Das Ich der Elohim – 1908 – Zur Christologie Rudolf Steiners (15)

5. Die Erde, die zur Sonne wird.

Mathias Grünewald. Kreuzigung

Mathias Grünewald. Kreuzigung

Der siebte Vortrag der Hamburger Vortragsreihe über das Johannes-Evangelium [1] befasst sich mit der Peripetie des spirituellen Dramas, von dem sein Verfasser erzählt: dem »Mysterium von Golgatha«. Im Mittelpunkt dieses Mysteriums steht der Augenblick, in dem vom Kreuz »das Blut des Erlösers« aus den Wunden rinnt. So wie stets ist auch hier der sinnlich wahrnehmbare Vorgang Ausdruck eines geistigen Geschehens. Alles Vergängliche ist ein Gleichnis des Unvergänglichen und das Unvergängliche offenbart sich im Vergänglichen.

Durch das Blut, das aus den Wunden fließt, offenbart sich ein geistiger Vorgang, »der im Mittelpunkt alles Erdgeschehens steht«. Es gibt keinen anderen Mittelpunkt, kein zentraleres, kein bedeutenderes Ereignis in der gesamten Menschheitsgeschichte auf Erden. Einzigartig, einmalig ist dieses Ereignis. Also nicht die Wiederholung eines Geschehens, das früher schon einmal stattfand. Es unterscheidet sich von allen Geschehnissen, die ihm vielleicht äußerlich ähnlich sehen mögen. »Es ist ein gewaltiger, großer Unterschied zwischen allen Erdenvorgängen, die vor diesem Ereignisse auf Golgatha liegen, und denen, die nachher kommen«.

Erinnern wir uns der Sätze aus den Vorträgen zum Christentum als mystische Tatsache … und der Kontrast tritt in aller Deutlichkeit hervor: »Wir sehen das«, so hieß es am 1. März 1902 über Kreuzigung und Auferstehung, »was jeder, der in die ägyptischen Geheimnisse eingeweiht werden wollte, durchmachen musste, – das Lebendigwerden nach der Aufnahme des Kreuzsymbols –, in aller Offenheit in einem Einzelnen hervortreten. Sie müssen sich vor Augen halten« so Steiner zu seinen Berliner Zuhörern sechs Jahre früher, »dass dasjenige, was in dem ägyptischen Priester vor Jahrhunderten [aus der Perspektive der Zeitenwende gesprochen] vorgegangen ist, was sich abspielte bei unzähligen Menschen, sich in einem einzelnen Vorgange abspielte, aber so, dass wir darin genau den Plan des ägyptischen Ewigkeitsgedankens wieder erkennen«.

Nein – so heißt es jetzt –, einzigartig, einmalig ist dieses Ereignis, keines kommt ihm gleich, mag es auch noch so ähnlich aussehen.

Die Bedeutung des vergossenen Blutes ist nur zu verstehen, wenn berücksichtigt wird, dass die Erde, der Wohnort des Menschen, nicht nur ein Gebilde aus mineralischen Substanzen ist, ein gigantischer Klumpen aus Eisen, Silizium, Magnesium und Aluminium, der um die Sonne rast, sondern dass auch die Erde einen Ätherleib und eine Seele – ja sogar ein Ich – besitzt. Ohne Ätherleib gäbe es kein Leben auf ihr, ohne Astralleib keine Tierwelt, ohne Ich besäße sie keine Individualität. Durch das Mysterium von Golgatha wurde der Logos zum Ich der Erde, die Erde zum Leib des Logos.

Wer sie von einem fernen Stern aus hellseherisch beobachten würde, sähe nicht nur das, was die Astronauten sahen, was schon bewunderungswürdig genug ist, sondern er sähe ihre ätherische und astrale Aura, die sich wie eine kolossale Gloriole, ein Nimbus nach allen Richtungen in den Raum erstreckt. Vermöchte er auch noch, die Entwicklung dieser Aura über einen längeren Zeitraum zu beobachten, würde er sehen, wie sich ihre Farben in jenem Augenblick radikal verändern, in dem das Blut auf Golgatha fließt. Alle geistigen Verhältnisse der Erde verändern sich in diesem Augenblick. Der Grund dieser Veränderung ist, dass die »sechs Elohim der Sonne«, die bisher ihre Gaben mit dem Licht, dem physischen Leib ihres Geistes und ihrer Seele, zur Erde herabsandten, beginnen, sich mit der Erde zu vereinigen. Das geistige Licht der Sonne fließt in die Aura der Erde hinein und diese fängt an, von innen her aufzuleuchten. Fortan redet, wer vom »Geist der Erde« spricht, von Christus, vom Logos, von den Elohim, und wenn diese Elohim von sich selbst sprechen, dann sagen sie durch Jesus, in dem sie wohnen, »dies ist mein Leib, dies ist mein Blut«.

Auch kosmogonisch lässt sich die Bedeutung dieses Augenblicks erläutern. Nach ihrem Durchgang durch den Saturn-, den Sonnen- und den Mondzustand glänzte die Erde aus dem Dunkel des Weltenschlafes auf. Damals, in ihren Uranfängen, war sie noch mit allen Himmelskörpern, die sie heute umgeben, mit Sonne und Mond verbunden. Als sich die Sonne von der Erde trennte, lösten sich nicht nur physische Substanzen aus ihr, vielmehr wurde sie von geistigen Wesen verlassen, die jene Substanzen mit sich zogen, die sich in der heutigen Sonne zusammenballten. An der Spitze der ausziehenden himmlischen Heerscharen standen die Elohim, »die Lichtgeister«. Zurück blieben Erde und Mond, ungetrennt. Erst im lemurischen Weltalter trennte sich auch der Mond von der Erde, und seither bestand die für das Leben auf der Erde grundlegende Dreiecksbeziehung zwischen diesen drei Himmelskörpern. Die Elohim mussten von Sonne und Mond aus wirken, um jene Polarität zu schaffen, die sich in der Zweiheit der Geschlechter, in Geburt und Tod, Schlafen und Wachen, sowie der Konstitution des menschlichen Leibes abbildet, der durch seine polare Differenzierung und die Fähigkeit der Vermittlung zwischen seinen Polen nicht nur die Entfaltung der Seelenglieder, sondern auch die Entstehung des Selbstbewusstseins ermöglichte.

Heute lebt der Mensch auf der Erde »wie auf einer Insel im Weltraum, die sich aus Sonne und Mond und den übrigen Planeten herausgegliedert hat«. Aber die Zeit wird kommen, in der sie sich wieder mit der Sonne vereinigen wird. Wenn die Menschen so weit vergeistigt sind, dass sie die »stärkeren Kräfte« der Sonne zu ertragen vermögen, werden sie zusammen mit den Elohim »wieder auf einem Schauplatz wohnen«. Diese künftige Wiedervereinigung von Erde und Sonne wird durch das Ereignis von Golgatha vorbereitet. Als sich »die Kräfte der Elohim« mit der Erde verbanden, haben sie begonnen, diesen Weltkörper allmählich in eine Sonne umzuwandeln. »Logoskraft« wird seither »zu Logoskraft hingetrieben« und wird dereinst beide Himmelskörper wieder vereinigen. Seit dem Mysterium von Golgatha trägt die Erde »die Kraft der Sonne«, des Logos, in sich. Vorher strahlte diese Kraft von der Sonne und vom Mond, von dem sie reflektiert wurde, auf sie nieder, seither »lebt der Logos selbst auf ihr«, der durch Golgatha zum Geist der Erde wurde. »So wahr in Ihrem Leibe wohnt Ihr Seelisch-Geistiges«, ruft Steiner seinen Zuhörern zu, »so wahr wohnt in dem Erdenleib, in jenem Erdenleib, der aus Steinen, Pflanzen und Tieren besteht und auf dem Sie herumwandeln, das Seelisch-Geistige der Erde; und dieses Seelisch-Geistige, dieser Erdengeist, das ist der Christus. Der Christus ist der Geist der Erde«.

Wenn daher die Elohim, die in Christus Mensch geworden sind, von sich selbst sprechen, dann sagen sie im Hinblick auf ihre Vereinigung mit der Erde: »Wenn ihr die Halme seht und das Brot esst, das euch nährt, was esst ihr in Wahrheit in den Ähren des Feldes? Meinen Leib esst ihr! Und wenn ihr die Säfte der Pflanzen trinkt, was ist das? Das Blut der Erde ist es, mein Blut!« Und ebenfalls wörtlich darf der Satz verstanden werden: »Der mein Brot isst, der tritt mich mit Füßen«. Was für Bedeutungen auch immer man diesem Satz aus dem alttestamentlichen Kontext zuschreiben mag, er gewinnt eine ganz neue, konkret-geistige Bedeutung, wenn er vor diesem Hintergrund gelesen wird: »Ist die Erde der Leib des Erdengeistes, das heißt des Christus, dann ist der Mensch derjenige, der mit den Füßen herumwandelt auf dem Erdenleib, der also den Leib dessen, dessen Brot er isst, mit Füßen tritt«.

»Eine unendliche Vertiefung der Abendmahlsidee« geht aus diesem wörtlichen Verständnis hervor. »Wie das Muskelfleisch des Menschen zum Leib der menschlichen Seele gehört, so gehört das Brot zum Leib der Erde, das heißt zum Leib des Christus. Und die Säfte, die durch die Pflanzen ziehen, durch die Weinrebe pulsieren, sie sind dem Blute gleich, das durch den Menschenleib pulsiert«.

»Und welche gewaltigen Gefühle sind es, die durch unsere Seele ziehen können, wenn wir so in dem Abendmahl das größte Mysterium der Erde erblicken können: die Verbindung des Ereignisses von Golgatha mit der ganzen Evolution der Erde; wenn wir so lernen im Abendmahl zu fühlen, dass das Herausfließen des Blutes aus den Wunden des Erlösers nicht bloß eine menschliche, sondern eine kosmische Bedeutung hat, dass es nämlich der Erde die Kraft gibt, ihre Evolution weiterzubringen«.

Seine Zuhörer fordert Steiner auf, zu fühlenihre ganze Seele mit dem Wissen zu durchdringen –, dass der Mensch nicht nur durch seinen physischen Leib mit der Erde verbunden ist, sondern als seelisch-geistiges Wesen mit dem geistig-seelischen Wesen der Erde, mit Christus, dem Erdenlogos, und dass dessen Liebe alles durchströmt, dass alle Kreaturen von seiner Liebe umfasst werden. Wie kann man, wenn man dies eingesehen – wenn man es erlebt hat –, die Erde und ihre Lebewesen noch schänden und vergewaltigen? Wie noch Raubbau an ihr treiben? Wie Menschenbrüdern und -schwestern Gewalt antun? Wie kann man sie verletzen, wenn man erkannt hat, dass auch der Geringste unter ihnen das Licht Gottes in sich trägt und von seiner Liebe umschlossen wird?

Die »Impulse« der göttlichen Liebe, die Antriebskräfte des Wollens, die sich seit Golgatha mit der Erde verbunden haben, warten darauf, dass sie von jedem einzelnen Menschen ergriffen und zur Entfaltung gebracht werden. In seinem Verhältnis zu sich selbst, in seinem Verhalten zu seinen Mitgeschöpfen, muss diese Liebe aufleuchten, aus der seit der Zeitenwende sein Leben fließt. Wer sie nicht in sein Bewusstsein aufnimmt, beraubt sich der Möglichkeit der spirituellen Entwicklung. Wie ein kosmisches Läuterungsfeuer, das im Menschen zu brennen begonnen hat, wird sie alles Vergängliche an ihm vertilgen, und ihn mitsamt der Erde in ein Wesen umwandeln, das aus Licht und Liebe gewoben ist. Sie befähigt ihn dazu, das kosmische Erbe, das er vom alten Saturn, der alten Sonne und dem alten Mond empfangen hat, in Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen zu transformieren. Diese Arbeit vermag das Ich des Menschen vollbringen, das die Kraft des Logos in sich aufnimmt.

»Unsere Zeit«, so Steiner, »ist dazu berufen, das Geistselbst auszubilden«, die weiteren Wesensglieder werden folgen. Dereinst wird der astralische Leib »so vom Ich durchläutert sein, dass er zu gleicher Zeit Geistselbst« ist; der Ätherleib »wird so gereinigt sein, dass er zugleich Lebensgeist« ist; und der physische Leib wird »so weit umgewandelt sein, dass er, ebenso wahr wie er physischer Leib ist, zugleich Geistesmensch« ist.

»Und das Hinblicken auf die Christus-Persönlichkeit, auf die Christus-Impulse, das Sichdurchkraften, Sichstärkenlassen durch den Christus-Impuls, das zieht im Menschen das heran, wodurch er diese Umwandlung vollziehen kann«.

Wie aber zeigt sich, dass diese Umwandlung noch nicht vollzogen ist? Es zeigt sich daran, dass der Astralleib des Menschen noch fähig ist, Selbstsucht oder Egoismus zu empfinden, dass sein Ätherleib noch in Lüge und Irrtum verfallen kann und dass sein physischer Leib Krankheit und Tod unterliegt. Im voll entwickelten Geistselbst wird es keine Selbstsucht mehr geben, im voll entwickelten Lebensgeist keinen Irrtum und keine Lüge und im voll entwickelten Geistesmenschen, »d.h. im voll entwickelten physischen Leib«, keine Krankheit und keinen Tod mehr. Die »Christus-Impulse« in sich aufzunehmen, heißt für den Menschen nichts anderes, als jene Kräfte in sich aufzunehmen, durch die Selbstsucht, Lüge und Tod überwunden werden können.

Diese Krankheit und Tod überwindenden Kräfte Christi offenbaren sich in seinen sogenannten Wunderheilungen, zuletzt in seiner eigenen Überwindung des Todes, seiner Auferstehung.

Und noch eine weitere Konsequenz ergibt sich daraus, dass Christus zum Geist der Erde geworden ist. Er nimmt ihr Schicksal, ihre Schuld auf sich, er wird zum Herrn des menschlichen Karma. Wenn er tatsächlich gekommen ist, um jeden Menschen in den wahren Besitz seines Ich zu bringen, wenn er »den Gott, den Herrn und König in jedem Menschen« erwecken will, dann muss er laut Steiner durch sein Beispiel lehren, dass keiner sich zum Richter über andere aufwerfen darf. So lange wir noch über unsere Mitmenschen urteilen, erheben wir uns über sie und versuchen, sie unserem Ich zu unterwerfen. Wer aber die wahre Natur des Ich, wer Freiheit und Liebe versteht, der richtet nicht, denn er weiß, dass Christus, der Geist der Erde, der Vermittler des Ausgleichs, der kosmischen Gerechtigkeit ist. »Karma«, so Steiner, »vollzieht sich im Laufe der Erdentwickelung; wir können es dieser Entwickelung selber überlassen, welche Strafe Karma über den Menschen verhängt. Man würde sich vielleicht zur Erde wenden und zu den Anklägern sagen: Kümmert euch um euch selbst! Der Erde obliegt es, die Strafe zum Ausdruck zu bringen. Schreiben wir es also in die Erde ein, wo es ja ohnehin als Karma eingeschrieben ist«. Diesen Sachverhalt bringt die Erzählung von der Ehebrecherin zum Ausdruck (Joh 8, 1-11).

6. Jungfrau Sophia und Heiliger Geist

Ein weiteres Mal kommt Steiner auf die Inkarnation des Logos im letzten Vortrag der Reihe [2] im Zusammenhang mit Ausführungen über die Einweihung zu sprechen. Wie auch in früheren Darstellungen ist von der Katharsis, der Reinigung des Astralleibes und vom Photismos, der Erleuchtung, die Rede, bei welcher die im Astralleib ausgebildeten Wahrnehmungsorgane dem Ätherleib eingeprägt werden und ersterer beginnt, den geistigen Inhalt des Kosmos, der sich im letzteren spiegelt, wahrzunehmen. Aus diesen Vorgängen besteht im Wesentlichen die Einweihung. Die Spiegelung der Bilder des kosmischen Lebens in den astralen Wahrnehmungsorganen lässt sich auch mit einem Befruchtungsvorgang vergleichen. Selbsterkenntnis im Sinne der Einweihung heißt: »Befruchte dich selbst mit dem Inhalt der geistigen Welt«. Der Astralleib, der durch die Katharsis auf die Befruchtung vorbereitet wird, kann dabei mit dem Weiblichen, der Ätherleib, der den geistigen Inhalt des Kosmos, des kosmischen Ich, in diesen hineingießt, mit dem Männlichen verglichen werden. Die christliche Esoterik nannte einen solchen gereinigten, geläuterten Astralleib die »reine, keusche, weise Jungfrau Sophia«. Dieser »Jungfrau Sophia« kommt das »kosmische Ich, das Welten-Ich« entgegen, das die Erleuchtung bewirkt. Letzteres, so Steiner, nannte die christliche Esoterik – und nennt es noch heute – den »Heiligen Geist«. Der christliche Esoteriker wandelt seinen Astralleib also in die Jungfrau Sophia um und wird bei der Erleuchtung vom »Welten-Ich, dem Heiligen Geist« »überschattet« – oder »überleuchtet«.

Wer alle Spuren der Selbstsucht aus seinem Astralleib getilgt hat und vom Heiligen Geist überschattet wurde, der ist fortan ein anderer Mensch und spricht nicht mehr so, wie er früher gesprochen hat. Die folgenden Sätze sind zweifellos auch auf Steiner selbst zu beziehen, obwohl er sich der dritten Person Singular bedient.

Wie redet der Eingeweihte im Unterschied zum Alltagsmenschen?

»Er redet so, dass es nicht seine Meinung ist, wenn er über Saturn, Sonne, Mond redet, über die verschiedenen Glieder der menschlichen Wesenheit, über die Vorgänge der Weltentwickelung. Seine Ansichten kommen dabei ganz und gar nicht in Betracht. Wenn ein solcher über den Saturn redet, redet der Saturn aus ihm. Wenn er über die Sonne redet, redet die geistige Wesenheit der Sonne aus ihm. Er ist das Instrument; sein Ich ist untergegangen, das heißt für solche Augenblicke unpersönlich geworden, und das kosmische Welten-Ich ist es, das sich seiner als Werkzeug bedient, um durch ihn zu sprechen. [3]

Daher darf man bei den wirklichen esoterischen Lehren, die aus der christlichen Esoterik herauskommen, nicht von Ansichten oder Meinungen reden. Das ist im höchsten Sinne des Wortes nicht richtig. Die gibt es da nicht. … Darum handelt es sich, dass mit Ausschluss jeder persönlichen Meinung das Beobachtete aus der geistigen Welt erzählt wird. In jedem geisteswissenschaftlichen Lehrsystem muss einfach die Tatsachenfolge erzählt werden; das darf mit den Ansichten desjenigen, der da erzählt, gar nichts zu tun haben«.

Aus dem Eingeweihten spricht nicht mehr sein persönliches Ich, sondern der geistige Weltinhalt, das kosmische Welten-Ich, der Heilige Geist!

Die Jungfrau Sophia begegnet uns im Johannes-Evangelium in Gestalt der »Mutter Jesu«.

Sein Verfasser nahm ihre äußere Persönlichkeit als Epiphanie, als Offenbarung dessen wahr, was man in der christlichen Esoterik »Jungfrau Sophia« nannte und deswegen gab er ihr diesen Namen. Sie repräsentierte laut Steiner tatsächlich »als äußere historische Person« diese Jungfrau Sophia.

Nun muss aber zwischen Jesus und Christus unterschieden werden. Jesus von Nazareth war eine »hochentwickelte Persönlichkeit«, die durch viele Inkarnationen hindurchgegangen war und sich deswegen zu einer Mutter hingezogen fühlte, wie sie die Epiphanie der Jungfrau Sophia darstellte.

An dieser Stelle schiebt Steiner eine kurze Parenthese ein und deutet an, es gebe eine esoterische Antwort auf das Problem der »unbefleckten Empfängnis«, die imstande sei, die Vaterschaft des Joseph und die Unbeflecktheit der Mutter zu erklären. Diese Antwort auf eines der »tiefsten Mysterien« könne aber nur im allerengsten Kreis erörtert werden. [4]

Aus seiner irdischen Abstammung lässt sich das Wesen Jesu Christi natürlich nicht verstehen, da Christus kein Mensch war, sondern »etwas Übermenschliches« das erst Mensch wurde. Voraussetzung für diese Anthropomorphose war aber das Menschliche in Jesus, das sich auf einer denkbar hohen Einweihungsstufe befand, die es ihm ermöglichte, die drei von ihm umgewandelten Leiber einer »höheren Wesenheit« zur Verfügung zu stellen. In seinem dreißigsten Lebensjahr verließ das Ich des Jesus bei der Taufe am Jordan diese Leiber und Christus ergriff von ihnen Besitz. Die Leiber des Jesus von Nazareth waren so hoch entwickelt – gewissermaßen die höchste Blüte des Menschseins – dass in sie »das Wesen der sechs Elohim« eindringen konnte. Durch drei Jahre hindurch vermochten die Elohim, die ein einheitliches Bewusstsein bildeten und daher auch als »Sonnenlogos« bezeichnet werden können, in diesen Leibern zu wohnen und das Fleisch Jesu gänzlich zu durchdringen. Um eine wirkliche Inkarnation handelte es sich, obwohl sie erst im dreißigsten Jahr stattfand, nicht bloß um eine Inkorporation. Der »Sonnenlogos«, der bis dahin in den Menschen nur bei der Erleuchtung hineinschien, der »Heilige Geist«, das »Welten-Ich«, das »kosmische Ich« nahm in Jesus Wohnung und sprach in den folgenden Jahren aus ihm.

Wir erinnern uns: Aus dem Eingeweihten »redet der Saturn«, »die geistige Wesenheit der Sonne«, das »kosmische Welten-Ich«. Das heißt konkret: Nachfolge Christi, Geburt des Sohnes in der Menschenseele. Es heißt aber nicht: der Eingeweihte ist dieses kosmische Welten-Ich, vielmehr redet es durch ihn. Die Inkarnation des Welten-Ich ist einzigartig, einmalig – sie muss und kann sich nicht wiederholen. Derjenige, aus dessen Seele das Welten-Ich spricht, ist zu einer Erkenntniskommunion mit ihm gelangt, nicht zu einer totalen Wesensidentität[5]

Die Taube, die über Jesus am Jordan schwebt, ist eine Imagination des Heiligen Geistes, der sich auf ihn herabsenkt, aber der Heilige Geist ist zugleich der Sonnenlogos, das kosmische Ich, das Ich der Elohim der Sonne. Dieses »Ich« wirkt durch Jesus bis zum Mysterium von Golgatha. Was ist »das Ich der Elohim«? Ist damit das einheitliche Bewusstsein der Geister der Form gemeint, das von Steiner auch als »Sonnenlogos« bezeichnet wird? Entsprächen die Elohim dem menschlichen Ich, repräsentierten die Angeloi ihren physischen Leib und die Geister des Willens (Throne) ihren Geistesmenschen, die Cherubim ihren »Hl. Geist«, die Seraphim ihren »Sohn« und der »Hl. Geist« ihren »Vater«. Identifiziert Steiner deswegen die Elohim auch mit dem Heiligen Geist, weil dieser ihr »Vater« ist? Von einem Wesen oder einer Theophanie wäre dann die Rede, die vom Heiligen Geist bis zu den Angeloi alle Wesensstufen der Hierachienwelt umfasst und man könnte tatsächlich von einem Universalgeist, einer Panintelligenz sprechen. [6]

Was geschieht auf Golgatha?

Als das Blut aus den Wunden des Gekreuzigten fließt, verbindet sich der Heilige Geist, der bei der Taufe von ihm aufgenommen wurde, mit der Erde. Christus fließt in das Wesen der Erde ein und die Erde beginnt sich zu verwandeln. Der Weg vom Jordan bis zu Golgatha ist der Weg, auf dem der Sonnenlogos in den Geist der Erde übergeht.

Dieses Ereignis wirkt sich auf die ganze Erde, auf die ganze Menschheit aus und natürlich auch auf die Einweihung. Daher nimmt die Einweihung nach diesem Ereignis eine vollkommen neue Gestalt an.

Eine Schlüsselrolle bei der Grundlegung dieses neuen Einweihungsweges, der den dreitägigen Todesschlaf der alten Mysterien ersetzt, spielt der Verfasser des Johannes-Evangeliums. Wer die christliche Einweihung erlangen wollte, musste Jesus nachfolgen, d.h. er musste seinen Astralleib so läutern, wie jener ihn geläutert hatte und ihn in eine Jungfrau Sophia umwandeln, damit er den Heiligen Geist in sich aufnehmen konnte. Was ermöglichte es ihm, diese Katharsis zu erreichen? Das Evangelium des Johannes, das ja, wie wir wissen, eine Einweihungsurkunde war, die den Weg und das Ziel beschrieb und zugleich das Instrument darstellte, womit dieses Ziel erreicht werden konnte.

Am Kreuz übertrug Jesus Johannes »die Mission«, die Vorgänge in Palästina »aus seiner Erleuchtung heraus wahr und getreulich« aufzuschreiben, damit die Menschen diese Schilderung auf sich wirken lassen konnten. Geschieht dies im Sinn des christlich-gnostischen Einweihungsweges im Durchgang durch seine einzelnen Stufen, angefangen mit der Fußwaschung, dann erfährt der Astralleib des Menschen die erforderliche Katharsis und macht sich bereit, den Heiligen Geist zu empfangen. Daher sagt der Gekreuzigte zu Johannes über seine Mutter, die Jungfrau Sophia, die am Kreuz steht: »Dies ist fortan deine Mutter«. »Und von der Stunde an nahm der Jünger sie zu sich« (Joh 19,27). Mit anderen Worten, die Kraft seines Astralleibs, die Jesus befähigte, den Heiligen Geist in sich aufzunehmen, übertrug er auf Johannes, der beschreiben sollte, was dieser Leib durch seine Entwicklung zu erlangen vermag. Daher sind im Johannes-Evangelium als Einweihungstext die »realen Kräfte« enthalten, die zur Entfaltung der Jungfrau Sophia führen. »Eigentlich heißt das also: Lebt euch ganz in den Sinn des Johannes-Evangeliums hinein, erkennt es spirituell; es hat die Kraft, euch zur christlichen Katharsis zu führen, es hat die Kraft, euch die ›Jungfrau Sophia‹ zu geben; dann wird auch der mit der Erde vereinigte Heilige Geist euch die Erleuchtung – Photismos im christlichen Sinne – zuteil werden lassen«.

An diese Erläuterungen schließen sich – wenn auch nur anfängliche –Auseinandersetzungen über das zentrale Thema der Auferstehung an. Die »intimsten Jünger« Jesu hatten durch ihren Umgang mit dem Meister die Anlage zur Geistesschau entwickelt. Zu diesen intimsten Jüngern zählt zum Beispiel Maria Magdalena, die Jesus in Bethanien salbte. Sie gehörte zu den ersten, die dem Auferstandenen begegneten. Im Grab Jesu fand sie keinen Leichnam, sie sah zwei Gestalten, die dort standen. Sie sah, »was immer sichtbar ist«, wenn ein Leichnam längere Zeit aufgebahrt wird: den Astralleib und den Ätherleib des Verstorbenen. In Joh 20, 10-12 ist von zwei Engeln die Rede. Maria Magdalena sah aber auch den Auferstandenen, der ihr in Gestalt eines Gärtners entgegentrat oder den sie für den Gärtner hielt. Die Epiphanie des Auferstandenen ist also weder mit der Erscheinung eines Ätherleibs, noch jener eines Astralleibs gleichzusetzen. Auch den Jüngern erschien er am See Genezareth und sie erkannten ihn nicht, da er ihnen in einer völlig anderen Form erschien, als zu Lebzeiten. Von Anfang an war der Auferstandene für die Geistesaugen der Jünger sichtbar.

Zu den für die Geistesschau »weniger Begabten« gehörte Thomas, der »Ungläubige«. Er sollte sich mit der Kraft des Glaubens durchdringen, um den Auferstandenen zu sehen, ja sogar zu berühren. Damit ist laut Steiner in diesem Kontext die Kraft des Hellsehens gemeint. Die Auferstehung, so sein Fazit, ist eine »Realität«, erkennen kann sie aber nur, wer sich die Kraft aneignet, »den Auferstandenen in seiner geistigen Form« auch tatsächlich zu sehen. Und dieser Auferstandene bleibt bei der Menschheit bis zum Ende der Zeiten. »Er ist da und er wird wiederkommen, zwar nicht in einer fleischlichen Gestalt, aber in einer solchen Gestalt, dass die Menschen, die sich bis dahin durch die Kraft des Johannes-Evangeliums entwickelt haben, ihn sehen, ihn wirklich wahrnehmen können …«.

7. Die Wiederkunft Christi 

Der anthroposophischen (theosophischen) Bewegung ist die Aufgabe gestellt, »jenen Teil der Menschheit, der dies wünscht«, auf die Wiederkunft Christi vorzubereiten. Darin liegt laut Steiner ihre »welthistorische Bedeutung«. Diese Wiederkunft – nicht in fleischlicher, sondern in ätherischer Gestalt, wie sie ab 1910 genannt werden wird [7] – soll in der sechsten Kulturepoche erfolgen, jener Epoche, in der nach der historiosophischen Aufschlüsselung im zehnten Vortrag, die Menschheit beginnt, das Ich zum Geistselbst zu erheben oder anders ausgedrückt, dieses Geistselbst auszubilden –und zwar die ganze Menschheit, nicht nur einzelne Vorläufer, die einen Einweihungsweg beschreiten. Damit ist aber nichts anderes ausgesprochen, als das, was die Hochzeit zu Kana in realsymbolischer Form zum Ausdruck brachte. Blicken wir zum Schluss kurz auf diesen Vortrag vom 30. Mai und die Schilderung der näheren Zukunft [8] der Menschheit, wie sie sich dem Seher zu Beginn des 20. Jahrhunderts darstellte.

Da sich die gegenwärtige Menschheit in der fünften Kulturepoche befindet, in welcher das Ich in die Bewusstseinsseele eintritt [9], beginnen wir mit dieser. Dieser Eintritt des Ich in die Bewusstseinsseele – in das Innerste, Allerheiligste der Seele – , in dem der Mensch zu einem denkenden Bewusstsein seiner geistigen Natur zu gelangen und dieses Ich als seinen göttlichen Kern zu erkennen vermag, kündigte sich bereits in der Mitte des Mittelalters, im 10. Jahrhundert an. Damals erwachte im Abendland ein bestimmter Begriff von individueller Freiheit und persönlicher Tüchtigkeit, während zuvor die soziale Stellung aufgrund der Herkunft vergeben wurde. Stand, Rang und Würden wurden von Familien tradiert, und vermöge dieses unpersönlichen oder überpersönlichen Status, der nicht mit dem individuellen Ich verknüpft war, erlangte man seine gesellschaftliche Position. Mit den Entdeckungen der Neuzeit, mit der Ausdehnung des Handels und der Verbreitung technologischer Neuerungen (Buchdruck, Schießpulver, Navigation usw.), begann sich das Bewusstsein der persönlichen, individuellen Tüchtigkeit auszubreiten.

Das Erwachen der Bewusstseinsseele ging mit dem Aufstieg des Bürgertums und der Etablierung freier Reichsstädte einher, in deren Rechten sich dieses neue Bewusstsein ausdrückte. Der gewaltige Zug zur Emanzipation, der die Neuzeit erfüllte, mit all seinen Revolutionen und Umwälzungen, mit seiner Idee der Menschenrechte und der politischen Freiheit, der Abschaffung der Ständegesellschaft und blutsgebundener Privilegien, schließlich die Idee der Demokratie, ist als »Forderung der Bewusstseinsseele« zu verstehen, die sich geschichtlich an die Oberfläche arbeitet und zunehmend globalisiert. Denn in der Bewusstseinsseele tritt Ich dem Ich als Gleiches gegenüber, gleichsam nackt und unverhüllt, aller traditionellen Hüllen beraubt, mit denen es sich ausstaffieren könnte. Erst mit dem Durchbruch dieses Lebensgefühls wird die unmittelbare Begegnung von Mensch zu Mensch, von Ich zu Ich möglich, die sich auf dem Austausch des geistigen Inhalts der Individualitäten beruht. Noch rund vierzehn Jahrhunderte von heute an gerechnet, wird die Menschheit von diesem sich globalisierenden Ichgefühl bestimmt werden. Daraus lassen sich auch die globalen Konflikte verstehen, die eine Folge der Asynchronizität der Entwicklung sind, in welchen sich unterschiedliche Formen des Kollektivbewusstseins und Individualbewusstseins aneinander reiben.

Gegen Ende dieser Epoche beginnt jedoch das Geistselbst am Horizont aufzuleuchten. Die Ausführungen über die Kultur des Geistselbstes seien im Originalwortlaut wiedergegeben (soweit dieser festgehalten wurde). Die Rede ist, wie gesagt, von der Mitte des 4. Jahrtausends nach Christus.

»Das wird eine Zeit sein, in welcher die Menschen in weit höherem Grade als heute eine gemeinsame Weisheit haben werden, sozusagen in gemeinsame Weisheit eingetaucht sein werden. Es wird beginnen etwas davon, dass man empfinden wird, dass das Ureigenste des Menschen zu gleicher Zeit das Allgemeingültigste ist.

Das, was man im heutigen Sinne als individuelles Gut des Menschen auffasst, ist noch nicht ein individuelles Gut auf einer hohen Stufe. Heute ist mit der Individualität, mit der Persönlichkeit des Menschen noch im hohen Grade verknüpft, dass die Menschen sich streiten, dass die Menschen verschiedene Meinungen haben und behaupten: Wenn man nicht verschiedener Meinung sein dürfte, würde man ja kein selbständiger Mensch sein. Gerade weil sie selbständige Menschen sein wollen, müssen sie zu verschiedenen Meinungen kommen.

Aber das ist ein untergeordneter Standpunkt der Anschauung. Am friedlichsten und harmonischsten werden die Menschen sein, wenn der einzelne Mensch am individuellsten sein wird. Solange die Menschen noch nicht vom Geistselbst vollständig überschattet sind, gibt es Meinungen, die voneinander verschieden sind. Diese Meinungen sind noch nicht im wahren Innersten des Menschen empfunden.

Heute gibt es nur einige Vorläufer für die im wahren Innern empfundenen Dinge. Das sind die mathematischen und geometrischen Wahrheiten. Über die kann man nicht abstimmen. Wenn eine Million Menschen Ihnen sagen würde, dass 2 x 2 = 5 ist, und Sie sehen selbst im eigenen Innern ein, dass es 4 ist, so wissen Sie es, und Sie wissen auch, dass die anderen im Irrtum sein müssen – geradeso, wie wenn jemand behauptete, dass die drei Winkel eines Dreiecks nicht zusammen 180 Grad betragen.

Das ist Geistselbst-Kultur, wenn immer mehr empfunden werden die Quellen der Wahrheit in dem stark gewordenen Individuellen, Persönlichen des Menschen und wenn zu gleicher Zeit das, was empfunden wird als höhere Wahrheit, auch von Mensch zu Mensch übereinstimmt wie die mathematischen Wahrheiten. In diesen stimmen die Menschen heute schon überein, weil das die trivialsten Wahrheiten sind. In bezug auf die anderen Wahrheiten streiten sich die Menschen, nicht weil es über dieselbe Sache zwei verschiedene richtige Meinungen geben kann, sondern weil die Menschen noch nicht so weit gekommen sind, das alles zu erkennen und niederzukämpfen, was an persönlicher Sympathie oder Antipathie sie trennt. Würde bei den einfachen mathematischen Wahrheiten noch die eigene Meinung in Betracht kommen, so würden viele Hausfrauen vielleicht dafür stimmen, dass 2 x 2 = 5 ist und nicht 4.

Für den, der tiefer in die Natur der Dinge hineinsieht, ist es eben unmöglich, über die höhere Natur der Dinge zu streiten, es gibt nur die Möglichkeit, sich dazu hinauf zu entwickeln. Dann trifft die Wahrheit, die in der einen Seele gefunden ist, genau zusammen mit der Wahrheit in der anderen Seele; dann streitet man nicht mehr. Und das ist die Gewähr des wahren Friedens und der wahren Brüderlichkeit, weil es nur eine Wahrheit gibt, und diese Wahrheit hat wirklich etwas zu tun mit der geistigen Sonne.

Denken Sie einmal, wie die einzelnen Pflanzen ordentlich wachsen; jede Pflanze wächst der Sonne zu, und es ist nur eine einzige Sonne. So wird, wenn im Verlauf der sechsten Kulturepoche das Geistselbst in die Menschen einziehen wird, tatsächlich eine geistige Sonne da sein, der sich alle Menschen zuneigen und in der sie übereinstimmen werden.

Das sind ferne Zukünfte, in die wir nur erahnend einen Blick hineinwerfen können.

Jetzt aber sind wir uns darüber klar: Es wird eine sehr wichtige Kulturepoche sein, diese sechste; denn sie wird durch gemeinsame Weisheit Frieden und Brüderlichkeit bringen. Friede und Brüderlichkeit dadurch, dass sich dann nicht bloß für einzelne auserlesene Menschen, sondern für den in normaler Entwickelung stehenden Teil der Menschen hineinsenkt das höhere Selbst, zunächst in seiner niederen Form, als Geistselbst. Eine Verbindung des menschlichen Ich, wie es sich so allmählich herangebildet hat, mit dem höheren Ich, mit dem einenden Ich wird dann stattfinden. Wir können das eine geistige Ehe nennen – und so nannte man auch immer in der christlichen Esoterik die Verbindung des menschlichen Ich mit dem Geistselbst«.

Vorheriger Beitrag: Christus, der Sonnenlogos 1908 (ii)

Folgender Beitrag: Christus, das Abbild des Vater-Geistes – 1909

Anmerkungen:

[1] GA 103, Hamburg, 18. bis 31. Mai 1908.

[2] 31. Mai 1908.

[3] Es sei daran erinnert, dass bereits die Grundlinien einer Erkenntnistheorie (1886) von einem »Weltengrund« sprachen, der sich in die Welt »vollständig ausgegossen« habe und vom Denken des Menschen als der »höchsten Erscheinungsform« dieses Weltengrundes. In Wahrheit und Wissenschaft wurde der Mensch durch sein Erkennen zum »tätigen Mitschöpfer des Weltprozesses«, in dem sich der »innerste Kern der Welt« auslebt. Die Mystik bezeichnete das Erleben der Selbsterkenntnis als »Weben und Wirken innerhalb des Weltenkernes« und kommentierte die von Spinoza postulierte intuitive Erkenntnisart mit den Worten: »Wer die Dinge in solcher Art erkennt, der verwandelt sich in sich selbst; denn sein einzelnes Ich wird in solchen Augenblicken aufgesogen von dem All-Ich; alle Wesen erscheinen nicht in untergeordneter Bedeutung einem einzelnen beschränkten Individuum; sie erscheinen sich selbst … das kann nicht bewiesen, das muss erfahren werden«. Schließlich sei auf jene Passage im Christentum als mystische Tatsache … verwiesen, in welcher der Autor über den ägyptischen Eingeweihten in Ichform schrieb: »Ich habe gefühlt, dass die Kraft dieses Göttlichen in mir liegt. Ich habe zu Grabe getragen, was in mir diese Kraft niederhält. Ich bin abgestorben dem Irdischen. Ich … war in der Unterwelt. Ich habe mit den Toten verkehrt … Ich bin nach meinem Verweilen in der Unterwelt auferstanden von den Toten. … Ich habe nichts mehr zu tun mit der vergänglichen Natur. Diese ist bei mir durchtränkt von dem Logos«.

[4] Auf dieses »tiefe Mysterium«, das im Zusammenhang mit der Jordantaufe steht, kam Steiner tatsächlich in seinen Kasseler Vorträgen über das Johannes-Evangelium am 3. Juli 1909 zurück. GA 112.

[5] Diese Unterscheidung zwischen Erkenntniskommunion und Wesensidentität ist für das Verständnis der »Intuition« von zentraler Bedeutung. Bereits im zweiten Band der Einleitungen von 1887 ist von dieser Erkenntniskommunion die Rede: »Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen«. Der Geistesschüler, der in der Geheimwissenschaft im Umriss durch Intuition zu einer wahren Erkenntnis Christi gelangt (dazu später), wird nicht Christus, sondern vereinigt sich mit ihm im Erkennen, ja dieser bildet sich sogar in ihm ab, aber auch zwischen Abbild und Urbild besteht keine Wesensidentität. In der Intuition geht trotz der Kommunion, der erkennenden Wesensvereinigung, die individuelle Distinktion der Wesen nicht verloren. Letztlich kann jedes Wesen nur mit sich selbst identisch sein, mit keinem anderen, dies besagt das Prinzip der Identität des Ununterscheidbaren (principium identitatis indiscernibilium).

[6] Im Paulus zugeschriebenen ersten Kolosserbrief heißt es von Christus: »Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Kyriotetes, Archai oder Exusiai, es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen«. 1. Kol, 1,15-16. »Denn es hat dem ganzen Pleroma (das heißt, der gesamten Hierarchienwelt) gefallen, in ihm zu wohnen«. Ebd., 19.

[7] Das Ereignis der Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt, GA 118. Vorträge, gehalten zwischen dem 25. Januar und 15. Mai 1910.

[8] Mit näherer Zukunft sind hier einige Jahrtausende gemeint. Denn die gegenwärtige fünfte Kulturepoche mit einer Dauer von rund 2160 Jahren hat Anfang des 15. Jahrhunderts begonnen, wird also bis gegen Ende des 4. Jahrtausends nach Christus dauern (genauer: von 1413 bis 3573).

[9] Im Unterschied zu seinen Münchner Vorträgen über das Johannes-Evangelium vom 27. Oktober bis 6. November 1906 (GA 94), schildert Steiner die Kulturepochen der nachatlantischen Zeit hier nicht aus der Perspektive der Engel, also des Geistselbstes, das sich durch die menschlichen Wesensglieder hindurchbewegt, sondern aus der Perspektive des menschlichen Ich, das denselben Gang zurücklegt. Während dort in der fünften Kulturepoche das Geistselbst im Geistselbst zum Ausdruck kommen soll, tritt hier – um eine Stufe versetzt – das menschliche Ich in die Bewusstseinsseele ein.

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