Das Geheimnis des Hüters der Schwelle – 1905 (4)

Der Garten der Lüste.

Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste. Ausschnitt. Entstanden um 1500. Prado

Einen bedeutenden Schritt in der vertiefenden öffentlichen Beschreibung seiner Christus-Erfahrung stellen die beiden Aufsätze dar, die Steiner im August und September 1905 in der Zeitschrift Lucifer-Gnosis über den »Hüter der Schwelle« publizierte. Sie bilden den Schlussstein der Aufsatzreihe Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? – jenen Schlussstein, auf den die gesamte vorausgehende Darstellung hinzielt und in dem sie ihren krönenden Abschluss findet. Denn in ihnen schildert Steiner nichts anderes, als die mystische Christuserfahrung, die ihm selbst zuteil geworden ist, nunmehr aber als Bestandteil und Höhepunkt des esoterischen Schulungsweges, den jeder Mensch zu gehen vermag.

Wie erlangt man Erkenntnisse … ist Christentum als mystische Tatsache …, in eine Sprache übersetzt, die sich vollkommen von historischen Anspielungen befreit hat, und die erwartbare Begegnung mit dem Auferstandenen in das innerste Heiligtum jeder einzelnen Seele verlegt, die den beschriebenen Weg beschreiten will. Der überquellende Reichtum an Belegen und Bezügen aus der und zur Antike, der das Christentum als mystische Tatsache … auszeichnet, ist zugunsten einer intimen Schilderung der Seelenentwicklung zurückgenommen, die keinerlei gelehrte Voraussetzungen macht, sondern an die unmittelbare Selbstbeobachtung und Erfahrung appelliert, zu der ein jeder fähig ist.

Mit Recht kann daher Steiner gleich zu Beginn der Aufsatzreihe bemerken: »Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann«. Was folgt, sind exakte Beschreibungen der Bedingungen, die erfüllen muss, wer zu dieser Erfahrung gelangen will.

Die Absicht des vorliegenden Essays ist nicht, auf die Methoden und Anforderungen dieses Schulungsweges im Einzelnen einzugehen, dazu liegen bereits umfangreiche Arbeiten vor (siehe dazu: »Der esoterische Schulungsweg der Anthroposophie«). Nur so viel sei gesagt: der Schulungsweg, der ein Weg der Transformation des Menschen ist, fußt auf zwei Säulen: Selbsterziehung und Meditation.

Die Selbsterziehung ist moralische Selbsterziehung. Was Helmut Zander abschätzig als »Tugendkataloge« bezeichnet, ist in Wahrheit eine Schilderung der Seelenverfassung, die derjenige erzeugen muss, der dem lebendigen Christus einen Zugang zu seinem Herzen gewähren will. Dass der katholische Theologe dieser Seelenverfassung mit solcher Häme begegnet, zeugt nur davon, wie sehr er sich von jenem Wesen entfernt hat, dem er aufgrund seiner Profession verpflichtet sein sollte. Das vollendete Wesen der Liebe kann in eine Seele, die von Hass oder Neid, von Missgunst oder beißender Kritik zerfressen ist, nicht eintreten. Sie muss das Brautgemach erst zubereiten, in das ihr himmlischer Bräutigam einziehen soll.

Die erste moralische Anforderung ist daher, dass sie sich vom Hochmut befreit, so wie Christus selbst sich vom Hochmut befreite, indem er sich zum Diener und Erlöser aller Wesen erniedrigte, indem er seinen Jüngern die Füße wusch, zu den wüstesten Anklagen schwieg, sich auspeitschen und verhöhnen ließ usw. Daher wird gleich zu Beginn die Demut als Seelenstimmung betont, die der gegenwärtigen Menschheit in Ost und West so fremd ist, wie das Wesen des Christus, die selbstlose Liebe. Der Pfad der Devotion ist der Pfad der imitatio Christi. Demut ist selbstlose Hingabe – nicht an sich selbst, sondern an andere Wesen, Menschen oder Kreaturen, die der Liebe und Zuwendung bedürfen, an Ideale oder geistige Inhalte, die der Bewunderung und Achtung würdig sind.

Was Hingabe für Steiner bedeutete, lässt sich daraus ersehen, dass er bereits in den »Grundlinien einer Erkenntnistheorie« 1886 von dieser Hingabe als der Methode der Geisteswissenschaften gesprochen hat (»Die Hingabe an das Objekt« ist »die einzig richtige Methode« der Geisteswissenschaften). Es ist davon auszugehen, dass er selbst diese Hingabe bereits zu diesem Zeitpunkt systematisch praktizierte. Sie ermöglichte es ihm beispielsweise Goethes Erkenntnisart besser zu verstehen, als dieser sie selbst verstand.

Der Hingabe steht die innere Produktivität, das »rege, reiche Seelenleben« zur Seite – d.h. das Gegenteil der Hingabe, die individuelle Kreativität, die erst die geistigen Gegenstände aktiv hervorbringt, welchen die Seele sich alsdann hinzugeben vermag.

Die Epopteia und der Photismos, die Schau und die Erleuchtung, setzen Katharsis voraus – und auf diese Katharsis zielen all jene Anregungen, Seeleneigenschaften zu entwickeln, die wir nicht von Natur aus oder aufgrund gegenwärtiger gesellschaftlicher Konditionierung besitzen.

Zum Beispiel die neun Eigenschaften, von welchen im Kapitel »Praktische Gesichtspunkte« die Rede ist: die jeweils drei Qualitäten der Empfindungsseele (Geduld, Schweigen von Verlangen und Begierde, Wahrheit gegen sich selbst), der Verstandes- oder Gemütsseele (Schwinden der Neugier, Erziehung des Wunschlebens, Bekämpfen von Affekten) und der Bewusstseinsseele (Überwinden von Vorurteilen, Milde, Achten auf die Feinheiten des seelischen Lebens). Und so geht es weiter (man stelle sich vor, wie unser öffentliches Leben geartet wäre, wenn es durch diese Tugenden bestimmt würde und nicht durch Ehrgeiz, Vorurteil, Eitelkeit, Gier, Lüge und Machtstreben).

Diese moralische Selbsterziehung zielt darauf ab, das, was Steiner in den beiden letzten Beiträgen der Aufsatzreihe als »Doppelgänger«, als »kleinen Hüter der Schwelle« bezeichnet, umzuwandeln; es geht um nichts anderes – der drastische Ausdruck sei erlaubt –, als den Kampf gegen den inneren Schweinehund.

Während die Ausbildung von Seelentugenden einen besseren Menschen aus uns macht, das heißt einen ehrlicheren, duldsameren, vorurteilsfreieren, begeisterungsfähigeren, freudevolleren, hingabefähigeren, selbstbestimmteren Menschen, dienen die Anleitungen zur Meditation der Ausbildung seelischer Wahrnehmungsorgane. Es sind jene »Geistesaugen« und »Geistesohren«, die Rationalisten gerne als Allegorien aus der Geisteswissenschaft wegerklären, um sie zu jenem stromlinienförmigen Gebilde umzudeuten, das für Akademiker und den Zeitgeist annehmbar ist und die Anthroposophie angeblich wissenschaftlich »diskursfähig« werden lässt.

Aber reale geistige Wahrnehmungsorgane sind nötig, um die realen geistigen Gegenstände erfassen zu können, die sich diesen Organen zeigen, so wie sich das Licht dem physischen Auge, der Ton dem physischen Ohr »zeigt«. Ebensowenig, wie das physische Auge das Licht hervorbringt, ebensowenig bringen die geistigen Organe das geistige Licht oder den geistigen Ton hervor. Vielmehr verhält es sich umgekehrt: das physische Organ für Licht und Farbe ist durch kosmische Licht- und Farboffenbarungen gebildet, das physische Organ für Töne durch die Sphärenharmonien. Licht und Ton sind kosmische Realitäten, die im Physischen und Geistigen wirken.

Unausweichlich und unabdingbar ist für den Geistesschüler die Begegnung mit dem kleinen und dem großen Hüter der Schwelle. Während die erstere jene moralische Selbsterkenntnis fortsetzt und vertieft, die bereits im Alltagsbewusstsein begonnen hat, indem sie die Gestalt der Seele gegenständlich werden lässt – so wie das Bildnis des Dorian Gray die Züge des moralischen Verfalls zeigt, die sein lebendiger Eigner vor der Welt verbirgt – , tritt der Schüler – der Mensch, der sich auf den Weg der Wandlung begibt –, im großen Hüter dem erhabenen Ziel seiner gesamten moralischen Entwicklung gegenüber, jener Lichtgestalt, die alle von ihm angestrebten Eigenschaften auf höchste verwirklicht hat.

Der kleine Hüter der Schwelle ist »ein Geschöpf des Menschen« und zugleich »ein selbstständiges Wesen«, heißt es. [1] Er ist ebenso unser Geschöpf, wie beispielsweise der Neid unser Geschöpf ist. Der Neid fliegt uns an, aber wenn wir ihn nicht abweisen, setzt er sich in uns fest und bestimmt unsere gesamte Wahrnehmung, unser Handeln, unser Wesen, bis er sich am Ende sogar in unserer Physiognomie ausdrückt. Unsere habituellen Seelenerlebnisse prägen nicht nur die Gestalt unserer Seele, sie prägen sich bis in unsere physische Konstitution aus. Eine Seele, die jahrzehntelang vom Neid beherrscht und getrieben wird, nimmt allmählich die Form des Neides an, sie wird zu einem verzerrten, verschrumpelten Gebilde, das von abstoßendem, schmutzig-gelbem, filzigem Geflecht überzogen ist. Und so mit all jenen »Eigenschaften«, die die Seele ablegen muss, wenn sie dem Herrn der Liebe Einzug in ihr Brautgemach gewähren will.

Wer der imaginativen Gestalt des kleinen Hüters der Schwelle gegenübertritt, sieht sich mit einem »schrecklichen, gespenstischen Wesen« konfrontiert. Er ist das Kondensat des persönlichen und personalisierten kollektiven Unbewussten, die Summe der Schuld und der Verfehlungen, die wir im Laufe unseres Lebens – all unserer Leben – auf uns geladen haben. Er trägt zwar auch das vergessene Gute an sich, aber meistens überwiegt das Gegenteil. Er ist der Grund unserer Obsessionen und Zwänge, unserer Ängste und Depressionen, die Gier, die sich von der Gier nährt, der Hass, der den Hass entflammt, der Inbegriff des Gegenbildes des freien, vom Licht der Erkenntnis und der Glut der Liebe erfüllten Menschen. Und er ist wesenhaft: ein selbstständiges Wesen, das aus all den schuldhaften Verstrickungen zusammengesetzt ist, die wir im Laufe vieler Leben angesammelt haben. Die Nemesis, die Macht des Schicksals, waltete bisher über uns, und sorgte, ohne dass wir es wussten, für einen gerechten Ausgleich all dieser Verstrickungen, für Gelegenheiten, durch Leid über unseren quälenden Egoismus hinauszuwachsen. Die kosmischen Verwalter des menschlichen Karma, die »Mächte des Schicksals«, deren Bewusstsein die Inkarnationsreihe des Menschen umfasst (Engel), die im geschichtlichen Wandel ganzer Sprach- und Kulturkollektive wirken (Erzengel), die jene langdauernden Veränderungen hervorrufen, welchen die Menschheit als Ganze unterworfen ist (Zeitgeister), sie ziehen sich nun vom Menschen zurück und legen einen Teil der Verantwortung für sein eigenes Leben und das Menschheitsganze in seine Hand.

Was in Gestalt des Hüters in plastischer Anschaulichkeit dem Geistesschüler gegenübertritt, ist eine permanente Aufforderung an ihn, diesen Teil seines eigenen Wesens zu einer »in sich vollkommenen, herrlichen Wesenheit« umzugestalten. Deutlich zeichnet sich vor seinen Augen ab, was geschähe, wenn er diese Herausforderung nicht annähme: der Doppelgänger würde »dem Verderben anheimfallen« und ihn in seine »dunkle, verderbte Welt mit hinabziehen«. Wir sind unsere eigene Hölle, sagen die Mystiker, – aber auch unser eigener Himmel.

»Keinen Augenblick« wird dieser Hüter »als sichtbare Gestalt« von der Seite des Schülers weichen. Wenn er sich künftig moralische Verfehlungen erlaubt, wenn er an anderen schuldig wird, zeichnet sich diese Schuld augenblicklich sichtbar als »hässliche, dämonische Verzerrung« an der Erscheinung seines Doppelgängers ab. Tut er Gutes, handelt er selbstlos, wandelt sich hingegen die Hässlichkeit in Schönheit. Und erst, wenn es dem Menschen ganz unmöglich ist, »Übles zu tun«, wird er den kleinen Hüter in ein Wesen von »leuchtender Schönheit« umgewandelt haben. Dann wird sich dieses Wesen wieder mit dem höheren Selbst des Menschen – »zum Heile seiner ferneren Wirksamkeit« – vereinigen können.

Der kleine Hüter der Schwelle »hütet« eine Schwelle. Ebenso wie er selbst, ist auch diese Schwelle aus den Seeleneigenschaften des Schülers gezimmert: vor allem aus der »Furcht«, die »Verantwortung für das eigene Denken und Tun« zu übernehmen, aus der Furcht vor der Freiheit also. Solange der Mensch vor der »selbsteigenen Lenkung seines Geschicks« zurückschreckt, wird er »wie gebannt an der Schwelle stehenbleiben oder stolpern«.

Was für eine Schwelle ist das? Die Schwelle des Todes, die Schwelle der Unsterblichkeit. Das Reich, das der Schüler betritt, wenn er diese Schwelle überschreitet, ist dasselbe, in das er nach dem Tode einkehrt. Wer sie überschreitet, wird fortan, »indem er äußerlich sichtbar auf Erden wandelt, zugleich im Reich des Todes wandeln«. Aber dieses Reich des Todes ist das Reich des ewigen Lebens. Der Hüter ist »wirklich der Todesengel« und zugleich »der Bringer eines höheren, nie versiegenden Lebens«.

Blicken wir kurz auf das Christentum als mystische Tatsache … zurück. Der hier beschriebene Vorgang ist uns nämlich dort bereits begegnet.

Über die Seele des Mysten, der in die Mysterien eingeweiht wurde, schrieb Steiner, sie sei der Ort, an dem der in der Natur verzauberte Gott – der unausschöpfbare Quell des Lebens –, nach dem Abstieg in den Hades, das Reich des Todes, wiederaufleben könne. Diese Seele wurde als »Mutter« eines Gottes angesprochen, der in ihr in Sohnesgestalt auferstehe. Der in der Seele wiedergeborene Gott sei kein verborgener Gott mehr, wie der in der Schöpfung verzauberte Vatergott, sondern ein offenbarer Gott: »Er hat wahrnehmbares Leben, das unter den Menschen wandelt«. Der Myste selbst wurde durch die Einweihung zum »wahrnehmbaren Gott, der unter Menschen wandelt«. So wandelt der Geistesschüler als Wiedergeborener unter lauter Leichnamen.

»Das Jesus-Leben«, so hieß es in der ersten Auflage des Christentums …, »enthält mehr als das Buddha-Leben. Buddha schließt mit der Verklärung. Das Bedeutungsvollste im Jesus-Leben beginnt erst mit dieser Verklärung … Buddha ist bis zu dem Punkte gelangt, wo in dem Menschen das göttliche Licht anfängt zu glänzen. Er steht vor dem Tode des Irdischen. Er wird das Weltlicht. Jesus geht weiter. Er stirbt nicht physisch in dem Augenblicke, in dem ihn das Weltlicht durchklärt. Er ist in diesem Augenblicke ein Buddha. Aber er betritt auch in diesem Augenblicke eine höhere Stufe der Initiation. Er leidet und stirbt. Das Irdische verschwindet. Aber das Geistige, das Weltlicht verschwindet nicht. Seine Auferstehung erfolgt. Er tritt als Christus vor seine Gemeinde. Buddha zerfließt im Augenblicke seiner Verklärung in das selige Leben des Allgeistes. Jesus erweckt diesen Allgeist noch einmal in menschlicher Gestalt in das gegenwärtige Dasein. Solches ward mit den Initiierten bei den höheren Weihen vollzogen. Die im Sinne des Osiris-Mythus Initiierten waren zu solcher Auferstehung gelangt. Diese ›große‹ Initiation wurde also im Jesus-Leben zu der Buddha-Initiation hinzugefügt. Buddha hat mit seinem Leben das erwiesen, dass der Mensch der Logos ist; und dass er in diesen Logos, in das Licht zurückkehrt, wenn sein Irdisches stirbt. Jesus ist der Logos selbst persönlich geworden. In ihm ist das Wort Fleisch geworden«. (S. 96-97)

»Beim lebendigen Leibe wirst du durch mich sterben«, sagt der kleine Hüter der Schwelle zum Geistesschüler, »um die Wiedergeburt zum unzerstörbaren Dasein zu erleben«. Wer ist dieser »Todesengel«, der das ewige Leben und die Seligkeit bringt? Was für eine Wesenheit verbirgt sich hinter dem Doppelgänger? Zwar wird es nicht ausgesprochen, aber es ist doch geradezu mit Händen greifbar. Aus den Schilderungen, die folgen, erhalten wir weitere Aufschlüsse.

Eine Folge der »glücklich überstandenen Begegnung mit dem Hüter« ist nämlich, so fährt Steiner fort, dass der Geistesschüler seinen nächsten physischen Tod nicht mehr wie gewöhnliche Menschen erlebt. Er legt seinen Körper bewusst ab, wie man ein Kleid ablegt. Während er aus dem Bewusstseinshorizont der Zurückbleibenden schwindet, verändert sich für ihn nichts Erhebliches, ist er doch bereits vor dem Tod in jene Welt eingetreten, die er nun durch sein physisches Sterben endgültig betritt. Wer philosophiert, übt das Sterben, heißt es bei Plato, der Tod bringt die wahre Freiheit, bei Steiner – die wahre Freiheit erlangt, wer bereits während seines Lebens den Einweihungstod stirbt und als Auferstandener weiterlebt.

Diese Freiheit hat, wie wir bereits aus der Philosophie der Freiheit wissen, nicht nur eine persönliche, sondern auch eine gesellschaftliche, ja menschheitliche Dimension. »Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen, die Gesellschaft ein gesetzmäßig Handelndes, ein freies Wesen kann er nur selbst aus sich machen«, schreibt Steiner 1893. Die Natur macht aus dem Menschen ein »Gattungswesen«, die Gesellschaft macht aus ihm ein Kollektivwesen, ein wahrhaft individuelles Wesen wird er durch sich selbst, durch die freie Selbstbestimmung.

Auf diese Gattungs- und Kollektivnatur des Menschen wirft nun die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle ein neues Licht. Der Gattung gehört der Mensch durch seinen Leib an, einer Familie, einer Gesellschaft, einem Volk durch seine Geburt und durch die Arbeit dieser Kollektive an ihm. Durch Sprache und Bildung prägt sich ihm das Kollektiv ein, dem er angehört und er wächst unbewusst in die habituellen Lebensformen hinein, in die er geboren wird, auch wenn er sie im späteren Verlauf seines Lebens zunehmend individualisiert oder sich sogar von ihnen bis zu einem gewissen Grade emanzipiert. Als Naturwesen ist er durch die Vererbung bestimmt, als gesellschaftliches Wesen durch das Kollektiv, dem er angehört.

Im Kontext der Philosophie der Freiheit ist das Bestimmende stets der ideelle Anteil der Wahrnehmung, der Begriff oder das Gesetz, mag es nun erkannt sein oder nicht. Dieses Gesetz, das die Wahrnehmung bestimmt, indem es in ihr wirkt, ist aber seinerseits wesenhaft, es ist Ausdruck eines Wesens. Geistige Kollektivwesen wirken in der Natur, in der naturhaften Seite des Menschen, in der Gesellschaft: mögen sie auch Individualitäten sein, weil geistige Wesen stets Individualitäten sind, so erscheinen sie den Individuen gegenüber, die durch sie bestimmt werden, doch als Kollektivmächte.

»Das bewusste Wirken der einzelnen Menschen ist keineswegs alles, womit man bei einer Familie, einem Stamme, Volke, einer Rasse zu rechnen hat …«, führt Steiner in Wie erlangt man … aus. »Und in dem Leben einer Familie, eines Volkes, einer Rasse wirken außer den einzelnen Menschen auch die ganz wirklichen Familienseelen, Volksseelen, Rassengeister«.

Wer die Gesetze, die in diesen Kollektiven wirken, nicht durchschaut, wird unbewusst durch sie bestimmt, er ist ein Sklave seiner »Rassen-« oder »Klasseninstinkte« und insofern unfrei. Das gilt übrigens auch für die Konventionen »wissenschaftlicher« Denkkollektive und die Institutionen, in denen sie sich stratifizieren. »Von dem Zeitpunkte an, wo der Geheimschüler dem Hüter der Schwelle begegnet«, hat er jedoch »nicht bloß seine eigenen Aufgaben als Persönlichkeit zu kennen, sondern er muss wissentlich mitarbeiten an denen seines Volkes, seiner Rasse«. Er darf sich also ebensowenig durch die gesellschaftliche Konvention, wie durch die Vererbung oder die Eigenschaften bestimmen lassen, die ihm durch die Natur zuteil geworden sind.

Wirkliche Freiheit bedeutet, die in diesen Kollektiven wirkenden Gesetze – also Wesenheiten, Mächte – zu durchschauen und sich von ihnen zu emanzipieren. Der Geistesschüler muss aus der instinktiven, unbewussten »Gemeinsamkeit ganz heraustreten«. Er muss »heimatlos«, ein Flüchtling werden: »Erst der Geheimschüler lernt erkennen, was es heißt, ganz verlassen sein von Volks-, Stammes-, Rassegeistern. Erst er erfährt an sich selbst die Bedeutungslosigkeit aller solcher Erziehung für das Leben, das ihm nun bevorsteht. Denn alles, was an ihm heranerzogen ist, löst sich vollständig auf …« (Die »Heimatlosigkeit« wird Steiner später als grundlegenden Charakterzug des Eingeweihten beschreiben). »Der Hüter der Schwelle«, so heißt es weiter, »zieht … einen Vorhang hinweg, der bisher tiefe Lebensgeheimnisse verhüllt hat. Die Stammes-, Volks- und Rassengeister werden in ihrer vollen Wirksamkeit offenbar; und der Schüler sieht ebenso genau, wie er bisher geführt worden ist, als ihm andererseits klar wird, dass er nunmehr diese Führerschaft nicht mehr haben wird«.

Wie auch immer die Eigenschaften beschaffen sein mögen, die dem Menschen angeboren oder anerzogen sind, er muss sie erkennen, er muss sich von ihnen befreien, um frei handeln zu können. »Wo Es war, soll Ich werden«, weiß Freud, wo das »kollektive Unbewusste« war, soll das »individuelle Selbst« werden, Jung. Aber dieses freie Ich, dieses Selbst darf natürlich nicht heimatlos bleiben, sonst verlöre es allen Zusammenhang mit dem Rest der Menschheit. Es muss sich dieser wieder bewusst und freiwillig zuwenden. Es muss seinen Schatten, seinen Animus oder seine Anima integrieren, sonst droht die Abspaltung und Projektion. Es muss nun aus Erkenntnis an dem arbeiten, woran es früher unbewusst, instinktiv mitgearbeitet hat.

All diese Motive werden im zweiten Aufsatz, der im September 1905 erschienen ist, fortgeführt. [2] Dieser Aufsatz, der letzte der Reihe, schildert die Begegnung des Geistesschülers mit dem großen »Hüter der Schwelle«.

Durch den Eintritt in die höhere Welt, so Steiner, beginnt der Mensch in der sinnlichen einen »Keimboden« für die geistige zu sehen. Zwei Ausblicke eröffnen sich ihm: einer in die Vergangenheit, einer in die Zukunft.

Im Folgenden ist vom geistigen Einschlag die Rede, den der Kosmos und die Menschheitsentwicklung durch das Leben und den Tod des Christus erhalten haben. Zwar spricht Steiner den Namen des Christus nicht aus, aber er schildert die kosmischen und irdischen Folgen seines Lebens und Sterbens. Auf eine gewaltige Metamorphose wird hingedeutet, jene Metamorphose, die aus dem Menschen und dem geistigen Leben, das er in sich entzündet, eine neue Schöpfung hervorgehen lässt, jenen Kosmos, dessen Grundsubstanz die Liebe ist. Der Mensch muss sich durch alles Vergängliche hindurcharbeiten, um sich vom Geschöpf zum Schöpfer zu erheben. Die Weltgeschichte ist, wie Hegel sagt, die Geschichte der Freiheit – aber diese Freiheit ist stets individuelle Freiheit, sie ist an die Individualität des Menschen gebunden, die sich zur Freiheit hindurchringt: nicht »die Idee der Freiheit« verwirklicht sich in der Geschichte, sondern der individuelle Mensch verwirklicht seine Freiheit durch die Reihe der Wiederverkörperungen und prägt damit auch der Gesellschaft, in der er lebt, den Stempel seiner Freiheit auf. Im Verlauf ihrer Entwicklung durch Äonen befreit sich die menschliche Individualität aus der Nacht der Kollektivgeistigkeit, um als aurora consurgens, als leuchtende Sonne, aus der Finsternis hervorzutreten und ihre naturgegebenen »Hüllen« in eine von ihr selbst geprägte Geistleiblichkeit umzuwandeln. Die vollkommenste Erscheinungsform des Menschen ist der vollendete Geistleib, der ganz von der Individualität und ihrem geistigen Licht durchdrungen ist, der vollendete und harmonische Ausdruck der Gattung, die der Mensch als geistiges Wesen darstellt, jeder einzelne für sich (denn »jeder Mensch ist eine Gattung «, heißt es in der Theosophie 1904).

Diese »erhabene Lichtgestalt«, das imaginative Bild seiner eigenen Zukunft, »deren Schönheit zu beschreiben in den Worten unserer Sprache unmöglich ist«, tritt dem Menschen in Form des großen Hüters der Schwelle entgegen.

Sehen wir den Wortlaut etwas genauer an. »Zwei Ausblicke« eröffnen sich, wie gesagt, dem Geistesschüler, der die übersinnliche Welt betritt. Er schaut in eine Vergangenheit, in der die sinnliche Welt noch nicht war, aus der sie aber hervorgegangen ist. Die geistige Welt, der er selbst angehörte, bedurfte des Durchgangs durch die sinnliche Welt, um in eine »höhere Vollkommenheit« überzugehen. Aus dem Menschen, der sich in der sinnlichen Welt entwickelt, seine Fähigkeiten zur Reife bringt, wird diese höhere Form des geistigen Daseins hervorgehen. Aus dieser Einsicht ergibt sich ein Verständnis für Krankheit und Tod. Der Tod ist nämlich Ausdruck dafür, dass die einstige übersinnliche Welt sich durch sich selbst nicht weiterentwickeln konnte. Diese übersinnliche Welt und alles Leben in ihr wäre erstorben, hätte sie nicht den Einschlag eines neuen Lebens erhalten. »Aus den Resten einer absterbenden, in sich erstarrenden Welt erblühten die Keime einer neuen«. Die absterbenden Teile der alten Welt haften noch den Lebenskeimen der neuen an.

Der Mensch trägt Hüllen der alten Welt an sich, und innerhalb dieser Hüllen bildet sich der Keim jenes Wesens, das der Träger des zukünftigen Lebens ist. Was sterblich ist an ihm, befindet sich in seinem Endzustand, was unsterblich ist, in seinem Anfangszustand. Innerhalb der sinnlichen Welt eignet er sich die Fähigkeiten an, die eine Welt in die andere überzuführen. Blickt er auf sein Wesen, das er in der Vergangenheit aufgebaut hat, sieht er auf das Absterbende, blickt er auf die Keime der neuen Welt, die in ihm heranwachsen, offenbart sich ihm der Aufgang der werdenden Schöpfung, die aus ihm hervorgeht. »So geht des Menschen Weg vom Tode zum Leben. Er lernt durch den Tod für das Leben«.

Seine »Hüllen« stehen »unter der Herrschaft des Absterbenden«, aus dem seine physischen Organe entstanden sind. Daher sind diese Organe selbst dem Tod geweiht. »Nicht die Instinkte, Triebe, Leidenschaften usw. und die zu ihnen gehörigen Organe stellen ein Unvergängliches dar, sondern erst das wird unvergänglich sein, was als das Werk dieser Organe erscheint. Erst wenn der Mensch aus dem Vergehenden alles herausgearbeitet hat, was herauszuarbeiten ist, wird er die Grundlage abstreifen können, aus welcher er herausgewachsen ist, und die ihren Ausdruck in der physisch-sinnlichen Welt findet«.

»Das Individuelle in mir», heißt es 1893 in der Philosophie der Freiheit, »ist nicht mein Organismus mit seinen Trieben und Gefühlen, sondern das ist die einige Ideenwelt, die in diesem Organismus aufleuchtet. Meine Triebe, Instinkte, Leidenschaften begründen nichts weiter in mir, als dass ich zur allgemeinen Gattung Mensch gehöre; der Umstand, dass sich ein Ideelles in diesen Trieben, Leidenschaften und Gefühlen auf eine besondere Art auslebt, begründet meine Individualität. Durch meine Instinkte, Triebe bin ich ein Mensch, von denen zwölf ein Dutzend machen; durch die besondere Form der Idee, durch die ich mich innerhalb des Dutzend als Ich bezeichne, bin ich Individuum. Nach der Verschiedenheit meiner tierischen Natur könnte mich nur ein mir fremdes Wesen von andern unterscheiden; durch mein Denken, das heißt durch das tätige Erfassen dessen, was sich als Ideelles in meinem Organismus auslebt, unterscheide ich mich selbst von andern«.

»Der Grad der Verstricktheit mit der physisch-sinnlichen Natur« fährt Steiner im September 1905 fort, »wird dem Menschen durch den ›Hüter der Schwelle‹ anschaulich. Diese Verstricktheit drückt sich zunächst in dem Vorhandensein der Instinkte, Triebe, Begierden, egoistischen Wünsche, in allen Formen des Eigennutzes usw. aus. Sie kommt dann in der Zugehörigkeit zu einer Rasse, einem Volke usw. zum Ausdruck«. Der Durchgang »durch Rassen, Völker« und »immer reinere sittliche und religiöse Anschauungsformen« ist ein Weg der individuellen Vervollkommnung, der Befreiung. Vom Zustand der naturhaften Unbewusstheit steigt die Individualität zu immer höheren Graden der Bewusstheit auf.

Im kleinen Hüter der Schwelle tritt dem Menschen das Ergebnis seiner Vergangenheit gegenüber. Im großen Hüter dagegen zeigt sich ihm das Bild seiner eigenen Zukunft. »Nachdem der Mensch erkannt hat, wovon er sich befreien muss, tritt ihm eine erhabene Lichtgestalt in den Weg«, eben der große Hüter der Schwelle, dessen »Schönheit unbeschreiblich« ist. Der große Hüter zeigt ihm einen zweifachen Weg: den schwarzen und den weißen Pfad.

Er verkündet dem Geistesschüler, der sein »Heimatrecht« in der übersinnlichen Welt erworben hat, keine andere Botschaft, als die des Evangeliums: »Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan«. Der Einzelne könnte als Erlöster in der geistigen Welt verbleiben, aber all seine Mitgeschöpfe, die doch seine Brüder und Schwestern sind, blieben unerlöst zurück. Er muss sich ihnen zuwenden und seine Kräfte mit ihnen teilen. Ja, der große Hüter verwehrt dem Schüler sogar den Eintritt in die höchsten Gebiete der übersinnlichen Welt »als Cherub mit dem Flammenschert vor dem Paradiese«, solange er nicht all seine erworbenen Kräfte »zur Erlösung seiner Mitwelt verwendet hat«.

»Ein unbeschreiblich hoher Glanz geht von dem zweiten Hüter der Schwelle aus; die Vereinigung mit ihm steht als ein fernes Ziel vor der schauenden Seele. Doch ebenso steht da die Gewissheit, dass diese Vereinigung erst möglich wird, wenn der Eingeweihte alle Kräfte, die ihm aus dieser Welt zugeflossen sind, auch aufgewendet hat im Dienste der Befreiung und Erlösung dieser Welt. Entschließt er sich, den Forderungen der höheren Lichtgestalt zu folgen, dann wird er einer der Führer des Menschengeschlechtes zur Befreiung. Er bringt seine Gaben dar auf dem Opferaltar der Menschheit. Zieht er seine eigene vorzeitige Erhöhung in die übersinnliche Welt vor, dann schreitet die Menschheitsströmung über ihn hinweg«.

Er wendet sich dem schwarzen Pfad zu.

Der Aufsatz schließt mit einer lapidaren Bemerkung, in der sich der erste Satz der ganzen Folge widerspiegelt [3], jedoch mit umgekehrten Vorzeichen. Der beschriebene Pfad, so Steiner, ist nämlich so veranlagt, dass er den Schüler »so lange von der überirdischen Welt fernhält, bis dieser sie mit dem Willen zur hingebenden Mitarbeit betritt«. Also: Wohl schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse der höheren Welten erwerben kann, aber der beschriebene Pfad selbst hält ihn von solchen Erkenntnissen fern, solange er ihrer nicht würdig ist.

Wie man sieht, mündet die Schilderung des Weges am Ende wieder in das Eingangsmotiv: die höchste Erkenntnis, zu der er hinführt, die Vereinigung mit dem großen Hüter der Schwelle – das heißt, die Vereinigung mit Christus –, stellt geistig-leibhaftig das erhabene Ziel vor Augen, das bereits am Anfang gegenwärtig ist: der Weg zur höchsten Erkenntnis, zur höchsten Vollendung, führt durch das Tor der Demut.

Der Weg der Einweihung ist ein Weg, der im Dienste der Befreiung und Erlösung aller Wesen, die Menschen und Genossen des Menschen sind, beschritten werden soll. Was in Form des großen Hüters dem Schüler entgegentritt, ist jenes größte Vorbild des Opfers und der Selbstlosigkeit, dem auch der von Steiner beschriebene Schulungsweg verpflichtet ist, jenes Wesen, von dem der griechische Kirchenlehrer Gregor von Nazianz (ca. 326-390) spricht, wenn er sagt: »Lasst uns werden wie Christus, da Christus uns gleich geworden ist. Werden wir Götter um seinetwillen, da er um unseretwillen Mensch geworden ist.« [4]

1909 hat Rudolf Steiner in seiner Geheimwissenschaft im Umriss das Geheimnis dieses »großen Hüters der Schwelle« nicht nur angedeutet, sondern offen ausgesprochen. Auch hier ist, allerdings explizit, von der mystischen Vereinigung des Menschen mit Christus in der intuitiven Erkenntnis – der Erkenntnis durch Einswerden mit dem Erkannten – die Rede. Diese Erkenntnis durch Intuition setzt den Durchgang durch die Imagination und die Inspiration voraus – erstere vermittelt die bildhaften Epiphanien der geistigen Wesenswelt und der ewigen Geschichte, die wie ein gewaltiges Gemälde in den Weltenäther hineingemalt ist, für letztere beginnt diese Leinwand bewegter Bilder zu sprechen, während die Intuition zur Erkenntnis der Wesen durch Vereinigung führt:

»Wenn der Geistesschüler sich ein Erlebnis von der Intuition verschafft hat, so kennt er nicht nur die Bilder der seelisch-geistigen Welt, er kann nicht nur ihre Beziehungen in der ›verborgenen Schrift‹ lesen: er kommt zu der Erkenntnis der Wesen selbst, durch deren Zusammenwirken die Welt zustande kommt, welcher der Mensch angehört. Und er lernt dadurch sich selbst in derjenigen Gestalt kennen, die er als geistiges Wesen in der seelisch-geistigen Welt hat. Er hat sich zu einer Wahrnehmung seines höheren Ich durchgerungen, und er hat bemerkt, wie er weiter zu arbeiten hat, um seinen Doppelgänger, den ›Hüter der Schwelle‹, zu beherrschen. Er hat aber auch die Begegnung gehabt mit dem ›großen Hüter‹ der Schwelle, der vor ihm steht wie ein stetiger Aufforderer, weiter zu arbeiten.

Dieser ›große Hüter der Schwelle‹ wird nun sein Vorbild, dem er nachstreben will. Wenn diese Empfindung in dem Geistesschüler auftritt, dann hat er jene wichtige Stufe der Entwicklung erstiegen, auf welcher er zu erkennen vermag, wer da eigentlich als der ›große Hüter der Schwelle‹ vor ihm steht. Es verwandelt sich nämlich nunmehr dieser Hüter in der Wahrnehmung des Geistesschülers in die Christus-Gestalt … Der Geistesschüler wird dadurch in das erhabene Geheimnis selbst eingeweiht, das mit dem Christus-Namen verknüpft ist. Der Christus zeigt sich ihm als das ›große menschliche Erdenvorbild‹.«

Hier erst, 1909, wird also das erhabene Geheimnis enthüllt, das der große Hüter der Schwelle in sich birgt, jene Gestalt, die in Wie erlangt man Erkenntnisse … das Zukunftsziel der gesamten Entwicklung des Geistesschülers darstellt. Aber für jeden, der Ohren hatte, zu hören, ist dieses Geheimnis bereits 1905 mitgeteilt worden. Als ein »fernes Ziel« schwebte die Vereinigung mit diesem Hüter der Schwelle vor der schauenden Seele; daran hat sich 1909 nichts geändert, wenn Christus als das »große menschliche Erdenvorbild« bezeichnet wird, außer, dass ausgesprochen wird, mit wem sich der Mensch zu vereinigen strebt.

Und aus der mystischen Erkenntnis des Christus als des großen Hüters der Schwelle ergibt sich, so Steiner 1909, ein Verständnis des geschichtlichen Christus-Ereignisses:

»Ist auf solche Art durch Intuition der Christus in der geistigen Welt erkannt, dann wird auch verständlich, was sich auf der Erde geschichtlich abgespielt hat … in der griechisch-lateinischen Zeit. Wie zu dieser Zeit das hohe Sonnenwesen, das Christus-Wesen, in die Erdenentwickelung eingegriffen hat, und wie es nun weiter wirkt innerhalb dieser Erdenentwickelung, das wird für den Geistesschüler eine selbsterlebte Erkenntnis. Es ist also ein Aufschluss über den Sinn und die Bedeutung der Erdenentwickelung, welchen der Geistesschüler erhält durch die Intuition«. [5]

Diese Sätze machen nicht nur deutlich, dass die Wesenheit des Christus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst, sie werfen auch ein Licht auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihres Autors, sie sind ein impliziter Kommentar zum Weg, den Steiner selbst zwischen 1900 und 1905 bzw. 1909 zurückgelegt hat.

Vorheriger Beitrag: Theosophie als Dienerin des Christentums (3)

Folgender Beitrag: Das Johannes-Evangelium als Einweihungsurkunde (5)

Anmerkungen:

[1]  (»Lucifer-Gnosis«, Heft 27, August 1905, S. 452; zitiert wird nach der ersten Ausgabe)

[2] Lucifer-Gnosis, Heft 28, S. 486-490.

[3] Dieser erste Satz lautet: »Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann«.

[4]  Gregor von Nazianz, Orat. 1 n. 5, PG 35, 397 C.

[5] Zitiert nach der ersten Ausgabe, S. 377-378, Leipzig 1910. Steiner vollendete das Buch 1909, die Vorrede wurde im Dezember 1909 geschrieben, der Druck weist jedoch 1910 als Erscheinungsjahr aus.

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