Das wahre Bild des Todes – 1909 – Zur Christologie Rudolf Steiners (17)

5. Auferstehung, lebendiger Christus

Christus als wahrer Weinstock. Athen, 16. Jahrhundert

Im achten Vortrag der Kasseler Reihe über das Johannes-Evangelium [1] wird von Steiner erstmals ausführlicher der Tod Jesu und die Auferstehung thematisiert. [2] »Wodurch charakterisiert sich der Tod am Kreuz für diese Christus-Wesenheit?«

Er ist ein Ereignis, so die Antwort, »das keinen Unterschied macht zwischen dem Leben vorher und dem Leben nachher. Das ist das Wesentliche des Christus-Todes, dass der Christus durch den Tod kein anderer geworden ist, dass er derselbe geblieben ist, dass er einer gewesen ist, der den Tod in seiner Bedeutungslosigkeit darstellt«. Diesen lebendigen Christus schaute Paulus, der wusste, dass jener Geist, der von Zarathustra auf der Sonne gesucht und von Moses im Feuer auf dem Sinai erblickt worden war, sich dereinst in einem Menschen verkörpern werde. Seine Schau des Auferstandenen überzeugte ihn davon, dass die »Individualität«, die das Kreuz auf sich genommen hatte, Christus war. Konnten die Seher ihn früher nur im Kosmos finden, war er seit dem Tod am Kreuz in der Erdenaura gegenwärtig. Dasselbe sah Paulus in dieser Aura, was Zarathustra in der Sonne sah und er wurde aufgrund dieser Schau zum »Verkündiger des lebendigen Christus«. Ohne den Auferstandenen, den lebendigen Christus gäbe es kein Christentum.

Im neunten Vortrag [3] geht Steiner zur Interpretation weiterer Inhalte des Johannes-Evangeliums über. Im Einzelnen verfolgt er die Zeichentaten Christi nach der Jordantaufe und findet in jeder, wie sich die Kraft des Gottes, der in Jesus eingezogen ist, von Stufe zu Stufe mächtiger manifestiert. Im zehnten [4] kommt er auf das Opfer Jesu und die Jordantaufe zurück: Die Wesenheit, die in Jesus Einzug gehalten hat, ist dieselbe, von der das Alte Testament als dem Geist Gottes spricht, der über den Wassern schwebte, sie ist »der göttliche Geist unseres Sonnensystems«.

Erneut wird von der Verbindung des Göttlichen mit dem Menschlichen im Hinblick auf die Auferstehung gesprochen: die menschliche Natur Jesu wurde von Christus durchdrungen – weit entfernt davon, dass man von einem »gnostischen Scheinleib« sprechen könnte –, bis in das Knochenmark drang der göttliche Geist: »Durch das Hineinfahren des Christus in den Leib des Jesus von Nazareth wurde die … Ichheit des Christus Herrscher bis in das Knochensystem hinein. Und die Folge war, dass einmal auf der Erde ein Leib [hier müsste es heißen: »ein Geist«] gelebt hat, welcher imstande war, seine Kräfte [»die Kräfte seines Leibes«] so zu beherrschen, dass er die … geistige Form des Knochensystems der Erdenentwicklung einverleiben konnte. [4a] Nichts würde von dem, was der Mensch innerhalb der Erdenentwicklung durchmacht, zurückbleiben, wenn der Mensch nicht die edle Form seines Knochensystems als Gesetz der Erdenentwicklung einverleiben könnte, wenn er nicht nach und nach Herr würde über dieses Gesetz des Knochensystems … Die Form des Knochensystems besiegt den Tod im physischen Sinn. Daher muss derjenige, der den Tod auf Erden besiegen soll, Herrschaft haben über das Knochensystem«. [5] Erst auf der Erde hat sich der Mensch die Form, die ihm sein Knochensystem gibt, angeeignet, nicht auf dem alten Mond oder früher. Er würde diese Form wieder verlieren, wenn nicht »jene geistige Macht« gekommen wäre, »die wir den Christus nennen«. »Eine ungeheure Gewalt« durchdrang im Augenblick der Jordantaufe die Hüllen des Jesus »bis ins Mark« (die deutsche Übersetzung von »Exusiai« lautet »Gewalten«).

Mit einem anderen Geheimnis hängt die Taufe am Jordan zusammen, das Steiner »nur mit Scheu und Ehrfurcht« auszusprechen wagt: mit der Jungfräulichkeit der Mutter. Die Mutter Jesu war nicht etwa Jungfrau bei seiner Geburt, aber sie wurde wieder zur Jungfrau bei der Taufe am Jordan, bei der Geburt Christi – nicht physisch, sondern in ihrer ätherischen Konfiguration. Als sich der Geist Christi in Jesus herabsenkte – und dieser, wie wir aus früheren Darstellungen wissen, aus dessen jungfräulicher Seele geboren wurde – ging von diesem Vorgang auch eine Wirkung auf die Mutter Jesu aus. Diese Wirkung bestand darin, dass ihre »innere Organisation« in den Zustand zurückversetzt wurde, in dem sich der weibliche Ätherleib vor der Geschlechtsreife befindet. Christus vermochte nicht nur – wie die damaligen Eingeweihten des fünften Grades (des Volksgeistes) – die »Volkskräfte, die im mütterlichen Element wirken«, magisch zu handhaben, er beherrschte auch die Kräfte des jungfräulichen Ätherleibes. Dieser Zusammenhang wird in der Erzählung der Hochzeit von Kana angedeutet, wenn Jesus von den Kräften spricht, die zwischen seiner Mutter und ihm hin und her gehen (der Satz: »Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?«, verschleiert den Sachverhalt; siehe dazu weiter unten). So wie die Erde, die das Wasser der Rebe in Wein verwandelt, wirkt Christus, »der zum Geist der Erde geworden ist«, »er ist das Geistige, das im ganzen Erdkörper wirkt«, er verwandelt ebenfalls Wasser in Wein.

Erneut kommt Steiner auf dieses Geheimnis im elften Vortrag [6] zurück, auch dies eine Erläuterung der Hochzeit zu Kana, diesmal durch die Ödipussage. Was kommt in der Ödipussage zum Ausdruck? Das alte Prinzip der Einweihung, das durch Christus überwunden wurde. Diese alte Einweihung beruhte darauf, dass der Initiand seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete. Was heißt das? Jeder Mensch trägt sowohl seine Mutter als auch seinen Vater, das weibliche und das männliche Element in sich, unabhängig von seiner physischen Geschlechtszugehörigkeit: das mütterliche wirkt im Zusammenspiel des Ätherleibs und des Astralleibs, »im inneren Weisheits- und Vorstellungsleben«, im »Generellen, Gattungsmäßigen«, das väterliche im Zusammenspiel zwischen Ich und physischem Leib, »in der äußerlich differenzierten Gestalt«, in dem, was den Menschen zum Erden-Ich – zur Persönlichkeit macht. [7]

Die alte Initiation versetzte den Initianden in einen »abnormen« todähnlichen Bewusstseinszustand: sein Ichbewusstsein erlosch, bzw. an seine Stelle trat das Ich des »Priester-Initiators«, während sein Ätherleib und Astralleib aus dem physischen herausgehoben wurden. Mit anderen Worten: er tötete den Vater in sich und vereinigte sich mit seiner Mutter. Wer vor der Zeit des Christentums »in der geistigen Welt leben wollte«, musste seine Individualität aufgeben, er musste vaterlos werden, um aus dem Schoss der Mutter, mit der er sich vereinigte, wiedergeboren zu werden.

Die alte Einweihung fußte auf dem Widerstreit, dem inneren Zwist des Männlichen und des Weiblichen. [8] Die neue, christliche Einweihung sollte Mutter und Vater miteinander versöhnen. Gelingt diese Versöhnung nicht, pflanzt sich der Widerstreit, der die Seele des Menschen beherrscht, in die äußere Welt fort und richtet in ihr schlimme »Verheerungen« an. Die Menschheit würde durch diese alte Initiationsform in den »Streit aller gegen alle hineingetrieben«; der »schauerlich-grausige« Zustand, dass der Mensch seinen eigenen Vater tötet und seine Mutter ehelicht, würde zu einer äußeren Tatsache werden – er würde in den atavistischen Zustand eines blutsgebundenen, kollektiven Bewusstseins zurückgetrieben und seiner inzwischen errungenen Individualität verlustig gehen. [9]

Die Hochzeit zu Kana stellt Christus als das »große Vorbild« eines Wesens dar, das in sich den Ausgleich zwischen dem Ich – dem väterlichen – und der Seele, dem mütterlichen Prinzip gefunden hat. Darauf verweist der Satz: »Τί ἐμοὶ καὶ σοί, γύναι« (Joh, 2,3), dessen Sinngehalt nicht zum Ausdruck kommt, wenn man ihn als schroffe Zurückweisung übersetzt, vielmehr deutet Jesus auf das, was an geistigen Kräften »zwischen« ihm und seiner Mutter spielt. [10]

Es ging um die Grundlegung eines neuen Einweihungsprinzips, das den Ausgleich zwischen Vater und Mutter schuf, ohne erst den Vater töten, d.h. aus dem physischen Leib heraustreten zu müssen. Das Ich des Menschen sollte dazu befähigt werden, sich unter Aufrechterhaltung des Selbstbewusstseins mit seiner Mutter zu vereinigen: »Jetzt war die Zeit gekommen«, so Steiner, »wo der Mensch in sich selber die zu große Kraft des Egoismus, des Ich-Prinzips, bekämpfen lernt, wo er lernt, es in das richtige Verhältnis zu bringen mit dem, was im Ätherleib und im astralischen Leib als das mütterliche Prinzip waltet«.

Durch diese neue Art des Ausgleichs wird nicht nur der innere Gegensatz zwischen mütterlichem und väterlichem Prinzip überwunden, sondern auch im sozialen Zusammenleben, in der Gesellschaft »Heil, Frieden und Brüderlichkeit« (Geschwisterlichkeit) gestiftet. Ein Abbild der Harmonie, der Liebe, die zwischen Christus und seiner Mutter waltet, ist ihr Zusammenwirken bei der Hochzeit von Kana. Vollendet wurde dieser Ausgleich am Kreuz, durch ein geistiges Geschehen, das der Verfasser des Johannes-Evangeliums, Lazarus-Johannes schildert, der durch Christus eingeweiht worden war. Ihm wurde die Aufgabe übertragen, »die Weisheit des Christentums« (die Jungfrau Sophia) der Nachwelt zu übermitteln, durch die der menschliche Astralleib die Fähigkeit erhielt, das Christus-Prinzip (der selbstlosen Liebe) in sich aufzunehmen. Daher wurde dieses »Christus-Prinzip« vom Kreuz herab mit dem ätherischen Prinzip, der Mutter, vereinigt. Wenn der Gekreuzigte ausruft: »Von dieser Stunde an ist dies deine Mutter, und dies ist dein Sohn«, dann »bindet er seine Weisheit mit dem mütterlichen Prinzip zusammen«. Und diese Verbindung schuf die Grundlage für den christlich-gnostischen Schulungsweg, den das Johannes-Evangelium darstellt, für das mystische Christus-Erlebnis, die Geburt des Sohnes in der Menschenseele. [11]

6. Das wahre Bild des Todes

Dass die Motive »Tod« und »Vater« mit dem Bisherigen noch keineswegs ausgeschöpft sind, zeigen die beiden letzten Vorträge dieser Reihe. [12] Hier entfaltet sich in einer Peripetie der esoterischen Entschleierung die wahrhaft kosmisch-überkosmische Dimension beider.

Noch einmal erinnert der Redner zu Beginn des vorletzten Vortrags an die fortschreitende Epiphanie jener Wesenheit, »die wir als Christus-Wesenheit bezeichnen«, die aus überirdischen Regionen auf die Erde herunterstieg, von Zarathustra hellseherisch auf der Sonne, von Moses – ebenso hellseherisch – im brennenden Dornbusch und im Feuer auf dem Sinai wahrgenommen wurde, um von den Zeitgenossen des Christus-Ereignisses schließlich »anwesend im Leib des Jesus von Nazareth« erlebt zu werden. [13] Alsdann wird der Blick der Zuhörer auf die Folgen der Wirksamkeit jenes Widersachers Ahura Mazdaos gelenkt, der von Zarathustra als »Ahriman« bezeichnet worden ist. Dieser »Geist der Finsternis« bewirkte, dass die äußere, sinnliche Welt dem Menschen nicht in ihrer wahren Gestalt erscheint, sondern alles Geistigen entkleidet. Die Vorstellungen, die sich der Mensch von der sinnlichen Welt bildet, sind »irrtums«behaftet, sein Bild dieser Welt ist »falsch«, da er in ihr nicht eine Offenbarung des Geistes erkennt, sondern das Gegenteil. Alle äußeren Eindrücke der Sinne, sind »Illusion, Täuschung«, solange der Mensch nicht sein geistiges Auge erweckt und den ahrimanischen Schleier durchstößt. Diese allgemeine Aussage betrifft auch den Tod. »Gerade über den Tod musste die Menschheit in die irrtümlichsten, verhängnisvollsten Anschauungen verfallen«, »die Gestalt, in der sich uns der Tod darstellt« ist »Maja, Illusion, Täuschung«.

In Wahrheit stammt die sinnliche Welt aus dem Geist, sie ist eine – wenn auch verschleierte – Offenbarung des Geistes. Die »ursprünglichste Gestalt« dieses Geistes, aus dem alles Sinnlich-Physische hervorgeht, »die Grundlage alles Seins«, wird in der christlichen Esoterik als »Vater-Prinzip in der Gottheit« bezeichnet. Die Rede ist von der ersten Person der Trinität, dem Vater. Der gesamten geschöpflichen Welt, also auch dem Menschen als Geschöpf, liegt dieses »göttliche Vater-Prinzip« zugrunde. Die Wirkung Ahrimans, des Geistes der Finsternis, hat das göttliche Vater-Prinzip verhüllt. Statt der »Trugbilder der Sinne«, müsste der Mensch »in allem, was ihn umgibt«, dieses göttliche »Vater-Prinzip« sehen. Auch der Tod, der die gesamte Sinneswelt beherrscht, muss als Ausdruck dieses Vater-Prinzips aufgefasst werden. Wenn wir den Tod in seiner Wahrheit erkennen wollen, müssen wir in ihm, wie auch in allem übrigen, den »kosmischen Vater« suchen. Wir müssen lernen zu sagen: »Der Tod ist der Vater«. Nun gab es in der Geschichte ein Ereignis, das über die wahre Gestalt des Todes aufklärte, und dieses Ereignis war der Tod Christi am Kreuz.

Dem ahrimanischen Einfluss auf den Menschen ging aber der luziferische voraus, dessen Folge der erstere ist. Die luziferischen Mächte streuten in den menschlichen Astralleib die Saat der Selbstsucht, die das geistige Licht verdunkelte, das der Mensch wahrzunehmen vermochte, solange er frei vom Einfluss jener Mächte war. Die Selbstsucht zog Irrtum und Lüge, Krankheit und Tod nach sich.[14] Daher kann Steiner sagen: der Tod war die Folge des Einflusses von Luzifer und Ahriman.

Um den Menschen über die wahre Gestalt des Todes aufzuklären, musste dessen Ursache, der luziferisch-ahrimanische Einfluss beseitigt werden. Dies vermochte nur ein Wesen zu vollbringen, das vollkommen frei von diesem Einfluss war, das mit all dem, wodurch die Menschen dem Bösen verfallen und schuldig geworden waren, nichts zu tun hatte. Ein ganz und gar unschuldiges Wesen musste den Tod erleiden, um jede Form von Tod auszulöschen, die infolge irdischer Schuld eingetreten war. Dieses Wesen vermählte sich mit dem Tod, um dem Menschen jene Kräfte zu verleihen, die ihn nach und nach dazu befähigen, die wahre Gestalt des Todes, »den immer lebendigen Vater«, zu erkennen.

Der Tod vermochte Christi Leben nicht auszulöschen, vielmehr ist das Bild seines Todes ein »Wahrzeichen« dafür, dass der Tod »der Leben-Spender«, ein »Same des Lebens« ist. »Er ist hineingesät worden in unsere physisch-sinnliche Welt, damit diese physisch-sinnliche Welt nicht herausfällt aus dem Leben, sondern heraufgenommen werden kann in das Leben« des Geistes. »Die Widerlegung des Todes musste am Kreuz geliefert werden durch den widerspruchsvollen Tod, durch den Tod, der ein unschuldiger gewesen ist.«

Trotzdem der Tod eine Illusion ist, war diese Illusion doch notwendig, damit der Mensch zu seinem Ich-Bewusstsein gelangen konnte. »Hätte der Mensch immer gewusst, dass der Tod der Same des Lebens ist, er wäre … nicht zu einer selbstständigen Ichheit gekommen, denn er wäre geblieben im Zusammenhang mit der geistigen Welt. So aber trat der Tod ein, gab ihm die Illusion, dass er getrennt sei von der geistigen Welt, und erzog so den Menschen zur selbstständigen Ichheit«.

Die Überwindung des Todes beginnt dort, wo er seinen Anfang nahm: bei der Selbstsucht. Und das Blut, das aus den Wunden des Erlösers fließt, ist ein »tatsächliches Symbol« für jene Selbstsucht. »Wäre das Blut nicht geflossen auf Golgatha, wäre der Mensch im Egoismus geistig verhärtet«. Dadurch, dass es floss, wurde ihm der Keim zur Überwindung dieser Selbstsucht eingeimpft. Von jenem Augenblick an begann ein geistiges Licht die Aura der Erde zu durchdringen, das zum ätherischen, schließlich zum physischen Licht werden wird. Die Erde entwickelt sich zur Sonne weiter. Das Astrallicht, das seither von der Erde ausstrahlt, ist der Anfang ihres künftigen Sonnendaseins. (Im Folgenden werden die impliziten Hinweise Steiners auf die in Christus mitenthaltenen hierarchischen Wesen kursiv gesetzt). »Je mehr die Erde Sonne wird, desto mehr verbrennt die Maja« des äußeren Sinnenscheins »im Sonnenfeuer« (Feuergeister, Erzengel). Mit dem Aufdämmern des Lichtes der Sonne (Lichtgeister, Exusiai) in der Erdenaura begann auch »die Christus-Kraft« (Urkräfte, Archai) in den menschlichen Ätherleib einzufließen und dieser Ätherleib fing an, neue Lebenskraft (d.h. den göttlichen Lebensgeist) in sich aufzunehmen. Die Erde war zum Zeitpunkt des Ereignisses von Golgatha bereits alt geworden, aus ihrem Ätherleib vermochte die Menschheit kein Leben mehr zu schöpfen. Seither können die Menschen »die strahlende Gewalt« (Gewalten, Exusiai), die sich mit der Erde verbunden hat, in sich aufnehmen und auch ihre Ätherleiber beginnen von innen her zu strahlen. Das »Christus-Licht« (Lichtgeister, Elohim; Weisheitslicht, Kyriotetes) fließt in die Ätherleiber der Menschen ein.

Diese vom Christus-Licht durchdrungenen menschlichen Ätherleiber »atmen Leben«, sie sind »unsterblich« und »verfallen niemals dem Tod«. Sie strahlen in den Weltraum hinaus und bilden um die Erde herum eine leuchtende Geist-Sphäre. »Eine Art von Geistes-Sphäre bildet sich um die Erde herum aus den lebendig gewordenen Ätherleibern. Ebenso, wie das Christus-Licht von der Erde ausstrahlt, ebenso haben wir eine Art von Widerspiegelung des Christus-Lichtes im Umkreis der Erde. Was hier widergespiegelt wird als Christus-Licht, und was als Folge des Christus-Ereignisses eingetreten ist, ist das, was Christus den Heiligen Geist nennt«. Das Christus-Licht, das die menschlichen Ätherleiber in sich aufgenommen haben, wandelt sie in Lebensgeist um, und dieser Lebensgeist, den sie nach dem Tode ausstrahlen, bildet die Sphäre des Heiligen Geistes!

Auch die »dritte Person« der »christlichen Trinität« erfährt damit ihre esoterische Auslegung. Dieser Heilige Geist geht vom Sohn aus, denn die Widerspiegelung des Christus-Lichtes im Umkreis der Erde ist »eine Folge des Christus-Ereignisses«. [15] Gleichzeitig wird sie durch den Menschen vermittelt, denn die Sphäre des Heiligen Geistes bildet sich aus den »lebendig gewordenen menschlichen Ätherleibern«, die das aufgenommene Licht zurückspiegeln. Dieses Licht ist aber auch ihr eigenes Licht, denn sie haben es in sich aufgenommen und sind durch es verwandelt worden. Wie sich noch zeigen wird, erstrecken sich die Wirkungen des »Christus-Ereignisses« nicht nur auf den Ätherleib des Menschen, sondern auch auf dessen Ich, das seit diesem Ereignis zu einer »Nachbildung des Christus-Ich« zu werden vermag. Dass es auch den Keim zur Überwindung der Selbstsucht in den Astralleib des Menschen senkte, wurde bereits erwähnt. Schließlich wirkt es sich aber auch auf dessen physischen Leib aus, wovon weiter oben andeutungsweise die Rede war: durch den Auferstandenen wurde der Erdentwicklung die geistige Form des menschlichen Knochensystems einverleibt, die den Tod besiegt. Dadurch vermag der Mensch nach und nach der Erdenaura die edle Form seines Knochensystems als Gesetz einzuprägen.

Durch das Ereignis von Golgatha wurde ein »neuer kosmischer Mittelpunkt geschaffen«, aus dem sich eine neue Welt bilden wird. Wer den sterbenden Christus betrachtet, blickt in Wahrheit auf die Geburt einer neuen Sonne. Und diese neue Sonne entsteht unter anderem aus dem Licht, das die transformierten menschlichen Ätherleiber im Umkreis der Erde ausströmen.

Christus »vermählt sich« mit dem Tod, dem »charakteristischen Ausdruck des Vater-Geistes auf Erden«. Und durch diese Hochzeit wird »das Bild des Todes unwahr«, »denn der Tod wird zum Samen einer neuen Sonne im Weltall«, zum Anfang einer »Lebens-Sonne«. »So viel werden die Menschen beitragen zu einer neuen Sonne und zu einem neuen Planetensystem, als sie, empfangend vom Christus-Impuls, hingeben von ihrem Eigenen, und so immer mehr und mehr die Lebens-Sonne zu einer größeren machen«.

Das Johannes-Evangelium deutet auf diese Geheimnisse hin, wenn es Christus sagen lässt: »Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater«. (Joh, 16,28). Steiner kommentiert: »›Ich bin vom Tode ausgegangen‹, das heißt vom Tode in seiner wahren Gestalt, vom Lebens-Vater«.

Noch einmal heißt es zusammenfassend gegen Ende des Vortrags: »Nimmermehr wäre die neue Lebens-Sonne entstanden, wenn nicht der Tod in die Welt gekommen wäre und sich hätte überwinden lassen von dem Christus. So ist der Tod, in seiner wahren Gestalt angesehen, der Vater. Und der Christus ist in die Welt gekommen, weil von diesem Vater ein falsches Spiegelbild entstanden ist im Tod. Und der Christus ist in die Welt gekommen, um die wahre Gestalt, ein wahres Nachbild des lebendigen Vater-Gottes zu schaffen. Der Sohn ist der Nachkomme des Vaters, der die wahre Gestalt des Vaters offenbart. Wahrhaftig, der Vater hat seinen Sohn in die Welt geschickt, damit die wahre Natur des Vaters offenbart werde, das heißt, das ewige Leben, das sich hinter dem zeitlichen Tod verbirgt«.

Die Grundlage alles Seins, das göttliche Vater-Prinzip, der kosmische, immer lebendige Vater, dem alle Dinge einschließlich des Menschen angehören, hat aus Steiners Sicht niemals aufgehört, zu sein, was er ist, aber seine Natur verschleierte sich, letztlich um die Herausbildung des menschlichen Ichbewusstseins zu ermöglichen. Er ist das ewige Leben, der Same des Lebens, der Lebens-Vater, er hat seinen Nachkommen, seinen Sohn in die Welt gesandt, um das falsche Spiegelbild, das aufgrund des luziferisch-ahrimanischen Einflusses von ihm entstanden ist, zu berichtigen, um ein wahres Nachbild des lebendigen Vater-Gottes zu schaffen. Der Sohn offenbart durch seinen Tod die wahre Gestalt seines Vaters und er kehrt wieder zu diesem Vater, in das ewige Leben, zurück.

7. Der siebenarmige Leuchter

Im letzten Vortrag dieser Reihe, am 7. Juli 1909, kommt Steiner noch einmal auf Vater und Sohn zurück. Hier wird ein weiterer Schleier des göttlichen Mysteriums gelüftet. Damit die Erdenwelt, in der der gegenwärtige Mensch lebt, entstehen konnte, musste sich eine frühere, überirdische Welt bis zum physischen Stoff verdichten. Die »äußere« Welt ist Ausdruck einer göttlich-geistigen Wirklichkeit, die Geschöpfe, die aus letzterer hervorgegangen sind, existieren »neben oder außerhalb« derselben. Anders ausgedrückt: die göttlich-geistige Wirklichkeit existiert »neben« oder »außerhalb« der physisch-sinnlichen fort; ebensogut könnte man sagen: die göttlich-geistige Welt durchdringt und umschließt – für das gewöhnliche Bewusstsein unwahrnehmbar, deshalb außerhalb seiner Wirklichkeit – die sinnliche. Aber auch dieses Verhältnis von Immanenz und Transzendenz unterliegt dem Wandel. Alle früheren planetarischen Metamorphosen waren »mehr oder weniger« »in der göttlichen Wesenheit« enthalten. Sämtliche Wesen des Saturn befanden sich noch »im Schoß des göttlichen Vater-Geistes«. Auch die alte Sonne und der alte Mond enthielten alle Geschöpfe in ihrem Schoss. Erst auf der Erde drang aus dem Schoß der »göttlich-geistigen Wesenheit« die Schöpfung hervor, und wurde zu etwas, das neben dem Vater existierte. Er entließ alle Geschöpfe (vom Mineralreich bis zum Menschenreich) aus sich und breitete sie »wie einen Teppich« um sich herum aus. [16] Und so wurde die Schöpfung zu einem Abbild des Vater-Gottes.

Erinnern wir uns der Ausführungen im dritten bis fünften Vortrag. Der Logos, so hieß es, habe aus dem Weltenchaos während der Saturnentwicklung die Anlage des physischen Menschenleibes hervorgerufen, sei auf der alten Sonne zum Leben und auf dem Mond zum Licht geworden. Hinzu kam später die Metamorphose dieses Logos zum Ich. Der Logos erschien als Inbegriff der schöpferischen Kräfte, die den Kosmos und mit ihm den Menschen hervorbringen und gestalten, als Wesen, das die gesamte Hierarchienwelt in sich trägt, aber zugleich seiner eigenen Epiphanie in ihr und durch sie vorausgeht. Der Logos nahm die Gestalt der Throne, Kyriotetes, Dynamis und Exusiai an oder manifestierte sich durch sie.

Hier nun wird diese gesamte Schöpfung des Logos zu einem Abbild des Vater-Gottes erklärt und zwar jene Gestalt, die sie auf der vierten Stufe der kosmischen Metamorphose annahm: sie trat aus dem Schoß des Vaters heraus – Vater und Schöpfung entzweiten sich – und diese Entzweiung machte das Hervortreten des Sohnes aus dem Vater erforderlich, um das Entzweite wieder zu versöhnen. Nicht nur der gesamte Kosmos, sondern auch das Menschen-Ich trat aus dem Schoß des Vaters hervor und dieses Ich vermag den Logos in sich aufzunehmen und die ersterbende Schöpfung aus seiner Kraft zu erneuern. Der Logos war beim Vater (πρὸς τὸν θεόν), er war das Schöpfungswort des Vaters, nichts ist entstanden, außer durch ihn, in ihm war das Leben und das Licht und dieses Licht schien in die Finsternis, schließlich wurde er Mensch. Als himmlischer Mensch trat er aus dem Vater hervor, um die irdisch gewordene Menschheit zum Vater zurückzuführen, um das Abbild des Vaters in der Schöpfung wieder herzustellen.

Der Mensch vermag aufgrund des Einflusses der luziferischen und ahrimanischen Wesen (der Vertreibung aus dem Paradies) dieses Abbild nicht mehr als solches zu erkennen, da es ihm verfälscht, »getrübt« erscheint. Diese »Trübung« entstand in jener Zeit, als der Mond sich von der Erde loslöste. Die luziferischen und ahrimanischen Mächte durchwoben die Hüllen des Menschen, während diese sich allmählich verdichteten. Noch in der frühen atlantischen Zeit schwebte der Mensch als Wasserwesen im Nebeldampf der Erde. »Er war so ähnlich beschaffen, wie heute gewisse gallertartige Tiere im Meereswasser«. [17] Nach und nach »verhärteten«, »verdichteten« sich seine Organe. In der ersten atlantischen Zeit vermochte er seine hierarchischen Genossen noch hellseherisch wahrzunehmen. Zu diesen gehörten Wesen, die ihren Wohnsitz auf der Sonne aufgeschlagen hatten. Mit ihnen verkehrte der Menschenvorfahr im Schlafbewusstsein.

Immer mehr verdichtete sich die Erde und mit ihr der Mensch in der zweiten Hälfte der atlantischen Zeit. Luzifer vermochte sich in seinem Astralleib »einzunisten« und ihn in die sich verdichtenden Hüllen hinabzuziehen. Seine früheren Himmelsgenossen zogen sich von ihm zurück und stießen die luziferischen Mächte vom »Himmel« herab. Eine jener Wesenheiten, welche die luziferischen Mächte in den Abgrund hinunterstießen, »war« laut Steiner der Erzengel »Michael«. Trotzdem verdunkelte sich das Bewusstsein des Menschen zunehmend, Ahriman begann zu wirken und ihn in die sinnliche Welt einzuspinnen. Aber das Wirken dieser Widersacher war notwendig, um das menschliche Ich vom Zusammenhang mit der göttlichen Welt abzuschneiden, damit er durch die Anschauung seines Spiegelbildes das Ichbewusstsein erlangen konnte. Doch der Mensch wäre im Gespinst der Illusionen Luzifers und Ahrimans »untergegangen«, wenn er sich zu sehr in sie verstrickt hätte. Um die »Erinnerung an den göttlichen Ursprung« zu retten, gab der »göttliche Vater-Geist« allem, was in die Stofflichkeit herabsank, »die Wohltat des Todes« mit. Seither ist das Leben auf Erden vom Tod durchdrungen. Wohltätig entreißt er den Menschen der Selbstvergessenheit, durch die er seinen Zusammenhang mit der göttlich-geistigen Welt vollständig verlieren würde. Er muss das Ichbewusstsein, das er fern von seiner Heimat erringen konnte, mitnehmen, wenn er wieder in sie eintritt. [18] »Er muss mit seiner Ichheit in die göttlich-geistige Welt hineingehen. Er muss daher das irdische Reich, dem ganz der Tod einverwoben ist, befruchten können so, dass der Tod der Same wird für eine Ichheit im Ewigen, im Geistigen«. Die Kraft, den Tod in den Samen einer ewigen Ichheit umzuwandeln, wurde ihm durch den »Christus-Impuls« zuteil. Dadurch, dass sich »Christus, das Abbild des Vater-Geistes, der Sohn des Vater-Geistes« mit dem Tode »vermählte«, wurde der Tod zum Anfang eines neuen Lebens, einer neuen Sonne. Nachdem der Mensch sich das ewige Ich erobert hat, kann alles Frühere verschwinden und der Mensch vermag mit diesem ewigen Ich, das immer mehr zu einer »Nachbildung des Christus-Ich« wird, der Zukunft entgegenzugehen.

All diese Überlegungen fasst Steiner im Symbol eines siebenarmigen Leuchters zusammen. Nacheinander werden seine einzelnen Kerzen entzündet, die die aufeinanderfolgenden planetarischen Entwicklungsstufen der Erde verbildlichen: den alten Saturn, die alte Sonne, den alten Mond, schließlich die jetzige Erde. Wenn aber dank des vierten Lichtes das fünfte, sechste und siebente aufleuchten, werden die ersten drei verglimmen. Mit dem fünften erlöscht das erste, mit dem sechsten das zweite, mit dem siebenten das dritte, denn die Früchte dieser Lichter gehen im Leben der künftigen Sonne auf.

Steiner übersetzt dieses Gleichnis auch in begriffliche Form. Die drei ersten Lichter (Saturn, Sonne, Mond) repräsentieren eine vergangene Entwicklung, die aus dem Vater-Geist hervorgegangen ist. Allmählich brennen die ersten drei Kerzen ab, während mit Christus ein neues Licht, eine neue Sonne zu leuchten beginnt. Das Licht des Vater-Geistes verglimmt, während gleichzeitig das Licht des Sohnes, des Nachbildes des lebendigen Vater-Gottes aufleuchtet. Die Schöpfung des Vaters geht in jene des Sohnes über, der das wahre Bild des Vaters, die wahre Schöpfung, wiederherstellt. Der Sohn wurde in die Welt gesandt, um die wahre Natur des Vaters zu offenbaren, und diese wahre Natur offenbart sich durch den Menschen, der zum Organ der kosmischen Transformation wird, wenn er das Leben und das Licht des Sohnes, das vom Vater kommt, in sich aufnimmt.

Seit dem Ereignis von Golgatha ist der »Christus-Geist« mit der Erde vereint. Er hat in ihr einen neuen Lichtmittelpunkt geschaffen, der in die Welt hinausleuchtet, ja Christus ist »ewig in die Erdenaura verwoben«. Wer die Erde betrachtet, ohne diesen Christus-Geist zu berücksichtigen, sieht nur das »Verwesende«, »Verfaulende«, »den sich zersetzenden Leichnam«.

Die Wahrheit aber ist, dass die Erde, seit der Christus-Geist sie durchdrungen hat, »bis in die einzelnen Atome hinein« von geistigem Leben erstrahlt. Deshalb konnte Christus auch sagen: »Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut«. Deswegen konnte das Abendmahl zu einer »Vorschule der mystischen Vereinigung mit dem Christus« werden. Für alle, die ein »äußeres Symbol« benötigten, »um einen geistigen Akt«, »die Vereinigung mit Christus«, zu vollziehen, wurde es ein Weg zu Christus, weil das Ritual in ihnen Gedankenbilder erweckte, die den Christus-Geist in ihre Seelen zogen. Wenn aber die Kraft des Menschen stark genug ist, um »ohne äußeres Symbol« zu dieser Vereinigung zu gelangen, kann die Kommunion rein mystisch stattfinden: »vom Physischen zum Geistigen muss sich das Abendmahl entwickeln, um hinzuführen zur wirklichen Vereinigung mit dem Christus«.

Schließlich kommt Steiner auf Paulus zu sprechen, dem der Auferstandene in der Aura der Erde erschien. Was sah Paulus in dieser Aura? Den »vollständig« von Christus durchdrungenen Ätherleib des Jesus von Nazareth, einen Ätherleib, der den physischen Leib gänzlich unter seine Herrschaft gebracht hatte. Dieser Ätherleib vermochte nach dem Tod den physischen Leib mit all seinen phänomenalen Eigenschaften wiederherzustellen. Die Augenzeugen der Auferstehung sahen mit ihren Geistesaugen den Ätherleib Christi, einen Ätherleib »mit allen Erscheinungen« des physischen Leibes. Daher schien es ihnen, Christus sei »als Leibhaftiger auferstanden«. Aber was sie sahen, war keine bloße Erscheinung, keine Fatamorgana, sondern »Wirklichkeit«. [19] Die Anschauung des Paulus war die »[theosophisch-] anthroposophisch-geistige«, zu der auch der christlich-gnostische, bzw. der rosenkreuzerische Schulungsweg führt. Wer diesen Weg »mit Geduld und Ausdauer« beschreitet, vermag ein Nachfolger des Paulus zu werden, sich nach und nach die Fähigkeit anzueignen, »in die geistige Welt hineinzublicken« und Christus »von geistigem Angesicht zu geistigem Angesicht zu schauen«. [20]

Vorheriger Beitrag: Christus, das Abbild des Vater-Geistes – 1909

wird fortgesetzt

Anmerkungen:

[1] 1. Juli 1909.

[2] Eine umfassende Aufarbeitung dieses Themas hat Frank Linde 2015 in zwei Bänden vorgelegt: Die Auferstehung im Werk Rudolf Steiners.

[3] 2. Juli 1909.

[4] 3. Juli 1909.

[4a] Ein empörter Leser dieses Blogs, offenbar ein Swassjan-Anhänger, hat gegen die hier vorgeschlagene Korrektur der Nachschrift protestiert (Zitat: »Aus welcher, Selbst-Erhabenheit ausstrahlender, arrogant – unvorsichtiger Fälschungswerkstatt stammen Sie, dass sie Originaltexte Rudolf Steiner  so verändern, als hätte Sie Rudolf Steiner selbst dazu autorisiert? … Es ist ein Dilemma, dass diese Ravaglis nie auf die Schulbank wollten, also irgendwann sich selbst Zeugnisse ausgestellt haben mit einem ›Summa cum Laude!‹ Und mit dieser Selbsterhöhung geht es dann wieder gegen den LEIB des Menschen in einem lateinistert-plausibilisierten Intellektualismus, der sich unter Geist gar nichts konkretes vorstellen kann, sondern nur eine Floskel handhabt. Wobei sich dann Ravagli gegen Nominalismus auch noch wehrt, weil er sich einbildet, dass seine Ergüsse etwas anderes wären als Nominalismen … Das Problem RAVAGLI übersteigt aber all dies, indem ein sich selbst grenzenlos  zelebrierender Anthroposoph anno 2017 immer  noch nicht in der Lage ist, den eigentlichen Begriff des Geistes gleichzeitig als Menschenkörper zu identifizieren«). –

Auf die enthemmte Polemik will ich mich nicht einlassen, stattdessen meinen Korrekturvorschlag etwas untermauern. Zunächst sei noch einmal betont, dass es sich bei diesen Vortragsnachschriften keineswegs um »Originaltexte Rudolf Steiners« handelt. Die Herausgeber des Bandes GA 112 weisen auf S. 286 darauf hin: »Die Vorträge wurden von Walter Vegelahn, Berlin, mitgeschrieben. Seine Übertragung in Klartext liegt dem vorliegenden Druck zugrunde. Das Originalstenogramm ist nicht vorhanden«. Wir haben es also mit einem Text Walter Vegelahns zu tun. Ob der hier zur Rede stehende Satz von Steiner tatsächlich so gesprochen wurde, wie er gedruckt ist, kann schlechterdings nicht überprüft werden. Jedenfalls handelt es sich nicht um einen »Originaltext Steiners«, solche liegen lediglich in seinen Schriften und in Vorträgen vor, die er selbst redigiert und herausgegeben hat.

Liest man die ganze Passage im Vortrag vom 3. Juli, bietet sich die von mir vorgeschlagene Lesart geradezu an, schon aufgrund der zahlreichen Parallelkonstruktionen vor und nach diesem Satz. Die Ausführungen über die Herrschaft des Geistes über das Knochensystem werden durch Schilderungen der vorchristlichen Einweihung eingeleitet. Schon die alten Eingeweihten, die aus ihrem Leib heraustreten mussten, um erleuchtet zu werden, hatten eine »gewisse Gewalt über die Leiblichkeit«. Wenn sie nach der Einweihungsprozedur wieder in ihren physischen Leib zurückkehrten, »beherrschten« sie ihn »in bezug auf gewisse feinere Elemente auf großartige Weise«. Konnte man solchen Eingeweihten ansehen, dass sie diese Herrschaft über ihre verschiedenen Hüllen, »sogar über den physischen Leib« erlangt hatten? Wenn man selbst ein Hellseher war ja. Den übrigen erschienen diese Eingeweihten wie »schlichte Menschen«. Der Grund ist der, dass sich die Veränderungen, die in der Einweihung stattfanden, auf »das Geistige« »hinter dem physischen Leib« bezogen. Wie man sieht, spricht Steiner selbst vom Geist, der Herrschaft über den Leib  bzw. »das Geistige hinter dem Leib« ausübt. Diese Herrschaft über den physischen Leib ging bei den vorchristlichen Eingeweihten »bis zu einem gewissen Grad«. Denn etwas vermochten sie geistig nicht zu beherrschen: »die feinen physikalisch-chemischen Vorgänge im Knochensystem«. Bis zur Taufe am Jordan, so Steiner, gab es keine einzige menschliche Individualität, die Macht über diese Vorgänge des Knochensystems auszuüben vermochte. Als Christus in Jesus von Nazareth »hineinfuhr«, übernahm »die Ichheit des Christus« die Herrschaft »bis in das Knochensystem hinein«. Die Ichheit des Christus ist Geist, das Knochensystem Teil des physischen Leibes. Darauf folgt der Satz: »Und die Folge davon war, dass einmal auf der Erde ein Leib gelebt hat, welcher imstande war, seine Kräfte so zu beherrschen, dass er die Form des Knochensystems, die geistige Form des Knochensystems der Erdenentwicklung einverleiben konnte«. Könnte der Mensch, fährt Steiner fort, nicht »die edle Form seines Knochensystems als Gesetz der Erdentwicklung einverleiben«, bliebe von ihm nichts zurück. Zweimal wird dies gesagt. Beim zweiten Mal lautet der Satz: »Nichts würde von der Erdenentwickelung in die Zukunft hinübergenommen werden, wenn nicht die Form des Knochensystems hinübergenommen würde«. »Die Form des Knochensystems«, so die Nachschrift weiter, »besiegt den Tod im physischen Sinne«. Daher musste derjenige, der den Tod auf Erden besiegen sollte, auch Herrschaft über das Knochensystem ausüben und zwar so, wie alle Menschen diese Herrschaft in bezug auf »geringere Fähigkeiten« ausüben. Nun folgen Beispiele: die Herrschaft über das Blutsystem, die sich im Erröten bei Scham und im Erblassen bei Schreck zeigt, die Herrschaft über das Drüsensystem (das nicht namentlich genannt wird), die sich durch die Tränen der Trauer zeigt. »Das alles«, so kommentiert der Text, »sind gewisse Herrschaften der Seele über das Körperliche. Noch viel mehr Herrschaft über das Körperliche erhält derjenige, der in einem gewissen Grade eingeweiht ist: er erhält die Möglichkeit, in bestimmter Weise die Bewegungen der Teile seines Gehirns willkürlich zu beherrschen und so weiter«. Auch hier haben wir es mit fortlaufenden Parallelkonstruktionen zu tun: stets geht es um die Herrschaft der Seele oder des Geistes über den (physischen) Leib, nie aber um die Herrschaft des Leibes über sich selbst, wie jener eine Satz suggeriert, der aus dem Rahmen der gesamten Konstruktionslogik herausfällt.

Zusammenfassend heißt es nach all diesen Erläuterungen: »Diejenige menschliche Wesenheit also, welche die Hülle des Jesus von Nazareth war, sie kam unter die Herrschaft des Christus. Und die Willkür des Christus, sein freier Wille, drang mit seiner Herrschaft hinein bis in das Knochensystem, so daß er sozusagen zum ersten Male hineinwirken konnte in dieses Knochensystem«. Christus war zweifellos ein »Geistwesen«. Dieses Geistwesen ergriff die Herrschaft über die Hüllen des Jesus von Nazareth bis in dessen Knochensystem hinein. Die Willkür des Christus, sein freier Wille – auch bei diesem handelt es sich zweifellos um etwas Geistiges – konnte bis in das Knochensystem hineinwirken. »Und die Folge davon war, dass einmal auf der Erde ein Geist gelebt hat, welcher imstande war, die Kräfte seines Leibes so zu beherrschen, dass er die Form des Knochensystems, die geistige Form des Knochensystems der Erdenentwicklung einverleiben konnte«. Oder wie man auch formulieren könnte: »Die Folge davon war, dass einmal auf der Erde ein Leib gelebt hat, dessen Geist imstande war, seine Kräfte so zu beherrschen, dass er die Form des Knochensystems, die geistige Form des Knochensystems der Erdenentwicklung einverleiben konnte«. –

Dass vom Geistleib Christi die Rede ist, muss hier nicht eigens betont werden: der Geist Christi vermochte bis in die mineralische Substanz des Knochensystems hinein zu wirken, d.h., diese zu transsubstantiieren, und er vermochte dessen geistige Struktur, »die geistige Form des Knochensystems«, »das Gesetz« dieses »edlen Systems« zu beherrschen, d.h. zu individualisieren. Diese Kraft der Transformation und Individuation zeigt sich in allem, was Jesus nach der Jordantaufe vollbringt, ihre höchste Manifestation ist die Auferstehung, die zur Epiphanie des Geistleibes Christi führt. Der Geistleib Christi ist der vollkommen umgewandelte physische Leib des Jesus von Nazareth. Oder, wie es im letzten Vortrag dieser Reihe heißt: Paulus sah vor Damaskus den »vollständig« von Christus durchdrungenen Ätherleib des Jesus von Nazareth, einen Ätherleib, der den physischen Leib gänzlich unter seine Herrschaft gebracht hatte. Dieser Ätherleib vermochte nach dem Tod den physischen Leib mit all seinen phänomenalen Eigenschaften wiederherzustellen. Die Augenzeugen der Auferstehung sahen mit ihren Geistesaugen den Ätherleib Christi, einen Ätherleib »mit allen Erscheinungen« des physischen Leibes.

[5] Diese Ausführungen beziehen sich auf Joh 19, 31-34.

[6] 4. Juli 1909.

[7] Als Illustration für diese Differenz führt Steiner im Vortrag Goethes Xenion an: »Vom Vater hab’ ich die Statur, des Lebens ernstes Führen; vom Mütterchen die Frohnatur, und Lust zu fabulieren«. Bei der Einführung dieser Unterscheidung im Vortrag vom 3. Juli heißt es über die Wirkungen des Weiblichen und des Männlichen in der menschlichen Fortpflanzung: »Würde das Weibliche die alleinige Oberhand haben, so würden sich die Menschen so entwickeln, dass in ihnen die gleichartigen Charaktere immer wieder und wieder zum Vorschein kämen. Es wäre immer das Kind den Eltern, den Großeltern usw. ähnlich. Alles an Kräften, was die Ähnlichkeit bewirkt, das haftet am Weiblichen. Alles, was die Ähnlichkeit verändert, was Unterschiede schafft, das haftet am Männlichen … Das Männliche wirkt individualisierend, spezialisierend, trennend; das Weibliche dagegen generalisierend«.

[8] Steiner erläutert die alte Einweihung auch noch an einem zweiten Beispiel: der christlichen Judas-Sage, die – abgesehen von ihrem Ende – wie eine christianisierte Version der Ödipussage klingt. Während Ödipus infolge des Unheils, das er gebracht hat, sein Augenlicht verliert (Ödipus blendet sich selbst), erblindet Judas nicht, vielmehr ist er »dazu ausersehen«, durch seinen Verrat »den Tod des Lichtes der Welt« herbeizuführen. Im Gegensatz zu Ödipus, der seine »unbewusst« begangenen »Verbrechen« durch Selbstblendung sühnt, wird Judas von Christus in den Kreis seiner Jünger aufgenommen. Steiner dazu: »Er fand einzig und allein Erbarmen … bei demjenigen, der das Erbarmen für alle hatte, die in seine Umgebung traten, der nicht nur mit Zöllnern und Sündern an einem Tische saß, sondern … auch diesen großen Sünder [der ebenfalls seinen Vater getötet und seine Mutter geehelicht hatte] in seine Nähe nahm …«

[9] Was Steiner hier nur andeutet, trat im Nationalismus und Rassismus des 19. und 20. Jahrhunderts tatsächlich ein. Am 26. Oktober 1917 (GA 177) wurden diese Hintergründe des Kollektivismus der Moderne von ihm ausführlich beleuchtet.

[10] Dieser Satz bringt noch heute Exegeten in Erklärungsnot. In der Stuttgarter Erklärungsbibel, herausgegeben von der Evangelischen Kirche in Deutschland 1992, wird er wie folgt erläutert: »Jesu Frage lautet wörtlich: ›Was (ist) mir und dir, Frau?‹ Sowohl Frau als auch die hebräische Redensart, mit der man die Ansprüche anderer ab- und sie selbst in ihre Schranken weist oder anderen bekundet, dass man nichts mit ihnen zu tun haben will, klingt der Mutter gegenüber hart. Doch hat Jesus ganz und allein dem Willen des Vaters zu folgen, der ihm den rechten Zeitpunkt bestimmt«. S. 1330. Luther übersetzte noch unbefangener (falsch) im Stil eines frühneuzeitlichen Mönchs: »Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?«

[11] Am Ende des Vortrags vom 6. Juli wird dieses Evangelium als »Vermächtnis des Christus für die Ewigkeit« bezeichnet, von dem die Menschheit »in alle Zukunft wird zehren können«.

[12] 6. Juli und 7. Juli 1909.

[13] Mitten in seinen Ausführungen ruft Steiner aus: »Wir waren dabei als Menschen, ob nun in einem physischen Leib oder außerhalb des physischen Leibes zwischen Geburt und Tod«.

[14] Von Selbstsucht, Irrtum, Lüge, Krankheit und Tod war bereits in den Vorträgen über das Johannes-Evangelium im Mai 1908 die Rede. Hier hieß es im siebenten Vortrag, im voll entwickelten Geistselbst werde es keine Selbstsucht mehr geben, im voll entwickelten Lebensgeist weder Irrtum noch Lüge und im voll entwickelten Geistesmenschen keine Krankheit und keinen Tod mehr. Diese Befreiung des Menschen von seiner Schattengestalt wurde auf Christus zurückgeführt, der sie bereits paradigmatisch verwirklicht habe. Siehe GA 112, Vortrag vom 26. Mai 1908.

[15] Über diesen Ausgang des Geistes vom Sohn und vom Vater oder vom Vater durch den Sohn oder vom Sohn durch den Vater heißt es im Johannes-Evangelium: »Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Parakleten geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit (τὸ πνεῦμα τῆς ἀληθείας)« (14, 16-17). »Aber der Paraklet, der Heilige Geist (τὸ πνεῦμα τὸ ἅγιον), den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren …« (14, 25).  »Wenn aber der Paraklet kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir« (15, 26). »Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen« (16, 12-15).

[16] Steiner spricht in seinen Vorträgen häufig vom »Sinnesteppich«. Der Teppich ist ein Gewebe wie das Totentuch der Penelope oder der Schleier der Isis. »So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit und wirke der Gottheit lebendiges Kleid«, ruft der Erdgeist Faust kurz »vor des Osterfestes erster Feierstunde« zu.

[17] Nebenbei bemerkt werden durch diesen Hinweis alle Versuche, aus Steiners Ausführungen über die »Unterrassen« der atlantischen Zeit – zum Beispiel in den Aufsätzen »Aus der Akasha-Chronik« 1904/05 – einen angeblich konstitutionellen Rassismus der Anthroposophie herauszudestillieren, ad absurdum geführt. Was für ein Rassismus soll das sein, dessen »Rassen« als »quallenartige Tiere« im »Nebeldampf der Erde« schwimmen?

[18] Die Anklänge an den gnostischen Mythos, z.B. das Perlenlied, sind nicht zu überhören.  Gleichzeitig bildet Steiner diesen Mythos in einem entscheidenden Punkt um: er anerkennt die Realität der Inkarnation und des Todes Christi. Allein durch diesen realen Tod wird der Schein des Todes offenbar.

[19] Näheres hierzu bei Frank Linde: Die Auferstehung im Werk Rudolf Steiners, 2 Bde. 2015.

[20] Dieses »Schauen von Angesicht zu Angesicht« sollte binnen kurzem auch im Schulungskapitel der Geheimwissenschaft im Umriss als »Erkennen des Christus durch Intuition« thematisiert werden.

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