Theosophie als Dienerin des Christentums (3)

Susanne Engelmann-Kittel: Verklärung Christi.

Susanne Engelmann-Kittel: Verklärung Christi. (Bildnachweis am Ende des Textes).

Nicht nur der bereits behandelte Aufsatz Einweihung und Mysterien, der von Juli bis September 1903 in Fortsetzungen in der Zeitschrift Luzifer-Gnosis erschienen ist [1], sondern auch der öffentliche Vortrag vom 4. Januar 1904 in Berlin zeugt von der Umwandlung, die Steiner in der zweiten Jahreshälfte 1903 erlebte, auf die seine 1924 aufgezeichnete Notiz hindeutet. [2]

Der Vortrag trägt den programmatischen Titel »Theosophie und Christentum«. Es ist der erste öffentliche Vortrag überhaupt, den der am 19. Oktober 1902 zum Generalsekretär der deutschen Sektion Gewählte zu diesem Thema hielt. Steiner versuchte in seinen Ausführungen zu zeigen, dass im »richtig verstandenen Christentum wahre, echte Theosophie zu finden ist«. Außerdem bemühte er sich darum, klarzustellen, »welche Aufgabe die Theosophische Gesellschaft gegenüber dieser Religion« habe.

»Nichts anderes als Dienerin« soll die Theosophie gegenüber dem Christentum sein und dessen tiefsten Kern herausschälen. [3] Diese Aufgabe vermag sie nur zu erfüllen, indem sie über den materialistischen Geist hinausführt, von dem die historisch-kritische Theologie des 19. Jahrhunderts erfüllt ist. Deutlich zeigt sich dieser Geist laut Steiner in David Friedrich Strauß, der unfähig war, das Urmysterium des Christentums, die »Fleischwerdung des Wortes« zu begreifen. Daher verflüchtigte sich ihm die Christusgestalt zu einem Mythos, dem Mythos des idealen Menschen. Allerdings, so wendet Steiner gegen Strauß ein, findet sich diese Idee des Idealmenschen, der »abstrakten Menschengattung«, nirgends in den Evangelien.

Dasselbe Unvermögen, »den Gott, der sich in einer menschlichen Persönlichkeit verwirklichte«, zu begreifen, kommt aus seiner Sicht auch in der Vorstellung von Jesus als dem »schlichten Mann aus Nazareth« zum Ausdruck. Der Stifter des Christentums soll ein zwar ein hervorragender, aber dennoch ein bloßer Mensch gewesen sein, das Göttliche an ihm wird ausgeblendet, das »Christusbild wird heruntergezogen in das Gebiet des rein Tatsächlichen«.

Ebensowenig wird die Vorstellung, Jesus sei ein edler Moralphilosoph gewesen und habe – ähnlich wie Sokrates – eine fortschrittliche »Sittenlehre« verkündet, dem »höchsten Mysterium« nicht gerecht, das dem Christentum zugrunde liegt.

Die Neigung, das Göttliche im Menschen Jesus zu ignorieren, zeigt sich zudem an der verbreiteten Tendenz, das Johannes-Evangelium gegenüber den drei anderen (synoptischen) abzuwerten. Denn gerade dieses Evangelium betone die Tatsache, dass in Jesus »der höhere Gottesgeist, das Wort«, Fleisch geworden sei.

Die Theosophie wird daher laut Steiner bei ihrer Interpretation des Christentums besonders an das Johannes-Evangelium anknüpfen. Dieses Evangelium ist das tiefste und der Schlüssel für das Verständnis der anderen.

In dieser Einschätzung des Johannes-Evangeliums spiegelt sich die Bedeutung wieder, die es für Steiners eigenen Zugang zum Christentum hatte. In den folgenden Jahren sollte er immer wieder auf die zentrale Rolle hinweisen, die dieses Evangelium als »Einweihungsschrift« im »christlich-gnostischen« Schulungsweg spielte. Die sieben Stufen dieses Einweihungsweges sind in seinen Darstellungen nach dem Johannes-Evangelium geformt [4], und in seinen Evangelien-Interpretationen fasst es alle anderen in sich zusammen. Da er aber auch auf die herausragende Bedeutung der Begegnung des Paulus mit dem Auferstandenen hinwies (so auch bereits im vorliegenden Vortrag, in dem Paulus neben Johannes steht), kann man seinen Zugang zum Christentum als paulinisch-johanneisch bezeichnen.

Das erste Motiv, das Steiner herausgreift, ist jenes der jungfräulichen Geburt Jesu. Diese »höhere Geburt« wird aus dem Prolog des Johannes-Evangeliums verständlich, das vom präexistenten Wort spricht, das bei Gott war, und durch das alles entstanden ist. Dieses Wort sollte in Jesus menschliche Gestalt annehmen. Gleichzeitig war es aber immer schon in der Welt, heißt es doch von diesem Wort: es war das Leben und das Licht der Menschen, jenes Licht, das in die Finsternis schien, von der Finsternis aber nicht ergriffen wurde. Nur Einzelne nahmen es in sich auf und wurden dadurch zu Kindern Gottes, Kindern, die nicht aus dem Fleisch, sondern aus Gott geboren waren. Das Wort war also immer in der Welt und jeder einzelne Mensch sollte »in seinem Inneren einen Christus gebären«. Aber nur Wenige erweckten den »lebendigen Geist«, den »lebendigen Christus« in sich.

Aus dieser von Johannes zum Ausdruck gebrachten Auffassung lässt sich verstehen, warum Matthäus davon spricht, Christus sei »aus Gott« geboren. Einer sollte kommen, der »die ganze Fülle der Unendlichkeit des Geistes« in sich zur Darstellung brachte. In ihm sollte der »wahrhafte Gottmensch« Gestalt annehmen. Nicht die Lehren, die er verkündete, nicht die sittlichen Ideale, die er predigte, waren das Wesentliche, sondern die Tatsache, dass in ihm die Fülle der Gottheit wohnte. Von einem »historischen« Ereignis: der Erscheinung einer »gotterfüllten Persönlichkeit« nahm das Christentum seinen Ausgang.

Daher verstanden sich die ersten Christen als Augenzeugen einer Erscheinung – nicht der Epiphanie eines ausgezeichneten Menschen, sondern des Göttlichen, das durch ihn in die Welt kam. Auf dieses Göttliche deutet Paulus, wenn er sagt: »Ist Christus nicht auferstanden, dann ist nichtig unsere Botschaft und eitel unser Glaube«. Die Grundlage des Christentums ist für ihn nicht der Mensch, der in Palästina herumwandelte, sondern der auferstandene Christus. Was aber verstand Paulus unter dem auferstandenen Christus? Ein geistiges Wesen, das ihm, dem Eingeweihten, sichtbar wurde, nachdem es die Erde bereits wieder verlassen hatte. Und dieses Wesen, so Steiner, war »der wirkliche Gottesgeist«, der sich in Jesus »realisiert« hatte. Paulus als Verkünder des Auferstandenen ist in Wahrheit »Theosoph«.

Daher wird das Christentum auch nur zu verstehen sein, wenn man sich zum »hohen Christus-Geist« erhebt. Diese Erhebung fällt dem durch Empirismus und Materialismus geprägten abendländischen Bewusstsein schwer, ist aber unbedingt notwendig, wenn das verloren gegangene Verständnis des Christentums wiedererlangt werden soll. Wie man sich zur »Wirklichkeit des Geistes« und damit zur Wirklichkeit des Christus erhebt, lehre die Theosophie.

In einem nächsten Schritt kommt Steiner auf die Art der Verkündigung Christi zu sprechen. Entgegen dem eben angedeuteten Gesichtspunkt, wonach es auf die Epiphanie der Fülle der Gottheit im Menschen, also auf ein historisches Ereignis ankam, wendet sich der Vortragende nun also auch dem ideellen Inhalt dieser Erscheinung zu.

Jesus verwendete »zwei unterschiedliche Sprachen«: vor dem Volk sprach er in Gleichnissen, den Jüngern legte er die Gleichnisse aus. Der Grund dafür ist in der Differenzierung der Fähigkeiten seiner Zuhörer und in der Lehrtradition seiner Zeit zu suchen, die höchste Wahrheiten nicht auf den Straßen, sondern in Mysterientempeln zu verkünden pflegte. Die höchste Weisheit wurde nur Menschen mitgeteilt, die sich angemessen auf diese Mitteilung vorbereitet hatten, den »Reichen des Geistes«, den Eingeweihten. Die Menge war von dieser Mitteilung ausgeschlossen. Während in den Mysterientempeln eine Elite von Initiierten herangezogen wurde, die durch eine stufenweise Einweihung zur Erfahrung der Weisheit des lebendigen Gottes gelangte, waren die Laien von dieser Erfahrung ausgeschlossen.

Die Erscheinung Christi änderte dies. Denn nun spielte sich auf dem Schauplatz der Weltgeschichte als historische Tatsache vor aller Augen ab, was früher nur in den Tempeln für die Eingeweihten zugänglich war. Der Stifter des Christentums war von einer solchen Liebe zur ganzen Menschheit erfüllt, dass er auch jene zum Genuss der Seligkeit des geistigen Lebens führen wollte, die nicht schauten, die also nicht eingeweiht waren. Daher sprach er in Gleichnissen, die aus unmittelbarer spiritueller Erkenntnis hervorgingen, und dennoch von den schlichtesten Menschen verstanden werden konnten. Gleichzeitig zog er Jünger heran, die imstande waren, den tieferen Sinn dieser Gleichnisse zu verstehen.

Den Unterschied zwischen Gleichnis (Symbol) und Auslegung (esoterischer Wahrheit) illustriert Steiner am Beispiel der Verklärung und des Abendmahls: die tiefere Wahrheit der ersteren ist die Reinkarnation, die des letzteren das Karma.

Jesus führte Petrus, Johannes und Jakobus auf einen Berg und machte vor ihren Augen eine Verwandlung durch. Neben ihm erschienen Moses und Elias. Bereits das Erklimmen des Berges ist ein Gleichnis: es bedeutet, in den Mysterientempel einzutreten, um dort die mystische Anschauung der ewigen Menschenseele und der Realität des Geistes zu erlangen. Die drei Jünger sollten darüber hinaus aus unmittelbarer Schau zur Erkenntnis gelangen, dass in Jesus das göttliche Wort Fleisch geworden war. Daher zeigte er sich ihnen als Geistwesen, das nicht an Raum und Zeit gebunden ist, für das Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen gegenwärtig sind. Die Gegenwart des Vergangenen drückt sich in der Erscheinung des Moses und des Elias neben ihm aus. Die Jünger erkennen in ihm den Gottesgeist, aber sie fragen: muss nicht, bevor der Christus kommt, Elias ihn verkündigen? Jesus erwidert: »Elias ist gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt«. Und die Jünger begreifen, dass er von Johannes dem Täufer spricht. Jesus, so Steiner, teile ihnen auf diese Weise ein Mysterium mit, das sie niemandem verraten dürften, »bevor der Menschensohn auferstanden ist«: das Geheimnis, dass Johannes der Täufer die Reinkarnation des Elias gewesen sei. Die Tatsache der Reinkarnation war den Mysterien bekannt, und diese »okkulte theosophische Lehre« vermittelte Jesus seinen Jüngern durch die unmittelbare Anschauung.

Eine weitere Einweihung wurde den Jüngern laut Steiner durch das Abendmahl zuteil. Es enthält die »tiefste Bedeutung der ganzen christlichen Lehre«. Ein unblutiges Opfer soll durch dieses Abendmahl eingesetzt werden. Zum Verständnis dieser Lehre führe das Gleichnis vom Blindgeborenen. Auf die Frage, ob er oder seine Eltern gesündigt hätten, antwortet Jesus: Nicht er oder seine Eltern hätten gesündigt, er sei blind geboren, »damit die göttliche Art, die Welt zu regieren, durch ihn offenbar werde«. Da weder er in diesem Leben noch seine Eltern gesündigt hätten, müsse der Grund für seine Blindheit woanders gesucht werden: in einem früheren Leben. Seine Blindheit ist also karmisch bedingt. Im Gleichnis vom Blindgeborenen liegt folglich eine Andeutung der Karmalehre.

Dieser Lehre steht jedoch die damals verbreitete Ansicht entgegen, die Sünden der Väter rächten sich an ihren Kindern und Kindeskindern. Über diese Ansicht will Jesus seine Jünger hinausführen, er will einen neuen Begriff von Schuld und Sühne einführen, und den alten Sündenbegriff, der sich nur auf die physische Vererbung bezog, überwinden. Ebendieser Schuldbegriff lag den alten Opfern zugrunde: die Gläubigen brachten am Altar physische Opfer dar, um ihre Sünden zu tilgen.

Aber die Realität von Schuld und Sühne gehört laut Steiner einer höheren als der physischen Welt an. Darum muss »das unschuldige Lamm das Opfer am Kreuz bringen«, »das lebendige Wort« muss durch seinen freiwilligen Tod beweisen, dass Sühne nicht aus dieser Welt stammt, dass Erlösung nur durch den Einschlag des todüberwindenden Geistes erfolgen kann. »Damit Menschen erlöst werden von dem Glauben, dass in äußerer Tatsächlichkeit Schuld und Sühne gefunden werde, dass sie eine Folge der äußerlich vererbten Sünde sein soll, darum nahm der Christus das Opfer des Kreuzes auf sich«. Das »letzte, unblutige Opfer« (d.h. das Abendmahl) ist zugleich »Beweis für die Unmöglichkeit des äußeren Opfers«, es wird eingesetzt, damit die Menschheit ein Bewusstsein des geistigen Zusammenhangs zwischen Schuld und Sühne erlangt, der durch die aufeinanderfolgenden Inkarnationen wirkt.

»Deshalb soll nicht der Opfertod als dasjenige angesehen werden, auf das es ankommt, sondern an die Stelle des blutigen Opfers soll das unblutige, das geistige Opfer, das Abendmahl treten als Symbol dafür, dass auf dem geistigen Felde Schuld und Sühne für menschliche Taten leben. Dies ist aber die theosophische Lehre vom Karma, dass alles dasjenige, was der Mensch irgendwie in seinen Handlungen verursacht hat, seine Wirkungen nach sich zieht durch rein geistige Gesetze, dass Karma nichts zu tun hat mit physischer Vererbung. Dafür ist ein äußeres Zeichen das unblutige Opfer, das Abendmahl«.

Allerdings wurden diese tiefen esoterischen Wahrheiten von Jesus nicht offen ausgesprochen, sondern nur im Innern des Tempels gelehrt. Aus ihrer konkreten Geisterkenntnis sollten die Jünger jedoch die Kraft schöpfen, das von ihnen Erlebte auch jenen zu verkünden, die noch nicht imstande waren, es unmittelbar zu erfahren. Daher forderte Jesus sie dazu auf, nicht nur den »Reichen des Geistes« zu predigen, sondern auch den »Bettlern um Geist« – »denn sie finden in sich selbst die Reiche der Himmel«. Auch die Bettler, die schlichten Gemüter, sollen die Wege zum Reich des Geistes, zum Himmel, zur Seligkeit finden. Nicht die höchsten Erkenntnisse sollten die Apostel den einfachen Gemütern mitteilen, sondern Gleichnisse dieser Erkenntnisse. Aber sie selbst sollten nach Vollkommenheit streben.

Daher lehren die Jünger auch eine »wahrhafte Theosophie«, deshalb finde man diese (christliche) Theosophie auch bei Paulus, Dionysios Areopagita oder Scotus Erigena. Nichts anderes als die Lehren der ersten christlichen Jahrhunderte will die Theosophie laut Steiner wieder ans Licht bringen. »Dienen« will sie »der christlichen Botschaft«, auslegen will sie sie »im Geiste und in der Wahrheit«. »Nicht, um das Christentum zu überwinden, sondern um es in seiner Wahrheit zu erkennen, dazu ist die Theosophie da«. Das ist die Aufgabe der Theosophie gegenüber dem Christentum.

Anders gewendet: Wer die Wahrheit des Christentums versteht, gelangt zur »ganzen Theosophie«. Er bedarf keiner Anleihen bei anderen Religionen, er muss lediglich auf die »geistige Höhe hinaufsteigen«, auf der sich diese Wahrheit findet, um »das Mysterium der Fleischwerdung« zu begreifen. Wer allerdings das Christentum »in die Tiefen hinabzieht«, wird lediglich zum Rationalismus gelangen und es damit verlieren. Wer auf die Höhen hinaufsteigt, aus welchen das Christentum herabstieg, der wird auch die »kosmische Bedeutung des Geistes« verstehen, der wird verstehen, dass »der lebendige Gottesgeist«, der die Welt geschaffen hat, »in einer einzigen Person verwirklicht war«. Dass sich der Mensch erheben müsse, um das Höchste verstehen zu können, diese Überzeugung sei auch unter christlichen Mystikern verbreitet gewesen, habe doch Angelus Silesius gesagt: »Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren«.

Schließlich lässt Steiner seinen Vortrag in einen Hinweis auf die fortdauernde Christusoffenbarung ausklingen. Das Wort: »Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt«, kommentiert er wie folgt: »Die Theosophie weiß, dass er bei uns ist, dass er heute so wie damals unsere Worte prägen, unsere Worte beflügeln kann, dass er heute wie damals uns auch führen kann, dass unsere Worte das aussprechen, was er selbst ist«. Die Theosophie – so wie Steiner sie versteht – will verhindern, dass sich das Wort bewahrheitet: »er ist da, aber sie haben ihn nicht erkannt«. Sie will die Menschen zum Erleben des Geistes erheben, damit sie erkennen können, dass Christus da ist, damit sie wissen, wo sie ihn finden und wie sie sein lebendiges Wort hören können.

Klarer lässt sich ein Programm und ein Anspruch wohl kaum formulieren, als mit diesen Sätzen. Was Steiner von Anfang an vertrat, war christliche Theosophie, war Gottesweisheit, die im Menschen wiedergeboren wird (Anthroposophie). Der Logos, der kosmische Christus, die Fleischwerdung des Wortes, die Kreuzigung und Auferstehung sind in diesem (öffentlichen!) Vortrag ebenso präsent, wie die mystische Christuserfahrung und das Fortwirken des Auferstandenen als gegenwärtige Quelle der Offenbarung und Wandlung.

Von der im Menschen wiedergeborenen Gottesweisheit ist aber bereits im Christentum als mystische Tatsache die Rede, zum Beispiel in der Auslegung des ersten Sendschreibens des Apokalyptikers an den Engel der Gemeinde zu Ephesus. Hier heißt es (in der ersten Auflage 1902):

»Durch Jesus ist ein Weg vorgezeichnet, um zum Göttlichen zu gelangen. Man braucht Geduld, um ihn zu wandeln. Man kann auch zu früh vermeinen, ein wahrer Christ zu sein. Man hat sich durch Christus ein Stück der Bahn führen lassen; aber dann verlässt man die Führerschaft Christi. Man geht seine eigenen Wege. Man fällt dadurch wieder ins Niedrig-Menschliche zurück. Man hat die ›erste Liebe‹ verlassen. Das am Sinnlich-Verständlichen haftende Wissen wird in eine höhere Sphäre erhoben dadurch, dass es zur Weisheit vergeistigt, vergöttlicht wird. Kommt es zu dieser Erhöhung nicht, so bleibt es im Vergänglichen. Jesus hat einen Weg gewiesen zum Ewigen. Das Wissen muss Geduld haben, bis es göttlich wird. Es muss in Liebe den Spuren folgen, die es zur Weisheit führen«. [5]

Es ist reizvoll, diese erste Fassung mit der späteren von 1910 zu vergleichen, die sich zwar nur in Nuancen, aber vielsagenden Nuancen von der ersten unterscheidet (kursiv hervorgehoben):

»Durch den Christus Jesus ist der Weg vorgezeichnet, um zu dem Göttlichen zu gelangen. Man braucht Ausdauer, um in dem Sinne weiter zu schreiten, in dem der erste Impuls gegeben ist. Man kann auch zu früh vermeinen, den rechten Sinn erfasst zu haben. Das geschieht, wenn man sich durch Christus ein Stück des Weges führen lässt und dann doch diese Führerschaft verlässt, indem man sich falschen Vorstellungen über dieselbe hingibt. Man fällt dadurch wieder in das Niedrig-Menschliche zurück. Man kommt von der ›vorzüglichsten Liebe‹ ab. Das am Sinnlich-Verständlichen haftende Wissen wird in eine höhere Sphäre gehoben dadurch, dass es zur Weisheit vergeistigt, vergöttlicht wird. Kommt es zu dieser Erhöhung nicht, so bleibt es im Vergänglichen. Der Christus Jesus hat den Weg gewiesen zum Ewigen. Das Wissen muss in ungeschwächter Ausdauer den Weg verfolgen, der es zu einer Vergöttlichung führt. Es muss in Liebe den Spuren folgen, die es zur Weisheit umwandeln«.

»Leben soll die Weisheit werden«, schreibt Steiner etwas später über die Aufforderung des Engels, das Büchlein zu verschlingen, das er dem Apokalyptiker überreicht hat, »nicht Göttliches erkennen bloß soll der Mensch; vergottet soll der Mensch werden«.[6]

Vorheriger Beitrag: Die christlichen Mysterien gehen auf

Anmerkungen:

[1] GA 34, Dornach 1987, S. 34-66.

[2] »1903 – die christlichen Mysterien gehen auf«. Der hier besprochene Vortrag ist in GA 52, Dornach 1986 erschienen (S. 62-87).

[3] Die Formulierung erinnert an die »philosophia ancilla theologiae«.

[4] So bereits im Februar 1906 in seinen Berliner Vorträgen über das Johannes-Evangelium, ausführlicher in den Pariser Vorträgen über Kosmogonie, 25. Mai bis 14. Juni (insbesondere die Vorträge vom 31. Mai und 1. Juni), schließlich in der Münchener Reihe »Die Theosophie anhand des Johannes-Evangeliums«, 27. Oktober bis 6. November 1906, alle in GA 94.

[5] 1. Aufl. 1902, S. 108.

[6] 1. Aufl. 1902, S. 113-114.

Bildnachweis

Susanne Engelmann-Kittel: Verklärung Christi. Die Anregung zu dieser Ikone stammt von Vorbildern griechischer Ikonen vom Ende des 16. Jahrhunderts. Sie wurde auf einer gefassten Holzmaltafel mit Tempera und Polimentvergoldung geschaffen. | Webseite der Malerin: Ikonen – Bilder in Gold

Ein Kommentar

  1. Dorothea Birnbaum

    Vielen Dank von der Gruppe Kunstimpuls bewegen tönen sprechen, Hannover.

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