Okkulte Gefangenschaft

Gastbeitrag von Frank Linde

In jüngster Zeit wurde, wie schon in früheren Jahren[1], wieder einmal das Thema der »okkulten Gefangenschaft« ins Gespräch gebracht. Diesmal von Johannes Kiersch in seinem Aufsatz Von Bildern umstellt, Das Goetheanum, 21. April 2017, wo er den bei Rudolf Steiner entlehnten Begriff auf die »gegenwärtige Lage der anthroposophischen Bewegung« bezieht. Er formuliert zehn Sätze, die er als Bilder versteht, »von denen wir in der ›belagerten Festung‹ umstellt waren und zum Teil bis heute in ›okkulter Gefangenschaft‹ gehalten werden«. Die Formulierung steht im Indikativ. Zu den Bildern rechnet Kiersch: Anthroposophie verkünde allgemein gültige Wahrheiten / Anthroposophie brauche sich nicht zu entwickeln / Die Lehren der Anthroposophie seien wissenschaftliche Fakten / Rudolf Steiner sei von Kind an hellsichtig und damit ein Eingeweihter gewesen / Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft sei ein heiliges Geheimnis, usw.

Der Autor führt keine Tatsachen oder Entwicklungen an, die sein Urteil begründen. Auch der Begriff der okkulten Gefangenschaft wird nicht aus der Sache entwickelt. Es werden reine Glaubenssätze vorgebracht und in einen okkulten Zusammenhang gestellt, an den man auch nur glauben kann, wenn man denn will. Ein solches Vorgehen ist mit einer auf Erkenntnis ausgerichteten Bewegung schwer zu vereinbaren. Und es fragt sich, warum der Beitrag in dieser Form überhaupt in der von Rudolf Steiner begründeten »Wochenschrift für Anthroposophie« erscheinen konnte. Ein ernsthaftes Gespräch über an sich wichtige Fragen der anthroposophischen Arbeit ist unter solchen Voraussetzungen kaum möglich. Dazu müssten erst die Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, die sich durch eine unreflektierte Verwendung des Begriffes der okkulten Gefangenschaft in den Weg stellen. Klarheit auf diesem Gebiete kann ein genauerer Blick in die Quellen bringen, die allein eine sachgemäße, ja, zunächst einzige Beurteilungsgrundlage geben.

Im Nebel der Begierden gefangen

Rudolf Steiner verwendet den Begriff »okkulte Gefangenschaft« sehr selten, wenn ich recht sehe, nur dreimal in zwölf Jahren, 1911, 1915/16 und zuletzt im Vortrag vom 31.08.1923, der einzigen Quelle, auf die Kiersch sich bezieht. Aber schon am 05.03.1911 ist im Rahmen einer Esoterischen Stunde in Hannover von »okkulter Gefangenschaft« die Rede, von der es Gedächtnisaufzeichnungen von Teilnehmern gibt. Steiner spricht von den Wegen ins Geistige und den Hindernissen, die sich für den esoterischen Schüler ergeben. Die seelischen Empfindungen und Gefühle der »Begierdenwelt« erscheinen »wie ein Nebel«, der das Ich umgibt und daran hindert, das Geistige zu sehen. An den Menschen herankommende luziferische und ahrimanische Mächte trachten danach, diesen Nebel immer dichter werden zu lassen und den Menschen in »okkulte Gefangenschaft« zu versetzen.

»Es gibt Kräfte, die an die esoterischen Schüler herankommen, um diesen Nebel immer noch dichter zu machen. … Überwinden wir nicht diesen Nebel, stemmen wir uns nicht gegen das immer stärkere Dichterwerden desselben durch die luziferischen und ahrimanischen Kräfte, so sind wir, wie es im Okkulten genannt wird, Gefangene. So gibt es tatsächlich Menschen in der heutigen Zeit, die mit großen Anlagen in das Dasein treten, welche sehr schnell gewisse Stufen erreichen, dann aber von den entgegenwirkenden Mächten ganz eingehüllt werden in solchen Nebel, so dass sie nicht herauskönnen. Das nennt man ›okkulte Gefangenschaft‹.« (GA 266 b, 05.03.1911, 150 f.)

Hier ist die Rede von »esoterischen Schülern«, halten wir das zunächst fest, die auf dem Weg ihrer geistigen Schulung in okkulte Gefangenschaft versetzt werden – und zwar von luziferischen und ahrimanischen Wesen.

Okkulte Gefangenschaft bei H.P. Blavatsky

Das zweite, wohl bekannteste Beispiel okkulter Gefangenschaft findet in mehreren Vorträgen der Jahre 1915/1916 Erwähnung, und zwar in Zusammenhang mit Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891), der Begründerin der Theosophischen Gesellschaft. Die damit verbundenen Vorgänge stehen im Zusammenhang mit den Entwicklungen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die den Wendepunkt im Erkenntnisleben der Menschheit herbeiführen sollten, um den Weg zur Überwindung des Materialismus hin zum Erleben der geistigen Wirklichkeit zu eröffnen. In diesem Zusammenhang kommt Steiner auf die Bestrebungen verschiedener okkulter Bruderschaften zu sprechen und auf die Begründung der Theosophischen Gesellschaft, in der zu einer Art mediumistischen Forschung gegriffen wurde, um Mitteilungen aus der geistigen Welt zu erlangen. Blavatsky wird als ein Mensch geschildert, der im »ausgesprochensten Maße medial« veranlagt und besonders geeignet gewesen sei, »sehr viel aus der geistigen Welt herauszuholen.« (GA 254, 31) Sie kam aber, so Steiner, unter den Einfluss verschiedener okkulter Brüderschaften in Europa und Amerika, die jeweils eigene gruppenegoistische Interessen verfolgten. Schließlich wurde Blavatsky durch Brüderschaften, »die die entsprechenden Praktiken kannten« (ebd., 35) in »okkulte Gefangenschaft« versetzt. Die erste Darstellung gibt Steiner am 11.10.1915 in Dornach:

»Es kam das zustande, was man im Okkultismus nennt: okkulte Gefangenschaft. H. P. Blavatsky wurde in okkulte Gefangenschaft gesetzt. Diese besteht darin, dass durch gewisse Dinge, die nur gemacht werden können von gewissen Brüdern – und die nur Brüderschaften machen, die sich auf eigentlich nichterlaubte Künste einlassen –, dass also durch gewisse Künste und Machenschaften erzielt wurde, H. P. Blavatsky in gewisser Zeit in einer Welt leben zu lassen, die all ihr okkultes Wissen nach innen warf. … Wenn Sie sich denken, das wäre – symbolisch gezeichnet – Blavatsky und in ihrer Aura wäre das okkulte Wissen, so wurde durch gewisse Vorgänge erzielt, dass für lange Zeit hindurch, was in dieser Aura lebte, in ihre Seele zurückgeworfen wurde. Also alles das, was sie an okkultem Wissen hatte, sollte eingesperrt werden; sie sollte abgeschlossen werden in Bezug auf die äußere Welt und in Bezug auf ihren Okkultismus.« (GA 254, 11.10.1915. 34 f.)

Fünf Monate später, am 12.03.1916 in Stuttgart, am 28.03.1916 in Berlin und schließlich am 26.12.1916 in Dornach trägt Steiner weitere Aspekte dieses Vorgangs vor. Es habe regelrecht einen »Beschluss« in okkulten Kreisen gegeben, über Blavatsky die okkulte Gefangenschaft zu verhängen. Dies wurde »1879, auf einer von Okkultisten der verschiedensten Länder besuchten okkultistischen Versammlung … beschlossen und über die Blavatsky verhängt.« (GA 167, 28.03.1916, 73 f.; vgl. GA 174 b, 12.03.1916, 152 f.) Die angewandten okkulten Mittel bezeichnet Steiner jetzt näher als »zeremonielle Magie«.

»Da griff man zu einem Mittel, welches wirklich sehr, sehr selten angewendet wird, und das ein sehr bedenkliches Mittel ist. … man erreicht das durch gewisse Mittel zeremonieller Magie … Und so lebte jetzt eine größere Anzahl von Jahren Blavatsky wirklich in okkulter Gefangenschaft. …« (ebd.)

In Dornach präzisiert Steiner diese Prozedur:

»Es bedeutet dies, dass durch gewisse Machinationen eine Sphäre von Imaginationen in einer Seele hervorgerufen wird, wodurch eine Trübung desjenigen eintritt, was die Seele vorher gewusst hat, wodurch das gewissermaßen unwirksam wird. Es ist das eine Prozedur, welche von ehrlichen Okkultisten niemals und selbst von unehrlichen Okkultisten nur sehr selten angewendet wird, die aber dazumal angewendet worden ist …« (GA 173, 26.12.1916, 300 f.)

Erst durch den Einfluss indischer Okkultisten, die wiederum »die entsprechenden Praktiken« kannten, und offenbar »im Einklange« mit jenen, die früher die okkulte Gefangenschaft verhängt hatten (GA 167, 28.03.1916, 73 f.), wurde die »Einsperrung« wieder aufgelöst:

»Jahrelang befand sich die Blavatsky in dieser okkulten Gefangenschaft, bis sich ihrer gewisse indische Okkultisten annahmen, welche ein Interesse hatten, gegen die amerikanische Brüderschaft zu wirken. … Und so kam denn die Blavatsky in dieses Ihnen ja wohlbekannte indische Fahrwasser.« (GA 173, 26.12.1916, 301)

Bei der okkulten Gefangenschaft handelte es sich in diesem Fall um eine Maßnahme, die von gewissen Brüdern okkulter Bruderschaften im letzten Drittel des 19. Jahrhundert bei H. P. Blavatsky angewendet wurde. Es kamen sehr bedenkliche Mittel »zeremonieller Magie« zum Einsatz, die nur sehr selten angewendet würden, um zu verhindern, dass ihr okkultes Wissen den Weg in die Welt findet.

Bilder okkulter Gefangenschaft

Wenden wir uns jetzt dem Vortrag vom 31.08.1923 zu, dem letzten einer dreizehn Vorträge umfassenden Reihe, die Steiner in Penmaenmawr, England, gehalten hat. Erst ganz am Schluss kommt er auf zwei weitere Beispiele okkulter Gefangenschaft zu sprechen, nachdem er zuvor weitreichende Ergebnisse der Geistesforschung vorgetragen hat, über das Geistwalten in der Natur, das geistig-kosmische Dasein des Menschen nach dem Tod, die Evolution der Welt in Zusammenhang mit der Evolution der Menschheit, die Wiederkunft Christi im zwanzigsten Jahrhundert. Steiner betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Geisteswissenschaft, die immer mehr Verbreitung erfahren müsse. Wie symptomatisch geht er auf zwei Beispiele naturwissenschaftlicher Forschung ein, auf den Wiener Arzt Josef Breuer (1842-1925) und den englischen Physiker Oliver Lodge (1851-1940), um am Erkenntnisringen dieser Persönlichkeiten zu verdeutlichen, wie nahe das Denken seiner Zeit dahin tendierte, zur geistigen Wirklichkeit durchzustoßen, aber nicht dazu durchdringen konnte. – Damit hat Steiner zunächst den Weg aufgezeigt, wie die Geisteswissenschaft in der Lage ist, die Wahrnehmungsbilder der irdischen Welt zu Erkenntnissen der geistigen Welt weiterzuführen, bevor er auf das Phänomen der okkulten Gefangenschaft zu sprechen kommt. 

Okkulter Unfug

Steiner weist auch hier nicht nur darauf hin, auf wen sich die okkulte Gefangenschaft richtet, sondern auch von wem sie ausgeht. Im ersten Beispiel wird sie von okkulten Kreisen bewusst in Szene gesetzt, im zweiten von ahrimanischen Wesen.

»Es gibt in gewissen okkulten Kreisen einen Unfug; da wird der Mensch belehrt mit allerlei okkulten Lehren, aber man führt ihn nicht zu dem Endpunkt desjenigen, aus dem eigentlich diese Lehren stammen. Man gibt ihm nur Bilder, und man führt ihn nicht zu dem, wovon diese Bilder eigentlich das Abbild sind, gemalt sind. Dadurch wird der Mensch in seiner Seele von einer Bilderwelt umgeben, statt dass er die Empfindung bekommt, er muss durch diese Bilder erst das Weltenall kennenlernen.« (GA 227, 31.08.1923, 269)

Steiner geht demgegenüber anders vor. So werde in der Geheimwissenschaft im Umriss dasjenige, was in der Theosophie in »Bildern« dargestellt sei, in die »Wirklichkeit der Sternenwelt« hinausgeführt. Dann heißt es:

»Gibt man aber auf irgendeinem Gebiete dem Menschen nur Bilder, so ist er von den Bildern umgeben. Leute, die okkulten Unfug treiben, machen das so mit ihren Schülern, die sie nicht so recht besitzen; dadurch bringen sie sie in das, was man okkulte Gefangenschaft nennt. Der Mensch wird in dieser okkulten Gefangenschaft von Bildern umgeben, die ihm als Bilder nicht klarwerden, aus denen er nicht herauskommt. Er ist in einem Bildergefängnis. Es ist dies dasjenige, womit viel okkulter Unfug von Leuten getrieben worden ist und auch heute noch getrieben wird.« (GA 227, 31.08.1923, 296 f.)

Das Bildergefängnis Ahrimans

Eine andere Art okkulter Gefangenschaft wird von ahrimanischen Geistern bewirkt, und zwar dann, wenn der Mensch nicht in der Lage ist, in der Natur das Geistige zu sehen.

»Aber es gibt auch geistige Wesenheiten, die den Menschen, oder sogar Teile der Menschen, in eine solche okkulte Gefangenschaft bringen. Es ist die ganz gleiche seelische Erscheinung. Das sind geistige Wesenheiten, die dann los werden in der Natur, wenn man die Natur nicht geistig begreift, wenn man in die Natur nur so hineinsieht, dass man die atomistischen Prozesse als naturalistische begreift. Dann verleugnet man den Geist der Natur. Dann werden gerade die dem Menschen entgegenstrebenden, sogenannten ahrimanischen Geister in der Natur rege, und die umstellen den Menschen mit allen möglichen Bildern, so dass der Mensch in diese okkulte Gefangenschaft auch geführt werden kann durch diese ahrimanischen Geistwesenheiten.

Und ein großer Teil desjenigen, was man heute wissenschaftliche Anschauung nennt – nicht die Tatsachen der Wissenschaft, die sind gut, aber dasjenige, was man wissenschaftliche Anschauung nennt -, das ist nichts anderes als Bilder einer universellen, über die Menschheit als Gefahr hereinbrechenden okkulten Gefangenschaft. Solch eine Gefahr einer hereinbrechenden okkulten Gefangenschaft ist vorhanden in dem Umstelltwerden des Menschen überall mit den atomistischen und molekularistischen Bildern. Solch eine okkulte Gefangenschaft stellt diese Bilder um einen her, man kann nicht hinausschauen in die freien Geistes- und Sternenbilder, weil sich eben das Weltenbild des Atoms wie die seelischen Wände, die geistigen Wände eines Gefängnishauses, in dem man sich dabei geistig befindet, hinstellt.

Das ist es, was als Bild uns auch zeigen kann in geisteswissenschaftlichem Lichte ein richtiges Streben der Gegenwart, denn die Tatsachen der Naturwissenschaft sind überall fruchtbar und führen in die Geistesweiten hinaus, wenn man ihnen nicht kommt mit dem Vorurteile der okkulten Gefangenschaft, in der heute im Grunde genommen die Wissenschaft ist.« (GA 227, 31.08.1923, 296 ff.)

Am selben Tag kommt Steiner in seiner Abschiedsansprache in Penmaenmawr noch einmal auf das Thema zurück und geht in diesem Zusammenhang ausführlicher auf Oliver Lodge ein:

»Ich musste heute morgen zum Beispiel darauf aufmerksam machen, wie der Zivilisation selber eine Art okkulter Gefangenschaft droht, und mehr als man meint, ist gerade das gesamte Geistesleben in unserer Zeit vor der Gefahr dieser okkulten Gefangenschaft. Wir können überall auf diese Gefahr hinweisen.

Ich erwähnte heute morgen die Rede, die vor kurzem in England in einer sehr bedeutsamen Versammlung Oliver Lodge gehalten hat. Ich erwähnte, wie man gerade aus dieser Rede sehen kann, wie Sehnsuchten selbst in der abstraktesten Wissenschaft vorhanden sind, Sehnsuchten, die zwar im Unterbewußten bleiben, die aber, wenn sie richtig verstanden werden und aus richtiger Gesinnung heraus kommen, hinführen zu dem, was – in aller Bescheidenheit sei das gesagt – Geisteswissenschaft doch wirklich zu geben vermag. … Sehen Sie, es ist ja eine bedeutsame Erscheinung, dass gerade aus der Denkweise und Gesinnung, die voll wurzelt in der alleroffiziellsten modernen Wissenschaft, herausgewachsen ist das bemerkenswerte Buch, das Oliver Lodge geschrieben hat über die Seele seines Sohnes nach dessen Tode unter dem Titel ›Raymond or Life and Death‹. Ich brauche ja das Faktum nur zu erwähnen, es wird hier bekannt sein. Es handelte sich darum, dass der im Kriege gestorbene Sohn Oliver Lodges durch mediale Vermittelung sich kundgeben und Dinge sagen konnte, die dem schmerzlich bewegten Vater tief zur Seele gingen.

Als die Broschüre des ausgezeichneten Mannes, Oliver Lodge, über Raymond Lodge herauskam, da war die Welt erstaunt; denn mit einer ungeheuren Gelehrsamkeit, die wirklich herausgenommen war aus dem gewissenhaftesten, exaktesten, modernen Denken, war in derselben von Oliver Lodge hingewiesen auf die geistige, auf die spirituelle Welt. Ein ungeheures Material war zusammengetragen, um zu zeigen, wie auf diese mediale Weise man wirklich hineinkommen kann in das geistige Leben der Welt durch eine der modernen Naturwissenschaft ähnliche Art und Methode. … Dennoch schlich sich gerade in diesem Punkte ein furchtbarer Irrtum ein. Jeder, der auf diesem Gebiete bewandert ist, weiß, dass es unter Umständen durchaus Möglichkeiten gibt von Vorgesichten. Dasjenige, was der damals mit dem Medium versammelte Kreis sah, indem er die Augen richtete auf die Bilder, die erst später in England ankamen, das konnte von der medialen Person vorhergesehen werden, ohne dass dabei die Seele des Verstorbenen nur irgend in Betracht kam – ein Vorgesicht, allerdings ein außerordentlich zartes, intimes, aber ein Vorgesicht. Man muss wirklich nicht bloß moderner Wissenschafter sein, wenn man in der richtigen Weise kritisch sein will gegen die Offenbarungen der geistigen Welt. Alles, was auf diesem Gebiete kommt, selbst diese ausgezeichnete, ernste, exakte Arbeit von Oliver Lodge, führt eher vom wirklichen Ergreifen der geistigen Welt ab als zu ihr hin. Die heute aus den Naturwissenschaften genommenen Gewohnheiten des Denkens und Forschens sind so, dass man, auch wenn man das Geistige erforscht, so vorgehen will, wie man im Laboratorium gewohnt ist vorzugehen, dass man jeden Schritt an der Hand von Materiellem machen will. Aber diese Weise führt nicht ins Geistige hinein. Ins Geistige führen nur rein geistige Wege hinein, wie sie hier geschildert worden sind. Und derjenige Mensch, der glaubt, auf einem solchen medialen Wege ins Geistige hineinzukommen, der kommt auch hinein, aber in jenes Geistige, das sich auf dem physischen Plan, in der physischen Welt abspielt. Denn es war ein Vorgesicht von zwei Dingen, die sich in der physischen Welt abspielten; was beschrieben worden ist, ist nur scheinbar etwas, was von der geistigen Welt herunter projiziert ist.

Gewiss, überall ist die physische Welt ausgefüllt mit Geistigem, aber man irrt sich über die Beziehung der irdischen Welt zur überirdischen Welt, wenn man nicht die Möglichkeit hat, in das wirkliche, wahrhaftige geistige Forschen hinzulenken. Und so ist dasjenige, was ich heute morgen erwähnt habe: Dieses nur aus naturwissenschaftlichen Gedanken, wie sie heute üblich sind, Herausschöpfenwollen und nur das gestatten wollen, was aus naturwissenschaftlichen Gedanken kommt, das ist dasjenige, was die Mauern der okkulten Gefangenschaft bringt. Und in diesen okkulten Gefängnissen drinnen macht man dann Versuche, die in Wahrheit ganz fehl gehen; denn sie stellen nicht das Wahre dar, sie stellen furchtbare Irrtümer dar, die von den Wahrheiten eher weiter ab führen … Und wir müssen, weil ja in dem Gebiete, wo der Geist zu sprechen beginnt, ein so starkes Echo kommt aus unseren Herzen, weil die Herzen so stark mitsprechen, weil sehr leicht in die Herzen sich einschleicht dasjenige, was nun doch leicht menschliches Vorurteil sein kann, da müssen wir alle Mittel anwenden, damit es keine Möglichkeit gibt, umstellt zu werden mit den geistigen Mauern der okkulten Gefangenschaft.

Diese Dinge würde ich hier gar nicht aussprechen, wenn es nicht eigentlich der tiefste Ernst der Zeit erforderte. Und dieser Ernst der Zeit erfordert es. Denn es ist einmal wahr: die Menschheit braucht einen energischen Schritt hin zum Geistigen.« (GA 227, 31.08.1923, 301 f.)

In einer Notizbucheintragung schreibt Steiner: »Occulte Gefangenschaft. Im modernen Denken besonders. Weil Ahriman sein Wesen verbirgt. Er möchte die Menschen in Salzsäulen verwandeln; das Phosphorisieren verhindern. – Psycho=Analyse =« (ebd. 351)

Mit diesen Textauszügen habe ich versucht, den Gesamtzusammenhang anzudeuten, in dem Steiner seine Aussagen zur okkulten Gefangenschaft entwickelt. Dazu gehört auch das Beispiel Oliver Lodge, das Steiner sicher nicht ohne Grund so ausführlich erwähnt. Es kann zeigen, dass Steiner ein solches Phänomen nicht abstrakt behauptet, sondern an konkreten Erscheinungen des Lebens prüft und bis in die Tiefen weltgeschichtlicher Entwicklungstendenzen begründet.

Fazit:

Bei der okkulten Gefangenschaft handelt es sich bei den von Steiner erwähnten Fällen vom Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts um einen Zustand, der von kundigen Brüdern okkulter Bruderschaften oder von luziferischen oder von ahrimanischen Wesen über einzelne Menschen verhängt wurde, um ihnen den Zugang zur geistigen Wirklichkeit zu versperren. Darüber hinaus sprach Steiner mit größtem Ernst von der Gefahr einer okkulten Gefangenschaft, die aus den Bildern einseitiger naturwissenschaftlicher Weltanschauung ohne geisteswissenschaftliche Vertiefung drohen würde. Rudolf Steiner konnte davon sprechen, das steht außer Frage, weil er selbst über die Fähigkeiten und geisteswissenschaftlichen Methoden verfügte, solche okkulten Sachverhalte zu erforschen. Ohne okkulte Einsicht sind zuverlässige Aussagen auf diesem Gebiet nicht möglich.

Okkulte Gefangenschaft, auch das zeigen die dokumentierten Fälle, ist ein individuelles Geschehen. In den von Steiner beschriebenen Fällen wurden stets einzelne Menschen gezielt in einen solchen Zustand versetzt. Auch wenn, wie im letzten Fall, von einer über die ganze Menschheit als Gefahr hereinbrechenden okkulten Gefangenschaft die Rede ist, bleibt es doch eine individuelle Frage, ob und wie weit der einzelne Mensch sein Denken zum Erfassen des Geistigen schult oder nicht.

Vor diesem Hintergrund ist es völlig abwegig, eine okkulte Gefangenschaft pauschal einer ganzen geistigen Bewegung zu postulieren. Das käme einer Leugnung jedes individuellen Vermögens gleich, sich mit Geistigem zu verbinden. Wer solches öffentlich behauptet, ergeht sich in Spekulationen. Er setzt mithilfe eines aus dem Zusammenhang herausgelösten Begriffes Behauptungen in die Welt, die zwar geeignet sind, Emotionen hervorzurufen, von der Untersuchung konkreter Sachverhalte jedoch ablenken.

Wenn dennoch eigenständige Denkversuche zu einem solchen Thema unternommen werden, wären diese zwingend mit Begründungen zu versehen. Denn auf okkultem Felde zu spekulieren, widerspricht nicht nur dem ernsten Forschungsanliegen Steiners, sondern stellt eine Verharmlosung des Begriffes der okkulten Gefangenschaft dar, die nur von Schaden sein kann.

Zur Erhellung der gegenwärtigen Lage der anthroposophischen Bewegung kann das nicht dienen. Dazu wären ganz andere Anstrengungen nötig, um der wachsenden Interesselosigkeit und Bequemlichkeit gegenüber der Anthroposophie, ihrer zunehmenden Akademisierung und inhaltlichen Aushöhlung wirksam zu begegnen. Ein (selbst-) kritisches Aufarbeiten von Fehlentwicklungen der anthroposophischen Arbeit könnte das Bewusstsein und den Willen für korrigierende Konsequenzen stärken und der Anthroposophie mehr Durchschlagskraft in der Welt verleihen, wie sie es heute braucht.

[1] http://www.joergensmit.org/de/pdf/wege_zur_verwirklichung.pdf

Literatur:

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