Christus, das Abbild des Vater-Geistes – 1909 – Zur Christologie Rudolf Steiners (16)

Die Christologie ist zweifellos ein zentrales Thema im Werk Rudolf Steiners. Seit dem Erscheinen des Buches Das Christentum als mystische Tatsache gehören Wesen und Bedeutung des Christentums zu den Fragestellungen, mit welchen er sich bis zu seinem Tod in Schrift und Wort wahrscheinlich am häufigsten auseinandergesetzt hat. Dass er seit 1901 aus einer genuinen mystischen Christuserfahrung sprach, ist kaum zu überhören. Zu jedem der vier Evangelien hat er zwischen 1907 und 1912 mindestens eine Vortragsreihe gehalten. Zum Johannesevangelium drei, zur Apokalypse des Johannes zwischen 1907 und 1924 sogar vier. Außerdem fanden 1910 zahlreiche Vorträge über das Wiedererscheinen Christi in der ätherischen Welt, 1910 in München die Reihe über die Genesis, 1911 in Karlsruhe die Vorträge Von Jesus zu Christus, 1912/13 in Köln ein Zyklus über die Paulusbriefe statt und zwischen 1913 und 1914 wurden an vielen Orten die Vorstufen des Mysteriums von Golgatha und das fünfte Evangelium behandelt. Das Thema wurde auch in der Geheimwissenschaft im Umriss behandelt und noch 1923-1924 in den Leitsätzen aus einer völlig neuartigen Perspektive aufgegriffen. Die in die Tausende gehenden Einzelvorträge, die diesen Themenkreis behandeln oder berühren, können gar nicht aufgezählt werden. [1]

Schon zwischen 1901 und 1908 finden sich im mündlichen und schriftlichen Werk eine Fülle von hermeneutischen Experimenten, Explorationen, esoterischen Aufschlüssen – und trotzdem lässt sich die einfache Frage stellen: Wer war eigentlich Christus für Steiner? War er ein hierarchisches Wesen oder die zweite Person der Trinität, der Sohn Gottes, als der er im christlichen Dogma verstanden wird? Oder möglicherweise beides? Steiner hat es seinen Zuhörern und Lesern keineswegs leicht gemacht, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Aber dies liegt in der Natur der Sache, – schließlich haben auch die zahlreichen christlichen Gemeinschaften Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende um die Beantwortung dieser Frage gerungen und wer die Geschichte dieses Ringens verfolgt, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass sie von einer schier unüberschaubaren Fülle unvereinbarer Positionen geprägt ist. [2]

Im Lauf des Jahres 1909, während die Geheimwissenschaft für die Veröffentlichung vorbereitet wurde, fanden mehrere Vortragsreihen zu Evangelien statt: vom 24. Juni bis 7. Juli zum Johannes-Evangelium in Kassel, vom 15. bis 26. September zum Lukas-Evangelium in Basel, außerdem vom 9. bis 21. Mai eine Reihe von 12 Vorträgen über die Apokalypse des Johannes in Kristiania (Oslo). Erhalten wir aus diesen Vorträgen zusätzliche Aufschlüsse über das »Christus-Geheimnis«?

1. Das göttliche Ich der Menschheit

Wenden wir uns den Kasseler Vorträgen über das Johannes-Evangelium im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien … zu, die am Johannitag, am 24. Juni 1909, begannen. Mitgeschrieben und für die erste Publikation als »Zyklus 8« vorbereitet (der bereits 1910 erschien) wurden sie von Walter Vegelahn. Die Vorträge nehmen in der Version der Gesamtausgabe zwischen 15 und 25 Seiten ein, die Texte sind folglich keine stenografischen Wortprotokolle, wenngleich die Qualität der Überlieferung erheblich besser zu sein scheint, als viele Aufzeichnungen früherer Jahre.

Auch sie sind dem »bedeutsamsten Ereignis« der Menschheitsgeschichte, dem »Christus-Ereignis« gewidmet. Die Theosophie (Anthroposophie) will eine »neue Verkündigung« dieses Ereignisses sein, wie Steiner in seinem ersten Vortrag betont. Erläuternd heißt es dazu am Ende des sechsten Vortrags [3], Christus sei »so groß«, dass die gesamte Geschichte der Menschheit nicht ausreiche, seine Tiefen auszuschöpfen. Jede Epoche müsse neue, ihr angemessene Wege des Zugangs zu ihm finden. Die von ihm vertretene Geisteswissenschaft sei die »heutige Methode«, ihn zu begreifen. Aber auch diese Methode sei lediglich eine für die gegenwärtige Epoche geeignete Form der Annäherung, keineswegs die letzte. »In bezug auf das Christus-Verständnis sind wir wirklich heute noch auf die Anfänge angewiesen« heißt es im siebten Vortrag erneut. »Immer größer und größer wird dieses Verständnis werden, aber heute kann der Mensch nur die allerersten Anfänge sich zu eigen machen«.

Andererseits wird betont, die theosophische (anthroposophische) Verkündigung sei »ihrem Inhalt nach« keineswegs neu, vielmehr schon seit Jahrhunderten in den Kreisen der Rosenkreuzer oder »Johannes-Christen« gepflegt worden. Neu sei lediglich, dass dieser Inhalt nunmehr einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich werde.

Die »Johannes-Christen« waren laut Steiner der Überzeugung, in jedem Menschen liege das Potential, durch innere Erfahrung an das größte aller Ereignisse anzuschließen, und dieses Potential könne durch die »Initiation«, die »Erweckung« verwirklicht werden. Durch sie werde im Menschen ein »höheres Ich« geboren, wie das Kind aus der Mutter und dieses höhere – unvergängliche – Ich sei imstande, die Welt geistig wahrzunehmen, so wie das gewöhnliche – vergängliche – Ich sie sinnlich wahrnehme. So aber wie der einzelne Mensch durch die Initiation zu einer mystischen Wiedergeburt gelange, so sei die ganze Menschheit durch Christus – oder in Christus – wiedergeboren worden.

Darauf deute das Lukas-Evangelium, dessen Abstammungsregister Jesus auf Gott zurückführe. Adam, der Urvater der Menschheit, war der himmlische »Sohn Gottes«; dieser himmlische Sohn stieg auf die Erde herab und wurde zur irdischen Menschheit. Der Gott, der in Gestalt dieses Sohnes vom Himmel herabgestiegen und »in der Menschheit verschwunden« war, wurde in Jesus von Nazareth wiedergeboren. Diese Ansicht drücke Johannes nur noch deutlicher aus: Gott, der Logos, wurde in der sinnlichen Welt begraben und in Jesus wiedergeboren. [4] Als Abbild dieser Wiedergeburt des Göttlichen in der Menschheit betrachteten die Johannes-Christen (die Rosenkreuzer) die Erweckung in der Initiation. Als Symbol dieser Wiedergeburt schufen sie den Gral. »Im Anfange«, so Steiner im ersten Vortrag, »war das Mysterium vom höheren Menschen-Ich; im Gral war es aufbewahrt; mit dem Gral blieb es verbunden, und im Gral lebt das Ich, das verbunden ist mit dem Ewigen und Unsterblichen wie das niedere Ich mit dem Vergänglichen und Sterblichen. Und wer das Geheimnis des Heiligen Gral kennt, der weiß, dass aus dem Holz des Kreuzes hervorgeht das lebendig sprießende Leben, das unsterbliche Ich, das symbolisiert ist durch die Rosen am schwarzen Kreuzesholz.  … Was als Christus in … Jesus von Nazareth lebte, war das höhere göttliche Ich der ganzen Menschheit, des wiedergeborenen, in Adam – seinem Ebenbilde – irdisch gewordenen Gottes. Dieses wiedergeborene Menschen-Ich setzte sich fort als ein heiliges Geheimnis, es wurde aufbewahrt unter dem Symbolum des Rosenkreuzes«.

Und ebenso, wie die Geburt des höheren Ich im Menschen der Gipfelpunkt einer langwierigen Entwicklung ist, die über vorbereitende Stufen verläuft, so wurde auch die Wiedergeburt der Menschheit in der Geschichte vorbereitet. Der Gang durch die nachatlantischen Kulturen kann als Geschichte des präexistenten göttlichen Ich der irdischen Menschheit beschrieben werden, das sich dieser immer mehr annähert. Die sieben Rischis der urindischen Kultur wiesen auf ein hohes Wesen, das sie, weil es sich »jenseits ihrer Sphäre« befand, nur zu »ahnen« vermochten (Vishvakarman) [5], Zarathustra sprach vom »Sonnengeist«, dessen Abbild der Mensch sei, der einst »in seinem tiefsten Ich leben« werde, Moses nahm die Offenbarung dieses Geistes in den Elementen der Erde, im brennenden Dornbusch und im Feuer auf dem Sinai wahr und er hörte ihn sagen: »Ich bin, der da war, der da ist, der da sein wird«. Und eben dieses Geistwesen, das sich durch Jahrtausende hindurch angekündigt hatte, wurde Mensch: wiedergeboren wurde das göttliche Ich, von dem der Mensch abstammt, in Jesus von Nazareth.

Auch der Mensch, der Träger dieses Wesens werden sollte, musste sich vorbereiten – durch viele Inkarnationen erklomm er die höchste erreichbare Stufe, um schließlich zum Gefäß des göttlichen Ich zu werden: »Jesus von Nazareth … musste ein hoher Eingeweihter werden, bevor er der Christus-Träger [Christophoros] werden konnte«. Diese Geburt des göttlichen Ich in Jesus fand bei der Taufe am Jordan statt. Am Tag dieser Taufe durch Johannes (dessen am Johanni-Tag gedacht wird) begann die »Wiedergeburt des Menschheits-Ich, von der die Wiedergeburt eines jeden individuellen höheren menschlichen Ich« abhängt.

2. Der urewige Logos

Manche dieser Motive werden im zweiten Vortrag [6] aufgegriffen und vertieft. Noch einmal ist von der himmlischen Abstammung des Menschen die Rede: »das ganze Menschengeschlecht« ist herausgeboren aus göttlich-geistigen Wesenheiten. Jeder Mensch – in welcher Form auch immer er erscheint – ist gleichursprünglich zu Gott, – das möge jeder zur Kenntnis nehmen, der glaubt, Steiner rassistische Ansichten unterstellen zu können. »Die Götter sind die Vorfahren der Menschen, die Menschen ihre Nachkommen«. Derjenige, der ausersehen war, »die Christus-Individualität« in sich aufzunehmen, musste ein hoher Eingeweihter sein. Bei der Taufe am Jordan wurde Christus als »höheres Ich in der Seele des Jesus« geboren.

Geboren wurde »der Gott, der von Anfang an da war«, von dem es in der Genesis heißt: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Das Wasser, über dem einst der Geist Gottes schwebte, es kehrt im Wasser der Jordantaufe wieder, und mit der Taube »fährt« dieser Geist in die Individualität des Jesus von Nazareth. Dieser Geist ist der Logos, der im Urbeginn war, das göttliche Schöpfungswort, das rief, es werde Licht –das Wort, in dem das Leben, das Licht der Menschen war. Auf denselben Geist wie die Genesis, nur mit anderen Worten, weist der Verfasser des Johannes-Evangeliums. Jesus nahm »den Christus, den urewigen Logos, die schaffende Weisheit« in sich auf, lautet eine Formulierung im achten Vortrag [7].

Der dritte Vortrag [8] wiederum arbeitet die eben angedeutete sukzessive Theophanie des Logos zu plastischen Vorstellungen aus. Die abstrakte Aussage, der Mensch sei »ein Nachkomme der Götter«, wird durch die bereits bekannte kosmogonische und anthropogonische Erzählung konkretisiert. Die »hohe Kraft, die aus dem Weltenchaos« während der Saturnentwicklung die Anlage des physischen Menschenleibes hervorruft, bezeichnet der Autor des Johannes-Evangeliums laut Steiner als »Logos«. Zu diesem kommt auf der alten Sonne das »Leben«, der Ätherleib hinzu, auf dem alten Mond das Astrallicht, das Bewusstsein. Alles ist auf dem Saturn »aus dem Logos« entstanden, auf der Sonnenstufe »war im Logos das Leben«, »aus dem belebten Logos« entstand auf dem Mond das Licht. Und aus dem »leuchtend-belebten Logos« nahm während der Erdentwicklung auf der abgetrennten Sonne das Licht eine höhere Gestalt an, während die Menschheit auf der Erde zunächst in der Finsternis wandelte.

Der »Logos« ist also, dies können wir schon aus diesen wenigen Bemerkungen entnehmen, für Steiner der Inbegriff der schöpferischen Kräfte, die den Kosmos und mit ihm den Menschen hervorbringen und gestalten. Der Ausdruck »Logos« ist eine Abbreviatur für die gesamte Hierarchienwelt; er bezeichnet aber auch das, was seiner eigenen Epiphanie in ihr und durch sie vorausgeht.

3. Der leitende kosmische Geist

Im vierten Vortrag [9] erscheint diese Erzählung in einer neuen, systematischen Konkretion auf die Selbstoffenbarung der Gottheit in der Hierarchienwelt bezogen, die sich kurz darauf auch in der Geheimwissenschaft wiederfindet. »Der Saturn«, so heißt es hier, »bestand nur aus Menschen«. Der Mensch ist »der Erstgeborene der Schöpfung« – alles, was ihn heute an Naturreichen umgibt, entstand aus ihm und nach ihm.  Woher kamen diese »Menschen« des Saturn – woher die erste Anlage ihres physischen Leibes? Die Throne, die Geister des Willens, gossen ihre Substanz aus: »Es kann sich menschliches Denken und selbst menschliches Hellsehen kaum vermessen, hineinzusehen in jene erhabene Entwicklung, die die Throne vorher durchmachen mussten, bevor sie imstande waren, das hinzuopfern, was die erste Anlage bilden konnte für den menschlichen physischen Leib«.

Die »Urkräfte« oder »Archai« arbeiteten diese Substanz der Throne durch und aus dem Zusammenwirken beider (die in Wahrheit erheblich komplexeren Vorgänge wird die Geheimwissenschaft schildern) entstand der Keim des späteren physischen Leibes. Auf der Sonnenstufe opferte eine andere Gruppe von Engelwesen ihre Substanz: die Kyriotetes oder »Geister der Weisheit« – und diese Weisheit wurde zum Ätherleib, der den physischen durchdrang. Die von den Kyriotetes emanierte Substanz wurde von den »Feuergeistern« oder »Erzengeln« bearbeitet. Auf dem alten Mond erhielt der Vormensch durch die »Geister der Bewegung« oder Dynamis seinen Astralleib, den die Engel bearbeiteten.

Im Angeführten zeigt sich eine bemerkenswerte Modifikation früherer Darstellungen: Während die Theosophie des Rosenkreuzers 1907 noch die Archai auf dem alten Saturn, die Feuergeister oder Erzengel auf der alten Sonne und die Engel auf dem alten Mond als die Promotoren der Kosmogonie beschrieben hatte, erscheinen diese drei Kategorien von Wesen 1909 als untergeordnete Mächte, die eine von weit höheren Intelligenzen emanierte Substanz bearbeiten. 1907 wurde der »höchste Regent des Saturn« als Vatergott und zugleich als höchstes Wesensglied der Archai bezeichnet; der »höchste Regent«, der »höchste Gott der Sonne«, als Christus und als höchstes Wesensglied der Erzengel; der »Regent der Mondengestalt« der Erde als Heiliger Geist und als höchstes Wesensglied der Engel.

1909 nun ist von der »christlichen Trinität« im Zusammenhang mit den Archai, Archangeloi und Angeloi nicht mehr die Rede. Stattdessen werden opfernde Wesen eingeführt, die der ersten und zweiten Triarchie [10] angehören (Throne, Kyriotetes, Dynamis), die durch die Emanation ihrer Substanz jeweils eine neue planetarische Entwicklungsstufe initiieren. Die aufeinanderfolgenden Zelebranten der kosmischen Liturgie sind aber ihrerseits Epiphanien des Logos. Wenn der Logos die Anlage des physischen Leibes aus dem Weltenchaos schuf, wenn er auf der Sonne zum Leben, auf dem Mond zum Licht wurde, dann nahm er die Gestalt der Throne, Kyriotetes und Dynamis an oder manifestierte sich durch sie. (Wie sich gleich zeigen wird, nahm er auch die Gestalt der Exusiai, des kosmischen Ich an).

Die Wesen der dritten Triarchie (Archai, Erzengel und Engel) nehmen aber weiterhin eine prominente Position in der Mitte des jeweiligen planetarischen Metamorphosezustands ein, da sie in ihm ihre »Menschenstufe« durchlaufen und das Ichbewusstsein ausbilden. Die Throne und Archai, Kyriotetes und Erzengel, Dynamis und Engel stehen in einer exklusiven Beziehung zueinander: die ersteren ermöglichen den letzteren nicht nur eine Tätigkeit am werdenden Menschen, durch die jeweils eines seiner Wesensglieder die ihm auf der betreffenden Stufe mögliche Vollendung erreicht, sondern auch die damit einhergehende Ausbildung ihres Selbstbewusstseins.

Im Folgenden wird von Steiner ausführlich die Entwicklung der heutigen Erde beschrieben: die Trennung von Sonne und Mond, die Entstehung der einzelnen Planeten, die sich alle aus dem ursprünglich einheitlichen Weltkörper, der Muttererde, herauslösten. Vor der Sonnentrennung trennten sich Mars, Jupiter und Saturn von der Erde, nach der Sonnentrennung schieden Venus und Merkur von der Sonne, zuletzt trennte sich der Mond von der Erde ab. Und als ein Mensch auf letzterer reif geworden war, »das höchste der Sonnenwesen«, den »Christus-Geist«, den »leitenden kosmischen Geist« in sich aufzunehmen, da stieg dieses »Sonnenwesen« auf die Erde herab und nahm Wohnung in Jesus von Nazareth.

4. Das Opfer des Ich

Im fünften Vortrag [11] ist von der Geburt des Menschen-Ich in der lemurischen Zeit und seiner Gefährdung im Verlauf der folgenden Zeiträume durch versucherische geistige Mächte die Rede. Seinen physischen Leib verdankt der Mensch den Thronen, seinen Ätherleib den Kyriotetes, seinen Astralleib den Dynamis, sein Ich aber den Exusiai, den »Geistern der Form« (der untersten Schicht der mittleren Triarchie), die ebenfalls ihre Wesenssubstanz »ausgießen«.

Zu diesem Ich stehen nicht mehr Engelwesen in Beziehung, wie bei der Bildung der Leiber, sondern Christus, der urewige Logos, den man aufgrund der Ausführungen Steiners als »Gott des Ich« bezeichnen könnte. Sagt Christus doch von sich selbst: »Ich und das Göttliche sind Eins« – »ehe denn Abraham war, war das Ich-bin«. Dass der Mensch das Bewusstsein in sich entzünden kann: »In mir lebt der göttliche Vater-Geist«, verdankt er Christus. Wenn der urewige Logos selbst seine Einheit mit dem Vatergott betont, dann ist er zugleich von ihm unterschieden, und jener geht der ersten Manifestation des schöpferischen Wortes, dem »Weltenchaos« voraus. [12] In ihn ist jene »erhabene Entwicklung« zu versetzen, die die Throne durchmachen mussten, um ihre Wesenssubstanz hinopfern zu können, vor deren Erhabenheit »menschliches Denken und selbst menschliches Hellsehen« zu versagen scheinen. Bevor die Schöpfung unserer Welt beginnt, ist der von den sechsflügeligen Seraphim umgebene Thron Gottes, von dem die Blitze und Donnerstimmen der Cherubim ausgehen, bereits errichtet. [13]

Dass zwischen dem menschlichen Ich und Christus eine Verwandtschaftsbeziehung besteht, geht auch aus den folgenden Ausführungen hervor. Über die Erweckung des Bewusstseins der Einheit zwischen Ich und Gott heißt es im sechsten Vortrag [14], sie sei dadurch ermöglicht worden, dass ein Initiierter sein eigenes Ich »opferte«, um den Christus-Geist in sich aufzunehmen. Während in den Jahrtausenden vor der Zeitenwende »Christus, der hohe Sonnengeist« im Kosmos durch Entrückung – in todähnlichen, somnambulen, gleichwohl lichten Zuständen – gefunden werden konnte, sollte er künftig von jedem Menschen bei vollem Bewusstsein in seinem Ich gefunden werden. Dies ist »das große Ziel des Christus-Impulses«.

Das »Opfer des Ich« und der dadurch ermöglichte Wesenstausch sind Ausdruck göttlicher Liebe. »Der Christus stellt dar das Herabkommen der geistigen Liebeskraft in unsere Erde, die heute erst im Anfang ihres Wirkens steht«. Sie wird »immer weiter und weiter in die Seelen hineindringen und das Ich immer mehr und mehr veredeln«. Liebe, die verwandelt, manifestiert sich in der Erweckung des höheren Menschen, in der Einweihung.

Die christliche Einweihung, so der siebte Vortrag [15], unterscheidet sich von der vorchristlichen. Während die früheren Eingeweihten die »alten göttlich-geistigen Wesen« wahrnahmen, die schon mit der Erde verbunden waren, bevor sich das, was die Rischis »Vishvakarman« und Zarathustra »Ahura Mazdao« nannten, mit ihr vermählte, kündigte sich erstmals in der »alttestamentlichen Einweihung« das einheitliche Göttliche im Menscheninneren an (»Ich bin der Ich bin«). Durch Jesus vereinigte sich »die Gottheit Jahwe-Christus« mit der Erde. Jahwe und Christus werden von Steiner also als Einheit betrachtet, sind sie doch beide Manifestationen der gemeinsamen Substanz der Exusiai und des Logos. [16]

Noch einmal: die Sonne wurde durch geistige Wesen aus der Erde herausgelöst. »Der Führer dieser Sonnenwesenheiten« war »Christus«. Zarathustra sieht ihn noch in der Sonne, Moses bereits in den Elementen der Erde, durch Jesus von Nazareth tritt die »Christuskraft« verkörpert in einem menschlichen Leib auf. Der Logos ist Mensch geworden, die göttliche Schöpferkraft, die am Anfang war, ist dem Menschen zuteil geworden, er vermag diese Kraft seither in sich zur Entfaltung zu bringen, dank ihrer seine Leiber immer mehr zu durchgeistigen, und sich als ein »mächtiger, geistig-seelischer Herrscher in die Außenwelt hineinzustellen«. Dies ist eine Folge der »Christus-Kraft«, des »Christus-Impulses, der durch die Menschheit wirkt«.

Von der christlichen Einweihung zu reden, heißt von Lazarus zu reden, denn er war der erste dieser neuen Eingeweihten. Mitten in Steiners Ausführungen über die Auferweckung des Lazarus finden sich einige Bemerkungen, die meiner Auffassung nach verallgemeinert werden können und auch für seine eigene esoterische Lehrmethode gelten:

»Glauben sie nicht, dass da, wo geisteswissenschaftliche Tatsachen mitgeteilt werden, so offen gesprochen werden kann, dass jedem gleich alles auf der Hand dargeboten wird. Unter mancherlei Verbrämung und Verhüllung wird das, was sich hinter einer solchen geisteswissenschaftlichen Tatsache verbirgt, mitgeteilt. Das muss so sein. Denn wer zum Begreifen eines solchen Mysteriums kommen will, der soll sich durcharbeiten durch scheinbare Schwierigkeiten, damit sein Geist gestärkt und gekräftigt wird. [17] Und gerade dadurch, dass er Mühe hat, sich durch die Worte hindurch zu winden, gelangt er an den hinter einer solchen Sache stehenden Geist«.

Wie ein spätes Echo wird es in der Vorrede zur Geheimwissenschaft im Umriss 1925 heißen: »Ich habe ganz bewusst angestrebt, nicht eine ›populäre‹ Darstellung zu geben, sondern eine solche, die notwendig macht, mit rechter Gedankenanstrengung in den Inhalt hineinzukommen. Ich habe damit meinen Büchern einen solchen Charakter aufgeprägt, dass deren Lesen selbst schon der Anfang der Geistesschulung ist«.

Die eben zitierten Sätze, die im Hinblick auf die Erzählung des Evangeliums von der Auferweckung des Lazarus ausgesprochen wurden, gelten gewiss noch erheblich mehr im Hinblick auf das Christus-Geheimnis, das wir wohl als das bedeutendste Mysterium der Menschheitsgeschichte überhaupt bezeichnen dürfen. Wir können also schlicht nicht erwarten, dass uns dieses Geheimnis »offen auf der Hand dargeboten« wird, vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass es »unter mancherlei Verbrämung und Verhüllung« mitgeteilt wird und dass wir uns »durch Schwierigkeiten« – allerdings nur »scheinbare« – hindurcharbeiten müssen, um zu dem Geist zu gelangen, der hinter den ausgesprochenen oder geschriebenen Worten steht.

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Anmerkungen:

[1] Die digitale Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners verzeichnet rund 6400 Fundstellen in 290 Bänden allein zum Stichwort »Christus«. – Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch die Bewegung zur Dreigliederung des sozialen Organismus, die Waldorfpädagogik, die anthroposophische Erweiterung der Medizin und der Landwirtschaft sowie natürlich die Gründung der Christengemeinschaft nur auf dem Hintergrund der geisteswissenschaftlichen Christus-Erkenntnis zu verstehen sind.

[2] Dies bestätigt ein auch nur oberflächlicher Blick in jede heute zugängliche Überblicksdarstellung der Dogmengeschichte.

[3] 29. Juni 1909.

[4] Von der sinnlichen, geschöpflichen Welt als »Zaubergrab Gottes« war bereits in der ersten Auflage des Christentums als mystische Tatsache die Rede: »Wo ist Gott? Das war die Frage, die dem Mysten sich vor die Seele stellte. Gott ist nicht, aber die Natur ist. In der Natur muss er gefunden werden. In ihr hat er sein Zaubergrab gefunden. In einem höheren Sinne fasst der Myste die Worte: Gott ist die Liebe. Denn Gott hat diese Liebe bis zum äußersten gebracht. Er hat sich selbst in unendlicher Liebe hingegeben; er hat sich ausgegossen; er hat sich in die Mannigfaltigkeit der Naturdinge zerstückelt; sie leben, und er lebt nicht. Er ruht in ihnen … Der Mensch blickt nun in sich. Als verborgene Schöpferkraft, noch Dasein-los, wirkt das Göttliche in seiner Seele. In dieser Seele ist eine Stätte, in der das verzauberte Göttliche wieder aufleben kann«.

[5] Vishvakarman, der All-Wirker, All-Vollbringer. Im Rigveda 10,81 heißt es über ihn: »Welches war der erste Anfang, aus dem die Erde er, Vishvakarman, erzeugte, den Himmel er, All-Auge, ganz enthüllte? Das Auge aller: Er; und aller Mund: Er; und aller Wesen Arm und Fuß: so facht er die Glut mit beiden Armen an, mit Flügeln treibt Erd’ und Himmel Gott hervor, der Eine … Die ältesten, die jüngsten deiner Welten, die Mitte auch vermittle du uns, Vishvakarman; bring dich den Freunden bei, bring dich beim Opfer leibhaftig selber dar, dich selbst verwandelnd. Gestärkt dann durch dein Eigen-Opfer, Vishvakarman, verwandle opfernd Erdenwelt und Himmel … Den Herrn der Rede [Vac], Vishvakarman, der Gedanken in uns erweckt, den rufen wir zum Wettstreit. Erfreue dich am Liederruf, All-Helfer. Der Lieder Ursprung steh uns bei, All-Wohltat«. Im Rigveda, 10,82: »Er, unser Vater, Schöpfer, er, der Ordner, kennt die Wohnstätten und die Wesen alle; er gab allein den Göttern ihre Namen, von ihm erfragten sie die andern Wesen … Der hoch erhaben über Erd’ und Himmel, erhaben über Götter und Dämonen, – wer war der Urkeim, den die Wasser bargen, in dem die Götter all zu sehen waren? Er war der Urkeim, den die Wasser bargen, in dem die Götter all versammelt waren, der Eine, eingefügt der ew’gen Nabe, in der die Wesen alle sind gewurzelt. Ihr kennt ihn nicht, der diese Welt gemacht hat, ein andres schob sich zwischen euch und ihn ein …« – H.P. Blavatsky schreibt im ersten Band der Geheimlehre über Vishvakarman: »So sind die Logoi aller Nationen, von dem vedischen Vishvakarman der Mysterien bis zum Heilande der gegenwärtigen zivilisierten Nationen, das ›Wort‹, welches im ›Anbeginne‹ oder beim Wiedererwachen der mit Leben erfüllenden Kräfte der Natur bei dem Einen ABSOLUTEN war. Geboren aus Feuer und Wasser, bevor diese zu getrennten Elementen wurden, war es der ›Schöpfer‹, der Bildner und Gestalter aller Dinge. ›Ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen,‹ das schließlich, wie es auch immer geschehen ist, das Alpha und Omega der geoffenbarten Natur genannt werden kann«. In Band 2 wird er als »Vater der Götter«, »Baumeister des Weltalls«, »Schutzherr der Initiierten« und als »Repräsentant der göttlichen Menschheit« bezeichnet.

[6] 25. Juni 1909

[7] 1. Juli 1909.

[8] 26. Juni 1909.

[9] 27. Juni 1909.

[10] Da der Ausdruck »Triade«, der für eine zusammengehörige Dreiergruppe hierarchischer Wesen gebraucht werden könnte, heute mit chinesischen Verbrecherbanden assoziiert wird, schlage ich den Ausdruck »Triarchie« vor, der Dreiherrschaft, die Herrschaft von Dreien bedeutet.

[11] 28. Juni 1909.

[12] Die Anklänge an die »rhapsodische Kosmogonie« der Orphiker sind nicht zu überhören.

[13] Apk 4, 2-8.

[14] 29. Juni 1909.

[15] 30. Juni 1909.

[16] Jahwe und seine sechs »Genossen« sind, wie wir wissen, die sieben Lichtgeister, die durch die kosmische Polarität von Sonne und Mond auf die Erde einwirken. 20. April 1908, GA 102.

[17] »Ich muss den Gedanken durcharbeiten, muss seinen Inhalt nachschaffen, muss ihn innerlich durchleben bis in seine kleinsten Teile, wenn er überhaupt irgendwelche Bedeutung für mich haben soll«, hieß es bereits in den Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung.

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