Das Christentum als zentrales Moment der Evolution – 1906 (6)

Margarita Woloschina, Selbstbildnis

Margarita Woloschina, Selbstbildnis

Bereits eine Woche vor Beginn des Kongresses der europäischen Föderation der Theosophischen Gesellschaft in Paris, am 25. Mai 1906, begann Steiner mit einer Reihe von 18 Vorträgen für russische Emigranten, die bis zum 14. Juni dauern sollte. Unter die Zuhörer gesellten sich zeitweise unter anderem die Symbolisten Konstantin Balmont, Dimitrij Mereschkowskij, seine Frau Sinaida Hippius, Nikolai Minskij sowie Margarita und Maximilian Woloschin.

Margarita Woloschin erzählte in ihren Lebenserinnerungen von der denkwürdigen Begegnung zwischen Mereschkowskij und Steiner bei einer abendlichen Einladung: »An diesen Abend, der für uns ein Fest hätte werden können, denke ich noch heute mit Entsetzen, denn Mereschkowskij kam geladen mit Vorurteilen gegen Rudolf Steiner. Sinaida Hippius kauerte sich auf die Couch und beobachtete Steiner auf eine arrogante Art durch ihr Lorgnon wie einen kuriosen Gegenstand. Mereschkowskij selbst, sehr erregt, stellte wie ein Inquisitor eine Art Verhör mit ihm an. ›Wir sind arm und nackt und durstig‹, rief er, ›und lechzen nach Wahrheit!‹ Man hatte dabei aber das Gefühl, dass sie sich durchaus nicht so arm fühlten, sondern überzeugt waren, die Wahrheit zu besitzen. ›Sagen Sie uns das letzte Geheimnis!‹ schrie Mereschkowskij, worauf Rudolf Steiner antwortete: ›Wenn Sie mir das vorletzte sagen.‹ ›Und ohne Kirche kann man sich retten?‹ hörte ich Mereschkowskij außer sich rufen …

Ich kann im Einzelnen dieses Gespräch nicht mehr wiedergeben, ich weiß nur, dass zuletzt die Stimmung durch die Empörung von Fräulein von Sivers gegen Mereschkowskij polemisch wurde. Rudolf Steiner, der Polemik für unfruchtbar hielt, trat zu mir, die an dem Streitgespräch nicht teilnahm …

Der Dichter Minskij trat zu uns, deutete auf den Kopf der Königin Taja und fragte: ›Was bedeutet das Lächeln der Sphinx?‹, worauf Rudolf Steiner antwortete: ›Die Sphinx schaut in eine ferne Zukunft, wo das Tragische überwunden wird‹. Erst später verstand ich, was er damit meinte. Schließlich ging Rudolf Steiner in Begleitung seiner empörten Damen weg«. [1] Die Antwort auf Minskijs Frage könnte auch ein ironischer Kommentar zu der von ihr geschilderten Gesprächssituation gewesen sein.

Steiners Vorträge fanden unabhängig vom Kongress statt, an dem er als Generalsekretär der deutschen Sektion aber ebenfalls mitwirkte. Von seinem Vortrag über »Theosophie in Deutschland vor hundert Jahren«, den er am Pfingstmontag, dem 4. Juni – einen Tag nach der Eröffnung des Kongresses durch H.S. Olcott – hielt, wurde bereits berichtet. Bei der Vortragsreihe war auch der elsässische Dichter und Theosoph Edouard Schuré anwesend, der Marie von Sivers an die Theosophie herangeführt hatte und mit dem sie seit 1900 korrespondierte. Aus ihrer Begegnung entwickelte sich ein fruchtbarer Austausch: Marie von Sivers übersetzte eine Reihe von Werken Schurés – das Heilige Drama von Eleusis, die Kinder des Luzifer, schließlich die Großen Eingeweihten (1909). Die Dramen Schurés wurden durch Steiner 1907 und 1909 zur deutschen Erstaufführung gebracht, Schuré veröffentlichte seinerseits 1908 eine französische Übersetzung des Christentums als mystische Tatsache.

Schuré lernte Steiner durch diese Vortragsreihe persönlich kennen und schätzen. Seine Eindrücke schilderte der 87jährige 1928 wie folgt: »Seine warme und überzeugende Rede, erleuchtet durch stets klares Denken, ergriff mich sofort durch zwei unerwartete Eigenschaften.

Zunächst war es deren plastische Kraft. Wenn er von den Erscheinungen und Geschehnissen der übersinnlichen Welt sprach, war es, als wäre er darin wie bei sich zu Hause. Er erzählte in familiärer Sprache, was sich in diesen unbekannten Regionen zuträgt, sowohl die verblüffendsten Details als auch ganz gewöhnlich erscheinende Vorgänge. Er beschrieb nicht, er schaute die Dinge und Szenen und ließ sie schauen, wobei einem die kosmischen Erscheinungen wir wirkliche Dinge der physischen Welt vorkamen. Wenn man ihn anhörte, konnte man nicht an seiner geistigen Schau zweifeln, die so klar war wie ein physisches Schauen, nur weit ausgedehnter.

Ein anderes auffallendes Merkmal: bei diesem philosophischen Mystiker, diesem Denker und Seher, wurden alle Seelenvorgänge in Verbindung gebracht mit den unveränderlichen Gesetzen der physischen Natur. Diese Gesetze dienten dazu, die geistigen Erscheinungen zu erklären, die sich dem Seher zunächst in wunderbarer Mannigfaltigkeit und in blendendem Licht zeigten. Dann aber, durch eine fast magische Wandlung, werden diese zarten und fließenden Erscheinungen zu kosmischen Kräften, die sich zu herrlichen Hierarchien aufstufen und die physische Natur in einem ganz andern Licht erscheinen lassen. Sie verbinden die verschiedenen Teile der Natur, durchwirken sie von oben bis unten und von unten bis oben. Sie erlauben somit, die grandiose Beschaffenheit des Universums von innen zu schauen, da wo das Sichtbare in ständigem Werden das Unsichtbare gebiert …«

Über die Wirkung der Vorträge Steiners erzählte Schuré: »Mir war vor allem klar, welch großer Abgrund die indische Lehre, die in der damaligen Theosophie einen allzu großen Platz einnahm, von dem schied, was Rudolf Steiner vorbrachte. … Zum ersten Mal erkannte ich da, und ich wurde in meinem eigenen Suchen und Erkennen bestärkt, dass das, was Rudolf Steiner in der Anthroposophie gegeben hat, als Zentrum nur Christus hat, und dass er das gab, was man die christliche Theosophie jener Zeit nennen konnte und genannt hat, während ja die übrige Theosophie wirklich nur orientalisch war. Die Mitglieder der französischen theosophischen Gesellschaft, die einen großen Teil der Zuhörer … ausmachten, waren über diese Wendung der Dinge am meisten erstaunt. Für sie schien die Theosophie plötzlich eine andere, wenn auch etwas schwieriger erscheinende, aber doch weit klarere Seite gewonnen zu haben. Mit dem, was geboten wurde, sahen sie sich besser in die Gegenwart hineinversetzt, obwohl sie kaum schon realisierten, dass hier die wirkliche christliche Esoterik neu erstand.« [2]

Schuré wird hier deswegen so ausführlich zitiert, weil das, was in GA 94 als Pariser Vortragsreihe Rudolf Steiners veröffentlicht wurde, in Wahrheit eine geistige Schöpfung dieses französischen Dichters ist. Schuré fasste nämlich Steiners Vorträge für sich persönlich in französischer Sprache zusammen und schuf damit die Grundlage einer späteren Publikation, die im Jahr 1928, kurz vor seinem Tod unter dem Titel Esquisse d’une Cosmogonie psychologique, d’après des conférences faites à Paris en 1906 par Rudolf Steiner erschien. Diese »Skizze einer psychologischen Kosmogonie« wurde ins Deutsche rückübersetzt, mit Kurznotizen Mathilde Scholls abgeglichen und in Band 94 der Gesamtausgabe aufgenommen.

Im Vorwort zu seiner Publikation schrieb Schuré 1928: »Ich hatte beim ersten Vortrag Dr. Steiners keine Notizen gemacht, aber der Vortrag hatte mich so im Lebendigen getroffen, dass ich, als ich nach Hause kam, das Bedürfnis empfand, ihn schriftlich wiederzugeben – ohne ein einziges Glied in der Kette der lichtvollen Gedanken vergessen zu haben … Aber durch eine ungewollte und unmittelbare Verwandlung entstand aus dem deutschen Text, der sich in mein Gedächtnis eingegraben hatte, der französische Wortlaut. Der gleiche Vorgang wiederholte sich bei allen achtzehn Vorträgen … «

Schuré hatte sich also – wenn man dem Romancier glauben darf – keinerlei Notizen gemacht, sondern unter dem unmittelbaren Eindruck des gesprochenen Wortes die Ausführungen Steiners ins Französische übersetzt und niedergeschrieben. [3] Nun nehmen diese »Vorträge« im Druck fünf bis sieben Seiten ein, von einer auch nur annähernd wörtlichen Wiedergabe kann demnach keine Rede sein. Vielmehr gewinnt man bei der Lektüre den Eindruck einer kongenialen Transposition, einer Übersetzung nicht nur von einer Sprache in eine andere, sondern auch von einem Bewusstsein in ein anderes. Diese Übersetzung wurde wiederum übersetzt (ins Deutsche) – und mit diesem mehrfach umbrochenen Text – gleichsam einem Palimpsest –, hat es der Leser des betreffenden Bandes der Gesamtausgabe zu tun.

Die beiden Vorträge der Reihe, die sich mit dem Johannes-Evangelium und dem christlich-gnostischen Einweihungsweg befassen, seien hier etwas näher betrachtet (7. Vortrag vom 31. Mai und 8. Vortrag vom 1. Juni 1906).

Die ersten Sätze des 7. Vortrags klingen in Schurés Worten wie eine Fanfare: »Das Christentum spielt in der Geschichte der Menschheit eine einzigartige, einschneidende und wesentlichste Rolle. Es ist … das zentrale Moment, der springende Punkt zwischen der Involution und der Evolution«.

Am stärksten, so fährt Schuré fort, leuchtet das Licht dieses Christentums aus dem Johannes-Evangelium hervor, das von zahlreichen Bruderschaften während des Mittelalters als Hauptquell der christlichen Wahrheit betrachtet wurde. Zu diesen gehörten die Albigenser, Katharer und Templer, die Brüder des heiligen Johannes und die Rosenkreuzer. Sie alle betätigten sich als »praktische Okkultisten« und legten ihrer Praxis das Johannes-Evangelium zugrunde. Sie betrachteten sich als Vorläufer eines individualisierten Christentums und nutzten das Evangelium als Mittel der Einweihung.

Für die Rosenkreuzer waren die ersten 14 Verse dieses Evangeliums Gegenstand täglicher Meditation.[4] Diese Meditation führte sie zu Visionen all jener Ereignisse, die im Evangelium erzählt werden. Sie erlebten in der Geistesschau die Auferstehung des Christus und gelangten durch dieses Erlebnis zugleich zur Überzeugung von seiner historisch-realen Existenz, denn, so Schuré: »den inneren Christus erkennen, heißt zu gleicher Zeit auch den Christus erkennen, der äußerlich dagewesen ist«. Dem materialistischen Einwand, solche Träume bewiesen nicht die reale Existenz des Christus, entgegnete Steiner laut Schuré: ohne Auge würde die Sonne nicht existieren, ohne Sonne aber auch nicht das Auge. Denn das Auge wurde durch die Sonne, durch das Licht und am Licht gebildet. Ebenso erweckt das Johannes-Evangelium den inneren Sinn des Menschen und versetzt ihn in die Lage, den lebendigen Christus wahrzunehmen, aber wenn dieser nicht wirklich existierte, gäbe es keinen inneren Sinn, der ihn wahrzunehmen vermöchte. [5]

In seiner vollen Tiefe kann das Wirken des »Christus Jesus« jedoch nur verstehen, wer den Unterschied zwischen den antiken und dem christlichen Mysterium begreift.

Die antiken Mysterien vollzogen sich im Verborgenen, sie führten die Eingeweihten durch den dreitägigen Todesschlaf zur Auferweckung (Schuré schreibt »Auferstehung«). Was in den antiken Mysterien geschaut worden sei, das habe sich durch Christus historisch in der physischen Welt verwirklicht. Der »Tod« des Eingeweihten sei nur ein »partieller Tod in der Ätherwelt« gewesen, der Tod Christi ein »vollständiger Tod« in der physischen Welt. Hier begegnet uns jenes Motiv aus den von Marie Steiner edierten privaten Lehrstunden vom Sommer 1903 wieder, nach dem die »Tragödie des Christus« darin bestand, »Kreuzestod und Auferstehung, die sonst nur sinnbildlich in der Verborgenheit vollzogen wurden, vorbildlich und öffentlich am eigenen Körper zu erleben«. Der »partielle« Tod des Eingeweihten ist der »sinnbildliche« Tod, der »vollständige« Tod Christi der »wirkliche«, jener, der allein legitimiert, von einer Auferstehung (aus dem Tode) zu sprechen.

Die »Auferweckung« des Lazarus bildet den Übergang von der antiken zur christlichen Einweihung. Lazarus-Johannes ist laut Schuré der Jünger, »der durch Tod und Auferstehung gegangen und durch die Stimme des Christus selbst auferweckt worden ist«. Präzise wäre es auch hier, nicht von »Auferstehung«, sondern lediglich von »Auferweckung« zu sprechen. Wäre bereits Lazarus »auferstanden«, hätte sich in ihm vollzogen, was sich erst in Christus vollziehen sollte bzw. konnte: die Auferstehung aus dem »vollständigen«, »wirklichen« Tod. Richtig heißt es im folgenden Satz: »Johannes – das ist der nach seiner Einweihung aus dem Grabe erstandene Lazarus«. Der Satz hingegen: »Johannes hat den Tod des Christus erlebt«, kann nicht bedeuten, dass er denselben Tod wie Christus erlebte (er könnte – nebenbei gesagt – auch bedeuten, dass Johannes den Tod des Christus astral erlebte, also schaute).

Im Folgenden ist in der bereits bekannten Art von der Hochzeit zu Kana die Rede, die zur Verdunkelung des Bewusstseins aufgrund des Weingenusses in Beziehung gesetzt wird. »Der Alkohol verschleiert das Gedächtnis«, heißt es, er führt zu einem »tiefen«, anhaltenden »Vergessen«, einer »Verfinsterung der Gedächtniskraft« des Ätherleibs. Was vergessen wurde, war die Präexistenz, die Tatsache der Reinkarnation.

Während in der vorchristlichen Zeit das Bewusstsein der Reinkarnation sozial unerträgliche Zustände wie das Sklavendasein erträglich erscheinen ließ, da die Betroffenen stets auf eine künftige Verbesserung hoffen konnten, befeuerte die Verengung des Bewusstseins auf das eine Erdenleben den Willen, diese unerträglichen Zustände zu verbessern. In diesem Zusammenhang sind auch die egalitären Intuitionen des Christentums zu sehen, der Urkommunismus und die Verschwisterung aller Menschen in Christo.

Wie schon früher wird die Verklärung gedeutet: Elias, Moses und Jesus repräsentieren den Weg, die Wahrheit und das Leben, Christus fasst alle drei in sich zusammen. Christus schließt die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft in sich. Ebenso wie die Rosenkreuzer, so Schuré, lehrt auch die von Steiner vertretene Geisteswissenschaft »den inneren Christus in jedem Menschen und den zukünftigen Christus in der ganzen Menschheit«.

Der Vortrag vom 1. Juni 1906 behandelt den christlich-gnostischen Schulungsweg mit seinen sieben Stufen. Die Nachdichtung Schurés ist deshalb von besonderem Interesse, weil sie ­– offenbar aufgrund der Ausführungen Steiners – zumindest ansatzweise die Stufen dieses Weges mit dem Schulungsweg ineins schaut, der in Wie erlangt man Erkenntnisse …? dargestellt worden ist. Dadurch bestätigt sich die bereits bekannte Aussage Steiners, dass der Erfahrungsinhalt der beiden Wege – des christlichen und des rosenkreuzerischen – derselbe ist, auch wenn der Weg zu diesen Erfahrungen sich im Lauf der Jahrhunderte geändert hat.

Die Fußwaschung bringt nicht nur die tiefe Demut und Unterwerfung des Meisters unter seine Schüler zum Ausdruck, sondern auch die Dankesschuld, die der Mensch gegenüber allen Wesen der Natur abtragen muss. Die Pflanze verdankt ihr Dasein der mineralischen Welt, das Tier der Pflanze, der Mensch der gesamten Natur, »Christus, der Sohn Gottes«, das seinige den Aposteln bzw. der gesamten Menschheit. In den Worten Christian Morgensterns: »Im Dank verschlingt sich alles Sein«. Die intensive Meditation der Fußwaschung führt deren astrale Vision herbei. Diese Stufe der Moralentwicklung wird in Wie erlangt man … gleich zu Beginn als »Pfad der Demut« thematisiert.

Die Geißelung repräsentiert eine weitere moralische Entwicklungsstufe: der Mensch lernt der Geißel des Lebens zu wiederstehen. Er muss das physische und moralische, das intellektuelle und geistige Leid, dem er reichlich ausgesetzt ist, mit vollkommenem Gleichmut ertragen lernen. Dieser Gleichmut gehört in Wie erlangt man Erkenntnisse … zu den sechs Eigenschaften, die entwickeln muss, wer die 12blättrige Lotusblume in der Nähe des Herzens ausbilden will, das spirituelle Organ der Verstandes- oder Gemütsseele, das zur Wahrnehmung der Gesinnungsart von Menschen und zu tieferen Einblicken in die Bedeutung der Naturwesen im Gesamthaushalt des Kosmos führt. Mit dieser Stufe ist eine Vertiefung des gesamten Gemütslebens verbunden, die sich aus der Steigerung der Liebesfähigkeit ergibt. Steiner führte laut Schuré Goethe als Beispiel an, der durch die Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen geradezu in Ekstase geriet und durch seine »lebendige und tiefe Sympathie mit allen Wesen« zur Einsicht geführt wurde, dass das menschliche Gehirn eine Metamorphose des Rückenmarks sei. Goethe sei zu diesen Erkenntnissen durch die »Verfeinerung und Erweiterung der Liebeskräfte« gelangt, und diese entspreche der zweiten Stufe der christlichen Einweihung.

Die Dornenkrönung lehre den Menschen, der Welt zu trotzen und Verachtung zu ertragen. »Er muss aufrecht bleiben können, wenn alles ihn zu Boden drückt; ja sagen können, wenn alle Welt nein sagt«. Die Dornenkrönung wird von Schuré zur Spaltung der drei Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen in Beziehung gebracht: während diese im Alltagsbewusstsein unbewusst und unkontrolliert zusammenwirken, erwächst dem Geistesschüler die Aufgabe, sie bewusst zu koordinieren. Wer die mit dieser Spaltung verbundene Prüfung nicht besteht, dem droht der Wahnsinn.

Im Zusammenhang mit der Dornenkrönung scheint Steiner, wenn man Schuré folgt, auch über die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle bzw. dem Doppelgänger gesprochen zu haben. Der Doppelgänger, »die bildhafte Personifikation« des Charakters, der Seeleneigenschaften und Antriebe des Menschen »auf dem Astralplan«, kann »abstoßend« sein und »Schrecken einflößen«. Nur wer ihn besiegt, vermag sein höheres Ich zu finden. »Der Hüter der Schwelle«, so Schuré, »ist der eigentliche Ursprung all der Mythen über den Kampf des Helden mit dem Ungeheuer, des Perseus und des Herakles mit der Hydra, des heiligen Georg und des Siegfried mit dem Drachen«.

Auch die Kreuztragung findet ihren Ausdruck in einer moralischen Fähigkeit: der Fähigkeit nämlich, die ganze Welt im Bewusstsein zu tragen, liebend in die Schöpfung unterzutauchen, eins zu werden mit der Erde. Der Mensch muss sich auf dieser Stufe von der Identifikation mit seinem Leib verabschieden, er darf diesem keine größere Bedeutung zumessen als der gesamten Erde, aus der er gebildet ist. »Was wäre der menschliche Körper ohne die Erde, auf der er steht, ohne die Luft, die er atmet? Aus diesem Grunde muss der Schüler sich in jedes Wesen versenken und mit dem Geist der Erde eins werden«. Wer sich mit allen Wesen eins fühlt, verachtet jedoch nicht seinen Körper, sondern trägt ihn wie ein auferlegtes Lehen, so wie Christus das Kreuz. Durch die Distanzierung vom Körper können erst die geistigen Kräfte, die in ihm schlummern, bewusst werden. Wer diese Stufe durchlebt, »vermag im Verlauf seiner Meditation die Stigmata auf seiner Haut hervorzurufen«. Die Stigmata sind also keine zwingend auftretende Erscheinung, sondern Ausdruck einer Fähigkeit, die errungen wird.

Nun folgt der mystische Tod. Der Schüler erlebt tatsächlich, wie er stirbt und in der Finsternis versinkt. Aber die Finsternis zerreißt, und ein Licht, das Astrallicht, die innere Sonne, geht auf. Erst, wer alles verliert, vermag es wieder zu gewinnen. Erst wer sich selbst abstirbt, vermag außer sich wieder geboren zu werden. Eindrücklich heißt es über diese Erfahrung in Wie erlangt man …: von dem Orte aus, wo der Hüter steht, »erhebt sich ein Wirbelwind, der all die geistigen Leuchten zum Verlöschen bringt, die bisher den Lebensweg erhellt haben. Und eine völlige Finsternis breitet sich vor dem Geheimschüler aus«. Der Schüler blickt »auf die Ergebnisse aller bisherigen Erziehung zurück, wie man auf ein Haus blicken müsste, das in seinen einzelnen Ziegelsteinen auseinanderbröckelt«.

Auf den mystischen Tod folgt die Grablegung, durch die der Schüler mit der Erde »verschmilzt« und sich »im Leben des Planeten« wiederfindet. Die Auferstehung kann mit Worten oder Vergleichen nicht beschrieben werden. Wer sie durchlebt, empfängt die »Gabe der Heilung«.

Die Behauptung Schurés, er habe Steiners Ausführungen niedergeschrieben, »ohne ein einziges Glied in der Kette der lichtvollen Gedanken vergessen zu haben«, erscheint nicht nur angesichts der Kürze seiner Referate fragwürdig, sondern auch, wenn man die Darstellung des christlichen Schulungsweges mit einer kurz darauf in Leipzig erfolgten vergleicht, deren Überlieferung jedoch nicht weniger prekär ist. [6] Hier erscheint das Böse, von dem Schuré im Anschluss an die Dornenkrönung gesprochen hat, nämlich in sachlogischem Zusammenhang mit dem Abstieg Christi in die Hölle. Die Finsternis, in die der Schüler beim mystischen Tod eintaucht, heißt es hier, ist das Gegenbild der allgemeinen Finsternis, die bei Christi Tod über das ganze Land hereinbrach. Wer nicht so wie Christus durch die Hölle hindurchgeht, »weiß nicht wirklich, was das Böse ist«.

Was in der Pariser Vortragsreihe noch wie ein in die Kosmogonie eingebetteter Keim erscheint, wächst im Herbst dieses Jahres in München zu einem eigenständigen Gewächs heran.

Vorheriger Beitrag: Das Johannes-Evangelium als Einweihungsurkunde

Wird fortgesetzt

Anmerkungen

[1] Margarita Woloschin, Die grüne Schlange, Stuttgart 2009, S. 231 f.

[2] Zitiert nach: Camille Schneider, Edouard Schurés Begegnungen mit Rudolf Steiner, Basel 1933, S. 14-16.

[3] Christoph Lindenberg schreibt in seiner Steinerbiografie, Schuré habe »keinen Vortrag versäumt« und »eifrig mitgeschrieben, um seine Notizen später zu veröffentlichen«, einen Beleg für diese Behauptung führt er nicht an. Lindenberg, Rudolf Steiner, Bd. 1, Stuttgart 1997, S. 402.

[4] Die ersten 14 Verse erzählen die Geschichte des kosmogonischen Logos bis zu seiner Fleischwerdung.

[5] Dieses Argument findet sich auch in den Vorträgen über das Johannes-Evangelium wieder, die Steiner Ende Oktober, Anfang November 1906 in München hielt (GA 94).

[6] 11. Juli 1906, GA 94, die Aufzeichnung umfasst im Druck 7 Seiten.

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