um seiner bewusst zu werden«, »rein geistiges Licht, das äußerlich Finsternis ist«[3] und »rein seelische Wärme, die nicht äußerlich wahrnehmbar ist«. Das geistig Wesenhafte, das »reine Innenwesen« des ersten Zustandes, ist die Präsenz der »Geister des Willens« (Throne), das »rein geistige Licht« jene der Geister der Weisheit (Kyriotetes) und die »rein innere Wärme« jene der Geister der Bewegung (Dynamis).

Am Anfang steht die ewige Präsenz des göttlichen Willens, die unvordenkliche Existenz des geistigen Urgrundes der Welt und seines Willens zur Selbstmanifestation durch die Vielzahl seiner Namen. Zu dieser tritt Licht oder Bewusstsein, die Theophanie der göttlichen Weisheit hinzu, und die Weisheit, das Bild des Willens, wird durch die Geister der Bewegung in jene Substanz hineinverwoben, die aus den Geistern des Willens ausströmt. »Durch und durch nichts als Wille«, Schöpferwille, steht also am Anfang. Von den Geistern, die »ihre Seligkeit« – Schöpfungsseligkeit – »darin empfinden«, diesen Willen auszuströmen, heißt es, sie hätten sich in »nur zu erahnenden Stufen der Entwicklung« die Fähigkeit erworben, ihr Wesen hinzugeben.[4] Die geistige Ursprungssubstanz des Saturn wird auch als »ungeordnete Stofflichkeit« oder »eigenschaftsloser Wille« bezeichnet. Dies ist die Nacht, die anfangs alles war, das orphische Chaos, das das Licht gebar.

Die Geister der Weisheit durchdringen diese eigenschaftslose Substanz mit ihrem Wesen und verleihen ihr die Fähigkeit, Leben – das göttliche Leben – in den Himmelsraum zurückzustrahlen. Durch die Kyriotetes tritt zum Willen das Leben hinzu. Die das geistige Leben des Saturnumkreises spiegelnde Willenssubstanz wird von den Geistern der Bewegung durchdrungen und beginnt deren Eigenschaften in Gestalt von »Empfindungsäußeren, Gefühlen und ähnlichen seelischen Kräften« zurückzustrahlen. »Der ganze Saturn erscheint wie ein beseeltes Wesen, das Sympathien und Antipathien kundgibt«. Während diese ersten drei Stufen der Saturnentwicklung – willenshafte Wesensoffenbarung, rein geistiges Licht und rein seelische Wärme – von jeweils einer Kategorie geistiger Mächte dominiert wird, wirken auf den folgenden stets zwei zusammen. Auf der vierten treten die Geister der Form (Exusiai) in Erscheinung, die das seelische Leben des Saturn individualisieren, ihm individuelle Form geben, so dass er zu einem Weltorganismus wird, der aus unzähligen »einzelnen Saturnwesen« zusammengesetzt ist, die das Leben und die Seele ihres Umkreises zurückstrahlen. Diese Gliederung des Saturnlebens ermöglicht es den Geistern der Persönlichkeit (Archai), deren unterstes Wesensglied ein Astralleib ist, der »wie ein menschliches Ich wirkt«, sich den Einzellebewesen des Saturn mitzuteilen. Der Saturn spiegelt aufgrund dieser Selbstmitteilung der Archai etwas in den Umkreis, was wie eine Offenbarung der menschlichen Persönlichkeit wirkt. Und indem das Ich der Geister der Persönlichkeit von den Lebewesen des Saturn gespiegelt wird, geht die seelische Wärme in äußere, physische Wärme über. Die Archai, die Geister der Persönlichkeit, sind es also, die den geistig-seelischen Zustand des Saturn in einen physisch-ätherischen überführen. »Es ist im ganzen Saturn keine Innerlichkeit; aber die ›Geister der Persönlichkeit‹ erkennen das Bild ihrer eigenen Innerlichkeit, indem es ihnen als Wärme vom Saturn aus zuströmt«. Die Geister der Persönlichkeit sind »Menschen« auf dem Saturn, Wesen, die nicht nur ein Ich oder Selbst besitzen, sondern auch ein Ich- oder Selbstbewusstsein entwickeln, indem sich dieses Ich in der individualisierten Willenssubstanz des Saturn, in die sie wie in einen Spiegel hineinblicken, sieht und erkennt. Auf dieser vierten Stufe – mit dem Auftreten des Ich der Geister der Persönlichkeit und der physischen Wärme – gehen die Zustände des Saturn, die sich in der »Region der Dauer« abgespielt haben, und nicht in zeitlicher Aufeinanderfolge, obwohl sie in wesenslogischer Folge voneinander abhängen, in ein Geschehen über, das sich in der Zeit vollzieht. Oder genauer: die Zeit wird mit der Wärme und dem Ichbewusstsein des Saturn »geboren«. Aus der Ewigkeit geht die Zeit hervor – Zeit ist der physische Leib der Geister der Persönlichkeit oder das Ich dieser Geister, das sich am physischen Leib des Saturn, der Wärme, spiegelt. Wärme ist die physische Manifestation, der Träger der Zeit.[5]

Betrachten wir kurz die folgenden Zustände des Saturn. Im fünften beginnt dieser Weltkörper – den man nach dem Erscheinen der physischen Wärme erstmals nicht bloß metaphorisch als Körper bezeichnen kann – inneres Leben zu entwickeln, in Form aufflackernden und abglimmenden Lichtes. »Zitterndes Flimmern«, »zuckende Blitze« treten auf, die Saturnwärmekörper beginnen zu »flimmern«, zu »glänzen«, zu »strahlen«. Diese Lichterscheinungen sind Wirkungen der Feuergeister (Archangeloi), die ihr eigenes Dasein an den Wirkungen erkennen, die sie im Saturn erzeugen. Die Lichterscheinungen, die sie hervorrufen, geben ihnen das Gefühl »da zu sein«, eine Art Ichbewusstsein, das allerdings nicht wach, wie jenes der Geister der Persönlichkeit ist, sondern traumhaft. Die in der Wärme aufglimmenden Lichterscheinungen stellen ersten ätherischen Anlagen der menschlichen Sinnesorgane dar. Im Saturn sind nunmehr Menschen-Phantome erkennbar, die aus nichts anderem bestehen, als den »Licht-Urbildern der Sinnesorgane«. Dieser »Sinnesorgane« bedienen sich die Geister der Liebe (Seraphim), um durch sie »die Weltvorgänge im Saturnleben« anzuschauen. Die Bilder, die sie sehen, übertragen sie auf die Astralleiber der Erzengel, die sie als traumhafte Imaginationen erleben.

Nun folgt eine weitere, sechste Stufe, deren Schilderung, so Steiner nebenbei, »vielen wie Wahnwitz erscheinen« wird. Zu den Lichterscheinungen treten im Innern des Saturn »auf- und abwogende Geschmacksempfindungen« hinzu, die sich nach außen als Tönen, als Musik offenbaren. Mit diesen auf- und abwogenden Geschmacksempfindungen treten die Söhne des Zwielichts oder des Lebens (Engel) in Wechselwirkung und erzeugen dadurch Prozesse, die Stoffwechselvorgängen (Ernährung und Ausscheidung) vergleichbar sind. In ihren Ätherleibern, die die physischen Wärmekörper des Saturn durchdringen, spielen sich diese Vorgänge ab. Dieses wogende Ätherleben ermöglicht es den Geistern der Harmonien (Cherubim), den Söhnen des Lebens ein – allerdings dumpfes – Bewusstsein zu vermitteln, das mit dem traumlosen Schlafbewusstsein des Menschen und jenem der Pflanzen vergleichbar ist. Es regelt die Lebensprozesse und bringt sie in »Harmonie« mit den äußeren Weltvorgängen. Nicht die Söhne des Lebens sind die »Regeler« dieser Vorgänge, sondern die Geister der Harmonien, des Ausgleichs, des Zusammenklangs. Daher ihr Name und der Name der Angeloi: die Cherubim schaffen Einklang zwischen den inneren und den äußeren Lebensvorgängen des Saturn und die Engel werden aus oder in diesen Lebensvorgängen geboren. All dies spielt sich »in den Menschenphantomen« ab, die belebt erscheinen, deren Leben aber kein Eigenleben, sondern das Leben der Angeloi ist.

Auf der letzten Stufe der Saturnentwicklung schließlich wird den Menschenphantomen durch die Geister des Willens – die den ganzen Prozess in Gang setzten – die »dumpfste« Form von Bewusstsein verliehen, die auch den heutigen Mineralien eigen ist, die das Innenwesen in Einklang mit der physischen – also nicht ätherischen – Außenwelt bringt. Diesen Einklang regeln die Geister des Willens. Das Menschenphantom wird zu einem Spiegelbild des gesamten Saturnlebens – ein Mikrokosmos, der den Makrokosmos abbildet. In dieser Übereinstimmung von Mikrokosmos und Makrokosmos ist der erste Keim des Geistesmenschen, des künftigen höchsten Wesensgliedes des Menschen zu sehen. In ihm regt sich »dumpfer Menschenwille«, der sich »nach innen« wie Geruchsempfindungen kundgibt und nach außen wie eine »Persönlichkeit«, die aber nicht durch ein »inneres Ich« gelenkt wird, sondern »wie eine Maschine von außen«. Die Gestalter und Lenker dieser Persönlichkeitsoffenbarung, dieses »maschinenartig wirkenden Menschen-Ich«, sind die Geister des Willens.[6]

Diese Schilderung des alten Saturn lässt sich wie folgt zusammenfassen: auf ihm erscheint die gesamte Hierarchienwelt und der ganze Mensch als Abbild dieser Hierarchienwelt. Sein physischer Leib ist ein Wärmeleib, der den Willen der Throne verhüllt, sein Ätherleib besteht aus der Weisheit der Kyriotetes, sein Astralleib aus den seelenartigen Lebensäußerungen der Geister der Bewegung, sein Ich aus dem Selbstbewusstsein der Archai, dessen Offenbarung durch die Geister der Form ermöglicht wird. Gleichzeitig beginnt sich sein künftiges geistiges Wesen aus dem Schoß der Hierarchien heraus zu differenzieren und zwar vom höchsten Wesensglied absteigend: der erste Keim des künftigen Geistesmenschen wird durch die Geister des Willens in die Menschenphantome eingepflanzt, die Keime des Lebensgeistes und des Geistesmenschen dürften ebenfalls in Engelwesenheiten präformiert sein, sie werden sich aber erst auf der alten Sonne und dem alten Mond ausdifferenzieren.

Die Wesensstufen der Hierarchienwelt werden im Menschen zu Wesensgliedern – die Terminologie, durch die das Abbild dieser Hierarchienwelt beschrieben wird, kann auf sein Urbild zurückübertragen werden. Daher spricht Steiner auch in der Geheimwissenschaft in Analogie zu den menschlichen Wesensgliedern von »Gliedern« der Engelwesen, die selbstredend nur andere Engelwesen sein können. Im geistigen Umkreis des Saturn befinden sich Wesenheiten, deren unterstes Glied ein Ätherleib ist, an welchen sich Astralleib, Ich, Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch und ein höheres, nicht näher bezeichnetes anschließen. Von den Geistern der Bewegung heißt es, ihr unterstes Wesensglied sei der Astralleib, sie besitzen demnach zwei Glieder über dem Geistesmenschen. Auch die Geister der Form verfügen über einen Astralleib als unterstes Wesensglied, der allerdings »auf einer anderen Entwicklungsstufe« als jener der Geister der Bewegung steht. Den Archai wird ebenfalls der Astralleib als unterstes Wesensglied zugesprochen, der auf einer solchen Stufe steht, dass er wirkt, »wie ein gegenwärtiges menschliches Ich«, den Erzengeln ein Astralleib, der wiederum auf einer anderen Entwicklungsstufe steht. Die Engel dagegen besitzen auch einen Ätherleib. Darüber hinaus eignen sich die verschiedenen Engelwesen durch ihre Tätigkeit auf dem Saturn neue Fähigkeiten an, die unter anderem dadurch zum Ausdruck kommen, dass sie Wesensglieder hinzugewinnen, die sie zuvor nicht besaßen: so steigen die Geister der Weisheit (deren unterstes Wesensglied auf dem Saturn der Ätherleib war), dazu auf, nicht nur die Spiegelung ihres Lebens zu genießen, sondern ihr Leben auszugießen und andere Wesen damit zu begaben. Auf der alten Sonne wird dieses Leben der Geister der Weisheit den Menschenvorfahren zuteilwerden. Die Geister der Bewegung erwerben zu ihrem Astralleib den Ätherleib hinzu. Auf dem alten Mond werden sie imstande sein, ihren Astralleib auszugießen und dem Menschenvorfahren einzuverleiben. Die Geister der Form schließlich begaben den Menschen auf der jetzigen Erde mit einem »Funken aus ihrem Feuer«, dem »Ich«. Die Gesamtentwicklung verläuft also nicht nur aufwärts, wie man vermuten könnte, sondern auch in umgekehrter Richtung. Deutlich erkennbar ist, dass sich zwei Ströme in unterschiedlichen Richtungen durchdringen. Allerdings sind die aufgeführten Hinweise auf Wesensglieder hierarchischer Mächte sporadisch und die damit verbundenen Implikationen werden nicht systematisch erläutert.

Es würde zu weit führen, die erheblich komplexeren Schilderungen der Geschehnisse auf der alten Sonne und dem alten Mond zusammenzufassen. Es sei gestattet, die wesentlichen Vorgänge in einigen Sätzen anzudeuten. Zu Beginn der Sonnenentwicklung emanieren – wie bereits erwähnt – die Geister der Weisheit (Kyriotetes) den menschlichen Ätherleib, der sich mit dem Erbe des alten Saturn verbindet. Die Erzengel erlangen ihr Selbstbewusstsein, indem sie sich am physischen Leib des Menschenvorfahren betätigen, der sich bis zum »Gas- oder Luftzustand« verdichtet. Schließlich fügen die Cherubim dem Ätherleib des Menschen den ersten Keim des Lebensgeistes ein. Auf dem alten Mond emanieren die Geister der Bewegung (Dynamis) den Astralleib, der sich mit physischem und ätherischem Leib des Menschen verbindet. Der physische verdichtet sich bis zum »wässrigen Zustand« und an ihm erlangen die Engel ihr Selbstbewusstsein. Schließlich wird in diesen Astralleib der erste Keim des Geistselbstes gelegt. Wie ersichtlich, bildet sich das ganze Wesen des Menschen aus zwei Richtungen: während die Leiber sich in aufsteigender Reihe ineinanderfügen, wächst ihnen von oben die Dreiheit der Keime der geistigen Wesensglieder absteigend entgegen. Am Ende der Mondentwicklung steht bereits der vollständige Mensch in Gestalt einer unteren und einer oberen Dreiheit da – was fehlt, ist die Verbindung dieser beiden Aspekte seines Wesens und das, was diese Verbindung ermöglicht, das Ich.

Vorheriger Beitrag: Christus, das hohe Sonnenwesen

wird fortgesetzt

Anmerkungen:

[1] Steiner selbst verwendet, wie wir soeben gesehen haben, diesen Ausdruck. Bildhafte Erzählungen werden traditionell auch als »Mythen« bezeichnet.

[2] Als »Region der Dauer« oder der Ewigkeit bezeichnet Steiner jene ontologische Sphäre, aus der die ersten Offenbarungen der Trinität zu Beginn der Saturnentwicklung hervorgehen. Von dieser Region war bereits 1904 in der Theosophie die Rede: »Die fünfte, sechste und siebente Region [des Geisterlandes] unterscheiden sich wesentlich von den vorhergehenden. Denn die in ihnen befindlichen Wesenheiten liefern den Urbildern der unteren Regionen die Antriebe zu ihrer Tätigkeit. In ihnen findet man die Schöpferkräfte der Urbilder selbst. Wer zu diesen Regionen aufzusteigen vermag, der macht Bekanntschaft mit den ›Absichten‹, die unserer Welt zugrunde liegen. Wie lebendige Keimpunkte liegen hier noch die Urbilder bereit, um die mannigfaltigsten Formen von Gedankenwesen anzunehmen. Werden diese Keimpunkte in die unteren Regionen geführt, dann quellen sie gleichsam auf und zeigen sich in den mannigfaltigsten Gestalten. Die Ideen, durch die der menschliche Geist in der physischen Welt schöpferisch auftritt, sind der Abglanz, der Schatten dieser Keimgedankenwesen der höheren geistigen Welt. Der Beobachter mit dem ›geistigen Ohr‹, welcher von den unteren Regionen des ›Geisterlandes‹ zu diesen oberen aufsteigt, wird gewahr, wie sich das Klingen und Tönen in eine ›geistige Sprache‹ umsetzt. Er beginnt das ›geistige Wort‹ wahrzunehmen, durch das für ihn nun nicht allein die Dinge und Wesenheiten ihre Natur durch Musik kundgeben, sondern in ›Worten‹ ausdrücken. Sie sagen ihm, wie man das in der Geisteswissenschaft nennen kann, ihre ›ewigen Namen‹.«

Diese »ewigen Namen« sind die Namen Gottes, von welchen Logostheologien wie z.B. die islamische sprechen. Vgl. William C. Chittick, The Sufi path of knowledge. Ibn al-Arabis Metaphysics of Imagination, New York 1989, S. 33f.: »›Gott hat 99 Namen‹. Dies sind die ›Mütter‹, wie die 360 Grade der Himmelssphäre. Jedes mögliche Geschöpf besitzt einen besonderen göttlichen Namen, der über es wacht. Der Name verleiht ihm sein besonderes Antlitz, durch das es sich von allen anderen unterscheidet. Die Zahl der möglichen Geschöpfe ist unbegrenzt, ebenso wie die Zahl der Namen, da Beziehungen [d.h. Namen] erst zusammen mit dem Eintreten der möglichen Geschöpfe ins zeitliche Dasein zeitlich [und damit endlich] werden«.

Die Namen sind aber nicht das Wesen Gottes, sondern sein Logos, d.h. eine Form der Selbstoffenbarung, da er durch sie sein Wesen enthüllt und zugleich verbirgt. Sie sind also jenes Wesen und sind es nicht, ebenso wie Gott die Schöpfung ist und auch wieder nicht. (In der ersten Ausgabe der Philosophie der Freiheit stand 1893 im Anschluss an den Satz: »Das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott« ein zweiter: »Die Welt ist Gott«, der in der Ausgabe 1918 gestrichen wurde.)

Im Kontext der mystischen Theologie erweist sich der Verstandesgegensatz von Immanenz und Transzendenz jedoch als gegenstandslos. Von der offenbarten Gottheit (dem Logos) muss die unoffenbare unterschieden werden, die in »höheren Regionen thront«. Daher heißt es in Fortsetzung der oben aus der Theosophie zitierten Sätze: »Man hat sich vorzustellen, dass diese Gedankenkeimwesen zusammengesetzter Natur sind. Aus dem Elemente der Gedankenwelt ist gleichsam nur die Keimhülle genommen. Und diese umschließt den eigentlichen Lebenskern. Damit sind wir an die Grenze der ›drei Welten‹ gelangt, denn der Kern stammt aus noch höheren Welten. Als der Mensch, seinen Bestandteilen nach, in einem vorangehenden Abschnitt beschrieben worden ist, wurde für ihn dieser Lebenskern angegeben und der ›Lebensgeist‹ und ›Geistesmensch‹ als seine Bestandteile genannt. Auch für andere Weltwesenheiten sind ähnliche Lebenskerne vorhanden. Sie stammen aus höheren Welten und werden in die drei angegebenen versetzt, um ihre Aufgaben darin zu vollbringen«.

In der jüdischen Merkaba-Mystik des ersten nachchristlichen Jahrtausends schildert der Offenbarungsengel Metatron Rabbi Ismael den kosmischen Schleier oder Vorhang vor dem Thron Gottes, der diesen von den Engelscharen, die die planetarische Welt bevölkern, trennt. Von der Existenz solcher Vorhänge in der Lichtwelt der Äonen berichtet auch das in koptischer Sprache erhaltene gnostische Werk »Pistis Sophia«, auf das Steiner sich gelegentlich in seinen Vorträgen bezieht. Siehe z.B. GA 165, 27.12.1915. Nach dem Henochbuch enthält der kosmische Vorhang die Urbilder aller Dinge, die seit den Tagen der Schöpfung in der himmlischen Welt präexistieren. Alle Generationen und ihre Taten auf Erden sind in diesen Vorhang eingewoben. Wer ihn schaut, dringt damit zugleich in das Geheimnis der messianischen Erlösung ein. Der Verlauf der Geschichte, die Kämpfe der Endzeit und die Taten des Messias sind in den Einzeichnungen dieses Vorhangs bereits präformiert. Siehe: Gershom Scholem: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Frankfurt a. M., 1967, S. 77/78.

Auch im deutschen Chassidismus des Mittelalters waren Kenntnisse oder Theorien über diesen Vorhang verbreitet. Scholem schreibt darüber in seinem Werk Die jüdische Mystik …: »Alles Untere, auch das Leblose, hat sein Urbild … Die Urbilder sind in den Vorhang vor dem Thron der Glorie eingewirkt oder eingezeichnet. Nach der Meinung der Chassidim ist dies ein Vorhang aus blauem Feuer, der den Thron von allen Seiten, außer von Westen her, umgibt. Die Urbilder stellen eine besondere Sphäre der unkörperlichen, gottnahen Existenz dar. In anderen Zusammenhängen wird geradezu von einem okkulten ›Buch der Urbilder‹ [kursiv L.R.] gesprochen. Das Urbild ist der tiefste Quell der verborgenen Seelentätigkeit. Die Schicksale sind in den Urbildern schon enthalten, ja sogar jede Veränderung im Zustand eines Wesens hat ihr eigenes Urbild. Nicht nur die Engel und Dämonen schöpfen ihr Vorwissen vom menschlichen Schicksal aus der Wahrnehmung dieser Urbilder, sondern auch der Prophet wird mit ihrer Schau begnadet. [kursiv L.R.] Von Moses wird ausführlich berichtet, dass ihm Gott die Urbilder gezeigt habe. Sogar Schuld und Verdienst haben, wie dunkel angedeutet wird, ›Zeichen‹ [kursiv L.R.] in den Urbildern.« Gershom Scholem: ebd., S. 127. Dieses Buch der Urbilder bezeichnet Steiner als Akasha-Chronik. –

Im Sohar III, 128a/b heißt es: »Der Alte der Alten, der Verborgene der Verborgenen, das Mysterium der Mysterien nahm eine Gestalt an und ist daher gegeben; er ist da und ist doch nicht da. Keiner kann ihn erkennen, denn er ist der Entrückte der Entrückten, aber in seinen Gestalten wird er erkennbar, ohne doch erkennbar zu sein«. Gershom Scholem kommentiert: »Was an Gott Gestalt wird, ist das, was er kommuniziert und worin er sich selbst ausdrückt. Was aber wäre solche Kommunikation, wenn nicht der Name Gottes? Seine Elemente, die Buchstaben des hebräischen Alphabets sind, so gesehen, die wahren Elemente der Gestalt … Diese Gestalt ist die symbolische Gestalt der Gottheit …« Scholem, Von der mystischen Gestalt der Gottheit, Frankfurt 1977, S. 39 f.

[3] Der persische Sufimystiker  ’Alāoddawleh Semnānī (1261-1336) sprach ebenfalls von diesem »schwarzen Licht«.  Seine okkulte Anthropologie, die sieben spirituelle Organe des Menschen kennt, ordnet diesen Organen sieben Stufen der spirituellen Entwicklung sowie sieben Propheten zu.

Das spirituelle Wachstum des Menschen entfaltet nach und nach diese Geistorgane, die sich durch verschiedenfarbige Lichter ankündigen. Alle mystischen Pilger visualisieren auf ihrer spirituellen Wanderung deren Lichter, die sich wie Schleier vor die Organe legen. Ihre charakteristische Färbung offenbart dem Pilger, auf welcher Stufe seines Wachstums oder seines Weges er sich befindet.

Der Schleier des Geistorgans des physischen Leibes (Adam) ist von rauchgrauer Farbe, die sich dem Schwarz annähert, jener des Organs des Ätherleibes (Noah) blau; jener des Herzorgans (Abraham, Astralleib) rot; jener des Organs des Überbewusstseins (Moses, Ich) weiß; jener des Organs der Geistseele (David, Geistselbst) gelb; jener des ›Arkanums‹ (Jesus, Lebensgeist) von leuchtendem Schwarz oder schwarzem Licht; jener des göttlichen Zentrums (Mohammed, Geistesmensch) von leuchtendem Smaragdgrün, denn die Farbe Grün entspricht dem Mysterium der Mysterien am meisten.

Durch das sechste Organ, das »Mysterium«, »Arkanum« (al-khafi) empfängt der Mensch den Beistand des Heiligen Geistes; es vertritt in der Hierarchie der spirituellen Stufen den Bewusstseinszustand des Nabī, des vormohammedanischen Propheten. Es wird von Semnānī auch als »Jesus deines Wesens« bezeichnet und ist der Verkündiger und Regent der Namen aller anderen Geistorgane und ihrer »Völker« (der mit diesen Organen verbundenen Fähigkeiten) – d.h. der »Logos«. Er ist zugleich das prophetische Bild des siebten Geistorgans, des »Siegels deines Wesens«, so wie nach dem Koran (61:6) Jesus als vorletzter Prophet des gegenwärtigen Zyklus der Prophetie der Vorankündiger des letzten Propheten war. Siehe Henry Corbin: En Islam iranien. Aspects spirituelles et philosophiques, T. 3, Paris 1972, S. 275 f.

[4] Im bereits erwähnten Aufsatz über das Leben des Saturn, der im August 1905 in der Lucifer-Gnosis erschien, ist ebenfalls von diesem Weltanfang und »elf Wesensarten« die Rede, die den Saturnmenschen bereits zu Beginn der Saturnentwicklung umgaben. Der Saturn ist also nicht der Anfang der Welt schlechthin, sondern der Anfang jener Welt, in der die Geschichte des Menschen beginnt. Der grundlose Urgrund des Saturn, sein »Ungrund«, ist seinerseits das Ergebnis einer »Entwicklung«, die sich allerdings in so »erhabenen Geistesfernen« abspielt, dass die Kategorien des menschlichen Denkens sie nicht mehr zu fassen vermögen. (Es sei hier an den Liestaler Vortrag vom 16. Oktober 1916 erinnert, der als Autoreferat publiziert wurde, in dem es heißt: »Derjenige, der da will Gott mit einem Begriffe umfassen, der weiß nicht, dass alle Begriffe Gott nicht umfassen können, weil alle Begriffe in Gott sind«. GA 35).

1905 führte Steiner aus: »Es gab … schon, als die Saturnentwickelung begann, Naturen mit Sonnenbewusstsein, andere mit Bilderbewusstsein (Mondbewusstsein), solche mit einem Bewusstsein, das dem gegenwärtigen Bewusstsein des Menschen gleicht, dann eine vierte Gattung mit selbstbewusstem (psychischem) Bilderbewusstsein, eine fünfte mit selbstbewusstem (überpsychischem) Gegenstandsbewusstsein, und eine sechste mit schöpferischem (spirituellem) Bewusstsein. Und auch damit ist die Reihe der Wesen noch nicht erschöpft. … Wie das äußere Auge in nebelgraue Ferne, blickt das innere Auge des Sehers in Geisterweite auf noch fünf Bewusstseinsformen, von denen aber eine Beschreibung ganz unmöglich ist. Es kann also im Ganzen von zwölf Bewusstseinsstufen die Rede sein.

Der Saturnmensch hatte also in seinem Umkreise elf andere Wesensarten neben sich. Die vier höchsten Arten haben auf Entwickelungsstufen ihre Aufgaben gehabt, welche dem Saturnleben noch vorangingen. Sie waren, als dieses Leben begann, bereits auf einer so hohen Stufe der eigenen Entwickelung angelangt, dass sich ihr weiteres Dasein in Welten nunmehr abspielte, die über die Menschenreiche hinausliegen. Von ihnen kann und braucht daher hier nicht gesprochen zu werden.

Die anderen Wesensarten jedoch – sieben außer dem Saturnmenschen – sind alle an der Entwickelung des Menschen beteiligt. Sie verhalten sich dabei als schöpferische Mächte …

Die erhabensten von diesen Wesen waren diejenigen, welche, als die Saturnentwickelung begann, bereits eine Bewusstseinsstufe erreicht hatten, die der Mensch erst nach seinem Vulkanleben erlangen wird, also ein hohes schöpferisches (überspirituelles) Bewusstsein. Auch diese ›Schöpfer‹ hatten einmal die Menschheitsstufen durchzumachen. Das geschah auf Weltkörpern, die dem Saturn vorangegangen waren. … Man nennt sie in der Geheimwissenschaft wegen ihres erhaben-feinen Strahlenkörpers ›strahlende Leben‹ oder auch ›strahlende Flammen‹. Und weil der Stoff, aus dem dieser Körper bestand, einige entfernte Ähnlichkeit mit dem Willen des Menschen hat, werden sie auch die ›Geister des Willens‹ genannt. – Diese Geister sind die Schöpfer des Saturnmenschen. Aus ihrem Leibe strömen sie den Stoff aus, welcher der Träger des menschlichen Saturnbewusstseins werden kann«. GA 11, Dornach 1969, 163 f.

[5] 1911 sollte Steiner diese Vorgänge in Vorträgen, die zwischen dem 31. Oktober und 5. Dezember in Berlin stattfanden, unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Geheimwissenschaft im Umriss ausführlicher schildern. Seine Ausführungen begründete er damit, die Geheimwissenschaft habe nicht mehr als eine »Skizze«, eine »grobe Kohlezeichnung« gegeben. Hier begründete er auch, warum es notwendig ist, sich mit solch alten Weltzuständen überhaupt zu befassen: »Was einmal vorgegangen ist, das vollzieht sich heute auch noch fortwährend. Was in der Saturnzeit sich abgespielt hat, das ist nicht bloß dazumal dagewesen, das geht heute noch vor, nur wird es überdeckt, unsichtbar gemacht durch das, was heute äußerlich um den Menschen auf dem physischen Plan ist … Wenn man das Ich in seiner wahren Wesenheit erfassen und so vor sich hinstellen könnte wie den äußeren physischen Leib, und wenn man die Umgebung, von der das Ich so abhängt, wie der physische Leib von dem abhängt, was von außen durch die Augen gesehen, durch die Sinne sonst wahrgenommen werden kann, wenn man ebenso die Umgebung des Ich [auf]suchen könnte … , so käme man zu einer Weltcharakteristik, zu einem Weltentableau, heute noch, das gleichsam imprägniert unsere sonstige Umgebung, unsichtbar drinnensteckt und das gleich ist dem Weltentableau des alten Saturn. Das heißt, wer das Ich in seiner Welt kennenlernen will, der muss sich eine solche Welt vor Augen stellen können, wie die alte Saturnwelt war. Diese Welt ist verdeckt, ist eine übersinnliche Welt für den Menschen. Der Mensch könnte sie auch in dem heutigen Grade seiner Entwicklung durchaus nicht ertragen. Sie ist ihm durch den Hüter der Schwelle zugedeckt, damit sie zunächst vor ihm verborgen bleibe, und es gehört ein gewisser Grad spiritueller Entwicklung dazu, um einen solchen Anblick aushalten zu können«. Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen, 11.10.1911, GA 132.

Mit anderen Worten: Zu einer wirklichen Erkenntnis des Ich kann gelangen, wer sich die Zustände des alten Saturn zur Anschauung bringt, die noch heute die geistige Umgebung dieses Ich bilden. Das Vergangene ist nicht vergangen, sondern die verborgene Wirklichkeit der Gegenwart. – Dieser Gesichtspunkt findet sich allerdings auch schon in der Geheimwissenschaft: »Nur wer für die Gegenwart dieses verborgene Geistige nicht anerkennt, für den verliert das Reden über eine solche Entwickelung, wie sie hier gemeint ist, allen Sinn. Wer es anerkennt, für den ist im Anblick des gegenwärtigen Zustandes der frühere ebenso gegeben, wie im Anblick des fünfzigjährigen Menschen der des einjährigen Kindes. … Wer auf diesem Felde zu einem sinngemäßen Urteil kommt, der sieht auch ein, dass in der vollständigen Beobachtung des Gegenwärtigen, die das Geistige mitumschließt, wirklich neben den Stufen des Daseins, die bis zur Entwickelungsvollkommenheit der Gegenwart fortgeschritten sind, auch die Entwickelungszustände der Vergangenheit erhalten geblieben sind, wie neben den fünfzigjährigen Menschen einjährige Kinder vorhanden sind. Man kann innerhalb des Erdengeschehens der Gegenwart das Urgeschehen schauen, wenn man nur die sich unterscheidenden aufeinanderfolgenden Entwickelungszustände auseinanderzuhalten vermag«. GA 13, Dornach 1962, S. 146.

[6] Dadurch wird, nebenbei gesagt, zugleich deutlich, was ein digitales Simulacrum des menschlichen Bewusstseins von diesem unterscheidet. Das digitale Simulacrum steht auf der Stufe des alten Saturn und ist damit ein in unsere Zeit versetzter Anachronismus.

Ein Kommentar

  1. Bernhard Vontobel

    Ich bin sehr dankbar für die Zusammenstellungen und Überblicke zum Thema des Christus-Impulses. Sie geben mir eine Orientierungshilfe in der Beschäftigung mit den so vielfältigen und umfassenden Darstellungen Rudolf Steiners. Besten Dank!

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