Christologische Variationen in der »Geheimwissenschaft« 1909/1920 (23)

Christologische Variationen

Springen wir zur Schilderung der heutigen Erde, in deren Zusammenhang auch das Christuswesen allmählich fassbar wird. Die Erde war zu Beginn ihrer Entwicklung ein Himmelskörper, der sowohl die Sonne als auch den Mond in sich enthielt. Die Menschen hätten aber auf der Erde nicht ihr Ichbewusstsein entwickeln können, wenn sich nicht zuerst die Sonne, später der Mond von ihr abgetrennt hätten. Über die Geburt des Ich heißt es in der Geheimwissenschaft: »Der Mensch ist auf der Erde zu einem individualisierten Seelenwesen geworden. Sein Astralleib, welcher ihm auf dem Monde durch die ›Geister der Bewegung‹ eingeflossen war, hat sich auf der Erde gegliedert in Empfindungs-, Verstandes- und Bewusstseinsseele. Und als seine Bewusstseinsseele so weit fortgeschritten war, dass sie sich während des Erdenlebens einen dazu geeigneten Leib bilden konnte, da begabten die ›Geister der Form‹ ihn mit dem Funken aus ihrem Feuer. Es wurde das ›Ich‹ in ihm entfacht«.

Die Geister der Form haben also für den Menschen auf der Erde eine ähnliche Bedeutung, wie die Geister der Bewegung auf dem Mond, die Geister der Weisheit auf der Sonne und die Geister des Willens auf dem Saturn. Deutlich zeigt sich an den Darstellungen der Geheimwissenschaft, wie eine absteigende und eine aufsteigende Bewegung sich durchdringen: von den Geistern des Willens steigt die schöpferische Potenz bis zu den Geistern der Form ab, während der Menschenvorfahr Schritt für Schritt seine höheren Wesensglieder aus einer jeweils tieferen Stufe der Engelwelt empfängt. Das Ich, das höchste Wesensglied des Menschen auf der Erde, emaniert aus der untersten Schicht der Engelwelt, die in bezug auf den Menschen schöpferisch tätig ist (Exusiai). Mit der Emanation des Ich ist auch das Ende des Schöpfungsprozesses erreicht. Die weitere Entwicklung wird vom Ich abhängen, dessen Aufgabe oder Entwicklungspotenz darin besteht, das, was ihm aus der Hierarchienwelt zuteil geworden ist, umzuwandeln und den Keim des Geistselbstes in seinem Astralleib, des Lebensgeistes in seinem Ätherleib und des Geistesmenschen in seinem physischen Leib zur Entfaltung zu bringen.

Im Verlauf des Ausgliederungsprozesses von Sonne und Mond – der durch eben diese Geister der Form, die Exusiai, bewirkt wurde[1] – entstanden auch die übrigen Planeten: das ganze heutige Sonnensystem ist aus der ursprünglichen Muttererde hervorgegangen. Weil dieser Prozess sich über lange Zeiträume hinzog und mit allerlei Krisen verbunden war, mussten die Seelen der Menschenvorfahren zeitweise die Erde verlassen und ihre Wohnplätze auf anderen Himmelskörpern aufschlagen, um später wieder auf die Erde zurückzukehren. Aufgrund der Tatsache, dass sie von Seelen bevölkert wurde, die auf den verschiedenen Planeten und der Sonne gelebt hatten, entstand auf ihr allmählich eine leiblich-seelisch differenzierte Vormenschheit.

Damals – insbesondere in der atlantischen Zeit – wirkten gewisse (luziferische) Engelwesen auf die Seelen (Astralleiber) der Menschen ein, die durch diese Tätigkeit eine Entwicklung nachholten, die sie bereits auf dem alten Mond hätten absolvieren sollen.[2] In den Astralleibern der Menschenvorfahren, in welchen eben erst der »Funke des Ich« entzündet worden war, machte sich dieser Einfluss geltend, nicht jedoch in deren Ätherleibern, die von anderen hierarchischen Wesen vor dem Einfluss dieser luziferischen Engel geschützt wurden. (Bildhaft drückt die Genesis diese Vorgänge dadurch aus, dass sie vom Essen des Baums der Erkenntnis – dem Erwachen des Ich im Astralleib – spricht, während der Baum des Lebens, d.h. der Ätherleib, dem Zugriff der Menschen entzogen wird). Diese hierarchischen Wesen, die in der Geheimwissenschaft keinem spezifischen Rang zugeordnet werden[3], wirkten in den Ätherleibern der Menschen, wie ein »höheres Ich«: es gab Menschenvorfahren, die dem Planetenregenten des Jupiter unterstanden, andere, die dem Regenten des Mars oder des Merkur oder anderer Planeten unterstanden, und solche, deren Ätherleib von einem »hohen Wesen« geschützt wurde, das »im Kosmos die Führung innehatte, als sich die Sonne von der Erde trennte«. Dieses Wesen wird von Steiner als der »Herrscher im Sonnenreiche« bezeichnet und die Menschen, die unter seinem Schutz standen, als »Sonnenmenschen«. Wer war dieser »Herrscher im Sonnenreiche«? Darüber finden sich in der Geheimwissenschaft zwei unterschiedliche Aussagen.

In der ersten Auflage 1909 heißt es: »Das Wesen, welches in ihnen [den Sonnenmenschen] als ›höheres Ich› lebte – natürlich nur in den Generationen, nicht im Einzelnen – ist dasjenige, welches später, als die Menschen eine bewusste Erkenntnis von ihm erlangten, mit verschiedenen Namen belegt wurde, und das den Gegenwartsmenschen als der Christus erscheint« [kursiv L.R.].

1920 wurde diese Aussage signifikant geändert. Nun heißt es: »Das Wesen, das in ihnen als ›höheres Ich‹ lebte – natürlich nur in den Generationen, nicht im Einzelnen – ist dasjenige, welches später, als die Menschen eine bewusste Erkenntnis von ihm erlangten, mit verschiedenen Namen belegt wurde, und das den Gegenwartsmenschen das ist, in dem sich ihnen das Verhältnis offenbart, welches der Christus zum Kosmos hat« [kursiv L.R.].

Das Wesen, das den Menschen der Gegenwart als der Christus erscheint – das Wesen, durch das sich das Verhältnis offenbart, welches der Christus zum Kosmos hat. Bereits die Formulierung der ersten Auflage könnte aufmerksame Leser zur Frage veranlasst haben: erscheint dieses Wesen den heutigen Menschen nur als der Christus oder ist es der Christus? Eindeutig ist jedoch die Aussage der Auflage 1920: das Wesen, »in« dem oder durch das sich das Verhältnis Christi zum Kosmos offenbart, kann nicht Christus selbst sein. Es handelt sich offenbar um ein hierarchisches Wesen – jedenfalls ist es nicht mit Christus identisch. Schon die grammatische Konstruktion lässt eine solche Identifikation nicht zu. Wenn wir sagen: Im Spiegel offenbart sich das Verhältnis unseres Körpers zu seiner Umgebung, dann identifizieren wir unseren Körper weder mit dem Spiegel, noch mit dem Spiegelbild. Der Spiegel ist ein anderes »Wesen«, auch wenn er das Bild unseres Körpers und seiner Umgebung zeigt. Welches Wesen offenbart das Verhältnis, das »Christus heute zum Kosmos hat«? Eine Antwort auf diese Frage findet man nicht in der Geheimwissenschaft im Umriss.[4]

Das Verständnis wird durch die weiteren Hinweise in der Geheimwissenschaft nicht unbedingt erleichtert, sondern eher erschwert, zumindest, wenn man die früheren Auflagen nicht zur Hand hat – und selbst dann oder dann erst recht. Denn das zweite Mal taucht »Christus«, diesmal in Anführungszeichen, in Darstellungen über die Eingeweihten der atlantischen Zeit auf. Von diesen Eingeweihten heißt es, sie hätten in gewissen todesähnlichen Zuständen, die sie willkürlich herbeiführen konnten, durch ihren Ätherleib, der vom physischen Leib getrennt war, den geistigen Inhalt des Kosmos wahrzunehmen vermocht. Durch ihren Ätherleib waren diese Eingeweihten mit dem »Reich der Geister der Form« verbunden und sie konnten von diesen Geistern der Form erfahren, wie sie »geführt und gelenkt wurden von jenem hohen Wesen, das bei der Trennung der Sonne von der Erde die Führung innehatte«. Aber auch hier unterscheidet sich die Fassung der Erstauflage signifikant von jener der späteren. In der ersten Auflage heißt es von diesen Eingeweihten: »Dann waren sie durch den Lebensleib ganz verbunden mit dem Reiche der Geister der Form und konnten von diesen erfahren, wie sie geführt und gelenkt werden von jenem hohen Wesen, das die Führung hatte bei der Trennung von Sonne und Erde, von dem ›Christus‹« [kursiv L.R.]. Dies ist eindeutig eine Identifikation.

1920 heißt es jedoch: »Dann waren sie durch den Lebensleib ganz verbunden mit dem Reiche der ›Geister der Form‹ und konnten von diesen erfahren, wie sie geführt und gelenkt werden von jenem hohen Wesen, das die Führung hatte bei der Trennung von Sonne und Erde, und durch das sich später den Menschen das Verständnis für den ›Christus‹ eröffnete« [kursiv L.R.]. Das ist eindeutig keine Identifikation. Vielmehr ist erneut von einem anderen Wesen die Rede, durch das sich etwas vom Christus offenbart, diesmal aber nicht sein Verhältnis zum Kosmos, sondern das Verständnis für Christus.

Hätte Steiner sagen wollen, dass es sich bei diesem Wesen um Christus selbst handelte, hätte er schreiben müssen: jenes Wesen, das bei der Trennung der Sonne von der Erde die Führung innehatte, wurde später als Christus erkannt oder verstanden oder er hätte einfach schreiben können: und dieses Wesen war der spätere Christus oder erschien später als Christus. Das hat er tatsächlich in der ersten Auflage getan, indem er das hohe Wesen, das die Führung bei der Trennung der Sonne von der Erde innehatte, durch Apposition mit Christus gleichsetzte. 1920 hat er diese Identifikation zurückgenommen.

Auch die folgenden Ausführungen über die atlantischen Eingeweihten unterscheiden sich in den verschiedenen Auflagen.

Sehen wir uns zuerst die Fassung von 1909 an. Diese Eingeweihten, so heißt es, konnten »in der Regel von dem Christus-Wesen nicht unmittelbar berührt werden, sondern es konnte ihnen nur wie in einer Spiegelung durch die Mondwesen gezeigt werden. Sie sahen dann nicht das Christus-Wesen unmittelbar, sondern dessen Abglanz … Sie zogen sich Schüler heran, denen sie die Wege zur Erlangung des Zustandes wiesen, welcher zur Einweihung führt. Zur Erkenntnis des ›Christus‹ konnten nur solche Menschen gelangen, die in angedeutetem Sinne zu den Sonnenmenschen gehörten. Sie pflegten ihr geheimnisvolles Wissen und die Verrichtungen, welche dazu führten, an einer besonderen Stätte, welche hier im Einklange mit der Geisteswissenschaft das Christus- oder Sonnenorakel genannt werden soll«.

Abgesehen davon, dass hier nicht von einer direkten Erkenntnis des Christus-Wesens die Rede ist, sondern nur von der Schau seines »Abglanzes«, sind die Änderungen in der Ausgabe 1920 wiederum bezeichnend (kursiv gesetzt): Von den Eingeweihten heißt es, sie konnten »in der Regel von dem Sonnenwesen nicht unmittelbar berührt werden, sondern es konnte ihnen nur wie in einer Spiegelung durch die Mondwesen gezeigt werden. Sie sahen dann nicht das Sonnenwesen unmittelbar, sondern dessen Abglanz … Sie zogen sich Schüler heran, denen sie die Wege zur Erlangung des Zustandes wiesen, welcher zur Einweihung führt. Zur Erkenntnis dessen, was früher durch ›Christus‹ sich offenbarte, konnten nur solche Menschen gelangen, die in angedeutetem Sinne zu den Sonnenmenschen gehörten. Sie pflegten ihr geheimnisvolles Wissen und die Verrichtungen, welche dazu führten, an einer besonderen Stätte, welche hier […] das Christus- oder Sonnenorakel genannt werden soll«.

Wie man sieht, wird zweimal der Ausdruck »Christus« des ursprünglichen Textes durch »Sonnenwesen« ersetzt und an der dritten Stelle ist nicht mehr von einer »Erkenntnis des ›Christus‹« (schon in der ersten Auflage in Anführungszeichen), sondern von einer »Erkenntnis dessen, was sich durch ›Christus‹ offenbarte« die Rede.

Von der ersten zur Ausgabe 1920 fand ein Verschleierungsprozess[5] statt, – was in der ersten eindeutig identifiziert wurde, erscheint in letzterer veruneindeutigt. Warum? Auf die Spur einer Erklärung führen einige Sätze, die Steiner im Anschluss an die zitierten 1920 neu hinzugefügt hat. In dieser Ergänzung wird vor einem Missverständnis gewarnt: »Das hier in bezug auf den Christus Gesagte wird nur dann nicht missverstanden, wenn man bedenkt, dass die übersinnliche Erkenntnis in dem Erscheinen des Christus auf der Erde ein Ereignis sehen muss, auf das als ein in der Zukunft Bevorstehendes diejenigen hingewiesen haben, welche vor diesem Ereignis mit dem Sinn der Erdenentwicklung bekannt waren. Man ginge fehl, wenn man bei diesen ›Eingeweihten‹ ein Verhältnis zu dem Christus voraussetzen würde, das erst durch dieses Ereignis möglich geworden ist. Aber das konnten sie prophetisch [kursiv L.R.] begreifen und ihren Schülern begreiflich machen: ›Wer von der Macht des Sonnenwesens berührt ist, der sieht den Christus an die Erde herankommen‹«.

Etwas einfacher ausgedrückt: die atlantischen Eingeweihten haben auf das bevorstehende Erscheinen eines Wesens auf Erden prophetisch hingewiesen, das erst, nachdem es erschienen war, als »Christus« bezeichnet worden ist. Dennoch, so schränkt Steiner ein, begründete diese prophetische Erkenntnis kein solches Verhältnis zu diesem Wesen, wie es erst durch dessen Erscheinen auf Erden möglich wurde. Was änderte sich im Verhältnis der Menschheit zu ihm? Vor seiner Inkarnation handelte es sich um ein kosmisches Wesen, zur Zeit seiner Inkarnation um einen historischen Menschen, der die Beziehung zu diesem Wesen vermittelte, der zugleich einen mystischen Zugang zu ihm eröffnete, als es durch seinen Tod in eine andere kosmische Lebensform übergegangen war.[6] Die »atlantischen Eingeweihten« konnten »Christus« nicht in ihrem Inneren, sondern nur im Kosmos finden. Erst nach seiner Auferstehung führt die mystische Erfahrung zu ihm als einer »kosmischen Gottheit«. Aber dies alles erklärt nicht zureichend, warum 1920 der Ausdruck »Christus« durch »Sonnenwesen« ersetzt wurde, und warum »die Erkenntnis des Christus« zur Erkenntnis dessen geworden ist, »was sich früher durch Christus offenbarte«. Jedenfalls trifft Steiner 1920 eine Unterscheidung zwischen Christus selbst und dem, was sich durch ihn offenbarte, und die Frage ist, was – oder wer – sich durch ihn offenbarte.

Schließlich enthalten die ergänzenden Aussagen von 1920 ebenfalls keine schlichte Identifikation des Sonnenwesens mit Christus. Die Eingeweihten lehrten nicht: »Wer von der Macht des Christus berührt wird …«, sondern »wer von der Macht des Sonnenwesens berührt wird …«. Es ist eine legitime Interpretation, in der »Macht des Sonnenwesens« (von der die Eingeweihten nicht unmittelbar berührt wurden, die sie vielmehr nur in einer »Spiegelung durch die Mondwesen«, »im Abglanz«, sahen) – eben jenen Abglanz eines Wesens – und damit ein anderes Wesen – zu sehen. Der »Abglanz«, die »Spiegelung« der Macht, ist das Bild dieser Macht, das sich im Bewusstsein oder durch das Bewusstsein eines anderen Wesens offenbart. Und das Bild eines Wesens in einem anderen ist in der Hierarchienwelt wiederum ein Wesen eigener Art.

Eine Reihe von Fragen ist also nach wie vor nicht eindeutig zu beantworten: Wer ist das »hohe Sonnenwesen«, das die Führung im Kosmos innehatte, als die Sonne sich von der Erde trennte? Wer ist jenes Wesen, durch das sich später den Menschen »das Verständnis für den Christus eröffnete«? Wer ist das Wesen, durch das sich das Verhältnis offenbart, das Christus heute zum Kosmos hat? Wer sind die Mondwesen, die das hohe Sonnenwesen spiegeln? Und wer ist Christus?

Nun spricht Steiner im weiteren Verlauf seiner Ausführungen vom Niedergang der atlantischen Orakel und von einem bestimmten Orakel, das diesem Niedergang weitgehend entgangen sei. Es handelte sich um eines der erwähnten »Sonnen- oder Christusorakel«.

Von diesem heißt es 1909: Weil es sich vor dem allgemeinen Niedergang zu schützen wusste, konnte es »nicht nur das Geheimnis des Christus selbst bewahren, sondern auch die Geheimnisse der anderen Orakel. Denn im Offenbarwerden des erhabensten Sonnengeistes wurden auch die Führer des Saturn, Jupiter, usw. enthüllt« (spätere Auflagen identisch). Das Orakel konnte also einerseits ein Geheimnis bewahren, andererseits wurde ihm auch etwas offenbar: der »erhabenste Sonnengeist«, vermutlich also jenes hohe Sonnenwesen, das bei der Trennung der Sonne von der Erde die Führung im Kosmos innehatte. Worin das »Christus-Geheimnis« bestand, wird nicht näher erläutert. Es ist anzunehmen, dass es jene Lehre der Eingeweihten betraf, die Steiner 1920 in den Satz zusammenfasste: »Wer von der Macht des Sonnenwesens berührt ist, der sieht den Christus an die Erde herankommen«.

Neben dem »Christus-Geheimnis« bewahrte dieses Orakel aber auch noch ein anderes: das Geheimnis der spirituellen Ökonomie. Steiner fährt nämlich fort: »Man kannte im Sonnenorakel das Geheimnis, solche menschlichen Lebensleiber bei diesem oder jenem Menschen hervorzubringen, wie sie die besten der Eingeweihten des Jupiter, des Merkur usw. gehabt haben. Man bewirkte …, dass die Abdrücke der besten Lebensleiber der alten Eingeweihten sich erhielten und späteren geeigneten Menschen eingeprägt wurden« (spätere Auflagen identisch). Der Führer des Christus-Orakels – und hier reden wir bereits vom Ende der atlantischen Zeit – wählte sieben »Genossen« aus, die er mit den Abdrücken der Ätherleiber der sieben besten atlantischen Eingeweihten begabte. In diesen sieben Genossen waren die sieben atlantischen Planetenorakel auf bestmögliche Art repräsentiert und diese Genossen wurden zu den sieben Rischi, den Kulturbegründern und Uroffenbarern der uralt-indischen Zeit. Die sieben Rischi enthüllten »die großen Führerschaften der kosmischen Welt« und »wiesen leise hin auf einen großen Sonnengeist«, »den Verborgenen, der über denen thront«, die durch sie offenbart wurden. Aber selbst dem Repräsentanten des Christus-Orakels unter den Rischi erschien das Geheimnis des »Verborgenen, der über allen anderen thront«, nur im »Abglanz« und er vermochte lediglich »in Sinnbildern und Zeichen« auf ihn hinzuweisen. Da die sieben Rischi die sieben Planetenorakel repräsentierten, und einer von ihnen Träger der Weisheit des Sonnenorakels war, kann »der Verborgene, der über denen thront«, die durch sie geoffenbart wurden, mit keinem von diesen identisch gewesen sein.

Das nächste Mal taucht Christus im Zusammenhang mit Zarathustra auf und auch hier klingen die Formulierungen auffällig umständlich oder vorsichtig. Wen verkündet Zarathustra? Zarathustra hatte durch den »Hüter des Sonnen-Orakels« eine Einweihung erhalten, durch die ihm die Offenbarungen der »hohen Sonnenwesen« zuteil wurden. In besonderen Bewusstseinszuständen vermochte er den »Führer der Sonnenwesen« zu schauen, der den menschlichen Ätherleib in der atlantischen Zeit in Schutz genommen hatte – den Ätherleib der sogenannten »Sonnenmenschen«. Er wusste, dass dieses Wesen die »Führung der Menschheitsentwicklung lenkt« und dass es zu einer gewissen Zeit aus dem Weltraum auf die Erde niedersteigen würde. Er sah voraus, dass dieses »hohe Sonnenwesen« so im Astralleib eines Menschen leben würde, wie es früher im Ätherleib der Menschen gelebt hatte, dass der Astralleib des betreffenden Menschen,  – also des künftigen Trägers des Führers der Sonnenwesen – vollkommen frei vom luziferischen Einfluss sein musste und er erkannte, dass das »hohe Sonnenwesen« (1909/10), »die geistigen Sonnenkräfte« (1920) vor dem Erscheinen dieses Menschen nicht auf der Erde gefunden werden konnten, sondern nur »im Bereich des geistigen Teils« der Sonne. Er verkündigte seinem Volk »dieses Wesen« (1. Aufl.), »das Wesen dieser Kräfte« (1920) als den »großen Sonnen- und Lichtgeist, die Sonnen-Aura, Ahura Mazdao, Ormuzd«.

Wie genau beschreibt Steiner nun diesen Lichtgeist? Hier ist wieder ein genauerer Blick auf die Varianten der verschiedenen Auflagen erforderlich. In der ersten Auflage heißt es: »Dieser Lichtgeist offenbarte sich für Zarathustra und seine Anhänger als der Geist, der vorläufig dem Menschen sein Antlitz aus der geistigen Welt zuwendet, und der innerhalb der Menschheit in der Zukunft erwartet werden darf. Es ist der Christus vor seiner Erscheinung auf Erden, den Zarathustra als Lichtgeist verkündete.« 1920 heißt es dagegen (Änderungen kursiv): »Dieser Lichtgeist offenbart […] sich für Zarathustra und seine Anhänger als der Geist, der […] dem Menschen sein Antlitz aus der geistigen Welt zuwendet und der innerhalb der Menschheit die Zukunft vorbereitet. Es ist der auf Christus vor seiner Erscheinung auf Erden auf diesen hinweisende Geist, den Zarathustra als den Lichtgeist verkündet«.

Auch hier sind die Änderungen wieder signifikant: es ist der Christus, den Zarathustra verkündetes ist der auf Christus hinweisende Geist, den Zarathustra verkündet.

Ist dieser auf Christus hinweisende Geist, dieser Geist, der dem Menschen sein Antlitz zuwendet, Christus selbst? Offenbar nicht: der Geist, der auf Christus hinweist, ist schon grammatikalisch nicht derselbe wie Christus, er muss sich auch als Wesenheit von ihm unterscheiden. Das Antlitz, das Prosopon, ist nicht mit dem Wesen identisch, sondern eine Offenbarung dieses Wesens, das sich dem Menschen hier durch seinen Antlitzengel zuwendet. Möglicherweise ist dieser Antlitzengel jener Geist, durch den sich später den Menschen auch »das Verständnis für den Christus eröffnete«, durch das sich auch »das Verhältnis« offenbart, das »Christus heute zum Kosmos hat«.

Aufmerksame Leser werden sich durch diesen Hinweis auf das Antlitz der Gottheit, das sich dem Menschen aus der geistigen Welt zuwendet, an ein anderes Antlitz erinnert fühlen, das eine Gottheit dem Menschen darbot, von dem im weiter oben zitierten Vortrag vom 20. April 1908[7] die Rede war: das althebräische Volk, so hieß es im Notat, »verehrte als den höchsten Gott den Jahve- oder Jehova-Gott. Aber dieser Jahve-Gott gehörte für sie [die alten Hebräer] zu der Ordnung der ›Offenbarungen‹ [Exusiai, Geister der Form] … Aber sie sagten: Derjenige, der uns lenkt und leitet im Auftrage als der eigentliche Erzbote des Jehova, das ist ›Michael‹, einer der Erzengel – er heißt zu deutsch ›der vor Gott steht‹. Im Althebräischen nannte man ihn auch das ›Antlitz Gottes‹, weil der Angehörige des Alten Bundes, wenn er zu Gott aufblickte, empfand, dass Michael vor Gott stand und sein Wesen ausdrückte, wie das menschliche Antlitz das Menschenwesen ausdrückt. Man nannte ihn daher wörtlich das Antlitz Gottes«.

Nun, verfolgen wir die weiteren Darstellungen in der Geheimwissenschaft im Umriss. Die nächsten Stufen stellen die ägyptischen und griechischen Mysterien sowie die Offenbarung an Moses dar.

Der ägyptische Kulturkreis ging von einem »hohen Führer« aus, »der seine Schulung innerhalb der persischen Zarathustra-Geheimnisse genossen hatte«. (Es handelte sich um die Reinkarnation eines Jüngers des Zarathustra, der von Steiner »in Anlehnung an einen geschichtlichen Namen« als Hermes bezeichnet wird). Hermes lehrte: »Insoweit der Mensch seine Kräfte auf der Erde dazu verwendet, um in dieser nach den Absichten der geistigen Mächte zu wirken, macht er sich fähig, nach dem Tode mit diesen Mächten vereinigt zu sein«. Wem es gelingt, deren Absichten zu folgen, wird »mit der hohen Sonnenwesenheit – mit Osiris – vereinigt werden«. Weder in der ersten, noch in den folgenden Auflagen ist im Hinblick auf Osiris oder die »hohe Sonnenwesenheit« von Christus die Rede.

In den griechischen Mysterien kehrt die prophetische Offenbarung Zarathustras in abgewandelter Form wieder. Diese Mysterien prophezeien, dass ein Mensch erscheinen werde, in dessen Astralleib »die Lichtwelt des Sonnengeistes durch den Lebensleib ohne besondere Seelenzustände bewusst werde« und dass der physische Leib dieses Menschen so beschaffen sein werde, dass all das, was in ihm durch Ahriman[8] bis zum Tod verhüllt sei, offenbar werde. Der physische Tod werde über diesen Menschen keine Macht haben, sein »Ich« werde in ihm so zur Erscheinung kommen, dass im physischen zugleich das volle geistige Leben enthalten sei. Ein solches Wesen werde »Träger des Lichtgeistes« sein, zu dem sich der Eingeweihte erheben könne. Indem die Eingeweihten der Mysterien voraussagten, dass die Lichtwelt des Sonnengeistes in einem Menschen, dem Träger des Lichtgeistes[9], bewusst werde, waren sie »Propheten des Christus« (erste und folgende Auflagen). Auch hier wird keine schlichte Identifikation zwischen den beiden Wesen (Lichtgeist und Christus) hergestellt.

Als ein besonderer Prophet »in diesem Sinne« wird Moses von Steiner charakterisiert. Moses enthüllte sich der, welcher kommen musste, »als die höchste Form des ›Ich‹«. Ihm offenbarte sich im Blitz und Donner am Sinai jenes Wesen, das in der Erdentwicklung »die Rolle übernommen hatte, vom Mond aus das menschliche Bewusstsein zu gestalten«. Wer enthüllte sich Moses?

Um Aufschluss darüber zu erlangen muss man in der Geheimwissenschaft 47 Seiten zurückblättern. Hier ist von jenen Mondwesen die Rede, die das menschliche Bewusstsein gestalteten. Durch die Trennung des Mondes von der Erde konnte die Gestalt des Menschen auf der Erde so fortgebildet werden, dass diese die Individualität der Seele in sich aufnehmen konnte. Diese Fortbildung bewirkten die Kräfte des Mondes. Dadurch geriet die Individualität des Menschen aber auch in den Bereich der »Mondenwesen«. Im leibfreien Zustand der Seele bewirkten diese »mächtigen Geister« einen Nachklang der Erdenindividualität. Unmittelbar nach dem Verlassen des Leibes vermochte die Seele wie in einem »von den Mondenwesen zurückgeworfenen Glanz die hohen Sonnenwesen zu sehen«. Wenn sie »durch das Schauen dieses Abglanzes« genügend vorbereitet war, konnte sie nach dem Tod auch »die hohen Sonnenwesen« selbst sehen. Die Wesen, die den Mond aus der Erde herausgezogen und ihr Dasein mit ihm verbunden hatten – also zu »Erden-Mondenwesen« geworden waren – wirkten auf das menschliche »Ich«. »Durch sie entstand im Menschen die Möglichkeit, die weisheitsvolle Gestaltung der Welt in sich bewusst zu spiegeln, sie abzubilden wie in einer Erkenntnisspiegelung«. Die Mondwesen brachten dieses Spiegelbewusstsein in Einklang mit dem Weltall. Mit der Wirkung dieser Mondwesen interferierten die weiter oben erwähnten regredierten (luziferischen) Engel, die sich gegen den Einfluss der ersteren im menschlichen Astralleib auflehnten und zu Gegnern der Mondwesen wurden, die das menschliche Bewusstsein zu einem »notwendigen Erkenntnisspiegel der Welt« machen wollten. Der Mensch erlangte aufgrund dieses Einflusses Herrschaft über die genannten Spiegelbilder, er wurde »Herr seiner Erkenntnis«, aber unterlag dem Irrtum und dem Bösen, später auch Krankheit und Tod. Die »Erden-Mondgeister« suchten den Spiegel des menschlichen Bewusstseins so zu gestalten, dass die Sonnengeister im ganzen Seelenleben des Menschen die Herrschaft behielten. Aber die regredierten Engel durchkreuzten diese Absicht und ließen die Menschenseele gegen die Sonnengeister opponieren.

Das Wesen, das sich Moses in Blitz und Donner offenbarte, ist also nicht mit dem »hohen Sonnenwesen« identisch, sondern unterscheidet sich von ihm. Bereits die atlantischen Eingeweihten empfingen ihre prophetische Erkenntnis dessen, »was sich durch Christus offenbarte«, als Abglanz der Sonne im Silberlicht des Mondes.

Unmittelbar im Anschluss an diese Sätze über Moses kommt die Geheimwissenschaft auf die Erscheinung Christi auf Erden zu sprechen. Was erschien in Christus oder »mit Christus«? Auch hier bieten die verschiedenen Auflagen unterschiedliche Varianten.  In der ersten Auflage 1909 heißt es: »Und mit ›Christus‹ erschien in menschlicher Gestalt das hohe Sonnenwesen als das große menschliche Erden-Vorbild«. 1920 heißt es in einer dem Leser nun schon vertrauten verschleiernden Formulierung: »Und mit ›Christus‹ erschien in menschlicher Gestalt, was das hohe Sonnenwesen als das große menschliche Erdenvorbild vorbereitet hatte«.

Mit ›Christus‹ erschien das hohe Sonnenwesen in menschlicher Gestalt – mit ›Christus‹ erschien in menschlicher Gestalt, was das hohe Sonnenwesen vorbereitet hatte. Die Variante der Auflage 1920 ist sogar in doppeltem Sinn doppeldeutig. Was genau erschien »mit Christus«? Erschien das große menschliche Erdenvorbild, das vom hohen Sonnenwesen vorbereitet worden war – oder war das hohe Sonnenwesen das große menschliche Erdenvorbild, das etwas anderes vorbereitet hatte, das mit Christus erschien? Jedenfalls war es nicht das hohe Sonnenwesen, das »mit« oder in Christus erschien, sondern etwas, was das hohe Sonnenwesen vorbereitet hatte.

Wie auch immer –, durch dieses Erscheinen des »großen menschlichen Erdenvorbilds« bekamen die Mysterien eine neue Aufgabe: Während sie früher den Menschen zu einer Anschauung des »Reiches des Sonnengeistes« außerhalb der Erde führen mussten, sollten sie ihn jetzt dazu befähigen, den »menschgewordenen Christus« zu erkennen und »von diesem Mittelpunkt aller Weisheit aus die natürliche und die geistige Welt« zu verstehen. In der ersten Auflage heißt es noch, die Mysterien sollten den Menschen dazu befähigen, »in dem menschgewordenen Christus das Urwesen zu erkennen, und von diesem Mittelpunkte aller Weisheit aus die natürliche und die geistige Welt zu verstehen«.

Um wen genau es sich bei diesem »menschgewordenen Christus« handelt, der diesmal nicht in Anführungszeichen steht, wird nicht näher ausgeführt. Im Zusammenhang mit dieser Menschwerdung ist nun auch vom »Ereignis von Golgatha«, vom »Mysterium von Golgatha«, vom »Christus-Ereignis« und vom »Christus-Impuls« die Rede. Christus Jesus hat den Einfluss Luzifers im menschlichen Astralleib und die Macht Ahrimans im menschlichen Ätherleib überwunden. Christus – der nun konsequent nicht mehr in Anführungszeichen steht –, der den Tod am Kreuz erlitt, erschien nach seinem Tod auch im Reich der Schatten und wies die Macht Ahrimans in ihre Schranken. Seit dem »Christus-Ereignis« können die Menschen, »die sich zum Christus-Geheimnis erheben«, das, was sie in der sinnlichen Welt errungen haben, in die geistige Welt nach dem Tod mitnehmen und aus der nachtodlichen Welt fließt es wieder zurück in die irdische, weil das, was die Menschen sich errungen haben, durch den »Christus-Impuls« nach ihrem Tod umgewandelt wird.

Was der Menschheits-Entwicklung durch die »Christus-Erscheinung« zugeflossen ist, wirkt »wie ein Same« in dieser Entwicklung, der erst allmählich reifen kann. Zunächst entsteht nämlich eine »Christus-Vorstellung«, also eine Vorstellung von Christus. Vermutlich deutet Steiner hier auf die dogmatischen Auseinandersetzungen im Urchristentum und in den folgenden Jahrhunderten. Die Christus-Vorstellung des Menschen ist natürlich nicht Christus selbst, sondern das Gedankenbild, das sich Menschen von ihm formen. Auch die Ausführungen über diese Christus-Vorstellung unterscheiden sich in den verschiedenen Auflagen. In der ersten ist gar nicht von einer »Vorstellung« die Rede, sondern von der »Christus-Gestalt«: »In der Christus-Gestalt ist ein Ideal gegeben, das aller Sonderung entgegenwirkt, denn in dem Menschen, der den Christusnamen trägt, lebt das hohe Sonnenwesen, in dem jedes menschliche Ich seinen Urgrund findet«. 1920 heißt es (Änderungen kursiv): »In der Christus-Vorstellung ist zunächst ein Ideal gegeben, das aller Sonderung entgegenwirkt, denn in dem Menschen, der den Christusnamen trägt, leben auch die Kräfte des hohen Sonnenwesens, in denen jedes menschliche Ich seinen Urgrund findet«.

Mit »Sonderung« ist die Differenzierung der Menschheit in Rassen, Stämme, Völker, Sprachgemeinschaften, Geschlechter usw. gemeint, die sie von der Erkenntnis abhält, dass in allen Menschen ein Ich lebt, dessen Urgrund derselbe ist. Diesen gemeinsamen Urgrund aller menschlichen Geistindividualitäten stellen die Geister der Form dar, die im Menschen den »Funken des Ich entfachten«, oder, wie es im Schlusskapitel der Geheimwissenschaft heißt: »Durch die ›Geister der Form‹ erhält der Mensch sein selbstständiges ›Ich‹«.

An der umgearbeiteten Formulierung ist zweierlei bemerkenswert: erstens leben nun »die Kräfte« des hohen Sonnenwesens im Menschen, der den Christusnamen trägt: handelt es sich bei diesen Kräften um Wesen, die sich vom Sonnenwesen selbst unterscheiden? Man könnte dabei an Archai, Geister der Persönlichkeit denken, die Steiner häufig als »Urkräfte« bezeichnet. Zweitens heißt es: »auch« die Kräfte des hohen Sonnenwesens leben in diesem Menschen. Deutet Steiner damit an, dass nicht ausschließlich diese Kräfte in ihm lebten, sondern auch noch andere? Also andere geistige Wesenheiten?

Nun, jedenfalls wurde von der Menschheit »zunächst« »im bloßen Gedanken erfasst, dass in Jesus Christus der Idealmensch lebt, zu dem die Bedingungen der Sonderung nicht dringen«, und dadurch entwickelte sich das Christentum zum »Ideal der umfassenden Brüderlichkeit«. »Über alle Sonderinteressen und Sonderverwandtschaften hinweg« trat in den Menschen, in denen dieses Ideal aufleuchtete, »das Gefühl auf, dass das innerste Ich des Menschen bei jedem den gleichen Ursprung hat«. »Neben allen Erdenvorfahren tritt der gemeinsame Vater aller Menschen auf« – und hier findet sich das einzige Bibelzitat in der gesamten Geheimwissenschaft: »Ich und der Vater sind Eins.«

Die Übersicht wäre nicht vollständig, wenn nicht auch auf die Rolle hingewiesen würde, die Steiner der »Christusgestalt«, dem »großen menschlichen Erdenvorbild« im Kapitel Die Erkenntnis der höheren Welten bei der Geistesschulung zuweist. Der große Hüter der Schwelle verwandelt sich nämlich in dem Augenblick »in die Christusgestalt«, in dem er zum Vorbild wird, dem der Geistesschüler nachstrebt. Durch diese Verwandlung des Hüters wird der Geistesschüler in das »erhabene Geheimnis« eingeweiht, das »mit dem Christus-Namen verknüpft« ist: und dieses Geheimnis besteht eben darin, dass sich Christus ihm als »das große menschliche Erdenvorbild« zeigt. Von diesem »großen menschlichen Erdenvorbild« war ja bereits im Zusammenhang mit dem »Mysterium von Golgatha« die Rede: das »hohe Sonnenwesen« hatte das »große menschliche Erdenvorbild« vorbereitet und mit Christus erschien dieses Erdenvorbild »in menschlicher Gestalt« auf Erden.

Nun ist die Erkenntnis, die der Geistesschüler von Christus am großen Hüter der Schwelle gewinnt, eine Erkenntnis durch Intuition. Eine Erkenntnis durch Intuition ist laut Steiner eine solche, die auf Wesensvereinigung mit dem Erkannten beruht, und daher untrüglich. Man kann aufgrund dieser Wesensvereinigung auch sagen, im Geistesschüler wird Christus als höheres Ich geboren und wenn er auf solche Art, also durch Intuition, Christus in der geistigen Welt erkannt hat, dann wird für ihn auch verständlich, was sich als Mysterium von Golgatha geschichtlich auf der Erde abspielte. Der Geistesschüler erwirbt durch seine mystische Erfahrung eine »eigene« – also persönliche, individuelle und aktuelle – Erkenntnis davon, wie in der griechisch-lateinischen Zeit »das hohe Sonnenwesen, das Christus-Wesen« in die Entwicklung der Erde eingegriffen hat und wie es seither in dieser Entwicklung weiterwirkt. Diese Erkenntnis ist zugleich eine Erkenntnis des Sinnes und der Bedeutung der gesamten Erdenentwicklung. (Wörtlich lautet der Satz: »Wie zu dieser Zeit das hohe Sonnenwesen, das Christus-Wesen, in die Erdenentwicklung eingegriffen hat, und wie es nun weiter wirkt innerhalb dieser Erdenentwicklung, das wird für den Geistesschüler eine selbsterlebte Erkenntnis«.)

In diesem Satz, der in allen Auflagen des Buches gleich lautet, wird von Steiner das erste und einzige Mal in der gesamten Geheimwissenschaft das »hohe Sonnenwesen« mit dem »Christus-Wesen« ausdrücklich und bleibend gleichgesetzt und zwar wiederum durch Apposition, zwischen zwei Kommata! Durch Intuition wird Christus in der geistigen Welt erkannt und durch Intuition wird erkannt, »wie das hohe Sonnenwesen, das Christus-Wesen«, in der vierten nachatlantischen Kulturepoche in die Erdenentwicklung eingegriffen hat. Wir erfahren also erst hier, am Ende nicht der geschichtlichen Darstellung, nicht der kosmogonischen Imaginationen, sondern als Gipfel der Darstellung des Schulungsweges, also der mystischen Erfahrung, dass diese mystische Erfahrung zum Schlüssel wird, der das Verständnis der gesamten Erdgeschichte aufschließt. Ähnlich heißt es im Schlusskapitel des Buches, wo vom alten Mond als Kosmos der Weisheit und der Erde als Kosmos der Liebe die Rede ist (unverändert in allen Auflagen): »Als das umfassende ›Vorbild der Liebe‹ stellt sich bei seiner Offenbarung das hohe Sonnenwesen dar, welches bei der Schilderung der Christus-Entwicklung gekennzeichnet werden konnte. In das Innerste des menschlichen Wesenskernes ist damit der Keim der Liebe gesenkt«.

Aber hat der Schlüssel der mystischen Erfahrung, die mystische Christus-Erkenntnis, für den Leser auch das Verständnis des Christus-Wesens im Kontext der Theogonie und Kosmogonie aufgeschlossen? Wir wissen zwar, dass Steiner das »Christus-Wesen« an dieser Stelle mit dem »hohen Sonnenwesen« identifiziert, aber wir wissen nicht mit Sicherheit, wie wir dieses hohe Sonnenwesen in die Hierarchien der Geheimwissenschaft, oder ob wir es überhaupt in diese Hierarchien einordnen können.

Wenn wir diese Frage klären wollen, müssen wir mit dem gewonnenen hermeneutischen Schlüssel noch einmal zur kosmogonischen Darstellung der Geheimwissenschaft zurückkehren und nachprüfen, ob wir noch weitere Aufschlüsse über jenes hohe Sonnenwesen und seine Scharen finden. Etwaige Wiederholungen nehmen wir bei diesem Rückblick in Kauf.

Was waren das für Wesen? Gehen wir dem Motiv der Abspaltung der Sonne nach. Die Sonne wurde durch gewisse geistige Wesen aus der Erde herausgelöst, die die Substanzen und Kräfte, die sie mit der Sonne aussonderten, »zu ihrer eigenen Entwicklung« benötigten »und für das, was sie für die Erde zu tun« hatten. Diese geistigen Wesen wirken seither von der Sonne auf die Erde und den Menschen ein. Alles auf der Erde veränderte sich durch ihre Einwirkung. Die Sonnenwesen entrissen die Seele des Menschen zu gewissen Zeiten dem physischen Leib, so dass in ihm ein Wechsel zweier Bewusstseinszustände auftrat. Seine Seele lebte zeitweise im Schoß der Sonnenwesen, zu anderen Zeiten war sie mit dem Leib verbunden und empfing die Einflüsse der Erde. Zu einem späteren Zeitpunkt hauchten diese Wesen dem Menschenvorfahren die Luft ein, sie lenkten »den Luftodem in seinen Leib« – das ist eine direkte Anspielung auf die Genesis, in der es heißt: »Und JAHWE blies Adam ein den lebendigen Atem«. Die Folge dieses Vorgangs war, dass der physische Leib des Menschen, der sich bis zum Luftzustand verdichtet hatte, »äußeres Leben« empfing und dass dieses Leben unabhängig von der Seele des Menschen wurde. Wenn sie die Erde jetzt verließ, hinterließ sie auf ihr nicht wie früher nur einen »Formkeim des physischen Leibes«, sondern ein »lebendiges Abbild ihrer selbst«. »Mit diesem Abbild bleiben die Geister der Form verbunden« und führen das von ihnen verliehene Leben auch auf die Nachkömmlinge über.

Damit sind die »Sonnenwesen« mit Namen benannt und in die hierarchische Ordnung eingefügt: es handelt sich um Geister der Form oder Exusiai. Ihren nächsten Auftritt haben diese Geister der Form in jenem Augenblick, in dem die drei Seelenglieder – Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewusstseinsseele – soweit im Astralleib ausdifferenziert sind, dass sie wie eine Blüte von oben befruchtet werden können. Nun begaben die Geister der Form den Menschen mit »einem Funken aus ihrem Feuer« und durch diese Begabung mit dem Funken oder Samen ihres Wesens wird im Menschen »das Ich entfacht«. Später bezeichnet Steiner ja, wie wir wissen, die Kräfte des hohen Sonnenwesens als den Urgrund jedes menschlichen Ich.

Dadurch, dass dieser Feuerfunke des Ich im Erdenleben entzündet wird, verändert sich auch das leibfreie Dasein des Menschen. Vor der Entzündung des Ichfunkens, besaß er gegenüber der geistigen Welt keine Selbständigkeit. Er fühlte sich wie ein Glied in einem erhabenen Organismus, der sich aus den über ihm stehenden Wesen zusammensetzte, jetzt aber wirkt das Ich-Erlebnis auf der Erde in die geistige Welt nach. Er empfindet sich nun auch in dieser Welt »in gewissem Grad als einheitliches Wesen« – und er findet im leibfreien Zustand die »Geister der Form«, die er in ihrer Offenbarung auf der Erde durch den Funken seines Ich wahrgenommen hat, in einer höheren Gestalt wieder.

Nun müssen wir noch zwei weitere Vorgänge einbeziehen, um die ganzen Entwicklungen zu verstehen. Nicht nur die Sonne hat sich von der Erde getrennt, sondern auch der Mond: auch hier sind geistige Wesen die treibenden Kräfte. Sie beginnen, ebenso wie vorher die Sonnenwesen, von außen auf den Menschen einzuwirken und zwar so, dass sie – wie bereits erwähnt – im Menschen die Möglichkeit erzeugen, die »weisheitsvolle Gestaltung der Welt« in sich bewusst zu spiegeln. Während dies geschieht, beginnen aber auch »zurückgebliebene Mondwesen«[10] auf den menschlichen Astralleib einzuwirken. Damit ist auf die luziferische Verführung und das hingedeutet, was gemeinhin als »Sündenfall« bezeichnet wird. Nun arbeiten die Sonnengeister diesem Einfluss der luziferischen Wesen entgegen und hindern den Astralleib des Menschen daran, einen zu großen Einfluss auf seinen Ätherleib auszuüben. Diese Sonnengeister sind jene, die bei der Sonnentrennung die Erde verlassen haben, um unter der Führung »eines ihrer erhabenen Genossen« einen anderen Wohnsitz einzunehmen. Es handelt sich also um die Geister der Form, die Exusiai der Sonne, die den menschlichen Ätherleib in Schutz nehmen. Damit sind wir wieder bei jenen Geistern angelangt, von denen wir bereits wissen, dass sie »wie ein höheres Ich« im Ätherleib des Menschen gewirkt haben.

Vorläufiges Fazit

Es scheint sich also bei dem »hohen Sonnenwesen«, unter dessen Führung die Sonne aus der Erde herausgezogen ist, das von Steiner als »Herrscher im Sonnenreiche« bezeichnet wird, um einen Geist der Form zu handeln. Ebenso dürften die anderen Geistwesen, die von den übrigen Planeten aus schützend auf die menschlichen Ätherleiber einwirkten, Geister der Form sein, von welchen es mindestens sieben gibt.[11] Wenn aber das »hohe Sonnenwesen«, der »erhabene Genosse«, der die Sonnenwesen anführte, zugleich das Christus-Wesen war, dann erschien in Jesus von Nazareth, den Ausführungen der Geheimwissenschaft zufolge, ein Geist der Form.

Nachdem Steiner bereits Ende Januar 1908 von Christus als der zweiten Person der Trinität gesprochen hatte, die neben dem Hl. Geist auch die höchsten Schichten der Hierarchienwelt bis zu den Geistern der Bewegung (Dynamis) als ihre tätigen Organe in sich schließt und in seinen Hamburger Vorträgen (Mai 1908), die 1909 im Druck erschienen, erklärte, in Jesus seien die sechs Elohim (Exusiai) der Sonne verkörpert gewesen, spricht er 1909 in der Geheimwissenschaft im Umriss von einem »hohen Sonnenwesen«, das sich in Jesus inkarniert habe. Dieses Sonnenwesen gehört dem Rang der Geister der Form an, in dem jedes menschliche Ich seinen Urgrund findet. Bereits 1908 in seinen Vorträgen zum Johannes-Evangelium machte Steiner deutlich, dass es sich bei diesem Sonnenwesen nicht um eine einzelne Wesenheit handelt, sondern um die Gesamtheit der sechs Geister der Form der Sonne, die ein »einheitliches Bewusstsein bildeten« – ein gemeinsames Bewusstsein besaßen – und deswegen auch zusammenfassend als »Sonnenlogos« – oder eben »Sonnenwesen« – bezeichnet werden können.

Auch wenn die Leser der Erstausgabe der Geheimwissenschaft nicht im Besitz der Vortragsreihe über das Johannes-Evangelium von 1908 waren, die zwar als Zyklus 2 vervielfältigt, aber lediglich an Mitglieder der Gesellschaft abgegeben wurde, müssen wir diese Vorträge, und natürlich auch die früheren, inzwischen allgemein zugänglichen, bei der Rekonstruktion der Entwicklung der esoterischen Christologie berücksichtigen.

Die Geheimwissenschaft im Umriss war eine Buchpublikation, die sich an ein allgemeines Lesepublikum ohne jegliche Vorkenntnisse richtete. In ihr unternahm Steiner den Versuch, die Umrisse der Anthroposophie als eines Ganzen, das »esoterische Lehrsystem der Anthroposophie«, wenn man so will, in seinen Grundzügen – aber auch in seiner Gänze – darzustellen, nachdem Teile davon – die Anthropologie und Ontologie in der Theosophie und die Methode in Wie erlangt man Erkenntnisse … bereits behandelt worden waren. Die Theosophie war 1904 als Buch erschienen, Wie erlangt man … zunächst 1904-05 als Aufsatzfolge in der Zeitschrift Lucifer-Gnosis, Ende 1909 als Buch, kurz vor dem Erscheinen der Geheimwissenschaft.

Ein gutes Jahrzehnt (von 1909-1920) stand für die Leser der Geheimwissenschaft fest, dass »Christus« ein hohes Sonnenwesen war, das bei der Trennung der Sonne von der Erde die Führung innehatte, dass er die Ätherleiber der »Sonnenmenschen« der atlantischen Zeit schützte, dass diese ihn in ihren Orakeln zu erkennen vermochten, dass er Zarathustra sein Antlitz zuwandte und sich ihm als Lichtgeist offenbarte, dass im Menschen, der den »Christus-Namen trug«, jenes hohe Sonnenwesen lebte, dass die Identität beider vom Geistesschüler intuitiv und daher irrtumsfrei erkannt werden kann.

Den Mitgliedern der Gesellschaft, die an Steiners esoterischen Lehrveranstaltungen teilnahmen, zeigte sich aber bereits 1909 ein erheblich differenzierteres Bild, das 1920 auch die Buchfassung der Geheimwissenschaft einholte. Sie konnten wissen, dass es sich beim »Sonnenwesen« der Geheimwissenschaft um eine ganze Gruppe von Wesen mit einem »einheitlichen Bewusstsein« handelte, und dass diese Gruppe von Wesen ihrerseits – wie es in bezug auf den Menschen in der Geheimwissenschaft heißt –, wie ein Glied in einem erhabenen Organismus betrachtet werden konnte, der sich aus den über ihm stehenden Wesen zusammensetzt. Vor 1909 hatte Steiner verschiedene Anläufe unternommen, den erhabenen Gliedorganismus der Christuswesenheit mit Hilfe der Wesensstufen der Engelwelt und der Begriffe der Trinitätslehre zu beschreiben. Und diese Ansätze wurden nach der Veröffentlichung der Geheimwissenschaft nicht etwa beendet, sondern in Vorträgen fortgeführt.

Dass wir die Tiefen des hohen Sonnenwesens noch längst nicht ausgeschöpft haben, wenn wir es an Hand der Geheimwissenschaft mit einem Geist der Form identifizieren, darauf deutet schon ein Ausdruck, den Steiner in der Geheimwissenschaft selbst benutzt: er spricht von diesem Sonnenwesen als dem Herrscher im Sonnenreiche. Wenn wir davon ausgehen, dass er all seine Sätze, selbst die einzelnen Worte, die er benutzt, sorgfältig abgewogen hat, dann steckt in diesem Ausdruck »Herrscher« möglicherweise ein Hinweis, denn es gibt eine Kategorie von geistigen Wesenheiten, die durch ihren Namen als »Herrscher« ausgezeichnet sind: die Kyriotetes, die Geister der Weisheit, deren griechische Bezeichnung Steiner in der Geheimwissenschaft mit »Herrschaften« übersetzt. Es warten also auch nach der Publikation der Darstellung der Anthroposophie »als eines Ganzen« weitere Enthüllungen auf uns, die zusätzliche Einblicke in die Vielschichtigkeit des geistigen Gliedorganismus gewähren, auf welchen mit dem schlichten Ausdruck »Christus«, »der Gesalbte«[12], hingewiesen wird.

Vorheriger Beitrag: Kosmogonie und Theogonie der »Geheimwissenschaft 1909/10

wird fortgesetzt

Hinweis: Leser, die die Auflagen von 1909/10 und 1920 miteinander vergleichen möchten, können beide Ausgaben hier als PDF herunterladen.

Anmerkungen:

[1] Diese Tatsache hatte Steiner erstmals am 18. November 1907 in seinen Basler Vorträgen über das Johannes-Evangelium angedeutet (GA 100) und am 15. Februar und 20. April 1908 in Berlin präzisiert: »Wir wissen, dass Jahwe sechs Genossen hatte, die für sich die Sonne lostrennten. Jahve selbst ging mit dem Monde«. GA 102, Dornach 1984, S. 149.

[2] Die Geschichte dieser regredierten und progredierten Engelwesen kann hier nicht referiert werden. Sie durchkreuzen vielfach die reguläre Stufenordnung und bringen in den statischen Weltenplan ein chaotisches, anarchisches Element, dafür aber auch die Freiheit ein. Die Engelwelt differenziert sich durch sie nicht nur horizontal (quasi-räumlich), sondern auch vertikal (quasi-zeitlich).

[3] Eine Eigentümlichkeit der Geheimwissenschaft besteht darin, über weite Strecken geistige Wesen und ihre Wirkungen zu charakterisieren, ohne diese mit spezifischen Benennungen in eine Hierarchie einzuordnen. Die Absicht des Autors dürfte gewesen sein, abstrakte Systematisierungen zu verhindern und stattdessen den Blick auf Prozesse und Tätigkeiten zu lenken. Aufgrund seiner früheren Darstellungen – z. B. in GA 102 – wird für die damaligen Leser – sofern ihnen diese Darstellungen bekannt waren – die Vermutung nahegelegen haben, bei diesen geistigen Wesen, die den menschlichen Ätherleib vor dem verderblichen Einfluss der luziferischen Engel schützten, handle es sich um Erzengel. Wie weiter oben geschildert, können die Erzengel auch noch heute als das Lebensgeist-Prinzip beschrieben werden, das in den Ätherleibern von menschlichen Kollektiven wie z.B. Völkern oder Generationen wirkt. Dies scheinen Ausführungen in einer Düsseldorfer Vortragsreihe, die während der Zeit gehalten wurde, als Steiner die Geheimwissenschaft im Umriss verfasste, zu bestätigen.

Am 16. April 1909 heißt es beispielsweise über die Erzengel und Zeitgeister (Archai): die Exusiai, »die in der Sonne leben, machen zu ihren untergeordneten Organen die Venusgeister [Archai] in Feuerflammen und die Merkurgeister [Erzengel] im Windesbrausen. ›Und der Gott macht Feuerflammen zu seinen Dienern und die Winde zu seinen Boten‹« In der atlantischen Zeit, so Steiner weiter, »stiegen Geister des Merkur, Erzengel, Archangeloi« in Menschen herab. »Die konnten physischen Leib und Ätherleib der betreffenden Menschen durchseelen, begeisten. So gab es unter den Atlantiern … Menschen, die äußerlich sich nicht besonders unterschieden von den anderen, die aber in ihrem physischen und Ätherleib von einem Erzengel beseelt waren. Und wenn Sie bedenken, dass wir gestern gesagt haben, die Erzengel haben die Aufgabe, ganze Völkerschaften zu dirigieren, so werden Sie verstehen, dass ein solcher Mensch, der einen Erzengel in sich trug, tatsächlich einem ganzen atlantischen Volksstamm ohne weiteres die entsprechenden, vom Himmel abgelesenen Gesetze geben konnte.

So waren die großen Führer der alten lemurischen Zeit, wo es noch notwendig war, viel allgemeiner zu wirken, beseelt von Venusgeistern [Archai]. Diejenigen, die in der atlantischen Zeit kleinere Völkermassen zu dirigieren hatten, waren beseelt von Erzengeln. Was man Priesterkönige der atlantischen Zeit nennt, das ist Maja; sie sind gar nicht so, wie sie sich äußerlich darstellen. In ihrem physischen Leib und Ätherleib lebt ein Erzengel, der ist der eigentlich Handelnde. Und wir können zurückgehen in die atlantische Zeit, wir können da aufsuchen die geheimen Stätten dieser Menschheitsführer. Von den atlantischen Geheimstätten aus wirkten sie, da erforschten sie die Geheimnisse des Weltenraums. Man kann dasjenige, was da in den alten atlantischen Geheimstätten erforscht und befohlen wurde, umschreiben mit dem Namen Orakel, obwohl dieses Wort aus späteren Zeiten stammt. Der Name Orakelstätte passt sehr gut auf die eigentlichen Lehrstätten und Regierungsstätten dieser atlantischen Menschen, die die Erzengel in sich trugen. Von da aus wirkten sie als große Lehrer, so dass sie auch andere Menschen … heranziehen und zu Dienern und Priestern in den Orakelstätten der Atlantier machen konnten«. Geistige Hierarchien und ihre Wiederspiegelung in der physischen Welt, 16.04.1909, Düsseldorf, GA 110, 107ff. – Da sich diese Erzengel, ebenso wie die Archai, als »untergeordnete Organe« oder »Diener« der Exusiai betätigten, kann man auch mit Recht behaupten, die Exusiai hätten – durch die Erzengel – in den Ätherleibern und physischen Leibern der betreffenden Menschen gewirkt. – Weitere Ausführungen zu diesem Problem finden sich im vierten bis sechsten Vortrag des sogenannten Volksseelenzyklus, 10.-12. Juni 1910, GA 121.

[4] Am 25. Oktober 1924 wird es in einem Brief Steiners an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft heißen: »Den Sinn der Michael-Mission im Kosmos verstehen, … heißt heute den Weg finden zu dem Logos, den Christus unter Menschen auf der Erde lebt«. GA 26, Dornach 1972, S. 97-98. Und in der Weihnachtsbetrachtung 1924: »Die Michael-Mission ist eine solche, die sich im kosmischen Menschheitswerden in rhythmischer Folge wiederholt. Man hatte sie in ihrer wohltätigen Wirkung auf die Erdenmenschheit wiederholt vor dem Mysterium von Golgatha. Da hing sie zusammen mit alle dem, was die noch außerirdische Christus-Kraft zur Entfaltung der Menschheit für die Erde tätig zu offenbaren hatte. Nach dem Mysterium von Golgatha wird sie dem dienstbar, was durch Christus der Erdenmenschheit geschehen soll«. ebd., S. 157. Und in den Leitsätzen vom 15. Februar 1925: »Anthroposophie muss im Lichte der Michael-Tätigkeit aus der Bewusstseinsseele heraus ein Welt- und Christus-Verständnis auf neue Art entwickeln«, ebd. S. 212. (Siehe: Anthroposophische Leitsätze)

[5] Mit »Verschleierung« ist nicht etwa eine Verdunkelung gemeint, vielmehr wird das Heiligste aus Ehrfurcht mit einem Schleier umhüllt, um es vor zudringlichen Blicken abzuschirmen oder vor dem Unverstand zu schützen. Die Einführung von Wesen, die Christus offenbaren, auf ihn hinweisen oder ihn spiegeln, könnte auch als Präzisierung verstanden werden. Nur wirft diese Präzisierung neue Fragen nach der Identität dieser Wesen auf.

[6] Steiner bringt diese Transformation zum Ausdruck, indem er davon spricht, das einstige »Sonnenwesen« sei zum »Geist der Erde« geworden. Prägnant wird dieser Übergang in der Vortragsreihe Der Orient im Lichte des Okzident beschrieben, die im August 1909 in München stattfand. (Die Vorträge wurden von Steiner 1921 für eine Veröffentlichung im ersten Jahrgang der Zeitschrift Die Drei bearbeitet. Der Veröffentlichung in der Gesamtausausgabe liegt diese Version zugrunde). Hier wird am 28. August ausgeführt: »Der Christus schreitet so durch die Welt, dass er von einem kosmischen Gotte, der heruntergestiegen ist auf die Erde, ein mystischer Gott immer mehr und mehr wird, der von den Menschen in dem Inneren des Seelenlebens wird erlebt werden können. … Zuerst war der historische Christus da, dann haben durch das Werk des historischen Christus sich solche Wirkungen auf die menschliche Seele herausgebildet, dass ein mystischer Christus innerhalb der
Menschheit möglich geworden ist. … Der Christus ist von einer außerseelischen Göttlichkeit zu einer inner-seelischen Göttlichkeit geworden, die immer mehr die Menschenseele ergreifen wird, je mehr diese mit ihren Seelenerlebnissen diesem Christus sich nähern wird«. GA 113.

[7] GA 102.

[8] Bei Ahriman handelt es sich um eine regredierte Erzengelwesenheit, die im Unterschied zu Luzifer nicht auf den Astralleib des Menschen, sondern auf dessen Ätherleib einwirkt. Während Luzifer den Ausblick der Seele in die geistige Wesenswelt verdunkelte, wob Ahriman einen Schleier vor die Sinnesaugen des Menschen und brachte für sein Bewusstsein das Geistige zum Verschwinden, das in der Natur wirkt.

[9] Im Kontext der griechischen Mysterien wurde dieser Lichtgeist als »Apollo« bezeichnet. Steiners Deutungen Apollos sind vielschichtig, jedenfalls steht die Wesenheit in ähnlicher Art in Beziehung zu Christus wie Jahwe. Am 28. August 1909 führte Steiner in München aus: »Wie … verhält sich … Apollo zu … Christus?« Wenn der Grieche das Wort Apollo aussprach, wies er zwar auf das Wesen hin, »das sich später als Christus offenbaren sollte«, aber er empfand dieses Wesen »doch nur in einer Art verschleierter Gestalt … «. Apollo ist »wie ein Kleid des Christus«, dessen Form dem Wesen ähnlich ist, das es trägt. Aber es musste »Hülle um Hülle fallen von der Gestalt, die man sich als Apollo vor die Seele stellte, um … Christus für die Menschen begreiflich und anschaulich zu machen. So ist … Apollo zwar eine Hindeutung auf … Christus, aber er ist nicht … Christus selbst«. Und am 30. August: »Zarathustra hat hinaufgeschaut zur Sonne, um hinter dem physischen Sonnenlichte den Christus-Geist, den er Ahura Mazdao genannt hat, zu sehen … Ich habe … schon erwähnt, dass die Griechen, wenn sie in ihrer Art und in ihrem Sinne von dem Ahura Mazdao gesprochen haben, ihn Apollo genannt haben. … Vor allen Dingen haben sie in Apollo denjenigen Geist gesehen, welcher nicht nur die physischen Sonnenkräfte dirigierte, sondern auch die geistigen Sonnenkräfte lenkte und sie auf die Erde leitete. Und wenn die Lehrer in den apollinischen Mysterien ihren Schülern haben reden wollen von den geistig-moralischen Einflüssen Apollons, dann haben sie davon gesprochen, dass Apollon die ganze Erde durchklingt mit der heiligen Sphärenmusik, das heißt, aus der geistigen Welt herunter die Strahlen schickt. Und eine Wesenheit haben sie in Apollon gesehen, die begleitet ist von den Musen, von seinen Helferinnen. Eine wunderbar tiefe Weisheit liegt in diesem Apollon, der begleitet ist von den neun Musen …

Steigen wir von der menschlichen Wesenheit zu einer göttlichen Wesenheit hinauf, dann müssen wir uns dasjenige, was das Ich ist, als diese geistige Wesenheit denken, und was die Glieder sind, ist für die göttliche Wesenheit das, was ihre Helfer sind: einzelne Individualitäten. Wie den Menschen seine einzelnen Glieder, der physische Leib, der Ätherleib, der astralische Leib und so weiter zusammensetzen, sich um sein Ich gruppieren, so gruppierten die Musen sich um Apollo«. GA 113, Der Orient im Licht des Okzident. – Die zitierten Ausführungen werfen auch ein Licht auf den Gliedorganismus hierarchischer Wesen: Die »geistige Wesenheit«, der Wesenskern eines Geistes der Form beispielsweise, kann als sein »Ich« bezeichnet werden, seine Glieder stellen andere geistige Wesen (»Individualitäten«) dar. – Weitere »Enthüllungen« über die »Gestalt Apollos« finden sich in Steiners Vorträgen Christus und die geistige Welt, GA 149, 30. und 31.12.1913 sowie in Vorstufen zum Mysterium von Golgatha, GA 152, 1914.

[10] Die weiter oben als »regredierte Angeloi« bezeichnet wurden.

[11] Wir erinnern an die Ausführungen in den Vorträgen zum Johannes-Evangelium 1908, in welchen von »sieben Hauptlichtesgeistern« die Rede war, die am Ende der Mondentwicklung die Fähigkeit erlangt hatten, göttliche Liebe auszuströmen. Sechs spalteten die Sonne von der Erde ab, einer löste den Mond aus der Erde. Die ersteren wurden als »Sonnenlogos« bezeichnet, der letztere als »Jahwe«. – Von dieser Funktion der Exusiai ist in GA 109 ausführlicher die Rede.

[12] »Christus«, gr. χριστος (χρηστος), ist das griechische Äquivalent des aramäischen Meschiah, das als Lehnwort ebenfalls im Neuen Testament verwendet wird. Christos und Messias bedeuten dasselbe. Es handelt sich um keinen Eigennamen, sondern um einen Titel. »Jesus Christus« ist Jesus, der Gesalbte. Allerdings wurde der jüdische Messias vom Christentum umgedeutet, dadurch erhielt auch der Ausdruck »Christos« eine neue Bedeutung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.