Die Ringsteine der Weisheit – I – Adam

Makroanthropos, Hildegard von Bingen

Makroanthropos, der vollkommene Mensch

Das Buch Fusūs al-hikam, die »Ringsteine der Weisheit«, gilt neben seinen »Mekkanischen Offenbarungen« als Ibn al-Arabīs (1165-1240) bedeutsamstes Werk. In der Sufitradition wird Ibn al-Arabī als Meister aller Meister bezeichnet und manche Autoren sehen in ihm den größten Mystiker überhaupt. Während seiner Jugendzeit, die er in Spanien verbrachte, begegnete er Averroes und war später in Konya mit Jalāl ad-Dīn Rūmī, einem anderen großen Sufimystiker, dem Inspirator des Ordens der »tanzenden Derwische« befreundet.

Die Übersetzung des Titels: »Ringsteine der Weisheit« klingt zwar poetisch und wird deswegen hier beibehalten, ist aber nicht ganz exakt. Das arabische Wort »fass«, die Einzahl von »fusūs«, bezeichnet die Fassung eines Edelsteins, in den ein Name oder Symbol eingraviert wird, der alsdann, an einem Siegelring befestigt, als Prägeform dient. Diese »Fassungen der Weisheit« sind die Propheten, die nacheinander in unterschiedlicher Form offenbaren, was letztlich unfassbar und unaussprechlich ist. Was sie fassen, ist der Inhalt ihrer Offenbarung, durch die sie selbst zu den Edelsteinen werden, denen das Negativ (oder Positiv) des Bildes eingeprägt ist, das durch sie wiederum im Wort zum Ausdruck gebracht wird.

Wie man sieht, klingt allein schon im Titel des Buches eine Fülle mystischer und esoterischer Bedeutungen an. Edelsteine sind Geschenke der Natur, die aufgrund ihrer Lichtdurchlässigkeit in den unterschiedlichsten Farben leuchten. Aber sie leuchten nicht aus sich selbst, sondern nur, wenn das Licht in sie einfällt. Aufgrund dieser besonderen Qualität werden sie als Schmucksteine ausgewählt und zu Symbolen des Charismas an der Hand ihres Trägers. Sie werden durch einen Juwelier geschliffen und in die passende Form gebracht. Er graviert auch das Negativ des Siegelbildes in sie ein, das Zeichen des Besitzers oder Benutzers, der damit Dokumente oder Botschaften versiegelt, also ihre Echtheit bezeugt oder Macht und Besitz überträgt. Die Steine selbst werden nicht vom Menschen geschaffen, sondern lediglich entdeckt und ausgegraben; in ihnen offenbart sich das kondensierte Licht der Sterne, die der Schöpfer als Zeichen seiner Gegenwart an den irdischen »Horizont« gesetzt hat. Der Text erscheint hier in erstmaliger deutscher Übersetzung.

Erstes Kapitel: Die Weisheit des Göttlichen im Wort Adams

Die höchste, unaussprechliche und namenlose Wirklichkeit sehnte sich danach, die Wesenheiten ihrer schönsten Namen zu sehen, oder anders gesagt, ihr eigenes Wesen in einem Gegenstand zu sehen, der ihre gesamte Wesensfülle einschloss und ihr als existierendes Wesen das ganze Geheimnis ihrer eigenen Fülle offenbarte. Denn es ist nicht dasselbe, ob etwas sich selbst in sich selbst sieht, oder ob es sich in einem anderen sieht wie in einem Spiegel; wenn es sich in einem Spiegel sieht, dann erscheint es sich in einer Form, die bedingt ist durch den Ort der Schau, und diese Form ist nur dadurch gegeben, dass der Ort dieser Schau existiert und sich ihm offenbart.

Die höchste Wirklichkeit ließ daher die gesamte Schöpfung, den Kosmos, ins Dasein treten, zuerst in einer undifferenzierten Gestalt, die noch keine Spur des Geistes in sich trug, so dass sie beschaffen war wie ein nicht polierter Spiegel. Diesen Ort, den Er schuf, bestimmte er dazu, den göttlichen Geist zu empfangen, was der Koran dadurch ausdrückt, dass er sagt, »er hauchte ihm den Geist ein«. Dieses Einhauchen ist nichts anderes, als der Beginn der Wirksamkeit der ihm innewohnenden Anlagen der undifferenzierten Formen, die unerschöpfliche Fülle seiner Selbstoffenbarung in sich aufzunehmen, die ewig ist und immer sein wird. Es gibt anfangs nichts, als diese Empfänglichkeit; und das Empfängliche stammt allein aus der Heiligen Überfülle der höchsten Wirklichkeit, denn alle Macht des Wirkens liegt in ihm, sowohl am Anfang als auch am Ende. Alle Macht stammt aus ihm und beginnt mit ihm.

Daher schuf die göttliche Macht den Spiegel der Schöpfung und Adam ist das Vermögen dieses Spiegels, zu spiegeln und der Geist seiner Form, während die Engel lediglich bestimmte Fähigkeiten dieser Form des Kosmos sind. Diese Form der Schöpfung wird in den Überlieferungen der Völker als »makrokosmischer Mensch« bezeichnet. Die Engel verhalten sich zu ihm wie die seelischen oder körperlichen Kräfte des Menschen zum ganzen Menschen. Eine jede dieser kosmischen Fähigkeiten oder Kräfte wird durch den Schleier ihres eigenen Wesens daran gehindert, das Ganze aller Formen und Kräfte zu sehen, so dass sie nicht imstande sind, etwas anderes als sich selbst zu erkennen. Und Gott setzte die Aufenthaltsorte all dieser Kräfte in seiner Nähe oder Ferne nach Maßgabe ihrer besonderen Beschaffenheit fest, nach dem Maß ihres Anteils an der göttlichen Einheit. Denn eine jede hat Teil an der Sphäre der Göttlichkeit und der Wirklichkeit aller Wirklichkeiten, aber auch an den Vorzüglichkeiten der kosmischen Natur, die die gesamten Gefäße des Kosmos enthält, die fähig sind, Anteile der göttlichen Fülle in größerem oder geringerem Maß in sich aufzunehmen.

Das Wissen von diesen Vorgängen in der höchsten Wirklichkeit vermag der Mensch nicht durch seinen Verstand zu erlangen, sondern nur durch eine göttliche Offenbarung, die ihm den Ursprung der Formen des Kosmos enthüllt, die den Geist Gottes in sich aufnehmen. Die beschriebene Schöpfung wird nun als Mensch und Stellvertreter Gottes bezeichnet. Der erste Name weist auf seine Universalität und auf die Tatsache hin, dass er alle Wirklichkeit in sich schließt. Denn für die höchste Wirklichkeit ist er wie die Pupille, durch die das Auge sieht. Daher wird er insān genannt, was sowohl Mensch als auch Pupille bedeutet. Denn durch ihn sieht die allerhöchste Wirklichkeit ihre Schöpfung und verleiht ihr die Gnade ihrer Existenz. Er ist der Mensch, der als Form vergänglich, als Wesen aber ewig ist; er ist das ewige, immerdauernde, zugleich unterscheidende und zusammenfassende Wort. Aufgrund seiner Existenz verbleibt die Schöpfung im Dasein und er ist für sie dasselbe, wie das Siegel für den Ring, denn das Siegel ist jener Ort, in dem das Zeichen eingeprägt wird, mit dem der König seinen Schatz versiegelt. Und Stellvertreter wird er genannt, weil Gott in ihm seine Schöpfung beschützt, so wie das Siegel den Schatz des Königs beschützt. So lange er das Siegel des Königs trägt, wagt niemand, diesen Schatz zu öffnen, außer mit seiner Erlaubnis, denn das Siegel verhält sich wie ein Stellvertreter, der beauftragt ist, das Reich zu regieren. Genauso ist die Schöpfung beschützt, solange der Vollkommene Mensch in ihr verbleibt. Siehst du nicht, dass in dem Augenblick, in dem er sich von ihr abwendet, das Siegel des Schatzes der unteren Welt zerbricht, und nichts von dem, was die höchste Wirklichkeit beschützt hat, fortdauern kann, vielmehr alles vergeht, und jeder einzelne Teil sich mit den anderen wieder vereinigt, wodurch das Ganze der Schöpfung an jenen letzten Aufenthaltsort gelangt, an dem der Vollkommene Mensch auf ewig ihr Siegel sein wird?

Alle Namen, aus denen das Bild Gottes besteht, werden in der Gestalt des Menschen offenbar, so dass seine Gestalt alles, was existiert in sich schließt und zusammenfasst. Dies ist auch der Grund, warum Gott die Engel zurechtweist, die sich weigern, sich in Anbetung vor Adam niederzuwerfen. Sei also durch dieses Beispiel gewarnt und bedenke genau, wessen der Angeklagte (Iblis, der Engel, der sich weigert, sich vor Adam niederzuwerfen) beschuldigt wird. Denn die Engel verstanden die Bedeutung der Schöpfung des Stellvertreters nicht, ebensowenig, wie sie das Wesen der Unterwerfung verstanden, die von der höchsten Wirklichkeit gefordert wird. Denn nichts erkennt irgendetwas von dieser Wirklichkeit, außer das, was im Wesen dieser Wirklichkeit selbst eingeschlossen ist.

Die Engel besitzen nicht das Erkenntnisvermögen Adams und verstehen nur jene göttlichen Namen, die ihr Wesen ausmachen und sie wissen nicht, dass Gott Namen besitzt, von denen sie keinerlei Kenntnis haben und durch die sie ihn nicht zu preisen vermögen; außerdem vermögen sie ihn nicht so vollkommen zu heiligen, wie Adam es vermag. Da sie als beschränkte Geistwesen geschaffen waren, sagten sie in Bezug auf Adam: »Willst du jemanden in der Schöpfung einsetzen, der in ihr Unheil anrichtet?« (2, 29 – die Zahlen in Klammern verweisen auf Suren und Verse des Koran; »hadīth« auf eine außerkoranische Überlieferung). [1] Damit meinten sie seine Auflehnung; aber genau das war es, was sie selber taten, denn was sie sagten, bringt ihr eigenes Verhalten gegenüber der höchsten Realität zum Ausdruck. Hätten sie die Begrenztheit erkannt, die ihnen ihre Form aufprägte, hätten sie nicht so über Adam gesprochen; aber sie erkannten sie nicht.

Hätten sie ihr eigenes Wesen erkannt, hätten sie auch ihre Grenzen erkannt, und sie hätten sich nicht so über Adam geäußert. Außerdem hätten sie nicht an ihrer Weigerung festgehalten, indem sie auf ihre eigene Verherrlichung und Heiligung Gottes hinwiesen (2,29).

Adam schließt göttliche Namen in sich, an welchen die Engel keinen Anteil haben, sie vermögen ihren Herrn nicht durch diese Namen zu preisen oder seine Erhabenheit zu verherrlichen, so wie Adam dies vermag.

Gott offenbart uns all dies, damit wir es nicht vergessen und daraus lernen, wie wir uns ihm gegenüber verhalten müssen und damit wir uns nicht unserer beschränkten Erkenntnis rühmen, die wir von ihm erlangt haben. Wahrlich, wie können wir Behauptungen über etwas aufstellen, dessen Realität wir nicht erfahren und das wir nicht erkannt haben, ohne uns selbst der Lächerlichkeit preiszugeben? Diese göttliche Belehrung über die Engel ist einer der Wege, auf welchen die höchste Wirklichkeit ihre vertrautesten Diener, ihre Stellvertreter belehrt.

Kommen wir nun zur Weisheit zurück. Wisse, dass die Ideen, die allgemeinen Wesenheiten, auch wenn sie nicht sinnlich wahrnehmbar sind, vom Geist erfasst und verstanden werden; das ist gewiss. In Bezug auf das, was individuell und sinnlich existiert, sind sie stets verborgen, aber sie prägen allem, was auf diese Weise existiert, ihre Wirkungen auf. Tatsächlich ist das, was individuell existiert, nicht anderes, als die Erscheinung dieser allgemeinen Wesenheiten. Insofern sie individuell existieren, sind sie offenbar und insofern sie rein geistig sind, ist ihre Existenz verborgen. Alles, was individuell existiert, verdankt sein Dasein einer allgemeinen Wesenheit, die niemals vom Geist getrennt werden kann, und diese allgemeinen Wesenheiten können niemals in einer solchen Form existieren, dass sie aufhören würden, geistig zu sein. Ob das, was individuell existiert, zeitlich begrenzt ist oder nicht, ändert nichts an seinem grundsätzlichen Verhältnis zum allgemeinen Wesen. Aber das Allgemeine und das Individuelle können an derselben Ursache teilhaben, insofern die wesenhafte Realität des Individuellen dies erfordert, wie zum Beispiel bei der Beziehung des Wissenden zum Wissen oder des Lebenden zum Leben. Leben ist eine geistige Realität, ebenso wie das Wissen und beide unterscheiden sich voneinander.

Deshalb sagen wir von der höchsten Wirklichkeit, dass Er Leben und Erkenntnis besitzt und ebenso, dass er Leben und Erkenntnis ist. Dies sagen wir auch vom Menschen und von den Engeln. Die Realität des Wissens ist stets dieselbe, ebenso wie die Realität des Lebens; und die Beziehung des einen und des anderen zum Wissenden und zum Lebenden bleibt stets dieselbe.

Über die Erkenntnis der höchsten Wirklichkeit sagen wir, dass sie ewig ist, während wir von der Erkenntnis des Menschen sagen, dass sie kommt und geht, dass sie kontingent ist. Betrachte nun, wie die Beziehung zu seiner Ursache etwas in der geistigen Realität kontingent sein lässt und betrachte die gegenseitige Abhängigkeit der allgemeinen Wesenheiten und des individuell Existierenden. Denn ebenso, wie das Wissen jemanden, der es besitzt, zum Wissenden macht, ebenso bestimmt derjenige, der so bezeichnet wird, das Wissen als kontingent im Falle des Kontingenten (des Wissenden) und als ewig im Fall des Ewigen Einen, sowohl hinsichtlich seiner Kraft des Bestimmens als auch seiner Bestimmtheit.

Ferner: Auch wenn die allgemeinen Wesenheiten erkennbar sind, genießen sie keine individuelle Existenz, da sie lediglich insofern existieren, als sie individuell Existierendes bestimmen, und durch jede Beziehung zum individuell Existierenden bestimmt werden. Insofern sie sich in etwas offenbaren, das individuell existiert, mögen sie bestimmt werden, aber sie verlieren deswegen nichts von ihrer Allgemeinheit und sie zerfallen auch nicht in Teile, was unmöglich ist. Sie sind ihrem ganzen Wesen nach in jedem einzelnen Gegenstand anwesend, dessen Beschaffenheit sie ausmachen, so wie die Menschheit in jedem einzelnen Menschen als Ganzes anwesend ist, ohne dass sie deswegen etwas von ihrer Allgemeinheit verliert oder durch die Zahl der individuellen Menschen vervielfältigt wird, da sie rein geistig bleibt.

Wenn also feststeht, dass es eine Beziehung zwischen dem gibt, was individuell existiert, und dem was nicht individuell existiert – wobei das letztere eine nicht existierende Beziehung ist –, dann ist die Beziehung zwischen zwei individuell existierenden Dingen besser erkennbar, da sie wenigstens die individuelle Existenz gemeinsam haben, während es im ersteren Fall kein verbindendes Element gibt.

Es steht auch fest, dass das Verursachte von dem abhängt, wodurch es verursacht wird, da es ja bloß möglich ist. Seine Existenz hängt völlig von etwas Anderem ab, und ihre Beziehung ist eine solche der Abhängigkeit. Es ist daher notwendig, dass das, was das Verursachte im Dasein erhält, durch sich selbst existiert, selbstgenügsam und von allem anderen unabhängig ist. Dieses Letztere überträgt die Existenz aus seinem eigenen wesenhaften Sein auf das, was in seinem Sein von ihm abhängig ist und tritt auf diese Weise zu ihm in Beziehung.

Ferner, da das Erstere aufgrund seines Wesens des Letzteren (des Abhängigen) bedarf, kommt auch dem Letzteren in gewissem Sinn notwendige Existenz zu. Und da seine Abhängigkeit von dem, dessen Offenbarung es ist, im Wesen dessen enthalten ist, das es offenbart, folgt, dass das Verursachte allen Namen und Eigenschaften seiner Ursache entsprechen sollte, außer dem Namen des »selbstgenügsamen Wesens«, der nicht auf etwas Verursachtes anwendbar ist, weil das notwendige Sein, insofern es dem Verursachten zukommt, vollständig aus etwas Anderem stammt.

Wenn das, was über die Offenbarung des Verursachten in der Gestalt des Verursachenden gesagt wurde, wahr ist, dann ist klar, dass Gott unsere Aufmerksamkeit deswegen auf das Geschaffene lenkt, damit wir ihn erkennen können und deswegen sagt er, dass er uns in der Schöpfung seine Zeichen zeigen will (41, 53). Damit deutet er an, dass in unserer Selbsterkenntnis die Erkenntnis von Ihm enthalten ist. Wann immer wir ihm eine Eigenschaft zuschreiben, sind wir selbst diese Eigenschaft, ausgenommen die Eigenschaft der Selbstgenügsamkeit. Da wir ihn durch uns und von uns her erkennen, schreiben wir ihm alles zu, was wir uns selbst zuschreiben. Und aus diesem Grund kommen die göttlichen Offenbarungen durch seine Dolmetscher (Propheten) zu uns, denn er beschreibt sich selbst für uns durch uns. Wenn wir ihn bezeugen, bezeugen wir uns selbst, und wenn er uns sieht, sieht er sich selbst.

Es besteht kein Zweifel, dass wir als Individuen und Gruppen von Individuen viele sind und dass wir, obgleich wir einzelne Beispiele einer einzigen Wirklichkeit sind, doch wissen, dass es Faktoren gibt, die die einzelnen Individuen voneinander unterscheiden, andernfalls wäre die Vielheit nicht implizit im Einen enthalten. Ebenso bleibt, auch wenn wir uns selbst so beschreiben, wie Er sich selbst in all seinen möglichen Aspekten beschreibt, ein Faktor der Verschiedenheit übrig, den wir nicht wegdenken können. Dieser Faktor ist unsere Abhängigkeit von ihm, ohne den wir nicht existieren würden, denn unsere Existenz hängt vollständig von ihm ab, da er uns verursacht, während er frei von jeder Art von Abhängigkeit ist. Daher wird er zu Recht als der Eine ohne Anfang bezeichnet, der Alte der Tage, was jeder Art von Frühersein widerspricht, das aus einem Zustand des Nichtexistierens entspringt. Denn auch wenn er der Erste ist, kann man nicht behaupten, er sei in einem zeitlichen Sinn früher. Deswegen heißt er auch der Letzte. Selbst wenn er der Erste in dem Sinn wäre, dass er das erste verursachte Seiende wäre, könnte man ihn nicht in diesem Sinn als den Letzten bezeichnen, da das kontingente Sein kein Ende hat, weil es unbestimmt ist. Er wird nur insofern als der Letzte bezeichnet, als alle Wirklichkeit, auch unsere eigene, seine Wirklichkeit ist. Sein Ende ist dem Wesen nach in seinem Anfang enthalten und sein Anfang in seinem Ende.

Wisse außerdem, dass die höchste Wirklichkeit sich selbst als Äußeres und Inneres, als Offenbares und Verborgenes bezeichnet hat. Die Schöpfung rief er ins Dasein in unsichtbarer und sichtbarer Gestalt, damit wir das Innere durch unser eigenes unsichtbares und das Äußere durch unser sichtbares Wesen wahrnehmen können.

Außerdem sprach er von seinem Wohlgefallen und seinem Zorn, insofern er die Schöpfung als Ausdruck von Furcht und Hoffnung schuf: als Furcht vor seinem Zorn und Hoffnung auf sein Wohlgefallen. Er sagte auch, er sei von Schönheit und Erhabenheit erfüllt, indem er uns als Wesen geschaffen hat, die Ehrfurcht vor seiner Größe und Vertrautheit mit seiner Schönheit in sich vereinigen – und so weiter mit allen anderen Attributen und Namen. Diese Gegensätzlichkeit seiner Eigenschaften hat er im Koran als seine beiden Hände bezeichnet, die den Vollkommenen Menschen schaffen, der in sich alle kosmischen Wirklichkeiten und ihre individuellen Erscheinungen zusammenfasst (38, 75).

Die Schöpfung ist die sichtbare Welt (in fein- und grobstofflicher Gestalt), und der Stellvertreter ist unsichtbar. Deshalb ist der Herrscher verschleiert, denn die höchste Wirklichkeit hat sich selbst als »verborgen hinter Schleiern der Finsternis« beschrieben, unter denen wir die natürlichen Formen zu verstehen haben, und als »verborgen hinter Schleiern des Lichtes«, unter welchen wir die geistigen Wesen der Schöpfung zu verstehen haben. Die Schöpfung besteht aus beidem und ist deswegen in beiderlei Hinsicht der Schleier, der ihr eigenes wahres Selbst verbirgt. Denn die Schöpfung erkennt die höchste Wirklichkeit nicht so, wie sie sich selbst erkennt, und sie wird auch niemals unverschleiert sein, da sie sich von ihrem Schöpfer unterscheidet und von ihm abhängig ist. Tatsächlich hat sie nichts mit der göttlichen Selbstgenügsamkeit der höchsten Wirklichkeit gemeinsam und wird sie niemals erlangen. In diesem Sinn kann die höchste Wirklichkeit von der Schöpfung niemals erkannt werden, da das Geschaffene an dieser Selbstgenügsamkeit nicht teilhat.

Gott vereint die gegensätzlichen Eigenschaften nur in Adam, um ihn von allen anderen Geschöpfen auszuzeichnen. Deswegen sagt er zu Iblis: »Was hindert dich daran, dich vor etwas niederzuwerfen, das ich mit meinen Händen geschaffen habe?« (38,75) Was Iblis hindert, ist eben diese Tatsache, dass der Mensch die beiden Zustände in sich vereinigt: die geschaffene Welt und die schaffende Wirklichkeit, seine beiden Hände.

Denn Iblis trägt nur einen Teil der Schöpfung in sich und hat an der Vereinigung der Gegensätze keinen Anteil, aufgrund derer Adam der Stellvertreter Gottes ist. Wäre er nicht in der Schöpfung offenbar in jener Form, durch die er seinen Schöpfer abbildet, wäre er nicht sein Stellvertreter und enthielte er nicht all das, was seine damit zusammenhängenden Verpflichtungen erfordern oder wäre er unfähig, zu erfüllen, was sie von ihm fordern, wäre er nicht der Stellvertreter. Kurz: die Rolle des Stellvertreters gebührt allein dem Vollkommenen Menschen.

Seine äußere Form bildete Er aus den kosmischen Wirklichkeiten und Formen, während er seine innere Form als Abbild Seiner eigenen Form schuf. Daher sagt er in der Heiligen Überlieferung: »Ich bin sein Hören und sein Sehen«, und nicht: »Ich bin sein Auge und sein Ohr«, um auf den Unterschied der beiden Formen, der inneren und der äußeren, hinzuweisen. Auf die gleiche Art ist er in jedem Geschöpf so gegenwärtig, wie es die wesenhafte Wirklichkeit dieses Geschöpfes verlangt, mit dem einzigen Unterschied, dass kein anderes Wesen in den Genuss jener Vereinigung der Gegensätze gelangt ist, mit welcher der Stellvertreter ausgezeichnet wurde. Allein durch diese Vereinigung der Gegensätze ist er allen anderen Geschöpfen überlegen.

Würde die höchste Wirklichkeit nicht alle Geschöpfe als ihre Form durchdringen und gäbe es diese geistigen Wirklichkeiten nicht, dann besäßen die individuellen Wesen auch keine wirkliche Wesensbestimmung. Aus diesem Grund ist die Abhängigkeit der Schöpfung von der höchsten Wirklichkeit ein konstitutiver Faktor ihres Daseins.

Alles ist abhängig von etwas anderem, nichts ist unabhängig,
Dies ist die reine Wahrheit, wir sprechen sie präzise aus.
Wenn ich vom Einen, Selbstgenügsamen, Unabhängigen spreche,
Dann weißt du, wen ich meine.
Alles ist mit allem verbunden, es gibt kein Entkommen,
Daher bedenke genau, was ich sage.

Du bist nun mit der Weisheit vertraut, die in der körperlichen Gestalt Adams, seiner äußeren Form, enthalten ist, ebenso wie mit der Weisheit seiner inneren Form: er ist die höchste Wirklichkeit (durch seine innere Form) und ein Geschöpf (durch seine äußere Form). Du hast auch seine Ausnahmestellung als alles in sich vereinigende Form kennengelernt, der er seine Rolle als Stellvertreter verdankt.

Adam ist jene einzige Seele, jenes einzige geistige Wesen, aus dem die Menschheit geschaffen wurde, wie Er sagt: »O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, der euch erschaffen hat aus einem einzigen Wesen; und aus ihm erschuf er seine Gefährtin, und aus beiden ließ er viele Männer und Frauen entstehen« (4,1). Die Aufforderung »Fürchtet euren Herrn« bedeutet: »Macht euer vergängliches Selbst zu einem Schutz für euren Herrn (eure innere, wesenhafte Wirklichkeit), und macht eure innere Wirklichkeit, die euer Herr ist, zu einem Schutz für euer äußeres Selbst«.

Jedes Geschöpf enthält sowohl Tadel (Negation seines Seins) als auch Lob (Bekräftigung seines Seins), – so sei sein Schutz hinsichtlich des Tadels (insofern du kein absolutes Wesen bist) und mach Ihn zu deinem Schutz hinsichtlich des Lobes (insofern du mit der Wirklichkeit Adams eins bist), so dass du zu jenen gehörst, die schicklich handeln und von Erkenntnis erfüllt sind.

Dann veranlasste er, der Hohe und Erhabene, Adam all das anzusehen, was er in ihn hineingelegt hatte und hielt es in seinen Händen (das Aktive und Passive, Wesen und Erscheinung): in der einen Hand die gesamte Schöpfung, in der anderen Adam und seinen Samen, und erklärte ihm ihre unterschiedlichen Seinsstufen.

Als Gott mir im Innersten meines Herzens offenbarte, was er in unseren großen Urahnen hineingelegt hat, schrieb ich in diesem Buch nur auf, was er mir diktierte, nicht alles, was er mir offenbarte, denn kein Buch könnte alles in sich aufnehmen und auch nicht die gesamte Schöpfung, so wie sie jetzt beschaffen ist.

Was ich mit den Augen meines Geistes sah und was ich in diesem Buch gemäß den Offenbarungen des Propheten aufgezeichnet habe, ist in den folgenden Kapiteln enthalten:

  1. Die Weisheit des Göttlichen im Wort Adams
  2. Die Weisheit der Aushauchung im Wort Seths
  3. Die Weisheit der Erhöhung im Wort Noahs
  4. Die Weisheit der Heiligkeit im Wort Henochs
  5. Die Weisheit der Entrückenden Liebe im Wort Abrahams
  6. Die Weisheit der höchsten Wirklichkeit im Wort Isaaks
  7. Die Weisheit der Erhabenheit im Wort Ismaels
  8. Die Weisheit des Geistes im Wort Jakobs
  9. Die Weisheit des Lichtes im Wort Josephs
  10. Die Weisheit der Einheit im Wort Huds
  11. Die Weisheit der Öffnung im Wort Salihs
  12. Die Weisheit des Herzens im Wort Shu’aibs
  13. Die Weisheit der Meisterschaft im Wort Lots
  14. Die Weisheit des Schicksals im Wort Esras
  15. Die Weisheit der Prophetie im Wort Jesu
  16. Die Weisheit des Mitleids im Wort Salomos
  17. Die Weisheit des Seins im Wort Davids
  18. Die Weisheit des Atems im Wort Jonahs
  19. Die Weisheit des Unsichtbaren im Wort Iobs
  20. Die Weisheit der Majestät im Wort des Johannes
  21. Die Weisheit der Herrschaft im Wort des Zacharias
  22. Die Weisheit der Vertrautheit im Wort des Elias
  23. Die Weisheit der Tugend im Wort Luqmans
  24. Die Weisheit der Führerschaft im Wort Aarons
  25. Die Weisheit des Ansehens im Wort des Moses
  26. Die Weisheit der Quelle im Wort Khalids
  27. Die Weisheit der Einzigkeit im Wort Mohammeds

Das Siegel einer jeden Weisheit ist das Wort, das ihm zugeeignet ist. Ich habe mich bei dem, was ich über diese Weisheit geschrieben habe, auf das beschränkt, was diesbezüglich durch das Heilige Buch bestätigt wird. Ich habe getreulich niedergeschrieben, was mir anvertraut wurde. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich dem nichts hinzufügen können, da die Sphäre, aus der es kam, das verhindert hätte. Gott allein gewährt Erfolg und er allein ist der Herr.

Anmerkung

[1] Die zitierten Wortlaute stimmen häufig nicht mit den verbreiteten Übersetzungen überein. Entweder bezog sich der Autor auf eine andere Redaktion des Koran oder seine Zitierweise ist ein Beispiel für die im Sufismus gepflegte Form der esoterischen Deutung

Fortsetzung: Die Ringsteine der Weisheit – II – Seth

Eine digitale Edition des gesamten Buches »Diademe der Weisheit« können Sie hier erwerben.

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