Rosenkreuzertum

Zur selben Zeit wie Jacob Boehmes Werk, Anfang des 17. Jahrhunderts, entstand ein weiterer machtvoller Strom der Esoterik in Deutschland. Er ging von der Legende des Christian Rosenkreutz und der Bruderschaft des Rosenkreuzes aus. Als anonyme Manifeste publiziert, beschrieben die »Fama Fraternitatis« und die »Chymische Hochzeit« die Entdeckung einer neuen Weltsicht, die auf der Alchemie und einer von ihr inspirierten Medizin und Heilkunst beruhte, aber auch bedeutende mathematische und mechanische Aspekte in sich barg. Die neu entdeckte Weltsicht stellte eine »Pansophie«, eine universelle Weisheit und zugleich eine religiöse und spirituelle Erleuchtung dar. Goodrick-Clarke widmet dieser Strömung, die christliche mit neuplatonischen und hermetischen Motiven verband, ein weiteres Kapitel seines Buches.

Emblem aus Michael Maiers »Atalanta fugiens«

Die Manifeste verkündeten die vollkommene Harmonie zwischen Makro- und Mikrokosmos und trugen durch ihre Forderung nach einer universellen Reform des Abendlandes stark endzeitliche Züge. Sie sprachen von mythischen Angehörigen einer geheimen Bruderschaft, die in ganz Europa tätig waren. In der konfliktgeladenen Atmosphäre des beginnenden 17. Jahrhunderts riefen die rosenkreuzerischen Manifeste gewaltiges Interesse und eine Welle von öffentlichen Anträgen hervor, dem Orden beizutreten. Die Anträge blieben alle unbeantwortet. Aber die archetypischen Motive der Rose mit dem Kreuz und der Wiederentdeckung verlorenen Wissens, sowie die Vorstellung einer geheimen Bruderschaft, die im Verborgenen an der Erneuerung der Menschheit arbeitete, übten eine bleibende Faszination auf die esoterische Imagination aus. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner obskuren Anfänge inspirierte der Rosenkreuzermythos die Literatur, die Freimaurerei des 18. Jahrhunderts und die Rituale des Ordens der »Goldenen Dämmerung« (»Golden Dawn«), des führenden magischen Ordens der okkulten Renaissance im 20. Jahrhundert. Selbst heute besitzt er noch eine große Anziehungskraft.

Die rosenkreuzerischen Manifeste

Das erste rosenkreuzerische Manifest erschien unter dem Titel »Fama Fraternitatis« 1614 in Kassel. »Fama« bedeutet eigentlich Gerede, Sage, Gerücht, aber auch Tradition und geschichtliche Überlieferung, womit der Titel die Frage aufwirft, welchen Status die Verfasser ihrem Bericht zumaßen. (Roland Edighoffer übersetzt »Fama« – was auch möglich ist –, mit »Ruf«, womit der Text vom »Ruf der Rosenkreuzer« handeln würde).  Aber auch wenn der Titel die Interpretation nahelegt, es handle sich um eine Fiktion, widerspricht der Text dieser Vermutung, der durchweg behauptet, von verbürgten Tatsachen zu handeln. So heißt es zum Beispiel von den Gründern des Ordens: »Man darf es auch für gewiss halten, dass diese Personen von Gott und der ganzen himmlischen Schar zugerüstet, und von den weisesten Männern, die in etlichen Zeitaltern gelebt haben, ihrer höchsten Einigkeit, größten Verschwiegenheit und möglichsten Guttätigkeit wegen unter sich selbst und unter andern auserlesen waren.«

Der Publikation war die deutsche Übersetzung eines Auszugs aus Traiano Boccalinis »Ragguagli di Parnasso« (»Nachrichten vom Parnass«, 1612) beigebunden, der sich für eine allgemeine Reformation aussprach, die Unabhängigkeit Venedigs verteidigte und sich gegen den Papst und das Habsburgerreich richtete. Ebenfalls beigebunden war eine Antwort Adam Haslmayrs (ca. 1560-1630) auf das Manifest, der behauptete, er habe bereits 1610 ein Manuskript des Textes gesehen. Haslmayr, ein Tiroler Notar, war ein entschiedener Anwalt der revolutionären theologischen Schriften des Paracelsus, die er unter dem Titel »Theophrastia Sancta« als neues Evangelium einer Religion bewarb, die auf dem »Licht der Natur« fußte und den Bekenntniszwang hinter sich lassen sollte. Die Publikation der »Fama« zusammen mit diesen beiden Texten deutet auf die protestantischen und paracelsischen Neigungen der Autoren (oder des Autors) des Manifestes.

Die »Fama« beginnt mit einem Lobpreis auf die kürzlich erfolgte neue Offenbarung der wahren Erkenntnis Christi und der Natur, aus der eine Erneuerung aller Künste und Wissenschaften hervorgehen werde. Durch die neue Offenbarung werde der Mensch seinen Adel und seinen Wert wieder erkennen und verstehen, warum er als »Mikrokosmos« bezeichnet werde. Und er werde erkennen, wie tief die Weisheit der Natur sei. Aber viele Gelehrte, so das Manifest, stellten sich gegen diese neue Erkenntnis und hielten stattdessen an der überflüssigen Autorität des Papstes, des Aristoteles oder Galens fest. Als Ziel der Bruderschaft wird eine umfassende »General-Reform« der gesamten Gesellschaft und ihres geistigen Lebens bezeichnet. Schließlich wird die legendäre Geschichte des Begründers, des »in höchstem Maße erleuchteten« Christian Rosenkreutz erzählt. Die Erzählung vom Leben und den Reisen dieser legendären Gestalt setzt die Pansophie der »Fama« zu einer teilweise mythischen Kette der Weisheit in Beziehung, durch die islamisches und jüdisches Wissen in den lateinischen Westen gelangte, das über die Netzwerke der paracelsischen Subkultur Europa im 16. Jahrhundert durchdrang.

Das Leben des Christian Rosenkreutz

Das Leben des Christian Rosenkreutz soll das 14. und 15. Jahrhundert umfasst haben, denn das zweite rosenkreuzerische Manifest, die »Confessio Fraternitatis« (»Das Bekenntnis der Bruderschaft«, 1615) berichtet, er sei 1378 geboren worden und habe 106 Jahre gelebt – also im Jahr 1484 gestorben. Nach dem Bericht der »Fama Fraternitatis« soll Bruder R.C., ein Deutscher, von seinem fünften Lebensjahr ab in einem Kloster erzogen worden sein und im Alter von sechzehn Jahren eine Pilgerschaft in das Heilige Land unternommen haben. Sein Gefährte starb bei dieser Reise in Zypern und C.R. wich von seinem Ziel Jerusalem ab, um die islamische Welt auf der Suche nach geheimem Wissen zu durchwandern. Im arabischen Damkar empfingen ihn die weisen Männer wie jemanden, auf den sie schon lange gewartet hätten. Manche Übersetzungen geben den Namen der Stadt fälschlicherweise mit Damaskus wieder, tatsächlich existiert noch heute eine Stadt namens Damar im Jemen. Da Legenden die Königin von Saba mit dieser Gegend der Sabäer verbinden, die im neunten Jahrhundert eine Religion auf Grundlage des Corpus Hermeticum und der Astrologie entwickelt haben, könnte die Anspielung der »Fama« auf Damkar (eine falsche Lesart des Namens Damar) eine Inspiration durch die biblische Legende und hermetische Lehren andeuten, die im muslimischen Osten eine besondere Prägung erhielten. In Damkar erwarb C.R. medizinische Kenntnisse, erlernte die Mathematik und Arabisch und übersetzte das Buch M. (wahrscheinlich das »Liber Mundi«, das Buch der Welt) ins Lateinische. Nach drei Jahren reiste C.R. nach Ägypten weiter, wo er Naturgeschichte studierte und segelte später der Küste Nordafrikas entlang nach Fez, um zwei weitere Jahre mit dem Studium der Magie und der Kabbala zu verbringen. Diese Wissenschaften stärkten seinen Glauben, der nun »auf der Harmonie der ganzen Welt« gründete. An dieser Stelle nennt die Lebensbeschreibung ausdrücklich Johannes Kepler mit seiner Publikation über den Umlauf der Gestirne und bezieht sich auf die hermetische Idee der Harmonie oder Korrespondenz, nach der alles, was sich in der »großen Welt« befindet, auch in der »kleinen Welt« des Menschen zu finden ist, weil dessen Religion, Sprache und Körperglieder das Wesen Gottes, sowie den Aufbau des Himmels und der Erde wiederspiegeln. Der Autor lobt die Bereitschaft der Araber und Afrikaner, ihr Wissen zu teilen und fordert die vielen Magier, Kabbalisten, Physiker und Philosophen in Europa auf, sich wie diese zu verhalten.

Als nächstes begab sich Bruder R.C. nach Spanien, um sein neu erworbenes Wissen mit den dortigen Gelehrten zu teilen, und zu zeigen, wie die Irrtümer der Kirche berichtigt werden könnten. Aber die spanischen Gelehrten fühlten sich bedroht und wiesen das neue Wissen zurück. C.R. reiste in andere Länder, erfuhr aber überall dieselbe Zurückweisung. Der Autor des Manifestes bemerkt, die Welt sei voller Propheten und habe Menschen hervorgebracht, welche die Dunkelheit durchbrochen hätten. Als Beispiel für einen solchen Menschen wird Paracelsus genannt, der, ohne Mitglied der Bruderschaft zu sein, im Buch der Natur wohl bewandert und mit den zuvor genannten Korrespondenzen zutiefst vertraut gewesen sei. Aber auch Paracelsus sei von rückwärtsgewandten Gelehrten enttäuscht worden, die es ihm verunmöglicht hätten, seine Erkenntnisse über die Natur ohne Anfeindungen zu verbreiten. Mit Paracelsus benennt die Fama ein wichtiges Bindeglied zwischen der mittelalterlichen Rezeption muslimischer und jüdischer esoterischer Traditionen durch den lateinischen Westen und ihrer späteren Interpretation, die im Neuplatonismus der Renaissance, der Alchemie und der deutschen Mystik des Mittelalters wurzelte.

Durch seine fruchtlosen Bemühungen in vielen Ländern eines Besseren belehrt, kehrte Bruder C.R. nach Deutschland zurück, wo er ein Haus baute. Er hätte als Adept, der die Kunst der Umwandlung der Metalle beherrschte, berühmt werden können, führte aber ein stilles Leben, studierte Mathematik und fertigte »viele schöne Instrumente« an – setzte also sein esoterisches Wissen von den Harmonien auch praktisch um. Nach fünf Jahren entschloss er sich zu einem neuen Versuch, seine Ideen zur Reformation in die Tat umzusetzen. Er wählte drei Brüder seines früheren Klosters aus, die ihm versprachen, treu, vorsichtig und verschwiegen zu sein. Das war der Gründungsakt der Bruderschaft des Rosenkreuzes. »Sie bedienten sich der magischen Sprache und Schrift mit einem weitläufigen Wortschatz, den wir noch heute zu Gottes Ehr und Ruhm gebrauchen«, heißt es in der Fama.

Die Zahl der Brüder wuchs bald auf acht. Diese errichteten ein Zentrum, das sie als »Haus des Hl. Geistes« bezeichneten und verfassten ein Buch über ihre »geheime und zugleich offenbare« Philosophie. Nachdem sie alle die neue Weisheit verinnerlicht hatten, reisten fünf in andere Länder, um sie dort zu verbreiten, während C.R. mit zwei Brüdern in Deutschland zurückblieb. Sie hielten sich an sechs Regeln, deren wichtigste war, dass sie Kranke heilen und dafür keine Bezahlung annehmen sollten. Darüberhinaus sollten sie keine besondere Kleidung tragen, sondern sich an die Gepflogenheiten ihrer Umgebung anpassen. Und an einem bestimmten Tag des Jahres sollten alle im Haus des Hl. Geistes zusammenkommen oder ihre Mitbrüder schriftlich über die Gründe ihrer Abwesenheit informieren. Jeder Bruder sollte sich um jemanden kümmern, der ihm bei seinem Tod nachfolgen konnte. Die Buchstaben C.R. sollten ihr Zeichen sein. Und die Bruderschaft sollte hundert Jahre lang ihre Existenz geheim halten.

Der erste Mitbruder, der starb, war ein gewisser J.O., der sich in der Kabbala ausgekannt und über sie ein Buch geschrieben habe. Dieser habe seine letzten Lebensjahre in England verbracht und dort einen jungen Grafen von Norfolk vom Aussatz geheilt. Auf die Gründungsmitglieder folgten viele weitere. Die dritte Generation der Bruderschaft wusste von den Gründern nur noch die Namen und kannte weder den Ort, an dem C.R. gestorben war, noch sein Grab. Aber dieses Grab wurde auf wundersame Weise hinter der Mauer eines Hauses entdeckt, in dem einer der Brüder wohnte.

Die Gruft des Christian Rosenkreutz

Die Entdeckung der Gruft und ihre Beschreibung sind zentrale Aspekte der Rosenkreuzerlegende und ihrer Hinterlassenschaft. Die Gruft hatte die Form eines Siebenecks, dessen sieben Seiten je Seite fünf Fuß lang und acht Fuß hoch waren und auf denen Inschriften mit geometrischen Figuren und Sinnsprüche angebracht waren. Auch wenn die Sonne nie in diesen geschlossenen Raum geschienen hatte, wurde er magisch von einer inneren Sonne erleuchtet. In der Mitte der Gruft stand anstelle eines Grabsteins ein runder Altar, der von einer Messingplatte bedeckt war, auf der Inschriften angebracht waren wie die folgenden: »Dieses Kompendium des Universums fertigte ich zu meinen Lebzeiten an, damit es mein Grab sei« und »Jesus ist alles für mich«. Daneben befanden sich auf der Messingplatte vier von einem Kreis umschlossene Figuren, der von vier Sätzen umgeben war: »nirgends Leere, Joch des Gesetzes, Freiheit des Evangeliums, Gottes uneingeschränkter Ruhm«. Die Decke und der Boden der Gruft waren in Dreiecke unterteilt, die durch Linien gebildet wurden, die von den sieben Ecken der Gruft zu deren Mitte verliefen. An den sieben Seiten der Gruft standen Truhen, die unterschiedlichste Dinge enthielten, unter anderem ein Wörterbuch paracelsischer Begriffe, wundervolle Glocken, Lampen und »wunder-künstliche Gesänge.« Die erneute Erwähnung des Paracelsus unterstreicht die Bedeutung, die dieser für die Autoren der Rosenkreuzerschriften besaß.

Als die Brüder eine Seite des Altars beiseiteschoben, fanden sie in ihm den unverwesten Körper des C.R. In seiner Hand hielt er das pergamentene Buch T., dessen Ende ihn als ein »dem Herzen Jesu eingepflanztes Samenkorn« bezeichnet. Im Folgenden wird C.R. als jemand beschrieben, der durch göttliche Offenbarung, tiefes Denken und unermüdliche Arbeit Einsicht in die Mysterien und Geheimnisse des Himmels und der Erde erlangt habe. Da er seine Zeit für das Wissen, das er in Arabien und Afrika erlangt hatte, als nicht reif befand, hatte er es der Nachwelt hinterlassen, die es neu entdecken sollte. Er hatte einen Mikrokosmos angefertigt, der mit seinen Bewegungen alle Bewegungen des Makrokosmos abbildete und eine Zusammenfassung aller vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Dinge enthielt. C.R. lag 120 Jahre in seiner Gruft verborgen und da die »Konfession« seinen Tod ins Jahr 1484 versetzt, fällt die Wiederentdeckung der Gruft in das Jahr 1604, zehn Jahre vor die Veröffentlichung der Manifeste. Das geheimnisvolle pergamentene Buch trägt die Unterschriften von acht Brüdern und schließt mit der berühmten Rosenkreuzerformel: »Es Deo nascimur, in Christo morimur, per Spiritum Sanctum reviviscimus«.

Zum Text der Fama Fraternitatis

Die Confessio Fraternitatis

Die Confessio ist erheblich kürzer als die Fama mit ihrer Erzählung des Lebens des Ordensgründers und der Wiederentdeckung seiner Gruft. Während die Fama die hermetisch-pansophische Wissenschaft, Medizin und Philosophie feiert, stellt die Confessio, wie der Titel sagt, ein Glaubensbekenntnis dar. Das Werk wurde 1615 auf lateinisch in Kassel veröffentlicht, wandte sich also an ein gelehrtes Publikum. Der Erstausgabe war als Vorspann ein Werk mit dem Titel »Eine kurze Betrachtung über die geheimere Philosophie« von Philip von Gabella beigebunden. Diese zitierte und kommentierte die ersten 13 Theoreme der 1564 erschienenen »Monas hieroglyphica« John Dees. Gabella (wahrscheinlich ein Pseudonym, das auf einen Kabbalisten anspielt), analysiert Dees geheimnisvolles Zeichen, das alle Planetensymbole und das Symbol des Widder, das für das Feuer steht, enthält und sowohl auf alchymische Prozesse als auch auf geometrische Transformationen verweist. Von den Lesern der Confessio wurde offensichtlich erwartet, dass sie diese zur hermetischen Philosophie John Dees in Beziehung setzten.

Im Unterschied zur Pansophie der Fama weist die Confessio der Bibel einen zentralen Ort zu und betont, dass die Geheimnisse der Rosenkreuzer nur durch göttliche Gnade zu erlangen sind. In der Anrede zu Beginn heißt es: »Wir nennen jetzt frei und ohne einige Gefahr den Papst zu Rom den Antichrist.« Ebenso wie dies früher als Todsünde betrachtet worden sei, für die Menschen mit dem Tode bestraft wurden, werde eine Zeit kommen, in der die geheime Philosophie der Rosenkreuzer der ganzen Welt zugänglich sein werde. Die Autoren behaupten, sie hätten Kenntnis der ursprünglichen Zeichen, die Gott in die Hl. Schrift und in Himmel und Erde eingeprägt habe. Damit spielen sie auf die Idee eines ursprünglichen Alphabets der Natur an, die aus der christlichen Kabbala stammt und sowohl Agrippa von Nettesheim als auch John Dee vertraut war. Aus diesen geheimnisvollen Buchstaben haben die Rosenkreuzer ihre »magische Schrift« abgeleitet, um eine neue Sprache zu schaffen, in der das Wesen aller Dinge zum Ausdruck gebracht werden konnte. Dabei handelt es sich um nichts Geringeres als die Ursprache Adams und Enochs. Auch die Tatsache, dass die Confessio der Bibel gegenüber dem Buch der Natur den Vorrang einräumt, zeigt die Nähe der Verfasser zu paracelsischen Überzeugungen.

Die Confessio ist außerdem überzeugt, dass das Ende der Welt nahe bevorsteht. Die Tyrannei des Papstes sei zwar in Deutschland beendet, aber sein endgültiger Fall sei »bis in unsere Zeit« aufgeschoben worden, in der er durch die Stimme »eines brüllenden Löwen aus dem Norden« vernichtet werden solle. Die Antwort Adam Haslmayrs auf die Fama spielt ebenfalls auf diesen »Löwen aus dem Norden« an, bei dem es sich – nach einer im 16. Jahrhundert weit verbreiteten, fälschlicherweise Paracelsus zugeschriebenen Prophezeiung – um einen apokalyptischen Streiter Gottes handelt, der den Antichristen niederwirft. Anspielungen auf die »Miranda sexta aetatis« (»die Wunder des sechsten Zeitalters«) und die Entzündung des »sechsten Leuchters« durch Gott rufen die Prophezeiungen des kalabresischen Abtes Joachim von Fiore (1145-1203) in Erinnerung, der die Geschichte der Welt in sieben kosmische Tage unterteilte, von denen ein jeder 1000 Jahre dauern sollte. Die fünf ersten entsprachen dem Zeitalter des Vaters, das sechste dem Zeitalter des Sohnes und das bevorstehende siebente dem endzeitlichen Jahrtausend des Hl. Geistes. Vermutlich waren die Autoren der Confessio auch von den Joachim zugeschriebenen Prophezeiungen über den Papst beeinflusst, die im 16. Jahrhundert weit verbreitet waren und von dem unmittelbar bevorstehenden Sieg über den Antichristen und dem Anbruch der Endzeit sprachen. Die Confessio deutet auch das Erscheinen neuer Sterne in den Konstellationen der Schlange und des Schwans als Zeichen des Anbruchs eines neuen Zeitalters. Da diese Sterne im Jahr 1604 erschienen, unterstreicht diese astronomische Anspielung zusätzlich die Bedeutung der Wiederentdeckung der Gruft des C.R.

Zum Text der Confessio Fraternitatis

Die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz (1616)

Durch diese Manifeste führte sich die Bruderschaft des Rosenkreuzes als neue Bewegung ein, die sich der Renaissancewissenschaften der Magie, der Kabbala und der Alchemie bediente, um eine neue Ordnung harmonischer Entsprechungen zu errichten. Die zwei rosenkreuzerischen Manifeste riefen durch ihre Ankündigung einer globalen Reformation durch medizinische und wissenschaftliche Fortschritte auf der Grundlage hermetischer Traditionen ein gewaltiges Echo hervor. Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Confessio erschien der dritte rosenkreuzerische Text, die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz Anno 1459, der auf Deutsch in Straßburg veröffentlicht wurde. Die ungewöhnliche Romanze oder phantastische Erzählung bot die allegorische Geschichte einer königlichen Hochzeit voll von alchymischer Symbolik. Im Unterschied zu den Manifesten, welche die Erneuerung der Gesellschaft in den Vordergrund stellten, beschreibt die Chymische Hochzeit die innere Umwandlung der Seele. Die Hochzeit findet im Jahr 1459 statt. Zu dieser Zeit wäre Christian Rosenkreutz nach der Chronologie der Manifeste 80 Jahre alt gewesen.

Die Erzählung ist in sieben Tage unterteilt. Am ersten Tag bereitet sich der Erzähler, Christian Rosenkreutz, am Abend vor Ostern auf seine österliche Kommunion vor. Die Erzählung beschreibt ihn weder als Begründer einer geheimen Bruderschaft, noch als Eingeweihten im Besitz geheimen Wissens, das er auf exotischen Reisen erworben hat, sondern als älteren, bescheidenen Einsiedler. Plötzlich erhebt sich ein Sturm und eine wunderbare, geflügelte weibliche Gestalt erscheint, die ein blaues Gewand mit goldenen Sternen trägt. Sie übergibt ihm die Einladung zu einer Hochzeit, welche die folgenden Verse enthält:

»Heut, Heut, Heut,
Ist des Königs Hochzeit,
Bist Du hierzu geboren,
Von Gott zu Freud erkoren,
Magst auf den Berg Du gehen,
Darauf drei Tempel stehen,
Daselbst die Geschicht’ besehen.

Halt Wacht,
Dich selbst betracht’,
Wirst dich nicht fleißig baden,
Die Hochzeit kann dir schaden.
Schad’ hat, wer hier verzicht’,
Hüt’ sich, wer ist zu leicht …«

Neben der ersten Zeile ist die Monas John Dees abgedruckt, die dessen hermetische Philosophie zusammenfasst und die Verse sind mit »Sponsus et Sponsa« (Bräutigam und Braut) unterschrieben.

Christian Rosenkreutz beklagt seinen Mangel an esoterischem Wissen und seine Unfähigkeit, die Geheimnisse der Natur zu erforschen und bezweifelt, dass er diese spirituelle Prüfung zu bestehen vermag. Daraufhin träumt er, er sei zusammen mit vielen anderen in einem dunklen Turm eingesperrt. Seine Befreiung mit Hilfe eines Seiles deutet er so, dass Gott ihm das Licht gewähren will, solange er noch in dieser Welt lebt. Auf diese Weise ermutigt, wacht er auf und bekleidet sich für die Hochzeit mit einem weißen Leinengewand, legt über Schultern und Brust kreuzweise einen blutroten Gürtel und steckt an seinen Hut vier rote Rosen, so dass er in der Menge an diesen Zeichen leichter erkannt werden kann. Dabei handelt es sich natürlich um die Symbole der Rosenkreuzer.

Am zweiten Tag reist Christian Rosenkreutz zur Hochzeit, die in einem wunderbaren Schloss stattfindet. Bei seiner Ankunft gelangt er an verschiedenen Türhütern vorbei und nimmt an einem Begrüßungsbankett teil. Am dritten Tag beaufsichtigt eine der führenden Gestalten der Erzählung, eine Jungfrau, deren geheimer Name »Alchemie« lautet, eine Prüfung der Teilnehmer mit Hilfe von Gewichten und einer Waage. Ihr moralisches Gewicht wird gewogen, viele werden als zu leicht befunden und nach Maßgabe ihrer Verfehlungen zu unterschiedlichen Strafen von zunehmender Schwere verurteilt. Am vierten Tag wird ein allegorisches Theaterstück mit sieben Akten aufgeführt. Wegen seiner Demut erhält Rosenkreutz einen besonderen Platz. Das Theaterstück handelt vom Kampf einer Prinzessin um Selbstverwirklichung und Freiheit von der Autorität ihres Vormundes, eines alten Königs, von ihrer Entführung durch einen Mohren und ihrer späteren Befreiung, schließlich ihrer Vereinigung mit dem Königssohn. Nach der Aufführung wird wieder ein Abendessen serviert und die Stimmung wird immer trauriger. Da erscheint ein schwarzer Scharfrichter und enthauptet drei königliche Paare, »eine blutige Hochzeit«, wie Rosenkreutz kommentiert.

Die Enthauptung der königlichen Paare ist der Wendepunkt der Allegorie und Rosenkreutz beginnt nun, eine aktivere Rolle zu spielen. Der sechste Tag steht ganz im Zeichen des alchymischen Werkes. Die Jungfrau erzeugt eine Reihe von Substanzen, die am Tag zuvor aus Kräutern und Edelsteinen gewonnen wurden und diese werden über die Leichen der Enthaupteten gegossen, bis diese sich auflösen. Durch einen Destillationsvorgang nimmt die Flüssigkeit eine gelbe Färbung an und wird in eine goldene Kugel gegossen. Nachdem sie abgekühlt ist, zeigt sich, dass sie ein schneeweißes Ei enthält, dem bald ein alchymischer Vogel entschlüpft. Der Vogel wird mit dem Blut der Enthaupteten gefüttert und durchläuft drei Farbzustände (schwarz, weiß, blau), die traditionellen Stufen des alchymischen Prozesses entsprechen. Nachdem auch der Vogel enthauptet wurde, wird sein Blut aufgefangen und sein Körper verbrannt. Seine angefeuchtete Asche wird in zwei kleine Formen gestreut, in denen ein Knabe und ein Mädchen heranwachsen. Die beiden Homunculi werden mit Blutstropfen des Vogels gefüttert, so dass sie schnell an Größe gewinnen, bis das auferstandene junge Königspaar erwacht. Am siebten Tag teilt die Jungfrau Christian und seinen Gefährten mit, dass sie jetzt Ritter des Ordens vom Goldenen Stein sind. Sie erfahren die Ordensregeln, nehmen an weiteren Festlichkeiten teil und verlassen schließlich das Schloss.

Zum Text der Chymischen Hochzeit

Die Autoren und ihre Wirkung: Johann Valentin Andreae und der Tübinger Kreis

Die Verfasserschaft der anonymen Rosenkreuzertexte wurde über Jahrhunderte von Gelehrten heftig diskutiert, aber viele Hinweise deuten auf einen Kreis um Johann Valentin Andreae (1586-1654). Dieser wurde im württembergischen Herrenberg in eine Familie lutherischer Geistlicher geboren. Sein Großvater, Jakob Andreae (1528-1590), spielte als Kanzler der Universität Tübingen und Professor der Theologie eine führende Rolle in der Reformation und war Mitautor des »Konkordienbuches« von 1580, das die Lehren der lutherischen Kirche kanonifizierte. Auch sein Vater, Johannes Andreae (1554-1601), verfolgte eine kirchliche Laufbahn, interessierte sich aber ebensosehr für die Alchemie. Von 1602 bis 1607 studierte Johann Valentin die freien Künste und Theologie in Tübingen, wo er sich mit Christian Besold befreundete, einem älteren Gelehrten, der sein Interesse an esoterischen Fragen förderte. Um 1605 schrieb er die erste Fassung der Chymischen Hochzeit. 1607 musste er wegen eines Skandals sein Studium abbrechen, reiste durch Westdeutschland und arbeitete in Lauingen als Lehrer. Er besuchte das nahegelegene Dillingen, eine Hochburg der Jesuiten, die Andreae, ein strammer Protestant, als Heer des Antichristen betrachtete. Die antijesuitische Ausrichtung der Antwort Haslmayrs auf die Fama von 1612 könnte eines der Motive zum Ausdruck bringen, das Andreae dazu bewogen hat, an den rosenkreuzerischen Manifesten mitzuwirken. Wieder in Tübingen lernte er 1608 Tobias Hess, einen paracelsischen Arzt kennen, der sich für apokalyptische Prophezeiungen interessierte. Zu dieser Zeit wirkte er vermutlich am Entwurf der rosenkreuzerischen Manifeste mit. Nach weiteren Reisen zwischen 1610 und 1612 nahm er das Studium der Theologie im Tübinger Stift wieder auf, um 1614 das Amt eines Hilfspfarrers in Vaihingen anzutreten und kurz darauf die Tochter eines Geistlichen zu heiraten. Im Jahr 1612 wurde er zum Superintendenten von Calw berufen. Seine weitere kirchliche Laufbahn brachte ihm das Amt eines Hofpredigers in Stuttgart ein und die Aufgabe der geistlichen Beratung einer Prinzessin des königlichen Hofes von Württemberg.

Christoph Besold (1577-1638) war ein Jurist, der 1610 Professor in Tübingen wurde. Außerdem beherrschte er neun Sprachen, darunter Hebräisch und Arabisch, besaß umfassende theologische Kenntnisse und war in der mittelalterlichen Mystik und im hermetischen Denken bewandert. Besold hoffte auf eine spirituelle Reformation, welche die politischen und kirchlichen Grenzen seiner Zeit sprengen würde. Er begeisterte sich für Tommaso Campanellas hermetische Utopie »Die Sonnenstadt«, die 1602 verfasst worden war und stellte seine eigene Philosophie in seiner »Signatura temporum« (»Die Signatur der Zeit«, 1614) und den »Axiomata Philosophico-Theologica« (»Philosophisch-theologische Axiome«, 1616) dar. Andreae hatte ungehinderten Zugang zu der viertausend Werke umfassenden Bibliothek Besolds, die Werke über Theologie, Kabbala, Philosophie, Medizin und Geschichte enthielt. Vor dem Hintergrund seines Zugangs zu dieser Bibliothek und zu Besolds enzyklopädischem Wissen, kann man die Erzählung von der Reise des Bruders C.R. in den Orient auch als eine Allegorie der Übertragung orientalischer Weisheit über Spanien an den lateinischen Westen lesen. Andreae könnte auch von seinem Freund Wilhelm Schickhardt, einem Tübinger Orientalisten, Hintergrundinformationen erhalten haben, zum Beispiel tauchte die Stadt Damcar bereits 1569 auf der Arabienkarte Mercators auf, die Andreae gekannt haben dürfte.

Tobias Hess (1568-1614), der führende Kopf hinter den Rosenkreuzer-Manifesten, praktizierte als paracelsischer Arzt in Tübingen und ging ausgedehnten theologischen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Studien nach. Er war von den Prophezeiungen Simon Studions (1565-ca. 1605), eines anderen Württemberger Gelehrten fasziniert, der über eine Reihe von feurigen Trigonkonstellationen (Konjunktionen dreier Planeten) geschrieben hatte, die als Zeichen irdischer Ereignisse aufgefasst wurden, die neue Reiche oder neue religiöse Bewegungen ankündigten. Studion hatte verwandte Ideen im Werk des italienischen Häretikers Giacomo Brocardo gründlich untersucht, der das Jahr 1584 als den Beginn eines neuen Zeitalters betrachtete. 1604 schloss Studion sein Werk »Naometria« ab, das eine komplexe Zahlenmystik und biblische Prophezeiungen benutzte, um historische Ereignisse vorauszusagen. In diesem Werk forderte Studion König Jakob von England, den Erzherzog Friedrich von Württemberg und König Heinrich von Navarra auf, sich im Zeichen der Rose, dem Symbol eines neuen Zeitalters, zusammenzuschließen. Hess unterhielt mit Studion einen Briefwechsel und stimmte ihm 1597 zu, dass das Papsttum sieben Jahre später, also 1604, stürzen werde. Dieses Jahr hatte für Hess eine außerordentliche Bedeutung. Durch das Erscheinen neuer Sterne ausgezeichnet, erfüllte es auch eine der Prophezeiungen Brocardos, nach der das letzte Zeitalter von Luthers Geburt an (1483) 120 Jahre dauern werde, also 1603 zu Ende gehe. Die endzeitlichen Erwartungen von Hess hatten auf die Legende von Christian Rosenkreutz großen Einfluss, dessen Gruft ebenfalls 120 Jahre nach seinem Tod, 1604, eröffnet wurde und ein neues Zeitalter einläuten sollte.

Viele Kenner sind der Auffassung, Andreae und sein Tübinger Freundeskreis hätten die Manifeste als Antwort auf die Krise des europäischen Denkens in ihrer Gegenwart verfasst. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war nach dem Augsburger Religionsfrieden in ein Mosaik kleinster Staaten zerfallen, die alle die Religion des jeweiligen Landesherrn übernehmen mussten. Das »Konkordienbuch« hatte nicht die erhoffte Einigung unter den lutherischen Staaten herbeigeführt, mit dem Konzil von Trient (1545-1563) hatte die Gegenreformation begonnen und die 1540 gegründete »Societas Jesu« (der Jesuitenorden) stellte sich der Ausbreitung des Protestantismus in Europa entgegen, während die lutherische Orthodoxie immer mehr erstarrte. Gleichzeitig machte das medizinische Wissen große Fortschritte und verlangte dringend nach einem Ausgleich mit der religiösen Weltsicht.

Wie auch immer: Andreae distanzierte sich von den Manifesten und erst in einer nach seinem Tod veröffentlichten Autobiografie konnte man das Geständnis lesen, er habe die Chymische Hochzeit verfasst. Carlos Gilly hat vier Manuskripte der Fama aufgefunden, die zwischen 1610 und 1614 entstanden (Carlos Gilly, Cimelia Rhodostaurotica, Amsterdam 1995). Die Fama und die Confessio spiegeln deutlich die paracelsischen, kabbalistischen und »naometrischen« Neigungen von Tobias Hess wieder und Anspielungen auf Rosenkreutz in den beiden Manifesten und im früheren Entwurf der Chymischen Hochzeit legen eine Kontinuität nahe. Dies, sowie die Kenntnisse über die persönlichen Beziehungen der Beteiligten, legen den Gedanken an eine gemeinsame Verfasserschaft nahe. Es gibt überzeugende Gründe, die Autorschaft Hess, Andreae und Besold gemeinsam zuzuschreiben und sie in die Jahre 1610-1611 zu verlegen.

Trotzdem unterliegt die Beteiligung Andreaes an der Verfertigung der Manifeste gewissen Zweifeln. Andreae gestand zwar zu, die Chymische Hochzeit verfasst zu haben, aber als lutherischer Würdenträger legte er später einen heiligen Eid ab, er habe über »die rosenkreuzerische Fabel stets gelacht« und die »kleinen Kuriositäten-Liebhaber« bekämpft. Und tatsächlich veröffentlichte er nach der Chymischen Hochzeit eine Reihe von Werken – »Menippus« (1617), »Invitatio Fraternitatis Christi« (»Einladung der Bruderschaft Christi«, 1617-1618), »Turris Babel« (»Der Turm zu Babel«, 1619) und »De curiositate pernicie syntagma« (»Bemerkungen über die verderbliche Neugier«, 1620) – welche den esoterischen Charakter des Rosenkreuzerordens und seiner Ziele verunglimpften. Zwar behaupteten manche, Andreae habe seine Orthodoxie betonen müssen, nachdem er eine kirchliche Laufbahn in Angriff genommen habe, aber J.W. Montgomery hat überzeugende Beweise dafür gesammelt, dass Andreae sich immer von den Manifesten distanzierte (John Warwick Montgomery, Cross and Crucible, The Hague 1973). In  Tübingen stritt er gegen die endzeitlichen, naometrischen Spekulationen seines Freundes Hess, die wesentlich zur rosenkreuzerischen Chronologie und Apokalypse in der Fama und der Confessio beitrugen. Da Studion sich bereits 1593 mit diesen Themen beschäftigte, und ein anderer Enthusiast, Julius Sperber, sich an Texte erinnerte, die jenen der Manifeste vergleichbar waren und bis ins Jahr 1595 zurückgingen, könnten diese sogar einige Jahre vor der Ankunft Andreaes in Tübingen verfasst worden sein.

Der lutherische Theologe und christliche Apologet Montgomery hat eine gründliche Untersuchung des Lebens und theologischen Werkes Andreaes vorgenommen. Seine penible Prüfung des Inhaltes der Manifeste, ihres prophetischen Kontextes und der religiösen Anschauungen Besolds, Hessens und Andreaes, führte ihn zum Schluss, der Mythos des Rosenkreuzes sei erstmals in Deutschland unter esoterischen protestantischen Enthusiasten wie Aegidius Gutmann (1490-1584) und Julius Sperber (?-1615) im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts, jedoch vor ihrer Begegnung mit Studions Naometrismus in den 1590er Jahren aufgetaucht. Nach Montgomery wurden die Manifeste ursprünglich von Hess und möglicherweise anderen zwischen 1593 und 1604 entworfen, in Erwartung der Gruftöffnung, die nach Studions apokalyptischer Zeitrechnung im Jahr 1604 stattfinden sollte. Montgomery schließt aufgrund eines genauen Vergleichs der Chronologien des Lebens von Christian Rosenkreutz in der Fama und der Chymischen Hochzeit Andreae ausdrücklich als Autor der Manifeste aus. Stattdessen sieht er zwei Mythenschöpfer am Werk: einen, der »offiziell protestantisch, aber im Grunde heidnisch« und einen anderen, der nach »Berufung und Bekenntnis zutiefst christlich« war. Montgomery meint, Andreae habe seine »christlich-alchymische Hochzeit« veröffentlicht, um den Schaden wieder gut zu machen, den der okkulte und heidnische (hermetisch-neuplatonische) Inhalt der Manifeste – mit seinem Lob der magischen, hermetischen und kabbalistischen Weisheit – in seinen Augen angerichtet hatte.

Christian von Anhalt und der »Winterkönig«

In ihrem Hauptwerk »The Rosicrucian Enlightenment« (»Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes«, 1972) entwickelte Frances Yates eine gewagte These über die politischen Hintergründe der Manifeste. Sie behauptete, diese repräsentierten eine protestantische Propagandaoffensive gegen die Kräfte der katholischen Reaktion, die sich unter der Führung des Habsburgerreiches sammelten. Yates identifizierte den Prinzen Christian von Anhalt als den Hauptarchitekten einer angloprotestantischen Allianz gegen die habsburgisch-katholische Hegemonie, einer Allianz, die 1613 in der Hochzeit des Pfalzgrafen Friedrich V. mit Elisabeth, der Tochter König Jakob I. von England gipfelte. Anhalt setzte sich auch dafür ein, dass Friedrich V. König von Böhmen wurde, um auf diese Weise den protestantischen Einfluss auf das Herrschaftsgebiet der Habsburger auszudehnen. Böhmen unterstützte reformierte Kirchen, um seine nationale Identität zu stärken und bot seine Krone tatsächlich 1619 Friedrich an. Friedrich und Elisabeth regierten aber nur bis November 1620, als die Armeen Habsburgs bei der Schlacht am Weißen Berg in der Nähe von Prag die protestantischen Kräfte besiegten. Da Friedrich nur einen Winter lang regiert hatte, erhielt er den Namen »Winterkönig«. Laut Yates bezeugt die Publikation der Fama und der Confessio die hoffnungsvolle Erwartung eines neuen protestantischen Zeitalters der Toleranz und der Wissenschaft, das in hermetisch-kabbalistischen Ideen wurzelte.

Yates These hat viel für sich, weil sie die Manifeste zur damaligen politischen und religiösen Landschaft Mitteleuropas in Beziehung setzt. Es ist möglich, dass Anhalt das politische Potential der Manifeste erkannte und ihr Erscheinen zwischen 1614 und 1616 als Teil seiner Kampagne zu Friedrichs Gunsten förderte. Wie auch immer, die unmittelbaren religiösen und intellektuellen Einflüsse um Tobias Hess und Johann Valentin Andreae erklären ohne weiteres ihren Inhalt. Die pansophischen Interessen von Andreae und Besold traten in Wechselwirkung mit den apokalyptischen Erwartungen Simon Studions und Hessens, verbanden sich mit der paracelsischen Medizin des letzteren und führten zu einer Renaissance der universellen hermetischen Weisheit am Ende des 16 . Jahrhunderts und der Hoffnung auf ihre Entfaltung in einem neuen Zeitalter der Medizin, Wissenschaft und einer genuin christlichen Reformation unter einer toleranten protestantischen Führung. Außerdem macht die Entstehungszeit der Manuskripte – der erste Entwurf der Chymischen Hochzeit entstand 1605, die Fama und die Confessio höchstwahrscheinlich zwischen 1610 und 1612 – eine spezifische Inspiration durch die Pläne Anhalts und des Pfalzgrafen unwahrscheinlich.

Wirbel um die Rosenkreuzer in Deutschland

Yates meinte, die Fama und die Confessio seien ursprünglich nicht für den Druck bestimmt gewesen und ohne die Zustimmung Andreaes veröffentlicht worden – möglicherweise, um den Zielen Anhalts zu dienen. Doch nachdem sie ständig neu gedruckt worden waren und weite Verbreitung gefunden hatten, gewannen die Manifeste eine ganz andere Bedeutung, als die frommen, endzeitlichen Traktate, die sich ursprünglich in privater Hand befunden hatten. Das verbreitete Interesse an Goldmacherkunst, Alchemie, Theosophie, Mystik, Reform und Renaissance-Hermetik in und außerhalb Deutschlands führte zu massiven Reaktionen, sowohl für als auch gegen die Ideen der fiktiven Bruderschaft. Zwischen 1614 und 1620 warfen die Druckerpressen etwa 200 Bücher und Traktate aus. Viele übersahen die Verurteilung der falschen Alchemie durch die Bruderschaft und suchten Zugang zum Orden, um die Geheimnisse der Umwandlung von Kohle in Gold zu erlernen. Andere, wie Theophilus Philaretus, Theophilus Schweighart und Joachim Morsius identifizierten sich mit deren Zielen. Aus dem Lager der lutherischen Orthodoxie gab es scharfe Opposition. Eusebius Christianus Crucigerus, Georg Rostius, Johannes Hintsem und Johannes Sivertus verdammten die Rosenkreuzer als Calvinisten, Häretiker und falsche Propheten. Rationalistische und aristotelische Kritik kam von Henricus Neuhusius, Hisaias sub Cruce Atheniensis und Andreas Libavius, die sich gegen die okkulten Wissenschaften der Renaissance wandten. Nur ein katholischer Autor, S. Mundus, beteiligte sich an den Auseinandersetzungen, was darauf hindeutet, dass die Katholiken den Streit um das Rosenkreuzertum in erster Linie als innerprotestantischen Konflikt betrachteten. Zu den Zeitgenossen, die sich auf die Suche nach dem Orden machten, gehörte auch René Descartes.

Andreae, der inzwischen als junger Pastor in Vaihingen wirkte, und sich vor den Folgen des Wirbels fürchtete, bemühte sich um Distanz gegenüber den veröffentlichten Manifesten. Hans Schick hat 1942 die Auffassung vertreten, Andreaes Publikation der Chymischen Hochzeit in Form einer allegorischen Erzählung habe möglicherweise darauf abgezielt, die politischen Wirkungen der Manifeste abzuschwächen, die ihn nun in Verlegenheit brachten. In seinem »Menippus« distanzierte sich Andreae von der Pansophie und betonte seinen Gehorsam in Christus. Wie auch immer, Andreae bemühte sich weiter um die Gründung christlicher Bruderschaften. 1617 veröffentlichte er eine Einladung, einer »Societas Christiana« (einer christlichen Gesellschaft) beizutreten, die er gefällig mit dem »Scherz der Rosenkreuzer« verglich. 1619 das Buch »Christianopolis«, die erste deutsche Utopie in der Tradition Thomas Mores und der »Sonnenstadt« Campanellas. Schließlich beschäftigte er sich 1628 mit Plänen für eine »Unio Christiana«. Schick behauptete, diese aufeinanderfolgenden Versuche bezeugten Andreaes fortbestehenden Wunsch, eine wirkliche Bruderschaft der Rosenkreuzer zu begründen, jedoch mit zunehmender Betonung christlicher Frömmigkeit und unter Ausschluss der Pansophie.

Rosenkreuzertum in England. Michael Maier und Robert Fludd

Das breite Echo auf die Rosenkreuzertexte steht für die Fortführung und Weiterentwicklung des Projektes, das von Hess und dem Tübinger Kreis begonnen worden war. Viele Autoren der Briefe, Traktate und Bücher, die an die unsichtbare (und nie antwortende) Bruderschaft gerichtet waren, bezeichneten sich selbst als Rosenkreuzer und fügten der entstehenden Tradition ihre eigenen Interessen und Schwerpunkte hinzu.

Michael Maier (1569-1622) war ein herausragender Gelehrter der Renaissance, ein Doktor der Medizin und Philosophie, der sich in der Alchemie ebensogut auskannte, wie in der klassischen Antike. Er verschrieb sich mit ganzem Herzen den Manifesten, identifizierte sich mit ihren Zielen und verfolgte ihre Ursprünge bis ins alte Ägypten und die eleusinischen Mysterien zurück. In Kiel geboren, hatte er zwischen 1587 und 1596 an verschiedenen europäischen Universitäten studiert, um nach Holstein zurückzukehren und dort als Mediziner zu praktizieren. Später tat er desgleichen in Ostpreußen. Von 1602 bis 1608 praktizierte er im Laboratorium und behauptete, er habe eine Universalmedizin (eine »Panaecea« für alle Krankheiten) gefunden. Im Jahr 1608 reiste er nach Prag und wurde zum Leibarzt Kaiser Rudolf II. ernannt, der ihn in den Adelsstand erhob. 1611, kurz nach der Abdankung Rudolfs, reiste er nach England weiter, wo er bis 1616 weilte. Maier richtete an König Jakob I. einen Weihnachtsgruß, auf dem sich ein proto-rosenkreuzerisches Emblem befand und höchstwahrscheinlich war er mit Robert Fludd bekannt.

Maier widmete der Verteidigung des Rosenkreuzertums zwei Bücher: »Silentium post clamores« (etwa: »Ruhe nach dem Sturm«, 1617), in dem er die Rosenkreuzer mit den Pythagoräern verglich, die nach seiner Auffassung zu Recht Eide des Schweigens und der Geheimhaltung geschworen hätten und »Themis aurea« (»Goldene Themis«, 1618), das Argumente auflistete, die ihre Regeln der Anonymität, der Krankenheilung usw. verteidigten. In seinem Buch »Symbola aurea mensae« (»Goldene Symbole des Altars«, 1617) brachte er das Rosenkreuzertum zur Tradition der Mysterienschulen in Beziehung, angefangen mit jener des Hermes Trismegistos im alten Ägypten, über die Hebräer, die Griechen und Römer, bis zu den Arabern.

Laut seinem Werk »Arcana arcanissima« (»Die geheimsten Geheimnisse«, 1614) beschäftigte sich Maiers praktische Alchemie mit der Herstellung von Medikamenten, nicht mit der Erzeugung von Gold. Dieses Buch deutete die bekanntesten Mythen der Antike als alchymische Allegorien. Seine berühmten alchymischen Embleme in »Atalanta fugiens« (»Fliehende Atalante«, 1618), die von Musik und Poesie umrahmt sind, zeugten ebenfalls von seiner Liebe zur Alchemie. Maiers alles überragende Hingabe an die »chymia« sollte das Rosenkreuzertum für die folgenden Generationen mit dieser verbinden.

Robert Fludd (1574-1637), ein englischer paracelsischer Arzt und Philosoph, war der große Enzyklopädist der hermetisch-kabbalistischen Tradition der Renaissance. Er studierte in Oxford die freien Künste und bereiste danach sechs Jahre den Kontinent. Hier verkehrte er in paracelsischen Kreisen und entdeckte seine Berufung zur Medizin. 1604 nach Oxford zurückgekehrt, um Medizin zu studieren, eröffnete er bald eine Praxis in London und begann an seinem enzyklopädischen Hauptwerk zu arbeiten, dem Buch »Utriusque Cosmi Historia« (»Geschichte des Makro- und Mikrokosmos«). Dieses Werk, das voll ist von ausgeklügelten Gravuren, die sich auf Kosmologie und die Korrespondenzen zwischen der himmlischen Welt, der Natur, dem Menschen, den Künsten und den Wissenschaften beziehen, erschien zwischen 1617 und 1626. Voraus ging ihm die Publikation seiner Verteidigung des Rosenkreuzertums gegen Andreas Libau, der »Apologia Compendaria« (»Apologetisches Kompendium«, 1616). Libau hatte die rosenkreuzerischen Lehren der Harmonie zwischen Mikro- und Makrokosmos, der Magie, Alchemie und Kabbala angeschwärzt und damit die Grundlage der Weltsicht Fludds. Auf dieses Buch folgten zwei weitere über die Rosenkreuzer.

Rosenkreuzertum und Freimaurerei

Schick vermutete, die Einführung des Rosenkreuzertums in England durch Maier sei für die Entwicklung der spekulativen Maurerei von Bedeutung gewesen, denn das Werk »Silentium post clamores« habe Andeutungen über Hochgrade und Initiationen enthalten, die später in den Freimaurerlogen eine Rolle spielten. Diese Idee geht auf zwei deutsche Historiker des 19. Jahrhunderts zurück. Schon 1804 behauptete Johann Gottlieb Buhle, die spekulative Maurerei sei in England zwischen 1629 und 1635 im Anschluss an das Werk Robert Fludds entstanden, der zuvor von Maier in das Rosenkreuzertum eingeführt worden sei. Buhles Vermutung, die englische Maurerei wurzle viel eher im kontinentalen Rosenkreuzertum als in den mittelalterlichen Gilden, war von Maiers Identifikation des Rosenkreuzertums mit den ägyptischen und griechischen Mysterien abhängig, die später einen Bestandteil der Lehren der Maurerei bildeten. Christoph Gottlieb von Murr fand auch Spuren des freimaurerischen Erbes in Maiers »Septima Philosophica« (»Philosophische Septime«, 1620). Aber diese Achse des Ursprungs der Maurerei von Maier zu Fludd wurde von neueren Forschungen in Frage gestellt.

Eine andere Verbindung zwischen der englischen Maurerei und dem Rosenkreuzertum bestand jedoch tatsächlich. Elias Ashmole (1617-1692), ein angesehener englischer Antiquar, wurde im Jahr 1646 in eine der ersten spekulativen Logen in Warrington aufgenommen. Ashmole beschäftigte sich auch intensiv mit Alchemie, wie seine Bücher »Fasciculus Chemicus« (1650) und seine Sammlung mittelalterlicher englischer Werke zu diesem Gebiet, »Theatrum Chemicum Brittannicum« (1652), zeigen. Um 1650 begann er sich auch mit dem Rosenkreuzertum zu beschäftigen. Unter seinen nachgelassenen Papieren finden sich eine Abschrift der Fama von eigener Hand, eine eindringliche Bitte an die unsichtbaren Brüder, in ihren Orden aufgenommen zu werden und einige chiffrierte Notizen über ihren vermutlichen Sitz. Im Jahr 1652 veröffentlichte Thomas Vaughan die erste englische Übersetzung der Fama und der Confessio. Die englische Übersetzung von Maiers »Themis aurea« aus dem Jahr 1656 war Elias Ashmole gewidmet. David Stevenson hat in seinem Buch »The Origins of Freemasonry« 1988 sogar Einflüsse des Rosenkreuzertums auf die schottische Maurerei vor 1630 für möglich gehalten. Die Verbreitung hermetischer Ideen und der Kunst der Erinnerung (der Mnemotechnik) im Schottland des späten sechzehnten Jahrhunderts könnte auf ein Interesse des Landadels an operativen Logen hindeuten, was zur Entstehung spekulativer Logen um 1640 führte, deren Existenz durch die Aufnahme Ashmoles 1646 bezeugt ist.

Comenius und die Ursprünge der Royal Society

Verschiedene Autoren haben auf die frühzeitige Einführung rosenkreuzerischer Ideen in England durch den tschechischen Pansophen, Mystiker und Reformer Jan Amos Comenius (1592-1670) hingewiesen. Comenius wuchs unter den Böhmischen Brüdern auf, einer mystischen Gruppierung der hussitischen Reform in Böhmen und studierte an den Universitäten Herborn und Heidelberg. An der ersteren wurde er von Johann Heinrich Alsted ( 1588-1638) unterrichtet, dessen Zugang zur Naturwissenschaft von der Pansophie, der Idee der gegenseitigen Abhängigkeit alles Wissens geprägt war. Comenius sah in der Pansophie eine Bestätigung dafür, dass der schöpferische Geist Gottes, der Logos, im Herzen aller Dinge gegenwärtig war und dass diese Gegenwart Gottes in allen Dingen ihnen gemeinsame Muster aufprägte. Dies war eine neue Formulierung des hermetischen Prinzips der Analogie und Korrespondenz im Hinblick auf die rasant wachsende empirische Naturforschung im 17. Jahrhundert. Comenius selbst erforschte unermüdlich Sprachen, Unterrichtsmethoden und die Naturgeschichte. 1614 kehrte er nach Böhmen zurück und begann seine erste Enzyklopädie der Pansophie zu schreiben. Nach der Niederlage des Pfalzgrafen und des Protestantismus im Jahr 1620 wurde er von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges heimgesucht. Die Böhmischen Brüder wurden erbarmungslos verfolgt, Comenius verlor seine Familie, sein Haus und seine Bibliothek. Er fand Zuflucht auf dem Landgut eines Protestanten in Brandys und hier verfasste er sein mystisches Buch »Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens«, in dem er die Begeisterung und die Hoffnungen beschreibt, welche die Lektüre der Fama 1612 in ihm hervorrief. Comenius fühlte sich von den Ideen Andreaes stark angezogen, korrespondierte mit diesem 1628 über seine Ideen zur Vereinigung der Christen und über seine Pläne, Gesellschaften ins Leben zu rufen, die Nachfolger der fiktiven Rosenkreuzerbruderschaft hätten werden können. Andreae bat Comenius um Unterstützung bei der Verwirklichung seiner rosenkreuzerischen Reformideen.

An Andreaes christlichen Gesellschaften waren zwei weitere Männer interessiert, deren Aktivitäten sich auf die Gründung philantropischer Gemeinschaften konzentrierten, die sich der Erziehung im Dienste einer universellen Reform, der Förderung der Bildung und utopischer Ideen widmeten. Samuel Hartlib (ca. 1600-1662) lebte zuerst im polnischen Elbing, wo er mit einer utopischen Bruderschaft namens »Antilia« verbunden war, die an der Küste des baltischen Meeres begründet werden sollte. Hier begegnete er John Dury (1596-1680), einem Schotten, der sich sehr für solche Projekte interessierte und Beziehungen zum Pfalzgrafen unterhielt. 1628, nach der katholischen Eroberung Elbings und dem Scheitern der Gemeinschaft Antilia, siedelte Hartlib nach England über und eröffnete in Chichester eine Schule mit Flüchtlingen aus Polen, Böhmen und der Pfalzgrafschaft. Inzwischen hatte Comenius, der aus seinem Heimatland vertrieben worden war, eine Exilgemeinde der böhmischen Brüder in Polen gegründet. 1640 wandte sich Hartlib mit seinen utopischen Plänen für einen neuen Commonwealth und die Förderung der Bildung an das englische Parlament und bedrängte Comenius, nach England zu kommen, um ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen. Comenius kam 1641 nach London, im selben Jahr, als Hartlib seine Utopie »Macaria« veröffentlichte und Dury ein vergleichbares Buch über die Verbesserung der Bildung und die Einigung der Protestanten. Comenius schrieb sein Buch »Der Pfad des Lichtes«, in dem er – inspiriert von der evangelischen und pansophischen Frömmigkeit der rosenkreuzerischen Manifeste – das baconsche Ideal des Erkenntnisfortschritts feierte. Zu dieser Zeit hoffte das Parlament auf eine Aussöhnung mit dem König, die zu einer neuen Ära repräsentativer Herrschaft führen sollte. Flüchtlingen vom Festland schien England die Aussicht auf die Erfüllung einer Hoffnung zu bieten, die vom 30jährigen Krieg zerstört worden waren, der Hoffnung, die fortschreitende Aufklärung oder Erleuchtung lasse sich doch noch verwirklichen. Aber 1642 begann der englische Bürgerkrieg und Comenius und Dury verließen die Insel, um anderswo zu wirken.

Es ist möglich, die ersten Keime der Royal Society auf den Einfluss von Comenius, Dury und Hartlib und ihren pansophischen Impuls zur Förderung der Aufklärung und ihre Ideen für reformerische Gesellschaften zurückzuführen. Die Royal Society entstand aus Treffen, die 1645 am Gresham College in Bishopgate, London abgehalten wurden, an denen John Wilkins und Theodore Haak teilnahmen, die beide enge Beziehungen zum Pfalzgrafen unterhielten. Wilkins war Beichtvater von Mitgliedern der Familie des Pfalzgrafen, Autor eines Buches, das auf Ideen von John Dee und Robert Fludd beruhte und mit der Literatur der Rosenkreuzer vertraut; Haak hatte Comenius in England willkommen geheißen. Robert Boyle, der berühmte Chemiker und Korrespondent von Hartlib, erwähnt in seinen Briefen von 1646-1647 ein »unsichtbares Kollegium«. Die folgenden Treffen zwischen 1648 und 1659 fanden in den Räumen von Wilkins im Wadham College Oxford statt. Thomas Vaughan (1622-1665) der die rosenkreuzerischen Manifeste ins Englische übersetzt hatte, kehrte 1649 nach Oxford zurück. Später wandte sich Vaughan in London zusammen mit Sir Robert Moray (1608-1673) alchymischen Forschungen und Experimenten zu. Moray war 1641 in eine Freimaurerloge aufgenommen worden, erlangte nach der Restauration ein hohes Amt und wurde vom König, der seine wissenschaftlichen Interessen teilte, mit einem Laboratorium ausgestattet. Moray war der wichtigste Vermittler zwischen dem König und der Royal Society. Diese frühen Gründungsmitglieder, zu denen Ashmole, Moray und Isaac Newton mit seinen alchymischen Interessen gehörten, repräsentierten die ursprüngliche rosenkreuzerische Strömung mit ihren apokalyptischen Erwartungen und Reformhoffnungen, die über Hartlib, Dury und Comenius von Andreae herkam, die aber bald von den exoterischen, empirischen Interessen einer Wissenschaft verdrängt wurde, die sich vor allem mit Manufaktur, Navigation und Technologie befasste.

Die Rosenkreuzertradition ab dem 18. Jahrhundert

Während des 18. Jahrhunderts wurde das Rosenkreuzertum nahezu mit der Alchemie gleichgesetzt und trat auf dem Kontinent mit Sicherheit in Wechselwirkung mit der wachsenden freimaurerischen Bewegung. 1710 verknüpfte Sincerus Renatus die Herstellung des Steines der Weisen und das Versprechen auf Verlängerung des Lebens mit einem geheimen Rosenkreuzerorden, der über Initiationen, Eide und Erkennungszeichen verfüge. Diese Idee nahm später Gestalt in der tatsächlichen Verbindung von Freimaurerei und Rosenkreuzertum an. Während die englische Maurerei 1717 eine Großloge als zentrale Autorität etablierte, führte die unkontrollierte Ausbreitung von Hochgraden in Frankreich, Deutschland und Österreich dazu, dass alle möglichen exotischen Motive hinzukamen, unter anderem die Schottische Maurerei, die Templer und die Rosenkreuzer. 1747 oder 1757 wurde der »Orden der Gold- und Rosenkreuzer« begründet, dessen Geschichte und Ideen in den Pietismus und die theosophische, kabbalistische und alchymische Subkultur Deutschlands zurückführen. Ein Dokument des Ordens aus dem Jahr 1767 beschreibt neun Rosenkreuzer-Grade, die dem kabbalistischen Weg durch den Baum des Lebens entsprechen. Jeder dieser Grade prüfte durch seine Rituale das Vorhandensein hermetischer Weisheit und die Umwandlung des Initiierten durch eine esoterische religiöse Erfahrung. Diese Grade wurden später in einem polemischen Werk mit dem Titel »Der Rosenkreuzer in seiner Blöße« (1781) beschrieben, das ein gewisser Magister Pianco (Hans Heinrich von Ecker und Eckhoffen) veröffentlichte, der den Orden verleumdete, indem er ihm eine Verbindung zu den Jesuiten unterstellte. Durch die Aufnahme dieser Grade in die »Royal Masonic Cyclopedia« (1877) fanden sie Eingang in die rituelle Magie des 20. Jahrhunderts.

Die sensationalistische und romantische Gothic-Literatur – die ihrerseits eine Reaktion auf das Leben und Denken des 18. Jahrhunderts war – trug ebenfalls zum geheimnisvollen Kult der Rosenkreuzer bei. Die Erzählungen von William Godwin, Percy und Mary Shelley, Charles Maturin und Sir Edward Bulwer-Lytton arbeiteten auf unterschiedliche Weise die Motive eines geheimen unsichtbaren Ordens aus, dessen Adepten mit Hilfe eines Lebenselixiers Unsterblichkeit erlangt hatten. Als weitere Hinterlassenschaft der alchymischen Deutung des 18. Jahrhunderts, förderte dieses Bild der Rosenkreuzer die Wiederbelebung der okkulten Wissenschaften im 19. Jahrhundert.

Seit seinen Ursprüngen in Andreaes Chymischer Hochzeit und seinem Tübinger Freundeskreis, der Pansophie mit Endzeiterwartung verband, wirkte das Rosenkreuzertum als Strömung spezifisch christlicher Symbolik in der esoterischen Tradition. Die von Michael Maier unterstellten Wurzeln des Rosenkreuzertums im alten Ägypten, in den eleusinischen Mysterien, dem Pythagoräismus, der Gnosis und der Hermetik, der Renaissance-Alchemie und der Kabbala haben dafür gesorgt, dass es unter den Gründern moderner esoterischer Gesellschaft immer wieder auftauchte. Beispiele dafür sind der »Hermetische Orden der Goldenen Dämmerung«, der 1887 in England gegründet wurde, die weitschweifigen Werke des Afro-Amerikaners Pascal Beverley Randolph (1825-1875) und der immer noch gedeihende »Ancient and Mystical Order Rosae Crucis« (AMORC) in San Jose, Kalifornien, der von H. Spencer Lewis (1883-1939) gegründet wurde. Die Theosophische Gesellschaft, die 1875 von H.P. Blavatsky (1831-1891) mitbegründet wurde, schöpfte aus der geheimen Bruderschaft eine gewisse Inspiration und manche ihrer Nachfolgegesellschaften identifizierten sich stark mit dem Rosenkreuzertum. So finden sich in den Werken Rudolf Steiners (1861-1925), der die Theosophie in die christliche Bewegung der Anthroposophie umwandelte, zahlreiche Bezugnahmen auf Christian Rosenkreuz. Steiner wiederum inspirierte Max Heindel (1865-1919), der in Kalifornien 1909 die Bruderschaft der Rosenkreuzer begründete und Steiners Werke plagiierte. Ihr Abkömmling, das »Lectorium Rosicrucianum«, das in seinen Lehren eher gnostisch als hermetisch ist, wurde 1935 in den Niederlanden ins Leben gerufen und ist heute eine weltweit verbreitete Organisation. Das Rosenkreuzertum behauptet, es gebe unsichtbare Adepten, die unter den Uneingeweihten wirken. Es hat damit einen mächtigen sozialen Mythos geschaffen, nach dem innerhalb der exoterischen Gesellschaft immer noch eine geheime Opposition am Werk ist. Die geheime Bruderschaft der Rosenkreuzer, die heute als »unbekannte maurerische Obere« oder in der New Age-Bewegung als »große weiße Bruderschaft« bezeichnet wird, stellt insofern eine mächtige und fortdauernde esoterische Herausforderung des Säkularismus und der Moderne dar.

Fortsetzung