Die christlichen Mysterien gehen auf (2)

Die zehn Avatare Wischnus

Die zehn Avatare Vishnus, Darstellung aus Jaipur. 19. Jahrhundert. Victoria and Albert Museum, London.

In die Rudolf Steiner Gesamtausgabe wurde 1999 ein merkwürdiges Dokument aufgenommen: Aufzeichnungen aus privaten Lehrstunden Rudolf Steiners, die er im Sommer 1903 in Berlin-Schlachtensee für Marie von Sivers, ihre Schwester Olga und Maria von Strauch-Spettini hielt. [1] Laut Herausgebern beruht der veröffentlichte Text auf »stichwortartigen Notizen Marie Steiners, die sie später zu einem durchgehenden Text ausgearbeitet hat«. Zu welchem Zeitpunkt diese Ausarbeitung stattfand, wird nicht mitgeteilt. Für unsere Fragestellung ist vor allem der Text der ersten Lehrstunde über den »Sonnenlogos und die zehn Avatare« interessant.

Hier spricht Steiner über das Auge des Dangma (der reinen Seele, des Initiierten), das in der aufsteigenden Entwicklungsreihe der Lebewesen die Verwandlungen des Logos erblickt. Sowohl die Veden als auch eine nicht näher bezeichnete »Rosenkreuzer-Chronik« (vermutlich ist damit die dem Rosenkreuzer-Eingeweihten zugängliche Akasha-Chronik im Weltenäther gemeint) erwähnen laut Steiner zehn solche Metamorphosen oder Avatare des »gegenwärtigen Sonnenlogos«. Als Beispiel wird das Lanzettfischchen genannt, das für den Hellseher ein »Erinnerungszeichen« für eine »Inkarnation des Sonnenlogos« und ein »Gleichnis« für den »Vorahnen der Wirbeltiere« sei.

Im Folgenden ist von »Metamorphosen des Sonnenlogos« oder »Avataren« die Rede, die sowohl mit ihren indischen Namen und Funktionen als auch mit kurzen Texten charakterisiert werden, die laut Steiner aus der »Rosenkreuzer-Chronik« geschöpft sind.

Die zehn Avatare oder Inkarnationen Vishnus werden in den Veden vereinzelt erwähnt, das Bhagavata Purana führt sie im Zusammenhang auf. Im vedischen Kontext ist Vishnu der Erhalter des Kosmos, die mittlere Gestalt der Trimurti – neben Brahma, dem Schöpfer und Shiva, dem Auflöser und Rückführer des Entstandenen in den Urzustand. Als Erhalter der Schöpfung muss er immer in Gestalt von Avataren erscheinen, um das aus dem Lot geratene Gleichgewicht im jeweiligen Schöpfungskreislauf erneut herzustellen. Das erste Mal tritt er als Fisch (Matsya) in Erscheinung, der in der großen Flut die Arche zieht, danach als Schildkröte (Kurma), die den Weltenberg beim Quirlen des Milchozeans auf ihrem Rücken trägt, als Rieseneber (Varaha), der die Erde aus dem Urozean rettet, als Mann mit einem Löwenkopf (Narasimha), der den Dämonenkönig Hiranyakashipu tötet, als Zwerg (Vamana), der zum Riesen heranwächst und mit drei Schritten die Welt ausmisst, als Rama mit der Axt, der den Mord eines Brahmanen rächt, als Held des Versepos Ramayana (Rama, nicht mit dem vorhergehenden zu verwechseln), als Krishna, der die Bhagavad Gita offenbart, als Buddha und schließlich als künftiger Avatar Kalki, der am Ende des Kali-Yuga, des finsteren Zeitalters erscheinen wird.

Steiner interpretiert nun diese zehn Avatare nicht nur als Entwicklungsstufen des Lebens auf der Erde, das sich durch die verschiedenen Naturreiche hindurch bis zum Menschen und über den Menschen hinaus erhebt, sondern gleichzeitig auch als aufeinanderfolgende Metamorphosen der Gottheit, des Logos. Jedem der genannten Avatare wird ein kurzer Spruch aus der Rosenkreuzer-Chronik beigegeben.

Die letzten drei Avatare seien etwas näher betrachtet. Über Krishna, die »achte Inkarnation des Gottes«, heißt es, er habe »die Liebe als Seligkeit« empfinden gelehrt – und in der Rosenkreuzer-Chronik werde über diesen Avatar gesagt: »Und der Liebessame erblühte und trieb Liebesfrucht, die da heißet Seligkeit. Und die Seligkeit war selbst Mensch«.

Bis zu Krishna sei die Menschheit zur »Budhihöhe der Seligkeit« emporgestiegen, danach aber habe sie wieder absteigen müssen, um Weisheit zu lernen und diese Weisheit durch Karma – das Werk hindurch – frei zu machen sowie mit Budhi – d.h. der Seligkeit – zu verbinden, also, mit anderen Worten: in Taten der Liebe, die aus Erkenntnis hervorgehen, Seligkeit zu empfinden. Als Führer zu diesem Ziel erschien laut Steiner Buddha, der neunte Avatar, von dem die Rosenkreuzer-Chronik sage: »Und die Seligkeit sandte ihren Sohn zur Erde: der da heißet die verkörperte Weisheit. Und sie wohnte in dem sterblichen Leib des Königssohnes. – Buddha«.

Wir erinnern uns an die Sätze aus der Erstauflage des Christentums als mystische Tatsache, in der Buddha durch sein Leben erwiesen hat, »dass der Mensch der Logos ist, und dass er bei seinem Tod in diesen Logos, in das Licht zurückkehrt«, also einen Initiierten darstellt, dessen Astralleib »vom Weltlicht durchklärt« wird. [2]

Der zehnte Avatar, Kalki, ist »der, der da kommen wird«. Die Rosenkreuzer-Chronik sage über ihn: »Wenn aber die Zeiten erfüllt sind, das Auge öffnet sich, und Menschenschicksal wird leuchtend im Innern, die leuchtende Gestalt wähle zum Führer; dann wird dir Schicksal selbst Gesetz und liebesvolles Wirken. Wes Auge sich öffnet, der sieht lebende Rosen dem Kreuze erwachsen«.

Der Kalki-Avatar wird von Steiner also als Christus-Prophetie gedeutet. Konsequent fährt er fort: »Christus war für die Rosenkreuzer dieser Kommende«. Aber er war nicht nur der Kommende, insofern er für die Menschheit zum Vorbild ihrer künftigen Spiritualisierung wurde, sondern er war auch schon der Dagewesene – sonst hätte er ja nicht zum Vorbild werden können. »Christus«, heißt es im Text unmittelbar im Anschluss an den eben zitierten Satz, »als die sich immer fortentwickelnde Kristallisation zum leuchtenden Vorbild der sich hinaufentwickelnden Menschheit, der als Jesus menschliches Karma auf sich nahm und durch immer neue Inkarnation mit dem Karma der Christenheit verbunden bleibt«. [3] Nicht Christus ist es, der sich immer wieder inkarniert, sondern Jesus.

Steiner kommt nun, ähnlich wie in seinem Buch Christentum als mystische Tatsache, auf die archetypischen Lebensläufe der Initiierten, der Lehrer der Menschheit, zu sprechen – die er hier als Nirmanakayas bezeichnet –, die stets nach einem bestimmten Schema ablaufen: Versuchung, Opfertod und Verklärung. »Zarathustra, Hermes, die Druidenlehrer, Buddha, Christus« – sie alle steigen zum Wohl der Menschheit in die Materie hinab. Aber Christus unterscheidet sich von Buddha (und allen anderen), er bleibt nicht bei der Verklärung stehen, er steigt noch tiefer in die stoffliche Welt herunter. In Buddha inkarnierte sich »die Individualität des Mahaguru« (des großen spirituellen Lehrers, Vishnu), und erneut in Shankaracharya, um die Irrtümer zu berichtigen, die durch sein Wirken als Buddha unter den Menschen entstanden waren. Als letzterer bildete er die »tibetischen Mahatmas« aus, die in der Geschichte der Theosophischen Gesellschaft als Inspiratoren gewirkt hätten.

Als sich aber – so fährt Steiner fort – die »Individualität des Mahaguru in Christo« inkarnierte, »wählte er nicht wie sonst eine jungfräuliche embryonale Materie, die rein und frei von Karma war, sondern stieg tiefer hinab, um so karmabeladen und voller Brüderlichkeit mit der Menschheit als Fleisch von ihrem Fleische auch die dichteste Materie zu geistiger Verklärung zu bringen«. Und auf diese Weise »kam das Mysterium Christo zustande: Dass der Mahaguru von dem Leib eines niederen Mahatmas, eines Chelas der dritten Initiation, des dreißigjährigen Jesu Besitz ergriff, dessen Körper schon durch das Leben hindurchgegangen war und Karma gebildet hatte«. Von der Taufe am Jordan ist an dieser Stelle nicht die Rede, aber da der »Mahaguru« von Jesus, dem Initiierten der dritten Stufe, in dessen 30. Lebensjahr Besitz ergriff, kann nur diese Taufe gemeint sein. Und ein Initiierter der »dritten Stufe« ist in der Terminologie Steiners zu diesem Zeitpunkt jemand, der bereits auf dem Wege ist, seinen physischen Leib in Atma umzuwandeln (die Stufe der Archai oder Asuras, der Geister der Persönlichkeit zu erklimmen). Schon Jesus wirkte als Initiierter also in seinen physischen Leib hinein, nun aber überschattete ihn zudem die Individualität des »Mahaguru« und ergriff von ihm Besitz. Von nun an trat er »als Christus«, als der große Lehrer der Menschheit auf. Durch das, was folgte, »die Tragödie des Christus«, ging er jedoch über Buddha hinaus. »Christus« hatte die Bestimmung, »Kreuzestod und Auferstehung, die sonst nur sinnbildlich in der Verborgenheit vollzogen wurden, nun vorbildlich und öffentlich am eigenen Körper zu erleben, um durch dieses Opfer auch die große Masse der Menschheit emporzuheben …«

Diese Formulierung – wenn sie denn nicht von Marie Steiner stammt, die »später« ihre »stichwortartigen Notizen zu einem durchgehenden Text ausgearbeitet hat« –, wäre ein exakter Beleg für die in der Notiz Rudolf Steiners enthaltene Aussage: »1903 – die christlichen Mysterien gehen auf«. Denn in der ersten Auflage des Buches über das Christentum … wurde dieser Unterschied zwischen sinnbildlichen und wirklichen Vorgängen noch nicht gemacht.

Wir erinnern uns: laut Erstauflage des Christentums … zerfloss Buddha bei seinem Tod in das »selige Leben des Allgeistes«, Jesus dagegen erweckte diesen Allgeist »noch einmal in menschlicher Gestalt ins gegenwärtige Dasein«. »Dasselbe« geschah laut Steiner auch mit den Initiierten in den Osiris-Mysterien, auch sie gelangten zu einer solchen Auferstehung. Im Jesusleben wurde zur Buddha-Einweihung die »große Initiation«, die Osiris-Einweihung hinzugefügt. Davon, dass diese Osiris-Einweihung lediglich eine »sinnbildliche« Bedeutung hatte, war nicht die Rede. Ja, in den Vorträgen, die der Buchfassung zugrunde lagen, war vielmehr vom »Sinnbild« (Symbol) des Kreuzes die Rede. Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung symbolisierten in den ägyptischen Mysterien geistige Vorgänge des Sterbens und der Auferstehung. Diese symbolischen Dramen lebten in der Christusgeschichte »als geschichtliches Ereignis« wieder auf. Jeder, der in die ägyptischen Geheimnisse eingeweiht werden wollte, musste sich auf ein Kreuz legen, drei Tage auf diesem liegen und anschließend wieder aufstehen, und dieses symbolische Drama, das die eigentliche geistige Umwandlung der Initiation begleitete, trat im Christentum »in aller Offenheit in einem Einzelnen hervor«. Nun aber sind Kreuzestod und Auferstehung zu Vorgängen geworden, »die sonst nur sinnbildlich in der Verborgenheit vollzogen wurden«, während die Kreuzigung und Auferstehung Christi zum »vorbildlichen« realen »Opfer« werden, das die Menschheit aus ihrer Gefangenschaft in der stofflichen Welt erlöst. »Christus« heißt es kurz darauf, »brachte der Menschheit das größte Opfer«. [4]

Diese Formel: was sonst »nur sinnbildlich und in der Verborgenheit« vollzogen wurde, entspricht aber fast wörtlich einer Änderung, die Steiner 1910 in der zweiten Auflage des Christentums … vornahm.

Hatte es in der ersten Auflage noch geheißen:

»Buddha zerfließt im Augenblicke seiner Verklärung in das selige Leben des Allgeistes. Jesus erweckt diesen Allgeist noch einmal in menschlicher Gestalt in das gegenwärtige Dasein. Solches ward mit den Initiierten bei den höheren Weihen vollzogen. Die im Sinne des Osiris-Mythus Initiierten waren zu solcher Auferstehung gelangt. Diese ›große Initiation‹ wurde also im Jesus-Leben zu der Buddha-Initiation hinzugefügt« –

so hieß es in der zweiten (Hinzufügungen bzw. Änderungen 1910 kursiv):

»Buddha zerfließt im Augenblicke seiner Verklärung in das selige Leben des Allgeistes. Christus Jesus erweckt diesen Allgeist noch einmal in menschlicher Gestalt in das gegenwärtige Dasein. Solches ward mit dem Initiierten bei den höheren Weihen in einem Sinne vollzogen, der bildhaft ist. Die im Sinne des Osiris-Mythus Initiierten waren zu solcher Auferstehung in ihrem Bewusstsein als in einem Bild-Erlebnis gelangt. Diese große Initiation, aber nicht als Bild-Erlebnis, sondern als Wirklichkeit, wurde also im Jesus-Leben zu der Buddha-Initiation hinzugefügt«.

Der Unterschied ist deutlich. Leider wissen wir nicht zweifelsfrei, ob die Sätze aus der privaten Lehrstunde in Berlin-Schlachtensee von Steiner stammen. Außerdem wirft der Text auch andere Fragen auf. Wenn der Mahaguru, der vom Leib des dreißigjährigen Jesus Besitz ergriff, von Steiner tatsächlich mit Vishnu und dieser wiederum mit dem »Sonnenlogos« identifiziert wurde, hätte diese Wesenheit sich auch in Buddha und Krischna und allen früheren Avataren »inkarniert«. Dass dieser Mahaguru sich in Jesus nicht »wie sonst« »jungfräuliche embryonale Materie« als irdisches Gefäß auserkor, die »rein und frei von Karma« war, sondern »tiefer hinabstieg«, um »karmabeladen und voller Brüderlichkeit mit der Menschheit als Fleisch von ihrem Fleische auch die dichteste Materie zu geistiger Verklärung zu bringen«, korrespondiert zwar mit der Charakterisierung des Unterschieds zwischen Buddha und Christus im Christentum als mystische Tatsache, in dem es heißt, Jesus habe – im Unterschied zu Buddha, der bei seinem »Tod« im Allgeist zerflossen sei – diesen Allgeist »noch einmal in menschlicher Gestalt ins gegenwärtige Dasein« erweckt, er sei »Logos selbst, persönlich geworden«, in ihm sei »das Wort Fleisch geworden«, andererseits soll dieser »Mahaguru« sich auch in Krishna, ja in allen Avataren »inkarniert« haben – wird doch Krishna als seine »achte Inkarnation« bezeichnet. Müsste man jenes Wesen, das sich in Jesus in dessen dreißigstem Jahr inkarnierte, tatsächlich mit dem »Sonnenlogos« gleichsetzen – oder diesen Sonnenlogos mit dem späteren »Sonnenwesen Christus« –, hätte sich der Sonnenlogos nicht nur dieses eine Mal inkarniert, sondern immer wieder – und damit hätte Steiner eine Auffassung vertreten, die er später in den Auseinandersetzungen um Krishnamurti strikt ablehnen sollte. Da im zeitlichen Umfeld der privaten Lehrstunden der Begriff des »Sonnenlogos« nirgendwo anders auftaucht, lässt sich dessen damaliger Bedeutungsgehalt auch nicht genauer bestimmen. [5]

Aber zwei andere, unübersehbare, eindeutige Zeugnisse für den Wandel, der sich in Steiner im Jahr 1903 vollzogen hat, liegen vor in Gestalt eines Aufsatzes, den er zwischen Juli und September 1903 in Fortsetzungen in der Zeitschrift Luzifer-Gnosis veröffentlichte [6] und eines öffentlichen Vortrages, den er am 4. Januar 1904 in Berlin hielt, der von Franz Seiler stenografisch aufgezeichnet wurde. [7]

Der Aufsatz mit dem Titel Einweihung und Mysterien bemüht sich darum, Bedenken zu widerlegen, die sich aus dem behaupteten Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Mystik ergeben. Entgegen diesem Vorurteil unterstellt sich der »wahre« Mystiker der großen Lehrmeisterin Natur und sucht das, was in ihr wirkt, in sich zu höherer Entfaltung zu bringen: »Über dem Altare an dem der wahre Mystiker seine Opfer darbringt« so Steiner, »stand zu allen Zeiten, in die des Menschen Forschung reicht, mit Flammenschrift als höchstes Gesetz: ›Die Natur ist der große Führer zum Göttlichen; und des Menschen bewusstes Suchen nach den Quellen der Wahrheit soll folgen den Spuren ihres schlafenden Willens.‹ Folgen die Mystiker diesem ihrem höchsten Gesetz, so sollte kein Gegensatz sein zwischen ihren Wegen und jenen, welche die Erforscher der Natur wandeln«.

Die Natur hat den Menschen zum Denken und Empfinden gebracht und der Mystiker bildet diese Fähigkeiten zu Erkenntnisorganen fort. Die Entwicklung höherer Erkenntnisfähigkeiten ist eine logische Konsequenz des Paradigmas der Evolution. »Wer im Sinne der neueren Naturwissenschaft an diese Umgestaltung, an diese Entwickelung glaubt, und dennoch sich nicht selbst wandeln will, der erkennt zwar die Natur; aber er stellt sich in seinem eigenen Leben in Widerspruch mit ihr. Man soll nicht bloß Entwickelung erkennen; man soll sie leben«.

Der Mystiker, der diese Entwicklung lebt, blickt durch die Fähigkeiten, die er entwickelt, in eine andere Welt, er wird »eingeweiht« bzw. weiht sich selbst ein. Auf zwei solche »Mystiker« der Gegenwart geht Steiner in seinem Aufsatz näher ein: auf Annie Besant und ihre Publikation Esoterisches Christentum oder die kleineren Mysterien und auf Edouard Schuré und sein Buch Die großen Eingeweihten. Besant zeige, dass das Christentum ein Werk der Einweihung sei, und Schuré vertrete die Auffassung, dass die großen religiösen Bekenntnisse ungehobene Schätze ewiger Wahrheiten enthielten. Ein Verständnis dieser Werke setzt – ebenso wie die Erforschung der in ihnen angesprochenen geistigen Tatsachen – die Entwicklung der genannten Erkenntnisfähigkeiten voraus. Die Stifter dieser Bekenntnisse waren Eingeweihte, die in Mysterien herangeschult worden waren, um ihre nicht auf die bloße Gegenwart, sondern auf Jahrtausende berechneten Offenbarungen der Menschheit mitteilen zu können. Der Sinn dieser Offenbarungen bestand darin, die Menschheit in ihrer geistigen Entwicklung voranzubringen, daher folgten auch unterschiedliche Offenbarungen aufeinander. Der Unterschied zwischen esoterischen und exoterischen Lehren liegt darin begründet, dass die Menschen, an die sich die Offenbarung richtet, nicht gleich sind, sondern ihr ein unterschiedliches Verständnisvermögen entgegenbringen. Die esoterische Geschichte der Religionen ist eine Geschichte der Seelen, eine Geschichte der spirituellen Erfahrungen ihrer Gründer, die sich – im Gegensatz zur exoterischen Religion – in keinerlei äußeren Dokumenten finden lässt. Und doch ist die erstere der wahre und einzige Quell alles religiösen Lebens. Die »großen Eingeweihten, Propheten und Reformatoren« sind »die irdischen Sendboten« der göttlichen Welt. Aus dem »geistigen Laboratorium der Menschheit« schöpfen sie ihre Erkenntnisse, aber nur mit »Gleichnissen und Bildern« deuten sie auf die »in ihren Seelentiefen wohnende Weisheit«, die dem Verständnis derjenigen angepasst sind, an die sie sich richten. Wem dagegen die Einweihung in die Mysterien, die Esoterik der Religion zuteilwird, der erlebt die »unmittelbare Berührung mit den geistigen Urgründen, mit den Vater- und Muttermächten des Daseins«. Bei dieser Einweihung geht es nicht in erster Linie um den Erwerb neuer Erkenntnisse, sondern darum, sich durch eine Umwandlung der ganzen Persönlichkeit bereit zu machen, mit den Quellen alles Lebens eins zu werden. Aber auch wenn diese Einweihung nur wenigen vorbehalten war, so kamen doch ihre Früchte vielen zugute. Der gesamte geistige Lebensinhalt der Menschheit geht letztlich aus solchen Mysterien hervor: Mythen, Glaubens- und Religionsvorstellungen, die Sagen- und Märchenwelt, die Moral- und Rechtsvorstellungen, zuletzt auch das künstlerische Schaffen, die Wissenschaften und Philosophien.

Für den Mysten kann es keinen Widerspruch zwischen Glauben und Wissen geben, denn er erkennt, was andere glauben und glaubt, was er erkennt. Da Wissenschaft und Religion auf eine gemeinsame Quelle zurückgehen, gilt es, diese gemeinsame Quelle aufzudecken, wenn der Abgrund überbrückt werden soll, der sich in der abendländischen Geschichte der vergangenen Jahrhunderte zwischen beiden aufgetan hat. Allerdings ist der Weg zu diesen Quellen gefahrvoll. Wer den geistigen Pfad betreten will, muss sein Auge an das Licht gewöhnen, dem er entgegengeht, sonst wird er von ihm geblendet: »Als ein Verwandelter, als einer, dessen Geist-Auge stark gemacht ist, muss der Mensch die Schwelle betreten«. Und dieser Weg verläuft (oder verlief) über Stufen: die Vorbereitung, die zu einer gänzlichen Umwandlung der »physischen, moralischen und intellektuellen« Eigenschaften des Menschen führt. Dieser Stufe ordnet Steiner in Anlehnung an Schurés Darstellung der pythagoräischen Einweihung das »schweigende Lernen«, das Schweigen des Urteils zu. An eine lange Phase des schweigenden Lernens schloss sich der »goldene Tag der Offenbarungen über das Wesen der Natur und des Menschengeistes«, durch die dem Mysten »die Gesetzmäßigkeit des körperlichen und seelischen Daseins« nahegebracht wurde. War er genügend in diese Gesetzmäßigkeiten eingedrungen, folgte die große Einweihung in die Geheimnisse des Daseins, durch die sie nicht nur den Geist der Natur kennenlernten, sondern auch die Absichten dieses Geistes. Zu den Erkenntnissen, die in dieser großen Einweihung gewonnen wurden, gehörte auch die Einsicht in die Tatsache der Reinkarnation. Schließlich spricht Steiner über eine vierte – nicht-pythagoräische – Stufe, die mystische Einweihung. »Es war diejenige, in der sich nicht allein Anschauung und Denken, sondern das ganze Leben über die unmittelbare menschliche Persönlichkeit hinaus erweiterte. Hier wurde der Jünger nicht nur ein Weiser, sondern ein Seher. Er nahm nun nicht nur das Wesen der Dinge wahr, sondern er erlebte es mit ihnen«. Diese Stufe sei auch der Theosophie bekannt und werde als das »Öffnen der astralen Sinne« bezeichnet. Auf die Stufe des Sehers schließlich folgte jene des Theurgen. Auf dieser Stufe finde eine »vollständige Umkehrung der menschlichen Fähigkeiten« statt, Kräfte, die sonst nur in den Menschen einströmten, die strömten jetzt von ihm aus. Auf gewissen Gebieten, in denen der Mensch bloß Diener war, wird er zum Herrscher. Der Theurg schaut die Ursachen des äußeren Geschehens der Natur oder des menschlichen Schicksals und kann bewusst bewirken, was der Uneingeweihte unbewusst vollbringt oder erleidet.

Nun kommt Schuré auch auf das Christentum und seinen Stifter zu sprechen – auch durch ihn sind laut Steiner »die Weisheitskräfte der Mysterien in die geistigen Adern der Menschheit geflossen«. »Die Kraft«, so Steiner weiter, »die von Jesu Persönlichkeit ausstrahlt, ist lebendige Kraft in den Herzen aller derer, die sie in sich strömen lassen. Verstehen kann das lebendige Wort, das in dieser Kraft wirkt, nur, wer sich durch das Verständnis der Mysterienweisheit den Schlüssel zu diesem Worte holt«. Anders stehe der heutige Mensch diesem Wort gegenüber als vor neunzehn Jahrhunderten. Heute könne der Mensch die lebendige Kraft des »offenbaren Wortes« nur erleben, wenn er diese Kraft mit seiner Urteilsfähigkeit, seinem Verstand erfasse. Aus dieser Erkenntnis heraus müsse der wahre Theosoph wirken. Und nun folgen die Sätze, die deutlich vom neuen Verhältnis sprechen, das Steiner zum Christus gewonnen hat. Von Christus, »der in Jesus verkörpert war«, ist in ihnen die Rede, davon, dass dieser Christus »ein Führer der Lebendigen und nicht der Toten« sei, dass sich an den »lebendigen Führer« wenden müsse, wer die Evangelien verstehen wolle, denn er selbst könne dieses Verständnis lehren:

»Der Theosoph weiß, dass im Christentum die Wahrheit ist. Und er weiß auch, dass Jesus, in dem der Christus verkörpert war, kein Führer der Toten ist, sondern ein Führer der Lebendigen. Er versteht das große Meisterwort: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende. An den lebendigen Führer, nicht an den der geschichtlichen Berichte wendet sich zuerst«, wer das Christentum esoterisch erklären will. »Was das ›lebendige Wort‹ noch heute dem Ohre verkündet, das lauschen will: das strahlt dann ein in die Evangelienberichte. Jawohl, er ist dageblieben bis heute, der Kündiger des Wortes, und er kann uns selbst sagen, wie wir den Buchstaben zu erfassen haben, der von seinen Taten und Reden berichtet. Esoterisch sollen die ›frohen Botschaften‹ erfasst werden, das heißt, erst muss in unserem Innern die lebendige Kraft erwacht sein, die ihnen den Stempel des ›Heiligen‹ aufdrückt«.

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Anmerkungen:

[1] GA 88, Dornach 1999, S. 149 ff.

[2] Vom »sternenglänzenden Astralleib« des Buddha, der vollkommen frei von Begierden und Leidenschaften war, spricht Steiner auch in seinem Weihnachtsvortrag am 21. Dezember 1903 in Berlin. GA 88, S. 229. Hier heißt es: »Als er mit seinem Schüler Ananda einmal hinausging, löste sich Buddha in eine lichte Wolke auf, in eine Lichtwolke, in strahlendes Licht. Das war der zur Ruhe gekommene Astralkörper«.

[3] GA 88, S. 153.

[4] GA 88, S. 154.

[5] Der Ausdruck »Sonnenlogos« taucht erst 1907 (GA 100) und 1908 (GA 103) wieder auf. In GA 103 wird er explizit mit Christus identifiziert: »Da aber mit dem Gesamtbewusstsein des Sonnenlogos der Christus gemeint ist, musste man, wenn man auf ihn hindeutete, sprechen von der Fülle der Götter«, d.h. vom Pleroma. (GA 103, Dornach 1975, S. 79). Ob dieser Ausdruck 1908 dasselbe bedeutet wie 1903, lässt sich aufgrund der kargen Textgrundlage der privaten Lehrstunden nicht feststellen.

[6] GA 34, Dornach 1987, S. 34-66. Der Aufsatz ist hier online zugänglich.

[7] GA 52, Dornach 1986, S. 62 ff

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